Der Resilienzgedanke als Ansatz in der Sozialen Arbeit mit Gefängnisinsassen


Bachelorarbeit, 2015
47 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Resilienz
2.1 Begriffsbestimmung Resilienz
2.2 Die Ursprünge der Resilienzforschung
2.3 Kauai-Längsschnittstudie
2.4 Das Risiko- und Schutzfaktorenkonzept
2.4.1 Risikofaktorenkonzept
2.4.2 Schutzfaktorenkonzept

3. Justizvollzugsanstalt
3.1 Straf- und Vollzugsziele
3.2 Soziologische Analyse der Haftsituation
3.2.1 Soziokulturelle Umwelt
3.2.2 Soziale Umwelt
3.2.3 Gefängnisorganisation
3.2.4 Physische Umwelt

4. Resilienz und Gefängnissozialarbeit
4.1 Pädagogische Möglichkeiten im Gefängnis
4.1.1 Sichere Bindung
4.1.2 Bildung
4.1.3 Freundschaften
4.1.4 Fähigkeiten und Neigungen
4.1.5 Positive Werte
4.1.6 Soziale Kompetenzen
4.2 Einfluss von Resilienz auf die Resozialisierung

5. Der religionspädagogische Einfluss auf die Gefängnissozialarbeit

6. Vorschlag einer praktischen Umsetzung auf der Grundlage des Konzepts „Mentoring für Straffällige: Auch ein Beitrag zum Opferschutz” von Dr. Lutz Klein
6.1 Arbeitsmarktintegration für jugendliche Strafentlassene (ArJuS)148
6.2 Mentoring und Resilienz

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1 Buchquellen
8.2 Internetquellen

9. Anhang
9.1 Vulnerabilitationsfaktoren und Risikofaktoren
9.1.1 Vulnerabilitätsfaktoren
9.1.2 Risikofaktoren
9.2 Schutzfaktoren
9.2.1 Personale Ressourcen
9.2.2 Soziale Ressourcen

10. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

„Mitten im Winter habe ich schließlich gelernt,

dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ 1

Dieses in der Resilienzforschung vielfach verwendete Zitat von Albert Camus spiegelt ein Gefühl wider, das Menschen seit jeher bewegt. Die Medien berichten von Flüchtlingen, Entführungs- und Missbrauchsopfern, verwahrlosten Kindern und Armut. Unweigerlich stellt sich die Frage: Wie können diese Menschen damit leben? Einige Opfer werden zu Tätern, andere überwinden jedoch den davon getragenen Schaden, ja, sie gehen sogar gestärkt aus dem Erlebten hervor. Albert Camus, selbst ein Kind aus ärmlichen

Verhältnissen und Halbwaise 2, beschrieb diese Kraft des Überwindens mit einem

unbesiegbaren Sommer. Was jedoch genau ist dieser unbesiegbare Sommer? Camus schreibt, er habe gelernt, diesen zu finden. Wenn dies erlernt werden kann, stellt sich die Frage, wie und ob es von jedem erlernt werden kann. Die Resilienzforschung beschäftigt sich mit genau diesen Fragen. Es wurde jedoch noch nicht danach gefragt, ob Resilienz einen positiven Einfluss auf einen Gefängnisinsassen und dessen Resozialisierung haben kann und wie ein Sozialarbeiter dies praktisch unterstützen kann.

Der Bevölkerung ist es vor allem ein Anliegen, dass die Täter 3 eine gerechte Strafe erhalten. Ein Medienbericht, in dem es darum geht, wie es dem Täter, der das kleine Mädchen missbraucht hat, wohl ergeht und wie diesem geholfen werden kann, ist unvorstellbar. Dementsprechend zögerlich ist die Wissenschaft darin, neue pädagogische Erkenntnisse auf Gefängnisinsassen zu übertragen. Übersehen wird dabei, dass dies notwendig ist, schon allein, um potenzielle zukünftige Opfer zu schützen. Eine gute Sozialarbeit mit Gefängnisinsassen kann es schaffen, einen jahrzehntelangen Opfer- Täterkreislauf zu durchbrechen. Nicht alle Gefängnisinsassen waren zwangsweise einmal Opfer, aber die meisten werden es spätestens im Gefängnis. Das Gefängnis stellt für die Insassen meist eine Zeit der Traumatisierung dar. Im Rahmen meiner ehrenamtlichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tätigkeit in der JVA 1 in Kassel, in welcher ich Besuchsdienste leiste, berichten viele Insassen von traumatisierenden Erfahrungen, die sie innerhalb der JVA machen. Den Insassen fehlt häufig die Fähigkeit und die Unterstützung diese Erfahrungen zu überwinden. Diese Gespräche motivieren mich wesentlich zu dieser Arbeit. Es ist dringend notwendig, den Insassen eine fundierte Hilfestellung zu geben.

Die vorliegende Arbeit fragt nach Ressourcen für die Behandlung von Straftätern und wie den negativen Bedingungen der Haft entgegengewirkt werden kann. Vor dem Hintergrund der vielfältigen Probleme innerhalb des Vollzugs und einer (Wieder-)Eingliederung in die Gesellschaft werden Hindernisse für die soziale Reintegration von Gefangenen beleuchtet und Möglichkeiten erörtert, diese zu minimieren.

Das Ziel dieser Bachelorarbeit soll es sein, zu untersuchen, ob und wie die Erkenntnisse der letzten Jahre aus der Resilienzforschung für die Soziale Arbeit mit Straftätern nutzbar zu machen sind. Mit anderen Worten: Wie kann der Sozialarbeiter in der Vollzugsanstalt den Resilienzgedanken in seine tägliche Arbeit einbringen, um dadurch seine Arbeit zu optimieren?

Vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass die persönliche Spiritualität einen großen Einfluss auf den Menschen ausübt und die eigene Resilienz beeinflussen kann, werde ich außerdem eine religionspädagogische Betrachtung vornehmen. Rahmenbedingt ist es in dieser Arbeit nicht möglich, alle einzelnen Bereiche vertiefend zu betrachten. Es sind daher Abstriche gemacht worden, auf weiterführende Literatur wird verwiesen. Die vorliegende Arbeit versteht sich als textanalytisch-interpretative Arbeit nach der Methode der klassischen Hermeneutik. Das Interesse richtet sich hauptsächlich auf die Bearbeitung der vorhandenen deutschsprachigen Literatur. Diese wurde ausgewertet und den Zielen der Arbeit entsprechend zusammengefasst wiedergegeben. Es schließen sich eigene Gedanken und Vorschläge an.

2. Resilienz

Das folgende Kapitel beschreibt die Grundlagen des Resilienzansatzes und gibt einen Überblick des derzeitigen Forschungsstandes. Der Fokus liegt auf den für die Gefängnissozialarbeit relevanten Aspekten des Resilienzansatzes.

2.1 Begriffsbestimmung Resilienz

Der Begriff Resilienz leitet sich sowohl aus dem Lateinischen „resiliere“(abprallen oder nicht anhaften) ab 4, wie auch aus dem Englischen „resilience“ (Elastizität, Strapazierfähigkeit oder Zähigkeit).

Allgemein kann man Resilienz als die Widerstandsfähigkeit von Menschen gegenüber schwierigen und belastenden Lebensumständen beschreiben. 5 Welter-Enderlin definiert Resilienz folgendermaßen: „Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ 6. Diese Definition ist für die Soziale Arbeit wesentlich, denn sie macht deutlich, dass sich die Ressourcen nicht nur auf individueller Ebene befinden, sondern betont den Einfluss der sozialen Umwelt. Es wird hervorgehoben, dass die Ressourcen vermittelt werden, das bedeutet, dass sie erlernt werden können. Diese Definition spricht von mehr als einer Ressource, da verschiedenste Faktoren auf die Resilienz einwirken. Beispielhaft seien hier biologische, psychologische und psychosoziale Einflüsse genannt. Resilienz ist daher immer multidimensional zu betrachten.7 Nicht mit eingeschlossen in diese Definition und dennoch von Bedeutung ist, dass Resilienz eine variable Größe darstellt, d.h., dass ein Mensch beispielsweise auf erste Risikosituation resilient reagieren kann und auf eine andere nicht.

Grundlegend gilt festzuhalten, dass Resilienz immer an zwei Bedingungen geknüpft ist:

„1. Es besteht eine Risikosituation.
2. Das Individuum bewältigt diese positiv aufgrund vorhandener Fähigkeiten“.8

2.2 Die Ursprünge der Resilienzforschung

Die Resilienzforschung hat ihre Wurzeln in der Entwicklungspsychopathologie, welche eine Teildisziplin der Psychologie darstellt. Die Entwicklungspsychopathologie beschäftigt sich mit der Kausalität psychischer und sozialer Entwicklungsstörungen und deren Prozesse.9 „Sie gibt Hinweise auf die Genese psychischer Auffälligkeiten und Störungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

sowie die Bewältigung von Belastungs- und Krisensituationen.“ 10 Gründe für die Entstehung der Resilienzforschung liegen in dem einschneidenden Paradigmenwechsel, welcher sich in der Human- und Sozialwissenschaft vollzog. Man fokussierte sich nun nicht mehr nur auf die Entwicklungsstörungen, sondern legte das Hauptinteresse auf die positiven und gesunden Widerstandskräfte im Menschen. Dies war auch der Zeitpunkt, in dem sich der Blick weg vom Defizit- hin zur Ressourcenperspektive gewendet hat.11

Den Grundstein für die Entstehung der Resilienzforschung legte der Medizinsoziologe Aron Antonovsky 12 mit seinem Salutogenese-Modell in den 1970er Jahren. „Nach Antonovsky sollte die „Entstehung von Gesundheit“ (= Salutogenese) in den Mittelpunkt des Interesses rücken und weiter alle Bemühungen darauf gelenkt werden, Gesundheit zu fördern und zu erhalten.“13 Die Resilienzforschung bezieht sich, genau wie das Modell der Salutogenese, auf protektive Faktoren.

Antonovsky erklärte mit Hilfe einer Metapher, wo die Vorteile einer ressourcenorientierten und protektiven Sichtweise gegenüber einer defizitorientierten Sichtweise liegen: Er verglich das Leben mit einem Fluss, der ruhige, aber auch gefährliche Stellen wie Strudel, Stromschnellen und gefährliche Krokodile hat. „Ein Schwimmer, der durch diesen Fluss hindurch schwimmen will, muss mit all diesen Gefahren und Problemen zurechtkommen, will er nicht ertrinken oder vom Krokodil gefressen werden. Diese Gefahren kann er aber nur meistern, wenn ihm hierfür genügend Ressourcen und protektive Faktoren zur Verfügung stehen. Im realen Leben stehen Stromschnellen und Krokodile für verschiedene Stressfaktoren, wie Armut oder Konflikte. Im ressourcenorientierten Ansatz versucht man dem Menschen das Schwimmen zu lehren bzw. zu erleichtern, damit er ohne fremde Hilfe die Gefahren im Fluss meistern kann. Das Defizitkonzept hingegen greift erst dann ein, wenn der Schwimmer bereits in eine gefährliche Situation geraten ist und sich nicht mehr ohne fremde Hilfe retten kann. Erst dann wird geschaut, welche Probleme der Schwimmer schon hatte, die ihn in eine brenzlige Situation geraten lassen konnten.“ 14

Das Kohärenzgefühl ist ein zentraler Aspekt in der Salutogenese. Gemeint ist ein Wahrnehmungs- und Beurteilungsmuster gegenüber Herausforderungen. 15 Das Kohärenzgefühl impliziert die Grundhaltung, sich dem Leben und seinen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Herausforderungen gewachsen zu fühlen und einen Sinn darin zu sehen, die Anforderungen zu bewältigen.16 Nach Antonovsky hat Kohärenz drei Aspekte:

- „Das Gefühl der Verstehbarkeit von Situationen und Ereignissen
- Das Gefühl der Handhabbarkeit, also dem Gefühl, schwierige Situationen meistern zu können und ihnen nicht ausgeliefert zu sein
- Das Gefühl der Sinnhaftigkeit von erlebten Situationen.“17

In der Resilienzforschung wird das von Antonovsky benannte Gefühl der Kohärenz als eine personelle Ressource gesehen 18. Der ressourcenorientierte Ansatz 19 Antonovskys findet sich auch in der Resilienzforschung wieder, allerdings ist die Resilienzforschung methoden- und prozessorientierter.20

Die Gründe für diesen ressourcenorientierten Paradigmenwechsel liegen zum einen in der Erkenntnis, dass Entwicklungsprobleme nur in den seltensten Fällen ausschließlich auf ein vorhandenes Problem zurückzuführen sind und darüber hinaus zum anderen, dass

Entwicklungsrisiken nicht gezwungenermaßen zu einer Fehlentwicklung führen müssen. Diese Erkenntnis gründet sich auf verschiedenen Langzeitstudien, 21 in denen festgestellt wurde, dass es Menschen gibt, die sich trotz belastender Lebensumstände und psychischer Belastungen zu erstaunlich kompetenten, leistungsfähigen und stabilen Persönlichkeiten entwickelt haben. Aufgrund dieser Studien legte sich nun vermehrt der Fokus auf die psychische Widerstandsfähigkeit. „Damit lag die Notwendigkeit auf der Hand, komplexere und multidimensionale Modelle zu entwerfen, die eher in der Lage sein würden, die Vielschichtigkeit menschlicher Entwicklungsprozesse abzubilden.“22 Hieraus entwickelte sich nun eine völlig entgegengesetzte Fragestellung, die wie folgt lautete:

- Welche Faktoren können dazu beitragen, dass sich Menschen trotz widriger

Lebensumstände, Belastungen und Risiken als „resilient“ erweisen?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Wie kann diese Widerstandsfähigkeit (Resilienz) von Menschen gefördert und gestärkt werden?23

Hierbei ist es wichtig anzumerken, dass sich die Resilienzforschung zumeist auf Kinder fokussiert, da Resilienz im frühen Kindesalter am effektivsten gefördert werden kann. Dies schließt jedoch nicht aus, dass Erkenntnisse auch auf Erwachsene übertragen werden können. Resilienz lässt sich „in jedem Alter, jeder Kultur und jeder Phase unseres Lebens weiter entwickeln“24.

2.3 Kauai-Längsschnittstudie

Eine der bekanntesten Studien, die sich mit dem Bereich der Resilienz beschäftigen, ist die Kauai-Längsschnittstudie25 von Werner und Smith26. „Hauptziel der Studie war es, die Langzeitfolgen prä- und perinataler 27 Risikobedingungen, sowie die Auswirkung ungünstiger Lebensumstände in der frühen Kindheit auf die physische, kognitive und psychische Entwicklung der Kinder festzustellen.“28 Außerdem liegt bei dieser Studie die Aufmerksamkeit nicht nur auf der Bewältigung eines einzigen Risikofaktors. Sie nimmt stattdessen mehrere gleichzeitig bestehende Risikobedingungen in den Blick (sog. kumulierte Risikobelastungen).29 Die Ergebnisse dieser Studie legten den Grundstein für die weitere Resilienzforschung.

Im Folgenden wird diese Studie mit den wichtigsten Ergebnissen vorgestellt: Der gesamte Geburtsjahrgang von 1955 mit einer Gesamtzahl von 698 Menschen, der hawaiianischen Insel Kauai über vier Jahrzehnte begleitet. Die Erhebungszeitpunkte wurden auf sechs Abschnitte festgelegt: 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahre. Bei einem Drittel der Kinder wurde festgestellt, dass sie unter erhöhten Risikobelastungen lebten wie u.a. chronische Armut, psychische Erkrankungen der Eltern oder familiäre Disharmonie. Ein Drittel dieser Probanden entwickelte sich trotz der vorhandenen Risikobelastungen positiv, zeigte sich also resilient. Die übrigen zwei Drittel zeigten verschiedene Arten von

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Verhaltensauffälligkeiten z.B. mangelnde Aggressionskontrolle, Abhängigkeitsprobleme, Lernschwierigkeiten oder Delinquenz. „Die Probanden, die sich als resilient erwiesen, konnten bspw. Beziehungen eingehen, waren optimistisch, fanden eine Arbeit, die sie erfüllte“.30 Die resilienten Probanden verfügten über verschiedene protektive Merkmale und Faktoren.31 Des Weiteren fand man im Rahmen dieser Studie heraus, dass es eine Verbindung von risikomildernden Faktoren im Kind und seiner Umwelt gibt.

Beispielsweise war die Schulbildung der Eltern, insbesondere die der Mutter, mit höherer sozialer Unterstützung ihrer Kinder im Kleinkind- und Schulalter verquickt.

Für die pädagogische Praxis sind zwei Ergebnisse aus dieser Studie besonders bedeutsam. Zum ersten ist es die Tatsache, dass resilientes Verhalten erlernbar ist und zum zweiten, dass die Unterstützung außerhalb der Familie ein entscheidender protektiver Faktor ist. Protektive Faktoren sind keine angeborenen Persönlichkeitsmerkmale, sondern müssen im Laufe des Lebens erlernt werden. Das bedeutet, dass der Sozialarbeiter für die Gefängnisinsassen protektive Faktoren bereitstellen kann und darüber hinaus alternative Verhaltensmodelle mit auf den Weg geben kann, die sie im täglichen Leben anwenden können.32

2.4 Das Risiko- und Schutzfaktorenkonzept

Das Risiko- und Schutzfaktorenkonzept gilt als eines der wichtigsten Konzepte, das mit der Resilienzforschung verknüpft ist.33 Es bildet die Grundlage, um den Resilienzansatz in die Gefängnissozialarbeit integrieren zu können. Daher wird dieses Konzept im Folgenden näher erörtert.

2.4.1 Risikofaktorenkonzept

„Risikofaktoren werden als krankheitsbegünstigende, risikoerhöhende und entwicklungshemmende Merkmale definiert, von denen potenziell eine Gefährdung der gesunden Entwicklung des Kindes ausgeht.“ 34 Risikofaktoren sind Variablen, die die Wahrscheinlichkeit negativ auftretender Verhaltensweisen erhöhen. Darüber hinaus meint „potenziell“ hier, dass vorhandene Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen für die Entwicklung erhöhen, diese aber nicht zwangsläufig eintreffen müssen. 35 Es handelt sich also um ein Wahrscheinlichkeits- und nicht um ein Kausalitätskonzept. Insgesamt muss man heute aus entwicklungspsychopathologischer Sicht Entwicklungsgefährdungen in zwei Hauptgruppen differenzieren: „zum einen Bedingungen, die sich auf biologische oder psychologische Merkmale beziehen -sie werden als Vulnerabilitätsfaktoren bezeichnet- und zum anderen Bedingungen, die psychosoziale Merkmale der Umwelt des Menschens betreffen -sie werden Risikofaktoren bzw. Stressoren genannt.“36 Unter Vulnerabilität (lateinisch vulnus - Wunde) versteht die Psychologie die Verwundbarkeit der Person aufgrund von belastenden bzw. risikoreichen Umweltbedingungen. Sie stellt das Gegenstück zur Resilienz dar. 37 Je höher die Vulnerabilität der Person, desto höher ist das Risiko, dass belastende Lebenssituationen einen negativen Einfluss auf die betroffene Person nehmen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass je geringer die Vulnerabilität ist, desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, unter schwierigen Lebensbedingungen zu zerbrechen. Dabei wurde in der Mannheimer Risikokinderstudie38 herausgefunden, dass sich Vulnerabilitätsfaktoren im Gegensatz zu psychosozialen Risikofaktoren vergleichsweise gering im Bezug auf negative Entwicklungsverläufe auswirken.39

Die Risikobedingungen nehmen unterschiedlich Einfluss auf das Individuum. Das bedeutet, dass es Risikobedingungen gibt, die nur in Zusammenhang mit einer bestimmten Entwicklungsphase Auswirkungen haben. Man spricht hier von „diskreten Faktoren“40. Risikobedingungen, die unabhängig von bestimmten Entwicklungsphasen Einfluss nehmen, werden „kontinuierliche Faktoren“41 genannt. Des Weiteren gibt es Risikobedingungen, die unmittelbare Auswirkungen auf den Menschen haben, das sind „proximale Faktoren“ (z.B. Konflikte zwischen den Eltern). Auf der anderen Seite gibt es dementsprechende Risikobedingungen, die sich indirekt auf den Menschen und seine Entwicklung negativ auswirken können. Diese werden „distale Faktoren“(z.B. Verhalten der Eltern) genannt.42 In mehreren Studien hat sich gezeigt, dass nur in den seltensten Fällen ein Risikofaktor alleine für eine pathogene Entwicklung verantwortlich ist, sondern dass es meist mehrere Faktoren gleichzeitig sind, die dann kumulieren. Es entstehen „multiple Risikobelastungen“. 43 Das bedeutet, dass je mehr Risikofaktoren gemeinsam auftreten, desto signifikanter ist auch die Wahrscheinlichkeit einer pathogenen Entwicklung.

Bedeutsam ist auch die Dauer, die der Mensch einer belastenden Situationen ausgesetzt ist. Solche über längere Zeit andauernden und sich wiederholenden Belastungen führen in häufigen Fällen zu permanenten Veränderungen der Kompetenzen. Bei einem Gefängnisaufenthalt hält die belastende Situation häufig mehrere Jahre an und so ist es nicht länger erstaunlich, dass Menschen stark verändert die JVA verlassen.

Die Chronologie der belastenden Lebenssituation ist substantiell für eine mögliche Entwicklungsstörung.44 Ist in der Kindheit die Familie als Risikoherd für eine negative Entwicklung auszumachen, sind es in der Jugend und im Erwachsenenalter der Peer- Bereich, wie bspw. ein deliquenter Freundeskreis, als verantwortlich anzusehen.45

2.4.2 Schutzfaktorenkonzept

Laut einer Definition von Rutter werden Schutzfaktoren folgendermaßen beschrieben:

„[…] als Merkmale, die das Auftreten einer psychischen Störung oder einer unangepassten Entwicklung verhindern oder abmildern sowie die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung erhöhen.“ 46 Es kann nur dann von einem Schutzfaktor gesprochen werden, wenn mithilfe selbigem ein Risikoeffekt abgemildert oder gänzlich beseitigt werden kann. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Fehlt der Schutzfaktor, kann der Risikoeffekt seine volle Wirkung entfalten. Liegt keine Risikosituation vor, so hat der Schutzfaktor keinerlei protektiven Charakter. Wenngleich Schutz- und Risikofaktoren häufig als gegensätzliche Pole beschrieben werden, darf man hier nicht außer Acht lassen, dass Risiko- und

Schutzfaktoren nicht immer klar voneinander zu trennen sind. Peer-Gruppen bilden hierfür ein gutes Beispiel. Auf der einen Seite stellen sie Schutzfaktoren dar, auf der anderen Seite können sie aber auch als Risikofaktor fungieren.47 Die Schutzfaktoren lassen sich sowohl in personale als auch in soziale Ressourcen aufgliedern. Demzufolge kann man diese protektiven Faktoren zum einen dem Menschen direkt zuschreiben und zum anderem dem sozialen Umfeld.48

Für die Pädagogik ist es wichtig zu differenzieren, mit welchen Schutzfaktoren in der Praxis gearbeitet werden kann und welche als nicht geeignet angesehen werden müssen. Diese nicht geeigneten Faktoren sind die kindbezogenen Faktoren, da man bspw. nicht beeinflussen kann, ob das Kind als Junge oder Mädchen auf die Welt kommt, oder welche Eigenschaften es von Geburt an mitbringt. Sie werden „strukturellen Faktoren“ genannt. 49

Die Wirkungsweisen der Schutzfaktoren sind ähnlich den Wirkungsweisen der Risikofaktoren50: „Die Schutzfaktoren dürfen keineswegs isoliert betrachtet werden, da sie sich gegenseitig bedingen. Das bedeutet, dass eine positive Bindung zu einer engen Bezugsperson zu einem positiven Selbstbild führt, was wiederum dem Kind ermöglicht, im weiteren Lebensverlauf einfache zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Man spricht hier auch von multiplen Ressourcen. Darüber hinaus gilt: Je mehr Schutzfaktoren, desto höher der Schutz gegenüber belastenden Lebenssituationen (kummulative Wirkweise).“51

3. Justizvollzugsanstalt

Um feststellen zu können, ob und wie der Ansatz der Resilienzansatz für die Gefängnissozialarbeit zum Werkzeug werden kann, ist es wesentlich, die Lebenswelt des Gefangenen zu kennen. Im Folgenden werde ich verschiedene Aspekte der JVA darstellen, die für die Beantwortung dieser Fragen bedeutsam sind.

3.1 Straf- und Vollzugsziele

Die Straf- und Vollzugsziele sind im Strafvollzugsgesetz (StVollzG), welches seit dem

1. Januar 1977 in Kraft ist, festgelegt. Hier lautet es: „Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Der Vollzug der Freiheitsstrafe dient auch dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten.“52 In der Gesellschaft ist dies jedoch nicht der einzige Grund für eine Freiheitsstrafe. Der sog. Vergeltungsgedanke ist ein allgemein verbreiteter Strafzweck.53 Der Täter hat Unrecht getan und das soll ihm genauso schwerwiegend wie die Tat vergolten werden. Außerdem spielt der „Abschreckungsgedanke“ noch eine Rolle.54 Wenn eine Steuerhinterziehung beispielsweise nicht angemessen geahndet wird, dann ist das Risiko hoch, dass die Strafe billigend in Kauf genommen wird. Dieses Gesetz formuliert hier jedoch keinen Vergeltungs- oder Abschreckungsanspruch, sondern einen Resozialisierungsanspruch. Dieser Grundsatz der Resozialisierung findet sich in allen Ländergesetzen wieder, auch wenn es in einzelnen Bundesländern eine Akzentverschiebung zugunsten von Sicherheitsaspekten gibt. 55 Es gibt jedoch Brüche zwischen dem offiziellen Resozialisierungsanspruch einer JVA und den faktischen Resozialisierungsmöglichkeiten. Vielfach diskutiert wurde die Diskrepanz, dass Gefangene von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, zugleich jedoch in die Gesellschaft integriert werden sollen. 56 Darüber hinaus besteht im Strafvollzug kaum Spielraum für eigenverantwortliches Handeln, was wiederum für ein Leben in Freiheit unabdingbar ist.

„Darin liegt jedoch der Widerspruch, den Gefangenen im Eingeschlossen sein bei der Vorbereitung für das Leben in Freiheit unterstützen zu müssen. […] Eigeninitiative und selbstbestimmtes Handeln des Gefangenen werden zugunsten der Fremdbestimmung bzw. der passiven Anpassung zurückgedrängt.“ 57 Das Gefängnis wird vor dem Hintergrund zunehmender Resultate empirischer Forschung von Experten weitgehend als ungeeigneter Ort betrachtet, um Menschen zu resozialisieren.58 Die Unfinanzierbarkeit des bisherigen Umfangs der Sozialleistungen 59 sowie eine zunehmend punitive Einstellung der Gesellschaft, die nicht mehr nach Ursachen für Kriminalität fragt, sondern die Verantwortung ganz dem Täter zuschreibt, sind hierfür Gründe.60 Durch die Sichtweise der Gesellschaft nimmt die Bereitschaft ab, Resozialisierungsmaßnahmen, die durch Steuergelder finanziert werden müssen, positiv zu bewerten. Auch wenn in manchen Bundesländern sozialtherapeutische Einrichtungen ausgebaut werden, so betrifft dies doch nur einen sehr geringen Anteil der Gefängnisinsassen. Dem Rest der Inhaftierten steht in der Regel kein therapeutisch arbeitendes Personal zur Verfügung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Camus 1942.

2 Vgl. Zander 2011, S. 8.

3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf eine geschlechtsspezifische Unterscheidung verzichtet.

4 Vgl. Kipker 2008, S. 21.

5 Vgl. Wustmann 2005, S. 18.

6 Welter-Enderlin 2006, S. 13.

7 Vgl. Fröhlich-Gildhoff 2011, S. 11.

8 Ebd., S. 10.

9 Vgl. Zander 2009, S. 27-30.

10 Zander 2009, S. 27.

11 Wegbereiter dieses Paradigmenwechsels sind u.a. Emmy Werner/Ruth Smith (1977/1982) aufgrund ihrer berühmten Kauai-Studie. Siehe hierzu auch Kapitel 2.5 Kauai-Längsschnittstudie.

12 Vgl. auch 2.4.

13 Zander 2009, S. 30.

14 Vgl. Kipker 2008, S. 25.

15 Modell der Gesundheitswissenschaft, das nach den Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen von Gesundheit fragt; vgl. Fröhlich-Gildhoff S. 86.

16 Vgl.Wydler (Hrsg.) 2000, S. 14.

17 Fröhlich-Gildhoff 2011, S. 14.

18 Ebd., S. 10.

19 Aufgrund von Platzbeschränkung kann in diesem Rahmen nicht näher auf den ressourcenorientierten Ansatz eingegangen werden. Als weiterführende Literatur empfehle ich „Ressourcenorientiert Arbeiten“ von Möbius/ Friedrich (Hrsg.).

20 Vgl. Fröhlich-Gildhoff 2011, S. 14.

21 Vgl. Kapitel 2.3.

22 Zander 2009, S. 28.

23 Vgl. Zander 2009, S. 29.

24 Greeff 2005, S. 19.

25 Die Kauai-Längsschnittstudie wird auch als die Pionierstudie der Resilienzforschung bezeichnet und ist die umfangreichste aller bisherigen Studien.

26 Weitere berühmte Studien sind die „Mannheimer Risikokinderstudie“ und die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“; vgl. hierzu Wustmann 2004, S. 89- 95.

27 Vgl. Drosdowski 1974. Pränatal = „vor der Geburt“ (S. 549) und perinatal = „um den Zeitpunkt der Geburt herum“ (S. 585).

28 Wustmann 2004, S. 87.

29 Kipker 2008, S. 53.

30 Fröhlich-Gildhoff u.a. 2009, S. 15-16.

31 Siehe Anhang Schutzfaktoren.

32 Die Religionspädagogik kann hier unterstützend wirken vgl. Kap. 5.

33 Vgl. Wustmann 2004 S. 36-48.

34 Holtmann/ Schmidt 2004, zit. in Fröhlich-Gildhoff u.a. 2009, S. 20.

35 Vgl. Wustmann 2004, S. 36.

36 Ebd.

37 Vgl. ebd., S. 22.

38 Vgl. Fröhlich-Gildhoff u.a. 2009, S. 20.

39 Siehe Anhang Vulnerabilitätsfaktoren und Risikofaktoren.

40 Wustmann 2004, S. 37.

41 Ebd.

42 Vgl. ebd.

48 Vgl. Fröhlich-Gildhoff 2009, S. 28.

49 Vgl. ebd., S. 35.

50 Vgl. Fröhlich-Gildhoff 2009, S. 30- 31 & Wustmann 2004, S. 47- 48.

51 Wustmann 2004, S. 48.

43 Vgl. Fröhlich-Gildhoff u.a. 2009, S. 25 &. Wustmann 2004, S. 40.

44 Vgl. Fröhlich-Gildhoff u.a. 2009, S. 25.

45 Vgl. ebd., S. 25.

46 Rutter 1990, zit. in Fröhlich-Gildhoff u.a. 2009, S. 27.

47 Vgl. Wustmann 2004, S. 44-45.

52 § 2 StVollzG.

53 Vgl. Kette 1991, S. 36.

54 Vgl. ebd.

55 Vgl. Kury 2013, S. 8.

56 Vgl. u.a. Dessecker 2005, S. 42.

57 Deok-Hwan 1991, S. 1.

58 Vgl. Baratta 2001, S. 1; Kury 2013, S. 8.

59 Vgl. Kunz 2008, S. 291; Baratta 2001, S. 2.

60 Vgl. Kunz 2008, S. 152.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Der Resilienzgedanke als Ansatz in der Sozialen Arbeit mit Gefängnisinsassen
Hochschule
CVJM-Hochschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
47
Katalognummer
V342000
ISBN (eBook)
9783668317772
ISBN (Buch)
9783668317789
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
resilienzgedanke, ansatz, sozialen, arbeit, gefängnisinsassen
Arbeit zitieren
Johanna Weddigen (Autor), 2015, Der Resilienzgedanke als Ansatz in der Sozialen Arbeit mit Gefängnisinsassen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342000

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