Emil und die Soldaten. Platons und Rousseaus Gedanken zur Erziehung im Vergleich


Hausarbeit, 2016
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Über die Erziehung

2. Platon: Der Staat
2.1. Der Staat im kurzen Aufriss
2.2. Die Erziehung des Wehr- und Lehrstandes

3. Rousseau: Emil und der Gesellschaftsvertrag
3.1. Der Gesellschaftsvertrag im kurzen Aufriss
3.2. Die Erziehung Rousseaus

4. Synthese
4.1. Ziel der Erziehung
4.2. Maßnahmen der Erziehung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Über die Erziehung

„Um eine Vorstellung von der öffentlichen Erziehung zu bekommen, muss man Platons Staat lesen. Das ist kein politisches Werk, wie die Leute behaupten, die die Bücher nur nach dem Titel beurteilen: Es ist die schönste Abhandlung über die Erziehung, die jemals geschrieben wurde.“ (Rousseau 1998: 13)

Mit diesen Worten empfiehlt Jean Jaques Rousseau in seinem Buch „Emil oder Über die Erziehung“ den Lesern die Lektüre dieses platonischen Werks. Kurz darauf postuliert er, dass eine „öffentliche Erziehung“ (Rousseau 1998: 13) nicht existiert, da es keine Bürger mehr gibt, durch welche diese öffentliche Erziehung stattfinden kann. Dies ist auf das Fehlen von Patriotismus zurückzuführen, welcher den Bürger vom Menschen unterscheidet. (vgl. Rousseau 1998: 12f.)

Somit kann es nur noch eine private Erziehung geben, welche den Menschen zum Menschen, losgelöst vom Staat, werden lässt.

Bemerkenswert daran ist, dass sowohl Rousseau, als auch Platon sich in ihrem Schaffen ähneln, sannen doch beide über eine neue Art menschlichen Zusammenlebens nach. Im Zuge dieses Denkprozesses beschäftigten sie sich auch damit, welche Art von Menschen nötig sind, um dieses Zusammenleben zu ermöglichen. Man kann den Begriff der Erziehung in dieser Arbeit als empfohlene Maßnahmen zum Formen von Menschen nach den Vorstellungen der Autoren begreifen.

Hieraus ermöglicht sich folgende Fragestellung: Inwiefern unterscheiden sich die Gedanken Rousseaus zur Erziehung von denen Platons?

In dieser Arbeit soll diese Frage beantwortet werden, indem der Staatsentwurf des jeweiligen Autors, sowie die dazugehörigen Gedanken zur Erziehung geschildert werden. Danach werden diese zum einen im Hinblick auf das den Überlegungen zugrundeliegende Ziel, zum anderen mit dem Augenmerk auf die konkret vorgeschlagenen Maßnahmen untersucht und verglichen. Basis dieser Arbeit war zum einen das bereits eingangs erwähnte Werk „Der Staat“ von Platon. Damit verglichen werden die beiden Werke Rousseaus „Vom Gesellschaftsvertrag“ und „Emil oder Über die Erziehung“, welche beide im Jahr 1762 erschienen. Zur Zitierweise ist noch anzumerken, dass die Stellen im Buch „Der Staat“ gemäß der Stephanus-Paginierung kenntlich gemacht werden.

Zum besseren Verständnis des platonischen Staates half Wolfgang Kerstings „Platons Staat“, welches dem Argumentationsgang des Werkes folgt und in Abschnitte zusammenfasst. Diese werden erläutert und interpretiert. Überdies hinaus dienten „Die Struktur des idealen Staates in Platons ‚Politeia’“ von Sung-Chul Rhim und der Beitrag „Zur sozialen Gliederung der Polis“ von Monique Canto-Sperber und Luc Brisson der Ergänzung. Um ein umfassenderes Verständnis für die erzieherischen Maßnahmen in Platons Staat zu erlangen war Julius Stenzels „Platon der Erzieher“ sehr hilfreich, worin diese behandelt und in Platons Gesamtwerk eingeordnet werden.

Einem groben Überblick über Rousseaus Vertragstheorie waren Beiträge im „Politik-Lexikon“ und der Aufsatz „Jean Jaques Rousseau (1712-1778)“ von Hans Maier in der Reihe „Klassiker des politischen Denkens“. Genauer auf Rousseaus Gedanken zum Staat ging Günther Mensching in seinem Werk „Rousseau. Zur Einführung“ ein. In Jürgen Oelkers’ „Pädagogische Ethik“ findet man einen knappen Überblick über die natürliche Erziehung Rosseaus, einen weiteren groben Überblick gibt Roland Reichenbach in „Philosophie der Bildung und Erziehung“.

2. Platon: Der Staat

Im folgenden Abschnitt werden die Gedanken Platons zum Staat wiedergegeben, denn bevor man die Art der Erziehung der Wächter und Herrscher (2.2.) verstehen kann, muss das komplette Konstrukt des platonischen Idealstaates (2.1.) nachvollzogen werden.

2.1. Der Staat im kurzen Aufriss

Am Anfang dieses Staates steht die Frage nach der Gerechtigkeit: Platon und sein Lehrmeister Sokrates geben sich im Haus des Polemarchos (vgl. Platon 2015: 328b) einem Diskurs über die Gerechtigkeit hin. (vgl. Platon 2015: 331e) Sie beginnen damit, über den gerechten Menschen zu diskutieren, kommen allerdings zu keiner rechten Lösung. Um die Gerechtigkeit letztendlich zu ergründen, greift Platon auf einen Trick zurück: Er hebt das Gerechtigkeitsproblem auf eine höhere Ebene, weg vom einzelnen Menschen, hin zum Staat. (vgl. Platon 2015: 368cf.) Er erhofft sich dadurch, dass „in einem größeren Gebilde eine größere Gerechtigkeit drinnen [ist], die leichter zu erkennen ist“. (Platon 2015: 368d)

Dieser Staat soll somit die Seele des Menschen widerspiegeln. Damit er als vollkommen angesehen werden kann, müssen ihm vier Kardinaltugenden zu eigen sein: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Weisheit steht für die „Wohlberatenheit der Herrscher“ (Rhim 2005: 72); Tapferkeit bedeutet, dass die Soldaten exakt zwischen Freund und Feind differenzieren können; Besonnenheit steht für die Akzeptanz des Platzes, welchen die Ständegesellschaft den Menschen zugewiesen hat. Schlussendlich bedeutet Gerechtigkeit, dass sich ein jeder Mensch im Staat nur seiner Aufgabe widmet. (vgl. Rhim 2005: 72)

Die Stände ergeben sich aus dem Metall-Mythos, welcher Menschen klassifiziert. Explizit besagt dieser, dass die Menschen verschiedene Metalle in sich tragen: die Herrscher tragen Gold in sich, die Wächter bzw. Helfer Silber und die Bauern und Handwerker Erz (vgl. Platon 2015: 415a).

Somit ergibt sich eine hierarchische Ständegesellschaft, gegliedert in den Nährstand (Bauern, Handwerker), Wehrstand (Soldaten) und Lehrstand (Herrscher). Der Mythos dient dazu „die für die Etablierung und Kontinuierung dieser rational gerechtfertigten Gesellschaftshierarchie notwendigen Anerkennungs- und Loyalitätseffekte zu erzeugen“ (Kersting 2006: 136). Platon bezeichnet die Sage als eine „notwendige Täuschung“ (Platon 2015: 414bc), welche nur die Herrschenden gebrauchen dürfen, um den Staat in die richtige Richtung zu lenken. Der Vermittlung des Mythos geht voraus, dass die Bürger des Staates sich darüber gewiss werden müssen, dass die weltliche Erziehung, die sie erfuhren, nur eine Illusion war: Sie „haben sie nur im Traum erlebt, in dem dies mit ihnen geschah“ (Platon 2015: 414d). Die tatsächliche Erziehung aber geschah „damals im Innern der Erde, dort wurden sie geformt und erzogen, sie selbst und ihre Waffen und alle übrigen Werkzeuge; als sie aber völlig ausgebildet waren, entließ sie die Erde als ihre Mutter in die Höhle, jetzt aber müssen sie sich um das Land, in dem sie wohnen, wie um eine Mutter und Ernährerin kümmern und alle abwehren, die gegen sie heranziehen, und für die andern Bürger wie für ihre erdgeborenen Brüder sorgen“ (Platon 2015: 414df.)

Effekt dieses Mythos ist es somit, „alle Mitglieder des Gemeinwesens in solidarischem Glauben zu einen.“ (Kersting 2006: 136)

Es ist Aufgabe der Herrschenden, jedem Menschen die ihm zukommende Stellung im Staat zu zeigen. Das Kastensystem, das der Mythos impliziert ist nämlich kein starres. Dies bedeutet, dass ein Kind mit Eltern aus der herrschenden Klasse auch durchaus Erz in sich tragen kann - um im Duktus der Sage zu bleiben. Dieser Nachkomme muss dann auch „zu [den] Handwerkern und Bauern verstoßen [werden]“ (Platon 2015: 415c). Gleichzeitig ist es auch möglich, dass ein Nachkomme der produktiven Klasse ein höherwertiges Metall in sich trägt, dieser muss dann auch eine ihm gebührende Position einnehmen.

Die richtige Einordung der Menschen hat für Platon oberste Priorität, denn „dann wird der Staat vergehen, wenn ihn ein eiserner oder eherner Wächter bewacht“. (Platon 2015: 415c) Die Notwendigkeit von sorgfältiger Beschäftigung mit den heranwachsenden, jungen Bürgern rückt somit in den Vordergrund. (vgl. Kersting 2006: 139).

Nachdem die Legitimation des Ständesystems eingeführt wurde, stellt sich der Diskussionszirkel die Frage, inwiefern man der im damaligen Staatssystem von Athen lebenden Bevölkerung diesen Mythos vermitteln könne, um sodann einen Regimewechsel durchzuführen. Weg von der antiken athenischen Demokratie (vgl. Vorländer 2014), hin zum platonischen Idealstaat. Hier wird die Notwendigkeit eines Militärputsches deutlich, nach welchem das platonische Gedankengut den „Söhnen [der damaligen athenischen Bürger; Anm. d. Verf.] und den nachkommenden Geschlechtern“ (Platon 2015: 415d) vermittelt werden soll. (vgl. Platon 2015: 415cff.)

Sobald der Staat dann in der nächsten Generation institutionalisiert ist, beinhaltet er folgende, sich aus dem Metall-Mythos ergebende, Stände: Der Nährstand beinhaltet die „produktiv arbeitende Bevölkerung“ (Rhim 2005: 82). Diese hat prinzipiell alle Freiheiten, solange sie das Gemeinwohl des Staates nicht gefährdet. Somit sind allzu großer Reichtum und übermäßige Armut im Nährstand nicht zulässig, da sich dies negativ auf die Produktivität auswirkt. (vgl. Platon 2015: 421df.) Angetrieben wird der Nährstand durch das Interesse am eigenen Wohlergehen. (vgl. Rhim 2005: 82f.)

Für den Kriegsfall bedarf es des Wächterstandes. Platon vergleicht einen guten Wächter mit einem ebensolchen Hund, welcher freundlich zu Bekannten und Freunden, aber abweisend, um die Metapher fortzuführen bissig, gegenüber Fremden und dem Staat feindlich Gesonnenen ist. (vgl. Platon 2015: 375e) Die Anlagen der Wächter sind außerdem genauer als "Tapferkeit, gutes Gedächtnis, gelehrig, edelmütig, anmutig, der Wahrheit Freund und verwandt sowie der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der Besonnenheit" (Rhim 2005: 81) zu definieren.

Elementares Merkmal des Wächterstandes ist die Besitzlosigkeit. Diese ergibt sich laut Platon aus der Tatsache, dass die Wächter zum einen die Macht haben den Staat zu bewahren, diese sie auf der anderen Seite aber befähigt, ihn zu zerstören. Man muss somit verhindern, dass sie anderen Idealen als dem dienen, den Staat bestmöglich zu bewahren. Erreicht wird dies, indem man ihnen Besitz, der über das zum Leben notwendige Minimum hinausgeht, verwehrt. Leben sollen sie in „Häusern für Soldaten, nicht für Kaufleute“ (Platon 2015: 415e), was bedeutet, dass sie in spartanischen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, welche für alle zugänglich sind. (vgl. Platon 2015: 415d-417b)

Die herrschende Klasse ist der Lehrstand, sogenannte Philosophenkönige, denn philosophische Erkenntnisse sollen einen gerechten Staat lenken. (vgl. Platon 2015: 473d) Angehörige des Lehrstandes rekrutieren sich aus dem Wächterstand, wo sie sich dadurch hervortun, dass sie „die kundigsten in der Staatsbewachung sein [müssen]“ (Platon 2015: 412c) Die dem zugrundeliegende Überlegung ist folgende: Die besten Soldaten, ergo die besten Bewacher, sind die, welche den Staat am meisten lieben. Somit ist es auch an ihnen, den Staat zu führen, da sie dem Staat nur das Beste zukommen lassen wollen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Emil und die Soldaten. Platons und Rousseaus Gedanken zur Erziehung im Vergleich
Hochschule
Universität Regensburg  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Politische Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V342249
ISBN (eBook)
9783668320949
ISBN (Buch)
9783668320956
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Rousseau, Emil, Politeia, Erziehung
Arbeit zitieren
Felix Lennert (Autor), 2016, Emil und die Soldaten. Platons und Rousseaus Gedanken zur Erziehung im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342249

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