Freud und Schnitzler: Doppelgänger? Hat der Psychoanalytiker den Wiener Dichter beeinflusst?


Seminararbeit, 2004

18 Seiten, Note: unbenoteter Schein


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. Doppelgänger-Metapher

2. Hypnose

3. Traumauffassungen
3.1 Trauminhalte und Wunscherfüllung
3.2 Verfremdungsmechanismen
3.3 Funktion von Träumen

4. Psychoanalyse
4.1 Das Unbewusste und das Instanzenmodell
4.2 Der Ödipuskomplex
4.3 Die psychoanalytische Methode
4.3.1 Die freie Assoziation und der Innere Monolog
4.3.2 Kritik an der psychoanalytischen Methode

5. Resümee

LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Arthur Schnitzler, der nicht nur ein Zeitgenosse Sigmund Freuds, sondern auch aufmerksamer Leser und Kritiker seiner Publikationen war, erfuhr des öfteren Vergleiche mit dem Begründer der Psychoanalyse und wurde häufig sogar als „Doppelgänger“ Freuds bezeichnet.

Freud selbst äußerte in seinem Glückwunschschreiben vom 14.5.1922, zum 60. Geburtstag Schnitzlers, eine „Doppelgängerscheu“[1] gegenüber dem Dichter, was bis heute zu umfangreichen Diskussionen hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Freud und Schnitzler geführt hat. Immer wieder wurde die Frage gestellt, inwieweit der Psychoanalytiker den Dichter beeinflusst hat und ob Schnitzler in seinen Werken bereits Erkenntnisse der Psychoanalyse und der Traumdeutung vorweggenommen hat.

Zunächst stellt sich die Frage, warum sich Freud dieser Doppelgänger-Metapher bediente und wie sie verstanden werden kann.

Weiterhin soll in dieser Arbeit erörtert werden, in welchen Punkten Schnitzler und Freud sich wirklich berühren und wo ihre Ansichten voneinander abweichen oder sie sich sogar gegenseitig kritisieren. Dabei bilden die Hypnose, die Traumauffassungen, sowie die Psychoanalyse die Hauptkategorien dieser Untersuchung.

Hier kann jedoch nicht auf alle Einzelheiten der Freudschen Theorien eingegangen werden, sondern nur die Hauptpunkte berücksichtigt werden.

Letztendlich soll die Frage näher betrachtet werden, inwiefern man Schnitzler und Freud tatsächlich als Doppelgänger bezeichnen kann.

1. Die Doppelgänger-Metapher

Schon im Jahre 1919, also drei Jahre vor seinem Brief an Arthur Schnitzler, hatte sich Sigmund Freud eingehend mit dem Doppelgängertum beschäftigt. In seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ charakterisiert Freud Doppelgänger als „[...] Personen, die wegen ihrer gleichen Erscheinung für identisch gehalten werden müssen [...]“[2].

Nach Freud stellt der Doppelgänger eine Figur dar, in welcher sich Ich-Strebungen manifestieren, die aus bestimmten Gründen nie verwirklicht werden konnten. Ebenso können dem Doppelgänger Inhalte zugewiesen werden, welche der Zensurinstanz, die für Selbstbeobachtung und Selbstkritik verantwortlich ist, zu „anstößig“[3] erscheinen. Auf den Doppelgänger kann aber auch anderes Unbewusstes projiziert werden, zum Beispiel verdrängte Wünsche oder Entscheidungen. Weiterhin verkörpert der Doppelgänger nach Freud auch alternative Lebensführungen, welche verworfen, jedoch nie wirklich vergessen wurden.

Die unheimliche Wirkung jedoch erzielt der Doppelgänger nicht nur auf Grund der vorher genannten Manifestierungen, sondern vor allem, weil er einer Phase der Ich-Entwicklung angehört, die bereits überwunden wurde und in der er eine positive Vorstellung war.

Mit dem Überwinden erlischt die positive Vorstellung vom Doppelgänger als Absicherung für den Fortbestand des Ichs und wird zu einem unheimlichen „Schreckbild“[4], welches auch die eigene Vergänglichkeit ins Bewusstsein ruft.

Vor diesem Hintergrund läßt sich hinsichtlich der im Brief an Schnitzler erwähnten Doppelgängerscheu vermuten, dass Freud eine seiner alternativen Lebensführungen in Schnitzler verkörpert sah, nämlich die, des Schriftstellers, welche Freud zugunsten der Medizin aufgab. Auch der Fakt, dass Schnitzler in seinen literarischen Werken ähnliche Themen zur Sprache bringt wie Freud und teilweise zu denselben Ergebnissen kommt, erzeugt bei Freud ein Gefühl von „unheimliche[r] Vertrautheit“[5].

Inwiefern diese Freudschen Vorstellungen vom Doppelgänger tatsächlich auf Schnitzler zutreffen, soll am Ende dieser Arbeit, nach den folgenden Betrachtungen erörtert werden.

2. Hypnose

Auf dem Gebiet der Hypnose betätigten sich sowohl Freud als auch Schnitzler. Ersterer entwickelte während seines Aufenthaltes in Paris 1885, bei dem berühmten Neurologen Jean Martin Charcot ein ausgeprägtes Interesse für dessen Methode der hypnotischen Suggestion. Charcot setzte die Hypnose nicht, wie zu dieser Zeit üblich, als Showelement ein, sondern versuchte ernsthaft, psychische Erkrankungen durch sie zu heilen. Auch Freud versuchte Fälle von Hysterie mittels der Hypnose zu heilen. Der von Charcot vertretenen These, dass der Zustand der Hypnose nur bei Hysterikern hervorgerufen werden kann, widersprachen Hippolyte Bernheim und Ambroise A. Liébeault von der Hypnoseschule in Nancy. Ihrer Ansicht nach sei die Hypnose bei fast jedem anwendbar. Zunächst favorisierte Freud keine der beiden Theorien, obwohl er Charcot weitaus mehr zugeneigt war. So übersetzte Freud 1886 Charcots Werk „Leçons sur les maladies du système nerveux“ und zwei Jahre später auch Bernheims „De la suggestion et de ses applications à la thérapeutique“. 1889 traf Freud Bernheim in Nancy und tendierte nun mehr zu seinen Auffassungen. Doch schon wenig später (um 1890) wandte sich Freud wieder von der Hypnose ab, weil sie eine unzuverlässige Methode war und keine dauerhaften Verbesserungen für den Patienten bewirken konnte. Stattdessen entwickelte Freud die Methode der „freien Assoziation“, die ab 1892 zum Einsatz kam.

Arthur Schnitzler begann 1888 sich mit der Hypnose zu beschäftigen. Sein Interesse wurde durch das Lesen der Arbeiten von Charcot und Bernheim geweckt. Die von Freud übersetzten Werke von Charcot und Bernheim rezensierte Schnitzler in den medizinischen Fachzeitschriften Wiener Medizinische Presse und Internationale Klinische Rundschau und lobte dabei vor allem Freuds „ausgezeichnete[...] Übersetzung“[6]. Seine eigenen Erfahrungen mit der Hypnose als Heilmittel schilderte Schnitzler in der wissenschaftlichen Abhandlung „Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und Suggestion“, in der er sich unter anderem auch auf Bernheims Beobachtungen bezieht. Weiterhin veranstaltete Schnitzler hypnotische Experimente in der Poliklinik seines Vaters, die über das rein wissenschaftliche Interesse hinausgingen und in den Augen einiger Zuschauer eher den Darbietungen eines Bühnenmagnetiseurs entsprachen. Schnitzler selbst empfand diese Experimente als „anregend“[7], was zeigt, dass es ihm an gewisser Ernsthaftigkeit gegenüber der wissenschaftlichen Erforschung des Hypnotismus mangelte. Dennoch stieß er auf dieselben Probleme der Hypnose, wie Freud. So heißt es am Ende seiner Arbeit über Aphonie :

„Auf wie lange kann man die Stimme herstellen ? Da ist nun absolut keine sichere Antwort möglich. [...] So würde ich nicht wagen, unter einen meiner Fälle das kühne Wort ‚geheilt‘ zu setzen [...].“[8]

Auch Schnitzler erkannte die Unzuverlässigkeit der hypnotischen Suggestion, sowie den Fakt, dass einige Patienten nur nach mehreren Versuchen oder sogar überhaupt nicht zu hypnotisieren waren.

Dennoch spiegeln sich Schnitzlers Erfahrungen mit der Hypnose auch in seinem literarischen Frühwerk wieder. Die Hypnose-Szenen im Einakter „Die Frage an das Schicksal“ aus dem Anatol-Zyklus (1889) und im „Paracelsus“ (1897) zeigen, wie der Versuch unternommen wird, über die Erinnerung die Wahrheit über einen bestimmten Sacherverhalt ans Licht zu bringen. Erfolgt in „Die Frage an das Schicksal“ noch eine humorvolle Darstellung einer Hypnose-Szene, in der die Hauptfigur das Experiment aus Angst vor einer Desillusionierung kurz vor der entscheidenden Frage abbricht, lässt Schnitzler Paracelsus an der Richtigkeit seiner Hypnoseergebnisse zweifeln.

Das ärztliche Vorwissen Schnitzlers, welches im „Paracelsus“ offensichtlich wird, würdigt auch Freud in seinem 1905 veröffentlichten Buch „Bruchstück einer Hysterieanalyse“. Dies ist jedoch eine der wenigen Erwähnungen von Schnitzlers literarischem Schaffen bei Freud.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Freud und Schnitzler in der Hypnose einen großen gemeinsamen Berührungspunkt haben.

[...]


[1] Freud, Sigmund: Briefe 1873-1939. Hrsg. von Ernst und Lucie Freud. Frankfurt am Main: S. Fischer

Verlag 1960. S. 339

[2] Freud, Sigmund: Das Unheimliche. In: Sigmund Freud. Studienausgabe, Bd. IV. Hrsg. von

Alexander Mitscherlich, Angela Richards und James Strachey. Frankfurt am Main : S. Fischer Verlag

1970. S. 257

[3] Ebd., S. 258

[4] Ebd., S. 259

[5] Freud, Sigmund: Briefe 1873-1939. S. 339

[6] Schnitzler, Arthur: Medizinische Schriften. Wien, Darmstadt: Paul Zsolnay Verlag 1988. S.82

[7] Schnitzler, Arthur: Jugend in Wien. Eine Autobiographie. Hrsg. von Therese Nickl und Heinrich

Schnitzler. Wien-München-Zürich: Verlag Fritz Molden 1968. S.319

[8] Schnitzler, Arthur: Medizinische Schriften. S.208/209

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Freud und Schnitzler: Doppelgänger? Hat der Psychoanalytiker den Wiener Dichter beeinflusst?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Seminar: Die Wiener Literatur um 1900 und die Psychoanalyse
Note
unbenoteter Schein
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V34189
ISBN (eBook)
9783638344890
ISBN (Buch)
9783638826808
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freud, Schnitzler, Doppelgänger, Seminar, Wiener, Literatur, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Susanne Hartung (Autor), 2004, Freud und Schnitzler: Doppelgänger? Hat der Psychoanalytiker den Wiener Dichter beeinflusst?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34189

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