In volkswirtschaftlichen Modellen sowie in betriebswirtschaftlichen Theorien, so z. B. in der Investitionstheorie und im Bondmanagement, wird zur Modellbeschreibung bzw. als Basis für Berechnungen oftmals ein einziger „Marktzinssatz“ zu Grunde gelegt. Die Unterstellung eines solchen Zinssatzes widerspricht jedoch empirischen Beobachtungen, nach denen sich auf den Geld-, Kapital- und Kreditmärkten verschiedene Zinssätze für unterschiedliche Anlagezeiträume, Bonitäten der Emittenten und andere Merkmale feststellen lassen.
Insbesondere der Zusammenhang zwischen der Verzinsung von festverzinslichen Wertpapieren und deren Laufzeiten ist in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung von steigendem Interesse. Kenntnisse über diesen Zusammenhang, als Fristigkeitsstruktur der Zinssätze oder auch Zinsstruktur bezeichnet, bieten eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis.
Ein Einsatzgebiet stellt die Bewertung von zinsabhängigen Finanztiteln, u. a. von Kuponanleihen, dar. In einfachen Barwertberechnungen wird zur Ermittlung des arbitragefreien Preises eines Bonds eine nicht realistische flache Zinsstrukturkurve unterstellt. Bei Kenntnis der Zinsstruktur kann der Wert von Anleihen mittels einer modifizierten Barwertformel unter Verwendung periodenspezifischer Zinssätze wesentlich exakter bestimmt werden.
Im Bereich des Bondmanagements eröffnet sich ein weiteres Anwendungsgebiet hinsichtlich verbesserter Immunisierungsstrategien von Portfolios festverzinslicher Wertpapiere gegen Zinsänderungsrisiken. Während das gewöhnliche Konzept der Duration ebenfalls eine flache Zinsstrukturkurve voraussetzt, sind auf komplexeren Annahmen beruhende Durationsmodelle in der Lage, die zeitliche Entwicklung nichtflacher Zinsstrukturen zu berücksichtigen. Es lassen sich daher genauere Aussagen bezüglich des Zinsänderungsrisikos von Anleihen treffen und Strategien zur verbesserten Immunisierung von Portfolios erarbeiten.
Geschäftsbanken haben in ihrer Funktion als Finanzintermediär u. a. die Aufgabe der Fristentransformation zu erfüllen. Durch Fristeninkongruenzen zwischen Aktiv- und Passivgeschäft entstehen Zinsänderungsrisiken, die eine Prognose der zukünftigen Zinsentwicklung notwendig machen. Diesem Zweck können Zinsstrukturschätzungen dienen. Sie ermöglichen Banken weiterhin, sich mittels dieser Informationen entdeckte Ineffizienzen auf den Kapitalmärkten zur Erzielung von Überschussrenditen nutzbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Relevanz der Thematik
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Theoretische Ansätze zur Erklärung der Zinsstruktur
2.1 Grundlagen der Zinsstrukturtheorie
2.1.1 Definition und Eigenschaften der Zinsstruktur
2.1.2 Zinssätze und Risiken der Anlage
2.2 Die traditionelle Erwartungstheorie
2.3 Neuere erwartungstheoretische Modelle
2.3.1 Die modifizierte Erwartungstheorie von Lutz
2.3.2 Das Normalintervallmodell von Malkiel
2.4 Die Liquiditätsprämientheorie
2.5 Die allgemeine Präferenztheorie
2.6 Die Marktsegmentationshypothese
2.7 Die Preferred Habitat Theory
2.8 Zeitstetige Gleichgewichtsmodelle
2.8.1 Das Modell von Vasicek
2.8.2 Das Cox/Ingersoll/Ross-Modell
2.9 Bewertung der vorgestellten Ansätze
3. Verfahren zur Schätzung von Zinsstrukturen
3.1 Einführung
3.2 Das Verfahren von Carleton und Cooper
3.3 Approximation der Zinsstruktur durch ein Polynom
3.3.1 Das Verfahren von Chambers, Carleton und Waldman
3.3.2 Das Verfahren von Schaefer
3.4 Schätzung der Zinsstruktur durch Splines
3.4.1 Approximation durch quadratische Splines
3.4.2 Approximation mittels kubischer oder polynomialer Splines
3.4.3 Schätzung der Zinsstruktur durch exponentielle Splines
3.4.4 Anwendung von B-Splines bei der Zinsstrukturschätzung
3.4.5 Approximation der Zinsstruktur durch glättende Splines
3.5 Zinsstrukturschätzungen mittels parametrischer Verfahren
3.5.1 Das Verfahren von Echols und Elliot
3.5.2 Das Verfahren von Nelson und Siegel
3.5.3 Das Svensson-Verfahren
3.6 Beurteilung der Schätzverfahren
4. Untersuchung europäischer Zinsstrukturen
4.1 Schätzmethoden der Zentralbanken
4.2 Annahmen über europäische Zinsstrukturen
4.3 Datenbasis und -bearbeitung
4.4 Interpretation und Analyse der Ergebnisse
4.5 Kritische Würdigung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die wichtigsten theoretischen Ansätze zur Erklärung von Zinsstrukturen aufzuarbeiten und die in der Praxis gebräuchlichen Schätzverfahren zu analysieren. Dabei wird untersucht, inwieweit diese theoretischen Ansätze empirisch beobachtbare Kurvenverläufe realistisch begründen können und welche Schätzverfahren für die Praxis geeignet sind, um abschließend zu prüfen, ob sich europäische Zinsstrukturkurven in einem gemeinsamen Währungsmarkt signifikant unterscheiden.
- Erklärung und Kategorisierung theoretischer Zinsstrukturansätze
- Detaillierte Analyse gängiger Schätzverfahren für Zinsstrukturkurven
- Vergleich der Schätzmethoden verschiedener europäischer Zentralbanken
- Empirische Untersuchung europäischer Zinsstrukturen im Zeitraum 2001-2002
- Kritische Beurteilung der Modellgenauigkeit und Anwendbarkeit
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Die modifizierte Erwartungstheorie von Lutz
Um der Erwartungstheorie mehr Aussagekraft zu verleihen, nahm Lutz wesentliche Modifikationen in ihren klassischen Annahmen vor, um sie wirklichkeitsnäher zu gestalten. Zunächst wurden Transaktionskosten eingeführt, durch welche der Kauf und Verkauf von Wertpapieren nicht mehr kostenlos möglich ist. Die entstehende Zinsstruktur ist eine andere als die, die sich ohne die Annahme von Transaktionskosten ergibt. In einem zweiten Schritt wurde die Annahme der vollständigen Voraussicht der Anleger aufgelöst. Durch die Einführung von Risiko werden Anleger nun erstmals Risiko-Rendite-Erwägungen anstellen und sich bei Unterstellung von Risikoaversion nur dann für risikoreichere Anlagen entscheiden, wenn für diese eine Risikoprämie in Form eines höheren Zinssatzes gezahlt wird. Die Aufgabe dieser klassischen Annahme führt jedoch nur zu einer Einführung des Einkommensrisikos, das Kapitalrisiko wird dadurch, dass Investoren wie bisher ihren Anlagehorizont an der Laufzeit eines langfristigen Wertpapiers ausrichten, weiterhin ausgeschlossen.
Eine weitere wichtige Änderung der Annahmen besteht darin, dass Anleger nicht länger homogene Erwartungen bezüglich der Entwicklung zukünftiger Zinssätze haben. Zudem führen die von einem Anleger erwarteten kurzfristigen Zinssätze nicht mehr zwingend zu einer Erwartung über einen langfristigen Zinssatz, da jener nicht von den Erwartungen dieses einzelnen Investors abhängt, sondern von der Erwartung des Marktes, d. h. sämtlicher Geldanleger. Die Annahmen eines Investors über einen zukünftigen langfristigen Zinssatz können sich somit von seinen Annahmen über zukünftige kurzfristige Zinssätze unterscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Bedeutung der Zinsstruktur für Investitionstheorie und Bankmanagement sowie die Motivation, diese trotz ihrer Nicht-Beobachtbarkeit zu schätzen.
2. Theoretische Ansätze zur Erklärung der Zinsstruktur: Dieses Kapitel stellt verschiedene Hypothesen vor, von der traditionellen Erwartungstheorie bis hin zu zeitstetigen Gleichgewichtsmodellen, um die Entstehung von Zinskurven zu erklären.
3. Verfahren zur Schätzung von Zinsstrukturen: Hier werden diverse diskrete und stetige Schätzmethoden, wie Polynom-Approximationen und verschiedene Spline-Techniken, technisch detailliert beschrieben und bewertet.
4. Untersuchung europäischer Zinsstrukturen: Dieses Kapitel vergleicht die von verschiedenen Zentralbanken angewandten Schätzverfahren und analysiert die Zinsstrukturen ausgewählter europäischer Länder in den Jahren 2001 und 2002.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass theoretische Erklärungen oft unzureichend sind, während praxisorientierte Schätzverfahren, wie die Svensson-Methode, den aktuellen Standard für Zentralbanken darstellen.
Schlüsselwörter
Zinsstruktur, Zinsstrukturtheorie, Schätzverfahren, Zinsstrukturkurve, Erwartungstheorie, Liquiditätsprämientheorie, Spline-Technik, Svensson-Verfahren, Nelson-Siegel-Modell, Zentralbanken, Terminzinssatz, Kassazinssatz, Zinsänderungsrisiko, Kapitalmarkt, Finanzierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen der Zinsstruktur sowie mit den in der Praxis angewandten mathematischen Verfahren, um diese Zinsstrukturen aus Marktpreisen von Wertpapieren zu schätzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Erklärung von Zinsstrukturkurven durch verschiedene ökonomische Theorien und die technische Umsetzung ihrer Schätzung mittels Splines, Polynomen und parametrischen Modellen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die wichtigsten Theorien zu überprüfen und die gängigen Schätzverfahren hinsichtlich ihrer praktischen Eignung zu beurteilen, um anschließend europäische Zinsstrukturen vergleichend zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung der Literatur und vergleicht methodisch die von verschiedenen Zentralbanken eingesetzten Schätzmodelle anhand von empirischen Daten aus den Jahren 2001 und 2002.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt im zweiten Kapitel die theoretischen Ansätze zur Erklärung von Zinsstrukturen und im dritten Kapitel intensiv die verschiedenen Verfahren zur Schätzung von Zinsstrukturen, von einfachen Polynomen bis zu glättenden Splines.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Zinsstruktur, Schätzverfahren, Svensson-Verfahren, Zentralbanken, Renditestrukturkurve und Kapitalmarkttheorie beschreiben.
Warum ist das Svensson-Verfahren heute ein Quasi-Standard?
Es ist aufgrund seiner Flexibilität bei der Abbildung von Kurvenverläufen, insbesondere bei kurzen Laufzeiten, und der verhältnismäßig einfachen Implementierung bei gleichzeitig hinreichend guten Ergebnissen für geldpolitische Analysen sehr beliebt.
Welchen Unterschied gibt es zwischen dem Carleton/Cooper-Verfahren und neueren stetigen Verfahren?
Das Verfahren von Carleton und Cooper ist diskret und weist oft einen ungleichmäßigen, gezackten Verlauf der Zinsstrukturkurve auf, während stetige Verfahren wie Splines oder das Nelson/Siegel-Modell glatte, funktionale Zusammenhänge zwischen Laufzeit und Verzinsung herstellen.
- Quote paper
- Sebastian Krah (Author), 2003, Verfahren zur Erklärung und zur Schätzung von Zinsstrukturen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34205