Seit der Antike wird die Gerechtigkeit kulturübergreifend als ein gesellschaftlicher Grundwert angesehen und stellt im "common sense" ein elementares, nicht weiter ableitbares Prinzip zur Herstellung einer funktionierenden sozialen Ordnung dar. Über kulturelle und Epochengrenzen hinweg wurde und wird der Gerechtigkeitsbegriff auf verschiedenste Weise interpretiert. Nach David Hume gelten jedoch grundlegend zwei Faktoren, welche die Bedingungen festsetzen, unter denen das Ideal der Gerechtigkeit in der Praxis umgesetzt werden muss. Zum Einen ist die Gesamtmenge an Gütern, auf die eine Gesellschaft zurückgreifen kann, begrenzt und zum Anderen bestehen um dieselben Güter konkurrierende Interessen der einzelnen Individuen. Moderate Knappheit einerseits und konfligierende Besitzansprüche andererseits bilden somit den Hintergrund, vor dem jedes Gerechtigkeitskonzept seine Tragfähigkeit zu beweisen hat.
In unserem modernen demokratischen Verständnis ist die Idee der Gerechtigkeit eng an das Ideal der Gleichheit gekoppelt. Nach Ronald Dworkin existieren zwei miteinander konkurrierende Theoriekomplexe, die zu bestimmen versuchen, auf welche Weise die knappen Güter innerhalb einer Gesellschaft zu verteilen sind, um einen Zustand der Gleichheit herzustellen. Der Ansatz der Ressourcengleichheit, den Dworkin selbst in einer modifizierten Form vertritt, fordert, dass sämtliche Ressourcen, über die eine Gesellschaft verfügt, allen Bürgern zu gleichen Teilen übereignet werden. Dieser Ansatz sieht also in einer gleichmäßigen Güterverteilung die Grundlage für gerechte gesellschaftliche Verhältnisse.
Der Konzeption der Ressourcengleichheit kann jedoch vorgeworfen werden, durch die ausschließliche Orientierung an den materiellen Mitteln das angestrebte Ideal der Gleichheit zu verfehlen. So räumt Dworkin selbst ein, dass die zu verteilenden Güter keinen intrinsischen Wert besitzen, sondern lediglich dafür zu instrumentalisieren sind, das Wohlergehen der Menschen zu befördern. Man könnte daraus naheliegenderweise die Forderung ableiten, die Mitglieder einer Gesellschaft in ihrem Wohlergehen und nicht in Hinblick auf ihre materiellen Besitztümer gleichzustellen. Einen Versuch, die Ressourcengleichheit gegen dieses Modell einer Wohlergehensgleichheit zu behaupten, unternimmt Dworkin in seinem Aufsatz "Equality of welfare".
Inhaltsverzeichnis
I. Gerechtigkeit und Gleichheit
II. Methodische Zweifel am Konzept der Erfolgsgleichheit
1. Das Problem der empirischen Messbarkeit von Wohlergehen
2. Beschränkung auf die Bereitstellung von Ressourcen
3. Verwechslung von Mitteln und Zwecken
III. Systematische Zweifel am Konzept der Erfolgsgleichheit
1. Fehlen normativer Gerechtigkeitsvorstellungen
2. Ungerechtfertigte Kompensationsansprüche
IV. Fazit
V. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kritik des Rechtsphilosophen Ronald Dworkin an der präferenzutilitaristischen Konzeption der Wohlergehensgleichheit. Ziel ist es, aufzuzeigen, warum Dworkin dieses Modell als für eine gerechte Gesellschaftsordnung ungeeignet erachtet und welche methodischen sowie systematischen Schwachstellen er dabei identifiziert.
- Gegenüberstellung von Ressourcen- und Wohlergehensgleichheit
- Methodische Grenzen der empirischen Messbarkeit von Erfolg
- Das Problem der Verwechslung von Mitteln und Zwecken
- Fehlen normativer Gerechtigkeitskriterien im Utilitarismus
- Die Problematik unbegründeter Kompensationsansprüche bei "kostspieligen Vorlieben"
Auszug aus dem Buch
1. Das Problem der empirischen Messbarkeit von Wohlergehen
Das präferenzutilitaristische Gleichheitsideal fordert bei Unterschieden im Erfolg zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Gesellschaft, Ressourcen so lange umzuverteilen, bis allen Menschen die Mittel an die Hand gegeben sind, die sie benötigen, um in der Erfüllung ihrer Interessen ebenso erfolgreich wie ihre Mitbürger zu sein.
Es stellt sich jedoch Frage, wie Wohlergehen, hier verstanden als persönlicher Erfolg, in der Praxis so exakt gemessen werden kann, dass diejenigen Individuen erkannt werden, die sich, im Verhältnis zum Referenzwert des durchschnittlichen Standards an Wohlergehen in einer Gesellschaft, auf einem unterdurchschnittlichen Wohlergehensniveau befinden. Das Ziel, alle Gesellschaftsmitglieder in der Befriedigung ihrer Interessen gleichzustellen, setzt für die Regierung eines nach den Grundsätzen der Wohlergehensgleichheit verfahrenden Staates die utopische Forderung voraus, stets über das Maß an persönlich empfundenem Erfolg jedes Bürgers informiert zu sein. Die genaue Bestimmung der auszugleichenden Differenz zwischen dem Wohlergehensniveau des benachteiligten Individuums und dem gesellschaftlichen Durchschnittswert sowie die Ermittlung der Menge an Ressourcen, die für einen Ausgleich nötig sind, stellt ein weiteres empirisches Problem dar, mit dem sich alle Konzeptionen von Wohlergehensgleichheit konfrontiert sehen.
Dworkin erwähnt zwar das Problem der empirischen Messbarkeit nur am Rande und geht in seinen Ausführungen zur Erfolgsgleichheit davon aus, dass über das Trial-and-Error-Verfahren wiederholt verteilt und umverteilt werden könnte, bis alle Individuen bei einer durchgeführten Umfrage angeben würden, ebenso erfolgreich wie ihre Mitbürger zu sein. Es erscheint jedoch fragwürdig, ob diese Vorgehensweise ausreichend dynamisch auf die sich ständig wandelnden Interessen der Bürger reagieren kann.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Gerechtigkeit und Gleichheit: Einführung in das Ideal der Gerechtigkeit im modernen demokratischen Verständnis und Vorstellung der konkurrierenden Theoriekomplexe der Ressourcen- sowie der Wohlergehensgleichheit.
II. Methodische Zweifel am Konzept der Erfolgsgleichheit: Analyse der praktischen Unzulänglichkeiten des Modells, insbesondere hinsichtlich der Messbarkeit von Wohlergehen, der rein instrumentellen Rolle von Ressourcen und der Gefahr einer Verwechslung von Lebensmitteln mit den eigentlichen Lebenszielen.
III. Systematische Zweifel am Konzept der Erfolgsgleichheit: Untersuchung der logischen Inkonsistenzen der Wohlergehensgleichheit, da ihr sowohl eine normative Gerechtigkeitskomponente fehlt als auch die Abgrenzung gegenüber unberechtigten Kompensationsansprüchen bei kostspieligen Vorlieben misslingt.
IV. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse, wonach der Präferenzutilitarismus als Gleichheitskonzeption aufgrund seiner Abhängigkeit von externen Regeln scheitert.
V. Schlussbetrachtungen: Reflexion über die Bedeutung der Kritik für Dworkins eigenes Modell der Ressourcengleichheit und den Stellenwert des individuellen Wohlergehens in seinem Entwurf.
Schlüsselwörter
Ronald Dworkin, Gerechtigkeit, Gleichheit, Präferenzutilitarismus, Wohlergehensgleichheit, Ressourcengleichheit, Interessenbefriedigung, soziale Gerechtigkeit, Kompensationsansprüche, kostspielige Vorlieben, politische Partizipation, Verteilungsmechanismen, Rechtsstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Kritik von Ronald Dworkin am präferenzutilitaristischen Ideal der Erfolgs- oder Wohlergehensgleichheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Ressourcengleichheit versus Wohlergehensgleichheit sowie die Grenzen utilitaristischer Gerechtigkeitstheorien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Präferenzutilitarismus kein in sich schlüssiges Modell für eine gerechte Gesellschaftsordnung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine analytische Auseinandersetzung mit der politischen Philosophie Dworkins, basierend auf der Interpretation primärer Quellentexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in methodische Zweifel an der Umsetzbarkeit sowie systematische Zweifel an der logischen Konsistenz der Wohlergehensgleichheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist primär geprägt durch Begriffe wie Gerechtigkeitsbegriff, Präferenzutilitarismus, Ressourcendefizit und normative Gerechtigkeitsvorstellungen.
Warum hält Dworkin die Erfolgsgleichheit für methodisch angreifbar?
Weil sie auf der utopischen Annahme basiert, Wohlergehen und persönlicher Erfolg seien empirisch exakt messbar, um Ressourcen präzise umzuverteilen.
Wie unterscheidet Dworkin zwischen "Mitteln" und "Zwecken"?
Er kritisiert, dass Wohlergehensgleichheit lediglich die kurzfristigen Mittel zur Befriedigung von Präferenzen unterstützt, ohne das eigentliche Lebensziel – ein als wertvoll empfundenes Gesamtergebnis – zu gewährleisten.
Was ist das Problem mit "kostspieligen Vorlieben" für den Utilitarismus?
Eine Gesellschaft nach präferenzutilitaristischen Maßstäben könnte gezwungen sein, Individuen mit teuren Hobbys gegenüber behinderten Menschen zu bevorzugen, wenn dies das Gesamtnützlichkeitskalkül optimiert.
- Arbeit zitieren
- Korbinian Lindel (Autor:in), 2016, Die Kritik Ronald Dworkins am präferenzutilitaristischen Gleichheitsideal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342454