Das Bildnis der Hexe unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Rollenmodelle


Bachelorarbeit, 2016
52 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Begrifflichkeiten
2.1 Das Rollenmodell
2.2 Die Hexe

3. Die Vernichtung der weisen Frau
3.1 Historischer Wandel des Hexenbildes
3.2 Die Hexenbilder des 15. Jahrhunderts
3.2.1 Die Festigung von „Sex- Establishments“
3.2.2 Der „Hexenhammer“
3.2.3 Die „reale“ Hexe

4. Das Böse im Märchen: die Hexe
4.1 Die Grimmsche Märchensammlung
4.2 Darstellung der Hexe
4.2.1 Die böse Hexe
4.2.1 Die gute Hexe
4.3 Das Motiv der Sexualität
4.4 Das Motiv der Stiefmutter

5. Das Erbe Merlins: der Erzmagier
5.1 Historische Einordnung des Schwarzkünstlers
5.2 Doktor Faustus als Prototyp des Hexers
5.2.1 Der historische Faust
5.2.2 „Die Historia des D. Johann Fausten“: der „Urfaust“
5.2.3 „Die tragische Historie vom Doktor Faustus“ nach Marlowe
5.2.4 Die Genossin der Hexe: Gretchen und das Motiv der Kindstötung

6. Der moderne Grimm: Walt Disney und die Reinkarnation der Märchenhexe?
6.1 Die Dämonologie des Bösen im „Duell der Magier“
6.2 Auswertung der Farbsymbolik unter Berücksichtigung filmsprachlicher Kameratechniken
6.2.1 Das ambivalente Blau
6.2.2 Das dämonische Rot

7. But I thought all witches were wicked?
7.1 Der Wandel des Hexentypus
7.2 Die „neuen“ Hexen und Hexer?
7.3 Vergleich der Nationen

8. Fazit

9. Anhang
9.1 Die Rahmenhandlung vom Film „Duell der Magier“
9.2 Intertextualität im Film „Duell der Magier“
9.3 Filmausschnitte
9.3.1 Die Tiere
9.3.2 Amerikanische Duellszene
9.3.3 Kameraperspektive Normalsicht
9.3.4 Die blaue Magie Morganas
9.3.5 Der weißmagische Schutzschild
9.3.6 Die schattenhaften Züge Morganas
9.3.7 Froschperspektive
9.3.8 Der Schönheitsaspekt Morganas

10. Verzeichnisse
10.1 Literaturverzeichnis
10.2 Filmverzeichnis

1. Einleitung

„Das Bild der Hexe, wie wir es aus bekannten Märchen kennen, ist sehr einseitig. Als Kinderschreck ist sie alt, hässlich und böse“ (Früh 1986, S. 7).

Dieses Zitat von Früh verweist auf eine deutlich vorhandene Bildreferenz der magischen Persönlichkeit. Auch Lindauer gibt an, dass unweigerlich ein bestimmtes Vorstellungsbild der physischen Erscheinung vorliegt, wenn sich eine Hexe vorgestellt wird. Dies trifft ebenso auf ihr männliches Pendant, dem gutmütigen sowie weisen Magier, zu (Vgl. Lindauer 2012, S. 16- 19). Dahingehend wurde im Titel der Bachelorarbeit der Begriff des Bildnisses gewählt, welcher der Kunstwissenschaft zu entnehmen ist und ursprünglich ein Gemälde kennzeichnet. Stattdessen wird in der vorliegenden Ausarbeitung auf ein geistiges bzw. imaginäres „Gemälde“ referenziert, das sich im Verlauf der Jahrhunderte festigte (Vgl. Rudolph 2004, S. 10- 12).

Diesbezüglich stellt sich die Frage, wie jene diffamierenden Assoziationsketten entstanden und wie Figuren demgemäß in der Literatur dargestellt werden. Ist womöglich ein Archetypus zu markieren, der diverse Attribute der satanischen Zauberin umfasst? Um jene Aspekte zu eruieren, widmet sich ein thematischer Schwerpunkt zunächst der Historie. Obgleich die Dienerin der Dämonen seit der Antike vorzufinden ist, begrenzt sich jenes Segment jedoch auf die Anfänge der Hexenverfolgung im Spätmittelalter. Warum diese zeitliche Einteilung gewählt wurde und inwiefern die Epoche das Hexenbild im Schriftgut zeichnete, klärt der dritte Abschnitt.

Im Rahmen der erwähnten Inquisition entstand die Bezeichnung Märchenhexe. Aus diesem Grunde betrachtet das Segment 4 die mediävalen Auswirkungen anhand des Märchen Genres. Bedeutsame Größen repräsentieren hierbei die Gebrüder Grimm (Vgl. Turner 2014, S. 7-9). Ihre Relevanz für die Literaturwissenschaft wird in einem separaten Unterpunkt hervorgehoben. Es soll abgewogen werden, ob mittelalterliche Normen, Ideale oder Habitusformen in den „Kinder- und Hausmärchen“ enthalten sind. In diesem Kontext konstatiert Röhrich, dass „es festgelegte spezifische Geschlechterrollen und bestimmte Rollenerwartungen im Märchen gibt“ (Röhrich [1] 2002, S. 11). Angesichts dieser These berücksichtigt die Bachelorarbeit innerhalb der sieben inhaltlichen Gebiete stets im besonderen Maße geschlechtsspezifische Rollenmodelle, die vom Terminus vorab geklärt werden. Demgemäß liegt auch eine Differenzierung vor, weshalb der männliche Zauberer durch das Beispiel des „Faust“- Typus im Kapitel 5 von der Hexe unterschieden wird.

Ferner gibt Rudolph aber an, dass sich im zeitgenössischen Sozialisationsprozess aufgrund der Etablierung des Fernsehens sowie Films, eines historischen Erkenntniserwerbs sowie weiteren Gegebenheiten ein Wandel vollzog (Vgl. Rudolph 2004, S. 10- 12). Ob dieser auch im geschlechtsabhängigen Hexenbild zu identifizieren ist, analysieren die Abschnitte 6 sowie 7. Speziell der zuerst genannte betrachtet mediendidaktisch den Film „Duell der Magier“ und ergründet, ob sich ein Archetypus nur durch physische Gestaltungselemente der Figur zeigt oder ob allein die Farbsymbolik schon Aufschluss ermöglicht.

2 Begrifflichkeiten

2.1 Das Rollenmodell

„Gender is a constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes, and gender is a primary way of signifying relationships of power” (Mathes 2001, S. 25).

Dieses Zitat von Mathes basiert auf poststrukturalistischen Doktrinen, welche unter anderem dem Anthropologen Ralph Linton zuzuordnen sind. Sie typisieren Aussagen eines subjektiven Diskurses in der Öffentlichkeit nach „sex“. Obgleich supponiert Foucault, dass jegliche gesellschaftliche Auseinandersetzungen die Wirklichkeit konstruieren. So ist auch das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit auf diese Aspekte zurückzuführen. Jenes umfasst Vorstellungen von der Existenz eines männlichen und weiblichen Individuums, welches sich seiner biologischen Disposition fügt (Vgl. Lehnert 1996, S. 5- 9).

In Anbetracht des Belegs Mathes‘ kritisiert Schubert, dass Geschlecht weder natürlich, noch von Geburt an gegeben ist. Dahingehend liegt der Bachelorarbeit die sozialwissenschaftliche Theorie des Rollenmodell Konstruktes zu Grunde, welches besagt, dass lebenslange Interaktionsketten geschlechtsspezifische Handlungsweisen erzeugen. In diesem Kontext definiert der Terminus Rolle zunächst ein Bündel von Verhaltenserwartungen, welche mit einer speziellen Position verbunden sind (Muss-, Soll- und Kann- Erwartungen, Intrarollen- sowie Interrollenkonflikte etc.). Voraussetzungen bestehen anhand gesellschaftlicher Ordnungsprinzipien, die durch Regularitäten aufrechterhalten werden. Diesbezüglich vermittelt ein Sozialisationsprozess Regelwissen, welches einer Person ermöglicht, die in ihrem Umfeld geltenden Vorstellungen zu identifizieren und sich entsprechend (regelkonform oder ggf. abweichend) zu verhalten (Vgl. Schubert u. Klika 2013, S. 64- 67).

„Zur Herstellung von Geschlecht ist [ungeachtet dessen] eine hohe Kompetenz des Individuums in Darstellung und Wahrnehmung notwendig, [da die Rollenanforderungen stets interpretationsbedürftig sind]“ (Lehnert 1996, S. 5). Für jene Fähigkeit muss ein inkorporierter Habitus vorliegen, damit sie routiniert erfolgt. Die Produktion von Geschlecht ereignet sich infolgedessen präreflexiv und umfasst des Weiteren vermeintlich biologisch bedingte Idealbilder von normativen Geschlechtscharakteren. Jene weisen historische Bezüge auf. So beansprucht das Weibliche die Bereiche Passivität, Empfindung, Orientierung nach Innen, Abhängigkeit, Anmut, Anpassung und Betriebsamkeit, das Männliche dagegen die Eigenschaften Aktivität, Vernunft, Logik, Würde, Orientierung nach Außen, Selbstständigkeit sowie rationales Durchsetzungsvermögen (Vgl. Schubert u. Klika 2013, S. 67- 72). „[Das Rollenmodell] über die polaren Geschlechtscharaktere führt mit dem ‚Wesen‘ der Geschlechter zur Verteilung der Menschen auf die Öffentlichkeit und Privatheit eine neue Legitimation für die Vorherrschaft des Mannes über die Frau ein“ (Vgl. Lehnert 1996, S. 6). Die inhaltliche Ausrichtung der Rollen Mann sowie Frau ist dabei kein stabiler Faktor, sondern kann modifiziert werden. Lediglich die grundlegende Geschlechtstrennung stellt eine Konstante dar (Vgl. ebd., S. 5- 11).

Das Rollenmodell ist zusammenfassend ein bedeutungsstiftendes Dogma. Deshalb besteht erst die Möglichkeit von der Existenz männlicher und weiblicher Attribute (in der christlich- abendländischen Kultur) zu sprechen, welche für die Darlegung des Hexenbildnisses essentiell erscheinen (Vgl. Mathes 2001, S. 25).

2.2 Die Hexe

Zunächst ist laut Forschungsstand Turners anzugeben, dass die Bereiche Herkunft als auch Bedeutung des Begriffes Hexe gegenwärtig noch nicht hinreichend erforscht wurden. Es erscheint ihr dahingehend äußerst spekulativ, ob es sich bei dem Terminus ausschließlich um ein Kompositum der Wörter „hag“ sowie „zussa“ („hagazussa“) handelt (Vgl. Turner 2014, S. 4). Um die Validität dieser These festzustellen, wurden Kommentare diverser Autoren wie Gerlach berücksichtigt, welche jene Ansicht teilen. Ungeachtet dessen ist der Ursprung auf eine etymologische Perspektive zurückzuführen (Vgl. Gerlach 1990, S. 962).

Das Grundlexem „zussa“ lässt sich nach dem „Handbuch des Aberglaubens“ mit einem unästhetischen Weib bestimmen. Das Substantiv „hag“ dagegen gibt Aufschluss über die Lokalitäten der Frau. Jene wird in Kongruenz zu Zäunen oder Hecken positioniert. In Anbetracht historischer Gegebenheiten wirkt diese Wortschöpfung nachvollziehbar. So bewahrte eine Mauer die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner vor jeglichem Bösen des Waldes. Dieser Aspekt kann überdies als Metapher angesehen werden. Der Zaun symbolisiert die Grenze zwischen Menschlichem und Dämonischem. Es ist ergänzend hinzuzufügen, dass dämonisch oftmals als Synonym für Attribute wie nicht menschliche oder magische Fähigkeiten genutzt wurde. „Wortgeschichtlich ist die Hexe [daher] ein dämonisches Wesen mit ambivalenten Zügen“ (Turner 2014, S. 4). Die Zauberin kann ergo positive sowie negative bzw. gesellschaftlich nicht akzeptierte Charakterzüge beinhalten. Jener Sachverhalt und Folgewirkungen werden im Kapitel der „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm näher bestimmt (Vgl. ebd., S. 4- 6).

Um eine Multiperspektivität zu gewährleisten, ist zudem der Registerband der Erzählforscherin Hedwig von Beit in Erwägung zu ziehen. Diese verweist auf eine Alte, spezifischer die Alte von Béara. Ferner gibt sie verwandte Formen des hiesigen Hexenbildnisses an. So listet sie bspw. die aus der slawischen Mythologie stammende Baba- Jaga oder japanische Yamau-ba. All diese abwertenden Archetypen verweisen stets auf eine furchteinflößende (Stief-) Mutter bzw. ein hässliches und verkrüppeltes Mütterlein, welches gelegentlichen auf einem Besen oder Mörser der Nacht entsteigt (Vgl. von Beit 1972, S. 127- 128). Hill dagegen sieht im Terminus Hexe ein Synonym für mehrere Begrifflichkeiten. So kann man jene Frauen auch als Zauberinnen wie die Circe aus Homers Epos „Die Odyssee“ oder wie zu Zeiten des Mittelalters Schicksalsschwestern nennen (Vgl. Hill 1997, S. 8- 13).

Anhand von Schriftgütern belegt Turner, dass bis zum 14. Jahrhundert jegliche Betitelungen der Hexen fast vollständig aus dem Sprachgebrauch verschwanden. Erst mit dem Aufkommen der Hexenverfolgung setzte es sich die Semiotik Schaden bringend im deutschen Sprachraum endgültig durch. Neben der juristischen Auseinandersetzung mit den Schwarzkünstlerinnen, welche im Abschnitt 3 vertiefend thematisiert wird, erfuhr auch das Wort Hexe eine Wandlung. In der vorchristlichen Kultur noch mit einer positiven Assoziation verbunden, nahm es im 15. Jahrhundert die Eigenschaft des Sündenfalls an (Vgl. Turner 2014, S. 7).

3. Die Vernichtung der weisen Frau

3.1 Historischer Wandel des Hexenbildes

Auf der Wortgeschichte basierend beinhaltet auch der Glaube an die Hexerei eine ambivalente Vorstellungsprägung und ist im Hinblick des Ursprungs nicht eindeutig zu bestimmen. Turner rekurriert auf dämonische Tendenzen, welche sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen. Unter Berücksichtigung der Themenwahl der Bachelorarbeit ist aber besonders die Zeit des Mittelalters hervorzuheben, da jene maßgeblich die Sozialisationsprozesse über eine lange zeitliche Periode Ausdruck verlieh und sich auf nachfolgende Epochen auswirkte. Vorerst entstammt der Typus der Magierin einer frühen matristischen Gesellschaftsordnung. „Um diesen Ursprung zu erkennen und zu verstehen, ist es [jedoch] wichtig, sich vor allem an […] der Wandlung des Frauenbildes zu orientieren“ (Turner 2014, S. 5). Unter einer matristischen Gesellschaft ist zunächst ein Zusammenleben zu verstehen, welches sich durch eine Mutterzentriertheit auszeichnet (Erzeugerin als Zentrum einer Gemeinschaft, da sie für die ökonomische Struktur als auch für das Gesundheitssystem zuständig war). Speziell der medizinische Bereich verkörperte die weibliche Domäne, weshalb Frauen zu den Herrinnen über Leben und Tod wurden. Jene kollektive Konstruktion herrschte jedoch nicht lange vor (Vgl. ebd., S. 4- 6).

„Die Geschichte brachte Veränderungen, die zu einem Bedeutungswandel von Mann und Frau und deren Stellung in dieser Gesellschaft führte“ (ebd., S. 6). Die Vormachtstellung, welche einst den Frauen zugesprochen wurde, beanspruchten im Verlauf der Jahre die Männer. Demnach ist eine Werteverschiebung hin zum Patriachat bzw. der Androkratie zu erkennen. Die Rollenverteilung war unmissverständlich strukturiert. Die Gemahlinnen wurden aus dem Gemeindewesen ausgesondert und nahmen eine deutlich passive Randposition ein (Vgl. Weber- Kellermann 1986, S. 21- 23). Überdies bestand auch das puritanische Ideal darin, dass die sogenannten „Hausmütter“, die ursprünglich innerhalb und außerhalb der Wohnungen wirkten, sich nun vollständig der Familie und deren Gedeihen verschrieben. Ihre Tätigkeitsfelder reduzierten sich auf das Kochen und Konservieren, Nähen, Putzen sowie der Kindererziehung (hauptsächlich der Söhne) (Vgl. Weber- Kellermann 1991, S. 21- 49). Die Frau zeichnete sich lediglich durch Tugenden wie Fleiß, Gehorsam oder Sittsamkeit aus (Abhängigkeit als natürlicher Zustand). „Die Natur erschuf die Jungfrau für die Familie und das Haus, alle Anlagen des Geistes und Herzens weisen sie darauf hin; sie darf ihrer Bestimmung nicht untreu werden, will sie nicht ihren Lebenszweck verfehlen“ (Schraub 1992, S. 3). Jenes Ziel vervollständigte sich mit der Ehe. Sie wurde als verbindliche Institution angestrebt, um nicht als „alte Jungfer“ zu sterben, was zudem auf den Hexentypus hindeutet. Weber- Kellermann beanstandet aber, dass es sich hier nicht um eine Liebesverbindung handelte, sondern die Verlobung eher einem Kaufvertrag glich (Vgl. Weber- Kellermann 1982, S. 15- 19). „Dieses kirchliche Verständnis des Frauenbildes führte dazu, dass Frauen in der mittelalterlichen Gesellschaft nicht nur Untertan des Mannes, sondern ohne ihn praktisch nicht lebensfähig waren“ (Börstler 2008, S. 3).

Jene eingenommene Haltung führte somit zur Dominanz des Mannes und Ablehnung der hochrangigen Stellung der Frau, deren Werte bzw. Wesen als bedeutungslos erschienen. Bisherige Arbeitsausübungen, Verhaltensweisen sowie die weibliche Sexualität wurden diffamiert bzw. als Verderben bringend eingestuft. Lediglich die Habitusformen, welche dem Ehegatten dienlich erschienen, wurden geschätzt, hervorgehoben oder in institutionellen Einrichtungen gefördert. Darunter sind vor allem Keuschheit, Treue, Naivität, Schönheit und Mutterschaft zu notieren. Turner vermerkt, dass dagegen emanzipierte oder entgegenwirkende Sitten stets unterdrückt wurden. Der Verlust der Eigenständigkeit führte zu verringertem Selbstbewusstsein und teilweise auch zu einem depressiven Leidensdruck. Besonders die Wissensbestände über Medizin und Geburtenhilfe waren nicht länger von Bedeutung. In dieser Umbruchzeit entstand zudem eine Dichotomisierung. Das Frauenbild wurde diametral in die Rollenmodelle der guten und schlechten Frau gespalten. Erfüllten die Gemahlinnen all die auferlegten Wünsche ihrer Partner ohne Einwände, so verkörperten sie die heilige Jungfrau, liebevolle Mutter bzw. gutherzige Mitbürgerin. Zeigten sie jedoch Eigenschaften, welche sich dem Wunschbild konträr verhielten, wurden sie als böse Weiber und Huren, vor allem jedoch als Hexen, gebrandmarkt (Vgl. Turner 2014, S. 5-7).

3.2 Die Hexenbilder des 15. Jahrhunderts

3.2.1 Die Festigung von „Sex- Establishments“

Obwohl die zauberkundigen Damen einen bedeutsamen Bestandteil des medizinischen Segments verkörperten, wurden sie in die eben skizzierte Rubrik der bösen Frauen aufgenommen. Wie Priesterinnen wirkten sie heilend, anderseits vernahm die Bevölkerung sie als vernichtend. Hexen waren ergo in den Mythologien vieler sowohl Kulturen subsidiäre Ratgeberinnen als auch gefürchtete Frauen. Diese Aspekte sind kennzeichnend für die aufkommenden Ketzereivorwürfe im 15. Jahrhundert. Analogien, welche im Abschnitt der „Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm näher dargelegt werden, finden hier ihren Ursprung. Eingedenk dessen wurden laut Heinsohn und Steiger die Vorstellungen von Hexen erst Phantasien und dann „Establishments“ (Vgl. Heinsohn und Steiger 1985, S. 20- 24). Es kann daher auch nicht von einer Hexenverfolgung, sondern von einer Frauenverfolgung ausgegangen werden. Larner gibt an, dass sich der Hexenwahn „sex- related“ gestaltete und der Hexerei an sich ein weiblicher Genius zugesprochen werden konnte (Vgl. Blauert 1990, S. 12).

Jene aufkommenden frauenfeindlichen „Establishments“ definiert Dingeldein facettenreich im Urtypus der Schwarzmagierin. Anfangs noch als bipolares dämonisches Wesen klassifiziert, welches nicht ausschließlich negative Beweggründe verinnerlichen musste, beanspruchte das Hexenbildnis durch den ubiquitären christlichen Glauben ausschließlich negativ konnotierte Motive. Wie im vorigen Absatz impliziert, „[…] geht [neben der Aberkennung jeglichem Guten] die Verwandlung des Hexenbildes mit der Vermenschlichung der Hexe überein“ (Turner 2014, S. 6). Aus dem schwarzmagischen Wesen wurde die Frau, welche das Böse sei. „Die Kirche schrieb der Frau die Schuld zu, weil sie durch weibliche Eigenschaften wie Triebhaftigkeit, Schwäche und Boshaftigkeit der Versuchung im Paradies erlegen war“ (ebd., S. 7). Sie wurde als schlechtestes Produkt der Schöpfung degradiert, welches daher den Buhlungen des Teufels schnell unterliegen konnte.

Darüber hinaus galten Hexen als Botinnen der Unfruchtbarkeit, die sie mit Hilfe von Rauschmittel oder anderen Kräutern erzielten. Dass jene aber von Betroffenen nicht immer als Schadenszauber aufgefasst wurde (eigenes Interesse), beachteten die Inquisitoren nicht. Die Verfolgung der Frauen spiegelte insofern auch die Obsession der kirchlichen Autorität bzw. des Klerus wieder. Die theozentrische Weltansicht sah im Teufelsvorwurf die Bekämpfung der Empfängnisverhütung (Hintergrund: niedrige Geburtenraten und Ernährungskrise durch Verknappung der Arbeitskräfte bei kirchlichen Grundbesitzern). Frauen sollten ihr Schicksal nicht selbst bestimmen, sondern in der mütterlichen Passivität bleiben. Ungeachtet dessen wird auf ein essenzielles Hexenmotiv, das der Kindstötung, verwiesen. Mit jenen Heilkundlerinnen verband das Bürgertum zumeist ältere Frauen, weshalb eine misogyne Stimmung gegen diese Altersklasse vorherrschte, die auch bei den „Kinder- und Hausmärchen“ der Grimms (Siehe Kapitel 4) vorhanden ist (Vgl. Heinesohn und Steiger 1985, S. 14- 35/ 100- 108).

In summa standen sich zwei entgegengesetzte Frauenideale gegenüber: Zum einen verkörperte das Weibliche das bedrohliche Magische, das die Würde des Göttlichen verloren hat. Anderseits zeugte es auch von der unbefleckten Jungfrau Maria, welche als anbetungswürdig angesehen werden sollte. Es überwog jedoch die frauen- und sexualfeindliche Haltung der Kirche, die ein Frauenbild schuf, das sich in der Hexenverfolgung konkretisierte (Vgl. Turner 2014, S. 6).

3.2.2 Der „Hexenhammer“

Der Beginn jener Jagd lässt sich auf das Jahr 1487 datieren, als der „Hexenhammer“ von dem Inquisitor Heinrich Institoris (Krämer) und Jakob Sprengler publiziert wurde (erste Urteile sind aber schon ab 1360 belegt). Dieses Schriftgut, welches auch „Hexenbulle“ oder „Unholdenhammer“ genannt wurde, erhielt in Anlehnung an den „Judenhammer“ und „Ketzerhammer“ den Titel „Malleus maleficarum“. In seinen Ausführungen bezog er sich nur auf die Ausübung von Hexerei. Fauler Zauber, Gaukelei, Weissagungen und die Astrologie wurden vom Deliktkreis ausgeschlossen. Dagegen lag eine erkennbare Differenzierung der Geschlechterrollen vor: Hexer sollten im Falle der Reue begnadigt, Hexen hingegen umgehend vernichtet werden (Vgl. Heinesohn und Steiger 1985, S. 26- 29/ 130- 132). Als gebräuchliche Form der Hinrichtung galt das Verbrennen, was ein regelmäßiges Großereignis war (Mahnfunktion) (Vgl. Roper 2007, S. 31). „Der Scheiterhaufen blieb eine Spezialität des christianisierten Mitteleuropa“ (Honegger 1978, S. 10).

Der „Hexenhammer“ zielt in seiner Konzeption vor allem gegen Hebammen, welche in einem schonungslosen und kaltblütigen Verfahren verurteilt wurden (Vgl. Heinesohn und Steiger 1985, S. 30- 32). „Alle Geständnisse trugen [durch die Wasser-, Feuer-, Nadel-, Tränen- sowie Wiegeprobe] Spuren der Qualen und Erniedrigungen, die Folter bedeuteten“ (Roper 2007, S. 26). Die Verfolgung richtete sich trotz allem nicht nur gegen das Geschlecht an sich, sondern gegen das Wissen. Dennoch ist bei der Ausrottung prozentual betrachtet ein erkennbar höherer Frauenanteil (80%) vernehmbar. Die Anzahl der getöteten Frauen betrug zwischen 100.000 und eine Millionen. Die große Hexenjagd ist daher kein Mythos, wie es die Kirche einst darstellte. Darüber hinaus führte es zu der Gegebenheit, dass der Terminus Zauberin abgelegt und ab dieser Bußschrift das Wort Hexe (wieder) eingeführt sowie mit ausschließlich negativen Attributen behaftet wurde (Vgl. Heinesohn und Steiger 1985, S. 132- 146).

3.2.3 Die „reale“ Hexe

„Die Wandlung des Frauenbildes hat die Figur der Hexe hervorgebracht und viele Frauen des 15. Jahrhunderts mit dieser Rolle versehen“ (Turner 2014, S. 8). Wie folglich eine Magierin aussah und wie sie sich verhielt, charakterisierte in wesentlichen Aspekten der eben genannte „Hexenhammer“. Elementar wurden ihr übernatürliche Kräfte zugesprochen, welche sich im Gebrauch der Zauberei äußerten. Diese standen in Korrelation zu der Gewaltanwendung an anderen Menschen. Hexen ermordeten erfahrungsgemäß Tiere, Säuglinge sowie Kinder oder verursachten Wetterstürze, so der Vorwurf (Vgl. Roper 2007, S. 310). Auch das aus heutiger Sicht als Absurdität zu definierende Kinderverspeisen wurde gelistet (Vgl. Heinesohn und Steiger 1985, S. 132). Jegliche Taten konnten nach Ansichten Heinrichs und Sprenglers nur von gefühlsarmen Individuen verursacht werden. Demzufolge waren Hexen unfähig Liebe zu empfinden oder allgemein Emotionen auszudrücken. Des Weiteren fehlte ihnen ein essentieller biologischer Gesichtspunkt: die Unfähigkeit zur Mütterlichkeit bzw. Gebären von Kindern. Durch dieses Fehlen der Weiblichkeit empfand das religiöse Bürgertum Hexen als eine Anmaßung der Männerrolle (Vgl. Turner 2014, S. 8- 9).

Die Nutzung eines Besens und das Morphing zu einem Tier komplettieren die Vorstellung über die Zauberin im „Hexenhammer“. Markante Aspekte stellen zudem die Teilnahme am Hexensabbat und eine frivole Teufelsbuhlschaft dar. Dieser sexuelle bzw. erotische Pakt mit dem Dämonischen oder gar Satan selbst wurde im 15. Jahrhundert zum Kern des Hexentypus (Vgl. Roper 2007, S. 120- 130). Turner stellt fest, dass hingegen in Bezug auf ihr Aussehen in dieser Literatur wenig bekannt ist. Ob jung, alt, schön oder hässlich ist weniger oder mit Einschränkungen relevant. Jene Motivwahl zeigte sich erst in der Umsetzung in diversen Medien. Potentielle Inquisitionsopfer waren Individuen, welche sich von der Gesellschaft isolierten und demnach am Rande derer anzusiedeln waren (Vgl. Turner 2014, S. 9). Nichtsdestotrotz waren es vordergründig heilkundige Frauen, die das Feindbild der Kirche repräsentierten (Vgl. Heinesohn und Steiger 1985, S. 61).

Bis ins 18. Jahrhundert prägte die Magie das Menschenbild. Hinrichtungen stellten Hexerei als ein allgegenwärtiges Phänomen dar. Die Modernisierungsprozesse im Zuge der Aufklärung wurden bis dato mit den Körpern und Seelen der meist weiblichen Hexen bezahlt. Die naturwissenschaftliche Rationalität bereitete den Massakern des Hexenwahns schließlich um 1755 ein jähes Ende (Vgl. ebd., S. 20- 23).

4. Das Böse im Märchen: die Hexe

4.1 Die Grimmsche Märchensammlung

„Fällt das Stichwort Hexe […], hat man als erstes die Hexe des Knusperhauses in ‚Hänsel und Gretel‘ vor Augen“ (Röhrich [2] 2002, S. 129).

Dieses einleitende Zitat von Röhrich soll die Relevanz zweier historischer Größen bzw. „Gründungsväter“ der Germanistik bekunden (und auf das Hexenbildnis verweisen): die Gebrüder Grimm. Deren „Kinder- und Hausmärchen“[1] (1812), welche einst aus wissenschaftlichem Interesse entstanden, zählen zu den am häufigsten rezipierten und übersetzen Werken deutscher Literatur und gelten gegenwärtig als internationales Kulturgut. Selbst im Jahre 2014 finden bekannte Figuren in Verfilmungen (Bsp. „Maleficent“) oder Produktnamen ihre Verwendung, was einen erheblichen Lebensweltbezug offeriert. Dieser ist ohne Einschränkungen in allen gesellschaftlichen Milieus zu erkennen. Sogar Individuen, welche sich eigentlich in die Kategorie der literarischen Pubertät einordnen lassen, sind bestimmte Märchenmotive durch jenen Buchband bekannt (Vgl. Blaha- Peillex 2008, S. 37- 51). Wie Blaha- Peillex zeigt auch Turner auf, dass das Schriftgut der Volkskundler in vielen Institutionen der westlich geprägten Welt als etabliert angesehen oder im privaten Umfeld als Abendlektüre vorgelesen wird (Vgl. Turner 2014, S. 1). Überdies spricht Röller davon, dass „[…] fast jeder deutschsprachige erwachsene Mensch diesen Grimmschen Texten begegnet ist“ (Lehnert 1996, S. 2). Auf Grundlage dieser Relevanz wurde sich für die Kinder- und Hausmärchen entschieden, um die Figur der Hexe[2] näher zu bestimmen.

In Abhängigkeit des Märchens muss indessen aber bewusst sein, dass diese eine gewichtige Position in der Sozialisation einnehmen und dementsprechend auf die Entstehung oder womöglich auch Festigung von Rollenmodellen einwirken. Faulstrich Wieland geht davon aus, das besonders die Märchen der Gebrüder Grimm die Vorstellungskonzepte formten, da sie ein generationsübergreifendes Signum beanspruchen. Demgegenüber muss bedacht werden, dass jenes Buch ein gesellschaftliches Produkt seiner Zeit ist. Auch wenn die Geschichten aktuell adaptiert oder marginal verändert werden, beinhalten sie stets die Ideologie vergangener Epochen (Geschlechtlichkeit von Texten). Dahingehend bieten sie Aufschluss über gesellschaftliche Moral- sowie Normvorstellungen. Lehnert stellt infolgedessen die These auf, dass in Märchen Frauen als auch Männer ihrem Wesen nach konstruiert werden. „Der gängige Geschlechterdualismus wird durch die Verbreitung der Märchen ständig neu produziert“ (ebd., S. 4). Die Grimms erzielen in ihren Kinder- und Hausmärchen eine deutliche Polarisierung der Geschlechtercharaktere (Märchen als ästhetische Opposition gegen das aufklärerische Gedankengut). Daher erfolgt eine Verbreitung von Rollenmodellen nicht nur über die Philosophie, die Politik oder das Gesetzesrecht, sondern auch über Literatur (Vgl. Lehnert 1996, S. 1- 4).

Wiederum besteht ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Grimmsche Märchensammlung nur das Zeugnis von transkribierten Niederschriften ist. Vielmehr greifen sie damalige Volksweisheiten, historische Ereignisse und Gegebenheiten des französischen Bürgertums auf. Des Weiteren bedachte vor allem Wilhelm Grimm die Kritik seiner Zeitgenossen oder seine wandelnde Vorstellung vom Angemessenen. Die Gebrüder Grimm waren bspw. Frauen gegenüber verkrampft und prüde (Vgl. ebd., S. 7- 10). „Auch wenn keine direkten monokausalen Verbindungen zwischen dem Leben und Werk der Brüder Grimm artifiziell heraufbeschworen werden dürfen, so kann [...] eine Identifikation der ästhetisch- stilistischen Ausgestaltung der weiblichen Märchenfiguren jedoch ebenso wenig vollkommen losgelöst von den biographischen Umständen der Editoren erfolgen“ (Feustel 2004, S. 135). Daher kann nach Lehnert davon ausgegangen werden, dass die Kinder- und Hausmärchen in die Grimmschen protestantischen Wertevorstellungen eingebettet waren. Anhand jener Filterprozesse ist eine deutliche Bestätigung bürgerlicher moralischer Standards sowie ethischer Prinzipien enthalten (Ausrichtung auf die calvinistische Erziehung des Kindes) (Vgl. Lehnert 1996, S. 8- 12).

Insofern stellt sich Dingeldein die berechtigte Frage, ob die Darstellung der Zauberin eine historische Konsequenz ist (Übernahme des „Hexenhammers“). Gerade die spezifischere Betitelung der Märchenhexe entstand zu Zeiten der Hexenverfolgung (Vgl. Turner 2014, S. 9). Ob die Herkunfts- und Bedeutungsgeschichte, also die Vorstellungen einer einstigen christlichen Welt, die Bildung eines tradierten sowie archetypischen Hexenstereotypes (im Geiste des Mittelalters) nach gesellschaftlicher Sozialisation kreierte, soll nun dargelegt werden (Vgl. Jacoby 1990, S. 12- 13).

4.2 Darstellung der Hexe

4.2.1 Die böse Hexe

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Figur der Hexe in den archaischen Kinder- und Hausmärchen vorwiegend genutzt wird, um auf einen nicht wünschenswerten Ethos hinzuweisen („Sündenbock Problematik“) (Vgl. Hässner 2004, S. 428). Diesbezüglich zeugen die Schriftgüter grundsätzlich eher von weiblicher Hexerei. Die Frauen konnten sich gegen die Buhlungen des Teufels nicht wehren (weibliche Schwäche). Der männliche Hexer erscheint dahingehend paradox, wurde aber im Verlauf der Inquisition immer relevanter. Die Kirche fürchtete sich vor entstehenden Unruhen oder der Manipulation des Volkes im Sinne des Faustus, welcher sich wissbegierig über den Willen Gottes stellt. Jener Sachverhalt wird im Segment 5 näher betrachtet (Vgl. Komendova 2004, S. 49).

Mehrfach ist ihr Typus als Inkarnation des Bösen demnach negativ gezeichnet, weswegen ihr verbotene Dispositionen wie Hochmut, Stolz, Egoismus, Neugier, Eitelkeit und Herrschsucht innewohnen (Vgl. Lehnert 1996, S. 8- 10). Jene Attribute werden an äußerliche Erscheinungsformen geknüpft. So vermitteln insbesondere die Grimmschen Märchen das Bildnis der Hexe, einer alten und unästhetischen Frau (trockene und rissige Haut, gebogene Nase, knochige Finger, schwarze Zähne sowie haarige Warze) (Vgl. Hill 1997, S. 10- 11). Zumeist nutzt sie Objekte, um Menschen Unheil zuzufügen. So erhält bspw. Schneewittchen von der Magierin einen Apfel. Dieser deckt sich thematisch mit dem realen Stechapfel („Datura stramonium“), einer äußerst giftigen Pflanze aus Amerika, die ähnlich der Tollkirsche auch im historischen Hexenglauben verankert ist (Vgl. Silina Pinke 2004, S. 37).

Im Gegensatz zum männlichen Erzmagier werden der Hexe vor allem Schadenszauber, das Essen von Menschenfleisch sowie Kindstötungen zugeschrieben. „Die Motivation und die Ausführung [dieser] bösen Taten kann verschiedene Formen annehmen. Das Spektrum der bösen Taten […] wird überwiegend mit Gefühlen wie Neid, Eifersucht, Ehrgeiz, Machtgier oder mit schierer materieller Not begründet“ (Blaha- Peillex 2008, S. 56). Zudem konfligiert ihr Wirkungsbereich, welcher das dämonische Netzwerk Wald darstellt, mit den Vorstellungen der Androkratie. Jene Verbindung zur Natur nimmt ein literarisches Gestaltungselement ein, welches fast ausschließlich auf die weiblichen Charaktere zutrifft. Frauen werden daher weniger mit Bereichen der Kultur oder Politik, sondern mit der Natur gleichgesetzt. Trotzdem gilt nur das Befehlen über die ökologischen Kräfte als böse, nicht aber das magische Anrufen zur Hilfe wie es bspw. bei „Aschenputtel“ gegeben ist (Vgl. Kast 1990, S. 109- 113). Es ist erkennbar, dass vorliegende Angaben zur Einschätzung der Wesenszüge etc. einem patriarchalen Weltbild entstammen, welches insbesonders im Mittealter wiederzufinden war. Zudem wird ihr ein sogenannter „böser Blick“ beigemessen, welcher ursprünglich dem damaligen Volksglauben entsprang. Zusammenfassend lässt die Historie die Gattung nicht unberührt. Jene expressiven Motive ermöglichten eine Stilisierung der Zauberin zum Kinderschreck (Vgl. Turner 2014, S. 10- 14).

Ziegler betont, dass die Frau zur Trägerin des bösen Prinzips wird und fortan als Personifikation der infantilen Ängste agiert (Vgl. Börstler 2008, S. 2). Es muss jedoch beigefügt werden, dass Wirkungen wie die eben genannte Verschüchterung stets kulturabhängig sind und nicht prototypisch für jede Nation gesehen werden dürfen. Dennoch kann der auf das Minimum, das Böse, reduzierte Charakter unter Umständen eine Vorstellungsveränderung über die realitätsbezogene Rolle einer Frau bewirken. Drum besteht die Botschaft der Grimmschen Literatur darin, dass sich die Leserinnen an positiv konnotierten Idealvorstellungen orientieren sollen. „Dann können sie auf den ‚Richtigen‘ und das [traditionelle] Endziel Ehe warten, in der alle ihre Probleme für immer gelöst sein werden“ (Lehnert 1996, S. 9). Speziell dieser Sachverhalt sollte eine kritische Betrachtung finden. Mourney beanstandet, dass Kinderliteratur oftmals als harmlos abgetan wird, obwohl sie Träger philosophischer, pädagogischer und politischer Botschaften ist (Vgl. ebd., S. 8- 35).

4.2.1 Die gute Hexe

Lehnert gibt aber auch zu bedenken, dass die Textsammlung der Sprachwissenschaftler nicht ausschließlich über böse Schicksalsschwestern verfügen. Es ist ein typischer Erzählnexus vorhanden, in welchem geheimnisvolle bzw. magische Protagonistinnen der Heldin zu ihrem Glück, der Ehe, verhelfen. Paukstadt definiert diese Zauberinnen aber eher als Glücksinstanzen oder gute Feen, welche zu Zeiten der Inquisition noch nicht bedacht wurden. Um einen verheißungsvollen Ausgang der Handlung zu erreichen, müssen Bedingungen der Magierin erfüllt werden, was zumeist durch Demut, Hilfsbereitschaft, Mut und Fleiß erfolgt (implizite Normvermittlung). Es ist ein Erzählmuster mit moralischen Leerstellen vorzufinden, die sich mit Tugenden wie Unterwerfung und Passivität füllen. Lehnert bekundet, dass selbst die Frauen in den Hauptrollen leidend und passiv figurieren, wohingegen sich männliche Nebendarsteller aktiv beteiligen (Bsp. Dornröschen oder Aschenputtel). Nichtsdestotrotz besteht das Resultat des Märchens in der Hochzeit (Verweis auf Abhängigkeitsverhältnis im Mittelalter) und nicht in nicht in der Erlangung eines autonomen Sozialstatus, wie ihn die Magierin inne hat (Vgl. ebd., S. 14- 27). „Über 70% aller Zauber- und Novellenmärchen [handeln] von der Gewinnung eines Partners, einer Braut bzw. eines Bräutigams und [schließen] mit der Hochzeit“ (ebd., S. 42).

Obwohl es die Überschrift des Segments nicht nahelegt, tadeln auch die guten Hexen die bürgerlichen Frauen, welche sich vom erwarteten Naturell differenzieren: So werden Figuren wie die unerwünschte Schwester in „Frau Holle“ als faul, neidisch und niederträchtig deklariert, während die fleißige Hauptgestalt zum Sinnbild des Guten eingeführt wird. Die Wettermagierin kategorisiert nach normkonformen Verhalten, weshalb schon für Kinder das Prinzip einer tadellosen oder bedenklichen Frau (Tochter der Eva) eindeutig erscheint. Nach Angaben Stones ist noch nicht hinreichend erforscht, ob diese Sozialisationsvermittlungen Klischees aufbrechen, diese verstärken oder lediglich geschlechtsneutral fungieren. Nichtsdestotrotz wird vernehmbar, dass nicht die Hexe den siegreichen Menschen symbolisiert, sondern die geduldige Hausfrau, welche ähnlich des amerikanischen Traums Teller wäscht und dadurch zum Leitbild des Erfolgs wird (Tabu des Rückfalls ins matriarchalische „Chaos“, was die Hexe als Schreckbild verkörpert). Daran ist auch eine Weiblichkeitsdarstellung geknüpft (Vgl. Lehnert 1996, S. 14- 27). „Positive Frauengestalten in den Kinder- und Hausmärchen sind jung und selbstverständlich jungfräulich. Sie zeichnen sich nicht durch Aktivität, sondern stets durch außergewöhnliche Schönheit aus, [welche sie von der Glücksinstanz durch Kleider erhalten]“ (ebd., S. 27).

4.3 Das Motiv der Sexualität

Wie im Themenkomplex 4.1 angeschnitten, besaßen die Gebrüder Grimm ein äußerst prüdes Verhältnis zur Frau, welches sich mit den Überzeugungen des 18. Jahrhunderts deckt. Daher wird auch das gestische und mimische Lustspiel der Hexen in den Märchen als frivoler Akt beschrieben. Die Autoren verniedlichen oder tabuisieren sexuelle Querverweise im Sinne der Adressaten (Vgl. Blaha- Peillex 2008, S. 45). Jungblut beschreibt dies als Deformation des „wahren“ Textes, da die ursprünglichen weiblichen Narrationen anderer Kulturen nicht derartig zensiert sind. Die Märchenerzählungen des Überlieferers Ype Poortinga enthalten bspw. erotische Anspielungen bis hin zum Geschlechtsverkehr, wo die Frau die Entschlossenere und Überlegene ist. Jedoch scheint die Postulierung eines absoluten männlichen Patriarchats deutlicher im Fokus zu stehen, weshalb ein solcher Sachverhalt (bedrohlich, destruktive Sexualität) diffamiert wird. Von einer dominanten Frau, sei es eine Hexe oder Ehegattin, kann nicht mehr die Rede sein. Treue, Anpassungsfähigkeit, Schweigsamkeit, gesellschaftliche Isolierung, Geduld oder auch Opferbereitschaft werden weitaus günstiger bewertet als Autonomie, Rhetorik oder Intelligenz. Letztere Charakteristika sind wesentliche Merkmale der Teufelsdienerinnen, welche durch ihre ausgedehnten Sprechpassagen die Männer oder demütigten Frauen verführen. „Machtvolle Frauen werden somit meist als böse abschreckende Beispiele dargestellt“ (Lehnert 1996, S. 28). Aktivität und Macht werden negativ eingeordnet, da sie als „unweiblich“ gelten. Bei Männern dagegen zeugen sie von Anerkennung (Vgl. ebd., S. 20- 35).

4.4 Das Motiv der Stiefmutter

Als eines der bedeutsamsten Werke der Gebrüder Grimm ist „Schneewittchen“ zu erachten. Es bietet die literarische Vorlage für diverse Filmadaptionen, Bilderbücher oder andere mediale Umsetzungen. Speziell dieses Märchen darf aber nicht als konstantes Bildsymbol eingeschätzt, sondern muss in seinem Entwicklungsgefälle nachvollzogen werden. Der Anlass begründet sich in einer deutlichen Umschrift (Vgl. Riedel 1999, S. 7- 11). Aus der noch 1810 vorhandenen leiblichen Mutter wurde 1857 die böse Stiefmutter mit Fähigkeiten des Übernatürlichen. Die Maxime der bürgerlichen Mutterliebe sollten nicht in Frage gestellt werden, weshalb alternativ eine grausame sowie hexenähnliche Königin konzipiert wurde, welche dem Vorstellungsbild des patriarchalem bzw. mittelalterlich geprägtem Bürgertums entsprechend die Organe mit Hilfe des Jägers verköstigen möchte (Vgl. Lehnert 1996, S. 54- 57).

Die Negierung einer Mutter zur Stiefmutter, der „natürlichen Rabenmutter“, soll das Fehlen von Zärtlichkeit nahelegen. Da sich dieser Habitus mit dem unverzeihlichen Vorwurf des „Hexenhammers“ deckt, konstruieren die Grimmschen Märchen die nicht leiblichen Erzeugerinnen fortwirkend als Schaden zufügende Hexen. In 64 Geschichten, wo jene Thematik vorzufinden ist, tritt die Zauberin mindestens 43 mal als antimütterliche Figur auf. Etymologisch ist besonders die Vorsilbe „Stief-“ interessant. Jene definiert eine Beraubung bzw. Verwaisung des Familienideals, da die Ehegattin in ihrer Rolle niemals den mütterlichen Pflichten der patriarchischen Gesellschaft gerecht werden kann. So lassen sich in den Kinder- und Hausmärchen verhäuft Stiefmütterrollen aufdecken, die das Ziel besitzen, die Heldin zu vernichten, um ihre eigenen Töchter an jene Stelle zu positionieren (Vgl. Blaha- Peillex 2008, S. 29- 33/ 54- 58):

„Es war einmal eine Frau, die war eine rechte Hexe und hatte zwei Töchter, eine die von ihr stammte und häßlich und bös war, und eine Stieftochter, die schön und gut war. Aber sie hatte ihre Tochter doch viel lieber und hasste die andere, weil sie eine Stieftochter war“ (Grimm 1812, S. 200).

Die Rolle von Hexe und Mutter sind folglich eng miteinander verknüpft. Die Eigenschaften der Hexe spiegeln die Umkehrung der Mutter wider. „Die gute Mutter schweigt, die Hexe hat ein böses Mundwerk. Die Mutter ist keusch, die Hexe lebt wahllos ihre perversen Gelüste aus. Die Mutter ist gehorsam, die Hexe wild und aufsässig“ (Blaha- Peillex 2008, S. 98).

[...]


1 „Es dürfte sich in der gesamten Weltliteratur nur wenig Vergleichbares finden: Im allenthalben be- kannten und wie selbstverständlich verwendeten Begriff ‚Grimms [Kinder- und Haus-] Märchen‘ sind Werk und Autor offensichtlich zu einer gleichsam untrennbaren Einheit verschmolzen“

2 (Blaha- Peillex 2008, S. 45). Da jenes Buch sich zu einem Eigenname herauskristallisierte, wird es im weiteren Verlauf der Bachelorarbeit ohne Anführungszeichen ausgewiesen. Ergänzend ist anzugeben, dass jene Gestalt eine omnipräsente Position in der Märchensammlung einnimmt. In über 50 Texten, was einen Umfang von 33% bedeutet, gehört ihre abschreckende Bos- haftigkeit zum festen Bestand (Vgl. Börstler 2008, S. 2).

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Das Bildnis der Hexe unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Rollenmodelle
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
2,1
Autor
Jahr
2016
Seiten
52
Katalognummer
V341473
ISBN (eBook)
9783668315020
ISBN (Buch)
9783668315037
Dateigröße
24549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hexe, Faust, Duell der Magier, Inquisition
Arbeit zitieren
Lehramt Bachelor Tobias Kantorski (Autor), 2016, Das Bildnis der Hexe unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Rollenmodelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341473

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