Gewalt und Macht bei Roa Bastos. "El trueno entre las hojas" und "Hijo de hombre"


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriff „Gewalt“

3. Inhaltlicher Überblick Hijo de Hombre und „El trueno entre las hojas“

4. Gewalt
4.1. In Hijo de Hombre
4.2. In „El trueno entre las hojas“
4.3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

„En muchos de mis cuentos, en mi novela Hijo de Hombre en particular […] está presente el ejemplo del rapsoda del dolor paraguyano” (Roa Bastos 1978, 30). Diese Äußerung Roa Bastos‘ zeigt durch rapsoda del dolor paraguayano den Begriff der Gewalt, dessen Wichtigkeit und beinahe Omnipräsenz in seinem Gesamtwerk auf. Der hier erwähnte Schmerz, den das paraguyanische Volk erfahren muss, hängt häufig mit Gewalt zusammen.

Gegenstand und Ziel dieser Hausarbeit wird es sein, verschiedene Formen der Gewalt in Roa Bastos‘ Roman Hijo de Hombre sowie der Kurzgeschichte „El trueno entre las hojas“ aufzuzeigen und zu vergleichen. Hierbei soll zunächst der Begriff „Gewalt“ als solcher geklärt und definiert und ein kurzer inhaltlicher Überblick über die beiden Werke gegeben werden. Im Hauptteil sollen anschließend verschiedene Formen der Gewalt zunächst in Hijo de Hombre, exemplarisch an Kapitel IV sowie einigen weiteren Textstellen, aufgezeigt und analysiert werden. In diesem Fall soll nicht chronologisch vorgegangen werden, da sich dies aufgrund des Formats des Romans nicht anbietet. Stattdessen sollen die verschiedenen Ausdrucksweisen und Aspekte der Gewalt anhand einzelner Beispiele aufgezeigt und verknüpft werden.

Im Falle der Kurzgeschichte „El trueno entre las hojas“ bietet sich ein zumindest ansatzweise chronologisches Vorgehen an, da sich die Thematik der Gewalt durch den ganzen Text zieht und eine chronologische Steigerung erfährt.

Abschließend wird der Gewaltaspekt in beiden Werken einem Vergleich unterzogen und die Thematik noch einmal zusammengefasst. Der eigentliche Fokus der Hausarbeit hinsichtlich der Gewalt soll auf der Kurzgeschichte liegen, da diese nahezu ausschließlich Gewalt, Brutalität und weitere Themen, die damit in Verbindung stehen, beinhaltet, wohingegen in Hijo de Hombre ein breites Themenspektrum vorherrscht und der Gewaltaspekt nur einen kleinen Teil des Ganzen ausmacht, d.h. die Kurzgeschichte wird diesbezüglich weitaus ausführlicher analysiert werden.

2. Begriff „Gewalt“

Vor der eigentlichen Analyse soll zunächst das Schlüsselwort dieser Arbeit, die Gewalt und deren Wichtigkeit für Roa Bastos, geklärt werden.

Gewalt wird im historischen Wörterbuch der Rhetorik wie folgt definiert: „Der Begriff <G.> […] als <<Fähigkeit oder Befugnis, mit jmdm. o. etw. zu verfahren>> verweist auf die zwangsförmige Durchsetzung von Intentionen und Zielen […].“ (Röttgers 2012, Sp. 340).

Diese Definition kann durch den Duden noch erweitert bzw. präzisiert werden. Hier stellt Gewalt ein „unrechtmäßiges Vorgehen“ (Duden 2011, 718) dar, durch das „jemand zu etwas gezwungen wird“ (ebd.), sowie die „[gegen jemanden, etwas rücksichtslos angewendete] physische oder psychische Kraft, mit der etwas erreicht wird“ (ebd.).

In beiden Erläuterungen geht der Begriff mit Zwang einher, durch den gewisse Vorhaben erreicht werden sollen.

Darüber hinaus ist der Begriff eng mit dem der Macht verbunden, denn Gewalt kann nur ausgeübt werden, wenn die betroffenen Parteien (z.B. zwei Personen oder Gesellschaftsgruppen) in einem ungleichen Machtverhältnis stehen, d.h. eine Übermacht seitens einer Partei vorliegt. Nur wenn dies der Fall ist, kann Gewalt ausgeübt werden, ohne, dass die Gegenpartei sich wehren kann.

Um noch einmal Bezug zu nehmen auf das Zitat, welches bereits in der Einleitung angeführt wurde „En muchos de mis cuentos, en mi novela Hijo de Hombre en particular […] está presente el ejemplo del rapsoda del dolor paraguyano” (Roa Bastos 1978, 30), bleibt hier noch zu ergänzen, dass sich Roa Bastos bei seinen Schilderungen, was den Schmerz des paraguayischen Volkes betrifft, welcher häufig mit Gewalt zusammenhängt, auf seine eigenen Erfahrungen stützen kann, die er beispielsweise als Jugendlicher im Chaco-Krieg sammelte (vgl. Metz 2012, 65).

Der Gewaltaspekt in seinen Werken ist für Roa Bastos auch insofern besonders wichtig, als dass er durch das Schreiben die Wirklichkeit in seinem Land, Paraguay, aufzeigen möchte:

- el Paraguay que Roa nos pinta es, en verdad, una tierra [...] que vive en la violencia, en la injusticia, en la explotaciyn. […] Roa es cruel porque quiere abolir la crueldad y la injusticia, la tiranía y la explotación (Rodríguez-Alcalá 1955, 28).

Roa Bastos verwendet Grausamkeit und Gewalt gezielt, um sie abzuschaffen. Darüber hinaus zeigen sich in diesem Satz einige Formen der Gewalt (beispielweise die Ausbeutung), auf die in der Analyse noch eingegangen werden soll.

3. Inhaltlicher Überblick Hijo de Hombre und „El trueno entre las hojas“

In diesem Kapitel soll ein inhaltlicher Überblick über Roa Bastos‘ Werk Hijo de Hombre, sowie die Kurzgeschichte „El trueno entre las hojas“ gegeben werden. Der Roman Hijo de Hombre wurde 1959 im argentinischen Exil verfasst und im folgenden Jahr erstmals veröffentlicht. Das Werk thematisiert hauptsächlich „die Geschichte Paraguays und seiner Menschen, wobei der Schwerpunkt auf dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts [20. Jahrhundert] liegt, aber auch vorausgegangene historische Entwicklung immer wieder anklingt.“ (Lustig 1989) und umfasst präziser den Zeitraum zwischen der Erscheinung des Kometen Halley (1910) und dem Chaco-Krieg. Hijo de Hombre besteht je nach Fassung aus 9 bzw. 10 Kapiteln, welche aus unterschiedlichen Erzählperspektiven dargestellt werden: etwa die Hälfte der Kapitel wird aus Sicht des Ich-Erzählers Miguel Vera geschildert, die andere Hälfte aus Sicht einer dritten Person. Wie auch in Roa Bastos‘ anderen Veröffentlichungen spielt das Thema der Gewalt eine entscheidende Rolle im Roman. Allerdings gibt es davon abgesehen ein breites Spektrum an Themen, die behandelt werden: hier wären beispielsweise Macht, die Heterogenität in der paraguayischen Gesellschaft, sowie religiöse und kulturelle Themen zu nennen.

Hernán Maximiliano Huguet resümiert die Thematik in Hijo de Hombre wie folgt:

Hay tres nódulos esenciales que permiten contar la historia del pueblo paraguayo, tres nódulos sobre los que Roa Bastos crea su sistema y que funcionan como ejes que vertebran cada uno de sus textos. Hijo de Hombre es el relato de estos tres momentos [...]. El primer nódulo comprende el viaje imaginario [...] a la dictadura perpetua de Gaspar Francia, a la Guerra Grande [...]. El segundo nódulo comprende el período de esclavitud de los obreros y las intervenciones fallidas por parte de las guerrillas rebeldes, que derivarán, en un último momento, al tercer nódulo y acaso el más importante: la Guerra del Chaco [...] (Huguet 2010, 162).

Er nimmt Bezug auf drei Hauptgesichtspunkte: zunächst die Diktatur Francias, darüber hinaus die Versklavung der paraguayischen Arbeiter und als wichtigsten Punkt den Chaco-Krieg. Diese Aspekte durchziehen Roa Bastos‘ Gesamtwerk, d.h. sie kommen nicht ausschließlich in Hijo de Hombre vor, haben dort aber eine wichtige Bedeutung.

Die Kurzgeschichte „El trueno entre las hojas“ entstammt Roa Bastos‘ gleichnamigen Sammelband, dessen erste Edition 1953 in Buenos Aires publiziert wurde und 17 Kurzgeschichten enthält (vgl. Roa Bastos 1968, 6).

Simyn Bonaví errichtet in „El trueno entre las hojas“ eine Zuckerfabrik und bietet der ortsansässigen Bevölkerung damit die Möglichkeit auf Arbeit und weckt die Hoffnung auf ein besseres Leben. Allerdings wird diese Hoffnung schnell enttäuscht, denn Gewalt und schwere Arbeit dominieren den Alltag in der Fabrik.

Die Fabrik wird im Fortgang der Geschichte durch verschiedene Personen geleitet und mit den Wechseln in der Führung, geht eine Steigerung der Gewalt einher, welche schlussendlich darin gipfelt, dass die Arbeiter (unter der Leitung des Protagonisten Solano Rojas) die Fabrik anzünden und den letzten, und gewaltvollsten Eigentümer, Harry Way, in den Flammen verbrennen lassen.

4. Gewalt

4.1. In Hijo de Hombre

Das Schlüsselkapitel schlechthin um die Gewalt in Hijo de Hombre exemplarisch aufzuzeigen ist das Kapitel IV „Éxodo“. Da eine Analyse des gesamten Romans zu weitläufig wäre, soll sich der folgende Teil auf Kapitel IV, sowie einzelne Textstellen aus anderen Kapiteln beschränken.

Die Gewalt, die in Kapitel IV ausgeübt wird, lässt sich zunächst als violencia política (vgl. Hernández Arias 2010, 1) beschreiben, welche von Julio Aróstegui als „toda acción no prevista en reglas, realizada por cualquier actor individual o colectivo, dirigida a controlar el funcionamiento del sistema.” (Aróstegui 1994, 44) definiert wird. Natí, Casiano und die anderen Arbeiter lassen sich durch das Geld, welches ihnen angeboten wird, täuschen (vgl. Roa Bastos 2011, 123). Sie schlagen diesen Weg in der Hoffnung auf ein besseres Leben und eine perspektivenreichere Zukunft für sich und ihre Familien ein und setzen sich damit zunächst unwissend der Gewalt auf der Mate-Plantage aus. Diese gehört dort zum Alltag, denn die Verhaltensweisen, die die Wächter ihnen gegenüber an den Tag legen, sind durch Gewalt geprägt, allerdings nicht wirklich durch Regeln oder Gesetze festgelegt. Sie dienen, wie in Arósteguis Definition beschrieben, der Aufrechterhaltung des Systems, welches in diesem Fall das Funktionieren der Arbeit in den yerbales bedeutet. Das gewaltvolle Verhalten, welches der Fortführung des Systems dient, äußert sich zum einen in der Art und Weise, wie mit Flüchtigen, die gefasst wurden, umgegangen wird: „Nadie había conseguido escapar. A veces alguno volvía medio muerto […] para acabar en el estaqueo, ante el terror impotente de los demas.“ (ebd., 121).

Hier zeigt sich, dass die violencia política mit der physischen Gewalt einhergeht, präziser: sie wird durch physische Methoden, beispielsweise Folter, umgesetzt. Diese Form der Gewalt trifft jeden in den yerbales und „ni los niños salvaban de las balas, del cuchillo o del lazo.“ (ebd.). Die Tatsache, dass nicht einmal Kinder dieser Gewalt entgehen können, zeigt das schreckliche Ausmaß und die Zustände, die in Takurú-Pukú herrschen, noch deutlicher auf.

In Relation zu der angeführten Definition von Gewalt, in der dieselbe auch als zwangsförmige Umsetzung von Zielen und Intentionen (vgl. Röttgers 2012, Sp. 340) beschrieben wird, bleibt hinsichtlich dieses Kapitels zu bemerken, dass die Gewalt hier in der Tat aufgrund dessen verwendet wird: das vorrangige Ziel der Besitzer der yerbales ist eine möglichst hohe Produktionsrate, die unbedingt, d.h. auch durch Gewalt, erreicht werden muss.

In diesem Sinne bringt die violencia política auch eine andere Form der Gewalt mit sich: die Ausbeutung. Die beiden Gewaltformen sind eng miteinander verbunden und inkludieren beide die physische Komponente der Gewalt. Diese physische Gewalt zeigt sich im ganzen Verlauf des Kapitels und erhält gleich zu Beginn eine besondere Wichtigkeit, denn diejenigen, die den nahezu endlosen Fußmarsch zur Plantage nicht aushalten, werden von den Aufsehern skrupellos getötet.

Algunos quedaron por el camino interminable. Los repuntadores probaban a levantarlos a punta de látigo, […]. Los dejaban entonces, pero con un poco de plomo en la cabeza […] (Roa Bastos 2011, 125).

Dies sorgt für Einschüchterung unter den Verbliebenen.

Die Gewalt durch Ausbeutung der Arbeitskraft zeigt sich besonders eindringlich am Beispiel des Kommissars Chaparro. Er hat keinerlei Scheu einem Vorarbeiter, als dieser ins Feuer fällt, ins Genick zu schießen anstatt ihn zu retten, denn „[…] lo reemplazarían. Siempre había uno nuevo. Nadie llegaba a viejo. No se les escapaba nadie.“ (ebd., 128). Das Individuum spielt auf den Plantagen keine Rolle und ist leicht austauschbar - nur seine Leistungsfähigkeit bzw. Arbeitskraft ist von Bedeutung.

Diese Tatsache zeigt erneut auf, dass Gewalt in vielen Fällen auch mit Macht einhergeht: Chaparro befindet sich in einer höheren Machtposition als der Vorarbeiter und ist deswegen in der Lage derartige Gewalt auszuüben, ohne sich vor Strafen, o.ä. fürchten zu müssen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gewalt und Macht bei Roa Bastos. "El trueno entre las hojas" und "Hijo de hombre"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Romanistisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V341524
ISBN (eBook)
9783668366176
ISBN (Buch)
9783668366183
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gewalt, macht, bastos, hijo
Arbeit zitieren
Tamara Bader (Autor), 2014, Gewalt und Macht bei Roa Bastos. "El trueno entre las hojas" und "Hijo de hombre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341524

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