Mündigkeit (als) einheitsstiftendes Erziehungssziel - Kritisiert durch Foucaults Theorie des Panopticon


Vordiplomarbeit, 2004
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Voraussetzungen für das Erziehungsziel Mündigkeit

3. Das Problem des Paternalismus

4. Foucaults Theorie des Panopticon

5. W. Klafki, zum Problem der Erziehung zur Verantwortung

6. Einheitsstiftende Mündigkeit, Paternalismus und das Panopticon
6.1 Vernunft
6.2 Die Erziehung zur Verantwortung

7. Schlussbetrachtung

„Heute[…] gibt es zum erstenmal auf der Welt nicht einen einzigen Punkt, durch den das Licht einer Hoffnung scheinen könnte. Es gibt keine Orientierung mehr.“[1]

Michel Foucault

1. Einleitung

„Mündigkeit (als) einheitsstiftendes Erziehungsziel“, ein Thema, das allen anderen Zielen im Prozess der Erziehung die Frage nach ihrem Anteil am großen Endziel Mündigkeit stellt.

Erziehung zur Vernunft ist dann gefragt, wenn ein „Mehr“ an Vernunft auch zu einem „Mehr“ an Mündigkeit führt, Gleiches kann man vom Erziehungsziel des Beherrschens sozialer Verhaltensformen oder vom moralischen Handeln sagen. Selbst Lesen und Schreiben oder ein Mindestmaß an Allgemeinbildung sind Eigenschaften, die man bei einem mündigen Menschen wünscht; sie sind ein Teilschritt auf dem Weg zur Mündigkeit eines Individuums.

Es stellt sich aber die Frage, ob es eine legitime Auswahl der Erziehungsziele ist, diese an ihrem Beitrag zur Mündigkeit zu messen. Ist es möglich, eine Verkettung von Erziehungszielen so zu formulieren, dass am Ende dieser Kette ein mündiges Wesen steht, gleichsam die Summe aller Erziehungsziele Mündigkeit produziert?

Mit der vorliegenden Arbeit, möchte ich doch mit den vorliegenden Seiten einen kleinen Beitrag zur Erhellung dieses Problems leisten, eine endgültige Lösung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Zuerst möchte ich versuchen, Voraussetzungen für das Erziehungsziel „Mündigkeit“ zu eruieren. Diese Voraussetzungen sind wichtig, wenn festgestellt werden kann, dass diese als Erziehungsziele formuliert werden können. Damit kann eine Kette oder eine Summe dieser Voraussetzungen zu „Mündigkeit“ führen.

Als nächstes werde ich zwei – aus meiner Sicht - zentrale Hindernisse zur Schaffung von Mündigkeit, nämlich den Paternalismus und das Phänomen des Foucaultschen Panopticon vorstellen. Diese Phänomene sind ausgesprochen gefährliche „Fallen“ auf dem Weg der Erziehung zur Mündigkeit, da sie erstens verlockende Instrumente im erzieherischen Vorgang darstellen und zweitens ihre negativen, unterdrückerischen Effekte erst auf den zweiten Blick offenbaren.

Ins Zentrum der daran anschließenden Beobachtungen zum erziehungswissenschaftlichen (Mündigkeits-) Diskurs stelle ich dann Wolfgang Klafkis Studie aus dem Jahr 1962, „Engagement und Reflexion im Bildungsprozeß“[2]. Hier spricht Klafki vom Problem der Erziehung zur Verantwortung als zentrales Moment von Bildung.

Zu Abschluss möchte ich versuchen, mit Hilfe der Ausführungen zu Paternalismus und Panopticon einige der herausgearbeiteten Ziele, vor Allem den von Klafki eingeschlagenen Weg der Erziehung zur Verantwortung zu kritisieren.

2. Voraussetzungen für das Erziehungsziel Mündigkeit

„Sapere aude“, (wage es) habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. So postulierte Kant und erhob die Vernunft zum großen Ziel menschlichen Denkens, zum Weg heraus aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ in die Freiheit. Die Ratio könne die Triebe und die Sinnlichkeit besiegen, mit der Vernunft würden Fron, Unterwerfung und Intoleranz der Vergangenheit angehören. So könnte man die Forderung nach Vernunft in der Aufklärung zusammenfassen. Wenn Vernunft aus der Unmündigkeit führt, so ist sie ein Schritt in Richtung Mündigkeit.

Im Allgemeinen seit Kant und im Besonderen in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion nach 1945 wird die Mündigkeit der zu Erziehenden eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das Hauptziel der Erziehung[3].

Um die Arbeit in einem vertretbaren Umfang zu halten, möchte ich mich hier auf den Vorgang des mündigen Handelns beschränken. Zur Klärung, ob Mündigkeit als Dauerzustand überhaupt möglich ist, bedarf es einer weitergehenden Untersuchung, die aber diesen Rahmen weit überschreiten würde.

Unter dem Begriff des „mündigen Handelns“ verstehe ich (in Anlehnung an die Definition des Pädagogischen Wörterbuchs, siehe Fußnoten ³) und 4) und W. Klafkis „sprachkritische und phänomenologische“ Überlegungen zum Begriff des Handelns[4]) die selbständige, eigenverantwortliche und aktive Handlung eines Individuums in einer spezifischen Situation zur Lösung oder Bewältigung dieser Situation - unter Wahrung moralischer Gesichtspunkte und der Beachtung möglicher Konsequenzen für sich selbst und andere.

Die Frankfurter Schule sieht als Weg zur Mündigkeit, „die Abhängigkeiten, Zwänge, Widersprüche und Widerstände aufzuzeigen, die tatsächlich [ihrer] […] Freisetzung […] entgegenstehen“[5]. Eine Freisetzung von Mündigkeit kann also durch die kritische Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten, wie sie sich dem zu bildenden Individuum darstellen, erreicht werden. Die Fähigkeit, sich kritisch mit seiner Realität auseinanderzusetzen könnte man daher als eine erste Voraussetzung annehmen.

Mündigkeit ist ein Ausdruck von Freiheit; ein Individuum, das sich den Gegebenheiten in einer Situation unterworfen sieht - im Moment der zu lösenden Situation unfrei ist - kann nicht mündig handeln. Es re agiert lediglich auf die Situation, erkennt keine Handlungsspielräume. Diese Handlungsspielräume sind aber nach Foucault, die einzigen Bereiche innerhalb der panoptischen Machtverflechtungen unserer Gesellschaft in denen Freiheit subjektiv erlebbar wird[6]. Somit könnte man sagen, nur wer die nötige Autonomie besitzt, kann auch mündig handeln. Mündiges und zugleich fremdbestimmtes Handeln schließen sich von vornherein gegenseitig aus.

Des Weiteren verlangt mündiges Handeln die Fähigkeit der Reflexion, bzw. der Selbstreflexion. Über die Reflexion bewältigter Situationen, die Auswertung und Analyse der in dieser Situation vollzogenen Handlungen und deren Konsequenzen, entsteht ein Erfahrungswert, der „ein fortwirkendes Element der Bildung…“[7] ist. Die handelnde Person gewinnt dabei die Möglichkeit, in einer zukünftig auftretenden, ähnlichen Situation auf diese Erfahrungen zurückzugreifen und womöglich dann anders zu handeln.[8]

Als – in diesem Beitrag - letzte Voraussetzung mündigen Handelns möchte ich noch die Eigenverantwortlichkeit beschreiben. Eigenverantwortlich in dem Sinne, dass die Handlungsfreiheit erkannt und mögliche Konsequenzen abgeschätzt werden können. Klafki schreibt dazu:

„[…] Nur als Sich-Entschließender ist der Mensch noch voll Herr seines Tuns. Vom Augenblick der Ausführung an löst sich die Handlung von ihrem Initiator, tritt in den von vielfältigen Kräften bestimmten Wirkungszusammenhang zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher, politischer Bezüge und Situationen. […]Man kann sein Handeln nicht widerrufen, man kann es nicht ungeschehen machen[…]. Handeln erweist sich damit als Wagnis. …“[9]

Kritikfähigkeit, Vernunft, Freiheit, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Verantwortungsbewusstsein (bzw. Eigenverantwortlichkeit)- dies sind nicht nur Voraussetzungen für die Möglichkeit mündigen Handelns - sie sind auch Erziehungsziele, die man wegen ihrer Eigenschaft als Mündigkeits-Bedingende Fähigkeiten als solche formulieren kann. Darin liegt die Hoffnung, dass eine Summierung oder Verkettung dieser Ziele zu einer Form von Mündigkeit führen. Dies zeigt Klafki in seinen Ausführungen zur Erziehung zur Verantwortung – meiner Ansicht nach - stellvertretend für die anderen genannten Ziele. Mit welchen Mitteln und „um welchen Preis“ diese Ziele erreicht werden sollen, möchte ich in den folgenden Abschnitten genauer betrachten. Zum besseren Verständnis dazu zunächst eine kurze Darstellung der „Fallen“ auf dem Weg zur Mündigkeit.

3. Das Problem des Paternalismus

Die zum Thema veröffentlichte Literatur gibt unterschiedliche Erklärungen für den Begriff des Paternalismus[10]. Ich möchte mich hier auf den Ansatz von VanDeDeer, einem Verfechter des Paternalismus konzentrieren:

“ Restricting ourselves to any two generally competent persons, A and B, it is a paternalistic act, X, on A ’s part if:

1. A by doing X interferes with B […] and,
2. A ’s X ing prevents B from harming himself, that is, making himself worse off on balance”[11]

Der Grundgedanke VanDeDeers ist also, dass paternalistische Handlungen dadurch gekennzeichnet sind, dass sie zum Schutz eines Individuums vor sich selbst, respektive vor den Folgen der eigenen Handlungen in das Tun dieses (selbständigen) Individuums eingreifen. Dabei ist aber noch nicht geklärt, ob, und wenn ja, wann ein solches Eingreifen gerechtfertigt oder erlaubt ist. VanDeDeer argumentiert hier utilitaristisch: Der Schutz bzw. das Glück des eigentlich selbständigen Individuums ist höher einzuschätzen als dessen Autonomie und rechtfertigt ein Hinwegsetzen („autonomy overriding“[12]) über die Autonomie des Gegenübers.

Nach J.S. Mill ist aber der einzig legitime „… Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumengen befugt ist, der ist: sich selbst zu schützen. Daß der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, der ist: die Schädigung anderer zu verhüten. Das eigene Wohl […] ist keine genügende Rechtfertigung“[13].

[...]


[1] Michel Foucault zitiert nach Welsch, Wolfgang, „Vernunft“, 1. Aufl. Frankfurt/ Main 1995, S. 180

[2] Klafki, Wolfgang: „Studien zur Bildungstheorie und Didaktik“, Weinheim und Basel 1973, S. 45 - 71

[3] Rieger-Ladich, Markus: „Mündigkeit als Pathosformel: Beobachtungen zur Pädagogischen Semantik“, Koblenz 2002, S. 17ff. und

Böhm, Winfried : „Wörterbuch der Pädagogik“ 15. überarb. Aufl., Stuttgart, 2000 zum Stichwort Mündigkeit

[4] Vgl. Klafki, Wolfgang: „Studien zur Bildungstheorie und Didaktik“ Weinheim und Basel, 1973, S.50f

[5] Böhm (2000) zum Stichwort Emanzipation.

[6] Vgl. Rieger-Ladich (2002), Kap 3.4 “Macht, Herrschaft und Widerstand”, hier beschreibt Rieger-Ladich die engen Verflechtungen von Wissen und Macht, von Unterdrückung und Freiheit unter Bezugnahme auf Michel Foucaults Studien zu Macht und Widerstand, vornehmlich in Bezug auf dessen Werke „Die Ordnung des Diskurses“, „Freiheit und Selbstsorge“ und Überwachen und Strafen“.

[7] Klafki, W., 1973, S. 53

[8] Vgl. ebd.

[9] ebd. S. 51

[10] Van De Deer, Donald: „Autonomy Respecting Paternalism“ in: Social Theory and Practice, Vol. 6, No. 2, (Summer, 1980) o.O. S. 187 – 207

[11] Ebd., S.188

[12] Ebd., S. 191

[13] J.S. Mill, „Über die Freiheit“, a. d. Englischen von Bruno Lemke, Stuttgart, 1974

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Mündigkeit (als) einheitsstiftendes Erziehungssziel - Kritisiert durch Foucaults Theorie des Panopticon
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau  (Allgem. Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Vordiplom Pädagogik
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V34223
ISBN (eBook)
9783638345156
ISBN (Buch)
9783640859580
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mündigkeit, Erziehungssziel, Kritisiert, Foucaults, Theorie, Panopticon, Vordiplom, Pädagogik
Arbeit zitieren
Felix Wallner (Autor), 2004, Mündigkeit (als) einheitsstiftendes Erziehungssziel - Kritisiert durch Foucaults Theorie des Panopticon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34223

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