Der Aufschwung des Theaters im Ersten Weltkrieg


Hausarbeit, 2015
7 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

High Definition statt Theaterbühne?

2014: Ein typischer Moment im heutigen Kino. Es erklingt ein Schuss. Ein Schuss, der die Menschen durch seinen glasklaren und eindringlichen Klang verstummen lässt. In höchster Qualität erscheinen Bilder, die erschütternde Schicksale von aufrecht laufendenden Soldaten im Kreuzfeuer und dem Martyrium perfekt ausgebildeter Kampfmaschinen zeigen. Die Besucher des Kinosaals fühlen sich durch den Dolby Surround, das den Schuss transportiert, und das gestochen scharfe Bild auf einer riesigen Leinwand, das trügerisch dem eigenen Blick gleicht, so sehr involviert in das Geschehen, dass ihnen der Atem stockt und ihr Körper von einer Gänsehaut überzogen ist.

100 Jahre zuvor mussten die Menschen nur einen Schritt vor die Tür gehen, um diese Szene mit ihren eigenen Augen zu sehen. In meinen folgenden Ausführungen beschäftige ich mich damit, welchen Einfluss der Erste Weltkrieg auf das künstlerische Leitmedium, dem Theater, hatte und vergleiche dieses mit seinem sowohl damals, als auch heutigem Konkurrenten, dem Kino. Begonnen wird mit der Funktion des Theaters zur Zeit des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Um nicht selbst Darsteller dieses Szenarios zu werden, flohen sie in Scharen ins Theater auf der Suche nach Zuflucht und Unterhaltung. In der Zeit vor 1914 hatte das Theater eine Vergnügungsfunktion, da das Publikum nicht die bedrohlichen politischen Spannungen auf einer Bühne reflektiert sehen wollte; stattdessen spielten die Theaterhäuser Klassiker. Metropolen, wie zum Beispiel Berlin, Wien und Paris, wuchsen zu einem international bekannten Theatermagneten heran. Besonders die Städte, welche eine dynamische Massenöffentlichkeit besaßen und zugleich einen Medienmittelpunkt darstellten, nahmen eine zentrale Rolle beim Übergang vom Frieden in den Krieg ein.

Der Kriegsausbruch ebnete dem Theater einen Weg des Wachstums und Aufblühens. Auf den Theaterbühnen wurde das Thema Politik aufgegriffen und interpretiert. Die Politisierung sorgte für einen Andrang von Zuschauern in den Schauspielhäusern. Obwohl am Anfang des Kriegsausbruchs die Stimmen zahlreicher Pessimisten laut wurden und sogar ein Verlust der Kunstform des Theaters befürchtet wurde, verlegte man das Unterhaltungsangebot nun in die öffentlichen Räume. In Cafés und Restaurants wurden fortan kabarettähnliche Darbietungen geliefert. Wenig später nahmen die großen Kulturtheater ihre Tätigkeit zu Kriegsbeginn wieder auf. Einerseits sollte der Ausbruch des Krieges mit einem Wideraufleben alter Klassiker entgegenwirkt werden und andererseits bot man dem Publikum historische Stoffe aus der Militärgeschichte an, weil die Theater ein breites Angebotsspektrum liefern wollte.

In der zweiten Hälfte des Krieges strichen vermehrt Schauspielhäuser die aktuellen Unterhaltungsstücke aus ihrem Programm. Die anfängliche Euphorie in der Bevölkerung über den Krieg war am abebben und es wurde versucht, idyllisch, nostalgische Bilder und insgesamt alltagsferne Thematiken aufzugreifen, um das Publikum träumen zu lassen. Der patriotische Schein verschwand und die Rückkehr zum Alltag fand Einklang.

Das Theater, welches an der Front gespielt wurde, war nur von kurzer Dauer bedeutend. Vor allem im Kriegsgebiet war die Genrevielfalt groß aber größtenteils unwirksam. Revuen, Manegenschaustücke oder Musikpossen waren am gleichen Tag der Produktion bereits nicht mehr von Bedeutung und blieben wirkungslos. Theaterspiel an der Front unterschied sich zu den in der Stadt bekannten Unterhaltungsformen und passte sich zudem den alltäglichen Umständen der Soldaten an. Hierbei war Theater ein Weg, den erschütternden Grenzerfahrungen des Krieges Ausdruck zu verschaffen. Das Theaterspiel an der Front war ein Spiel mit Grenzen und Gegensätzen. Das künstlerische Beleben des zumeist zerstörten Kriegsgebietes war nebensächlich, allerdings stellte es auch ein Stück Ablenkung für die Frontsoldaten dar. Das Schauspiel hinter den Linien und an der Front entwickelte sich so über ein reines Unterhaltungsangebot hinaus. Entertainer und professionelle Schauspieler kamen an die Front um schauspielerische Darbietungen zu präsentieren, die von der militärischen Leitung geduldet wurden. Für die Soldaten rückte durch das Schauspiel ein Teil Heimat an die Front und der Frieden wurde fassbarer. In dieser Zeit kam zudem ein weiteres Medium auf, das Kino, welches für die Kämpfer an der Front eine Verbindung zwischen dem Zuhause und dem Kriegsgebiet darstellte. Doch inwiefern stellte das Kino einen Konkurrenten für das bisher traditionell beliebte Theater dar?

In den Anfängen fühlte sich das Schauspiel von dem Kinematograph kaum oder gar nicht angegriffen, da sich dieses auf Gebiete beschränkte, die sich im Theater nicht umsetzen ließen. Die kommenden Jahre verschlief das Theater die Weiterentwicklung des Films und der Kinos. Letztere erkannten, dass die Anpassung an die Ansprüche der städtischen Zuschauer der Schlüssel zum Erfolg war. Des Weiteren entwickelte sich das Kino von einer temporären, umherziehenden zu einer dauerhaften, beständigen Unterhaltungsanstalt, die schon bald zum Alltag der Stadt dazugehörte. Um dem Theater das Publikum abspenstig zu machen, verwendete das Kino dessen Requisiten, Thematiken und Konzepte. Nun blieb auch dem Theater nicht mehr verborgen, dass sich ein heranwachsender medialer Riese aufzubäumen drohte, der das Schauspiel zu verdrängen schien. Das Publikum war interessiert daran, Meldungen und Szenarien vom Krieg zu Gesicht zu bekommen. Hinzu kam, dass der Staat sich das Medium Film als Propagandamittel zu Eigen machte, da er erkannte, welche gesellschaftliche Anerkennung er in der Bevölkerung fand. Frauen, Kinder, Jugendliche und Senioren des Arbeitervolkes waren auf die Filmsäle als Unterhaltungsmöglichkeit angewiesen, da die Oper und das Theater mit ihren weitaus höheren Eintrittspreisen unerreichbar schienen. Kritiker behaupteten, dass das Kino durch seine niedrigen Preise nur die einfache und somit nicht intellektuelle Bevölkerung ansprach und den Menschen einen Ersatz für das Schauspiel bieten wollte.

Angesichts der Aussage, dass das Theater das künstlerische Leitmedium für die Menschen im Ersten Weltkrieg gewesen sei, gilt es an dieser Stelle zu hinterfragen, inwiefern sich das Kino gegen dieses Medium bis heute behaupten konnte? In den vergangenen 100 Jahren hat der rasante technische Fortschritt den Kinos zu einer völlig neuen Dimension verholfen. Die Zuschauer sitzen nun in modernisierten Sälen mit einer Breitwandtechnik, neusten Soundanlagen und einer gestochen scharfen Bildqualität bis hin zur dreidimensionalen Sichtweise, welche durch Brillen ermöglicht werden. Aber auch das Schauspiel ist im vergangenen Jahrhundert nicht stagniert, sondern wurde durch neue Formen erweitert. Es entstand am Ende der 1920er Jahre eine moderne Form, welche das Element Schauspiel mit Musik verband. Im Zuge dessen kam es zu einer Erneuerung jeglicher Licht und Tontechnik, sowie auch der Bühnenkulissen. Eben durch diese Modernisierungen und für alle Schichten ansprechenden Genres wurde das Musical als Form des Theaters kommerzialisiert. Durch die weitreichenden Formen des Theaters ist es kaum möglich eine preisliche Pauschalisierung zu tätigen. Ein durchschnittlicher Kinobesuch kostet im Jahr 2014 ca. 9 Euro pro Person. Eine Musicalkarte für das Musical König der Löwen kostet, je nach Preiskategorie, 70 bis 150 Euro. Ein Theaterbesuch im städtischen Schauspielhaus kann allerdings auch mit 5 Euro pro Person abgedeckt sein. Daraus ergibt sich, dass keine Verallgemeinerung in den Kostenverhältnissen getroffen werden kann.

Der größte Unterschied zwischen Theater und Kino besteht heute darin, dass bei dem einen Medium der Darsteller hinter einer Kamera agiert und bei der anderen Form des Entertainments der Schauspieler live in Szene tritt. Der Kamera unterliegt die Möglichkeit, den Protagonisten in ausgewählten Blickwinkeln und Situationen darzustellen, beispielsweise nur eine Aufnahme des Gesichts zu zeigen, um die Mimik und Gestik zu verstärken. Im Theater allerdings agieren die Schauspieler stets in voller Körpergröße vor dem Publikum und können nichts verstecken oder kaschieren. Hinzu kommt, dass vor der Kamera die Möglichkeit besteht, eine Szene zu wiederholen und zu verbessern. Das Theater ist, im Gegensatz zum Film auf einer Leinwand, eine Live-Darstellung und verursacht eine persönliche Stimmung, da Schauspieler und Zuschauer nur wenige Meter voneinander getrennt sind. Diese Tatsache lässt den Protagonisten die Möglichkeit, direkt oder indirekt mit dem Publikum in Kontakt zu treten und es vielleicht sogar zum Mitwirken aufzufordern. Trotz dieser Besonderheiten sinken die Besucherzahlen im Theater von Jahr zu Jahr. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Kino fassbarer, authentischer und realitätsnäher geworden ist. Technische Erneuerungen ermöglichen eine Reizung aller Sinne des Zuschauers.

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Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Der Aufschwung des Theaters im Ersten Weltkrieg
Note
1,7
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V341745
ISBN (eBook)
9783668315839
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erster Weltkrieg, Theater, Kino, Politik, Politisierung
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Der Aufschwung des Theaters im Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341745

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