Die heutige Gesellschaft charakterisiert sich selbst als Wissensgesellschaft, das heißt, dass Wissen eine zentrale Bedeutung in allen Lebensbereichen beigemessen wird. Während zunächst ausschließlich Wissen und die Wissensproduktion von wissenschaftlichem Interesse war, wird seit den 1980er Jahren verstärkt das (wissenschaftliche) Nichtwissen betrachte. Diese Entwicklung führte zu einer Etablierung der „Soziologie des Nichtwissens“, die als Erweiterung der Wissenssoziologie angesehen werden kann. Dabei kann Nichtwissen in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchen und nicht ausschließlich im wissenschaftlichen Kontext.
In diesem Zusammenhang möchte ich mich mit dem Nichtwissen beschäftigen. Ich werde zunächst, auf Basis der Beiträge Peter Wehlings, versuchen Nichtwissen zu definieren und gegenüber anderen Begriffen abzugrenzen. Nach dem Versuch einer äußeren Abgrenzung, folgt eine innere Abgrenzung von Nichtwissen, die es erlauben soll unterschiedliche Formen des Nichtwissens zu differenzieren. Im zweiten Teil werde ich Nichtwissen an zwei Beispielen illustrieren. Dabei stellt das erste Beispiel, die sog. „Contergan-Affäre“, ein gesellschaftlich negativ bewertetes Nichtwissen dar, während bei dem zweiten Beispiel, der anonymen Samenspende, Uneinigkeit in Bezug auf die gesellschaftliche Bewertung dieser Form des Nichtwissens besteht. Darüber hinaus verweist das Beispiel der anonymen Samenspende auf verschiedenen Möglichkeiten der Konstruktion von Familie, auf die im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. (wissenschaftliches) Nichtwissen
2.1 Definition und Abgrenzung
2.2 Unterscheidungsdimensionen
2.2.1 Das Wissen des Nichtwissens
2.2.2 Die Intentionalität des Nichtwissens
2.2.3 Die zeitliche Stabilität des Nichtwissens
3. Fallbeispiele
3.1 Bsp.: Contergan-Affäre
3.2 Bsp.: Anonyme Samenspende
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Nichtwissens aus soziologischer Perspektive, insbesondere auf Basis der theoretischen Ansätze von Peter Wehling. Ziel ist es, den Begriff des Nichtwissens theoretisch zu fundieren, von verwandten Konzepten wie Risiko und Ungewissheit abzugrenzen und mittels ausgewählter Fallbeispiele dessen gesellschaftliche Relevanz und Komplexität zu illustrieren.
- Theoretische Definition und Abgrenzung von Nichtwissen
- Differenzierung des Nichtwissens anhand dreier Unterscheidungsdimensionen
- Analyse der Contergan-Affäre als Beispiel für negativ bewertetes Nichtwissen
- Untersuchung der anonymen Samenspende im Kontext von Wissens- und Nichtwissenskonstruktionen
- Reflexion über die gesellschaftliche Bewertung von Nichtwissen in Abhängigkeit von Perspektive und Zeitfaktor
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Das Wissen des Nichtwissens
Diese erste Dimension bezieht sich auf die Erscheinungsweise/Gestalt und das Ausmaß des Nichtwissens (vgl. Wehling 2006: 117). Es kann zunächst differenziert werden ob das Nichtwissen als eigenes oder fremdes Nichtwissen erscheint (ebd.). Des Weiteren lässt sich der Grad bzw. das Ausmaß des Nichtwissens bestimmen (vgl. Wehling 2004: 71). Dazu stellt Wehling zwei „Idealtypen des Nichtwissens“ einander gegenüber, die als Extrempole verstanden werden können (ebd.). Das wahrgenommene und bewusste Nichtwissen bildet einen Pol, diesem wird das unbewusste und nicht wahrgenommene Wissen gegenüber gestellt (vgl. Wehling 2006: 117-118). Man muss sich jedoch vor Augen führe, dass jede Einordnung und Kategorisierung eines bestimmten Nichtwissens vom Zeitpunkt, sowie der Perspektive des Einordnenden abhängig ist und zudem eine Unbeständigkeit aufweist, die sich aus der Möglichkeit des Formwechsels eines Nichtwissens bzw. einer Nichtwissensform ergibt. Bei dieser Unterscheidungsdimension könnte das unbewusste und nicht wahrgenommene Nichtwissen, aufgrund einer Frage zu einem wahrgenommenen und bewussten Nichtwissen, beispielsweise in Form einer Wissenslücke, werden (vgl. Wehling 2006: 118). Es könnte auch eine Übergangsform annehmen, wenn der Befragte die Lösung nicht weiß, aber ahnt oder vermutet wie diese lauten könnte (ebd.). Mithilfe dieser Unterscheidungsdimension lassen sich demnach auch Vermutungen und Ungewissheiten erfassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz des Themas Nichtwissen in der modernen Wissensgesellschaft ein und erläutert die Zielsetzung sowie das methodische Vorgehen der Arbeit.
2. (wissenschaftliches) Nichtwissen: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Fundierung des Nichtwissensbegriffs, nimmt eine Abgrenzung zu verwandten Begriffen vor und führt drei zentrale Unterscheidungsdimensionen ein.
3. Fallbeispiele: Anhand der Contergan-Affäre und der anonymen Samenspende wird die Anwendung der theoretischen Dimensionen des Nichtwissens auf konkrete gesellschaftliche Phänomene veranschaulicht.
4. Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und betont die Komplexität sowie die zeitliche und perspektivische Abhängigkeit bei der Bewertung von Nichtwissen.
Schlüsselwörter
Nichtwissen, Soziologie des Nichtwissens, Peter Wehling, Wissensgesellschaft, Unterscheidungsdimensionen, Wissenslücken, Intentionalität, Contergan-Affäre, Anonyme Samenspende, Ungewissheit, Risiko, Irrtum, Wissenssoziologie, gesellschaftliche Bewertung, Wissensproduktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Betrachtung des Nichtwissens, das über das bloße Fehlen von Wissen hinausgeht und als aktives oder unbeabsichtigtes Phänomen in der modernen Gesellschaft untersucht wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition von Nichtwissen, seine Abgrenzung von Begriffen wie Risiko und Ungewissheit sowie die Analyse von dessen Entstehung, Aufrechterhaltung und gesellschaftlicher Bewertung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Nichtwissen mithilfe der von Peter Wehling entwickelten Dimensionen systematisch zu erfassen und zu differenzieren, um dessen Rolle in komplexen gesellschaftlichen Situationen besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie soziologische Konzepte (speziell von Peter Wehling) auf reale Fallbeispiele anwendet und diese soziologisch einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt zunächst die theoretische Definition und Differenzierung des Nichtwissens in drei Dimensionen, gefolgt von einer praktischen Anwendung dieser Theorie auf die Contergan-Affäre und die anonyme Samenspende.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Nichtwissen, Soziologie des Nichtwissens, Wissensgesellschaft, Intentionalität, Contergan-Affäre, Samenspende und Wissensdimensionen.
Wie wird das Nichtwissen in der Contergan-Affäre bewertet?
Die Arbeit ordnet das Nichtwissen in der Contergan-Affäre als zielgerichtete Erzeugung ein, die aus wirtschaftlichen Interessen und Desinteresse an der Aufdeckung negativer Folgen resultierte.
Welche Rolle spielt die Zeit bei der Definition von Nichtwissen?
Die zeitliche Stabilität dient als Unterscheidungsdimension, wobei zwischen zeitlich begrenztem Nichtwissen (das durch Forschung überwindbar ist) und unüberwindbarem Nichtwissen unterschieden wird.
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- Ella Lamper (Author), 2016, Nichtwissen in der Wissensgesellschaft. Formen und Beispiele, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341918