Theodor Fontanes "Der Stechlin". Übersicht und Analyse


Referat (Ausarbeitung), 2015

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzvita

Der Stechlin als Zeitroman des Realismus

Gespräche im Stechlin

Interpretation
Alt versus Neu
Weite versus Enge
Dubslav Stechlin und Melusine von Barby
Rezeption

Bibliographie
Primärquelle
Sekundärquellen

Kurzvita

Henri Théodore (Theodor) Fontane wurde am 30.12.1819 geboren und wuchs in materiell gesicherten Verhältnissen auf.[1] Ausführung über Fontanes „wechselvolle Biographie“[2] müssen an dieser Stelle ausgespart bzw. auf ein absolutes Minimum beschränkt werden. Es sei aber darauf hingewiesen, dass Fontanes wichtigste literarische Leistungen in seinem letzten Lebensdrittel entstanden.[3] Außerdem zählte Fontane zu den ersten Autoren, die ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit dem Schreiben verdienen konnten.[4] Dies war nicht zuletzt aufgrund der unvergleichlich lukrativen Honorare, die für Vorabdrucke bezahlt wurden, möglich.[5]

1848 nahm Fontane an den Barrikadenkämpfen in Berlin teil und begann wenig später, revolutionär-demokratische Beiträge in der „Berliner Zeitungshalle“ zu veröffentlichen.[6] Mauelshage merkt hierzu an, dass eben diese Beiträge zeigen, dass Fontane kein Revolutionär gewesen sei, denn „er verleiht seiner Anhängerschaft an das alte Preußen, an dessen Militär- und Kriegswesen Ausdruck, nicht aber demokratisch-antipreußischen Gesinnungen.“[7] Craig betont, dass Fontanes Rolle als Revolutionär eine bescheidene war. Er habe lediglich als radikaler Journalist die Revolution mit seinen Zeitungsartikeln zu verteidigen versucht.[8] Außerdem habe Fontane nur sporadisch Interesse an der Politik gezeigt und sich nie eingehender mit ihr auseinandergesetzt.[9]

Der Stechlin entstand in der Zeit von November 1895 bis Juli 1897. Der Stechlich erschien als Vorabdruck in „Über Land und Meer“ 1897/98, der Erstabdruck erschien im Oktober 1898 im Friedrich Fontane & Co. Verlag in Berlin,[10] einen Monat nach Fontanes Tod.[11]

Der Stechlin als Zeitroman des Realismus

Ein Zeit- oder Gesellschaftsroman zielt darauf ab, das Bild einer Gesellschaft, ihrer Zeit und ihrer Probleme zu entwerfen. Dies geschieht häufig in gesellschaftskritischer Absicht.[12]

Fontane verstand sich selbst als Realisten, auch wenn er nie eine Programmatik des Realismus lieferte. Vielmehr hat er sich in Aufsätzen, Rezensionen, Theaterkritiken und Briefen dahingehend geäußert, dass er sich als Realisten sah.[13] Seiner Auffassung nach muss die realistische Literatur zwar konsequent von der Realität ausgehen, darf sich aber nicht bedingungslos an sie binden. Realität ist demzufolge der Ausgangspunkt bzw. das Material des künstlerischen Schaffensprozesses, welche vom Autor subjektiv gedeutet werden muss.[14]

Fontane selbst bezeichnete den Stechlin wiederholt als einen Zeitroman. Seiner Auffassung nach hat ein Zeitroman das Stoffliche preiszugeben und die Handlung im Gespräch aufzulösen; in anderen Worten: das Hauptaugenmerk liegt auf der Darstellung, nicht auf dem Inhalt.[15] Fontane formulierte dies so:

Die Mache! Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts. Einerseits auf einem altmodischen märkischen Gut, andererseits in einem neumodischen gräflichen Hause (Berlin) treffen sich verschiedene Personen und sprechen da Gott und die Welt durch. Alles Plauderei, Dialoge, in dem sich die Charaktere geben, und mit ihnen die Geschichte. Natürlich halte ich dies nicht nur für die richtige, sondern für die gebotene Art, einen Zeitroman zu schreiben, bin mir aber gleichzeitig nur zu sehr bewußt, daß das große Publikum sehr anders denkt und Redaktionen – durch das Publikum gezwungen – auch.[16]

Aust vermerkt zu Fontanes Realismusauffassung folgendes:

Was immer er unter >Verklärung< verstanden haben mag (Lösungsperspektiven, Humor etc.), sein Realismus erschöpft sich nicht im Akt der Widerspiegelung, sondern konstituiert eine ebenso wiedererkennbare wie befremdlich bzw. erst noch zu schaffende Welt, die infolge eines überaus diffizilen Verweisungsgeflechts sichtbar wird; zahllose Wirklichkeitspartikel nehmen aufeinander Bezug und geben sich wechselseitig Bedeutung.[17]

Der Zeitbezug des Stechlin wird insbesondere durch die Tatsache deutlich, dass zahlreiche Zeitgenossen Fontanes aus den Sphären Politik, Kunst und Wissenschaft im Roman vertreten sind.[18] Neben den Auftritten zeitgeschichtlicher Persönlichkeiten enthält Der Stechlin auch zahlreiche aktuelle Bezüge auf historische Gegebenheiten.[19]

Über die Frage, ob Der Stechlin ein Zeitroman oder ein politischer Roman sei, wurde in der Sekundärliteratur ausführlich und häufig diskutiert.[20] Fontane hat den Stechlin auch als politischen Roman angekündigt,[21] so zum Beispiel in einem Brief im Dezember 1895 an Paul Schlenther, in dem er von einem kleinen politischen Roman spricht, den er noch vor Weihnachten vollenden wolle.[22] Ob dieser Ankündigung verwundert es, dass die Politik im Roman nur sehr behutsam angesprochen wird. Politische als auch soziale Probleme der Zeit, insbesondere jene, die den vierten Stand betreffen, werden zwar durchaus im Roman behandelt, kommen aber nur[23] „in der durch das Medium des Gesprächs gedämpften Form zur Sprache.“[24] Nicht der Wahlkampf, ein Streit der Meinungen oder die siegreiche Arbeiterpartei werden gezeigt,[25] „sondern das unbekümmerte Vergessen der konservativen Niederlage bei Wein und ‚guten Einfällen‘ werden vorgeführt.“[26] Der Name Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers, wird sogar konsequent verschwiegen,[27] obwohl der Kaiser indirekt immer wieder präsent ist.[28] Betrachtet man Fontanes Korrespondenz der neunziger Jahre genauer, so zeigt sich, dass er dem jungen Kaiser mit schwindender Sympathie gegenüberstand, ihn aber intensiv beobachtete.[29] Obwohl dem Kaiser selbst ausgewichen wird, wird dennoch Kritik an ihm geübt. Dies zeigt sich beispielsweise in einer Äußerung Dubslavs über Staatsoberhäupter, die Geschenke verteilen:[30] „Ich kann das >Schenken< eigentlich nicht leiden, es hat so etwas von Bestechung und sieht aus wie’n Trinkgeld Und Trinkgeld ist noch schlimmer als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und gar nicht.“[31] Kaiser Wilhelm II. pflegte mit Kisten voller Geschenke auf Reisen zu gehen und verfuhr mit diesen oft äußerst taktlos.[32]

Gespräche im Stechlin

„Fontane gilt als der unerreichbare Meister der Konversation.“[33]

Etwa zwei Drittel des Romans sind Gespräche.[34] Im Stechlin wird „eigentlich nicht mehr auktorial erzählt. Der auktoriale Gestus ist gleichsam nur noch die formale Klammer um ein Geflecht von Konversationen, die die erzählte Welt multiperspektivisch vermitteln.“[35] Gegen das des öfteren vorgebrachte Argument der Verselbständigung der Gespräche ist anzumerken, dass diese vorne und hinten sozusagen abgeschnitten sind. Das bedeutet, dass der Erzähler bestimmte Teile aus den Unterhaltungen auswählt, wodurch Schwerpunkte im Ablauf der Sequenz sowie des Romangeschehens gesetzt werden. Da die Gespräche zudem thematisch mit anderen Romanteilen verknüpft sind, entsteht ein Beziehungsgeflecht.[36]

Durch die Dominanz des Gesprächs dominieren die Figuren während der Erzähler als unsichtbarer Part an den Gesprächen teil hat und diese für den Leser aufzeichnet.[37] Daraus folgend kommt der Figurencharakterisierung durch den Erzähler nicht viel Raum zu und die Charakterisierung der einzelnen Figuren vollzieht sich teilweise im Gespräch. Dies wiederum erfolgt auf zwei verschiedene Arten: einerseits durch perspektivische Äußerungen anderer Figuren, andererseits durch ihre eigenen Aussagen.[38] Eine große Anzahl des Figureninventars wird vor ihrem Erstauftritt überhaupt nicht durch den Erzähler porträtiert.[39] Woldemar, Rex, Lorenzen, Melusine und andere lernt der Leser erstmals kennen, weil andere über sie sprechen.[40] Auch das Selbstgespräch wird im Stechlin zur Figurencharakterisierung genutzt.[41]

[...]


[1] vgl. Claudia Mauelshage: Vita Theodor Fontane. In: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur (1989). Sonderband. Theodor Fontane. S. 242-258. S. 243

[2] Hugo Aust: Theodor Fontane. Ein Studienbuch. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 1998. S. 9

[3] vgl. Mauelshage, 1989: S. 242

[4] vgl. Rudolf Helmstetter: Die Geburt des Realismus aus dem Dunst des Familienblattes. Fontane und die öffentlichkeitsgeschichtlichen Rahmenbedingungen des Poetischen Realismus. München: Wilhelm Fink Verlag, 1997. S. 33

[5] vgl. ebd.: S. 37

[6] vgl. Aust, 1998: S. 213

[7] Mauelshage, 1989: S. 248

[8] vgl. Gordon A. Craig. Über Fontane. München: C. H. Beck, 1997. S. 130

[9] vgl. ebd.: S. 150

[10] vgl. Aust, 1998: S. 178

[11] vgl. ebd.: S. 220

[12] vgl. Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2004. S. 201

[13] vgl. Valentin Müller: Das Bild des Adels in Theodor Fontanes „Der Stechlin“. Alpen-Adria-Universität Klagenfurt: Diplomarbeit, 1990. S. 3

[14] vgl. ebd.: S. 5

[15] vgl. ebd.: S. 20 f.

[16] Wolfgang Häde>

[17] Aust, 1998: S. 21 f.

[18] vgl. Müller, 1990: S. 22

[19] vgl. Peter Hasubek: „… wer am meisten red’t ist der reinste Mensch“. Das Gespräch in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“. Berlin. Erich Schmidt, 1998 (= Philologische Studien und Quellen, H. 152). S. 21

[20] vgl. ebd.: S. 13

[21] vgl. Müller, 1990: S. 24

[22] vgl. Hädecke, 1998: S. 379

[23] vgl. Müller, 1990: S. 24

[24] ebd.

[25] vgl. Paul Irving Anderson: Der Stechlin. Eine Quellenanalyse. In: Christian Grawe: Interpretationen. Fontanes Novellen und Romane. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1991. S. 243-274. S. 258 f.

[26] ebd.: S. 259

[27] vgl. Gisela Brude-Firnau: Beredtes Schweigen: Nichtverbalisierte Obrigkeitskritik in Theodor Fontanes Stechlin. In: Monatshefte. Vol. 77 (1985), No. 4, S. 460-468. S. 460

[28] ebd.: 461

[29] vgl. ebd.

[30] vgl. ebd.: S. 464

[31] Fontane, 2011: S. 263

[32] vgl. ebd.

[33] Reiner Ruffing: Deutsche Literaturgeschichte. München: Wilhelm Fink, 2013. S. 176

[34] vgl. Müller, 1990: S. 43

[35] Benedikt Jeßing: Neuere deutsche Literaturgeschichte. Eine Einführung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: Narr, 2014. S.

[36] vgl. Hasubek, 1998: S. 116

[37] vgl. ebd.: S. 192

[38] vgl. ebd.: S. 114

[39] vgl. Müller, 1990: S. 50

[40] ebd.: S. 51

[41] vgl. Hasubek, 1998: S. 179

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Theodor Fontanes "Der Stechlin". Übersicht und Analyse
Veranstaltung
Literaturwissenschaftliches Konservatorium IV
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V341899
ISBN (eBook)
9783668319080
ISBN (Buch)
9783668319097
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theodor, fontanes, stechlin, übersicht, analyse
Arbeit zitieren
Carmen Peresich (Autor), 2015, Theodor Fontanes "Der Stechlin". Übersicht und Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341899

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