Die Debatte um die Bartholomäusnacht. Wer waren die Verantwortlichen für das Massaker?


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Abriss

3. Forschungsstand

4. Wer waren die Verantwortlichen für das Massaker?
4.1 König Karl IX.
4.2 Die Brüder de Guise
4.3 Eine bürgerliche Elite von Parlament-Juristen
4.4 Katharina von Medici

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Frankreich im 16. Jahrhundert“ liegt der Schwerpunkt dieser Hausarbeit auf dem Massaker an den Hugenotten, der sogenannten Bartholomäusnacht, die in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1572 stattfand. Dabei soll besonderes Augenmerk auf die Verantwortlichen für das Massaker an den französischen Protestanten gelegt werden.

Ich werde in meiner Hausarbeit der Frage nachgehen, wer die Verantwortung für die Bartholomäusnacht und die damit verbundenen Folgen für Frankreich zu tragen hat. Zuerst werde ich einen kurzen historischen Überblick zur Geschichte Frankreichs im 16. Jahrhundert geben, um den zeitlichen Rahmen einzugrenzen und die geschichtlichen Hintergründe darzulegen. Anschließend werde ich den aktuellen Forschungsstand über die Interpretation und Bewertung der Bartholomäusnacht darstellen.

Im Folgenden werde ich mich ausführlicher mit den möglichen Verantwortlichen beschäftigen und dabei näher auf ihre Beteiligung an der Bartholomäusnacht eingehen. Dazu habe ich vier Personen(-gruppen) ausgewählt, die ich analysieren möchte, um ihre Rolle bei der Bartholomäusnacht aufzuzeigen und die Verantwortlichen zu identifizieren.

Zum Schluss werde ich ein Urteil über die Verantwortlichen fällen und zu einem abschließenden Fazit gelangen.

Ich werde mich in meiner Hausarbeit hauptsächlich mit den Ansätzen von Denis Crouzet und Jean-Louis Bourgeon beschäftigen, die meiner Meinung nach zu den zentralen Werken bei der Auseinandersetzung mit dieser Thematik zählen. Meine Ergebnisse stützen sich zudem auf die Darstellungen von Ilja Mieck und Nicola M. Sutherland, die ich bereits in meinem Referat über die Bartholomäusnacht verwendet habe. Zu den neueren Werken über die Bartholomäusnacht gehören außerdem Barbara B. Diefendorf und David El Kenz.

2. Historischer Abriss

Das 16. Jahrhundert war vor allem ein Jahrhundert der Kriege und kämpferischen Auseinandersetzungen, aber auch eine Zeit, in der das Religionsproblem bis nach Frankreich vorgedrungen war.[1] Der frühe Tod von König Heinrich II. war einer der Gründe, die zur Verschärfung des Religionsproblems beitrugen. Sein Nachfolger wurde sein ältester Sohn Franz II., der bei seinem Regierungsantritt 1559 aber erst 15 Jahre und damit nicht regierungsfähig war.[2]

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Protestanten in Frankreich eine Minderheit in dem zu mehr als 90% aus Katholiken bestehenden Königreich.[3] Doch mit dem Beginn der acht Religionskriege (1562-1598) wurden die Protestanten allmählich zu einer Bedrohung für Frankreich.[4]

„Auf der einen Seite stand die katholische Hofpartei unter der Führung der Brüder Franz und Karl von Guise [...]. Auf der anderen Seite rangen die führenden Protestanten aus den Familien Bourbon, Condé und Châtillon (Coligny) um den Einfluß [sic] auf den neuen König."[5] Zu den Protestanten, meist Hugenotten[6], gehörten einflussreiche Adlige, die sich als sehr kämpferisch zeigten. Heinrich II. hatte durch den starken Zuwachs der Hugenotten im Süden des Landes, durch den er sein Königreich bedroht sah, Verfolgungs- und Unterdrückungsmaßnahmen in die Wege geleitet.[7] Mit dem Tod Heinrichs am 10. Juli 1559 begann die Regentschaft von zahlreichen unmündigen Nachfolgern, die Frankreich in den Folgejahren politisch schwächten. Die Brüder Guise hatten in der kurzen Regierungszeit Franz II., der 1560 überraschend starb, die Macht im Königreich übernommen. Von da an bestimmte Katharina von Medici für ihre minderjährigen Söhne die Politik der französischen Krone. Sie führte einen radikalen Kurswechsel durch, indem sie eine Aussöhnungspolitik mit den Protestanten anstrebte.[8]

In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden die Hugenotten durch ihre stetig ansteigende Zahl immer stärker und so wuchs der gegenseitige Hass der religiösen Parteien weiter an. Katharina von Medici hielt trotz allem an ihren Ausgleichsbemühungen fest und erließ am 17. Januar 1562 das Edikt von Saint-Germain, mit dem die Protestanten zum ersten Mal eine gewisse rechtliche Anerkennung erhielten. Dies beinhaltete zwar die Rückgabe der von den Hugenotten besetzten Kirchen an die Katholiken, ermöglichte ihnen aber die Abhaltung ihrer Gottesdienste. Ziel dieses Edikts war es, wie bei allen späteren Edikte auch, in Frankreich auf friedlichem Wege einen einzigen Glauben, nämlich den katholischen, zu verbreiten.

Dieses Ziel scheiterte allerdings kläglich und so erlebte Frankreich nach dem Edikt von Saint-Germain eine mehr als 30 Jahre andauernde Phase von Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten. Diese Zeitspanne wird als Epoche der acht Religionskriege bezeichnet.[9] Diese Kämpfe begannen nach dem Massaker von Vassy, bei dem 23 Hugenotten getötet wurden, mit dem ersten Religionskrieg 1562 und endeten im letzten und zugleich längsten der acht Kriege, der im Jahre 1585 begann und bis 1598 dauerte.[10] In dieser grausamen Zeit „metzelten sowohl Katholiken als auch Hugenotten ihre andersgläubigen Mitbürger nieder [...]. Die Führer beider Konfessionsparteien zögerten auch nicht, sich mit auswärtigen Mächten (Spanien bzw. England [...]) zu verbünden."[11]

Die in der Regel kurzen, aber heftigen Feldzüge hatten keine verheerenden Folgen für Frankreich. Vielmehr waren es die inneren Auswirkungen, die Frankreich zu schaffen machten. Vor allem die aufblühende Landwirtschaft, Handel und Gewerbe wurden von den Kriegszügen schwer getroffen. Da die Feldzüge keinen eindeutigen Sieger hervorbrachten, wurde sie allesamt mit Waffenstillständen und Edikten beendet. 1563 erhielten die Hugenotten im Edikt von Amboise das Recht der freien Religionsausübung unter bestimmten Bedingungen. Dafür waren sie in Paris nicht geduldet. 1570 wurden ihnen im Frieden von Saint-Germain erstmals vier Sicherheitsplätze im Südwesten Frankreichs zugesprochen.[12]

Das Wechselspiel der Religionskriege wurde von dem bedeutendsten Ereignis, der berüchtigten Bartholomäusnacht am 24. August 1572, unterbrochen.[13] Dabei wurde das äußerst komplizierte Verhältnis zwischen den beiden Religionsparteien und der französischen Krone zum Ausdruck gebracht.[14]

Die zahlreichen Erfolge der Protestanten in den letzten Jahren waren zum großen Teil ihrem wichtigsten Anführer Gaspard de Coligny, Mitglied einer bedeutenden Adelsfamilie, zu verdanken, der außerordentliche politische sowie militärische Fähigkeiten besaß.[15] Katharina von Medici erkannte in der bestehenden Gefahr der Einmischung Spaniens unter Philipp II. jedoch eine weitaus größere Bedrohung für ihren Sohn Karl IX. (seit 1560 an der Macht) als durch die Protestanten.[16] Coligny versuchte infolgedessen Karl IX. von seiner Mutter loszulösen und ihn unter protestantischen Einfluss zu stellen.[17] Von nun an sah Katharina in Coligny die größte Gefahr für die französische Krone und plante ein Attentat auf den Admiral, der sich anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Margarete von Valois und Heinrich von Navarra in Paris aufhielt.[18] Das Unternehmen scheiterte und Coligny wurde lediglich verwundet. Daraufhin befahlen Katharina, Karl und die Guise gemeinsam die Ermordung der Hugenottenführer in Paris, der auch Coligny zum Opfer fiel.[19] Die Aktion geriet schnell außer Kontrolle und so weitete sie sich zu einer Mordaktion gegen die Hugenotten aus.[20] Die Hochzeit zwischen dem protestantischen Admiral und der Schwester von König Karl IX. sollte ursprünglich den Frieden in Frankreich sichern, wurde nun aber zum Ausgangspunkt des vierten Religionskrieges.[21] Dieses regelrechte Massaker forderte allein in Paris mindestens 3.000, in den Provinzen etwa 10.000 Opfer, wobei hier die Zahlen abweichen.[22]

3. Forschungsstand

„Gerade in den vergangenen Jahren haben Hergang und Hintergründe der Bartholomäusnacht in der französischen Forschung wieder verstärkt Aufmerksamkeit gefunden. Dabei ist – nicht aufgrund der Entdeckung neuer, sondern aufgrund einer anderen Interpretation bekannter Quellen – die vorherrschende Sicht von der Verwicklung Katharinas von Medici und ihrer Ratgeber in den Anschlag auf Coligny und ferner in ein aus dessen Scheitern erwachsendes Vorhaben der Liquidierung führender Protestanten in Frage gestellt worden."[23]

Über Jahre hinweg bis in die Nachkriegszeit galt das Ereignis der Bartholomäusnacht als weitestgehend geklärt, doch vor etwa 20 Jahren ist eine neue Forschungsdebatte über die Bartholomäusnacht entfacht. Diese entstand als Reaktion auf das Werk La nuit de la Saint-Barthélemy. Un rêve perdu de la Renaissance von Denis Crouzet, der seine Interpretation gleich auf mehreren Ebenen führt. Dabei ist vor allem die Frage nach der Verantwortung am Massaker hervorzuheben.[24] Crouzet sieht, wie viele andere Autoren, die Verantwortung für den verübten Staatsgewaltakt, der außer Kontrolle geriet, bei der Krone selbst.[25]

Die Bartholomäusnacht ist auch nach 400 Jahren immer noch von höchster Forschungsaktualität. Diesen Umstand verdanken wir Jean-Louis Bourgeon, der eine Debatte, die längst beendet war, von Neuem eröffnet hat.[26] Bourgeon „heroisiert insbesondere den König Karl IX. in seiner Klugheit, Voraussicht, dann Tragik, weist die Schuld am Massaker in seinem Werk L´assasinat de Coligny aber einer bürgerlichen Elite von Parlament-Juristen zu, die sich verräterisch [...] mit den Ausländern Guise und Spanien verbündet hätten."[27] Er bezieht sich dabei auf die älteren Thesen von Nicola M. Sutherland in The Massacre of St. Bartholomew and the European Conflict 1559-1572.[28]

Hermann Schreiber gehört mit seinem Werk Die Bartholomäusnacht zu den Autoren, die im Attentat auf Coligny eine geplante, zwischen Katharina von Medici und Spanien in die Wege geleitet Aktion, sehen.[29] Besonders zu betonen ist bei Schreiber die Tatsache, das er als Einziger von einer sorgfältig und lange im Voraus geplanten Tat ausgeht.[30]

[...]


[1] Holt, Mack P.: Religious Violence in Sixteenth-Century France: Moving Beyond Pollution and Purification. In: Murdock, Graeme et.al (Hgg.): Ritual and Violence: Natalie Zemon Davis and Early Modern France. New York 2012, S. 56-58.

[2] El Kenz, David: Massacres during the Wars of Religion. In: Online Encyclopedia of Mass Violence (2007), S. 2.

[3] Hinrichs, Ernst: Renaissance, Religionskriege und Begründung der absoluten Monarchie (1498-1661). In: Ders. (Hg.): Kleine Geschichte Frankreichs. Stuttgart 2006, S. 150.

[4] Hartmann, Peter C.: Geschichte Frankreichs. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München 2015, S. 21.

[5] Hinrichs 2006, S. 150.

[6] Anhänger des Calvinismus in Frankreich.

[7] El Kenz 2007, S. 2.

[8] Hinrichs 2006, S. 151; Hartmann 2015, S. 21.

[9] Hinrichs 2006, S. 151-152.

[10] Diefendorf, Barbara B.: The Saint Bartholomew´s Day Massacre. A Brief History with Documents. Boston/ New York 2009, S. 13-14.

[11] Hartmann 2015, S. 21-22.

[12] Hinrichs 2006, S. 152-153.

[13] Diefendorf 2009, S. 4.

[14] El Kenz 2007, S. 2-3.

[15] Hinrichs 2006, S. 153-154.

[16] Diefendorf 2009, S. 20.

[17] Vocelka Karl: Geschichte der Neuzeit. 1500 – 1918. Wien u.a. 2010, S. 390; Diefendorf 2009, S. 20.

[18] Zemon Davis, Natalie: Writing ´The Rites of Violence´ and Afterward. In: Murdock, Graeme et.al (Hgg.): Ritual and Violence: Natalie Zemon Davis and Early Modern France. New York 2012, S. 18.

[19] El Kenz 2007, S. 2.

[20] Hinrichs 2006, S. 155.

[21] Diefendorf 2009, S. 1.

[22] Vocelka 2010, S. 390.

[23] Hartmann, Peter C.: Französische Könige und Kaiser der Neuzeit: Von Ludwig XII. bis Napoleon III. 1498–1870. München 1994, S. 457.

[24] Zwierlein, Cornel: Die Genese eines europäischen Erinnerungsortes: die Bartholomäusnacht im Geschichtsgebrauch des konfessionellen Zeitalters und der Aufklärung. In: Bezner, Frank/ Mahlke, Kirsten (Hgg.): Zwischen Wissen und Politik. Archäologie und Genealogie frühneuzeitlicher Vergangenheitskonstruktionen. Heidelberg 2011, S. 93.

[25] Ebd., S. 95-96.

[26] Mieck, Ilja: Neue Forschungen zur Bartholomäusnacht. In: Francia 23 (1996), S. 213.

[27] Zwierlein 2011, S. 95.

[28] Sutherland, Nicola M.: The Massacre of St. Bartholomew and the European Conflict 1559-1572. London u.a. 1973, S. 313-317.

[29] Schreiber, Hermann: Die Bartholomäusnacht. Die Pariser Bluthochzeit und die Flucht der Hugenotten. Frankfurt a.M. 1994, S. 55.

[30] Ebd., S. 62.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Debatte um die Bartholomäusnacht. Wer waren die Verantwortlichen für das Massaker?
Note
2.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V341472
ISBN (eBook)
9783668312159
ISBN (Buch)
9783668312166
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
debatte, bartholomäusnacht, verantwortlichen, massaker
Arbeit zitieren
Julia Wagner (Autor:in), 2016, Die Debatte um die Bartholomäusnacht. Wer waren die Verantwortlichen für das Massaker?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341472

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