Der 27. Januar als (inter-)nationaler Gedenktag (Geschichte, Jgst. 12)


Unterrichtsentwurf, 2016

14 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1.Bild der Lerngruppe

2.Einordnung in den Unterrichtszusammenhang

3.Didaktische Überlegungen

4.Kompetenzzuwachs

5.Methodische Überlegungen

6.Stundenverlaufsplan

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Bild der Lerngruppe

Seit Beginn des Schuljahres 2014/2015 unterrichte ich die Schülerinnen und Schüler[1] des vierstündigen Kurses auf grundlegendem Niveau. Die Lerngruppe besteht aus 9 Mädchen und 6 Jungen. Alle Schüler haben den Kurs als Prüfungskurs angewählt.

Das Leistungsvermögen ist insgesamt überdurchschnittlich und weist ein Spektrum von befriedigenden bis sehr guten Leistungen auf, sodass es als vergleichsweise homogen zu bezeichnen ist. Lediglich eine Schülerin erbringt nur ausreichende Leistungen[2].

Die Arbeitsatmosphäre ist sehr freundlich und entspannt, die Leistungs-bereitschaft gut. Im Unterrichtsgespräch ist die Beteiligung sowohl in der Einstiegsphase als auch in Erarbeitungsphasen und in der Urteilsfindung meist überdurchschnittlich groß, wobei es immer wieder vorkommt, dass einzelne Schüler auf Nebenschauplätze verweisen, dabei aber nicht immer zwischen im Hinblick auf die Fragestellung relevanten und zu vernachlässigenden Aspekten differenzieren. Angesichts der Breite der Beiträge muss daher häufig Maße im Interesse klarer Lernergebnisse durch Strukturierung, Bündelung und gelegentlich auch Zurückstellung von Beiträgen regulierend eingegriffen werden. In Quellenarbeitsphasen zeigen die Schüler ein zielorientiertes und aspektgeleitetes Arbeitsverhalten. Die Schüler sind es gewohnt, Arbeitsergebnisse selbstständig mitzuschreiben.

2. Einordnung in den Unterrichtszusammenhang

Eine Kontinuität des Unterrichts war durch Unterrichtsausfall infolge von Klausuren auf den Prüfungsfach-Leisten zu Beginn des Semesters nicht gegeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Didaktische Überlegungen

Das Kerncurriculum für das Gymnasium – gymnasiale Oberstufe für das Fach Geschichte sieht für das vierte Kurshalbjahr das Kernmodul „Geschichts- und Erinnerungskultur“ vor[3]. Der 27. Januar als nationaler Gedenktag fällt sowohl unter den Aspekt „Formen und Funktion historischer Erinnerung“ im Kernmodul als auch in das Wahlmodul „nationale Gedenk- und Feiertage“. Die Wahl fiel auf diesen Gedenktag, da die deutsche Erinnerungskultur von den Themen Nationalsozialismus und Holocaust dominiert wird, sodass die Funk­tion von und der Umgang mit Erinnerung hier am besten verdeutlicht werden können. Zudem wird so gleichsam immanent eine Wiederholung zu zentralen Aspekten[4] des Rahmenthemas 3 „Nationalsozialismus und deutsches Selbstverständnis“ geleistet, was im Hinblick auf die Abiturvorbereitung sinnvoll ist. Den Schwerpunkt der Stunde bildet ausgehend von den zwei kontrastiven Positionen zur Proklamation des „Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ am 27.01. die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Gedenktages. Die Schüler sollen dabei ihre Kenntnisse über Formen und Funktionen historischer Erinnerung sowie über die Gedächtnistheorie integrieren[5] und am historischen Beispiel konkretisieren[6]. Materialgrundlage sind zum einen die Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog anlässlich der Proklamation des Gedenktages am 03.01.1996 im Bundestag und zum anderen der Gast-Kommentar Y. Michal Bodemanns in der „taz“ vom 26.01.1999.

Da beide Quellen die Etablierung des 27. Januars gegensätzlich bewerten, sind sie für die kontrastive Betrachtung sowie als Ausgangspunkt der Urteilsbildung durch die Schüler geeignet. Die beiden konträren Auffassungen Herzogs und Bodemanns bezüglich der politischen Botschaft desselben Datums machen den Schülern exemplarisch den Konstruktcharakter von Geschichte bewusst. Durch die Reflexion der unterschiedlichen Positionen werden die Schüler dazu angestoßen, ihre eigene Haltung gegenüber dem historischen Sachverhalt zu überprüfen[7]. Sie werden so nicht nur befähigt, an gesellschaftspolitischen Diskursen zur Vergangenheit teilzunehmen[8], sondern auch sensibilisiert für Instrumentalisierung von Geschichte[9] und die Intentionen etatistischer Geschichtspolitik[10].

Da Geschichts- und Erinnerungskultur konstitutiver Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens sind und dementsprechend vielfältige Formen von Geschichte im Alltag der Schüler omnipräsent sind, leistet der Geschichtsunterricht hier einen Beitrag zur Fähigkeit, mit der allgegenwärtigen Geschichte bewusst umzugehen.

Die Quellen ermöglichten auch eine Thematisierung des grundsätzlichen Problems der deutschen Erinnerungssituation im Hinblick auf den 9. November und eine Erörterung, inwiefern der von Bodemann genannte 9. bzw. 10. November eine geeignete Alternative für den Gedenktag wäre. Da eine Diskussion um die Eignung jedoch durch die Reaktivierung der Kenntnisse zu den Ereignissen von 1918, 1923, 1938 und 1989 recht anspruchsvoll und zeitintensiv wäre sowie für die Einsicht in die Funktion von Gedenktagen nicht zwingend erforderlich ist, fällt diese Möglichkeit in den Bereich der didaktischen Reduktion[11].

4. Kompetenzzuwachs

Inhaltsbezogene Kompetenzen

RT 4 Kernmodul – Formen und Funktionen historischer Erinnerung (KC II, S.34)

RT 4 WM „Nationale Gedenk- und Feiertage in verschiedenen Ländern“ (KC II, S.35)

Übergeordnete Kompetenzen:

- Die Schüler reflektieren den Konstruktcharakter von Geschichte und entwickeln eigene Deutungen von Geschichte (KC II, S. 17)
- Die Schüler reflektieren den (gesellschaftlichen) Umgang mit Geschichte sowie die damit verbundenen spezifischen Formen der Erinnerung und bewerten die Intention solcher Rekonstruktionsprozesse (KC II, S. 34)

Stundenlernziel

Die SuS erfassen die Bedeutung des 27. Januars als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, indem sie dessen Berechtigung beurteilen.

Teillernziele

1) Die SuS aktivieren ihr Vorwissen zum 27. Januar und wenden ihre in der HA erworbenen Kenntnisse an, indem sie den Inhalt der Briefmarke entschlüsseln und in Beziehung zu Herzogs Rede setzen. (AB I-II)

2) Die SuS lernen kontroverse Standpunkte in der Debatte um den Gedenktag kennen, indem sie

a) Argumente für (HA) bzw.
b) gegen den 27. Januar herausarbeiten. (AFB II)

3) Die SuS entwickeln eine eigene Position in der Auseinandersetzung um den Gedenktag, indem sie dessen Berechtigung beurteilen. (AFB III)

4) Die SuS erweitern ihre Problemsicht auf den 27. Januar, indem sie zu Harald Schmids Aussage Stellung beziehen. (AFB III)

5) [optional] Die SuS erkennen, dass Gedenktage ein Instrument der Geschichtspolitik sind, mit dem auch die supranationale Identität gefördert werden soll. (AFB III)

[...]


[1] Im Folgenden wird für die Lernenden einheitlich die Bezeichnung Schüler verwendet.

[2] Detaillierte Angaben zu Stärken und Schwächen der Schüler in Arbeitsverhalten und Leistungsvermögen, s. kommentierter Sitzplan.

[3] vgl. Niedersächsisches Kultusministerium (Hrsg.), Kerncurriculum für das Gymnasium – gymnasiale Oberstufe: Geschichte, Hannover 2011, S.34

[4] Es gibt Anknüpfungspunkte zum Kernmodul „Die Frage nach der deutschen Identität“ und zum Aspekt „Aufarbeitung von Schuld und Verantwortung nach 1945“ im Wahlmodul 6, vgl. KC II, S.30f.

[5] So können sie hier feststellen, dass Herzog eine Verankerung von Auschwitz als Symbol für den Massenmord an den europäischen Juden im kulturellen Gedächtnis initiieren will, wohingegen Bodemann den Gedenktag ablehnt, da er keinen Platz im kommunikativen Gedächtnis der Deutschen hat.

[6] Die Konkretisierung ist auch deshalb wichtig, da den Schülern angesichts der Schwierigkeiten im Umgang mit den verschiedenen Begriffen des kulturwissenschaftlichen Diskurses Klarheit verschafft werden muss.

[7] vgl. KC II, S.17

[8] vgl. ebenda, S.7

[9] Durch die kritische Analyse von Herzogs Überlegungen für die Auswahl des 27.01. als Gedenktag erkennen die Schüler, dass Herzogs Perspektive keineswegs nur rückwärtsgewandt ist, sondern dass er vor allem die Zukunftsperspektive im Blick hat, nämlich die Bestätigung und Verteidigung der universalhistorischen Grundlagen „Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Würde des Menschen“ (http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Roman-Herzog/Reden/1996/01/19960119_Rede.html). Dementsprechend können die Schüler hier exemplarisch erkennen, dass politisch-historische Gedenktage Geschichte für gegenwärtige Ziele nutzbar machen und auch auf die Bestätigung der aktuellen politischen Verhältnisse zielen.

[10] Da der 27.01. ohne gesellschaftliche Diskussion auf Initiative des Staates 1995 beschlossen wurde, ist seine Etablierungsgeschichte insgesamt- trotz des Anstoßes zur Schaffung eines deutschen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus durch Ignaz Bubis- ein Beispiel für etatistische Geschichtspolitik, vgl. H. Schmid, Der 27. Januar beginnt am 9. November, in: Frankfurter Rundschau, 27. 01. 2003, verfügbar unter http://www.imdialog.org/md2003/012003md05.html [Zugriff: 25.02.2016]

[11] Dementsprechend wurde der Kommentar Bodemanns um die Passage, in der er sich mit den Alternativen auseinandersetzt, gekürzt.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der 27. Januar als (inter-)nationaler Gedenktag (Geschichte, Jgst. 12)
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V342112
ISBN (eBook)
9783668335684
ISBN (Buch)
9783668335691
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
januar, gedenktag, geschichte, jgst
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Der 27. Januar als (inter-)nationaler Gedenktag (Geschichte, Jgst. 12), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342112

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