Die Verwendung des Automatenmotivs und des Motivs der Langeweile als Kritik an der Gesellschaft. Eine Untersuchung von Georg Büchners "Leonce und Lena"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Verschiedene Einflüsse auf die Entstehung von Leonce und Lena
2.1 Georg Büchners politische Gesinnung dargestellt an König Peter
2.2 Leonce und Lena: politische Satire und romantische Komödie
2.3 Der künstliche Mensch
2.3.1 René Descartes und Julien Offray de La Mettrie – L' Homme Machine

3 Darstellung des Automatenmotivs bei Georg Büchners Leonce und Lena
3.1 Die Verbindung zwischen Marionette/Puppe und Automat
3.2 Leonce, Lena und König Peter
3.3 Valerio und die Automatenszene

4 Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Thema der Marionetten und Puppen und damit einhergehend der literarische Bereich des fremdgesteuerten, maschinellen Menschen, den Automaten, wurde in der vergangenen Literaturgeschichte, vor allem während des frühen 19. Jahrhunderts, von vielen verschiedenen Autoren in ihren Werken als Motiv verwendet und findet noch heute großes Interesse bei den Lesern. Zudem bieten diese Werke einen sehr beeindruckenden und lehrreichen Interpretationsspielraum. Viele bedeutende Schriftsteller, wie Heinrich von Kleist in seiner Abhandlung „Über das Marionettentheater“, Johann Wolfgang Goethe in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, Max Frisch mit seinem Text „Über Marionetten“ und Werke wie „Woyzeck,“, „Danton's Tod“ und „Leonce und Lena“ von Georg Büchner, schrieben entweder gezielt über die Marionette oder führten diese als Motiv durch ihr Werk.

Marionetten, Puppen, Maschinen und Automaten lösten bei den Menschen schon immer eine überwältigende Faszination aus. Es ist der Reiz, etwas selbst zu erschaffen, steuern zu können und die Macht über etwas zu haben. Denn mit der Epoche der Aufklärung lernten die Menschen ein selbstständiges und nicht gesteuertes Denken und Handeln und wurden somit zu mündigen Menschen, die selbst die Verantwortung für ihr Verhalten tragen mussten. Immanuel Kant erklärte in seinem Essay „Was ist Aufklärung“ von 1784 wieso manche Menschen, obwohl sie bereits im erwachsenen alter sind und fähig sind eigenständig zu denken, niemals mündig sein werden und dies auch nicht wollen. Es läge an der Faulheit und Feigheit, denn es sei bequem unmündig zu bleiben. Es müsse keinerlei Verantwortung für ihr Tun und Handeln übernommen werden.[1]

Etwa 50 Jahre später, 1836, schrieb Georg Büchner sein Lustspiel Leonce und Lena im Zuge einer Preisausschreibung, welches das beste ein- oder zweiaktige Lustspiel in Prosa oder Versen auszeichnete. Allerdings wurde sein Lustspiel aus dem Wettbewerb ausgeschlossen, da dieses erst zwei Tage nach Einsendeschluss im Cotta-Verlag einging und sein Werk im Zuge dessen ungeöffnet an Georg Büchner zurück gesandt wurde. Das Lustspiel Leonce und Lena schrieb Büchner allerdings nicht ausschließlich wegen der Teilnahme an dem Wettbewerb. In einem Brief von Büchner an Gutzkow 1836 deutete er an, an zwei Dramen, damit waren Leonce und Lena und Woyzeck gemeint, zu arbeiten.[2] Trotz der parallelen Bearbeitung zweier Dramen, unterscheidet sich Woyzeck, so wie auch Lenz, erheblich von seinem Lustspiel Leonce und Lena, welches nach vielen Bearbeitungen und Interpretationen von verschiedenen Forschern und Wissenschaftlern als Politsatire aufgefasst werden kann.

In Leonce und Lena werden die Themen und Motive der Langeweile und der Automaten aufgegriffen. Der Hauptprotagonist Leonce verkörpert einen sehr gelangweilten Königssohn, der nicht viel mit seinem Leben anzufangen weiß und durch sein Privileg der Sohn eines Königs zu sein auch nicht unbedingt selbstständig denken und handeln muss. Etwa genau so ergeht es Prinzessin Lena. Am Ende des Dramas wünschen sich die vier Protagonisten des Lustspiels Lena, Leonce, Valerio und Gouvernante in einer Welt nur aus Puppen und Spielzeug zu leben. Hier wird sehr deutlich das Motiv der Automaten aufgegriffen. Das fremdgesteuerte, maschinelle Handeln von Automaten und die Langeweile sind Merkmale, die nach Immanuel Kant auf eine unaufgeklärte, unmündige und unselbstständige Gesellschaft zurückzuführen sind. Es ist sozusagen der bequemste und einfachste Weg zu leben. So wird mit dem Aufklärungsgedanken in Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena geschickt gespielt und es verbirgt sich hinter der Fassade des Lustspiels eine gesellschaftskritische Lektüre.

Aufgrund dieser interessanten und aussagekräftigen Motive, geht es in dieser Hausarbeit um das Automatenmotiv und das Motiv der Langweile, welches die damalige Epoche des Vormärz widerspiegelt und Kritik an der vorherrschenden Gesellschaft übt. Zu aller erst werden die verschiedenen Einflüsse auf das Lustspiel Leonce und Lena dargestellt, wie sich Georg Büchners politische Gesinnung in der Figur des König Peter widerspiegelt und in wie fern Leonce und Lena eine politische Satire und romantische Komödie ist, daraufhin wird der künstliche Mensch erklärt und zum Schluss wird Bezug auf die verschiedenen Charaktere in dem Lustspiel Leonce und Lena von Georg Büchner genommen und anhand derer das Automatenmotiv analysiert.

In der Forschung wurden schon einige Publikationen über die Person Georg Büchner veröffentlicht. Es gibt auch zahlreiche Abhandlungen über die Verwendung der verschiedenen Motive, die Büchner in seinen bekanntesten Werken wie Woyzeck, Lenz, Danton's Tod und Leonce und Lena, verwendet. Es ist ein unglaublich interessantes Thema und lässt sich nicht nur auf die damalige Zeit, sondern auch auf das 21. Jahrhundert übertragen. Deshalb und zu Ehren Georg Büchners ist es umso legitimer sich diesem Thema nochmals zu widmen.

2 Verschiedene Einflüsse auf die Entstehung vonLeonce und Lena

Georg Büchner schrieb Leonce und Lena in der Zeit des Vormärzes, als sich die Gesellschaft in zwei politische Lager aufspaltete. Die napoleonische Herrschaft war vorbei und die Gesellschaft hoffte auf nationale Freiheit. Die Friedenskonferenz, die 1815 in Wien statt fand, sollte der Herstellung eines friedlichen Gleichgewichts dienen. Liberale, nationale und demokratische Bestrebungen wurden unterdrückt und es bildeten sich politische und soziale Unstimmigkeiten. Vor allem die aufkommenden Klassenunterschiede führten zu einem großen Konfliktpotential.[3] Auch Georg Büchner verdeutlicht in seinem Lustspiel die Klassenunterschiede beispielsweise an der entstehenden Freundschaft zwischen Leonce und Valerio. Als Leonce ihn fragt (Erster Akt, Erste Szene) welches sein Handwerk und sein Stand sei antwortete Valerio: „ […] ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. […] ich bin noch Jungfrau in der Arbeit, […] “[4] Leonce vergleicht ihn daraufhin mit den Göttern. Auch wenn sich diese zwei Figuren gut miteinander verstehen und im Laufe der Geschichte zu Freunden werden, so lässt sich der Klassenunterschied trotzdem gut erkennen. Leonce ist eindeutig dem höchsten Stand angehörig und Valerio, der betrunken und stolz erzählt, er habe noch nie gearbeitet ist der Diener von Leonce. Selbst wenn dieser sein Leben lang nicht so hart arbeiten muss, wie die Arbeiterschicht, so ist Valerio immer einen Stand unter Leonce.

Aber nicht nur die politischen Umstände, sondern auch die Faszination des künstlichen Menschen und die Literatur von Clemens Brentano und Alfred de Musset beeinflussten Büchner bei der Erschaffung des Lustspiels Leonce und Lena.

2.1 Georg Büchners politische Gesinnung dargestellt an König Peter

Die Schaffenszeit von Georg Büchner und die passende Epochenbezeichnung ist meistens politisch und sozial bestimmt. Somit sind die gängigsten Epochen, die Georg Büchner zugeordnet werden Junges Deutschland, Vormärz, Restaurationszeit oder Biedermeier. Dennoch sind die Einflüsse der Romantik nicht außer acht zu lassen.[5]

Das Lustspiel Leonce und Lena schrieb Büchner 1836 im politischen Exil in Straßburg. In einem Brief an Karl Gutzkow zu dieser Zeit formulierte er die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Umbruch. Er bezieht sich hierbei auf die Gesellschaft des Spätabsolutismus der 1830er Jahre. Laut Büchner sei diese Gesellschaft nicht mehr lebendig, deshalb müsse sie aussterben. Büchner wusste, dass die Zeit, in der Könige an der Macht standen und regierten, vorbei war. Um seine politische Meinung an die Öffentlichkeit zu tragen schuf er in seinem Lustspiel die komische Figur des König Peter von Popo.[6]

Wie viel, beziehungsweise wenig Georg Büchner von Königen und der absolutistischen Herrschaft hielt, lässt sich an der Wahl des Namens für den König in Leonce und Lena bereits gut erkennen. Der Name Peter ist ein Allerweltsname und findet sich in dem Titel eines Lustspiels „Der dumme Peter“ von 1831.[7] Die Kleinstaaten Pipi und Popo verweisen auf das hessische Darmstadt, welches Büchner mit dem Verdauungssystem assoziieren lässt.[8]

Aber auch Leonce, der mit sich und seiner Langeweile nichts anzufangen weiß, lässt sich als Metapher für die nicht mehr lebendige Gesellschaft dieser Zeit sehen. Büchner verdeutlicht auch sehr anschaulich in dem Dritten Akt, Zweite Szene die soziale Ungleichheit zwischen Fürsten und Bürgern und das Elend der Landbevölkerung. In dieser Szene unterhält sich der Landrat mit dem Schulmeister: „[…] oder es werden rührende Mittel gebraucht werden. Erkennt was man für Euch tut, man hat Euch gerade so gestellt, dass der Wind von der Küche über Euch geht und Ihr auch einmal in Eurem Leben einen Braten riecht. […]“.[9]

Hier wird auf den Hunger der Bevölkerung angespielt und diese soll der Obrigkeit Dankbar sein, dass sie den Geruch eines köstlichen Braten riechen dürfen, welches wohl ein Essen war, dass sich die Bürger kaum oder gar nicht leisten konnten. Die Unmenschlichkeit des Schulmeisters, der Sinnbildlich für die gesamte oberere Schicht steht, ist kaum noch zu übertreffen und es grenzt an Folter, Menschen, die großen Hunger leiden, so aufzustellen, dass sie den Geruch von Essen riechen und Ihnen der Befehl erteilt wird dankbar dafür zu sein.

2.2 Leonce und Lena: politische Satire und romantische Komödie

Das Lustspiel Leonce und Lena lässt sich in zwei verschiedene Themenkomplexe unterteilen. Zum einen spielt es auf die gesellschaftliche und politische Realität des Vormärz mit politischer Satire an und zum anderen auf eine romantische Komödientradition.[10] Um die Bedeutung einer politische Satire zu verstehen, ist es wichtig sie zu definieren. Das Merkmal einer Satire ist die Negativität. Dadurch kennzeichnet sie eine Wirklichkeit als Mangel, Missstand oder Lüge.[11] Politische Satire ist

Eine Variante der Satire, die politischen Gegebenheiten und Institutionen mit beißendem Spott und herber, gelegentlich moralischer Systemkritik begegnet […]. Ihr Ziel ist nicht das befreiende oder versöhnende Lachen, wie es die Komödie will, sondern die Einsicht des Publikums in die Fehler und/oder die Lächerlichkeit des politischen Systems; […] Sie nimmt deutlich Bezug auf die kritisierte oder karikierte Wirklichkeit, [… ]. Sie verzichtet bewusst auf psychologische Konfliktentwicklungen und verhindert so die Möglichkeit emotionaler Identifikation.[12]

[...]


[1] Vgl. Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Jürgen, Zehbe (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Aufsätze zur Geschichte und Philosophie, Göttingen 1967, kleine Vandenhoeck-Reihe, S. 55-62, S. 55.

[2] Vgl. Borgards, Roland/Neumeyer, Harald: Büchner Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, Stuttgart 2009, S. 75-76.

[3] Vgl. Scriba, Arnulf: Vormärz und Revolution 1815-1849. http://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution zuletzt aufgerufen am: 24.09.2016.

[4] Büchner, Georg: Leonce und Lena, Stuttgart 2005, Reclam-Ausgabe 18420, S. 46.

[5] Vgl. Kruse, Joseph A.: Romantische Weltuntergänge-auch bei Büchner und Heine, in: Burghard, Dedner/Ulla, Hofstaetter (Hrsg.): Romantik im Vormärz, Marburg: Hitzeroth 1992, Band 4, S. 13-31, S. 13.

[6] Vgl. Martin, Ariane: Absolut komisch. König Peter und die Philosophie in Büchners Leonce und Lena, in: Ariane Martin/Isabelle Staufer (Hrsg.): Georg Büchner und das 19. Jahrhundert, Bielefeld 2012, S. 183-198, S. 183f.

[7] Vgl. Martin: Absolut komisch. König Peter und die Philosophie in Georg Büchners Leonce und Lena, S. 184.

[8] Vgl. Hofmann, Michael/Kannig, Julian: Georg Büchner. Epoche-Werk-Wirkung, München 2013, S. 143.

[9] Büchner, Georg: Leonce und Lena, S. 71.

[10] Vgl. Beise, Arnd: Einführung in das Werk Georg Büchners, Darmstadt 2010, S. 99f.

[11] Brummack, Jürgen: Eintrag Satire. In: Müller, Jan-Dirk (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Geschichte. Bd. III P-Z Berlin 2003, S. 355.

[12] Brunner, Philipp: Lexikon der Filmbegriffe. Politische Satire, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=2991, zuletzt aufgerufen am 20.09.2016.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Verwendung des Automatenmotivs und des Motivs der Langeweile als Kritik an der Gesellschaft. Eine Untersuchung von Georg Büchners "Leonce und Lena"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V342297
ISBN (eBook)
9783668320291
ISBN (Buch)
9783668320307
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg, Büchner, Leonce und Lena, Langeweile, Gesellschaftskritik, Leonce, Lena, Valerio, Automat, Marionette, Puppe, l'homme machine, descartes, le mettrie, Vormärz, Junges Deutschland, König Peter, Reich Popo, Reich Pipi, Automatenmotiv, E.T.A. Hoffmann, Aufklärung, Immanuel Kant, Woyzeck, Lenz, Dantons Tod, Motiv, Motive, Kritik, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Tamara Meyer (Autor), 2016, Die Verwendung des Automatenmotivs und des Motivs der Langeweile als Kritik an der Gesellschaft. Eine Untersuchung von Georg Büchners "Leonce und Lena", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342297

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