Als Voraussetzung für eine harmonische Analyse des Liedes „Der Doppelgänger“ von Franz Schubert kann zunächst eine grobe Gliederung der Formteile vorgenommen werden.
Einen ersten Aspekt stellt das zugrundegelegte gleichnamige Gedicht von Heinrich Heine dar. Dieses ist in drei Strophen, zu je vier Versen gegliedert und besitzt das Reimschema aba, wobei die Kadenzen alternieren. Schubert vertonte das Gedicht als durchkomponiertes Lied. Allerdings lässt sich in der Klavierbegleitung eine große Ähnlichkeit zwischen erster und zweiter Strophe feststellen, die mit der dritten Strophe kontrastiert.
Das Klavier beginnt mit einem 4-taktigen Vorspiel (T. 1-4).
Anschließend wird die erste Strophe in zwei 8-taktigen Phrasen (A1 und A2) für jeweils ein Verspaar gegliedert, nach welchem jeweils ein 2-taktiges Zwischenspiel folgt. Während die Singstimme nur ornamentale Veränderungen erfährt, ist die Klavierbegleitung beider Verspaare identisch, sodass sie den einzelnen Versen entsprechend, weiter in 4-taktige Phrasen, die als Vorder- und Nachsatz beschreibbar sind, unterteilt werden kann, wodurch das Reimschema aba quasi musikalisch nachvollzogen wird. Die erste Gedichtstrophe kann somit als Abschnitt A bezeichnet werden.
In der zweiten Strophe wird das aba-Prinzip variiert fortgesetzt. In der Singstimme findet in Vers 1 und 3 eine Aufwärtsbewegung von d bis ais statt. Dem entspricht in Vers 2 und 4 eine Bewegung, die jedoch erst beim zweiten Mal am Zielton g ankommt. In der Klavierbegleitung wird das 4-taktige Schema der ersten Strophe fortgesetzt, allerdings wird das 2-taktige Zwischenspiel von A durch einen ausgehaltenen Akkord ersetzt (T. 33, 41) und der letzte Akkord des Schemas (T.41) verändert. Trotz dieser Veränderungen bleibt die Grundstruktur der Begleitung erhalten, wodurch sich dieser Abschnitt als A‘ bezeichnen lässt.
Die dritte Strophe ist musikalisch neu gestaltet und durch Chromatik und Rückungen vom Ausgangsmodell verschieden. Während das erste Verspaar noch eine 8-taktige Phrase erhält, besteht das zweite Verspaar der dritten Strophe nur aus 6 Takten. Diese Strophe kann im Lied als Abschnitt B bezeichnet werden.
Ein 8-taktiges Nachspiel, das sich wiederum in zwei Teile gliedern lässt beendet das Lied.
Inhaltsverzeichnis
1. Aufbau
2. Harmonik Klavierstimme
3. Singstimme
4. Semantik und Textdeutungen
5. Tonartencharakteristik
6. Heines Gedicht „der Doppelgänger“
7. Schuberts „Doppelgänger“
8. Tabellarische Darstellung
9. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, Franz Schuberts Vertonung von Heinrich Heines Gedicht „Der Doppelgänger“ einer detaillierten harmonischen Analyse zu unterziehen und dabei das Zusammenspiel von musikalischer Rhetorik, Struktur und Textausdeutung zu untersuchen.
- Analyse der harmonischen Struktur und Funktionsweise der Klavierbegleitung (Ostinato-Technik).
- Untersuchung der melodischen Gestaltung und der rhythmischen Disparität zwischen Singstimme und Klavierpart.
- Interpretation des musikalischen Ausdrucks von Schmerz und Zerrissenheit in Bezug auf das Gedicht.
- Betrachtung von rhetorischen Figuren und deren Beitrag zur musikalischen Semantik im Lichte der Schubert-Rezeption.
Auszug aus dem Buch
1. Aufbau
Als Voraussetzung für eine harmonische Analyse des Liedes „Der Doppelgänger“ von Franz Schubert kann zunächst eine grobe Gliederung der Formteile vorgenommen werden. Einen ersten Aspekt stellt das zugrundegelegte gleichnamige Gedicht von Heinrich Heine dar. Dieses ist in drei Strophen, zu je vier Versen gegliedert und besitzt das Reimschema aba, wobei die Kadenzen alternieren. Schubert vertonte das Gedicht als durchkomponiertes Lied. Allerdings lässt sich in der Klavierbegleitung eine große Ähnlichkeit zwischen erster und zweiter Strophe feststellen, die mit der dritten Strophe kontrastiert.
Das Klavier beginnt mit einem 4-taktigen Vorspiel (T. 1-4). Anschließend wird die erste Strophe in zwei 8-taktigen Phrasen (A1 und A2) für jeweils ein Verspaar gegliedert, nach welchem jeweils ein 2-taktiges Zwischenspiel folgt. Während die Singstimme nur ornamentale Veränderungen erfährt, ist die Klavierbegleitung beider Verspaare identisch, sodass sie den einzelnen Versen entsprechend, weiter in 4-taktige Phrasen, die als Vorder- und Nachsatz beschreibbar sind, unterteilt werden kann, wodurch das Reimschema aba quasi musikalisch nachvollzogen wird. Die erste Gedichtstrophe kann somit als Abschnitt A bezeichnet werden.
In der zweiten Strophe wird das aba-Prinzip variiert fortgesetzt. In der Singstimme findet in Vers 1 und 3 eine Aufwärtsbewegung von d bis ais statt. Dem entspricht in Vers 2 und 4 eine Bewegung, die jedoch erst beim zweiten Mal am Zielton g ankommt. In der Klavierbegleitung wird das 4-taktige Schema der ersten Strophe fortgesetzt, allerdings wird das 2-taktige Zwischenspiel von A durch einen ausgehaltenen Akkord ersetzt (T. 33, 41) und der letzte Akkord des Schemas (T.41) verändert. Trotz dieser Veränderungen bleibt die Grundstruktur der Begleitung erhalten, wodurch sich dieser Abschnitt als A‘ bezeichnen lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aufbau: Dieses Kapitel erläutert die formale Gliederung des Liedes in die Abschnitte A, A‘ und B unter Berücksichtigung der Strophenstruktur von Heinrich Heines Gedicht.
2. Harmonik Klavierstimme: Hier wird die harmonische Grundlage analysiert, wobei besonders das Motiv des Ostinatos, die Tetrachord-Struktur und die Grenzen der Funktionsharmonik in diesem Stück untersucht werden.
3. Singstimme: Der Fokus liegt auf der Entwicklung der Melodielinie, ihrem Verhältnis zur Begleitung sowie den rezitativischen und cantablen Elementen innerhalb der verschiedenen Formteile.
4. Semantik und Textdeutungen: Dieses Kapitel diskutiert die Relevanz musikalischer Rhetorik und Figurenlehre für das Verständnis der Ausdrucksgehalte in Schuberts Liedern.
5. Tonartencharakteristik: Die Bedeutung der Tonart h-moll wird in den Kontext der zeitgenössischen Affektenlehre und Schuberts Liedschaffen gestellt.
6. Heines Gedicht „der Doppelgänger“: Eine literaturwissenschaftliche Einordnung des Heine-Textes, wobei die Themen Sehnsucht, Heimatlosigkeit und Ironie beleuchtet werden.
7. Schuberts „Doppelgänger“: Dieses Kapitel verbindet die musikalische Analyse mit der dramatischen und psychologischen Deutung des Liedes als Ausdruck von Schmerz und Tod.
8. Tabellarische Darstellung: Eine übersichtliche Zusammenfassung der formalen und musikalischen Merkmale über den gesamten Taktverlauf hinweg.
9. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Fachliteratur zur musikwissenschaftlichen Einordnung.
Schlüsselwörter
Franz Schubert, Der Doppelgänger, Heinrich Heine, Harmonik, Ostinato, Klaviervorspiel, Singstimme, Musikalische Rhetorik, h-moll, Textausdeutung, Romantische Musik, Formanalyse, Tetrachord, Affektenlehre, Interpretationsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Lied „Der Doppelgänger“ von Franz Schubert unter besonderer Berücksichtigung seiner harmonischen Struktur, der formalen Anlage und der musikalischen Ausdeutung des zugrunde liegenden Heine-Gedichts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Text und Musik, die Rolle der Harmonik als Ausdrucksmittel sowie die formale Gestaltung und Rhythmik in Schuberts spätem Liedschaffen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die spezifischen musikalischen Mittel – insbesondere harmonische Wendungen und rhetorische Figuren – zu identifizieren, mit denen Schubert das Gefühl des Schmerzes und der Zerrissenheit in seinem Werk zum Ausdruck bringt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird eine musiktheoretische und harmonische Analyse angewandt, die durch musikwissenschaftliche Interpretationsansätze zur Rhetorik und Literaturgeschichte ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert das Lied in seine formalen Bestandteile, untersucht die Klavierstimme (einschließlich Ostinato und Tetrachord-Strukturen) sowie die Singstimme und verknüpft diese mit semantischen Textdeutungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ostinato, h-moll-Charakteristik, rhetorische Figuren, die Gegenüberstellung von Singstimme und Klavierbegleitung sowie die dramatische Steigerung innerhalb der Formteile.
Wie deutet der Autor die Rolle des Klaviers im Vergleich zur Singstimme?
Der Autor arbeitet heraus, dass beide Stimmen oft als disparate Elemente fungieren, die einander entgegenstehen oder – wie bei der „Doppelgänger“-Erkennung – eine dramatische, synchrone Einheit bilden, was den „Bühnencharakter“ des Klavierparts unterstreicht.
Warum spielt die Tonart h-moll laut der Arbeit eine besondere Rolle?
Der Autor führt an, dass h-moll nach damaligem Verständnis mit Affekten wie Schicksal, Leiden und Todesnähe verknüpft ist, was Schubert gezielt nutzt, um die düstere Stimmung des Textes zu verstärken.
Welche Bedeutung kommt dem Klaviervorspiel zu?
Das Klaviervorspiel stellt laut Autor ein zentrales Motiv (eine sequenzierte fallende Sekunde) vor, das als „Kreuz-Symbol“ gedeutet wird und den Ausdruck des Leidens für das gesamte Stück vorgibt.
- Quote paper
- Philip Henri Unterreiner (Author), 2012, Harmonische Analyse von Franz Schuberts Lied "Der Doppelgänger", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341556