Was macht ein erfülltes Leben aus? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein? Welche äußeren Umstände wirken in diesem Kontext förderlich und welche hinderlich? Das sind nur einige der Fragen mit denen sich der Capability Approach auseinandersetzt. Der in den 1980er Jahren entwickelte normative Ansatz geht auf den Wohlfahrtsökonomen Amartya Sen zurück. Anfangs unabhängig und später in enger Zusammenarbeit mit der Philosophin Martha Nussbaum wurde der Fähigkeitenansatz entwickelt und kontinuierlich weiter geführt.
Nach einer allgemeinen Einführung in die Denkweise klassischer Wohlfahrtstheorien in Kapitel 2, beschäftigt sich der Hauptteil dieser Arbeit in Kapitel 3 und 4 entsprechend mit der jeweiligen Ausprägung des Fähigkeitenansatzes nach Sen und Nussbaum. Um ein detailliertes Verständnis für den Ansatz zu erlangen, stehen in der Abhandlung über Sen begriffliche und inhaltliche Spezifikationen im Vordergrund. Der folgende Abschnitt behandelt weiterhin die philosophische Fundierung des Fähigkeitenansatzes unter Nussbaum und stellt deren sogenannte „Fähigkeitenliste“ vor.
Seinen wesentlichsten Einfluss hat der Fähigkeitenansatz bis dato auf die IWF und die Weltbank genommen. Mittlerweile haben allerdings auch Theoretiker aus den Bereichen Erziehungswissenschaft, Soziologie und Sozialpädagogik den Ansatz für sich entdeckt. Sie nutzen den Fähigkeitenansatz als theoretische Grundlage, um sich mit Fragen der Ungleichheit, Lebensqualität und Entwicklungspolitik auseinanderzusetzen. Aber auch in der der Sozialen Arbenansatz mittlerweile ein Begriff. Der Schlussteil der Arbeit erörtert deshalb entsprechende Bezüge zur genannten Profession und lässt hierbei unterschiedliche Autoren zu Wort kommen .
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Abgrenzung zu klassischen Wohlfahrtstheorien
2.1 Utilitaristische Ansätze
2.2 Güteorientierte Ansätze
3. Amartya Sen als Begründer des Fähigkeitenansatz
3.1 Kritik an utilitaristischen Ansätzen
3.2 Kritik an güterorientierten Ansätzen
3.3 Der „Fähigkeitenansatz“ als Alternative
3.3.1 Freiheit als Ziel von Entwicklung
3.3.2 Begriffliche und inhaltliche Annäherung
4. Der „Fähigkeitenansatz“ nach Martha Nussbaum
4.1 Aristotelische Grundlagen
4.2 Eine Liste von Fähigkeiten als Grundlage für ein „gehaltvolles“ Leben
5. Bezüge zur Sozialen Arbeit
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den „Fähigkeitenansatz“ (Capability Approach) von Amartya Sen und Martha Nussbaum sowie dessen theoretische und praktische Relevanz für die Soziale Arbeit. Zentral ist dabei die Frage, wie ein Modell, das sich von klassischen Wohlfahrtstheorien abgrenzt, zur Förderung individueller Verwirklichungschancen und einer wertschätzenden Haltung in der professionellen Praxis beitragen kann.
- Historische und theoretische Grundlagen des Capability Approach
- Kritische Auseinandersetzung mit Utilitarismus und güterorientierten Ansätzen
- Unterscheidung zwischen Funktionen (functionings) und Fähigkeiten (capabilities)
- Philosophische Begründung menschlicher Würde bei Martha Nussbaum
- Anknüpfungspunkte für die professionelle Soziale Arbeit
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Begriffliche und inhaltliche Annäherung
Die zentralen Begrifflichkeiten des Fähigkeitenansatzes sind Funktionen (functionnings) und Fähigkeiten (capabilities). Sie bilden den Ausgangspunkt und das Spezifikum des Fähigkeitenansatzes ausmachen, weshalb sie den zu Beginn der inhaltlichen Einführung stehen.
Funktionen. Sie stehen im „Fähigkeitenansatz“ für alle realisierten Tätigkeiten und Zustände („doings and beings“) (vgl. Sen 1999, S.95). Dazu gehören zum Beispiel Zustände wie verheiratet oder ledig sein, gebildet oder ausgebildet sein, krankenversichert oder hilflos sein, und dazu zählen Tätigkeiten wie Essen, Trinken, Spielen, Lieben, Reisen, Kinder erziehen etc. Wie die Beispiele zeigen, ließe sich die Liste an Funktionsweisen eines Menschen mit Sicherheit bis in die Unendlichkeit fortführen (vgl. Neuhäuser 2013, S.64).
Fähigkeiten. Funktionen, die noch nicht umgesetzt, aber in Zukunft leicht realisierbar wären werden als Fähigkeiten bezeichnet. Wenn jemand keine Urlaubsreisen macht, weil er oder sie das für Zeitverschwendung hält, aber jederzeit Urlaub nehmen und eine Reise machen könnte, dann verfügt diese Person über die Fähigkeit zu verreisen. Wenn jemand fernschaut, und gleichzeitig ein Buch neben sich liegen hat und zudem noch hinreichend gut ausgebildet ist - dann verfügt er oder sie in dieser Situation über die Fähigkeit zu lesen. Fähigkeiten sind also der Oberbegriff für umsetzbare Funktionsweisen (vgl. Neuhäuser, S.65).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Es wird die Problemstellung dargelegt, was ein erfülltes Leben ausmacht und wie der Capability Approach als normativer Rahmen zur Beantwortung dieser Frage dient.
2. Abgrenzung zu klassischen Wohlfahrtstheorien: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen Ursprünge und setzt sich kritisch mit dem Utilitarismus sowie güterorientierten Wohlstandsmessungen wie dem Bruttoinlandsprodukt auseinander.
3. Amartya Sen als Begründer des Fähigkeitenansatz: Die Arbeit erörtert Sens Kritik an bisherigen Theorien und führt die Kernkonzepte Funktionen, Fähigkeiten sowie Umwandlungsfaktoren ein.
4. Der „Fähigkeitenansatz“ nach Martha Nussbaum: Hier wird die aristotelische Fundierung und Nussbaums spezifische Liste zentraler menschlicher Fähigkeiten als Grundlage für ein gehaltvolles Leben vorgestellt.
5. Bezüge zur Sozialen Arbeit: Das Kapitel analysiert, wie der Fähigkeitenansatz die Soziale Arbeit von einer defizitorientierten hin zu einer kompetenzorientierten Praxis führen kann.
6. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass der Ansatz trotz offener Fragen eine wertvolle Entwicklungschance für eine wertschätzende professionelle Haltung bietet.
Schlüsselwörter
Fähigkeitenansatz, Capability Approach, Amartya Sen, Martha Nussbaum, Lebensqualität, Verwirklichungschancen, Soziale Arbeit, Wohlfahrtstheorie, Utilitarismus, Funktionen, Gerechtigkeit, Autonomie, Kompetenzorientierung, Grundgüter, Menschenwürde
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Fähigkeitenansatz von Amartya Sen und Martha Nussbaum und dessen Eignung als theoretische Grundlage für die professionelle Soziale Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Gerechtigkeitstheorien, die Messung von Lebensqualität, die Unterscheidung von Funktionen und Fähigkeiten sowie die Umsetzung in soziale Handlungskonzepte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Mehrwert des Capability Approach gegenüber klassischen Wohlfahrtsmodellen herauszuarbeiten und Bezüge zur Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Studienarbeit, die auf einer fundierten Literaturrecherche und der systematischen Relektüre sozio-ökonomischer und philosophischer Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kritik an klassischen Theorien, die Darstellung der Konzepte von A. Sen und M. Nussbaum sowie die anschließende Diskussion der Anwendungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Capability Approach, Verwirklichungschancen, Lebensqualität, Autonomie und Kompetenzorientierung charakterisiert.
Warum unterscheidet A. Sen zwischen Funktionen und Fähigkeiten?
Sen unterscheidet diese, um aufzuzeigen, dass zwei Menschen trotz ähnlicher Lebensumstände über unterschiedliche reale Handlungsspielräume verfügen können – abhängig von ihren persönlichen Umwandlungsfaktoren.
Wie unterscheidet sich Nussbaums Ansatz von dem Sen's?
Nussbaum strebt im Gegensatz zu Sen eine philosophisch begründete, universelle Liste von zentralen menschlichen Fähigkeiten an, die Regierungen als Mindestmaß für die Menschenwürde umsetzen sollen.
Welche Rolle spielt die Soziale Arbeit laut dieser Arbeit?
Die Soziale Arbeit wird dazu ermutigt, sich von einer reinen Defizitverwaltung zu lösen und stattdessen Klienten als autonome Akteure zu stärken, um deren individuelle Verwirklichungschancen zu verbessern.
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- Anonym (Author), 2015, Der Fähigkeitenansatz nach Amartya Sen und Martha Nussbaum und die Bezüge zur Sozialen Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342096