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Die Erotik in Michel Houellebecqs "Elementarteilchen"

Title: Die Erotik in Michel Houellebecqs "Elementarteilchen"

Term Paper (Advanced seminar) , 2003 , 27 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Tina Hanke (Author)

Theater Studies, Dance
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„Erotik verhält sich zur Sexualität wie Gewinn zu Verlust“. Mit dieser Erkenntnis steht der österreichische Publizist Karl Kraus nicht alleine da. Fast alle Experten und Nachschlagewerke stellen die Begriffe „Erotik“ und „Sexualität“ einander diametral gegenüber. So betont der Brockhaus, dass Erotik „im Unterschied zum triebhaft-affektiven Erleben“ der Sexualität vor allem „Liebeskunst“ bedeute: „als individuelle Sublimierung und Stilisierung geschlechtlichen Triebverhaltens und als im weitesten Sinn künstlerische (spielerische, metaphorische und symbolische) Umsetzung der Sexualität“.

Im Lexikon der Psychologie wird der Kontrast zur reinen Sexualität noch deutlicher: Erotik, das Erleben einer vitalisierenden Kraft, die den Menschen ganzheitlich erfasst und alle Dimensionen seines Seins ergreift: den Leib (der z.B. wie „elektrisiert“ erlebt werden kann), die Psyche (z.B. kräftemobilisierend, Steigerung der Lebenslust) und den Geist (z.B. Motivation, Vigilanz, Interesse, Entscheidung). [...] Wesentlich für das erotische Erleben ist das Bestehen einer Distanz. Erotik ist daher gleichsam „Zärtlichkeit ohne Berührung“. Mit der Distanz in der geschlechtlichen Vereinigung verliert sich die Erotik.

Andere Quellen betonen, Erotik sei nicht von Sinnlichkeit, Geheimnis und Spannung, von Phantasie und Grenzüberschreitung zu trennen. Im Gegensatz zur reinen Sexualität, bei der es primär um körperliche Reaktionen gehe, spiele sich die Erotik hauptsächlich im Kopf ab und entstehe eher durch die Ab- als Anwesenheit von eindeutigen Sexualdarstellungen. Es bleibt jedoch fraglich, ob sich Sexualität und Erotik einander wirklich so konträr gegenüberstehen oder ob sie sich nicht vielmehr häufig miteinander vermischen. Auf jeden Fall sollte man nicht so kategorisch ausschließen, dass es auch im Sexualakt Momente der Erotik, der Spannung, der Phantasie geben und dass Erotik durchaus mehr als die oben genannte „Zärtlichkeit ohne Berührung“ umfassen kann.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verschwinden der Erotik

3. Suche nach erotischen Tabus

4. Herausbilden einer Erotik-Hierarchie

5. Kinder als Erotik-Konkurrenz

6. Sehnsucht nach der Kontinuität des Seins

7. Der Erotik-Diskurs auf der Bühne

7.1. Inszenierung der Volksbühne Berlin

7.2. Inszenierung des Bayerischen Staatsschauspiels

8. Schlussbemerkungen

9. Bibliografie

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht das Thema Erotik im Roman "Elementarteilchen" von Michel Houellebecq. Sie geht der Forschungsfrage nach, inwiefern Houellebecq in seinem Werk das zunehmende Verschwinden der Erotik durch radikalen Individualismus, Schönheitswahn und die Kommerzialisierung der Sexualität thematisiert und welche Probleme sich bei der Adaption dieses Erotik-Diskurses für die Theaterbühne ergeben.

  • Die Analyse des "Verschwindens der Erotik" im Kontext einer hypersexualisierten Gesellschaft.
  • Die Untersuchung der verzweifelten Suche der Romanfiguren nach Tabubrüchen als Ersatz für authentische erotische Erfahrung.
  • Die Auseinandersetzung mit der "erotischen Hierarchie", die Menschen nach körperlichen Kriterien bewertet und ausgrenzt.
  • Die Auswirkungen des Jugend- und Schönheitswahns auf die zwischenmenschliche Bindung, insbesondere zwischen Eltern und Kindern.
  • Die vergleichende Analyse der Theaterinszenierungen von Frank Castorf (Volksbühne Berlin) und Uwe Eric Laufenberg (Bayerisches Staatsschauspiel).

Auszug aus dem Buch

4. Herausbilden einer Erotik-Hierarchie

Auch sonst lässt Houellebecq kein gutes Haar an den Hippies. Mit seinem Roman zerstört er den Mythos von den Blumenkindern, die sich angeblich alle so lieb hatten und denen das Aussehen nicht so wichtig war. Unermüdlich proklamiert er, dass es unter ihnen nie eine Art „sexueller Kommunismus“ (S. 154) gegeben habe, sondern dass gerade hier der Schönheits- und Jugendkult besonders ausgeprägt gewesen sei und unattraktive Menschen wie Bruno von ihnen ausgeschlossen worden seien: „Schon bei seinem ersten Aufenthalt bei seiner Mutter wurde Bruno klar, daß die Hippies ihn nie akzeptieren würden; er war kein schönes Tier, würde nie eins sein“ (S. 68). So bleiben Bruno lange Jahre nur Onanie, Schreiben und Fressen als Ersatzbefriedigung. Während „Omega-Tiere“ wie Bruno, die ganz unten in der Erotik-Hierarchie stehen, keine Chance auf Akzeptanz und menschliche Nähe haben, führen „Alpha-Tiere“ wie David di Meola, die „größer, gebräunter und kräftiger“ (S. 67) sind, die Hierarchie an. Dass es sich nun bei David ausgerechnet um einen grausamen Massenmörder handelt, unterstreicht zusätzlich, wie zweifelhaft diese Art der Bewertung ist.

Dennoch scheinen alle diese erotische Hierarchie verinnerlicht zu haben, so auch Brunos Mutter, die mit Freude ganz junge, knackige Männer wie den dreizehnjährigen David „entjungfert“: „Der Schwanz des Jungen war steif und schien in seiner Steifheit unbegrenzt verfügbar zu sein, selbst nach mehreren Samenergüssen; von diesem Augenblick an hatte sie sich vermutlich endgültig für junge Männer entschieden“ (S. 81).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einführung in die Begriffsdefinition von Erotik versus Sexualität und Hinführung zur Fragestellung der Arbeit bezüglich Houellebecqs Roman.

2. Verschwinden der Erotik: Analyse der zunehmenden Enterotisierung der Romanfiguren im Verlauf des Werkes und Diskussion über das Scheitern echter Sinnlichkeit.

3. Suche nach erotischen Tabus: Untersuchung des Versuchs der Protagonisten, durch Grenzüberschreitungen und Tabubrüche (Voyeurismus, Gewalt) überhaupt noch erotische Regungen zu spüren.

4. Herausbilden einer Erotik-Hierarchie: Darstellung des Schönheits- und Jugendkults als ökonomisches System, das Individuen in Alpha- und Omega-Tiere klassifiziert.

5. Kinder als Erotik-Konkurrenz: Erörterung der Zerstörung von Eltern-Kind-Beziehungen durch die Fixierung der Erwachsenen auf den eigenen Erhalt im Rahmen der erotischen Hierarchie.

6. Sehnsucht nach der Kontinuität des Seins: Philosophische Einordnung der verzweifelten Suche nach dem Aufgehen im Anderen unter Bezugnahme auf Georges Bataille.

7. Der Erotik-Diskurs auf der Bühne: Analyse der filmischen und theatralen Umsetzungsproblematik des komplexen Erotik-Themas anhand der Beispiele Berlin und München.

8. Schlussbemerkungen: Fazit der Arbeit und Aufruf zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit Houellebecqs Werken jenseits der öffentlichen Empörung.

9. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.

Schlüsselwörter

Michel Houellebecq, Elementarteilchen, Erotik, Sexualität, Individualismus, Erotik-Hierarchie, Tabubruch, Gesellschaftskritik, Bühnenadaption, Frank Castorf, Uwe Eric Laufenberg, Sinnlichkeit, Jugendkult, Georges Bataille, Entfremdung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert die Darstellung und den Wandel der Erotik im Roman "Elementarteilchen" von Michel Houellebecq und setzt diese in Bezug zu gesellschaftskritischen Thesen des Autors.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Zu den Schwerpunkten gehören das Verschwinden der Erotik, der Einfluss radikalen Individualismus, die Entstehung einer erotischen Hierarchie durch Schönheitskult sowie die Umsetzung dieser Themen auf der Theaterbühne.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Houellebecq die "Enterotisierung" der Gesellschaft beschreibt und warum die kritische Auseinandersetzung mit diesem Leiden beziehungsunfähiger Menschen oft durch eine oberflächliche Debatte verdrängt wird.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit theoretischen Konzepten (insb. Georges Bataille) verknüpft und eine vergleichende Analyse zweier Theaterinszenierungen durchführt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die inhaltliche Interpretation des Romans hinsichtlich Erotik, Tabubrüchen und der erotischen Hierarchie sowie eine kritische Untersuchung der Bühnenumsetzungen in Berlin und München.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Kernbegriffe sind Houellebecq, Erotik, Individuum, Hierarchie, Tabu, Enterotisierung und Theateradaption.

Wie bewertet die Autorin die Theaterinszenierung von Frank Castorf im Vergleich zu Uwe Eric Laufenberg?

Die Autorin sieht in Castorfs Inszenierung trotz Schwächen einen ernsthaften Versuch, die Erotik-Thematik theatral umzusetzen, während sie Laufenbergs Fassung als ignorantes Weglassen des Erotik-Diskurses kritisiert.

Welche Bedeutung hat der Begriff der "Erotik-Hierarchie" für die Romanfiguren?

Die Hierarchie klassifiziert Menschen anhand körperlicher Kriterien; diejenigen, die nicht dem Jugend- und Schönheitsideal entsprechen, werden sozial isoliert und als "Omega-Tiere" stigmatisiert, was bei vielen Charakteren zum psychischen Zusammenbruch führt.

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Details

Title
Die Erotik in Michel Houellebecqs "Elementarteilchen"
College
LMU Munich  (Institut für Theaterwissenschaft)
Course
Hauptseminar: Theater und Erotik
Grade
1,0
Author
Tina Hanke (Author)
Publication Year
2003
Pages
27
Catalog Number
V34197
ISBN (eBook)
9783638344937
ISBN (Book)
9783656760399
Language
German
Tags
Erotik Michel Houellebecqs Elementarteilchen Hauptseminar Theater Erotik
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Tina Hanke (Author), 2003, Die Erotik in Michel Houellebecqs "Elementarteilchen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34197
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