Die vegan-vegetarische Bewegung in Europa

Eine Untersuchung der Ziele, Instrumente und Strategien vegetarischer und veganer Organisationen


Bachelorarbeit, 2013
85 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen und Begriffsklärung
2.1 Vegetarische und vegane Lebensweise
2.2 Soziale Bewegung
2.3 Bewegungsorganisationen

3 Hintergrund der vegan-vegetarischen Bewegung und ihrer internen Differenzierung
3.1 Vegetarismus und Veganismus – Lebensstil und soziokulturelle Bewegung
3.2 Vegetarische und vegane Bewegungsorganisationen in Europa
3.3 Ideologie und Utopie der Bewegung
3.4 Verwandte Bewegungen: Die vegane Teilbewegung und die Tierrechtsbewegung
3.5 Entstehung der Vegetarier- und Veganervereine in Europa
3.6 Die internationale Vernetzung der vegetarischen und veganen Organisationen in den Dachverbänden EVU und IVU

4 Schriftliche Befragung der vegetarischen und veganen Organisationen in Europa
4.1 Methodisches Vorgehen
4.2 Erläuterung des Fragebogens
4.3 Ergebnisse
4.3.1 Grunddaten
4.3.2 Ziele
4.3.3 Instrumente
4.3.4 Argumente und Überzeugungsstrategien

5 Zusammenfassung und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Rücklaufquote

Tabelle 2: Vorgeschlagene Ziele nach Ebene des Wandels und Funktion

Tabelle 3: Organisationsgründung

Tabelle 4: Mitgliedschaft in einem Dachverband

Tabelle 5: Mitgliederzahlen

Tabelle 6: Wachstum der Mitgliederzahl in den letzten drei Jahren

Tabelle 7: Schätzung der Organisationen über den Anteil der Vegetarier_innen und Veganer_innen an der Bevölkerung

Tabelle 8: Anzahl der Mitarbeiter_innen nach Arbeitsverhältnis

Tabelle 9: Einnahmen im vergangenen Jahr

Tabelle 10: Finanzierungsquellen (Mehrfachnennung möglich)

Tabelle 11: Ziele der Organisationen – Vergleich der Durchschnittsbewertungen vegetarischer und veganer Organisationen

Tabelle 12: Zielgruppen - Durchschnittsbewertung

Tabelle 13: Wichtigste Instrumente

Tabelle 14: Instrumente, für die am meisten finanzielle Ressourcen aufgewendet wurden

Tabelle 15: Instrumente, für die am meisten personelle Ressourcen aufgewendet
wurden

Tabelle 16: Durchschnittliche monatliche Zugriffszahlen auf die Homepage

Tabelle 17: Mittel der Online-Öffentlichkeitsarbeit

Tabelle 18: Häufigkeit der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen

Tabelle 19: Erfolgversprechende Argumente für Vegetarismus und Veganismus

Tabelle 20: Auswahlgrundlage der vegetarischen und veganen Organisationen in Europa und Fallgruppe

Tabelle 21: Bewertung der Ziele - Alle Organisationen

Tabelle 22: Bewertung der Ziele Vegetarische Organisationen

Tabelle 23: Bewertung der Ziele Vegane Organisationen

Tabelle 24: Bewertung der Zielgruppen (alle Organisationen)

Tabelle 25: Bewertung der Instrumente nach Häufigkeit der Verwendung

Tabelle 26: Durchschnittliche Häufigkeit der Verwendung der Instrumente nach Einnahmehöhe

Tabelle 27: Mittel und Ansätze zur Reduzierung von Hemmungen gegen eine Umstellung auf die vegetarische/vegane Lebensweise

1 Einleitung

„Vegetarier auf dem Vormarsch“ titelte der Spiegel im August 2010. „Nach Jahren in der Esoterik-Ecke und im Späthippie-Milieu mampfen sich die Vegetarier immer weiter in die Mitte unserer Gesellschaft vor.“ (Reißmann 2010) Nach Einschätzung des Vegetarierbundes Deutschland e.V. (VEBU) ist die Zahl der Vegetarier_innen in Deutschland zwischen 2009 und 2013 von rund 6,3 Millionen auf 6,9 Millionen gestiegen. (vgl. Holm 2013) Das entspricht 8 bis 9 Prozent der Bevölkerung. Vor acht Jahren waren es nur 3,6 Prozent. (vgl. Rinas 2012, S. 52) Noch stärker als die Zahl der Vegetarier_innen steigt laut VEBU jedoch die Zahl der Veganer_innen. Rund 800.000 Menschen in Deutschland leben demzufolge vegan, während es zu Beginn der 80er Jahre in Westdeutschland nur einige zehntausend waren.[1] Und so schrieb der Spiegel im März dieses Jahres auch über die Veganer_innen, dass sie „auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft ein gutes Stück vorangekommen“ sind. (Holm 2013) Die vegetarische und vegane Lebensweise gewinnen also zunehmend an Relevanz, jedoch sollten sie - anders als dies in der Forschung bisher üblich war - nicht nur als individuelle Lebensstile verstanden werden. Denn hinter dem, was auf den ersten Blick wie eine Häufung ähnlicher Konsumentscheidungen von Individuen aussieht, steht eine Bewegung mit strukturierten Ideen und Zielen, zu der lokale und nationale Organisationen gehören und eine große Bandbreite an verwandten Erscheinungen wie vegetarische/vegane Unternehmen.

Der „Vormarsch“ der Vegetarier_innen und Veganer_innen spiegelt sich auch in den wachsenden Mitgliederzahlen des VEBU wieder, die in den letzten drei Jahren um 150Prozent gestiegen sind[2]. Zusätzlich zum 121 Jahre alten VEBU sind in den letzten Jahren zwei national tätige vegane Organisationen entstanden.[3] Auch in anderen europäischen Ländern verzeichnen die Vegetarier- und Veganerverbände steigende Mitgliederzahlen und neue werden gegründet, sodass die Dichte an vegetarischen und veganen Organisationen[4] in diesem Raum besonders hoch ist. Gegenstand dieser Studie sind die vegetarischen und veganen Bewegungen im europäischen Raum, genauer gesagt die national tätigen vegetarischen und veganen Organisationen, welche Akteure dieser Bewegungen sind. Sie verbreiten Informationen über die vegetarische und vegane Lebensweise, unterstützen und vertreten die Interessen der Vegetarier_innen und Veganer_innen und setzen sich dafür ein, dass es leichter wird, vegetarisch oder vegan zu leben. Sie tragen mit ihrer Arbeit zu persönlichem, kulturellem und gesellschaftlichem Wandel bei, wodurch die gesellschaftliche Dimension des Vegetarismus bzw. Veganismus deutlich wird, was wiederum Anlass zu soziologischer Forschung gibt. Mit dieser Arbeit sollen erste Erkenntnisse über das Spektrum an Zielen, Instrumenten, Strategien der Organisationen und die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit gewonnen werden, ohne dabei die möglichen Unterschiede zwischen den vegetarischen und veganen Strömungen außer Acht zu lassen. Der vegane Trend beschränkt sich nicht nur auf Deutschland, auch in anderen europäischen Ländern werden immer mehr vegane Organisationen gegründet. 2009 erschienen mehr Bücher mit „vegan“ im Titel als „vegetarisch“, und 2011 wurde „vegan“ ebenso häufig gegoogelt wie „vegetarian“. (vgl. Davis 2010-2012, S. 14) Dies wirft die Frage auf, wie die Entwicklung innerhalb der vegetarischen/veganen Bewegung aussieht. In seiner Öffentlichkeitsarbeit verwendet der VEBU eine Zusammensetzung der Adjektive vegetarisch und vegan und spricht also von „vegetarisch-veganen Geschäftskonzepten“, der „vegetarisch-veganen Lebensweise“ und der „vegetarisch-veganen Bewegung“ (VEBU 11.07.2013; ebd. 15.08.2010; ebd. 12.08.2013). In dieser Arbeit werde ich daher die interne Differenzierung der vegan-vegetarischen Gesamtbewegung beleuchten.

Die sozialwissenschaftliche Literatur gibt darüber wenig Aufschluss, da die vegetarische bzw. vegane Bewegung bisher kaum thematisiert wurde. Leitzmann und Keller behandeln den Vegetarismus aus ernährungswissenschaftlicher Sichtweise; Angela Grube nähert sich dem veganen Lebensstil von einem erziehungswissenschaftlichen Standpunkt; Thomas Schwarz untersucht den Veganismus in verschiedenen Jugendkulturen. Insbesondere die Geschichte des Vegetarismus ist gut dokumentiert.[5] Als Bewegung betrachtet Bernd-Udo Rinas den Veganismus in „(Art)gerecht ist nur die Freiheit. Geschichte, Theorie und Hintergründe der veganen Bewegung“ (2000), und stellt Verbindungen zwischen Veganismus, Anarchismus und der Postmoderne her (in „Veganismus- ein postmoderner Anarchismus bei Jugendlichen?“ 2012). Rinas deckt die ideologischen und historischen Verbindungen zwischen der Veganer- und der Tierrechtsbewegung auf, übersieht so aber eine mögliche Verbindung zur vegetarischen Bewegung. Ein Werk, das sich der vegetarischen (inklusive der veganen) Bewegung zuwendet, ist Donnas Maurers „Vegetarianism- movement or moment?“ (2002) über die Geschichte, Ideologie und Strategien der vegetarischen Bewegung in den U.S.A. und Kanada. Für die vegetarischen/veganen Bewegungen im Raum Europa gibt es jedoch in der sozialen Bewegungsforschung eine Forschungslücke. Dort wurden bisher nur verwandte Bewegungen wie die Umwelt- und Tierrechtsbewegung behandelt[6], und auch die NGO-Forschung hat bisher Umweltorganisationen, aber keine vegetarischen/veganen Organisationen untersucht.[7] Diese Arbeit soll Vegetarismus und Veganismus in der sozialen Bewegungsforschung im Raum Europa Eintritt verschaffen, und als erste Annäherung weitere Forschung anregen.

Hierbei bewegt sich die Untersuchung auf zwei Ebenen. Da im Bereich der vegetarischen/veganen Organisationen bisher keine empirischen Erkenntnisse vorliegen, ist diese Untersuchung auf der ersten Ebene eine explorative Studie, die dazu dienen soll, einen Einblick in das Gebiet der vegetarischen/veganen Organisationen als Kristallisationspunkte der Bewegung zu geben. Die hier vertretene These ist, dass die vegan-vegetarische Bewegung eine kulturorientierte Bewegung ist, die in erster Linie Verhaltensmuster, kulturelle Normen und Werte verändern möchte. Dabei tut sich die Frage auf, inwiefern die Akteure der Bewegung auch Wandel auf institutioneller Ebene bewirken möchte. Als Methode der explorativen Studie wurde eine schriftlichen Befragung gewählt, bei der Organisationen aus dem europäischen Raum zu Grunddaten wie Größe und Budget, wichtigen Zielen und Zielgruppen, häufigen Instrumenten, Kooperationspartnern und Strategien befragt wurden. Die Antwortoptionen basierten auf einer explorativen Recherche auf den Internetseiten von zehn Organisationen. Insofern wird mit der Befragung auch überprüft, inwieweit die bei dieser Recherche gefundenen Ziele, Instrumente usw. auch bei einer größeren Fallgruppe zutreffen.[8]

Auf der zweiten Ebene gehe ich der Frage nach der internen Differenzierung der Bewegung auf Ebene der Organisationen nach. Dieser Frage nähere ich mich zum einen mithilfe von Literatur über die Ideologie der vegetarischen/veganen Bewegung und ihrem Verhältnis zur Tierrechtsbewegung, über ihre Geschichte und über die Entwicklung innerhalb der vegetarischen Dachverbände. Zudem werde ich bei der Auswertung der Fragen, bei denen sich aufgrund der ideologischen Ausrichtungen unterschiedliche Antworten vermuten lassen, vergleichend vorgehen. Dieser Vergleich soll ergeben wie groß die Unterschiede zwischen Organisationen, die sich „vegetarisch“ und denen, die sich „vegan“ nennen, wirklich sind. Dabei wird die These vertreten, dass es in den meisten Ländern Europas eine vegan-vegetarische Bewegung gibt, zumindest auf Ebene der Organisationen. Zwar gibt es noch weniger Veganer_innen als Vegetarier_innen in der Bevölkerung, doch gehe ich davon aus, dass die meisten „vegetarischen“ Organisationen die vegane Lebensweise ebenso sehr fördern wie die (ovo-lakto-)vegetarische, wenn nicht sogar stärker[9]. Daher stelle ich in dieser Arbeit zur Bezeichnung der vegan-vegetarischen Gesamtbewegung bewusst den Begriff „vegan“ voran. Träfe die These zu, wäre die Situation in Europa ähnlich wie in den USA. Nach der Ausrichtung der vegetarischen Organisationen befragt, antwortete der Leiter einer vegetarischen Organisation in den USA: „Basically, there’s a quid pro quo in the U.S. and Canada. And that is that the vegetarians have allowed the vegans to take over the organizations. But, they have to remain vegetarian organizations and they have to allow lacto-ovo-vegetarianism as an alternative.”[10] (Maurer 2002, S. 78) Auf den ersten Blick scheint die Situation im VEBU ähnlich zu sein: alle acht Vorstände leben vegan. (vgl. Holm 2013) Eine differenziertere Aussage wird mit den Ergebnissen dieser Studie möglich sein.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Im zweiten Kapitel werden die Grundlagen für eine spätere Betrachtung der vegan-vegetarischen Bewegung gebaut, indem die Konzepte der veganen und vegetarischen Lebensweise, der sozialen Bewegung und der Bewegungsorganisation dargestellt werden. Das dritte Kapitel dient dazu den Kontext zu beschreiben, in den die im empirischen Teil befragten Organisationen eingebettet sind. Es wird genauer beschrieben, woraus sich der Bewegungscharakter der Phänomene Vegetarismus und Veganismus ergibt, welche Rolle die nationalen vegetarischen und veganen Organisationen spielen und wie deren Verteilung in Europa aussieht. Darüber hinaus wird in Kapitel 3 gezeigt auf welcher Ideologie die Ziele der Organisationen aufbauen, wie die vegane Bewegung sich inhaltlich mit der Tierrechtsbewegung überschneidet, wie der organisierte Vegetarismus sich im Laufe der Geschichte in Europa entwickelt hat und wie die Organisationen in internationalen Dachverbänden vernetzt sind. Im vierten Kapitel werden die Methode der Datenerhebung und der Fragebogen genauer erläutert. Im Anschluss werden die Ergebnisse der schriftlichen Befragung vorgestellt und analysiert. Im letzten Kapitel werden die Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst und diskutiert, und es wird nach ihrer Bedeutung für die Zukunft gefragt.

2 Grundlagen und Begriffsklärung

Zunächst gilt es einige grundlegende Begriffe und Konzepte zu klären: Was bedeutet eine vegetarische und vegane Lebensweise? Was genau sind soziale Bewegungen und Bewegungsorganisationen im sozialwissenschaftlichen Sinn, und wo liegt deren Zusammenhang? Die Beantwortung dieser Fragen ist insofern wichtig, als das Konzept der vegan-vegetarischen Bewegung und das Verständnis von Vegetarier- und Veganer-Vereinen als Bewegungsorganisationen auf diesen Grundlagen aufbauen.

2.1 Vegetarische und vegane Lebensweise

Der Oberbegriff „vegetarisch“ bezeichnet sowohl die ovo-/lakto-/ovo-lakto-vegetarischen wie auch die vegane Ernährungsform, denen gemeinsam ist, dass sie Nahrungsmittel aus getöteten Tieren ablehnen, also Fleisch, Fisch und andere Meerestiere. Die alltägliche Verwendung des Begriffs meint in der Regel den Ovo-Lakto-Vegetarismus, eine fleischfreie Diät, bei der Produkte vom lebenden Tier (Milch, Eier, etc.) konsumiert werden. Darüber hinaus gibt es Lakto-Vegetarier_innen (lehnen Fleisch, Fisch und Eier ab, konsumieren aber Milch) und seltener Ovo-Vegetarier_innen (lehnen Fleisch, Fisch und Milch ab, konsumieren aber Eier). Manche Vegetarier_innen meiden Gelatine, essen aber Milch-(produkte) und Eier, andere achten darauf, dass der Käse mit mikrobiellem Lab hergestellt wurde. Das Verständnis von dem, was als vegetarisch gilt, divergiert also. Bei der veganen Ernährungsweise werden ausschließlich Nahrungsmittel gegessen, für deren Gewinnung keine Tiere genutzt oder getötet werden mussten (neben Milch und Eiern auch Honig und Gelatine). (vgl. Leitzmann und Keller 2013, S. 13) Früher wurden für die vegane Ernährung die Begriffe konsequenter, radikaler oder strenger Vegetarismus verwendet, denn der Begriff "vegan" wurde erst 1944 vom Gründer der Vegan Society in Großbritannien, Donald Watson, geschaffen und setzt sich aus den ersten und letzten Buchstaben des Wortes "vegetarian" zusammen. (vgl. Rinas 2012, S. 55)

Vegetarismus und Veganismus sind jedoch beides mehr als eine Ernährungsweise, nämlich ein Lebensstilkonzept. Unter einem Lebensstil versteht man „Ähnlichkeiten in Struktur und Form der Lebensorganisation, Einstellungen, dem Verhalten und Erleben.“ (Grube 2009, S. 14) Mit einer vegetarischen Ernährung gehen meist ähnliche Ansichten über Gesundheit, die Frage der Welternährung, Umweltprobleme und auch Tierrechte einher. „Die Überlegungen, Einstellungen und Verhaltensweise eines Vegetariers unterscheiden sich daher erheblich von denen der Durchschnittsbevölkerung. Aus diesem Grunde ist der Vegetarismus ein vielschichtiges Phänomen … .“ (Leitzmann und Keller 2013, S. 13)

Die britische Vegan Society definiert Veganismus als eine Philosophie und Lebensweise, die danach strebt – so weit wie möglich und umsetzbar – alle Formen der Ausbeutung von Tieren und Tierquälerei für Nahrung, Kleidung oder andere Zwecke auszuschließen, und darüber hinaus die Entwicklung und Nutzung tierfreier Alternativen zum Vorteil von Menschen, Tieren und Umwelt fördert. Folglich meiden Veganer_innen Kleidung aus Materialien wie Leder, Wolle und Seide sowie Kosmetik, die Tierfette enthält oder an Tieren getestet wurde. Sie achten auch darauf, ob tierische Bestandteile im Produktions- und Verarbeitungsprozess eingesetzt wurden, wie es bei Wein und Saft, die mithilfe von Gelatine geklärt wurden, bestimmten als "E-Nummern" deklarierten Nahrungsmittelzusätzen, Medikamenten, aber auch Filmen, die eine Gelatineschicht auf den Negativstreifen haben, der Fall ist. Auch Tierversuche und die Nutzung von Tieren zu Unterhaltungszwecken, zum Beispiel in Zoos und Zirkussen lehnen manche Veganer_innen ab. Allerdings ist es von Person zu Person unterschiedlich, wie sehr sie sich von der Nutzung von Tieren in sämtlichen Lebensbereichen loslöst.

Um eine Person zu bezeichnen, die vegane Prinzipien nicht über die Nahrungswahl hinaus anwendet, hat sich in den USA in der Begriff „total vegetarian“ verbreitet – gänzlich neu ist dieser Begriff jedoch nicht, da so auf Englisch Veganer_innen bezeichnet wurden, bevor das Wort vegan erfunden wurde. (vgl. Davis 2010-2012, S. 189 f.) Generell sind die Übergänge zwischen den verschiedenen Strömungen des Vegetarismus fließend. Dass Ovo-lakto-, Lakto- und Ovo-Vegetarier_innen sich in der Regel trotz der teils erheblichen Unterschiede als Vegetarier_innen bezeichnen, bei einer 100‑prozentig pflanzlichen Ernährung jedoch die Bezeichnung Veganer_in gewählt wird, verdeutlicht das auseinandergehende Selbstverständnis der Gruppen. (vgl. Schwarz 2005, S. 73) Dies äußert sich auch auf Ebene des organisierten Vegetarismus, da es parallel Vegetariervereine und Veganervereine gibt.

In den letzten Jahren hat sich außerdem der Begriff Flexitarier (flexitarian) für überwiegend vegetarisch lebende Menschen verbreitet.[11] Diese essen allgemein auch Lebensmittel vom getöteten Tier, aber schränken den Verzehr stark ein und essen dafür mehr pflanzliche Gerichte. Umfragen haben ergeben, dass diese Lebensweise in den letzten Jahren stark gestiegen ist, und auch für die kommenden Jahre wird vorausgesagt, dass der Trend wachsen wird (vgl. Davis 2010-2012, S. 191; Vegetarian Society Fact Sheet). Daher stellt sich die Frage, wie die vegetarischen und veganen Organisationen diesen Trend in ihrer Herangehensweise berücksichtigen und beispielsweise einen inklusiven Ansatz verfolgen, der auch den Beitrag von Flexitarier_innen zur Senkung des allgemeinen Fleischkonsums anerkennt.

2.2 Soziale Bewegung

Innerhalb der Soziologie gibt es keinen einheitlichen Bewegungsbegriff; die Beschreibung des Phänomens unterscheidet sich zum Teil grundlegend.[12] In dieser Arbeit werde ich mit einer gängigen Definition von Joachim Raschke (1987) arbeiten. Demzufolge ist eine soziale Bewegung „ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenden sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen.“(S. 21) „Kollektiver Akteur“ bezeichnet den Handlungszusammenhang von aktiven Individuen, Gruppen und Organisationen, die interagieren. Mit der symbolischen Integration ist die kollektive Identität gemeint, d.h., dass sich Personen oder Gruppen der Bewegung subjektiv zurechnen. (vgl. Rucht 1994, S. 79) Mit welchen Mitteln der kollektive Akteur Wandel herbeiführt, und welche Organisationsform er annimmt, bleibt bewusst offen. Raschke betont die Möglichkeit interner Differenzierungen, die mit einer „Vielfalt von Tendenzen, Organisationen und Aktionsansätzen innerhalb der Bewegung“ (Raschke 1988, S. 77) zu erwarten sind. Häufig besteht daher eine Gesamtbewegung aus mehreren Teilbewegungen.

Sozialer Wandel, den der kollektive Akteur anstrebt, meint eine „Veränderung in grundlegenden Strukturen der Gesellschaft (…) Diese können im sozioökonomischen, politischen oder soziokulturellen Bereich liegen, sie können zum Beispiel Institutionen, Verhaltensmuster, Wert- und Normsysteme umfassen.“ (Raschke 1988, S. 387) Je nachdem, in welchem Bereich eine Bewegung primär Wandel anstrebt, kann sie als machtorientierte oder kulturorientierte Bewegung kategorisiert werden. Erstere möchte hauptsächlich Wandel im sozioökonomischen und/oder politischen Bereich bewirken, letztere im soziokulturellen Bereich. (ebd., S. 390) Die kulturorientierte Bewegung zielt darauf ab – am Staat vorbei – die Verhaltensweise und Einstellungen von Individuen sowie kulturell verankerte Werte zu verändern, ohne darauf zu warten, dass dafür institutionelle Voraussetzungen geschaffen werden. Langfristig gesehen ist jedoch auch soziokultureller Wandel darauf angewiesen vom Staat und der Wirtschaft gestützt zu werden. „Ohne Absicherung durch das Institutionalisierungspotential von Ökonomie und Politik gibt es keine Generalisierung alternativer Lebenspraxis. Nur mit kulturellen Mitteln wird keine Kultur fundamental verändert.“ (Raschke 1988, S. 457)

Um bei der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse dem Handeln eine Orientierung zu geben, muss der kollektive Akteur Ziele definieren, die sich auf Normen, Werte und Institutionen richten können. Die Ziele leiten sich aus Ideologie und Utopie der Bewegung ab. Durch die Bewegungsideologie, einem System von Überzeugungen und Begriffen, wird die Welt auf eine bestimmte Weise gedeutet und begründet, warum Wandel nötig ist. Die Utopie ist das Bild einer Zukunft, in welcher die gegenwärtige Realität mit ihren Mängeln, die in der Ideologie benannt werden, durch eine bessere Gesellschaft ersetzt wurden, die aber noch nirgendwo existiert. Insbesondere kulturorientierte Bewegungen neigen dazu, eine Utopie zu konkretisieren. Die Ziele sozialer Bewegungen haben unterschiedliche Funktionen. Ideologische Ziele und eine Utopie geben dem Handeln Sinn und Richtung und dienen als Interpretationsrahmen. Nach innen verstärken sie das Engagement der Anhängerschaft, nach außen können sie Mitglieder rekrutieren. Programmatische Ziele werden häufig als Forderungen formuliert, die in Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft vermittelt werden sollen. Durch interne Differenzierungen können sich die Interessen und Werte der beteiligten Gruppen unterscheiden, sodass sich daraus eine Heterogenität an Zielen innerhalb einer sozialen Bewegung ergibt. (ebd., S. 165–178)

Ziele und ideologische Faktoren beeinflussen – neben anderen externen Faktoren – auch das Aktionsrepertoire einer Bewegung (d.h. die Handlungs- und Protestformen), indem sie z.B. bestimmte Mittel wie Gewalt oder illegale Aktionen ausschließen. Zum Aktionsprofil einer kulturorientierten Bewegung gehört zum Beispiel die alternative gesellschaftliche Praxis vorzuleben (z.B. die pflanzenbasierte Lebensweise) und zu propagieren. Individuen werden direkt zum Handeln aufgerufen, ohne zwischengeschaltete Instanzen. Machtorientierte Bewegungen greifen tendenziell eher zu politischen Aktionsformen. (ebd. 1988, S. 278 ff.)

Spontane und unregelmäßige Aktionen sind zwar das, was eine soziale Bewegung ausmacht – durch die vollständige Institutionalisierung verliert sie ihren Bewegungscharakter – doch existiert gleichzeitig keine Bewegung ohne Organisation. "Organisation heißt in diesem Fall, Planungs- und Entscheidungsstrukturen aufzubauen, Kommunikationswege zu etablieren und informationelle, motivationale, materielle und kulturelle Ressourcen zu sammeln … ." (Rucht 1994, S. 87) Bewegungen kann man folglich auch nicht von Organisationen abgrenzen, jedoch ist eine Bewegung mehr als die Summe ihrer Organisationen. (vgl. Raschke 1987, S. 27) Da der Fokus dieser Untersuchung auf den Bewegungsorganisationen liegt, wird deren Bedeutung im nächsten Abschnitt genauer erklärt.

2.3 Bewegungsorganisationen

Eine Vielzahl von formellen Organisationstypen kann Teil einer sozialen Bewegung sein, doch je nach Definition sind sie nicht alle automatisch auch Bewegungsorganisationen. Raschke (1988) definiert diese als Organisation, „die sich mit den Zielen der Bewegung identifiziert und ihre wichtigste Aufgabe in der Verfolgung dieser Ziele sieht.“ (S. 205) Demzufolge können viele verschiedene Organisationstypen Bewegungsorganisationen sein: Parteien/Fraktionen, Verbände, Vereine, Redaktionen, Bürgerinitiativen und Selbsthilfeorganisationen. Eine engere Definition führt Joke Wiercx (2011) an: „A social movement organization is a formal organization that mobilizes its members (individuals or organizations) and which, based on a shared collective identity identified by a social movement, attempts to achieve or prevent social change.” (S. 28) Eine Voraussetzung, um eine Organisation als Bewegungsorganisation zu bezeichnen, ist demnach, dass sie auf Mitgliedschaft beruht. Dieses Merkmal unterscheidet sie von Interessen- und Aktivistengruppen ohne formelle Mitgliedschaft. Weitere Merkmale sind erstens, dass sie eine formale Organisationsform haben (was sie von ad-hoc Gruppen unterscheidet), zweitens nicht auf Profit ausgerichtet sind und drittens Partizipation ermöglichen. Dies kann heißen, dass ihre Mitglieder an Demonstrationen oder Unterschriftenaktionen teilnehmen oder einfach Mitgliedsbeiträge zahlen. (ebd., S. 29)

Gerade weil diese Definition enger gefasst ist, ist sie zum Zweck dieser Untersuchung gut geeignet, da sie die Auswahlgrundlage an Organisationen einschränkt, aus der für die Befragung eine Stichprobe gezogen wird.

Innerhalb einer sozialen Bewegung sorgen Bewegungsorganisationen für Kontinuität, Koordination und Initiative. Sie definieren und formulieren Ziele, mobilisieren Ressourcen und bringen Mitglieder dazu, für die Ziele der Bewegung einzutreten, sei dies durch politische Aktion oder Verhaltensänderung. Oft wirken die Hauptorganisationen einer Bewegung wie deren Aushängeschild, da sie häufig in den Medien auftauchen.

Die Organisationen können aus einer Reihe von Strategien der Einflussnahme wählen. “Is the better world to be instituted by changing social institutions or by changing the hearts and minds of people?” ist eine Frage, die sie sich laut John Lofland (1996, S. 261) stellen müssen. Ersteres entspricht der Strategie der “societal manipulation”, also der gesellschaftlichen Beeinflussung, letzteres der “personal transformation”, der persönlichen Veränderung. Dies entspricht in etwa auch Raschkes Unterscheidung zwischen machtorientierten und kulturorientierten Bewegungen. Um das Verhalten ihrer Zielgruppe zu verändern, können Organisationen außerdem aus einer Reihe von taktischen Vorgehensweisen wählen. Lofland schlägt in seinem Forschungshandbuch für Bewegungsorganisationen eine Unterteilung in vier taktische Herangehensweisen vor[13]: Überzeugung (persuasion), Vereinfachung (facilitation), Verhandlung (bargaining) und Zwang (coercion). „In persuasion, the advocate strives to make a target aware of a condition and to appeal to her or his moral sensibilities and values as a basis on which to act in ways the SMO wants [Hervorhebung im Orig.].” (Lofland 1996, S. 262) Bei der Taktik der Vereinfachung wird den Zielgruppen ermöglicht im Einklang mit den Wünschen der Bewegungsorganisation zu handeln. Eine Voraussetzung für Verhandlungen ist, dass beide Partner etwas haben, was der andere möchte. Oft können Bewegungsorganisationen dem Verhandlungspartner jedoch nichts im Austausch bieten, sodass andere Taktiken bevorzugt werden. Mit Zwang ist Bestrafung (wie Störung oder Schaden) oder deren Androhung gemeint, falls die Zielgruppe nicht die Vorschläge der Bewegungsorganisation unterstützt.

Typischerweise werden mit sozialen Bewegungen gewaltfreie Aktionen verbunden. Hierzu zählen Mittel des Protests und der Überzeugung (unter anderem Demonstrationen, Petitionen, Reden und andere symbolische öffentliche Handlungen), Kooperationsverweigerung (wie ziviler Ungehorsam oder Boykott) und Intervention (z.B. Sit-Ins, gewaltfreie Blockaden, die Einrichtung alternative Märkte). Mitunter unterscheiden sich die Instrumente von Bewegungsorganisationen nicht von denen anderer Organisationstypen, die keinen sozialen Wandel anstreben. Zu den konventionellen Instrumenten zählen unter anderem Pressearbeit, Lobbyarbeit, Kampagnen, Bildungs- und Aufklärungsarbeit und Forschung. Welche Instrumente gewählt werden hängt von der Ideologie, den verfügbaren Ressourcen und den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen ab (vgl. Wiercx 2011, S. 28 f.; Lofland 1996, S. 271 f.). Welche der taktischen Herangehensweisen und Aktionsarten die vegan-vegetarischen Bewegungsorganisationen wählen wird die Untersuchung ihrer Instrumente zeigen.

Soziale Bewegungen können in längere Ruhephasen eintreten, während die Organisationen weiter bestehen und arbeiten, aber die nicht-institutionalisierte Tätigkeit ruht (vgl. Raschke 1988, S. 123). Daher können Bewegungsorganisationen auch außerhalb des Kontexts sozialer Bewegungen existieren. „They are the major building blocks of social movements, although SMOs as organizations are not always so fortunate (or unfortunate) to exist in the context of a surging social movement…However, because of their collective, continuing, and organized character focused on a moralistic and idealistic excluded reality, they are SMOs nonetheless.” (Lofland 1996, S. 11 f.) Dies bedeutet für diese Untersuchung, dass auch Vegetarier- und Veganervereine in Ländern, in denen es (noch) keine vegane/vegetarische Bewegung (oder keine mehr) gibt, als Bewegungsorganisationen angesehen werden können.

3 Hintergrund der vegan-vegetarischen Bewegung und ihrer internen Differenzierung

In diesem Kapitel wird genauer auf die vegan-vegetarische Bewegung eingegangen und erklärt, weshalb der vegan-vegetarische Lebensstil Teil einer dahinter stehenden soziokulturellen Bewegung ist. Danach werden die Rolle der vegetarischen und veganen Organisationen für die Bewegung und die Organisationen-Landschaft im europäischen Raum beschrieben. Um den Hintergrund der internen Differenzierung in eine vegetarische und eine vegane Teilbewegung zu verstehen, wird die Bewegungsideologie kurz umrissen. Der Blick auf verwandte Bewegungen, insbesondere die Tierrechtsbewegung verdeutlicht, weshalb sich viele Organisationen nicht eindeutig in die vegane Bewegung oder die Tierrechtsbewegung einordnen lassen. Die Geschichte des organisierten Vegetarismus in Europa deutet darauf hin, dass vegane und vegetarische Organisationen von Anfang an Teile einer Bewegung waren. Die interne Entwicklung der internationalen vegetarischen Dachverbände zeigt den Wandel der vegetarischen Bewegungen hin zu einer vegan-vegetarischen, internationalen Bewegung.

3.1 Vegetarismus und Veganismus – Lebensstil und soziokulturelle Bewegung

Wenn von einer (z.B. vegetarischen oder veganen) Bewegung die Rede ist, so wirkt dies dynamisch und massenhaft, da der Begriff der Bewegung eine positive Konnotation hat. Dies verleitet Gruppierungen dazu, sich so zu bezeichnen, was jedoch nicht heißt, dass eine selbst bezeichnete Bewegung auch dem sozialwissenschaftlichen Konzept einer sozialen Bewegung entspricht. (vgl. Rucht 1994, S. 76) Denkbar wäre einerseits, dass es sich bei Vegetarier_innen und Veganer_innen lediglich um Menschen handelt, die Wertvorstellungen und ein ähnliches Konsumverhalten teilen. Losgelöst von jeglicher Bewegungsideologie können Menschen Konsumentscheidungen nutzen, um ihre Identität zu konstruieren und auszudrücken, oder um sich mithilfe von Regeln das Leben angesichts einer Masse an Wahlmöglichkeiten leichter zu machen (vgl. Maurer 2002, S. 146). Andererseits kann man das vegane/vegetarische Konsumverhalten auch als Handlungen von Akteuren einer sozialen Bewegung interpretieren, die einer ähnlichen Problemdeutung entspringen. Laut Jarren und Donges (2011) werden diese geteilten Problemdeutungen „wesentlich über gemeinsam getragene Öffentlichkeitsformen (‚alternative Öffentlichkeit‘) oder Lebensstile hergestellt". (S. 136) Die Entscheidung für eine vegetarische oder vegane Lebensweise kann jedoch auf verschiedenen Problemdeutungen beruhen. Sie kann unter anderem gesundheitliche, ethische, sozialpolitische, religiöse und ökologische Gründe haben. (vgl. Leitzmann und Keller 2013, S. 26) Gemeinsam ist den Motiven nur, dass Teil der Lösung ist, Fleischverzehr bzw. die Verwendung tierischer Produkte abzulehnen. Daher liegt auch die Frage nahe, ob es eine kollektive vegetarische bzw. vegane Identität gibt, die die Bewegung abstützt. Wenngleich sich nicht alle Vegetarier_innen und Veganer_innen subjektiv einer Bewegung zurechnen, so gibt es doch genug Individuen, Gruppen und Organisationen, die sich bewusst wünschen oder dafür einsetzen, dass mehr Menschen die vegetarische oder vegane Lebensweise wählen und dass es einfacher wird, vegetarisch oder vegan zu leben, und somit die soziokulturelle Norm verändern möchten.

Diese Menschen verbinden gemeinsame Interessen, die sich daraus ergeben, dass sie in einer Kultur leben, in der Fleischkonsum und Nutzung von Tieren die Norm sind. Angela Grube (2009) hat in ihrer Studie über vegane Lebensstile festgestellt, dass Schwierigkeiten bei der Umstellung zum vegetarischen und veganen Lebensstil dadurch entstünden, dass die Bevölkerung zu wenig Kenntnisse über die Vorteile und Motive habe, was oft zu Unverständnis und fehlender Akzeptanz seitens des sozialen Umfelds führe. (S.86) Rund die Hälfte der Befragten[14] war der Meinung, dass Veganer_innen von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Vielen fehlt eine Gruppenzugehörigkeit. Bei der Umsetzung (vor allem) des veganen Lebensstils kommt noch die Schwierigkeit hinzu, dass das Angebot an Produkten (vegane Nahrungsmittel, tierversuchsfreie Kosmetik, lederfreie Schuhe, etc.) unzureichend ist. (ebd., S. 97) Veganer_innen wünschen sich mehr Information und eine intensivere Aufklärung über den veganen Lebensstil in der Gesellschaft. (ebd., S. 106) Die Erziehungswissenschaftlerin fordert daher eine realitätsnahe Aufklärung in Schulen und Medien, um die Akzeptanz veganer Menschen zu erhöhen, insbesondere für Kinder und Jugendliche ohne bereits gefestigte Identität. (ebd., S. 11) Mit dem Ziel, diese genannten Schwierigkeiten und Mängel in der Gesellschaft zu überwinden, organisieren sich vegetarisch und vegan lebende Menschen. In anderen Worten: Sie werden zu Akteur_innen einer kulturorientierten Bewegung.

Zum Aktionsspektrum der vegan-vegetarischen Bewegung gehören auch Aktionen von Menschen, die nicht vegetarisch oder vegan leben oder von verwandten Bewegungsorganisationen. "The vegetarian movement includes all activities and ideas that center on promoting vegetarian and vegan diets". (Maurer 2002, S. 49) Maurer teilt diese Aktivitäten in drei Kategorien ein. Political change activities versuchen Veränderungen und Entscheidungen auf politischer Ebene zu bewirken. Hierzu gehört beispielsweise Lobbyarbeit vonseiten der Vegetarier- und Veganervereine und der Vorschlag der Partei Bündnis 90/Die Grünen in Deutschland in öffentlichen Kantinen einmal pro Woche nur pflanzenbasierte Speisen anzubieten. Cultural change activities zielen darauf ab die Kultur vegetarier- bzw. veganer-freundlicher zu machen, indem beispielsweise Restaurants dazu ermutigt werden, mehr pflanzliche Gerichte anzubieten.[15] Personal change activities sind alle Handlungen, die persönlichen Wandel bewirken sollen, also Menschen dazu ermutigen eine vegetarische/vegane Lebensweise anzunehmen. Dazu zählt zum Beispiel Rezepte zu verbreiten oder Veranstaltungen durchzuführen, bei denen vegetarisches/veganes Essen verkostet wird. Welche Art von Aktivitäten die Vegetarier- und Veganer-Organisationen in Europa nutzen, wird die schriftliche Umfrage ergeben (vgl. Abschnitt 4.3.3 Instrumente). Im nächsten Abschnitt werde ich genauer auf die Rolle dieser Akteure für die Bewegung eingehen und die Organisationen-Landschaft in Europa beschreiben.

3.2 Vegetarische und vegane Bewegungsorganisationen in Europa

Zur Kerngruppe der vegan-vegetarischen Bewegung gehören lokal wie national tätige Gruppen, Organisationen, Netzwerke und Dachverbände, aber auch Individuen, die den Vegetarismus bzw. Veganismus fördern. Vegane Starköche wie Attila Hildmann übernehmen die wichtige Funktion der äußeren Repräsentation wenn sie auf Festen vorkochen oder in Talkshows auftreten. Auch die Betreiber von Informationsportalen im Internet (z.B. veganitalia.com - Per una corretta informazione sul veganismo in Italia[16] ) tragen durch ihre Darstellung des Vegetarismus bzw. Veganismus zur Ideologieproduktion und zur Mobilisierung von Anhängerschaft bei. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Interessenvertretungen vegetarisch und vegan lebender Menschen, die auf nationaler Ebene tätig sind. Vegetarier- und Veganervereine haben eine formelle Organisationsform, sie basieren auf Mitgliedschaft und sie möchten soziokulturellen Wandel bewirken. Somit erfüllen sie gemäß der Definition von Joke Wiercx die Kriterien für eine Bewegungsorganisation. Zwar ist ein gewisses Maß an kollektiver Identität unter Vegetarier_innen und Veganer_innen Voraussetzung dafür, dass diese Vereine überhaupt gegründet werden. Gleichzeitig tragen sie mit ihrer Arbeit zum Aufbau eines „Wir-Gefühls“ bei. Denn wie aus Abschnitt 2.3 folgt, können vegetarische oder vegane Bewegungsorganisationen auch in Ländern aktiv sein, in denen es noch keine vegetarische/vegane Bewegung gibt oder sie sich in einer Ruhephase befindet.

Obwohl nur ein geringer Anteil der vegetarisch und vegan lebenden Menschen Mitglied in einer Organisation ist, spielen diese laut Maurer als Teil der gesamten Bewegung für das Erreichen der Ziele eine zentrale Rolle, weil sie die Bedeutung einer vegetarischen Lebensweise ausformulieren und in der Öffentlichkeit verbreiten. (vgl. Maurer 2002, S.48) Gerade weil sie Ideen und Ziele ausformulieren, sind sie der am besten geeignete Ansprechpartner für eine Umfrage. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass sie im Vergleich zu Gruppen ohne Mitgliedschaft eine doppelte Rolle einnehmen. Zum einen sind die Interessenvertretungen eigenständige Akteure der Bewegung, die gemäß den Vorstellungen der Aktiven (zum Beispiel des Vorstandes oder der Freiwilligen) handeln. Dies unterscheidet sie nicht von Aktionsgruppen ohne Mitgliederbasis. Zum anderen repräsentieren die Interessenvertretungen auch die individuellen Anhänger der Bewegung, die durch ihre Mitgliedschaft die von der Organisation formulierten Ziele unterstützen. Die Interessenvertretungen müssen so handeln, dass sie Mitglieder gewinnen und auch behalten, und sind somit an die Basis der Bewegung gebunden.

Im europäischen Raum ist die Dichte an national tätigen vegetarischen und veganen Organisationen besonders hoch, (nicht nur) weil hier auch die Länderdichte hoch ist. In Tabelle 20 im Anhang (S. 62) findet sich eine Liste der Vegetarier- und Veganervereine in Europa[17]. In Mittel-, Südost- und Osteuropa ist die Anzahl an Organisationen niedriger als in Nord-, Süd- und Westeuropa. Diese Feststellung spiegelt die allgemeine Entwicklung im Bereich organisierter Interessen in Mittel- und Osteuropa wieder, die „nur sehr langsam vonstattengeht und selbst Jahre nach der Transformation nicht an den westlichen Durchschnitt herankommt.“(Zeitler 2012, S. 291) Auch nationale Rahmenbedingungen, also politische, ökonomische, und soziokulturelle Kontextstrukturen beeinflussen den Zustand und die Entwicklung einer Bewegung (vgl. Rucht 1994, S. 295). Auf die nationalen Kontextstrukturen wird im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen. Die Fallauswahl von Organisationen aus 20 Ländern ist zu groß für einen detaillierten Ländervergleich. Dennoch sollte bedacht werden, dass länderspezifische Umstände möglicherweise Organisationsstruktur, Ziele, Instrumente, usw. beeinflussen. In Deutschland kennen die meisten Menschen eine vegetarisch lebende Person und wissen ungefähr, was eine vegetarische Ernährung ist. Doch in Ländern mit einem geringeren Anteil an Vegetarier_innen ist dies nicht selbstverständlich. Mitunter wird – auch in Deutschland – angenommen, Geflügel, Wurst, Fisch und andere Meerestiere seien vegetarische Lebensmittel (vgl. Leitzmann und Keller 2013, S. 69). Je nach Wissensstand der Bevölkerung und Anzahl der Vegetarier_innen im Land müssen die Organisationen eine andere Herangehensweise wählen. Auch wenn in dieser Untersuchung nicht die Verbindung zwischen Strategie und nationalen Rahmenbedingungen gezogen wird, so bietet sie doch einen ersten Überblick über die Bandbreite an Strategien.

Auffällig ist, dass in Nord- und Westeuropa häufiger sich vegetarisch und sich vegan nennende Interessenvertretungen parallel in einem Land existieren (z.B. die Vegetarian Society und die Vegan Society in Irland, und in Frankreich neben der Association Végétarienne de France die Société Végane) als in den restlichen Teilen Europas. In Bulgarien, Spanien und Portugal gibt es beispielsweise nur Interessenvertretungen, die sich vegetarisch nennen. In Slowenien gibt es dafür zwei Organisationen, die sich vegan nennen, aber keine vegetarische: die Slowensko vegansko društvo (Slowenische Vegane Gesellschaft) und die Veganska initiativa (vegane Initiative). Es wäre voreilig daraus zu schließen, dass die vegan-vegetarische Bewegung in einigen Ländern wegen parallel arbeitender „vegetarischer“ und „veganer“ Organisationen differenzierter wäre, oder dass in manchen Ländern die vegane Teilbewegung stärker sei, weil es keine „vegetarischen“ nationalen Vereine gibt. Inwiefern die Wahl eines Namens, der „vegetarisch“ oder „vegan“ enthält, etwas über die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit der Organisationen aussagt, bleibt noch zu klären. Möglicherweise haben sich manche vegetarischen Vereine schon gebildet, bevor das Wort „vegan“ erfunden wurde, und sehen keinen Grund ihren Namen zu verändern, oder aber das Wort ist in der entsprechenden Sprache auch heute nicht bekannt.[18] Eine weitere Erklärung dafür, dass eigentlich vegan ausgerichtete Organisationen sich weiterhin vegetarisch nennen, wäre, dass sie potentielle Mitglieder und Interessierte nicht mit dem stigmatisierten Wort vegan abschrecken wollen. Mithilfe der Umfrage möchte ich herausfinden, inwiefern die Organisationen, die "vegetarisch" im Namen tragen, sich für eine vegane Lebensweise einsetzen und wie sehr sich die veganen Organisationen von einer ovo-lakto-vegetarischen Lebensweise abgrenzen.

Im folgenden Abschnitt werde ich die dem Vegetarismus und dem Veganismus zugrunde liegenden Ideen und Werte beschreiben, auf deren Grundlage Ziele formuliert werden. Dies ermöglicht es die interne Differenzierung der vegetarisch-veganen Bewegung zu verstehen.

3.3 Ideologie und Utopie der Bewegung

"It makes a difference whether vegetarianism is a ‘diet’ or a ‘philosophy’. A diet is a list of foods you choose - a philosophy is a set of coherent reasons for making those choices. You cannot build a movement around a ‘diet’. To have a movement you have to have people believing, living and working in concert to realize an ideal." (Sapon 1996) Hinter der vegetarischen und veganen Lebensweise stehen Ideen und Werte, aus denen Individuen und Organisationen schöpfen und frei kombinieren können (vgl. Maurer 2002, S. 70). Die Argumente für den Vegetarismus und Veganismus drehen sich dabei um fünf Bereiche, die miteinander verbunden sind: Gesundheit, Ethik, Ökologie, Politik/Wirtschaft und Religion/Spiritualität. Die Werte, die diesen Ideen zugrunde liegen, sind Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und ein harmonisches Mensch-Natur-Verhältnis.

Die gesundheitlichen Vorteile einer vegetarischen und veganen Ernährung sind längst wissenschaftlich nachgewiesen worden. Sie verringern die Risiken für die Entstehung von Zivilisationskrankheiten und beeinflussen die Gesundheit positiv (vgl. Leitzmann und Keller 2013, S. 15). Doch geht es bei den gesundheitlichen Gründen für den Vegetarismus nicht nur darum, die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern (was durchaus auch gesundheitspolitische Bedeutung hat). Gesundheitliche und spirituelle Aspekte sind verbunden, da davon ausgegangen wird, dass eine fleischfreie Ernährung eine Person friedvoller macht, weil der Mensch durch den Konsum von Fleisch (bzw. anderen tierischen Produkten) seinem Körper die von den Tieren erlebte Angst (in Form von Hormonen) zuführe (vgl. Maurer 2002, S. 71 f.). „In other words, not only does vegetarianism exemplify nonviolence; it also causes it.“ (ebd., S. 75) Die religiöse/spirituelle Praxis geht in vielen Traditionen mit einer asketischen Lebensweise einher, die Fleischkonsum ausschließt (vgl. Twigg 1981, S. 13). In vielen alten östlichen Religionen (wie Buddhismus, Hinduismus und Jainismus) werden das Prinzip der Gewaltfreiheit und die Achtung vor allen Lebensformen gelehrt. Auf der Achtung vor dem Leben der Tiere bzw. dem Mitleid bauen wiederum die ethisch-moralischen Gründe für Vegetarismus und Veganismus auf. Das Mitleid ist die "treibende Kraft für den moralischen Status der Tiere, unabhängig von der Spezies, der sie angehören." (Grube 2009, S.36) Vegetarier_innen lehnen daher das Fleisch von einst lebenden leidensfähigen Wesen ab. Veganer_innen streben einen noch höheren moralischen Status der Tiere an, da sie ihre Nutzung ablehnen und zum Teil grundlegende Rechte für sie fordern. Denn wenn Leidensfähigkeit als die Voraussetzung für Gleichheit angesehen wird, so folgt daraus, dass die Interessen von nichtmenschlichen Tieren genauso Beachtung finden sollten wie die von Menschen. Gegenwärtig ist unser vorherrschendes Mensch-Tier-Verhältnis von Speziesismus geprägt.[19] Speziesismus … ist ein Vorurteil oder eine Haltung der Voreingenommenheit zugunsten der Interessen der Mitglieder der eigenen Spezies und gegen die Interessen der Mitglieder anderer Spezies."(Singer 1996, S. 35) Alle nicht zur menschlichen Art gehörenden Lebewesen dürfen demnach zugunsten des Menschen ausgebeutet werden. Aus einem antispezifistischen Verständnis vom Verhältnis des Menschen zu seinen Mitwesen folgt, dass alle Freude und Leid erfahrenden Spezies gleiche Rechte besitzen. Das antispezifistische, gleichberechtigte Verhältnis zu anderen Arten verwandelt auch das vorherrschende anthropozentrische Weltbild, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, in ein nicht-anthropozentrisches. Diese Einstellung wird auch als Lösung, um die globale Umweltzerstörung zu beenden, gesehen. Denn die anthropozentrische Sichtweise legitimiert, dass der Mensch die Natur benutzt und beherrscht, als wäre sie für ihn bestimmt, und ihr dabei schadet. Die Sorge um die Umwelt ist die Grundlage für den ökologisch begründeten Vegetarismus und Veganismus. Massentierhaltung fügt nicht nur den Tieren Leid zu, sondern schädigt auch Böden, Luft, Klima, Gewässer und Ökosysteme. Dass der Großteil der Umweltbelastungen durch die Landwirtschaft aus der Tierproduktion stammt, hängt unter anderem damit zusammen, dass diese einen höheren Einsatz von Ressourcen (Energie, Wasser, Land etc.) benötigt als die Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel (vgl. Leitzmann und Keller 2013, S. 18). Daran knüpfen wirtschaftliche bzw. politische Gründe für den Vegetarismus an. Ein Drittel der Weltackerfläche wird für Futtermittel verwendet. Würden die Pflanzen, die an Tiere für Fleisch, Milch und Eier verfüttert werden, direkt gegessen werden, könnten damit mehr Menschen ernährt werden als wenn ein kleiner Teil der Weltbevölkerung die tierischen Produkte konsumiert. Die vegetarische und vegane Ernährungsweise werden also auch als Lösungsansätze für die Sicherung der Welternährung gesehen. Vom veganen Standpunkt aus betrachtet gehen die Ausbeutung der Tiere und die ungerechte Verteilung von Ressourcen in der Welt Hand in Hand. Industrieländer nutzten demnach Tierzucht "als ein maßgebliches Instrument der Ausbeutung … und Abhängigkeiten werden durch Fleischimporte und Futtermittelexporte geschaffen". (Rinas 2012, S. 58) Die großindustrielle Fleischproduktion wird daher als imperialistisch bezeichnet und die Handelspolitik für Hunger in der Welt verantwortlich gemacht. Veganismus ist auch mit antisexistischen, antirassistischen, antiimperialistischen und antikapitalistischen Diskursen verbunden, da die (Aus‑)nutzung von Tieren nur ein Teil der Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse ist, mit denen Veganer_innen sich beschäftigen. Zwischen dem Speziesismus und anderen Formen der Diskriminierung gibt es Analogien. Beim Rassismus und Sexismus werden ebenfalls Merkmale herangezogen (genauso wie die Artzugehörigkeit hier Rasse und Geschlecht), um eine Benachteiligung zu rechtfertigen. Einige Autor_innen setzen den Umgang mit Tieren dem mit Sklaven und Sklavinnen gleich und beschreiben Parallelen zwischen Tierrechten und Frauenrechten.[20] „Der bisherige Blick auf Rassismus, Kapitalismus und Sexismus wird in der veganen Theorie also um die Komponente Speziesismus erweitert, also der Herrschaft der Spezie Mensch über die Spezie Tier.“ Der sogenannte Triple-Oppression-Ansatz wird im Veganismus zum Unity-of-Oppression-Ansatz ausgeweitet (ebd., S. 13). Wenn alle Formen der Unterdrückung zusammenhängen, so kann ein Unterdrückungsverhältnis nicht beseitigt werden, ohne die anderen ebenfalls zu beenden.

Diese vegan-vegetarischen Ideen münden in mehreren idealen Bildern einer zukünftigen Gesellschaft, die sich je nach Menge und Zielebene der anvisierten Veränderungen unterscheiden. In anderen Worten: „Just how much new reality about what is proposed? […] Does the total social order or person require reconstitution or are only partial changes needed? [...] Is the person focused on as the prime unit needing change or is it social structure [21] [Herv. im Original]?” (Lofland 1996, S. 105) Auf die vegan-vegetarischen Utopie übertragen, stellen sich folgende Fragen über die Menge der anvisierten Veränderungen: Wie sehr müssen die Menschen ihr Verhalten ändern – reicht es, wenn sie weniger Fleisch und mehr Pflanzliches essen, oder sollen sie völlig fleischfrei oder tierproduktfrei leben? Wie viele Menschen müssen ihr Verhalten ändern, und in wie vielen Teilen der Welt? Soll die Nutzung von Tieren durch den Menschen beendet werden und falls ja, in welchen Bereichen? In Bezug auf die Zielebene stellen sich die Fragen, ob in einer zukünftigen Gesellschaft primär Individuen ihr Verhalten verändert haben, oder auch kulturelle, politische und gesellschaftliche Institutionen verändert wurden. Gibt es Gesetze, die eine vegetarische oder vegane Lebensweise einfacher machen? Wird ein gesetzlicher fleischfreier Tag in öffentlichen Einrichtungen festgelegt? Werden den Tieren Rechte anerkannt? Müssen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse in allen Bereichen der Gesellschaft beendet werden?

Einige dieser Fragen über die vegan-vegetarische Utopie wird die Untersuchung der ideologischen Ziele und Strategien von vegan-vegetarischen Bewegungsorganisationen beantworten. Sie identifizieren sich laut der Definition von Raschke mit den Zielen der Bewegung und verfolgen diese (vgl. Abschnitt 2.3). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Bandbreite der Ziele von vegetarischen und veganen Organisationen auch Ziele der Bewegung wiederspiegelt. Diese müssen nicht von der gesamten Anhängerschaft der Bewegung verfolgt werden. Wie in jeder Bewegung gibt es moderatere und radikalere Gruppen, die sich in Zielen und Aktionsformen unterscheiden. Die Beschreibung der Ideologie hat zwar gezeigt, dass die vegetarische und vegane Strömung Ansichten in Bezug auf Gesundheit, Umwelt und Welternährung teilt, doch geht der Veganismus weiter. Die Nutzung der Tiere durch den Menschen soll, soweit möglich, beendet werden und die Gesellschaft soll mitweltbezogen und frei von Ausbeutung und Unterdrückung sein. Selbst innerhalb der veganen Teilbewegung unterscheiden sich die Ziele. Zum Beispiel sind nicht alle für ein Tierversuchsverbot oder eine nutztierfreie, bio-vegane Landwirtschaft. In Bezug auf den Unity-of-Oppression-Ansatz und seinen gesamtgesellschaftlichen Implikationen steht die vegane Teilbewegung der Tierrechtsbewegung nah. Daher lohnt es sich für die Frage nach der internen Differenzierung der Bewegung auch auf die Überschneidungen zwischen der veganen Teilbewegung und der verwandten Tierrechtsbewegung im nächsten Abschnitt genauer einzugehen.

3.4 Verwandte Bewegungen: Die vegane Teilbewegung und die Tierrechtsbewegung

Eine soziale Bewegung existiert nie isoliert, sondern immer im Zusammenhang mit anderen Bewegungen, z.B. Gegenbewegungen oder verwandten Bewegungen. Mit Letzteren können Allianzen gebildet werden, und sie sind eine Basis potentieller Mitglieder (Maurer 2002, S. 47). Die vegetarische und vegane Lebensweise werden auch von der Umweltschutzbewegung, der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung gefördert. Sie tragen dazu bei, dass sich die Ansichten über Tierhaltungsbedingungen und den Konsum von Fleisch gewandelt haben (oder je nach Land heute langsam wandeln) und dadurch das Interesse an der vegetarisch-veganen Ernährung steigt[22]. Maurer zählt alle Organisationen zur vegetarischen Bewegung, die auf irgendeine Weise den Vegetarismus oder Veganismus voranbringen möchten, wie zum Beispiel die Tierrechtsorganisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals). Bernd-Udo Rinas grenzt die vegane Bewegung gar nicht erst von eng verwandten Bewegungen ab, sondern behauptet, dass sie sich in eine Tierschutz-, eine Tierrechts- und eine Erdbefreiungsbewegung[23] aufteilen lässt und ihr außerdem noch Gruppen zugehören, die sich aus rein religiösen oder gesundheitlichen Gründen für eine vegane Lebensweise einsetzen. Die vegane Bewegung sehe ihre Wurzeln nicht in der vegetarischen, sondern in der Tierrechtsbewegung.[24] "Veganer_innen sehen sich zwar in einer Traditionslinie mit den Vegetarier_innen, weswegen sie sich auch auf Philosophen wie Pythagoras[25] etc. beziehen, haben aber ihre heutige Vernetzung überwiegend innerhalb der Tierrechtsbewegung und nicht so sehr im Tierschutzbereich." (Rinas 2012, S. 103 ff.) Träfe diese Behauptung zu, so wäre es treffender die vegetarische und vegane Bewegung als getrennte Phänomene zu betrachten, anstatt als Teilbewegungen einer vegan-vegetarischen Gesamtbewegung.[26] Vor allem in den Ländern Mittel- und Osteuropas sind häufig Organisationen, die sich stark für Tierrechte einsetzen, die einzigen, die auch Vegetarismus und/oder Veganismus fördern. Beispielsweise vergibt die serbische Organisation Sloboda za životinje (Freiheit für die Tiere) das V-Label, eine Handelsmarke für vegetarische Produkte. Viele dieser Organisationen, die sich zwischen Tierrechts- und Vegetarier-/Veganer-Bewegung verorten lassen, sind auch Mitglieder oder Partnerorganisationen des europäischen Dachverbands der vegetarischen Organisationen, der European Vegetarian Union (EVU). (Europäische Vegetarier Union - Alle Mitglieds- und Partnerorganisationen)

Die Tierrechtsbewegung hat ihre Wurzeln in der Tierschutzbewegung, deren Geschichte etwas älter ist als die der vegetarischen Bewegung.[27] Tierschützer_innen möchten die Bedingungen, unter denen Tiere gehalten (und eventuell auch getötet) werden, durch Reformen verbessern. Die Tierrechtsbewegung, die sich in den 70er Jahren von England ausgehend entwickelte, fordert im Gegensatz dazu das Recht auf Leben und Freiheit für alle nichtmenschlichen Tiere und konsequenterweise auch, dass Menschen die Tiere nicht mehr nutzen. Viele Tierrechtsgruppen plädieren folglich auch für die vegane Ernährung. Sowohl in der veganen als auch in der Tierrechtsbewegung werden menschliche und nichtmenschliche Tiere als gleichberechtigte Lebewesen anerkannt. Tierrechtler_innen fordern daher den gleichen rechtlichen Status für Tiere. Indem der Mensch ihnen seine Stimme gibt, gewinnen ihre Bedürfnisse und Interessen an Bedeutung und werden mehr beachtet. Tierrechtsgruppen setzen sich unter anderem mit Pelztierfarmen, Tiertransporten, Tierversuchen, Tiersportarten (Reiten, Hunderennen), Zootierhaltung und Tieren in Zirkussen auseinander (vgl. Rinas 2012, S. 59 ff.). Neben der Nutzung von Tieren zu Nahrungszwecken gibt es auch bei diesen Themen Überschneidungen mit veganen Gruppen. Innerhalb der Tierrechtsbewegung wurde ab der Mitte der 90er Jahre mehr und mehr der Zusammenhang zwischen verschiedenen Unterdrückungsverhältnissen (Rassismus, Sexismus, Kapitalismus und Speziesismus) gesehen. Der Ansatz gegen diverse Unterdrückungsverhältnisse vorzugehen, wurde auch von der veganen Bewegung übernommen (ebd., S. 111).

Zu den Aktionsformen der Tierrechtsbewegung zählen u.a. direkte Aktionen wie Tierbefreiung und Sachbeschädigung, die bewusst den legalen Rahmen überschreiten (ebd.). Maurer stellt fest, dass die Mitglieder von vegetarischen Organisationen in den USA weniger dazu geneigt sind dramatische Formen des Aktivismus (wie einen Einbruch in medizinische Labore) gutzuheißen. Sie möchten gewaltfrei und aufgeschlossenen an die Veränderung der Verhaltensweise der Anderen herantreten (vgl. Maurer 2002, S. 50). Während Tierrechtsgruppen mithilfe von schockierenden Bildern und Texten an die Moral appellierten, um neue Mitglieder zu rekrutieren, setzten vegetarische Organisationen eher auf sanftere Aufklärungsarbeit, Rekrutierung innerhalb bestehender Netzwerke und auf die Wirkung von Personen, die mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass es sich gut pflanzlich leben lässt (ebd., S. 58 f.).

Zusammenfassend gibt es inhaltliche Überschneidungen zwischen den Bewegungen, sodass die Übergänge fließend sind und Bewegungsorganisationen bei ihrer Arbeit darauf achten müssen, nicht miteinander in Konkurrenz zu treten, sondern sich möglichst zu ergänzen. Die beiden Bewegungen sind jedoch nicht identisch, da es auch vegane Organisationen gibt, die den Fokus nicht auf Tierrechte legen. Gleichzeitig gibt es auch Tierrechtsgruppen, deren Aktionen hauptsächlich auf die Rechte von Tieren, die für Pelz und Versuche (und weniger für Nahrung) genutzt werden, abzielen und nicht alle Tierrechtler_innen leben vegan. Ein Blick auf die Geschichte des organisierten Vegetarismus und Veganismus kann diese Schlussfolgerung bestätigen, da sich Menschen schon vor Aufkommen der Tierrechtsidee in veganen Gruppen organisierten.

3.5 Entstehung der Vegetarier- und Veganervereine in Europa

Vegetarisch lebende Menschen gab es in Europa bereits in der Antike, doch als Strömung verstand sich der Vegetarismus erst im „Jahrhundert der Vereine“ (dem 19. Jahrhundert). „Durch die Technisierung sowie den Auf- und Ausbau des Kommunikationssektors war erstmals die Möglichkeit gegeben, sich auf breiter Ebene zu artikulieren. Die neuartigen Möglichkeiten über Zeitschriften, Flugblätter und Bücher die vegetarische Idee zu verbreiten, gaben der Bewegung einen bis dahin ungekannten Antrieb.“ (Leitzmann und Keller 2013, S. 54) Bereits 1809 wurde in Manchester eine Art vegetarische Vereinigung um die Bible Christian Church (BCC) gebildet, deren Mitglieder kein Fleisch und Alkohol konsumierten. Als weltweit erster Vegetarierverein wurde 1947 die Vegetarian Society of the United Kingdom gegründet (ebd., S. 55). Laut Grube (2009) war die erste deutsche vegetarische Vereinigung (der 1867 gegründete Verein für natürliche Lebensweise) der "Grundstein für zahlreiche nachfolgende vegetarische Vereine, sodass seit den späten 1860er Jahren von einer ‚vegetarischen Bewegung‘ in Deutschland gesprochen werden kann." (S. 31) Bis 1914 hatten sich in fast allen Ländern Europas und vielen weiteren Ländern der Welt vegetarische Vereine gebildet, auch in solchen Ländern, in denen heute keine nationale vegetarische Organisation existiert, wie in Ungarn oder Griechenland. Die beiden Weltkriege und die Hungerjahre bremsten jedoch diese Entwicklung (vgl. IVU 2013). Um einer drohenden Gleichschaltung im Nationalsozialismus zu entkommen, löste sich der Deutsche Vegetarier-Bund 1935 selbst auf (vgl. Brucker 2012). In Russland wurde der Vegetarismus nach der Revolution von 1917 für eine pseudowissenschaftliche Theorie erklärt und bis 1929 wurden alle Vereine und Restaurants geschlossen (vgl. IVU 2010b). In Ungarn wurde der Vegetarierverein 1951 vom Innenministerium abgeschafft (vgl. IVU 2010a). Vermutlich wurden die Vereine auch in anderen Ländern, die unter kommunistischer Kontrolle waren, verboten oder unterdrückt.

Das Wort „vegan" existiert erst seit 1944, was dazu verleitet zu glauben die vegane Bewegung sei ein neueres Phänomen, das sich aus dem Vegetarismus und der Tierrechtsbewegung heraus entwickelt hat. Doch bereits im Jahr 1806 gab es nachweislich Gruppen von Menschen in Großbritannien und den USA, die auf die Nutzung von Tieren für Nahrung, Kleidung und Arbeit verzichteten. (vgl. Davis 2010-2012, S. 63) Der Begriff Vegetarismus wurde erstmals um 1840 herum verwendet - davor sprach man von Pythagoräismus; eine vegetarische Ernährungsweise war eine pythagoreische Diät (vgl. Leitzmann und Keller 2013, S. 20). 2010 hat der Historiker und IVU-Manager John Davis bewiesen, dass die ersten Menschen, die sich selbst Vegetarier_innen nannten, eigentlich Veganer_innen waren. Bis 1847 kann jede schriftliche Verwendung des Begriffs auf die Alcott House School (eine kleine Gruppe von vegan lebenden Menschen in der Londoner Region) zurückgeführt werden. "And they used it to mean a 100% plant food diet - a 'vegetarian' was simply someone who lived on vegetation. There were, of course, many other people following variations of the 'vegetable diet', most of them adding eggs/dairy products. But we can find no indication of any of them using the word 'vegetarian' before 1847." (Davis 2010-2012, S. 32) Dass sich die Bedeutung des Begriffs nach 1847 veränderte, hatte mit internen Umständen bei der Entstehung der Vegetarian Society zu tun. Diese wurde gemeinsam von zwei Gruppen gegründet: derjenigen mit Verbindungen zum Alcott House und der BCC aus Nordengland, die Eier und Milchprodukte verwendete. Es kam zu einigen internen Konflikten, und nach einigen Jahren übernahm die BCC die komplette Führung. In den Zielen der Organisation war danach kein Hinweis mehr auf Vegetarismus im Sinne von rein pflanzlicher Kost zu finden: "The objects of the Society are, to incude habits of abstincence from the flesh of animals as food". (ebd., S. 33) Die Vegetarian Society trug maßgeblich dazu bei, dass die Verwendung des Begriffs "vegetarian" geläufiger wurde, allerdings nicht in seinem ursprünglichen Sinn. “They didn't specifically redefine the word 'vegetarian', but the name of the society combined with that objective, and soon followed by some strongly ovo-lacto cookbooks, caused endless confusion."(ebd.)

Die erste faktisch vegane Organisation entstand bevor der Begriff überhaupt existierte in den 1850er Jahren in London, als die Vegetarian Society dazu aufrief Lokalgruppen zu gründen. Es spricht einiges dafür, dass die London Vegetarian Association (LVA) vegan ausgerichtet war: zum einen die Verbindung ihrer führenden Mitglieder zur oben erwähnten Alcott House Academy, zum anderen wurden in Berichten über deren Versammlungen nur pflanzliche Speisen erwähnt, während bei Treffen von anderen Lokalgruppen auch Omeletts und Milchspeisen gegessen wurden (ebd., S. 44 f.). Die erste Organisation, die sich "vegan" nannte, war die Vegan Society[28]. Sie wurde 1944 von Mitgliedern der Vegetarian Society gegründet, nachdem ihr Antrag eine Sektion von "non-dairy vegetarians" innerhalb der Gesellschaft einzurichten abgelehnt wurde. Die Idee verbreitete sich schnell; noch Ende der 40er und in den 50er Jahren wurden in den USA, Deutschland und in Indien vegane Gesellschaften gegründet, die jedoch alle nur für kurze Zeit existierten. Davis verzeichnet für den Zeitraum von 1960 bis 1990 eine hohe Anzahl an Gründungen veganer Vereine. Ab 1995 wurde das Wort "vegan" in gedruckten Medien häufiger gebraucht, was Davis mit der Verbreitung von veganen Webseiten erklärt, die wiederum einen Markt für vegane Bücher und Rezepte, entstehen ließen (ebd., S. 14).

[...]


[1] Vegetarierbund Deutschland e.V. 2013 – Anzahl der Vegetarier in Deutschland. Die Organisation stützt ihre Schätzung auf einer Reihe repräsentativer Umfragen. Zahl Anfang der 80er: Holm 2013

[2] Dies ergab die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführte Umfrage. Die genauen Ergebnisse werden später noch präsentiert.

[3] Die 2008 gegründete vegane gesellschaft deutschland e.V. setzt sich für die „friedliche veganisierung aller gesellschaftlichen lebensbereiche“ ein. (vegane gesellschaft deutschland e.v.) Die vegane gesellschaft wählt bewusst die Kleinschreibung.) Der Bund für Vegane Lebensweise wurde 2012 gegründet und möchte die vegane Lebensweise „in ihrem gesamten Umfang“ bekannt machen und fördern. (Bund für Vegane Lebensweise)

[4] Unter „vegetarischen Organisationen“ sind hier solche NGOs, Verbände, Vereine, etc. zu verstehen, deren Hauptziel es ist, den Vegetarismus oder Veganismus zu fördern, und deren Namen das Wort vegetarisch enthält. Entsprechend fördern „vegane Organisationen“ den Veganismus und bezeichnen sich auch als vegan. Inwiefern sich diese Organisationstypen abgesehen von ihrer Bezeichnung auch in ihrer inhaltlichen Ausrichtung unterscheiden, wird in dieser Arbeit erkundet.

[5] Eine länderübergreifende Geschichte des Vegetarismus bieten zum Beispiel „The heretic’s feast: A history of vegetarianism“ (Spencer 1993) und „Vegetarismus – zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise“ (Linnemann und Schorcht 2001). Auch über die Geschichte des Vegetarismus in einzelnen Ländern gibt es Monographien, wie zum Beispiel „Ein unbekanntes Russland – Kulturgeschichte vegetarischer Lebensweisen von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (Brang 2002).

[6] Zum Beispiel in „Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945 : ein Handbuch“ (Roth und Rucht 2008) oder „Eco-terrorism – Radical environmental and animal liberation movements“ (Liddick 2006).

[7] Hier wäre als Beispiel der Titel „Öffentlichkeitsarbeit von Nichtregierungsorganisationen. Mittel, Ziele, interne Strukturen“ von Kathrin Voss (2007) zu nennen, in der die Autorin Umweltorganisationen in Deutschland und den USA vergleicht. Am explorativen Forschungsdesign ihrer Untersuchung orientiert sich diese Arbeit.

[8] 38 Organisationen wurden angeschrieben, und 20 Fragebögen wurden vollständig ausgefüllt. Weitere Informationen über das Forschungsdesign befinden sich in Abschnitt 4.1.

[9] Im Folgenden ist mit „vegetarisch“ stets eine der vegetarischen Richtungen, die den Konsum von Produkten von lebenden Tieren (Milch und/oder Eier, Honig, etc.) einschließt, gemeint.

[10] Aus einem Interview von 1996 mit Keith Akers, der in der Vegetarian Society of D. C., der Vegetarian Society of Colorado und der International Vegetarian Union aktiv ist bzw. war.

[11] In der wissenschaftlichen Literatur wird diese Gruppe als „Selten-Fleischesser“ (auf Englisch: very low meat eaters) bezeichnet.(Leitzmann und Keller 2013, S. 23)

[12] So werden manchen Definitionen Ursachen und Aktionsformen zugrunde gelegt, anderen wiederum Mobilisierung und Ziele oder Struktur. (Raschke 1987, S. 22; Bender 1997, S. 21)

[13] Er bezieht sich hierbei auf Turner und Killian (1987).

[14] Die schriftliche Umfrage führte Grube mit 150 Teilnehmer_innen im Alter von 5-62 Jahren in 13 Bundesländern durch.

[15] Der hier verwendete Kulturbegriff steht also für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im weitesten Sinn.

[16] Für richtige Informationen über Veganismus in Italien.

[17] Die Liste beansprucht keine Vollständigkeit.

[18] In Frankreich wurde das Wort „végane“ beispielsweise erst 2012 in eines der drei großen Wörterbücher der französischen Sprache (Hachette) aufgenommen. (Société Végane - FAQ)

[19] Dieser Begriff wurde Anfang der 70er Jahre von Peter Singer (Autor von Jahr "Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere") und dem britischen Psychologen und Tierschutzaktivisten Richard Ryder geprägt. (Grube 2009, S. 38)

[20] Z.B. Kaplan 1993 in „Leichenschmaus“: „Weil Du eine schwarze Haut hast, dürfen wir Dich als Sklaven halten. Weil Du eine Frau bist, brauchst Du kein Wahlrecht. Weil Du zu einer anderen Art gehörst, können wir Dich für trivialste Zwecke einsperren, quälen und umbringen.“ (S. 30), zit. in Grube 2009, S. 35. In „The dreaded comparison: human and animal slavery“ (1996) stellt Marjorie Spiegel Leben und Tod von Masttieren aus Fabriken und Sklaven einander gegenüber. Carol Adams schreibt in „The sexual politics of meat“, dass der Fleischkonsum der Aufrechterhaltung der patriarchalischen Kultur dient. Fleisch sei ein Symbol der männlichen Dominanz. Bei der sexuellen Gewalt und der Schlachtung von Tieren würden Männer Frauen wie Tiere gleichermaßen zu Objekten machen, fragmentieren und konsumieren. (vgl. Maurer 2002, S. 73)

[21] „Struktur” ist supra-individuell und kann die wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche oder kulturelle Ordnung meinen. (vgl. Lofland 1996, S. 105)

[22] Viele Umweltschutzorganisationen haben es sich zur Aufgabe gemacht, über die bereits beschriebenen negativen Auswirkungen der Fleischproduktion und der Nutztierhaltung auf Umwelt und Klima aufzuklären und sprechen sich folglich für eine Reduzierung des Fleischkonsums aus. Beispiele hierfür sind die Studien „Fleisch frisst Land“ (2011) und „Klimawandel auf dem Teller“ (2012) des WWF Deutschland.

[23] Die Erdbefreiungsbewegung war hauptsächlich Mitte der 90er Jahre aktiv und beeinflusste damals laut Rinas die Entwicklung der veganen Bewegung, spielt heute dafür jedoch keine Rolle mehr. Im Sinne einer holistischen Ethik verstehen Erdbefreier_innen den Menschen als Teil der Natur. Der Wunsch zu einer natürlichen, ursprünglichen Lebensweise zurückzukehren, aus einer Zeit, als das Feuer noch nicht nutzbar gemacht worden war (und der Mensch kein Fleisch garen konnte) und es noch keinen Ackerbau gab, bedeutet für die Ernährung des Menschen, wieder hauptsächlich Früchte und Nüsse zu essen. Unterschiede zur restlichen veganen Bewegung bestehen darin, dass Rohkost und frugivore Ernährung bevorzugt werden und außerdem auf religiöse Denkrichtungen wie den Jainismus zurückgegriffen wird (vgl. Rinas 2012, S. 116).

[24] Zu diesem Ergebnis kam er durch eine Untersuchung, bei der er deutschsprachige vegane Zeitschriften und Infohefte sichtete.

[25] Pythagoras (ca. 570 - 500 vor Chr.) gilt als Begründer des antiken Vegetarismus. Er forderte seine Schüler auf, sich vegetarisch zu ernähren (vgl. Leitzmann und Keller 2013, S. 13).

[26] Laut Joachim Raschke entscheidet der Grad, in dem eine eigene Identität ausgeprägt ist darüber, wann von einer Bewegung (möglicherweise mit Teilbewegungen) und wann von mehreren selbstständigen Bewegungen gesprochen werden kann. (Raschke 1987, S. 25)

[27] Die ersten Tierschutzvereine wurden schon ab 1824 in England gegründet, und der erste deutsche Tierschutzverein 1837, also etwa 30 Jahre vor dem ersten deutschen vegetarischen Verein (Rinas 2012).

[28] Heute existieren in mehreren Ländern Organisationen namens "Vegan Society", aber die britische hat nie den Zusatz "UK" zu ihrem Namen hinzugefügt, sondern heißt weiterhin nur The Vegan Society.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Die vegan-vegetarische Bewegung in Europa
Untertitel
Eine Untersuchung der Ziele, Instrumente und Strategien vegetarischer und veganer Organisationen
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Soziologie)
Note
1,2
Autor
Jahr
2013
Seiten
85
Katalognummer
V342464
ISBN (eBook)
9783668323230
ISBN (Buch)
9783668323247
Dateigröße
1801 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vegetarismus, Veganismus, Soziale Bewegung, Europäische Gesellschaften, Bewegungsorganisationen, Sozialer Wandel, Kultureller Wandel, Soziokultureller Wandel, Gesellschaftlicher Wandel, Verbände, Vereinsforschung, Soziokulturelle Bewegung
Arbeit zitieren
Anna Zuber (Autor), 2013, Die vegan-vegetarische Bewegung in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342464

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