Doing Gender. Wie Kinder mittels Grenzziehung ihr eigenes Geschlecht konstruieren


Hausarbeit, 2016
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wie konstruieren Kinder ihr eigenes Geschlecht?

3 Theoretische Zugänge
3.1 Mädchen oder Junge? Das gesellschaftlich verankerte Denken der Zweigeschlechtlichkeit.
3.2 Doing-Gender?
3.3 Qualitative Zugänge aus der Schulforschung
3.3.1 Breidenstein & Kelle - Geschlechteralltag in der Schulklasse
3.3.2 Faulstich-Wieland, Weber & Willems (2004) – Doing Gender im heutigen Schulalltag
3.3.3 Thorne (1993) – Gender Play – Girls and Boys in School

4 Forschungsprojekt: Doing Gender im Kinderhaus
4.1 Annährung eines Ethnographischen Forschungsprozesses als Untersuchungsdesign
4.1.1. Zusammenfassung über die ausgewählten Messinstrumente:
4.1.2. Sampling / Stichprobe
4.2 Sequenzielle Feinanalyse
4.3 Ergebnisse

5 Reflexion

6. Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Beobachtungsbogen Blanko
8.2 Qualitative Inhaltsanalysen der drei Interviews
8.3 Poster

Abstract

Doing Gender, also die Konstruktion des sozialen Geschlechts, ist im unreflektierten Alltagserleben ein schwer zu fassendes Konstrukt. Die hier vorliegende Arbeit versucht dieses Konstrukt, über eine theoretische Auseinandersetzung und mittels einer ethnographischen Annährung, zu operationalisieren und somit etwas greifbarer zu machen. Der Fokus wird hierbei auf das Wie gelegt. Wie passiert der Vorgang der Konstruktion des eigenen Geschlechts? Im Hinblick auf das Wie, wurde die Art und Weise auf die Vorschulkinder über Grenzziehung im Kindergartenalltag ihr Geschlecht konstruieren, zur leitgebenden Forschungsfrage.

1 Einleitung

Wir Menschen kommen auf die Welt, ausgestattet mit einem biologischen Geschlecht. In unserer heutigen Kultur teilen wir die Menschheit in zwei Geschlechter ein und erklären dabei andere bzw. weitere Möglichkeiten für ungültig.

„Die biologischen Kriterien zur Bestimmung des Geschlechts ließen durchaus Kontinuitäten, Abstufungen und damit mehr Geschlechter zu, sie werden aber binär kodiert.“ (Faulstich-Wieland, 2004, S. 176)

Auf die in unserer Gesellschaft verankerte Denkweise und Unterscheidung der Zweigeschlechtlichkeit werde ich an späterer Stelle noch etwas näher eingehen. Denn diese bildet die Grundlage dafür, warum der Mensch meint sich für ein Geschlecht entscheiden und dieses in sozialen interaktionellen Situationen darstellen zu müssen.

Doch woher und wodurch stammen unsere Vorstellungen und Zuschreibungen zu einem bestimmten Geschlecht und werden mit diesem verknüpft? Auf welche Art und Weise wird das Geschlecht in sozialen Prozessen konstruiert? Das Herstellen, ja die Inszenierung des eigenen Geschlechtes, gründet auf einer Vielzahl sozialer Handlungen, die mit einer bestimmten Bedeutung versehen zum Ausdruck bringen sollen, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. Durch die eigene Positionierung und Darstellung stellt das Individuum sein Geschlecht her, dieses Tun ist innerhalb sozialer Situationen verankert und bedarf somit die eigene, sowie die Wahrnehmung eines Gegenübers (vgl. Kreienbaum & Urbaniak, 2006).

Wie im Detail vollzieht sich dieses Doing Gender, die soziale Konstruktion des Geschlechts im Alltag? Und auf welche Art und Weise geschieht dies im Speziellen zwischen Kindern in einer Kindertageseinrichtung? Dieser Frage wird im folgenden Forschungsbericht genauer nachgegangen.

2 Wie konstruieren Kinder ihr eigenes Geschlecht?

Schon bevor das Kind kognitiv in der Lage ist sich als weiblich oder männlich wahrzunehmen, wird dies von seinen bzw. ihren Eltern übernommen. Kleidchen oder Hose, rosa Wände oder Autowandsticker, eine Puppe im Kinderbettchen oder doch lieber ein Teddybär, all diese Entscheidungen werden aufgrund des Geschlechts des Kindes und geschlechtsspezifischer Zuordnungen getroffen. Das setzt voraus, dass die Eltern die Menschheit in zwei Geschlechtern kategorisieren und dem jeweiligen Geschlecht bestimmte Eigenschaften und Objekte zuordnen, wie z.B. Farben und Spielzeug aber auch Charaktereigenschaften. Auf diese Art konstruieren sie aktiv das Geschlecht ihres Kindes mit, als eine, meist vollkommen unreflektierte, jedoch alltäglich gelebte Praxis im Familienhaushalt. Wie setzt sich dieses Tun fort, wenn das Kind weg von der Familie, gemeinsam mit anderen Kindern viel Zeit in einer Einrichtung verbringt? Welche Mechanismen hat es übernommen und setzt diese aktiv ein um sich selbst, mit ihrem/seinem Geschlecht darzustellen und zu behaupten?

Kelle und Breidenstein (1998) haben in einer vier Jahre andauernden ethnographischen Feldforschung, an der Laborschule Bielefeld, die Praxis der Geschlechterunterscheidung innerhalb einer Gleichaltrigenkultur bei Kindern im Alter zwischen neun und zwölf Jahren beobachtet. Ebenso haben sich Faulstich-Wieland, Weber und Willems (2004) in einer empirischen Studie mit dem Thema Doing Gender in schulischen Interaktionen auseinandergesetzt. Thorne (1993) hat vor allem die Grenzziehung (borderwork) zwischen den Geschlechtern herauskristallisiert und beschrieben. Jedes dieser hier erwähnten Untersuchungen fand in Schulen der Primar- und Sekundarstufe statt. Für den Kindergartenbereich gibt es aktuell noch wenig Auswahl an Forschungsliteratur zum Thema Doing Gender. Aus diesem Grund habe ich mich auf diese drei Untersuchungen als Grundlagenliteratur gestützt.

Meine Forschungsfrage bezieht sich auf den Altersbereich bei Kindern zwischen fünf und sechs Jahren. Wieso ich mich gerade auf diesen konzentriert habe, wird beim Prozess des Samplings näher erläutert werden. Mit welchen Methoden, Sichtweisen und Selbstdarstellungsformen Kinder dieser Altersgruppe ihr eigens Geschlecht konstruieren steht im Fokus meiner Untersuchung.

3 Theoretische Zugänge

Nach Kreienbaum und Urbaniak (2006) setzt sich die Auffassung, dass der Mensch selbst aktiv die Unterschiede zwischen den Geschlechtern herstellt, erst seit den 1990er Jahren immer mehr durch.

„Wir nehmen als unterschiedlich wahr, was gar nicht unbedingt unterschiedlich ist. Das zu verstehen ist schwierig, denn unsere Denkgebäude, unsere Kultur, unser alltägliches Leben ist auf der meist unhinterfragt vorausgesetzten Tatsache der Unterschiedlichkeit der Geschlechter aufgebaut. Wir sprechen hier von der Kategorie (oder der Kultur) der Zweigeschlechtlichkeit.“ (Kreienbaum & Urbaniak 2006, S. 39)

Es geht also erst einmal darum zu beleuchten wie der Gedanke der Zweigeschlechtlichkeit in unserer Kultur verankert ist und auf welche Weise sich dieser auf unser Handeln auswirkt, bevor die Begrifflichkeit des Doing Genders näher erläutert wird. Anschließend möchte ich in diesem Abschnitt noch die bereits oben genannten Studien und deren Ergebnisse vorstellen.

3.1 Mädchen oder Junge? Das gesellschaftlich verankerte Denken der Zweigeschlechtlichkeit.

Erst durch eine gesellschaftliche Ordnung die auf Geschlechtsbinarität beruht, wird Ungerechtigkeit durch Geschlechtsungleichheit möglich. Die Einteilung der Geschlechter in weiblich und männlich, begründen sich dabei meist auf biologisch gegebenen Merkmalen. „Die Zuordnung zu den Geschlechtern erfolgt nach festgelegten und vermeintlich eindeutig biologischen Kriterien.“ (Spieß, 2012, S. 67) Die soziale Praxis und Verankerung der Zweigeschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft bewirkt, dass die Geschlechtsbinarität von der Allgemeinheit als natürlich und essentiell wahrgenommen wird. Dabei geschehen Geschlechtszuordnungen heutzutage bereits vor der Geburt mit der Aufdeckung des Geschlechts des ungeborenen Kindes mittels Ultraschall.

„Die Frage, ob der Fötus ein Mädchen oder Junge ist, ist für die Eltern des Kindes häufig von zentraler Bedeutung. Das Geschlecht des Kindes bestimmt den Namen, häufig die Farbe und Art der Kleidungsstücke, die Einrichtung des Kinderzimmers, die Auswahl der Spielzeuge aber auch die Phantasien über die Eigenschaften, die Fähigkeiten und die zukünftige Entwicklung des Kindes. Der Einfluß der Kategorie Geschlecht auf die kindliche Entwicklung ist weitreichend und Gegenstand pädagogischer und entwicklungspsychologischer Forschung.“ (Weber, 2005, S. 70)

Ebenso finden wir eine institutionalisierte Zweigeschlechtlichkeit durch eine gesetzliche Verankerung ebendieser. Spieß (2012) weist darauf hin, dass Abweichungen von der Zweigeschlechtlichkeit von unserer Gesellschaft als Irregularität, Ausnahme oder als Abnormal aufgefasst werden (vgl. Spieß, 2012).

Hirschauer (1994) verweist darauf, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht im Normalfall weder erfragt noch mitgeteilt, sondern dargestellt wird.

„Mit jedem körperlichen Auftreten einer Person in sozialen Situationen wird eine Anschaulichkeit und Augenfälligkeit sozialer Ordnung erzeugt, die ungleich realitätsmächtiger ist als es Diskurse sein können: über das, was sich zeigt, braucht man nicht zu sprechen.“ (Hirschauer, 1994, S. 672/673)

An dieser Stelle schlägt sich nun der Bogen zu der Thematik des Doing Gender, die die Geschlechtszugehörigkeit als einen fortlaufenden Prozess beschreibt, als eine interaktive Praxis der Darstellung, die das Alltagswissen von den Strukturen der sozialen Wirklichkeit reproduziert (vgl. ebd.).

3.2 Doing-Gender?

„Can we ever not do gender?“ (Zitiert nach West/Zimmermann, 1987 in Hirschauer, 1994, S. 676)

In allen sozialen Situationen und Interaktionen, findet Geschlechtszuschreibung und –Geschlechtserinnerung statt, so dass ein geschlechtsneutrales Auftreten schwer vorstellbar wird. Hirschauer (1994) äußert sich zu diesem Tatbestand, dass Geschlechtszugehörigkeit dadurch zu einer omnirelevanten Hintergrunderwartung avanciert. Des Weiteren verweist er darauf, dass die Geschlechtskonstruktion als ein diskontinuierlicher Prozess verstanden werden muss, der aus Episoden besteht „in denen Geschlecht in sozialen Situationen auftaucht und verschwindet (Hirschauer, 1994, S. 677)“. Somit muss neben einem Doing Gender also auch ein Undoing Gender existieren. Neuere ethnomethodologische und sozialkonstruktivistische Arbeiten weisen darauf hin, Geschlechtsunterscheidung als situations- und kontextgebunden zu verstehen und nicht als omnirelevant (vgl. Kelle, 1999).

Doing Gender impliziert, dass das Geschlecht nicht als eine rein biologisch oder sozial eindeutig definierbare Größe verstanden werden kann. Gildemeister (2010) weist darauf hin, dass die Herstellung von Geschlecht nicht automatisch passiert, sondern immer auch kontextuell betrachtet und analysiert werden muss. Aus dieser Perspektive betrachtet sind somit viele Variationen der Geschlechtskonstruktion möglich, die immer auch von ihrer Umgebung beeinflusst werden.

Hat man den Anspruch die Konstruktion des Geschlechts zu begreifen, so kann noch ein weiterer Gesichtspunkt dabei hilfreich sein, auf den Weber (2005) ausdrücklich hinweist. Hierbei geht es um die Definition und Anwendung des zentralen Begriffs der Konstruktion.

„Zum einen geht es um die Konstruktion des sozialen Geschlechts. In diesem Sinne wird die Existenz von Geschlecht in seiner Ausprägung „weiblich/männlich“ und also die Annahme von der Differenz zwischen den Geschlechtern nicht angezweifelt.“ (Weber, 2005, S. 85)

Die Kernthematik ist hier die Sozialisation von Geschlecht und das Begreifen darüber, worin die Unterschiede im sozialen Geschlecht bestehen und wie diese kulturell geschaffen werden. Der andere Aspekt Konstruktion zu verstehen ist die soziale Konstruktion von Geschlecht. Diese Auffassung basiert auf der Annahme, dass das Geschlecht nicht als eine soziale oder biologisch eindeutig definierbare Größe verstanden werden und somit auch nicht genau oder ungenau erfasst werden kann.

„Vielmehr geht es hier um die Frage, wie wir überhaupt zu unserem dualistischen Verständnis von Geschlecht und seiner Bedeutung als sinnstiftender Kategorie gelangen.“ (ebd.)

Was ist nun aber genau mit Doing Gender gemeint?

Doing Gender meint, die in der zwischenmenschlichen Interaktion dargestellte und zugeschriebene Geschlechtszugehörigkeit. Die darstellende Inszenierung in diesen Interaktionen ist nicht konstant, sie ist vielmehr störanfällig. Trotzdem wird sie immer wieder angepasst und stimmig gemacht. Auf diese Weise befindet sich die Kategorie Geschlecht im Zentrum gesellschaftlicher Prozesse (vgl. Faulstich-Wieland, Weber & Willems, 2004).

„Geschlecht ist dann nicht an Individuen gebunden, sondern wird durch viele kulturelle Objekte hergestellt.“ (Faulstich-Wieland, Weber & Willems, 2004, S. 23)

3.3 Qualitative Zugänge aus der Schulforschung

3.3.1 Breidenstein & Kelle - Geschlechteralltag in der Schulklasse

Breidenstein und Kelle (1998) haben in einem Zeitraum von vier Jahren die Geschlechterunterscheidung innerhalb einer Gleichaltrigenkultur mittels teilnehmender Beobachtung ethnomethodologisch untersucht und erforscht. Dabei ging es ihnen nicht darum von vornhinein die Geschlechterunterscheidung vorauszusetzen, sondern vielmehr diese als empirische Frage voranzustellen. Aus dieser Perspektive haben sie Situationen und Praktiken identifiziert, die der Geschlechterunterscheidung Bedeutsamkeit verleihen. Vorrangig lag ihr Augenmerk auf die interaktiven Praktiken und nicht auf die Betrachtung der Verhaltensweisen einzelner Personen oder sozialer Gruppen.

Breidenstein und Kelle haben herausgefunden, dass man bei der interaktiven Praxis der Geschlechterunterscheidung unter Kindern nicht bzw. nicht vorrangig auf die Dominanz der Jungen über die Mädchen stößt. Die Teilnehmer schöpfen aus einem Pool mannigfaltiger interaktiver Ressourcen, um alltägliche Geschlechterunterscheidung zu praktizieren. Dabei treten immer auch wieder Asymmetrien auf, die bereits die Zugehörigkeit zu den Geschlechterkategorien betreffen. Als Beispiel wird das Verkleiden zur Faschingszeit genannt, wobei es einen Unterschied macht, ob Mädchen sich als Jungen oder Jungen sich als Mädchen verkleiden . „Während dieses Spiel für Mädchen unproblematisch ist, gehen Jungen das Risiko ein, verhöhnt und ausgelacht zu werden.“ (Breidenstein & Kelle, 1998, S. 265)

In Ihrem Fazit resümieren sie, dass sich die Vielfalt der Geschlechterunterscheidung unter Kindern vor allem als praktisch erweist.

„Im Vergleich zu anderen Zugehörigkeiten reicht Geschlechtszugehörigkeit in ihrer sozialen Bedeutsamkeit und Identitätsrelevanz viel weiter und ist tiefer verankert – sie ist dem Körper eingeschrieben -, für die Kinder erweist sie sich trotzdem (oder deswegen) an vielen Stellen als eine vergleichsweise unproblematische und manchmal sogar recht vergnügliche Zugehörigkeit.“ (Breidenstein & Kelle, 1998, S. 270)

3.3.2 Faulstich-Wieland, Weber & Willems (2004) – Doing Gender im heutigen Schulalltag

Faulstich-Wieland, Weber und Willems (2004) haben eine qualitative Schulstudie durchgeführt, bei der sie drei Gymnasialklassen über drei Schuljahre der Sekundarstufe hinweg hauptsächlich ethnographisch begleitet haben. Dabei sind sie der Frage nachgegangen, wie Lehrpersonen und Jugendliche in unterschiedlich zusammengesetzten Schulklassen durch Interaktionen Geschlecht als soziale Kategorie konstruieren und welche Interaktionen zur Neutralisation beitragen. Diese Forschungsfrage basiert auf der Annahme, dass Geschlecht in Interaktionsprozessen immer wieder hergestellt wird. Es wurden eine Vielzahl von Erhebungsinstrumenten herangezogen, wobei auch hier die teilnehmende Beobachtung als wesentliche Methode diente.

Die Ergebnisse zeigen, das vor allem die Lehrkräfte in der Interaktion mit Jugendlichen das Geschlecht dramatisieren und konstruieren. Dies geschieht z.B. über Verallgemeinerungen, indem Sätze wie, „Mädels, Ihr seid nun dran“, geäußert werden. Die Auswertungen der Fragebögen haben ergeben, dass die Jugendlichen in ihrer Selbsteinschätzung und was ihr Selbstwertgefühl angeht, typische Geschlechtsbilder in sich tragen. Vorrangig wurde herausgearbeitet, dass Geschlecht in Interaktionsprozessen, vor allem durch körperliche Inszenierungen, sowohl Dramatisiert als auch Entdramatisiert wird. Somit wird die Inszenierung geschlechtsstereotyper Darstellung und Verhaltensweisen zu einer ruhenden Ressource, auf die zurückgegriffen werden kann, die jedoch nicht in jeder Interaktion wesentlich ist (vgl. Stiegler, 2005).

3.3.3 Thorne (1993) – Gender Play – Girls and Boys in School

Thorne (1993) hat ihre Untersuchung hauptsächlich mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung im Vorschul- und Grundschulbereich durchgeführt. Sie ist der Frage nachgegangen, wie Kinder selbst aktiv soziale Praktiken gestalten. „Borderwork“ (Grenzziehungen) ist nach Thorne eine Praxis, wie Kinder unterschiedliche Welten für die Geschlechter konstruieren.

„The term borderwork helps conceptualize interaction across – yet interaction based on and even strenthening – gender boundaries.“ (Thorne, 1993, S. 64)

Sie ist jedoch auch der Frage nachgegangen wie Neutralisation (Undoing Gender) vollzogen wird, wie gegensätzliche Pole in der Interaktion auflöst werden (vgl. Thorne, 1993).

Thorne hat die Grenzziehung als wesentliches Moment der Konstruktion von Geschlecht herausgestellt. Weitere Beobachtungen haben gezeigt, dass eine Grenzüberschreitung sowohl zur Festigung eben dieser Grenzen beitragen kann (wenn sie die Ausnahme von der Regel darstellt) oder aber auch zur Neutralisierung der Grenzen führen kann. Lehrkräfte tragen durch ihre eigene Unterscheidung in zwei Geschlechtern und deren Umsetzung im Schulalltag zur Grenzziehung entscheidend bei (vgl. Faulstich-Wieland, Weber & Willems, 2004).

4 Forschungsprojekt: Doing Gender im Kinderhaus

Im Rahmen meines zweiten Blockpraktikums hatte ich die Möglichkeit in einer privaten Einrichtung tätig zu werden. Das Kinderhaus orientiert sich in seiner Konzeption an der Reggiopädagogik und hat seinen Schwerpunkt auf Natur und Tiere gelegt. Während meiner Praktikumszeit waren 26 Kinder angemeldet. Fünf pädagogische Fachkräfte waren festangestellt, eine Auszubildende im Anerkennungsjahr, eine Angestellte im Freiwilligen Sozialen Jahr und Mehrere immer wieder auch wechselnde Praktikantinnen waren tätig. Der überaus „günstige“ Personalschlüssel ermöglichte es mir, mich intensiv der Beobachtung der Kinder zu widmen. Zudem wurde ich anerkennend ins pädagogische Feld integriert, so dass es mir möglich wurde in vielen eigeninszenierten Kleinprojekten intensiv mit den Kindern interaktiv tätig zu werden und ins Gespräch zu kommen.

4.1 Annährung eines Ethnographischen Forschungsprozesses als Untersuchungsdesign

„Die ethnographische Forschung will die untersuchte Kultur nicht von außen beschreiben, sondern sich ihrem alltagsweltlichen Vollzug aussetzen. Sie setzt auf das Mitmachen, soweit dies eine Beobachterrolle erlaubt. So ist eine theoretisch interessierte Ethnographie von einer Doppelbewegung gekennzeichnet: Sie erforscht das Eintauchen in Alltagswirklichkeit und zugleich die analytische Distanzierung. Sie vollführt einen Balanceakt zwischen Quasi-Teilnehmerschaft – Ethnographen kennen die „Ehrenmitgliedschaft“ in Gruppen, die sie untersuchen – und Etablierung einer sozialen Sicht auf soziales Geschehen, die den Teilnehmern nicht zur Verfügung steht, insofern sie in alltäglichen Handlungszwängen stehen.“ (Breidenstein & Kelle, 1998, S. 19)

Um in einen wahrhaft ethnographischen Forschungsprozess zu treten, reicht ein Zeitraum von neun Wochen meines Erachtens nicht aus. Doch für ein vages Hineinspüren und erste Einblicke bot dieses Praktikum durchaus einen angemessenen Rahmen. Die literaturgestützte Heranführung an einen ethnographischen Forschungszugang ermöglichte es mir von den konkreten und strukturierten quantitativen Zugängen Abstand zu nehmen und im Feld kreativ interessiert geeignete Methoden zu entwickeln. Denn für die Gewinnung von empirischem Material gibt es in der ethnographischen Feldforschung mehrere Herangehensweisen. Nach Amann und Hirschauer (1997) beginnt der ethnographische Forschungsprozess mit einer Vielzahl an Beobachtungen und heterogenen Erfahrungen im Feld. Des Weiteren beschreiben sie die teilnehmende Beobachtung zunächst als „eine soziale Form der Integration von Fremden in eine Lokalität (S.16-17)“. Mein Anliegen war es in Beobachtungen protokollarisch festzuhalten, wie Kinder in der Freispielzeit allein oder in Interaktionsprozessen ihr eigenes Geschlecht konstruieren. Aus diesem Grund habe ich mich in meiner Untersuchung auf die teilnehmende Beobachtung und deren Protokollierung gestützt. In der Einleitung zu „Die Befremdung der eigenen Kultur“ erwähnen Amann und Hirschauer in Bezug auf die empirische Datenerhebung im Feld:

„Statt eines kontrollierten selektiven >Instruments< erzeugen Forscherpersonen ihre Selektionsbedingungen und Selektionen in Eigenarbeit und in Abhängigkeit von ihren Erfahrungen.“ (S.17)

Als Vorstufe, die dazu dienen sollte mir das Feld zu erschließen und die Beziehungen und Beziehungsverknüpfungen der Kinder untereinander näher in den Blick zu nehmen, hat mir das Erstellen eines Interaktionsnetzes der Kindergruppe geholfen. Faulstich-Wieland (2004) hat in Ihrer empirischen Studie zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen sehr differenzierte Interaktionsnetze erstellt.

„Dafür wurden in Excel-Tabellen einzelne Interaktion nach den beteiligten Personen codiert, in dem festgehalten wurde, von wem die Interaktion ausging, wer Adressat der Interaktion war und ob sie als positiv oder neutral angesehen werden kann bzw. ob sie eher negativ ist.“ (Faulstich-Wieland, Weber & Willems, 2004, S.42)

Ich habe für meine Arbeit weitaus weniger differenzierte Interaktionsnetze gewählt, da es mir lediglich darum ging herauszufinden, auf welche Kinder ich mich in meinen nachfolgenden Beobachtungen konzentrieren sollte. So konnte ich durch Beobachtung feststellen, dass Kinder unter 2,5 Jahren wesentlich weniger in Interaktionsprozesse mit anderen Kindern involviert bzw. integriert waren. Die sprachliche und die kognitive Entwicklung der Kinder waren letztendlich ausschlaggebend dafür, dass ich mich bei meinen Beobachtungen auf das Alter zwischen fünf und sechs Jahren konzentriert habe.

Während der teilnehmenden Beobachtung konnte ich die Erfahrung machen, dass die reine Beobachtung meines Erachtens oft wenige Schlüsse über die Eigenkonstruktion des Geschlechts hergibt. Aus diesem Grund bin ich während einer Beobachtung des Öfteren in die Kommunikation mit den Akteuren gegangen, um durch gezieltes Nachfragen mehr Aufschlüsse zu erhalten. Dieses Vorgehen macht Naturgemäß eine Reflexion über den eigenen Einfluss ins Feld noch notwendiger. Durch Nachfragen findet beim Akteur eine Bewusstwerdung und Sensibilisierung der eigenen Handlung auf der einen Ebene und eine Veränderung der nachfolgenden Handlung auf einer anderen Ebene statt. Die Reflexion meiner eigenen Person im Feld habe ich unter Punkt 5 mit aufgenommen und vertieft. Bezüglich des ins Gespräch kommen während der teilnehmenden Beobachtung äußert sich Rosenthal (2005) folgendermaßen:

„Wesentlicher Vorteil der teilnehmenden Beobachtung gegenüber anderen Verfahren, wie auch gegenüber Videoaufzeichnungen von Alltagssituationen, ist vielmehr die Teilnahme am Alltagsleben, d.h. das Erleben dieses Alltags aus eigener Perspektive und die Möglichkeit, sich in Gesprächen auf das Erlebte zu beziehen, Fragen dazu zu stellen und unterschiedliche Reaktionen auf die Handlungen anderer auszuprobieren.“ (S. 106-107)

Bei der Umsetzung für die Protokollierung habe ich mich für einen selbsterstellten Protokollbogen entschieden (siehe Anhang), der es mir ermöglichen sollte sowohl meine eigene Person im Feld zu reflektieren, eine erste Interpretation der Beobachtung vorzunehmen, als auch Überlegungen für weitere zukünftige Beobachtungen niederzuschreiben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Doing Gender. Wie Kinder mittels Grenzziehung ihr eigenes Geschlecht konstruieren
Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd  (Kindheitspädagogik)
Veranstaltung
Blockpraktikum II
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V342036
ISBN (eBook)
9783668317512
ISBN (Buch)
9783668317529
Dateigröße
4481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
doing, gender, kinder, grenzziehung, geschlecht
Arbeit zitieren
Vasudeva Nadine Mansoibou (Autor), 2016, Doing Gender. Wie Kinder mittels Grenzziehung ihr eigenes Geschlecht konstruieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342036

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