Jean-Jaques Rousseau und Rudolf Steiner. Zwei Wegbereiter des Umdenkens in der Erziehung im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leben Rousseaus
2.1 Jean-Jaques Rousseau – Kurzbiografie
2.2 Die Epoche der Aufklärung, Gesellschaftskritik
2.3 Das Erziehungskonzept – Emile oder Über die Erziehung
2.4 Negative Erziehung

3. Rudolf Steiner und die Waldorfpädagogik
3.1 Rudolf Steiner – Kurzbiografie
3.2 Grundzüge der Anthroposophie
3.3 Waldorfschulen und die Pädagogik

4. Vergleich Jean-Jaques Rousseau und Rudolf Steiner

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bedeutung von Erziehung ist in unserer heutigen Gesellschaft wichtiger denn je in unserer Geschichte. Hat sich das Kinderbild der Erwachsenen doch im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte drastisch geändert. Galten Kinder noch bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts als kleine Erwachsene und bedurften der damaligen Anschauung nach keiner besonderen Behandlung, so werden sie heute in Zeiten der rückläufigen Geburtenraten, oft von den Eltern glorifiziert und müssen die Wünsche und Erwartungen dieser in sich bündeln.

Die Eltern des 2010er Jahrzehnts stehen hingegen unter dem Druck ihre Söhne und Töchter unbedingt fördern zu müssen, im Hinblick auf eine Zukunft die in unserem Kulturkreis vor allem auf einen hohen Lebensstandard und finanziellem Erfolg ausgerichtet ist.

Frühförderung im Kindergartenalter und Schulreformen im Jahrestakt sind Schlagworte der Erziehung. Gleichzeitig geben schlechte PISA Ergebnisse und wachsender Schulunmut den öffentlichen pädagogischen Einrichtungen ein negatives Bild und Ansehen.

Schüler und Schülerinnen verlassen immer früher die Schule, sowohl durch die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit oder des Wegfalls des Sitzenbleibens zum Beispiel in Hamburg (Behörde für Schule und Berufsausbildung 2014, S. 22 und 42) um eine Berufsausbildung zu absolvieren und dem Arbeitsmarkt schnellstmöglich zur Verfügung zu stehen. Mit dem Anspruch, dass in kürzerer Zeit derselbe Stoff qualitativ gleichwertig erlernt wird. Von Pädagogen und Pädagoginnen wird erwartet diesem Bildungsanspruch gerecht zu werden und gleichzeitig noch erzieherisch auf die Kinder einzuwirken.

Mädchen und Jungen verschiedenster Charaktere und Biografien denen im 45 Minuten Takt derselbe Unterrichtsstoff auf dieselbe Weise vermittelt wird. Was schon Klaus Holzkamp 1992 in „Die Fiktion administrativer Planbarkeit schulischer Lernprozesse“ kritisch bemängelte. Um diesem Tempo gerecht zu werden, wird mit der Frühförderung und dem Leistungsdruck schon im Kindergartenalter begonnen.

Wie steht nun diese Entwicklung im Einklang mit den Pädagogen und Pädagoginnen, welche die Wegbereiter unserer heutigen Erziehungskonzepte sind, und durch deren Erkenntnisse und Ideologien sich unser heutiges Kinderbild formte? Kindergärten werden heute unter einer Vielzahl von verschiedenen pädagogischen Konzepten wie Montessori, Reggio oder Waldorf geführt. Wie werden diese Konzepte eingesetzt und wie viel steckt vom eigentlichen Grundgedanken noch in Ihnen?

Als einer der ursprünglichsten Wegbereiter der Pädagogik und des Bildes des Kindes in der Gesellschaft, kann der schweizerisch-französische Philosoph und Pädagoge Jean-Jaques Rousseau genannt werden. Oft zitiert und kontrovers diskutiert, ebenso wie der Urheber der Anthroposophie und Begründer der Waldorf Pädagogik, Rudolf Steiner.

Ich möchte mich exemplarisch im Hintergrund des Seminars Geschichte und Theorien der Erziehung mit diesen beiden Persönlichkeiten befassen und einen kurzen Vergleich verfassen.

2. Das Leben Rousseaus

Im Folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über das Leben Jean-Jaques Rousseaus geben (dabei fasse ich stark zusammen), und kurz die Epoche der Aufklärung umreißen. Dann, um sein Bild der Erziehung zu beschreiben, auf Emile und Über die Erziehung eingehen, sowie den Begriff der negativen Erziehung erläutern.

2.1 Jean-Jaques Rousseau – Kurzbiografie

Am 28. Juni 1712 wird Jean-Jaques Rousseau als Sohn des Uhrmachers Isaac Rousseau und Suzanne Bernards in Genf geboren. Seine Mutter verstirbt wenige Tage nach der Geburt, die ältere Schwester übernimmt die Sorge um das Kind. Rousseau ist 12 Jahre alt als sein Vater aus Genf flieht und ihn bei seinem Onkel mütterlicherseits zurücklässt. Es beginnen unstete Zeiten in denen er eine Lehre als Gerichtsschreiber beginnt, dann aber 1725 zur Kupferstecherei wechselt. 1728 kehrt Rousseau dann, von einem Ausflug in die Umgebung, nicht wieder nach Genf zurück, sondern geht auf Wanderschaft. Er begegnet zum ersten Mal Madame de Warens die ihn in seinem Leben wohl stark beeinflussenste Frau. Für diese tritt er dem Katholizismus bei (er war Calvinist), was er später aber widerruft. Mit ihr verbindet ihn eine mütterliche Verbundenheit, ebenso wie Liebe. Es folgen Jahre in denen er verschiedene Frauen kennen und lieben lernt und er beginnt zu schreiben.

1768 liierte er sich mit Therese Levasseur, eine Dienstmagd, mit der er fünf Kinder zeugte. Diese brachte er alle in eine Anstalt für Findelkinder und verarbeitete sein Versagen in etlichen Schriften, vor allem Emile und sagt:

„ Während ich über mein Erziehungsbuch nachdachte, fühlte ich, dass ich Pflichten vernachlässigt hatte, von denen mich nichts dispensieren konnte. Die Reue wurde schließlich so stark, das sie mir im Anfang des ,Emile’ beinahe das öffentliche Eingeständnis meines Fehltritts abpresste.“ (Menck 1993, S. 129)

Wichtig für den pädagogischen Hintergrund sind die Jahre 1761/62 in denen er die Manuskripte des Emile und des Contrat social abschließt und in Amsterdam und Paris veröffentlicht. Rousseau gerät heftig in die Kritik, die Schriften werden verboten, sogar verbrannt, er entgeht einem Haftbefehl durch Flucht in die Schweiz.

Es folgen Jahre der Verfolgung, in denen er und seine bis dahin noch Geliebte Therese Levasseur, bei verschiedenen befreundeten Adligen wohnen. Bei Rousseau setzen Verfolgungswahn und Depressionen ein. Er schreibt weiter, unter anderem an einer Abhandlung über sich selbst Rousseau juge de Jean-Jaques (Rousseau urteilt über Jean-Jaques).

Am 2. Juli 1778 verstirbt Jean-Jaques Rousseau unerwartet in Ermonville, Frankreich, wohin er kurz zuvor gezogen war.

1794 wird sein Sarg in das Panthéon in Paris überführt.

2.2 Die Epoche der Aufklärung, Gesellschaftskritik

Die Aufklärung beginnt Ende des 17. Jahrhunderts und dauert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts an. Jean-Jaques Rousseaus Leben fällt in die zweite Hälfte der Epoche der Aufklärung, die in Frankreich in die Französische Revolution 1789 mündet, als deren Wegbereiter Rousseau gilt. Als Definition verdeutlicht Immanuel Kant sie im Dezemberheft der Berliner Monatsschrift von 1784. Auf die Frage: „Was ist Aufklärung?“ fasst er mit den Worten zusammen:

„AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude ! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“(Kant 1784)

Gekennzeichnet ist diese Epoche vor allem durch die geistige Emanzipation und dem Beginn, den Menschen als Individuum anzusehen. Kritik an Kirche und Religion wird laut. In Frankreich herrschte eine bürgerliche Revolution, die aus der Diskrepanz zwischen den herrschenden Schichten und dem Bürgertum resultierte. Die herrschende Schicht waren die Adligen und die Geistlichkeit, die das Bürgertum, zu der die meiste Bevölkerung gehörte, vom Arzt bis zum Bettelmann, bestimmten und unterdrückten. Dieses Bürgertum hätte von seiner Zusammensetzung kaum unterschiedlicher sein können, doch verbunden dadurch, dass

„sie alle waren von den Privilegien des ersten und zweiten Standes ausgeschlossen, sie besaßen keine politischen Rechte und strebten danach, sich von dem sie bedrückenden feudalabsolutistischen Zwang zu befreien“ (Menck 1993, S. 131)

2.3 Das Erziehungskonzept – Emile oder Über die Erziehung

Jean-Jaques Rousseau hat bereits 1762 in seinem philosophischen Werk „Du contrat social ou Principes du droit politique“ (Rousseau 1762) das Bild eines „neuen Menschen“ entworfen, und gefordert, „daß die Menschen, die möglicherweise nach Stärke und Begabung ungleich sind, durch Vertrag und Recht alle gleich werden“ (Rousseau 1977/1762, S.26). Mit „ Emile oder Über die Erziehung“ gibt er ebenfalls 1762 einen handlungstheoretischen Erziehungsroman heraus, der die in seinen Augen ideale Erziehung eines Menschen beschreibt und eine völlig neue Art der Erziehung fordert.

Emile oder Über die Erziehung“ ist in fünf Bücher unterteilt und beschreibt in den Büchern eins bis vier fiktiv die Phasen des Erwachsenwerdens, in dem Rousseau, als erster Pädagoge überhaupt, Unterteilungen vornimmt, anhand des Alters. Auf diese Phasen möchte ich unter Punkt 4 im Vergleich näher eingehen.

Knapp zusammengefasst, geht Rousseaus Erziehungslehre davon aus, „dass der Mensch zum einen im Grunde seiner Natur gut ist, zum anderen aber als l´homme de l´homme, als menschlichem Einfluss unterstehendes Einzelwesen, in der Kultur fast unausweislich schlecht wird.“ (Mensching 2000, S. 123)

2.4 Negative Erziehung

In der Bedeutung bei Rousseau nicht als schlechte oder falsche Erziehung gemeint. Eher im Sinne einer nicht in eine Richtung hin zielenden, und von dem Erzieher, der etwas bestimmtes im Kind erreichen möchte, forcierenden und berechnenden Erziehung zu sehen. Da Rousseaus Denken geprägt ist von der Abscheu der Kultur in der er lebt, wie er „Du contrat social ou Principes du droit politique“ (Rousseau 1762) beschreibt, ihm aber bewusst ist, dass es unmöglich ist Kinder von der Außenwelt gänzlich zu isolieren, so setzt er als obersten pädagogischen Grundsatz fest:

„Die erste Erziehung muß also rein negativ sein. Sie darf das Kind nicht in der Tugend und in der Wahrheit unterweisen, sondern sie muß das Herz vor Laster und den Verstand vor Irrtümern bewahren.“ (Rousseau 1998, 1762, S. 73)

Immanuel Kant greift dies unterstützend auf und meint in seinen Vorlesungen: „Ich wüßte übrigens nicht, was in der Erziehung und vorzüglich in der ersten, nothwendiger und wichtiger wäre als die negative Erziehung, sowohl die prohibitive als die inhibitive.“

(Rink 2011,1800, S. 61)

3. Rudolf Steiner und die Waldorfpädagogik

Neben pädagogischen Einrichtungen die durch ihr Konzept zum Beispiel Namen von Maria Montessori und Johann Heinrich Pestalozzi tragen, sind im Alltagsgebrauch die Waldorfschule und die Waldorfkindergärten als pädagogische Einrichtungen bekannt. Die Person Rudolf Steiners als ihr Begründer hingegen weniger. Häufig fällt gerade die Annahme seiner anthroposophischen Ansichten schwer und hat dem Ansehen der Waldorf Einrichtungen zu einem überwiegend negativen Ruf verholfen. Kontrovers wurde beispielhaft die Öffnung der ersten staatlichen Waldorfschule deutschlands in Hamburg-Wilhelmsburg diskutiert (Schaible 2013, online).

Als Grundlage für den unter Punkt 4 folgenden Vergleich gebe ich einen kurzen Einblick in Steiners Leben, die Grundsätze der Waldorfpädagogik und der Antroposophie.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Jean-Jaques Rousseau und Rudolf Steiner. Zwei Wegbereiter des Umdenkens in der Erziehung im Vergleich
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Geschichte, Theorien und gesellschaftliche Bedingungen von Erziehung und Sozialisation
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V342426
ISBN (eBook)
9783668321199
ISBN (Buch)
9783668321205
Dateigröße
1139 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Rudolf, Steiner, Jean-jaques, Rousseau, Aufklärung, negative Erziehung, Gesellschaftskritik, Waldorf, Waldorfschule, Waldorfpädagogik, Anthroposophisch, Eurythmie, Biografie, Erziehung
Arbeit zitieren
Alexandra Schmidt (Autor), 2014, Jean-Jaques Rousseau und Rudolf Steiner. Zwei Wegbereiter des Umdenkens in der Erziehung im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342426

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