Literatur als System - zur Methodik einer systemtheoretisch orientierten Literaturwissenschaft


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Einordnung und Philosophiegeschichtlicher Kontext

3. Zentrale Begrifflichkeiten und Konzepte der Systemtheorie

4. Systemtheorie in der Literaturwissenschaft – Luhmanns Stil – Begriff

5. Vorteile und Grenzen einer systemtheoretischen Literaturwissenschaft

6. Anhang: Literatursoziologie

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die germanistische Literaturwissenschaft ist heute, anders als zur Zeit ihrer Anfänge, gekennzeichnet durch einen kaum zu überschauenden Methodenpluralismus. Dabei wird alle paar Jahre ein neuer methodologischer Ansatz ausgerufen wobei vorgegeben wird, diese ‚neue’ Methode würde das Vorgehen in der Wissenschaft und gleichzeitig deren Inhalte revolutionieren. Einige Wissenschaftler schließen sich dann in ihren Arbeiten an, andere versuchen traditionalistisch zu bleiben oder entwickeln ältere Methoden weiter. So kommt es zu einem vielfältigen Nebeneinander verschiedenster Methoden der Literaturwissenschaft. Die in dieser Arbeit knapp dargestellte Methode ist die systemtheoretisch orientierte Literaturwissenschaft nach dem Vorbild von Niklas Luhmann. Luhmanns Theorie sozialer Systeme zählt zu den in den letzten Jahren am meisten beachteten Theorien, da ihre Anhänger glauben, die Systemtheorie breche völlig mit den traditionellen germanistischen Auffassungen von Wissenschaft als hermeneutischer Textwissenschaft und sei neu in dem Anspruch einer umfassenden, interdisziplinären Sozialwissenschaft. Ähnlich wie in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, von der sich Luhmann jedoch klar distanzieren möchte, soll hier das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft näher betrachtet werden.[1]

Ziel dieser Arbeit ist es, im nächsten Kapitel die historische Einordnung der Methode vorzunehmen und den philosophiegeschichtlichen Kontext kurz darzustellen. Dazu wird die Handlungstheorie Talcot Parsons beschrieben, um sie anschließend mit der Systemtheorie Luhmanns in Verbindung zu setzen. Im weiteren Verlauf soll ein Kapitel über die Grundlagen der Systemtheorie die wichtigsten Begrifflichkeiten und Konzepte darstellen, mit denen die Methode arbeitet. Das folgende Kapitel soll dazu dienen aufzuzeigen, wie diese allgemein-theoretischen Konzepte in der Literaturwissenschaft verwendet werden können. Weiterhin soll dieses Kapitel den Stil-Begriff Luhmanns und damit seine Sichtweise auf die Kunst erläutern. Im Schlusskapitel werden die größten Vorteile dieser Methode ebenso erwähnt wie ihre Nachteile, die der systemtheoretisch orientierten Literaturwissenschaft (noch) gewisse Grenzen auferlegen.

Aufgrund der stark verkürzten Darstellung der einzelnen Punkte kann es sein, dass einige wichtige Konzeptionen der Systemtheorie und ihrer literaturwissenschaftlichen Anwendung nur am Rande oder gar nicht erwähnt werden. Die Arbeit konzentriert sich nur auf die unerlässlichen Gesichtspunkte der Methode und kann daher keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

2. Historische Einordnung und philosophiegeschichtlicher Kontext

Die hier dargestellte Methode der Systemtheorie zählt, zusammen mit einem handlungstheoretischen Ansatz, zu den am meisten beachteten Methoden innerhalb der Literaturwissenschaft. In der Soziologie werden Handlungs- und Systemtheorie bereits seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts diskutiert und erreichten einen vorläufigen Höhepunkt in der BRD der 1970er Jahre in der sog. Habermas – Luhmann – Debatte. In der Literaturwissenschaft gehört die Beschäftigung mit den beiden Theorien zu den jüngsten Entwicklungen der methodologischen Geschichte dieses Faches.[2]

Die Handlungstheorien thematisieren (zielgerichtetes, absichtsvolles) Handeln und (eher instinktives) Verhalten individueller und kollektiver Akteure innerhalb einer bestimmten Sozialstruktur. Im Mittelpunkt der Theorie stehen also die handelnden Akteure, ihre Interaktionen und Kommunikationen, wobei man davon ausgeht, dass das Handeln zielgerichtet ist, folglich einer Motivation nachgeht. Die neueren Konzepte der Handlungstheorie, vor allem dem amerikanischen Soziologen Talcott Parsons und Jürgen Habermas folgend, versuchen Handlung und Struktur, also Handlungs- und Systemtheorie, miteinander zu verbinden.[3]

Parsons strukturell – funktionalistischer Ansatz bedient sich dabei, zurückgehend auf Emile Durkheim, des Modells der Dekomposition: etwas ursprünglich Kompaktes wird mit dem Ziel der Leistungssteigerung in immer weiter spezialisierte Einheiten zerlegt. Nach diesem Schema lässt sich etwa die Differenzierung von Familien- und Bildungssystem beschreiben: zur höheren Leistungsfähigkeit wurde die Bildung aus den Familien nahezu vollständig entfernt und an ein spezialisiertes Teilsystem übergeben. So konnten sich Familien von nun an auf ihre spezifischen Aufgaben besser konzentrieren, während die Bildung von Fachleuten in Schulen oder Universitäten effektiver betrieben werden konnte. Als Vorbild für seine Theorie diente Parsons die planvoll gelenkte Arbeitsteilung in Unternehmen oder Organisationen. Die zentrale Frage bei Parsons lautet, welche funktionalen Leistungen erbracht werden müssen, damit Systeme erhalten bleiben.[4]

Der größte Vorteil der Handlungstheorien liegt darin, Handeln durch das Aufzeigen der Handlungsstrukturen besser erklären zu können als die Theorien, die sich in die Akteure hineinfühlen möchten. Trotzdem finden die Akteure Berücksichtigung in den Handlungstheorien, wenn auch in unterschiedlichem Maße, je nach Variante der Theorie. Damit ist der erste grundlegende Unterschied zur (Luhmannschen) Systemtheorie bereits genannt: diese blendet handelnde Akteure grundsätzlich aus ihrem Entwurf aus.[5]

Luhmanns Systemtheorie entstand in Abgrenzung zu Parsons strukturell – funktionalem Konzept als funktional – strukturelles Modell in Anlehnung an die Allgemeine Systemtheorie und übernahm dann Ende der 1970er Jahre das Autopoiesis – Konzept aus der Biologie und Elemente aus der Kybernetik. So entwarf Luhmann eine Theorie mit universellem Anspruch, die notwendigerweise eher abstrakt gehalten ist.[6]

Wo Parsons zur Beschreibung der gesellschaftlichen Differenzierung auf das Konzept der Dekomposition zurückgreift, geht Luhmann im Anschluss an Max Weber in seiner Theorie der funktional – differenzierten Gesellschaft vom Modell der Emergenz aus: hier geht es um die Herausbildung globaler Zugriffsweisen auf die Welt. Die Ausdifferenzierung sozialer Systeme geschehe nicht, wie bei Parsons, durch die Zerlegung vom Kompaktem in immer spezialisiertere Teilsysteme, sondern durch die evolutionäre Erzeugung neuer Systeme. Bedeutend ist für Luhmann die Frage, wie Funktionen zu neuen Strukturen führen. Er sieht die Ausdifferenzierung von sozialen Teilsystemen als Kultivierung, Vereinseitigung und Verabsolutierung von Weltsichten. Wie gesagt sind die Akteure in Luhmanns Theorie nicht weiter wichtig, sondern es kommt ihm vor allem darauf an, wie Kommunikationen entstehen und sich aneinander anschließen.[7]

Auf diese Frage und weitere Grundbegriffe der Luhmannschen Systemtheorie wird das folgende Kapitel der Arbeit näher eingehen.

3. Zentrale Begrifflichkeiten und Konzepte der Systemtheorie

Luhmanns Theorie der funktional differenzierten Gesellschaft ist ein evolutionäres Modell: als Ausgangspunkt der Theorie beschreibt Luhmann die Archaische Gesellschaft. Diese sei segmentär differenziert, d.h. in gleichartige und gleichrangige Einheiten, etwa Familien, Stämme oder Clans, die nebeneinander existieren. In den vormodernen Hochkulturen und der mittelalterlichen Gesellschaft wird diese Differenzierungsform allmählich abgelöst durch die stratifikatorische Differenzierung in Schichten oder Klassen. Diese ungleichartigen und ungleichrangigen Einheiten sind innerhalb von festen Staatsgefügen hierarchisch nach ihrem Zugang zur Macht geordnet. Für die Moderne bezeichnet Luhmann schließlich die funktionale Differenzierung als den Primat der Gesellschaftsform, in der ungleichartige und gleichrangige Teilsysteme wie Wirtschaft, Recht, Kunst, Politik oder Erziehung jeweils bestimmte gesellschaftliche Probleme spezialisiert bearbeiten.[8] Gleichwohl gibt es auch in modernen Gesellschaften noch Formen segmentärer und stratifikatorischer Differenzierung, oder der Differenzierung in Zentrum und Peripherie nach Galtung, jedoch nur als sekundäre Formen.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Systemtheorie ist, diese als eine Differenztheorie aufzufassen:

„Die wohl wichtigste Unterscheidung der Systemtheorie ist die von System und Umwelt. Wenn sie ein System analysiert, dann als System in Differenz zu seiner Umwelt.“[9]

Da Systeme spezialisiert sind auf ihre eigene Funktion innerhalb der Gesellschaft, erscheint ihre Umwelt zunächst fremdartig und komplex. Das System der Politik etwa kann mit seinen Handlungsmustern, Regeln und Strukturen schwerlich das System der Kunst erfassen. Systeme sollen deshalb zwischen der Weltkomplexität der Umwelt und dem begrenzten menschlichen Bewusstsein vermitteln. Die Aufgabe von sozialen Systemen besteht folglich in der Reduktion von (Welt-) Komplexität. Dazu bilden die Systeme Strukturen aus, die es ermöglichen, die Umwelt zu erfassen und in das eigene System zu integrieren, um so eine gewisse Orientierungshilfe zu liefern.[10]

Diese Strukturen der Systeme sind die sog. binären Codes mit jeweils zwei asymetrischen Optionen. So hat etwa das System Wissenschaft den binären Code ‚wahr/unwahr’, das System Medizin den Code ‚gesund/krank’ oder das Rechtssystem den Code ‚Recht/Unrecht’. Diese Codes müssen der jeweiligen Funktion des Systems entsprechen, vollständig sein, nach außen selektiv und nach innen informativ wirken und offen sein für Programme, die den Code spezifizieren und so entscheiden, welcher Codewert angewendet werden kann. Auf diese Weise stellt das System sicher, dass es nur Phänomene erfassen kann, die sich mit einem der beiden Codewerte klassifizieren lassen.[11]

So hat z.B. ein Zugunglück verschieden Wirkungen auf Systeme. Während das Rechtssystem fragt, wer eventuell Unrecht begangen hat und so Schuld am Unglück trägt, interessiert sich die Medizin nur dafür, die Verletzten zu heilen:

„Die jeweiligen Beobachtungsverhältnisse gliedern die Welt nicht in unterschiedliche Sphären, sondern konstituieren in ihrer Gesamtheit eine multizentrisch angelegte Welt, in der das jeweilige Teilsystem seine Welt als die Welt konstituiert.“[12]

[...]


[1] vgl. Sill, Oliver: Literatur in der funktional differenzierten Gesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven auf ein komplexes Phänomen. Wiesbaden 2001, S.11f.

[2] vgl. Baasner, Rainer (unter Mitarbeit von Maria Zens): Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft: eine Einführung. Berlin 1996, S.187.

[3] vgl. ebd., S.187f.

[4] vgl. Schimank, Uwe/Volkmann, Ute: Gesellschaftliche Differenzierung. Bielefeld 1999, S.8ff.

[5] vgl. Baasner, Rainer (unter Mitarbeit von Maria Zens): Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft: eine Einführung. Berlin 1996, S.188.

[6] vgl. Müller, Harro: Systemtheorie/Literaturwissenschaft. In: Klaus – Michael Bogdal (Hg.): Neue Literaturtheorien, Eine Einführung. 2., neubearbeitete Auflage, Opladen 1997, S.208.

[7] vgl. Schimank, Uwe/Volkmann, Ute: Gesellschaftliche Differenzierung. Bielefeld 1999, S.9f.

[8] vgl. Dörner, Andreas/Vogt, Ludgera: Literatur – Literaturbetrieb – Literatur als <System>. In: Heinz Ludwig Arnold/Heinrich Detering (Hg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. 4. Auflage, München 2001 [1. 1996], S.93.

[9] Plumpe, Gerhard/Werber, Niels: Literatur ist codierbar. Aspekte einer systemtheoretischen Literaturwissenschaft. In: Siegfried J. Schmidt (Hg.): Literaturwissenschaft und Systemtheorie. Positionen, Kontroversen, Perspektiven. Opladen 1993, S.11.

[10] vgl. Sill, Oliver: Literatur in der funktional differenzierten Gesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven auf ein komplexes Phänomen. Wiesbaden 2001, S.53.

[11] vgl. ebd., S.54.

[12] ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Literatur als System - zur Methodik einer systemtheoretisch orientierten Literaturwissenschaft
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar III: Tendenzen der Literaturwissenschaft im 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V34235
ISBN (eBook)
9783638345279
ISBN (Buch)
9783640856435
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, System, Methodik, Literaturwissenschaft, Proseminar, Tendenzen, Literaturwissenschaft, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Marcel Funken (Autor:in), 2004, Literatur als System - zur Methodik einer systemtheoretisch orientierten Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34235

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