Auf den Spuren der Lebens- und Literaturgeschichte von Penčo Slavejkov in Begleitung einiger seiner Gedichte und Prosatexte

Eine literarische Reise


Seminar Paper, 2014
28 Pages, Grade: 2

Excerpt

Widmung

An meinen Vater, der ein Jurist und zugleich ein Künstler sowie ein hervorragender Mensch war und immer sagte, dass ein humanistisches Studium der Philosophie, Philologie oder Kunst wichtige Facetten in der persönlichen Entwicklung eines Menschen bildet, da es den Geist zu kultivieren und zu verfeinern vermag und dem Menschen neue Blickwinkel auf das Leben ermöglicht.

Wie ich meinen Vater erlebte, finde ich in den Selbstbetrachtungen von Marc Aurel1 sehr treffend beschrieben:

„Das Leben meines Vaters war für mich eine Schule der Milde und doch zugleich unerschütterlicher Beständigkeit in allem, wofür er sich einmal nach reiflicher Erwägung entschieden hatte. Er war unempfindlich gegen jede Eitelkeit auf anscheinende Ehrenbeziehungen, ein Freund der Tätigkeit […] und wusste recht wohl, wo man die Zügel anziehen und wo nachlassen müsse.“

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung ... 4

2. Sofia, am Platz von Vater und Sohn Slavejkov ... 6

2.1. Der Sammelband „Epische Lieder“ / „Eпически песни“ (1907) ... 6
2.1.1. „So pocht das Schicksal an die Pforte“ oder Cis Moll (1892) ... 7

3. Der Geburtsort des Poeten – Trjavna ... 10

3.1. Die Gedichtssammlung „Traum vom Glück“ (1906) ... 10
3.1.1. Es schläft der See / Спи езерото (1899) ... 11

4. Plovdiv ... 14

4.1. Olaf van Geldern ... 14

5. Veliko Tărnovo – auf dem Hügel Trapezica ... 16

5.1. Auf der Insel der Glückseligen / Na Ostrova na blaženite ... 16

5.2. Mein Vater in mir / Bašta mi v men ... 19

6. Zurück in Sofia ... 21

6.1. Der Literaturzirkel „Misăl“ ... 21

7. Zusammenfassung/ Schlussbetrachtung ... 25

8. Nachwort ... 26

9. Literaturverzeichnis ... 27

9.1. Primärliteratur ... 27

9.2. Sekundärliteratur ... 27

9.3. Online-Quellen ... 28

1. Einleitung

In der bulgarischen Literatur nimmt Penčo Petkov Slavejkov (1866–1912) einen besonderen Platz ein: Er etablierte als erster bulgarischer Ideologe der Moderne ein ästhetisches Projekt zu ihrer Erneuerung. Das konzeptuelle Fundament seines Vorhabens war die Idee ihrer Europäisierung. Slavejkovs Projekt verlief in zwei Hauptrichtungen: Einerseits sollten die Ideen des europäischen literarischen Denkens in das künstlerische Schaffen Bulgariens einfließen, andererseits sollten die nationale Eigenständigkeit und Identität bewahrt werden. So sind auch die Werke des Dichters gleichermaßen eine Widerspiegelung nationaler wie auch gesamteuropäischer Literaturprozesse, in denen er traditionelle und volkstümliche Wiedergeburtsthemen mit bis dahin unbekannten Problematiken, wie beispielweise der Individualität, zusammenführt und so eine meisterhafte literarische Symbiose erwirkt.

Die Werke von P. P. Slavejkov weisen ein breites Spektrum von behandelten Themen und stilistischen Gattungen auf. In Werken wie Ralica, Bojko, Die Unzertrennliche und Der Lautenspieler finden sich philosophische Fragen über die göttliche Bestimmung des Künstlers, die Willenskraft des Individuums, sich selbst treu zu bleiben, die Schönheit als Barometer der Sittlichkeit, die Sünde sowie die ethische Wiedergeburt. Auch Figuren wie die auserwählte Persönlichkeit, die imstande ist, in Krisenmomenten der nationalen Geschichte die Kraft der Selbstlosigkeit aufzubringen, wie sie in Werken wie Poet, Blutiges Lied und Bacho Kiro zu Hause ist, bilden den Kern seiner Texte. An diese schließen sich philosophische Gedichte, die das Schicksal von Persönlichkeiten der Weltkulturgeschichte rezipieren und wiedergeben, wie etwa Michelangelo, Cis Moll, Symphonie der Hoffnungslosigkeit, Das Herz der Herzen, Der Beruhigte, sowie Landschafts- und Liebeslyrik an. Das literarische Lebenswerk Penčo Slavejkovs kann als ein Akt vollendeter kultureller Erbauung gesehen werden.

Bereits in den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden einzelne Gedichte, wie Cis Moll, Frina, Herz der Herzen und Uspokoenijat (dt. Der Beruhigte), in der legendären Zeitschrift „Misăl“ (dt. Gedanke) veröffentlicht, die später in überarbeiteter Form auch in seiner Sammlung Epičeski pesni (dt. Epische Lieder) erschienen sind. In diesen Texten beginnen sich schon einige der Grundzüge der Poetik Slavejkovs herauszubilden, die sich in seinen späteren Werken in ausgereifter Form manifestieren sollten.

In der vorliegenden Arbeit wird eine literarische Reise in Begleitung einiger seiner Werke angetreten, wobei wir auf diverse Ortschaften, die auf unterschiedliche Weise mit seinem Leben verbunden sind, stoßen werden. Diese fiktive Reise wird kreisförmig von Sofia, wo Slavejkov u. a. von 1901 bis 1909 Regieassistent, von 1908 bis 1909 Direktor des Bulgarischen Nationaltheaters und von 1909 bis 1911 Direktor der Nationalbibliothek der Heiligen Kyrill und Method war, beginnen, weiters wird sie uns über seinen Geburtsort Trjavna, Veliko Tărnovo und Plovdiv führen, sodann wieder zurück nach Sofia bringen, wo Slavejkov nach seiner Rückkehr aus Deutschland als wichtiges Mitglied des Literaturkreises „Misăl“ (dt. Gedanke) agiert hat. Auf den Spuren der bulgarischen Kultur und Literatur wird anhand einzelner Gedichte aus den Sammelbänden Epische Lieder, Traum vom Glück sowie dem Prosatext Olaf van Geldern und aus der literarischen Fiktion Auf der Insel der Glückseligen Slavejkovs kultureller Tätigkeit innerhalb der heutigen Grenzen Bulgariens nachgegangen.

2. Sofia, am Platz von Vater und Sohn Slavejkov

Umgeben von historischen Gebäuden der Altstadt Sofias, neben improvisierten Ständen voller antiker und neuer Bücher, in Gesellschaft zweier auf der Bank sitzender Poeten – Vater und Sohn Slavejkov als Bronzefiguren – befindet sich die erste Station der literarischen Reise auf den Spuren des Sohnes: Penčo Slavejkov. Hier werden wir uns seinen philosophischen Poemen2 widmen. Auf einer Bank neben seinem Vater Petko R. Slavejkov – vom bulgarischen Volk liebevoll „Großvater Slavejkov“ genannt – sitzend, auf dem nach den beiden Dichtern benannten Platz, findet das erste symbolische Treffen statt. Als Platz der Bücher und der Bewahrung der bulgarischen Kultur spielte der Slavejkov-Platz, ebenso wie seine Namenspatrone selbst, eine fundamentale Rolle für die Bewahrung der bulgarischen Literatur während der revolutionären Wende vom Sozialismus zurück zur Demokratie.

2.1. Der Sammelband „Epische Lieder“ / „Eпически песни“ (1907)

Die originelle, widersprüchliche Persönlichkeit Slavejkovs rief ein Erwachen der bulgarischen Literatur in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts hervor. Als erster Lyriker der bulgarischen Moderne vermochte er eine neue ästhetische Welt meisterhaft zu erschaffen. Mit seinen in Bulgarien „philosophische Poeme“ genannten Werken verfolgte der Dichter das Ziel, dem bulgarischen Leser eine eigenständige poetische Geschichte der Kunst in Figuren und Bildern vorzustellen. Diese Dichtungen reflektieren das Charakteristische der ästhetischen Ideen der jeweiligen Kulturepoche: die Priorität des menschliches Körpers als Träger der göttlichen Schönheit in der Antike (in Frina), den Anthropozentrismus, der in der Renaissance den Menschen zum Gott erhebt (in Michelangelo), die Aufklärungsideen mit ihrem Bestreben, geistige und moralische Vollkommenheit zu erreichen (in Cis Moll) sowie die romantische Außergewöhnlichkeit und persönliche Tragik (in Herz des Herzens).

Seine Gedichte sind weniger emotionale Reaktion als vielmehr intellektuelle Reflexion. Sie sind ein tiefer Blick in die Persönlichkeit des Menschen mit seiner einzigartigen, individuellen Philosophie. Slavejkovs Eintreten für den freien Menschen, der eine ausgeprägte, eigenständige Persönlichkeit besitzt, erinnert an die Ideen von Nietzsches Übermenschen. Slavejkov selbst jedoch führt sie, etwa in Cis Moll, in die Problemstellung der Mission des schaffenden Künstlers und dessen spezieller Rolle als Mediator zwischen der Welt der „Normalsterblichen“ und der Ewigkeit über. Durch die Werke von Penčo Slavejkov wurde in der bulgarischen Literaturtradition das Genre philosophisches Poem etabliert.

2.1.1. „So pocht das Schicksal an die Pforte“ oder Cis Moll (1892)

In diesem philosophischen Poem, das von der Fünften Symphonie Beethovens inspiriert und dem großen Komponisten gewidmet ist, setzt sich der junge Slavejkov mit dem Thema des Schicksals auseinander. Das Epigraph „So pocht das Schicksal an die Pforte“ – das Leitmotiv von Beethovens Fünfter Symphonie, die ebenso das Schicksal zum Thema hat, sowie der Titel „Cis Moll“– die Tonart, in der diese Symphonie gehalten ist, leiten bereits auf paratextueller Ebene die Motivik des Schicksalsdramas ein, mit dem sich der Text intensiv auseinandersetzt. Gleichzeitig offenbart dieses Werk die poetische Vision des Dichters im Hinblick auf den schöpferischen Menschen und die Welt. Das Motiv des Schicksals taucht im Poem immer wieder in verschiedenen Nuancen und einzelnen dramatischen Augenblicken auf.

Das erste Mal wurde Cis Moll im Jahr 1892 in der Zeitschrift „Misăl“ veröffentlicht und 1907 auch in den Sammelband „Epische Lieder“ aufgenommen. In der vorliegenden Arbeit soll Cis Moll als eine repräsentative Stichprobe dienen, da sie dem Kompositionsmuster der meisten philosophischen Gedichte Slavejkovs folgt: Prolog, epische Erzählung, Epilog.

Das Poem ist als Monolog, der durch eine Erzählung umrahmt wird, aufgebaut. Das Gedicht beginnt mit einer geschickten Beschreibung der Atmosphäre, die Beethoven umgibt.

[…]
Таинствена и чудна лятна нощ
[…]
Geheimnisvoll und zauberhaft die Sommernacht

полухваше с дихание си морно
so wehte sie zärtlich mit ihrem frischen Atem

и лееха над сънний мир приветно
und auf die schlaftrunkene Welt ergoss zum Gruß

сияние рой трепетни звездици
ein Schwarm von flimmernden Sternlein ihr Licht

[…] […]

Nicht nur draußen in der Natur, sondern auch in seiner Seele herrscht Nacht. Im Gegensatz zur stillen, klaren Nacht, die Beethoven durch das Fenster sieht, nistet sich in seiner Seele eine „verheerende Finsternis“ ein. Durch den Kontrast als Stilmittel wird die erste einleitende Spannung erzeugt:

[…]
Нощта бе ясна, но злокобен мрак
[…]
Die Nacht war klar, doch eine bedrohliche Finsternis

се сбираше Бетховену в душата –
[…]
braute sich in Beethovens Seele zusammen –
[…]

Die Einsamkeit begleitet im Prinzip viele große Genies – oft ist sie eine Bedingung für die Schaffung von Harmonie zwischen der inneren und der äußeren Welt. Sie gibt Zeit zur Innenschau und klärt die menschlichen Gedanken, um die eigenen Prioritäten zu erkennen. Zudem ist Beethoven nicht vollkommen allein, denn er besitzt jene außerordentliche Begabung einer sensiblen Seele, die es ihm ermöglicht, die Einsamkeit nicht einfach zu ignorieren, sondern sie als Muse zu nutzen. In diesem Poem wird das Leiden des lyrischen Ichs die Rolle einer Katharsis übernehmen.

Durch den innerlichen Kampf und dank der Kraft seines Verstandes, die der Dichter in den Monologen des lyrischen Ichs darlegt, wird Beethoven klar, dass sein Problem weniger physisch, sondern viel mehr psychisch ist. Der Verfasser des Poems schildert weiter die Verwirrung des Künstlers, seine emotionale Instabilität sowie die Widersprüchlichkeit seiner Gefühle.

Zum Ende des Werkes ist Beethoven jedoch ein „neuer Mensch“ – er ist von hoffnungsvollen Gefühlen bzw. Emotionen erfüllt: Er hat erkannt, dass die Kunst nicht auf dem Äußerem beruht, sondern auf einer Gabe, die im Inneren des Menschen zu finden ist; einer Gabe, die man finden, erkennen und pflegen muss. Hier lassen sich einige wichtige, konkrete Parallelen mit Penčo Slavejkovs Schicksal erkennen: Auch Penčo Slavejkov trotzte äußeren Umständen, einer Gehbehinderung und einer chronischen Lungenentzündung, kraft seiner inneren Stärke und seines stetigen Antriebs.

[...]


1 Aurel, M. (2015): Selbstbetrachtungen. Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft. S. 10

2 Anm. der Autorin: In der bulgarischen und russischen Literatur wird hiermit ein umfangreicheres Gedicht bezeichnet. In diesem Sinne wird der Ausdruck „Poem“ auch in der vorliegenden Arbeit verwendet.

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Details

Title
Auf den Spuren der Lebens- und Literaturgeschichte von Penčo Slavejkov in Begleitung einiger seiner Gedichte und Prosatexte
Subtitle
Eine literarische Reise
College
University of Vienna  (Slawistik)
Course
Bulgaristik Proseminar
Grade
2
Author
Year
2014
Pages
28
Catalog Number
V342180
ISBN (eBook)
9783668319707
ISBN (Book)
9783668319714
File size
696 KB
Language
German
Tags
Literaturreise, Penčo Slavejkov, Lyrik, literarische Mystifikation, Gedichte, bulgarische Literatur, Symbolismus, Reise, Poesie, Kunst, Seminararbeit, Literaturwissenschaft, Proseminararbeit, Beethoven, Landschaftslyrik, Moderne, philosophische Gedichte
Quote paper
Rossitza Mitreva de Zulli (Author), 2014, Auf den Spuren der Lebens- und Literaturgeschichte von Penčo Slavejkov in Begleitung einiger seiner Gedichte und Prosatexte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342180

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