Friedrich Nietzsche - Antisemit oder Judenfreund?


Hausarbeit, 2003
20 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Das ewige Rätsel Nietzsche

2. Biografisches
2.1. Antisemitische Vorurteile in jungen Jahren
2.2. Wende in Nietzsches Denken
2.3. Fälschung von Nietzsches Werk

3. Nietzsches Religionskritik

4. Nietzsches Philosemitismus

5. Nietzsches Anti-Antisemitismus

6. Mythos von der „blonden Bestie“

7. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Das ewige Rätsel Nietzsche

Wer war Friedrich Nietzsche? Mörder Gottes, Arzt der Kultur, dichtender Nihilist, irrer Übermensch, Anhänger von faschistischem und rassistischem Gedankengut oder einfach ein hellsichtiger Querdenker? War er Antisemit und Wegbereiter des Nationalsozialismus oder doch Judenfreund und guter Europäer? Selbst 100 Jahre nach seinem Tod scheiden sich die Geister an dem wohl schillerndsten Philosophen aller Zeiten. Er selbst sagte einmal über sich: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“[1]. Treffender hätte man es nicht formulieren können. Tatsächlich stellt Nietzsches Werk einen Sprengsatz ohne Gleichen dar, eine explosive Mischung aus radikalsten Gedanken, Provokationen und scheinbaren Widersprüchen, so dass ein jeder genau das bei ihm wird finden können, wonach ihm gerade ist – alles eine Frage der Interpretation. So wundert es kaum, dass es den Nationalsozialisten gelang, Nietzsche als Vordenker ihres Rassenwahns und Judenhasses auszugeben und ihren Völkermord so philosophisch zu legitimieren. Dabei dürfte den meisten doch bekannt gewesen sein, dass Nietzsche seine berühmt-berüchtigte Freundschaft zu Richard Wagner damals aufgrund dessen Antisemitismus beendet hatte und auch ansonsten zu den größten Kritikern der Deutschen und deren Judenfeindlichkeit am Ende des 19. Jahrhunderts gehört hatte. Tucholsky beschrieb 1932 dieses Phänomen wie folgt:

Einige Analphabeten der Nazis, die wohl deshalb unter die hitlerschen Schriftgelehrten aufgenommen worden sind, weil sie einmal einem politischen Gegner mit dem Telephonbuch auf den Kopf gehauen haben, nehmen Nietzsche heute als den ihren in Anspruch. Wer kann ihn nicht in Anspruch nehmen! Sage mir, was du brauchst, und ich will dir dafür ein Nietzsche-Zitat besorgen. Bei Schopenhauer kann man das nicht so leicht: Bei Nietzsche ... Für Deutschland und gegen Deutschland; für den Frieden und gegen den Frieden; für die Literatur und gegen die Literatur – was Sie wollen.[2]

Genauso wie sich bei Nietzsche Texte für und wider Deutschland, den Frieden oder die Literatur finden lassen, enthält sein Werk auch Passagen für und wider die Juden. So kritisiert er vor allem, dass mit den Juden der „Sklavenaufstand in der Moral“ begonnen hätte, dass sie für den Untergang der „Herrenmoral“ verantwortlich seien, lobt sie jedoch auf der anderen Seite immer wieder als „die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt“ und fordert, die „antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen“. Auf den ersten Blick scheint Nietzsches Haltung zu den Juden also alles andere als homogen, ja von Widersprüchen gekennzeichnet. Kein Wunder also, dass es die unterschiedlichsten Meinungen über Nietzsches Verhältnis zu den Juden gibt. So meint Albert Lewkowitz, stellvertretend für die jüdische Seite, in Nietzsche den größten Gegner des Judentums zu sehen[3]. Und Alfred Baeumler, dessen Werk ansonsten durchaus treffend über Nietzsches Philosophie urteilt, behauptet über dessen Haltung zum Judentum:

Er war den Juden, in denen er die eigentlichen Priesternaturen sah, im Innersten abgeneigt, und selbst das Schmeichelhafte, das er von ihnen erfuhr, konnte seine Meinung nicht ändern.[4]

Auch die neuere Literatur spricht Nietzsche vom Verdacht des Antisemitismus nicht einheitlich frei. So betont Thomas Mittmann in seiner neueren Publikation Friedrich Nietzsche. Judengegner und Antisemitenfeind, dass Nietzsche aus persönlichen Gründen zwar gegen die Bewegung des Antisemitismus’ gewesen sei, ansonsten jedoch als Gegner der Juden gesehen werden müsse:

Nicht Sympathie für Juden und das Judentum oder gar ein ausgesprochener Philosemitismus waren maßgeblich für Nietzsches Ablehnung des Antisemitismus, sondern vor allem negative persönliche Erfahrungen mit den Protagonisten dieser Bewegung. Nur so ist es zu erklären, dass sich im gedanklichen Ensemble des Philosophen bis zuletzt deutliche Übereinstimmungen mit fundamentalen Voraussetzungen des zeitgenössischen antisemitischen Diskurses zeigen. [...] Obwohl er den zeitgenössischen Judengegnern als erbitterter Widersacher entgegenstand, schuf er mit seinen antijüdischen Vorstellungen eine wichtige Grundlage für die nachfolgenden Generationen des Antisemitismus.[5]

Zu Nietzsches 100. Todestag veröffentlichte Ernst Tugendhat einen Artikel mit dem Titel Der Wille zur Macht. Macht und Antiegalitarismus bei Hitler und Nietzsche – Einspruch gegen den aktuellen Versuch einer Verharmlosung[6]. Auch hier wird Nietzsche des Antisemitismus’ bezichtigt und der Schwerpunkt auf eine Herausarbeitung vermeintlicher Parallelen zwischen Hitlers und Nietzsches Denken gelegt.

Ganz im Gegensatz dazu stehen Arbeiten von Walter Kaufmann, der Nietzsche vom Verdacht des Rassismus’ und des Antisemitismus’ vollkommen freispricht[7], oder von Sarah Kofman, die in ihrer sehr persönlich gehaltenen Abhandlung Die Verachtung der Juden - Nietzsche, die Juden, der Antisemitismus empört feststellt:

Die derzeitige Mode scheint eher für den Antisemitismus des Philosophen zu votieren. Nietzsche wird auf pauschalste und vulgärste Weise angeklagt (ohne ernsthafte Prüfung der Texte, ihrer Vielzahl und Vielschichtigkeit), der Wortführer oder gar der Vater des Nazismus gewesen zu sein und neben anderen verantwortlich zu zeichnen – nicht mehr und nicht weniger – für Auschwitz![8]

Für eine „gefährliche und skandalöse Fehlinterpretation“[9] hält sie diese Auffassung und entspricht damit auch der Haltung von Richard Maximilian Lonsbach, der 1960 in einer Rundfunksendung konstatierte:

Friedrich Nietzsche war nicht ein Wegbereiter des Dritten Reiches, sondern eines seiner Opfer. Er, dem eine Liebeskraft eignete wie kaum einem Schöpfer vor ihm, fiel in die Hände von Unbefugten, denen eine Kraft des Hasses innewohnte, wie man ihr in der Geschichte noch nicht begegnet war.[10]

Insgesamt kann man beobachten, dass eine Mehrheit gegen die These eines Antisemitismus’ bei Nietzsche votiert, so auch Michael Ahlsdorf[11] und Henning Ottmann in ihren sehr differenzierten Betrachtungen. So steht Ottmann stellvertretend für die meisten Wissenschaftler, wenn er Nietzsche wie folgt verteidigt:

Er war sicher eines nicht, was so viele damals waren und andere wurden, Antisemit.[12]

Um jedoch wirklich beurteilen zu können, welcher Seite nun Recht zu geben ist, ob Nietzsche also ein Antisemit oder ein Anti-Antisemit war, bedarf es einer genauen Analyse seiner Texte.

Zunächst soll jedoch ein Blick auf Nietzsches Biografie und seinen persönlichen Umgang mit Juden geworfen werden. Denn auch dieses lässt Rückschlüsse auf sein Denken über die Juden zu. Anhand seines Werkes soll dann zunächst zusammengefasst werden, was sich Antijüdisches oder scheinbar Antijüdisches in seinen Texten finden lässt, um dann näher auf Nietzsches überwiegend zu beobachtenden Philosemitismus und seinen vehementen Anti-Antisemitismus einzugehen. Abschließend soll dann noch kurz der Mythos von Nietzsches „blonder Bestie“ entzaubert werden.

2. Biografisches

Bevor mit der Textanalyse begonnen werden soll, lohnt es sich auf jeden Fall, einen Blick auf Nietzsches Vita zu werfen. Denn auch diese gibt Aufschluss über Nietzsches Verhältnis zu den Juden, kann so manchen Widerspruch in Nietzsches Werk erklären und vor allem auf eine persönliche Wende in seinem Denken über die Juden hinweisen. So soll zunächst kurz der junge Nietzsche mit seinen durchaus noch vorhandenen Vorurteilen Juden gegenüber vorgestellt werden, dann der „wahre“, spätere Nietzsche, der mit Wagner bricht und begeistert Freundschaften mit Juden unterhält, und abschließend sei auf all die äußeren Umstände hingewiesen, die dazu führten, dass Nietzsche lange Zeit fehlinterpretiert wurde – nicht zuletzt das „Verdienst“ seiner antisemitischen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche.

2.1. Antisemitische Vorurteile in jungen Jahren

Wie es um Nietzsches früheste Meinung über das Judentum bestellt war, davon zeugen seine Briefe, die jeden Kommentar erübrigen. Aus ihnen spricht die damals in vielen intellektuellen Kreisen vorhandene antijüdische Haltung. Sarah Kofman hebt in ihrem Kapitel Ein Jugend’irrtum’ einige besonders prägnante Beispiele hervor:

- Brief aus Leipzig vom 22. April 1866 an seine Mutter und seine Schwester: „[...] mein erster Brief aus meiner neuen Wohnung. [...] Endlich habe ich mit Gerdorff eine Kneipe gefunden, wo man nicht Schmelzbutter und Judenfratzen zu genießen hat.“
- Brief aus Leipzig vom 27. April 1866 an Hermann Musha>- Brief aus Naumburg vom 4. April 1867 an Paul Deussen: „Der Gedanke ist mir all zu wohltuend, nicht mehr zwischen uns hebräischen Nebel zu haben, die uns verhindern, in rechter Gedankengemeinschaft mit einander durch das Leben zu gehen.“
- Brief aus Leipzig vom 18. Oktober 1868 an seine Mutter und seine Schwester: „Mit dem heutigen Tag ist die Messe zu Ende gegangen; und damit sind wir von dem Fettgeruch und den vielen Juden glücklich erlöst.“[13]

In einem Brief an Gersdorff vom 4. Februar 1872 erfährt man außerdem, dass Nietzsche es abgelehnt hatte, mit Karl Mendelssohn eine Studienreise nach Kreta zu unternehmen, weil dieser der Sohn des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy war. Hauptmotiv hierfür war wohl einmal mehr Nietzsches Freundschaft zu Richard Wagner, den er heiß und innig verehrte und der spätestens seit seiner Schrift Das Judentum in der Musik (1869) bekannt war für einen ausgeprägten Antisemitismus[14].

[...]


[1] Zit. nach Saltzwedel, Johannes: Der Mörder Gottes. In: Der Spiegel 34/2000

[2] Tucholsky: Gesammelte Werke 1975, Bd. 10, S. 14. Zit. nach Taureck, Bernhard H.F.: Nietzsche und der Faschismus. Leipzig 2000, S. 78f

[3] Vgl. Lewkowitz, Albert: Zur Religionsgeschichte der Gegenwart. In: Monatsschrift für Geschichte des Judentums. Hrsg. V. I. Heinemann, 36. Jahrgang, Frankfurt a.M. 1922, S. 110

[4] Baeumler, Alfred: Nietzsche der Philosoph und Politiker. Leipzig 1940, S. 158

[5] Mittmann, Thomas: Friedrich Nietzsche. Judengegner und Antisemitenfeind. Erfurt. S. 7ff

[6] In: ZEIT 38/2000

[7] Vgl. Kaufmann, Walter: Nietzsche. Philosoph Psychologe Antichrist. Darmstadt 1982

[8] Kofman, Sarah: Die Verachtung der Juden. Nietzsche, die Juden, der Antisemitismus. Berlin 2002, S. 11

[9] Ebd., S. 12

[10] Lonsbach, Richard Maximilian: War Nietzsche ein Wegbereiter des Dritten Reiches? Rundfunksendung zum 60. Todestag Nietzsches. In: Lonsbach, Richard Maximilian: Friedrich Nietzsche und die Juden. Ein Versuch. Bonn 1985, S. 89f

[11] Vgl. Ahlsdorf, Michael: Nietzsches Juden. Ein Philosoph formt sich ein Bild. Aachen 1997

[12] Ottmann, Henning: Philosophie und Politik bei Nietzsche. Berlin / New York 1987, S. 245

[13] Zit .nach Kofman, Sarah 2002, S.67f

[14] Vgl. Kreis, Rudolf: Nietzsche, Wagner und die Juden. Würzburg 1995

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Friedrich Nietzsche - Antisemit oder Judenfreund?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Übung: Nietzsches politische Philosophie
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V34198
ISBN (eBook)
9783638344944
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Nietzsche, Antisemit, Judenfreund, Nietzsches, Philosophie
Arbeit zitieren
Tina Hanke (Autor), 2003, Friedrich Nietzsche - Antisemit oder Judenfreund?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34198

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