Der Aspekt der Sprache in Emmanuel Lévinas' Ethik der Alterität

Das Antlitz spricht: „Du wirst nicht Töten“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Vom Sein zum Seienden – Die Ethik von Emmanuel Lévinas
2.1. Die Ethik geht der Ontologie voraus
2.2. Die Idee des Unendlichen
2.3. Der ethische Widerstand des absolut Anderen

3. Der ethische Effekt der Sprache
3.1. Das Antlitz spricht
3.2. Die Infragestellung
3.3. Das Antlitz ruft zur Verantwortung und zur Freiheit
3.4. Die Sprache als Überbrückung der absoluten Differenz

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vor dem Hintergrund der Kriege des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich auch die Philosophie mit Erklärungsversuchen der Ursache der neuen totalitären Vernichtungskriege, die schließlich in der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkrieges, der Shoa, kumulierte. Auch der französische Philosoph Emmanuel Lévinas erarbeitete vor dem Horizont der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges und der Shoa seine Theorie der Alterität. Für Lévinas besteht die Gewalt des Krieges nicht primär im Verletzen und Vernichten, sondern in der Unterbrechung der Kontinuität der Person. Die Identität des Selben wird durch den Krieg zerstört.[1]

Lévinas formuliert eine Kritik der philosophischen Tradition, der die Ontologie als erste Philosophie gilt. Durch das Primat der Erkenntnis und der Universalität wird das Andere negiert und auf das Selbe reduziert, somit wird die Menschlichkeit aus den Augen verloren. Lévinas erkennt daher nicht in der Ontologie, sondern in der Ethik die Erste Philosophie, denn nur in der Beziehung von Mensch zu Mensch zerbricht die Totalität des Krieges.

Da es nicht möglich ist, im Rahmen der vorliegenden Arbeit das umfangreiche und anspruchsvolle Werk Lévinas’ in seiner Gesamtheit darzustellen, wird der Schwerpunkt auf seiner 1961 erschienenen Habilitationsschrift „Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität“[2], die als sein erstes Hauptwerk gilt, liegen. Besonders wird auf die Bedeutung der Sprache für Lévinas’ Verständnis der Ethik eingegangen, die er hier in ihren Grundzügen ausarbeitet. In seinem zweiten Hauptwerk „Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht“[3] vertieft Lévinas seine Gedanken zur Bedeutung der Sprache noch weiter.

Die vorliegende Arbeit gibt zunächst einen Überblick über Lévinas’ grundlegende Thesen bezüglich des Zusammenhangs zwischen Ontologie, Totalität und Krieg, bevor seine These der Ethik als soziale Beziehung zwischen Menschen detailliert dargestellt wird. Im zweiten Teil steht die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle die Sprache in der Beziehung zum Anderen spielt und wie diese in Gestalt des Antlitzes das Subjekt zur Verantwortung gegenüber dem Anderen aufruft. Resümierend soll Lévinas’ Denken in „Totalität und Unendlichkeit“ in seinem Gesamtwerk eingeordnet werden und eine kurze Darstellung der Rezeption der Ethik des Anderen erfolgen.

2. Vom Sein zum Seienden – Die Ethik von Emmanuel Lévinas

Die philosophische Disziplin der Ontologie, der Lehre des ‚Seins als solches‘, beansprucht historisch in der abendländischen philosophischen Tradition ‚erste Philosophie‘ zu sein. Die Ontologie bezieht sich nicht auf das einzelne Seiende, das Besondere, sondern auf das dem Einzelnen innewohnende allgemeine Sein. Sie ist in zwei Bereiche aufgespalten: die unvollkommene, vergängliche Welt der sinnlichen Wahrnehmung und eine geistige Ideenwelt, die alles Denk- und Vorstellbare umfasst. Da der Mensch über Vernunft verfügt, ist es ihm möglich, die unmittelbar erfahrbare Welt zu transzendieren und Zugang zum ‚jenseits des Seins’ zu erlangen. Alle sinnlich wahrnehmbaren Einzelphänomene sind dieser geistigen Sphäre untergeordnet und werden auf ihren allgemeinen Seinsgrund zurückgeführt. Lévinas zufolge geht von diesem ontologischen Denken die Gefahr der Totalität allen Denkens aus.[4] Durch die Rückführung alles einzelnen Seienden auf das Allgemeine entsteht die totale Herrschaft des Subjekts über das Objekt. Lévinas sagt: „Die Ontologie als erste Philosophie ist eine Philosophie der Macht.“[5] Er versteht diese Art des ontologischen Denkens als Krieg.[6] Gegenüber dieser philosophischen Tradition versucht Lévinas die Ethik als ‚prima philosophia‘ zu denken.

2.1. Die Ethik geht der Ontologie voraus

Lévinas kritisiert die abendländische ontologische Tradition, da diese daran interessiert ist, das individuelle Seiende dem Allgemeinen, dem Sein, unterzuordnen. „Sie [die Beziehung mit dem Sein] ist daher keine Beziehung zum Anderen als einem solchen, sondern die Reduktion des Anderen auf das Selbe.“[7] Die Beziehung des Selben zum Anderen wird der Mittelpunkt seiner Ethik. Lévinas geht hier nicht vom Selben aus, sondern beginnt bei der Andersheit des einzelnen Seienden um seine Ethik zu begründen. Er beruft sich als Schüler Edmund Husserls methodisch auf die von diesem begründete Phänomenologie, der Analyse der sinnlichen Erfahrung, aus der die universale Wahrheit aller Erfahrung gewonnen werden kann. Über Husserl hinausgehend, beschreibt Lévinas den Anderen jedoch nicht aus der erkennenden Perspektive der individuellen subjektiven Wahrnehmung[8], er geht von einer radikalen Trennung zwischen dem Selben und dem Anderen aus.[9]

Das Primat des Selben[10] nimmt dem fremden Seienden seine Andersheit, indem es das Selbe nicht in Frage stellt, sondern das Andere neutralisiert und in das Selbe integriert. Die ontologische Ebene beschreibt Lévinas als eine Förderung der Freiheit des Subjekts, das sich als Identifikation des Selben vollzieht, aber auch eine Reduzierung auf die Totalität darstellt. Lévinas zufolge ist die Fremdheit des Anderen jedoch nicht auf das Selbe zurückzuführen. Denn der Andere hat so keine eigene irreduzible Qualität, er erscheint lediglich als „Noch-nicht-Selbes“.[11] Doch schon die Gegenwart des Anderen stellt laut Lévinas meine Freiheit in Frage. „Diese Infragestellung meiner Spontanität durch die Gegenwart des Anderen heißt Ethik.“[12] Der Andere bricht in die Sphäre des Selben ein und lässt diesem nicht die Wahl, sich der Begegnung zu entziehen. Der Andere fordert das Selbst auf, ihm zu antworten und seine Unvorhersehbarkeit eröffnet die ethische Dimension. Das heißt, für Lévinas beginnt die Ethik in der Begegnung von Mensch zu Mensch.[13] Diese „[...] Beziehung mit dem Anderen als Gesprächspartner, diese Beziehung mit einem Seienden geht aller Ontologie voraus.“[14]

2.2. Die Idee des Unendlichen

Dem Begriff der Totalität stellt Lévinas den Begriff der Unendlichkeit zur Seite, den er anhand René Descartes’ ‚Idee des Unendlichen‘ erarbeitet.[15] Außerhalb der Totalität gibt es etwas, das nicht auf das Allgemeine zurückzuführen ist. Ein „Sein jenseits der Totalität [...]“[16].

Descartes versteht Gott als Idee des Unendlichen. Die Existenz Gottes setzt voraus, dass Gott ein unendliches denkendes Etwas ist, das von dem endlichen denkenden Etwas nicht vorgestellt und hervorgebracht werden kann. Descartes geht somit davon aus, dass es eine Ursache für die Vorstellung von Gott gibt. Dies nennt er einen Beweis, dass Gott existiert und dem endlichen denkenden Subjekt die Vorstellung des Unendlichen gegeben hat. Gott existiert außerhalb des denkenden Subjekts.[17] Diese Idee der Unendlichkeit ist für Lévinas die absolute Andersheit des Anderen gegenüber dem Selben.[18]

Wirkliche Transzendenz kann es Lévinas zufolge nur in der ethischen Beziehung mit dem Anderen geben, der Andere ist Transzendenz außerhalb meines Denkens. Dies nennt er Exteriorität.[19] In der Begegnung mit einer Andersheit, die absolut außerhalb meines eigenen Selbst liegt, kann man in eine Beziehung zum Unendlichen treten, die man jedoch „in anderen Ausdrücken wird ausdrücken müssen als denen der objektiven Erfahrung.“[20] Lévinas spricht von absoluter oder reiner Erfahrung, die sich durch die Rede gibt. Ein Punkt auf den wir im zweiten Teil noch zurückkommen werden.

2.3. Der ethische Widerstand des absolut Anderen

Das Subjekt steht in Lévinas’ Ethik nicht in einer Beziehung zu einem universellen Gesetz, das moralisches Handeln festlegt. Das Ethische ereignet sich in der Begegnung mit dem Anderen ‚Von-Angesicht-zu-Angesicht’. Anders als die klassischen, der Ontologie zugehörigen Ethikansätze stellt Lévinas den Anderen nicht nur als dem Subjekt gleichartig und gleichwertig dar. Er spricht sowohl von dem absolut Selben[21] als auch von dem Anderen als absolut Anderen.[22]

„In der Idee des Unendlichen wird gedacht, was immer außerhalb des Denkens bleibt.“[23] Die Idee des Unendlichen ist jedoch keine Vorstellung des Unendlichen.[24]

[...]


[1] vgl. Lévinas, : Totalität und Unendlichkeit: Versuch über Exteriorität. Freiburg (Breisgau) 2002, S. 20

[2] im Folgenden zitiert als: TU

[3] Lévinas, Emmanuel: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Freiburg (Breisgau); München 1992.

[4] vgl. Staudigl, Barbara: Emmanuel Levinas. Göttingen 2009, S. 19f. sowie Rehfus, Wulff D. (Hg.): Handwörterbuch Philosophie. Göttingen 2003, S. 512f.

[5] TU S. 55

[6] vgl. TU S. 19f.

[7] TU S. 55

[8] vgl. TU S. 30 „Die Beziehung zwischen dem Selben und dem Anderen läuft nicht immer auf die Erkenntnis des Anderen durch das Selbe hinaus, [..].“

[9] vgl. TU Seite 39

[10] Lévinas kritisiert das Primat des Selben sowohl in der klassischen Ontologie, als auch in der Phänomenologie.

[11] vgl. Staudigl, Emmanuel Levinas, S. 21

[12] TU S. 51

[13] vgl. Staudigl, Emmanuel Levinas, S. 24 Lévinas Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Philosophie wird in dieser Arbeit außen vor bleiben. Eine umfangreiche Untersuchung dazu liefert Baba, Teodor Bernardus: Außerhalb des Seins. Die Überwindung der Lebensontologie Martin Heideggers durch die Transzendenzphilosophie von Emmanuel Lévinas. Göttingen 2006.

[14] TU S. 58

[15] vgl. TU S. 26

[16] TU S. 22 (Hervorhebung von Lévinas)

[17] vgl. Poser, Hans: René Descartes: Eine Einführung. Stuttgart 2003, S. 83f.

[18] vgl. TU S. 60f.

[19] vgl. Staudigl, Emmanuel Levinas, S. 33

[20] TU S. 26

[21] vgl. TU S. 40

[22] vgl. TU S. 44

[23] TU S. 26

[24] vgl. TU S. 30

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Aspekt der Sprache in Emmanuel Lévinas' Ethik der Alterität
Untertitel
Das Antlitz spricht: „Du wirst nicht Töten“
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Praktische Kulturphilosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V341892
ISBN (eBook)
9783668316713
ISBN (Buch)
9783668316720
Dateigröße
979 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Sprache, Linguistik, Andere, Sozialphilosophie
Arbeit zitieren
Sabrina Runge (Autor), 2015, Der Aspekt der Sprache in Emmanuel Lévinas' Ethik der Alterität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341892

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