Die Exklusion psychisch kranker Menschen und Möglichkeiten der beruflichen Integration


Hausarbeit, 2015

26 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Psychische Erkrankungen/ Störungen in der Gegenwart
2.1 Kennzeichen einer psychischen Erkrankung/ Störung
2.2 Exkurs: Haben psychische Erkrankungen zugenommen?
2.3 Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention

3. Die soziale Exklusion psychisch kranker Menschen
3.1 Begriffsdefinition Soziale Exklusion
3.2 Ausschluss aus gesellschaftlichen Teilsystemen allgemein
3.3 Ausschluss aus dem Teilsystem Arbeitswelt
3.4 Graduelle Unterscheidung zwischen Diagnosegruppen

4. Ursachen der Exklusion
4.1 Bedeutung von Stigmatisierung und Diskriminierung
4.1.1 Gesellschaftliche Hintergründe für Stigmatisierungen
4.1.2 Beispiel für Stigmatisierung: Der „Master-Status“
4.1.3 Beispiel für Diskriminierung: Angst um die eigene „Normalität“
4.2 Gesellschaftlicher Wandel und individuelle „Nicht-Passung“

5. Berufliche Rehabilitation psychisch kranker Menschen
5.1 Gesundheitsförderliche und krankheitserzeugende Bedingungen der Erwerbsarbeit
5.2 Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation
5.3 Rahmenbedingungen der beruflichen Rehabilitation
5.3 Bestandsaufnahme und kritische Reflektion

6. Neue Wege in der beruflichen Rehabilitation: Das Supported Employment

7. Literatur

1. Einleitung

Die Geschichte der Psychiatrie ist von Beginn an eine Geschichte der Ausgrenzung. Seit jeher werdenMenschen mit Behinderungen stigmatisiert und an der gesellschaftlichen Teilhabe gehindert (vgl. Richter 2010, S.8).Bis ins 17. Jahrhundert fand diese Ausgrenzung randständiger Personen noch ohne klare Grenzziehungen statt: Bettler_innen, Kranke, Kriminelle und „Irre“ wurden im Rahmen der „großen Gefangenschaftunterschiedslos in geschlossenen Institutionen untergebracht“(vgl. Sarasin 2005, S.19).Erst im 18.Jahrhundert entstehen unterschiedlichen Internierungsformen für Exkludierten. In diesem Kontext setzte sich auch der Arzt Philipe Pinel für die Errichtung spezieller Heil- und Pflegeanstalten für psychisch Krankeein (vgl. Sarasin 2005, S.19ff.). Zwar befreite Pinel durch seinen Einsatz die Betroffenen von eisernen Ketten - das Einsperren und Einengen psychisch Kranker war jedoch weiterhin üblich (vgl. Tölle 1993, S.33). Im 20 Jahrhundert fand die Ausgrenzung in der massenhaften Tötung psychisch Kranker durch das nationalistische Regime schließlich ihren Höhepunkt (vgl. Kubny-Lüke 2010, S.2). Einen weiteren Meilenstein in der Geschichte der Psychiatrie, bildet die antipsychiatrische Bewegung in den 1960er Jahren. Antipsychiater_innen, wie der Italiener Franco Basaglia, sprachen sich gegen die Betreuung in einer weltfernen, künstlichen Abgeschlossenheit aus. Stattdessen setzten sie sich für eine humane Psychiatrie sowie eine Integration von psychisch Kranken ins Gemeinwesen ein (vgl. Kampmann/Wenzel 2004, S.271). Nicht nur in Italien keimte damals die Hoffnung auf, der Geschichte des sozialen Ausschlusses ein Ende bereiten zu können. Der aktuell wiederaufkeimende Exklusionsdiskurs lässt allerdings darauf schließen, dass die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit einer psychischen Störung bist heute (noch) nicht realisiert werden konnte.

Die vorliegende Arbeit istim Kontext dieser gegenwärtigen Ausgrenzung anzusiedeln. Einleitend informiert Kapitel 2 im Sinne eines Gesamtüberblicks zu übergreifenden Themen. Dabei geht es einerseits um die Klassifizierung unddas Auftreten Psychischer Erkrankungen, und andererseits um aktuelle politische Forderungen. Im Anschluss definiert Kapitel 3 den Begriff der „sozialen Exklusion“ und untermauert diesen mit aktuellen Zahlen bezüglich der mangelnden Teilhabe von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hierbei werden sowohl Daten zur sozialen, als auch zur beruflichen Exklusion herangezogen. Nach dieser Bestandsaufnahme führt Kapitel 4 unterschiedliche Gründe für die beschriebene Ausgrenzung an, wobei der inhaltliche Schwerpunkt auf dem Ausschluss aus dem allgemeinen Arbeitsmarkt liegt. Kapitel 5 widmet sich im Weiteren der beruflichen Rehabilitation von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hierbei werden vorerst diverse Maßnahmen zur beruflichen Integration vorgestellt. Darauf aufbauend erfolgt ein kritisches Resümee zur Erfolg. Abschließend wagt Kapitel 6 einen Blick „über den Tellerrand“ und vermittelt einen Eindruck davon, welche Alternativen im Kontext der arbeitsmarktbezogenen Wiedereingliederung (zukünftig)noch möglich wären.

2. Psychische Erkrankungen/ Störungenin der Gegenwart

2.1 Kennzeichen einer psychischen Erkrankung/ Störung

Der Begriff psychische Störung bzw. psychische Erkrankung steht für zahlreiche Formen psychischen Verhaltens. Es gestaltet sich daher schwierig, eine übergeordnete Definition bzw. allgemeine Kriterien zu benennen. Nach der Auffassung von Marianne Bosshard, Ursula Ebert und Horst Lazarus manifestieren sich psychische Erkrankungen und Störungen durch unterschiedliche Grade der Funktionsstörungen im Bereich der Emotionen, des Denkens und Wahrnehmens, des Verhaltens, sowie des körperlichen Erlebens und Empfindens. Bezeichnend für die daraus resultierenden Symptome ist, dass der_ die Erkrankte sie nicht oder nicht mehr bewusst steuern kann (vgl. Bosshard/ Ebert/ Lazarus 1999, S.31). Die Feststellung einer psychischen Erkrankung/ Störung obliegt einem-/einer Facharzt/-ärztin oder Psychotherapeut/in. Teil der Diagnostizierung sind Einzelgespräche, die Biografie, und weitere körperliche und psychische Beschwerden des_ der Betroffenen. Das derzeit bedeutendste Klassifikationssystem zur Zuordnung einer Diagnose ist die „Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10, International Classification of Diseases, 10. Revision). Die ICD-10 wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht und ist in Deutschland überwiegend verpflichtend anzuwenden. Hierunter ist zu verstehen, dass Behandlungskosten von Krankenkassen nur nach Angabe eine ICD-10- Diagnose übernommen werden (vgl. Tlach/ Lambert/ Weymann/ Liebherz/ Dirmaier/ Härter 2011, o.S.). Untenstehende Abbildung führt beispielhaft einige Diagnosegruppen und entsprechende Beispiele nach ICD-10 auf.

Abbildung 1 Auszug der Diagnosegruppen nach ICD-10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle 1:Tlach et. al. 2011, o.S.

Die Zuordnung zu einer Diagnosegruppe sagt nichts über die Ursachen der Psychischen Störung/ Erkrankung aus und ist auch nicht als unabänderliche Zuschreibung aufzufassen. Vielmehr dient die graduelle Unterscheidung als Beschreibungskategorie, welche bestimmte erforderliche Maßnahmen und Leistungsansprüche mit sich führt (vgl. Bosshard et.al. 1999, S.31).

2.2 Exkurs: Haben psychische Erkrankungen zugenommen?

Die Indikatoren für psychische Erkrankungen steigen in den letzten Jahren deutlich an, wie sich an Hand der folgenden Fakten nachvollziehen lässt. Zum einen nahmen in Deutschland die Anzahl der Fälle von Arbeitsunfähigkeit zwischen dem Jahr 2000 und 2011 um 50 Prozent zu. Bei den entsprechenden Fehlzeitentagen lag der Anstieg im gleichen Zeitraum bei 60 Prozent. Zum anderen ist eine starke Erhöhung bei den Früh- und Erwerbsminderungsrenten in Westdeutschland zu verzeichnen. Auch hier gelten vermehrt psychische Störungen als die Hauptursache. Angesichts dieser Entwicklungen, gehen Dirk Richter und Klaus Berger in einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2008 der Frage nach, ob in den letzten Jahren eine Zunahme von psychiatrischen Krankheiten zu verzeichnen ist (vgl. Richter/ Berger 2013, S.176). Die Autoren kommen letztendlich zu dem Ergebnis, diese Annahme zu verneinen. Ihrer Meinung nach, lässt sich aus einem gesteigerten psychiatrischen Inanspruchnahmeverhalten, keine erhöhte Prävalenz von psychiatrischen Erkrankungen ableiten. Vielmehr sind laut Dirk Richter und Klaus Berger zunehmend mehr Menschen über seelische Erkrankungen informiert und daher bereit, entsprechende Hilfemaßnahmen zu beanspruchen. Die steigenden Zahlen im Bereich der psychologischen und psychiatrischen Behandlungen lassen daher letztlich auf eine zunehmende Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung und eine erhöhte Wahrnehmung psychischer Probleme schließen (vgl Richter/ Berger 2013, S.181).

2.3 Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention

Ein Abriss zur gegenwärtigen Situation psychisch kranker Menschen in Deutschland, wäre ohne den Verweis auf die Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) unvollständig. Diese wurde im Jahr 2006 von den Vereinten Nationen verabschiedet und trat im Jahr 2009 auch in der Bundesrepublik in Kraft (vgl. Graumann 2012, S.79). Mit der Ratifizierung der UN-BRK rücken Fragen der Inklusion und Anerkennung behinderter, chronisch kranker und pflegebedürftiger Personen in den Fokus politischer und gesellschaftlicher Diskussionen (vgl. von Kardoff 2010a, S.4). Hierbei zeigt sich eine ständige Weiterentwicklung des Begriffs „Behinderung“. Letzterer bedeutet im vorliegenden Sinne eine „(…) langfristige, körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigung, die in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren [eine] volle und wirksame Teilhabe gleichberechtigt und mit anderen an der Gesellschaft behindern kann“ (Art.1 UN – BRK-UN 2009). Auch Menschen mit langfristigen seelischen Einschränkungen zählen damit ausdrücklich zum Personenkreis der Menschen mit Behinderung. Bemerkenswert ist, dass der Begriff der Behinderung explizit nicht allein als individuelle Beeinträchtigung, sondern über das Zusammenwirken mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen definiert wird (vgl. Graumann 2012, S.83). Im Detail beinhaltet die UN-Behindertenrechtskonvention drei Hauptaspekte

- „(…) die Beseitigung materieller, institutioneller, symbolischer und gesellschaftlicher Barrieren, die eine soziale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschweren“
- „(…) die Wahrung der Menschenwürde und die Sicherung der Bürgerrechte, vor allem des Rechts auf Selbstbestimmung und“
- „(…) die Bekämpfung gesellschaftlicher Vorurteile, wie sie sich in stigmatisierenden Alltagsbegriffen und nicht zuletzt in wissenschaftlichen und fachlichen Klassifikationen wiederfinden“ (von Kardorff 2010a, S. 4)

Insgesamt gesehen wird in den obigen Aufgabenfeldern der Anspruch auf gesellschaftliche Gleichberechtigung und Wertschätzung behinderter Menschen formuliert (vgl. Graumann 2012, S.80). Darauf basierend wird die Inklusion aller Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen als allgemeines Menschenrecht gefordert (vgl. ebd. 2012, S.79). Die UN-BRK betont jedoch, dass sich hierfür nicht die abweichende Person, sondern die Gesellschaft an sich ändern muss (vgl. Heuchemer/Nesser 2015, S.12). Die UN-BRK hat damit für Menschen in einer seelischen Krise die gleiche Bedeutung wie für Rollstuhlfahrende oder blinde Menschen. Auch psychisch kranke Personen sind in der heutigen Gesellschaft wiederholt mit „Barrieren“ konfrontiert, die eine soziale Teilhalbe erschweren. Auf Grund ihres Andersseins wird ihnen auch in Zeiten der Inklusion noch mit Unsicherheit, Ängsten oder sogar Ablehnung begegnet. Hinzu kommt, dass im Fall von Rollstuhlfahrenden relativ offensichtlich ist, wo keine Barrierefreiheit herrscht: Wenn statt der Rampe nur eine Treppe vorhanden ist(vgl. Heuchemer/Nesser 2015, S.32). Aber wo findenwir diese „Barrieren“ für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der gegenwärtigen Gesellschaft? Und wie äußert sich diese mangelnde soziale Teilhabe konkret? Welche sozialen Mechanismen begünstigen eine Exklusion der genannten Personengruppe? Um die Beantwortung dieser Fragen bemühen sich im Folgenden Kapitel 3 und Kapitel 4.

3. Die soziale Exklusion psychisch kranker Menschen

Trotz eines zunehmenden Wissens über psychische Erkrankungen in der Bevölkerung, und politischer Forderungen, wie sie in der UN-BRK formuliert wurden, kommt es bis heute zur gesellschaftlichen Benachteiligungen seelisch behinderter Menschen (vgl. von Kardoff 2010b, S.298). DieseBehauptung wird durch unten aufgeführte Datenlage hinreichend belegt. Ein besonderes Augenmerk dieser Arbeit liegt auf der arbeitsmarktbezogenen Benachteiligung der genannten Personengruppe. In Anlehnung an die Begrifflichkeit „Soziale Exklusion“ (Unterkapitel 3.1) wirddaher zwischen „Ausschluss gesellschaftlichen Teilsystemen allgemein“ (Unterkapitel 3.2) und „Ausschluss aus dem Teilsystem Arbeitsmarkt“ (Unterkapitel 3.3) unterschieden.

3.1 Begriffsdefinition Soziale Exklusion

Zur Beschreibung der Benachteiligung psychisch kranker Menschen in unserer Gesellschaft, wird einleitend der Begriff „Soziale Exklusion“ definiert. Bernd Eikelmann, Baraba Zacharias-Eikelmann, Dirk Richter und Thomas Reker verstehen unter sozialer Exklusion„den Ausschluss aus wesentlichen Teilsystemen, wie zum Beispiel dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt oder familiären Einbindungen “ (Eikelmann/ Zacharias-Eikelmann/ Reker/ Richter 2005, S.1). Soziale Exklusion beinhaltet damit mehr als den reinen Armutsaspekt, sondern zielt auf einen ganzheitlichen Ausschluss von sozialer Teilhabe (vgl. Eikelmann/ Reker/ Richter 2006, S.705).

3.2 Ausschluss aus gesellschaftlichen Teilsystemen allgemein

Bis heute stehen nur wenige empirische Daten zur strukturellen Benachteiligung psychisch kranker Menschen zur Verfügung. Eine allgemein anerkannte und mehrfach zitierte Studie stellt der von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Untersuchungsbericht „Mental Health and Social Exklusion“ aus dem Jahr 2004 dar.Diesem ist zu entnehmen, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung …

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Details

Titel
Die Exklusion psychisch kranker Menschen und Möglichkeiten der beruflichen Integration
Hochschule
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg  (Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften)
Note
2,0
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V341260
ISBN (eBook)
9783668308152
ISBN (Buch)
9783668308169
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exklusion, menschen, möglichkeiten, integration
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Exklusion psychisch kranker Menschen und Möglichkeiten der beruflichen Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341260

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