Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit

Versuch einer Einordnung anhand des Menschenbildes und des Verständnisses von Entwicklung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
51 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die postkoloniale Zeit: Entwicklungshilfe - Entwicklungszusammenarbeit
1. DiePionierphasederEntwicklungshilfe
2. Die Dekaden der Entwicklungspolitik und ihre Paradigmen
3. Die Millennium Development Goals (MDG)
4. Die Wahrnehmung der Entwicklungszusammenarbeit unddieKritikanihr

III. Ein neues Instrument: Microcredit - Microfinance - Financial Inclusion
1. DasModellGrameenBankalsVorbild
2. DerganzheitlicheAnsatzderMikrofinanz
3. FinanciallnclusionalsSchrittaufdenglobalenFinanzmarkt
4. Die kritische Wahrnehmung des Mikrofinanzansatzes

IV. Entwicklung - Menschenbild - Menschenrecht
1. Was ist Entwicklung und wer ist dafür zuständig?
2. Menschenbilder: Selbstbilder und Zuschreibungen
3. Die Idee der Menschenrechte
4. EinalternativerAnsatz? Der Capabilities-Approach von Martha C. Nussbaum

V. Bestandsaufnahme:
1. Welche Erwartungen kann die Mikrofinanz erfüllen?
2. Welche Bedeutung hat die Mikrofinanz für den entwicklungspolitischen Diskurs?

VI. Ausblick

Abkürzungen

Literatur und Quellenangaben

I. Einleitung

Auf die Jahrtausendwende hin hatte die internationale Entwicklungszusammenar­beit sehr an Glaubwürdigkeit und Legitimation verloren und stand unter heftiger wissenschaftlicher und medialer Kritik. Vorangegangen waren Dekaden, in denen die industrialisierten Länder mit viel Geld und wechselnden Paradigmen und Kon­zepten versucht hatten, die Armut und Ungleichheit in der Welt zu besiegen, je­doch mussten sie sich nun eingestehen, dass dieses Ziel nicht erreicht worden war (Nuscheler 2008: 5-9). Die Idee der Spar- und Kreditgruppen, die seit den 1980ern von Muhammad Yunus, einem Wirtschaftsprofessor an der Universität in Dhaka, Bangladesh, vorangetrieben wurde, kam da zum rechten Zeitpunkt. Arme waren bislang, wenn sie in Not waren, Geldverleihern mit Wucherzinsen ausgelie­fert, weil sie auf Grund fehlender Sicherheiten keinen Zugang zum regulären Ban­kenwesen hatten. Seine Vision, diesen Menschen auf andere Weise die Möglich­keit zu Finanzprodukten wie Sparen und Kredit zu geben, und ihnen damit einen Ausweg aus Armut und Hunger zu ermöglichen, wurde von vielen Organisationen weltweit freudig aufgenommen und schien die optimale Problemlösungsstrategie für unterschiedlichste Ziele: Armut, Kinderarbeit, Ungerechtigkeit, Perspektivlosig- keit, mangelnde Bildungschancen beispielsweise sollten damit behoben, das Em­powerment von Frauen, von Rechtlosen gefördert, das Gesundheitssystem und der sozioökonomische Status der Menschen verbessert werden (vgl. CGAP[1] ). Das Vertrauen und die Hoffnung in dieses Instrument waren groß. Die Etablierung un­terschiedlicher Akteure wie beratender Nichtregierungsorganisationen (NGO), in­ternationaler Organisationen (IO), privater Ratingagenturen und Consultingfirmen sowie das Engagement von Entwicklungs- und privaten Banken führte weltweit zu einem massiven Wachstum der Branche[2] und gipfelte schließlich 2005 in der Aus­rufung des „Year of Microcredit“ durch die Vereinten Nationen sowie in der Verlei­hung des Friedensnobelpreises 2006 an Muhammad Yunus und an die von ihm gegründete Bank für die Armen, der Grameen Bank.

Die Mikrofinanz hatte im Gegensatz zu vielen bisherigen Instrumenten der Ent­wicklungszusammenarbeit einen Vorteil: ihr Einsatz beschränkte sich nicht auf eine bestimmte Zielgruppe oder einen bestimmten thematischen Sektor sondern war den unterschiedlichsten Projekten und Zielen dienlich. Mikrofinanz blieb auch nicht beschränkt auf EL und auf Akteure im Entwicklungsbereich. Reguläre Ban­ken begannen, sich für diese Sparte zu interessieren, und Industrieländer setzten Mikrofinanzprodukte zur Förderung schwächerer sozialer Schichten im eigenen Land ein[3].

Trotz vieler positiver Erfahrungen wurde in den letzten zehn Jahren zunehmend Kritik aus Industrieländern und Entwicklungsländern gleichermaßen laut. Der indi­sche Ökonom Farooque Chowdhury prangert an, dass das System der Mikrofi­nanz vom Mainstream propagiert und völlig unreflektiert übernommen worden sei. Reiche Länder und große Banken hätten die Möglichkeit, in einen neuen Markt zu investieren, ergriffen, um auszuprobieren, ob und wie viel Rendite ihr Kapital erzie­len kann (Chowdhury 2011). Und solch erschreckende Nachrichten wie die aus Andhra Pradesh, als sich im Jahr 2009 überschuldete Bauern in ihrer Ausweglo­sigkeit das Leben nahmen, bringen weltweit nicht nur in der EZ tätige Menschen dazu, überSinn und Nutzen der Mikrofinanz nachzudenken.

Wie konnte die Mikrofinanz einerseits in so kurzer Zeit so viel Begeisterung auslö­sen und zu einem wichtigen Instrument der EZ werden und andererseits so gro­ßes Unglück über Menschen bringen? Was kann die Mikrofinanz tatsächlich leis­ten? Und liegen Erfolg und Misserfolg dieses Instruments an der Erwartungshal­tung oder an der Umsetzung der beteiligten Akteure?

Bei komplexen Themen verbietet es sich, verallgemeinernde Aussagen zu treffen, denn es gibt zu jeder dieser Aussagen berechtigte Gegenbeispiele. Diese Haus­arbeit wagt sich dennoch an dieses Thema, obwohl das Feld der Mikrofinanz rie­sig ist, die Konzepte, Zielsetzungen, Umsetzungsversuche, wie auch die Rah­menbedingungen vielfältig und komplex und noch dazu im ständigen Wandel be­griffen. Die Leitfragen sind: Warum polarisiert die Mikrofinanz so sehr? Woher kommt die Kritik an ihr, welche Erwartungen werden an sie gestellt? Und kann die genauere Betrachtung des Menschenbildes und des Verständnisses von Entwick­lung dabei helfen, Gründe für den Wandel zu liefern?

Die vorliegende Hausarbeit untersucht zunächst den historischen Rahmen, den Zeitgeist, gesellschaftliche Veränderungen, also den „Boden“, auf den die Idee der Mikrofinanz fiel. Zu diesem Zweck wird eine Übersicht über die Anfänge der staat­lichen EH[4], ihre Absichten und Zielsetzungen und die vorherrschenden Paradig­men in den letzten Jahrzehnten gegeben. Parallel zur Praxis der EZ bildete sich ein wissenschaftlicher Diskurs heraus, der Strukturen, Inhalte, Argumentations­muster und damit auch Machtverhältnisse untersucht. Der Blick auf diesen Diskurs soll das Bild und die Wahrnehmung der EZ in den ersten Nachkriegsjahrzehnten ergänzen.

Stellvertretend für den Beginn der Mikrofinanz wird der Ansatz der Grameen Bank als „prototype of microcredit“ (Cramer 2011: 1) dargestellt. Indigene Finanzie­rungsmodelle gab es bereits[5], jedoch hat das Vorbild der Grameen Bank maßgeb­lich zur Verbreitung der Idee beigetragen - auch wenn diese Idee sich in den letz­ten rund 30 Jahren bis hin zum heute angestrebten Konzept der Financial Inclusi­on sehr gewandelt hat. Dieser Wandel in der Zielsetzung, der Zielgruppe und der beteiligten Akteure führt zu der Frage, ob die Mikrofinanz von heute - allgemein gesprochen - inhaltlich noch die Mikrofinanz von vor 20-30 Jahren ist oder ob sich eine neue Form entwickelt hat; ob also die kritischen Argumente am Instrument selbst sich entzünden oder an seiner neuen Form.

Die These dieser Hausarbeit lautet: die Mikrofinanz in ihren Anfängen zeigt ein neues, starkes, positives und eigenverantwortliches Menschenbild in der Entwick­lungszusammenarbeit auf und stellt damit die Legitimation vieler vorangegangener Entwicklungsparadigma in Frage. Der Wandel im Menschenbild, also in der Wahr­nehmung der Menschen in den EL und die Infragestellung von Begrifflichkeiten wie „Entwicklung“ wird in Kapitel 4 erörtert. Durch den Hype um die Mikrofinanz und den stärker werdenden Einfluss neoliberalen Gedankenguts allerdings sind neue Akteure, neue Institutionen mit neuen Regeln und neuen Konzepten wie der Financial Inclusion entstanden, die wiederum einen negativen Wandel der Mikrofi­nanzidee und des damit verbundenen Menschenbildes erkennen lassen und des­halb negative und kritikwürdige Entwicklungen mit sich brachten.

Einen alternativen Ansatz für eine neue, gleichberechtigte Sicht in der Entwick­lungspolitik bietet der Capabilities Approach von Martha C. Nussbaum. Mikrofi­nanz und auch andere Instrumente der Entwicklungspolitik können hier ihren Platz finden und zu einem guten, erfüllten Leben der Menschen beitragen.

II. Die postkoloniale Zeit der staatlichen Entwicklungspolitik: Entwicklungshilfe wird zu Entwicklungszusammenarbeit

1. Die Pionierphase der Entwicklungshilfe

Der Beginn der Entwicklungspolitik wird mit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg verbunden, genaugenommen mit der berühmten Rede des amerikanischen Präsi­denten Harry S. Truman vom 20. Januar 1949, in der er das Point-Four-Programm vorstellte und erklärte, „die entwickelten Industrienationen“ hätten die Verpflich­tung, künftig „die unterentwickelten Ländern dabei zu unterstützen, sich selbst zu helfen“ (Kunkel et al 2012: 139).

„More Than half the people of the world are living in conditions ap­proaching misery“ [...]. „Their food is inadequate. They are victims of disease. Their economic life is primitive and stagnant. Their poverty is a handicap and a threat both to them and to more prosperous areas.“ [...]

„Our main aim should be to help the free peoples of the world [...] to produce more food, more clothing, more materials for housing, and more technical power to lighten their burdens.“ [...] „This program can greatly increase the industrial activity in other nations and can raise substantially their standards of living.“

(Truman 1949: Point FourSpeech)

Damit legte er den Grundstein für zwei Narrative, die bis heute die entwicklungs­politische Ebene prägen: zum einen das Narrativ der entwickelten hegemonialen Industrienationen die eine Vorrangstellung einnehmen und zum andern das Narra­tiv, diese entwickelten Länder hätten einen Entwicklungsauftrag gegenüber den unterlegenen Länder inne (Ziai 2010: 2, 4). Tatsächlich aber ist die Entwicklungs­politik weitaus älter. Historiker bezeichnen sie als Produkt des Spätkolonialismus und der Krise der großen Kolonialreiche Englands und Frankreichs. Bereits im Versailler Vertrag von 1919 wurde festgehalten: die „Vormundschaft über die un­terentwickelten Völker“ sei mit „der heiligen Aufgabe der Zivilisation“ und „mit der Sorge um das Wohlergehen und die Entwicklung [dieser] Völker“ (Ziai 2010: 1) verbunden. In den 1920ern dann entwarfen Großbritannien und auch Frankreich eine Entwicklungspolitik für ihre Kolonien und Mandatsgebiete (Cooper 2010: 11;

Cooper 2002: 88). Sowohl die britische als auch die französische Entwicklungspo­litik erarbeitete in den frühen 1940ern Entwicklungskonzepte. Es waren öffentliche Programme, die durch staatliche Anleihen gefördert wurden - und damit grundle­gend für die spätere Entwicklungspolitik sein sollten. Unter dem Titel des soge­nannten „kolonialen Humanismus“ (Kunkel et al. 2012: 16-19; 21-24) wurde erklär­termaßen versucht, die Kultur und die Wünsche der Betroffenen vor Ort mit einzu­beziehen. Schon damals entstanden Ansätze, die später wieder zentral und er­strebenswert werden sollten: „Hilfe zur Selbsthilfe“ etwa oder „community develo­pment“ und „animation“.

In der Zeit der Weltkriege wurden entwicklungspolitische Erwägungen zurückge­stellt, und erst mit der erwähnten Point-Four-Rede von Truman begann die eigent­liche Kernphase der global verbreiteten Entwicklungspolitik.

Die Formulierungen dabei waren deutlich; die Benennungen „unter-/ weniger/wei­ter entwickelt“ beinhalten nicht nur einen qualitativen sondern auch einen temporä­ren Aspekt. Nach damaliger Auffassung bewegten sich die Gesellschaften auf un­terschiedlichen Punkten eines Zeitstranges. Die westlichen Staaten hatten die Phase der Industrialisierung bereits hinter sich. In einer Art „nachholender Ent­wicklung“ sollten die unterentwickelten Gesellschaften dieser Welt mit Unterstüt­zung von außen die Industrialisierung nachvollziehen und auf den Stand der be­reits entwickelten Staaten gebracht werden. Denn Industrialisierung galt als unab­dingbare Voraussetzung für Entwicklung (Ziai 2010: 3; Ziai 2006: Kap. 2). Die entwickelten Länder schufen zu diesem Zweck staatliche Programme, welche die wirtschaftliche, politische und soziale Situation der weniger entwickelten Länder innerhalb kurzer Zeit verbessern sollten Zu diesem Zweck wurden (als Ersatz für den Völkerbund der Vorkriegszeit[6] ) einige der bis heute tätigen Organisationen gegründet: die Food and Agricultural Organization FAO, die World Health Organi­sation WHO, die Weltbank oder auch die United Nations Organization UNO. Alle setzten sich zurAufgabe, die Entwicklung in der Welt voranzutreiben.

Die Jahre 1950-1960 werden als „Zeit der Pioniere“ bezeichnet, als Zeit, in der (staatliche) Entwicklungsbemühungen erfolgten, vorrangig aber instrumentalisiert wurden als Eindämmung („containment“) der Ausbreitung des Kommunismus (Menzel 2005: 101). Es ging um die Gewinnung von Bündnispartnern. Auswahl und Umsetzung von Entwicklungsprojekten dienten vor allem „geostrategischen und kommerziellen Interessen“ als Folge des Kalten Krieges und galten somit als wichtiger Beitrag zur Sicherheitspolitik; Friedenspolitik und Entwicklungspolitik sind seitdem nicht mehrzu trennen:

„Wenn wir einen tragfähigen und einträglichen Frieden wollen, müssen wir internationale Aktivitäten setzen.“

(Nuscheler 2008: 8)

2. Die Dekaden der staatlichen Entwicklungspolitik und ihre Paradigmen

Die 1960er: das „Entwicklung-durch-Wachstum“-Paradigma

In der ökonomisch-modernisierungstheoretischen Phase von I960 bis 1970 war die Entwicklungspolitik vorrangig Sicherheitspolitik, aber es wurden auch Konzep­te entwickelt, wie Unterentwicklung behoben werden könnte. Sowohl multilaterale als auch bilaterale EPol war von der Vorstellung geprägt, dass sich ein Land quasi von selbst entwickeln würde, wenn die Wirtschaft nur ausreichend Wachstum zeigte. In der Annahme, dass Kapitalmangel die eigentliche Ursache sei, sollten die Entwicklungsländer ausreichend Kapital bekommen und gleichzeitig stärker in den Weltmarkt eingebunden werden, der als Wachstumsmotor fungieren und eine „Entwicklung durch Wachstum“ beschleunigen sollte. Mit der Idee des „big push“ des Ökonomen Paul Rosenstein-Rodan (Easterly 2006:10) wollte man das Wirt­schaftswachstum durch einen kräftigen Investitionsimpuls einerseits und dem gleichzeitigen starken Kapitaleinsatz andererseits als gebündelte Anstrengung, angeschoben werden. Eine Art „nachholende Industrialisierung“ nach dem Vorbild der Industrieländer schien selbstverständlich und der eintretende Wohlstand, so nahm man an, würde, wie es die Theorie des „trickle-down-effect“[7] vorsah, vom Zentrum in die rückständigeren Regionen, Sektoren und zuletzt bis in die ärmsten sozialen Schichten durchsickern.

Jenseits von staatlicher Entwicklungspolitik entstanden aber auch Gegenbewe­gungen (Jugenddienst des Deutschen Entwicklungsdienstes DED, Peace-Corps), die viel stärker die „Hilfe zur Selbsthilfe“ propagierten oder als sogenannte „Grass- roots“-Bewegungen direkt bei den Armen ansetzten.

Die 1970er: die Grundbedürfnisstrategie

1969 wurde vom damaligen Weltbank-Präsidenten Robert McNamara und dem ehemaligen kanadischen Ministerpräsidenten Lester Pearson der „Pearson- Bericht“ vorgelegt. Er brachte eine Wende im Fortschrittsoptimismus der Geber­länder, denn in ihm wurde deutlich, dass das Konzept „Entwicklung durch Wachs­tum“ gescheitert war. Wachstum trat nicht in dem erhofften Ausmaß auf, zudem regional sehr uneinheitlich und wenig beständig. Die Armut hatte zugenommen und die wachstumsfördernden Maßnahmen kamen eher den korrupten Eliten der Länder als der Gesamtgesellschaft zugute (Menzel 2005: 100f).

Auf Basis des „Pearson-Berichts“ wurde für die 1970er ein neues Paradigma for­muliert. Es geht von der Annahme aus, dass Wachstum erst dann erfolgt, wenn die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt sind. Die „Grundbedürfnisstrategie“ verfolgte zwei Ziele: zum einen sollten die materiellen Grundbedürfnisse erfüllt werden, also Nahrung, Wasser, Kleidung, Wohnung und eine gute Infrastruktur. Zum andern sollten aber auch immaterielle Grundbedürfnisse der Menschen be­friedigt werden, nämlich Freiheit, Selbstbestimmung, kulturelle Identität, Gesund­heit, Bildung und Arbeit. Internationale Organisationen begleiteten die globalen Kampagnen dieses neuen Schwerpunktes. So trat beispielsweise die Food and Agricultural Organization FAO für Agrarreformen und Soforthilfe ein und forderte „Nahrung für alle“, die World Health Organization WHO erklärte „Gesundheit für alle“ zu ihrem Anliegen. Die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization UNESCO forderte „Bildung für alle“ und die International Labour Or­ganization ILO wollte „Arbeit für alle“. Die Aktionsprogramme, die in diesem Jahr­zehnt gestartet wurden, waren inhaltlich jedoch noch sehr denjenigen des „Ent- Wicklung durch Wachstum“-Paradigmas verhaftet und zeigten nicht den ange­strebten Erfolg.

Die 1980er: Streben nach Nachhaltigkeit

Auf dem Hintergrund der Ölkrise und der Wirtschaftskrise trat in diesem Jahrzehnt die Notwendigkeit klar hervor, künftig mit Ressourcen nachhaltiger umzugehen. Es wurden in diesem Zeitraum zwei bedeutende Studien erarbeitet, die ein neues Bild vom Leben „in der Einen Welt“ postulierten. Zum einen war das die Brandt-Studie, die eine Kommission unter dem Vorsitz des Altkanzlers Willy Brandt erarbeitete. Die Studie evaluierte die Erfolge der Entwicklungspolitik der vergangenen Dekade. Eine zentrale Aussage war die Vision einer neuen Wirtschaftsordnung, in der die Entwicklungsländer mit Unterstützung der Industrieländer als Partner auftreten würden. Die containment-Haltung der vergangenen Jahrzehnte wurde dahinge­hend entlarvt, dass auf den direkten Zusammenhang zwischen Aufrüstung und zunehmender Armut hingewiesen wurde. Zur neuen Wirtschaftsordnung gehörte auch, dass der Begriff Entwicklungshilfe nun offiziell durch den der Entwicklungs­zusammenarbeit ersetzt wurde[8], der besser das Bekenntnis zu partnerschaftli­chem Miteinander auf Augenhöhe wiederspiegeln sollte (Menzel 2005: 17; Bü­schel 2010)

Ein zweiter wegweisender Bericht war der 1987 von der Weltkommission für Um­welt und Entwicklung unter der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland entstanden; darin wurde eine dauerhafte und nachhaltige Entwicklung gefordert, die auch für zukünftige Generationen von Nutzen sein sollte und zudem, dass die Nutzung von Ressourcen in harmonischem Einklang mit technologischer Entwicklung und institutionellem Wandel stehen müsse (UN-Dokument: „Our Common Future“). Dieser „Nachhaltigkeitsbericht“ prägte das kommende Jahr­zehnt und wirkt bis heute.

1990er: Das verlorene Jahrzehnt

Mit der Beendigung des Ost-West-Konfliktes eröffnete sich die große Chance, auch in der Entwicklungspolitik Mauern abzubauen und den neugewonnenen Frieden zur Umsetzung von Armutsbekämpfungs- und Entwicklungsprojekten zu nutzen. Jedoch offenbarten sich auch ohne Ost-West-Konflikt viele alte und neue Konflikte, Staatszerfall und soziale Krise, Menschenrechtsverletzungen und Flüchtlingsströme den bildeten den Alltag der Entwicklungsländer. Die Zielsetzun­gen der Entwicklungszusammenarbeit fächerten sich immer weiter auf, nicht mehr nur ein Paradigma wurde gesetzt sondern ein Bündel aus Konzepten und Zielset­zungen. Die wenig erfolgreichen Konzepte der Vergangenheit hatten gezeigt, dass es für die Entwicklung eines Landes keine pauschalen, einfachen Lösungen, nicht nur den einen Ansatz gibt, sondern dass der äußerst komplexe Sachverhalt der „Unterentwicklung“ auch einen komplexen Lösungsansatz benötigt und damit ei­nen Lösungsansatz, der auch näher an den Menschen sein sollte. Die Armutsbe­kämpfung stand an oberster Stelle und sollte mit Unterzielen, wie Hilfe zur Selbst­hilfe, Capacitiy Building, Empowerment, Partizipation oder Ownership[9] erreicht werden. Außerdem gab es „Sektorkonzepte“, in denen jeweils bestimmte „Ziel­gruppen“ mit bestimmten Maßnahmen erreicht werden sollten, um ein Projekt er­folgreich durchzuführen (BMZ 2011) Dem neuen Blickwinkel geschuldet, fanden in diesem Jahrzehnt prägende Konferenzen statt, die jeweils drängende Themen der Entwicklungspolitik behandelten.

Die Ende der 1980er aufgelegten Strukturanpassungsprogramme des Washington Consensus, die als „New Paradigm of Development“ (Williamson 2004) mehr öko­nomische Stabilität bringen, das Potential des globalen Handels voll ausschöpfen und wirtschaftliches Wachstum, Reduzierung der Armut und eine gerechtere Ein­kommensverteilung mit sich bringen sollten, wurden auch in den 1990ern noch für richtig befunden, brachten aber nicht den erhofften Wandel.

3. Die Millennium Development Goals

Dadurch, dass sich die Ziele der Entwicklungspolitik immer weiter ausdifferenzier­ten, gab es, wie oben erwähnt, keine einheitlichen Paradigmen mehr. Stattdessen kam im Jahr 2000 eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Vereinten Nationen, des Internationalen Währungsfonds IWF, der Weltbank und dem Entwicklungsaus­schuss der OECD zusammen und formulierten acht Ziele, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten. Ab 2015 sollten dann die Sustainable Development Goals SDG die MDGs fortführen. Die MDGs sind folgende:

- Bekämpfung von Armut und Hunger, Vollbeschäftigung für alle
- Primärschulbildung für alle Jungen und Mädchen
- Gleichstellung der Geschlechter
- Senkung der Kindersterblichkeit
- Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Müttern
- Bekämpfung von HIV, Malaria und anderen tödlichen Erkrankungen
- ökologische Nachhaltigkeit
- Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung, die unter anderem ein offenes, regelgestütztes Handels- und Finanzsystem, den Abbau von Han­delshemmnissen und die Bemühungen um Schuldenerleichterungen bzw. Schuldenerlass für die ärmeren Länder beinhaltete

(vgl. Webseite derVereinten Nationen)

Ein starker Fokus lag auf der Messbarkeit dieser Ziele. Um sie zu überprüfen und gewichten zu können wurden 18 Unterpunkte und 48 Indikatoren definiert; außer­dem ein fester Zeitrahmen mit dem Basisjahr 1990 und dem Zieljahr 2015. Die Zielsetzungen nahmen sowohl die Entwicklungsländer (Punkte 1-7)[10] als auch die Industrienationen[11] in die Pflicht. Bei der Zwischenbilanz der MDG im Jahr 2007 (s. Zwischenbilanz der MDG) wurde festgestellt, dass die gemeinsamen Anstren­gungen zwar Früchte getragen hatten und trotz Klimawandel, Nahrungs- und Wirt­schaftskrise Erfolge erzielt wurden. Dennoch stellte UNO-Generalsekretär Ban Ki- moon klar, „dass wir das Leben der Armen nur inakzeptabel verbessert haben“ (vgl. Webseite UNO) und der Rückstand bei einer Großzahl der in Angriff genom­menen Ziele bereits so groß sei, dass die Messlatte 2015 unerreichbar schien. Vor diesem Hintergrund wurde die Formulierung der Ziele in Frage gestellt, als zu überambitioniert und unklar formuliert, und als zu pauschal, um in den kulturell sehr unterschiedlichen Ländern der Welt umgesetzt werden zu können (s. Website der UN-Kampagne).

Die Milleniums-Entwicklungsziele haben den Entwicklungsdiskurs in den letzten Jahren dominiert. Die acht Ziele im Bereich der Armutsbekämpfung und der sozia­len Entwicklung gestalteten den entwicklungspolitischen Referenzrahmen für Re­gierungen, UN-Organisationen, Wissenschaftler, NGOs und Medien. Und die Menschen, die sich engagieren, werden mehr. Die weltweite NGO-Kampagne Deine Stimme gegen Armut beispielsweise hat die Thematik popularisiert. Zu den kirchlichen und nichtstaatlichen Organisationen und Philanthropen wie die Paul & Melinda-Gates Stiftung, die neben der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit gegen die weltweite Armut kämpfen, setzen sich neuerdings Künstler wie Bono, Bob Geldoff, Herbert Grönemeyer, George Clooney und weitere populäre Perso­nen in öffentlichkeitswirksamen medialen Veranstaltungen für die armen Länder der Welt, für Gerechtigkeit, Frieden etc. ein und sammeln zu diesem Zweck große Spendensummen (s. Webseite UN-Kampagne). Doch nicht alle können diese gut­gemeinten Aktionen auch gutheißen. Denn es geht eigentlich nicht um noch mehr Geld. Wie viele Kritiker des Entwicklungsgeschehens ist auch der österreichische Ökonom Paul N. Rosenstein-Rodan der Ansicht, dass nicht der absolute Umfang von Vermögen und Einkommen die Ursache der Armut und Ungerechtigkeit auf der Welt ist, sondern deren Verteilung - auch innerhalb der armen Länder - und ihre sinnvolle Verwendung[12] (Bass 2006: 434-438). Easterly zeigt, wie leicht sich in den reichen Ländern Gelder für wohltätige und andere Zwecke mobilisieren las-

[...]


[1] Die 1995 gegründete Consultative Group to Assist the Poor ist der Weltbank angegliedert und engagiert sich im Mikrofinanzbereich beispielsweise durch: Datenerfassung, Aufstellen von Regelwerken, Evaluierung von Mikrofinanzbanken, Vermittlung von Investoren im Sinne der Financial Inclusion etc.

[2] Zahl der Mikrofinanzinstitutionen im Jahr 1997: 618; im Jahr2005 3133 (Quelle: CGAP)

[3] Großbritannien beispielsweisen vergibt Mikrokredite mit einem Zinssatz von 38% an sozial schwächere Bevölkerungsschichten; Deutschland bietet Mikrokredite als Alternative zur faktisch abgeschafften Grün­dungsprämie derArbeitsagentur an (Klaas 2010: Die Mikrofinanzindustrie).

[4] Hier soll explizit nur die staatliche internationale Entwicklungszusammenarbeit untersucht werden, nicht die kirchliche und nicht das Feld der NGOs, da sonst der Umfang der Hausarbeit gesprengt würde. Allerdings muss erwähnt werden, dass kirchliche Entwicklungszusammenarbeit von Beginn an einen anderen Ansatz hatte, indem sie den Menschen, seine Bedürfnisse und Fähigkeiten, vor allem aber seine Würde in den Mit­telpunkt stellt. Sie zeichnet sich seit je her durch eine besondere Nähe zu den Ärmsten der Gesellschaft aus und besitzt eigene gewachsene Strukturen, durch die sie auch dann noch Kontakt zu den bedürftigen Men­schen hat, wenn staatliche Strukturen auf Grund von ungünstigen politischen Rahmenbedingungen oder auch kriegerischen Auseinandersetzungen nicht mehr handlungsfähig sind (vgl. „Akteure bilateraler Zusammenar­beit“, Website des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ). Es muss festgestellt werden, dass es kein rein säkulares Wertesystem der westlichen Welt gibt; das Werte­system der westlichen Welt ist von christlicher Weltanschauung und christlichem Wertesystem durchdrungen, auch wenn keine expliziten Bezüge zu religiösen Themen hergestellt werden.

[5] Als Beispiel seien hier die Rotating Savings and Credit Assiciations erwähnt, die tanas, vor allem in Latein­amerika oder susu, in Westafrika und der Karibik; der praxisorientierte und partnerschaftliche Aspekt dieser Systeme kommt in der englischen Bezeichnung Partnerhand sehr deutlich zum Ausdruck (Murdoch und Ar- mendäriz 2010: 67).

[6] Viele Historiker begreifen den Völkerbund heute als eine Art Vorläufer gegenwärtiger global governance oder gar als „key agent in the transition from a world of formal empires to a world of formally sovereign states“ (Kunkel et al. 2012: 15). Die Erfahrungen mir dem Völkerbund hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die Geschichte der Vereinten Nationen und anderer Organisationen wie der WHO oder der ILO.

[7] Beim sogenannten „trickle-down-Effekt“ wird davon ausgegangen, dass wirtschaftliches Wachstum immer bei den wohlhabenderen und kapitalbildenden Schichten einer Gesellschaft beginnt und dann Wohlstand, Technologie, Kapital nach unten „durchsickern“, also mit der Zeit auch diejenigen Schichten erreichen, die ursprünglich nicht davon profitieren konnten (vgl. Lexikon der Geographie, Stichwort „trickle-down“).

[8] Bis in die 1980er Jahr hinein wurde die entwicklungspolitische Praxis meist „Entwicklungshilfe“ genannt und implizierte damit die Überlegenheit der „helfenden Geberländer und -Organisationen. Heute ist der bereits seit den 1950er Jahren parallel dazu gebräuchliche Begriff „Entwicklungszusammenarbeit“ üblicher; er steht für ein globales Ziel der als zeitgemäß angesehenen Entwicklungspolitik, nämlich das partnerschaftliche Wirken von Gebern und Empfängern (Büschel 2011).

[9] Die teilweise ins Deutsche schwer zu übersetzenden Begriffe Selbsthilfe, Capacitiy Building, Empowerment, Partizipation oder Ownership bezeichnen Ansatz und Zielsetzung gleichermaßen: Die Armen sollten in die Möglichkeit versetzt werden, mit Unterstützung durch Entwicklungshilfeprojekte sich selbst aus der Armut zu befreien; Capacitiy Building entspricht in diesem Zusammenhang dem Aufbau von Wissen, Fähigkeiten, En­gagement, von Strukturen und Führungsqualitäten, um die Situation in bestimmten Bereichen zu verbessern. Empowerment bedeutet die (Wieder-) Aneignung von Selbstbestimmung über die Umstände ihres eigenen Lebens, es bedeutet, die Menschen zu stärken, ihre Ressourcen zu fördern, Kompetenzen zu entwickeln um wieder Selbstbefähigung, Eigenmacht und Autonomie zu erfahren; Partizipation bezeichnet die Möglichkeit nicht nur der Teilnahme an jeglicher Art von gesellschaftlichen oder Strukturellen Prozessen, sondern auch Teilhabe daran. Ownership wiederum bedeutet in der entwicklungspolitischen Praxis die Identifikation der Menschen mit einem sie betreffenden Projekt bzw. die Eigenverantwortung, die die Menschen und die Orga­nisationen vor Ort bei der Entwicklungszusammenarbeit übernehmen, All diese Begriffe/Ansätze zielen darauf ab, die Menschen aus der Opferrolle wieder in eine selbstwirksame Rolle zu bringen.

[10] Die Entwicklungsländer sollten sich verpflichten, eigene Mittel für die Armen in ihrem Land einzusetzen, die Korruption bekämpfen, Gleichberechtigung und demokratische Prozesse fördern, (vgl. UN-Kampagne im Netz).

[11] Die Industrienationen sollten ihre wirtschaftliche Machtstellung für eine Gleichberechtigung aller Länder gebrauchen (vgl. UN-Kampagne im Netz).

[12] Rosenstein-Rodan wurde bekannt durch seine Theorie des „Balanced Growth“, einer entwicklungsökono­mische Strategie des gleichgewichtigen Wachstums; darin beschreibt er das Problem der Kapital- und Ein­kommenskonzentration in den Entwicklungsländern, der Tatsache, dass eine breite Masse der Bevölkerung am Existenzminimum lebt und der daraus resultierenden Marktenge; Ziel sei es, durch staatliche Planung und Lenkung wirtschaftlicher Akteure den Markt wieder zu öffnen und Angebot und Nachfrage in ein Gleichgewicht zu bringen.

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Details

Titel
Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit
Untertitel
Versuch einer Einordnung anhand des Menschenbildes und des Verständnisses von Entwicklung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Südasieninstitut)
Veranstaltung
Haptseminar IPE in Indien
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
51
Katalognummer
V341734
ISBN (eBook)
9783668316102
ISBN (Buch)
9783668316119
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mikrofinanz, Mikrokredit, Mikroversicherung, Indien, Nichtregierungsorganisation, Yunus, Point-Four-Program, Kolonialismus, containment, nachholende Entwicklung, trickle-down-effect, Entwicklungspolitik, Grundbedürfnisstrategie, Pearson-Bericht, Nachhaltigkeit, Entwicklungsparadigma, Empowerment, Partizipation, Ownership, Strukturanpassungsprogramm, Weltbank, Millennium Development Goals, Sustainable Development Goals, Post-development, Washington Consensus, Entwicklungsdiskurs, Financial inclusion, Entwicklung, Menschenbild, Menschenrechte, capabilities approach
Arbeit zitieren
Kathrin Schweitzer (Autor), 2015, Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341734

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