Der Bundeskanzler als Leader seiner Partei. Die Chancen einer vom Regierungschef ausgeübten Parteiführung am Fallbeispiel Gerhard Schröder


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kanzlerdemokratie vs. Parteiendemokratie – Zwei Arten einer Spielweise?
2.1 Kanzlerdemokratie unter der Vormacht der Partei?
2.2 Die Parteiendemokratie als Spielball der Regierungschefs?
2.3 Zwischenfazit

3. Parteivorsitz als „Chefsache“?
3.1 Der Regierungsstil von Gerhard Schröder
3.2 Die SPD als Kanzlerpartei?
3.2.1 Die SPD und ihre Führung
3.2.2 Schröder und die SPD

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Rolle des Bundeskanzlers in dem parlamentarischen Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland ist herausragend. Seine Entwicklung von einem vergleichsweise schwachen Amt, das in der Weimarer Republik ohne Frage der Machtfülle des Reichspräsidenten nachstand, in eine maßgebende Position der Politikgestaltung ist prägend für die zweite deutsche Demokratie. Es verwundert daher kaum, dass in weiten Teilen der Politikwissenschaft im Anschluss an KarlheinzNiclauß die Rede von einer „Kanzlerdemokratie“ ist[1]. Doch auch wenn das Grundgesetz dem Regierungschef weitreichende Kompetenzen einräumt, so legt es ihm doch zugleich auch in der tagespolitischen Ausübung seines Amtes eine Handvoll Vetospieler in den Weg, die diesen Spielraum erneut einengen, sei es die Opposition im Bundestag oder seien es bindende Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. In diesem Zusammenhang ist es dann entscheidend, auf welche Machtmittel sich die Kanzlerschaft stützt. Eine dieser Stützen ist die Partei des Regierungschefs. Sicher nicht grundlos erwähnt Korte in nahezu jeder seiner Schriften, dass „Kanzlermacht immer Parteimacht ist“[2]. Zudem werden Regierungschefs auch medial immer wieder unter dem Aspekt beobachtet, wie ihre Bindung zu der eigenen Parteibasis ist. Die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder (1998-2005) dient hierfür als gutes Beispiel. Während er in dualer Führung mit Oskar Lafontaine zu Beginn seiner Regierungszeit als einer der Retter der Sozialdemokratie aus den Tiefen der Opposition erschien, wurde spätestens nach der Übernahme des Parteivorsitzes immer mehr innerparteiliche Kritik am Regierungsstil Schröders laut. Bemerkenswert ist hierbei, dass Schröder erst während seiner Regierungszeit den Parteivorsitz erlangte und noch vor seiner Abwahl als Regierungschef den Vorsitz wieder abgab. Im Anschluss daran bildet sich die Frage nach einem direkten Zusammenhang heraus. Hat Schröder als Folge des Verlustes seines Parteivorsitzes, und damit einhergehend der Parteimacht, seine Kanzlerschaft verloren? Was ist überhaupt Parteimacht? Ist es für den Kanzler zwingend notwendig, den Parteivorsitz seiner Regierungspartei innezuhaben? Existiert nicht vielmehr ein grundlegender repräsentativer Widerspruch zwischen beiden Ämtern? Gibt es vielleicht noch andere Machtmittel oder Optionen, die den Verlust der sogenannten Parteimacht kompensieren könnten?

Es drängen sich damit folgende Thesen auf, die im weiteren Ablauf dieser Arbeit untersucht werden sollen: Erstens nehme ich an, dass aufgrund eines innewohnenden Interessenkonfliktes der beiden Rollen, Regierungschef und Parteivorsitzender der größten Regierungspartei, eine erfolgreiche Regierungszeit nur dann möglich ist, wenn der Bundeskanzler entweder einen Parteivorsitzenden an seiner Seite hat, der zwar bewusst die Interessen seiner Partei vertritt, aber sich bedingt durch das Wissen um die Mechanismen der Regierungspraxis auf der bundespolitischen Bühne loyal zu dem Regierungschef verhält, oder der Regierungschef in Ausübung beider Ämter eine Partei anführt, die inhaltlich eher pragmatisch als idealistisch eingestellt ist. (sodass kein personeller Abrieb geschieht)

Daran anschließend nehme ich zweitens an, dass nicht der Verlust des Parteivorsitzes Gerhard Schröder die Parteimacht kostete, sondern bereits das Greifen nach einem Amt selbst, das er interessenpolitisch aufgrund der Ablehnung mancher Leitideale der SPD nicht ausfüllen konnte.

Hierbei werde ich wie folgt vorgehen: Zunächst werde ich im ersten Abschnitt für die Rollen Regierungschef und Parteivorsitz den jeweilig spezifischen Rahmen abstecken, in denen diese agieren. Erst mit einem gewachsenen Verständnis für Parteien- und Kanzlerdemokratie ist die Grundlage für die Erörterung einer Position möglich, die sich zwischen diesen beiden Modellen bewegt. Darauf aufbauend ist es innerhalb des zweiten Abschnitts möglich, tiefer in die Thematik zu gehen und die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder unter den genannten Aspekten zu hinterfragen. Abschließend werde ich dann anhand der gesammelten Informationen ein Fazit daraus schließen, ob die von mir aufgestellten Thesen haltbar sind die von mir gestellten Fragen dahingehend zu beantworten sind.

Um diese Untersuchung durchzuführen, ist neben den Standardwerken von Wolfgang Rudzio, Manfred G. Schmidt und Karl-Rudolf Korte (in Zusammenarbeit mit Manuel Fröhlich), die das politische System der Bundesrepublik Deutschland und deren Politik- und Regierungsgestaltung im Ganzen umfassen und beschreiben, auch die Betrachtung der „Kanzlerdemokratie“ von Karlheinz Niclauß notwendig. Um die Rolle der Parteien samt ihrer Funktionen und Ziele herauszustellen, komme ich hingegen nicht umhin, bei Maurizio Cotta und Frank Decker für das Allgemeinere und im speziellen Bezug auf die SPD bei Hui Ding und Barbara Vielhaber nach Antworten zu suchen. Um themenspezifisch tiefer zu gehen und auch unter besonderer Berücksichtigung der Kanzlerschaft Gerhard Schröders, bediene ich mich zuletzt noch bei Ludger Helms, Henrik Gast und Stephan Klecha. Die genannten Autoren besitzen dabei entweder aufgrund ihres Status als Koryphäen ihres Fachgebiets oder aufgrund der thematischen Sonderstellung ihres geschriebenen Werkes eine aktuelle als auch allgemeine Relevanz.

2. Kanzlerdemokratie vs. Parteiendemokratie – Zwei Arten einer Spielweise?

2.1 Kanzlerdemokratie unter der Vormacht der Partei?

Wie bereits weiter oben erwähnt, vollzog sich mit der Einführung des Grundgesetzes infolge der Lehren aus der Weimarer Republik eine institutionelle Gewichte-Verschiebung vom (Bundes-)Präsidenten zugunsten des Kanzlers als eigentlicher Regierungschef. Denn mit dem Übergang von Reichspräsident zu Bundespräsident wurden die vorherigen exekutiven Handlungsmöglichkeiten maßgeblich begrenzt und eine repräsentative, als Staatsoberhaupt funktionierende Rolle geschaffen, deren tagespolitische Wirkung im Vergleich zur Weimarer Reichsverfassung allenfalls rudimentär ist[3]. Die Wahl des Bundeskanzlers findet nach Art.63 GG in dem nach der Bundestagswahl neu zusammen getroffenen Bundestag auf personellen Vorschlag des Bundespräsidenten statt, wobei sich letzterer an der durch Koalitionsbekundung entstandenen Regierungsmajorität orientiert[4]. Der Bundeskanzler ist das einzige Mitglied der Regierung, das diese Legitimation erhält, da der Rest der Regierung nach Art. 64 GG lediglich durch ihn vorgeschlagen und vom Bundespräsidenten ernannt wird[5]. Dieses Kabinettsbildungsrecht macht trotz parteipolitischer und koalitionsbedingter Zwänge hinsichtlich der Minister-Ämter, deren Anzahl und Geschäftsbereich er bestimmt, einen gewissen Grad an Patronage-Macht aus[6]. Die Organisation der Ämter ist ein Bestandteil der sogenannten Richtlinienkompetenz, die in Art. 65 Abs.1 GG festgehalten ist und kann mit der Unterbringung von Interessengruppen, Erhöhung des medialen Interesses und als Belohnung von eigenen Parteimitgliedern ein Mittel zum Machterhalt bilden[7]. Dabei ist personalpolitisch beobachtbar, dass in der Geschichte der Bundesrepublik gerademal jedes fünfte Kabinettsmitglied nicht gleichzeitig auch Mitglied des Bundetages war und bis auf einige wenige Ausnahmen fast alle einer (Regierungs-)Partei angehörten[8]. Zudem ist die Richtlinienkompetenz, die den Bundekanzler befähigt, „die grundsätzlichen Ziele der Innen- und Außenpolitik seiner Regierung zu bestimmen“[9], zumindest laut Verfassung ein wichtiges Machtmittel zur Führung seiner Minister, deren Handlungsräume des Ressortprinzips, und bedingt des Kabinettprinzips, denen des Bundeskanzlers (Kanzlerprinzip) untergeordnet sein sollen[10]. Der Preis hierfür ist die Verantwortung des Bundeskanzlers gegenüber dem Bundestag mit der verfassungsrechtlich möglichen Konsequenz der Abwahl durch ein konstruktives Misstrauensvotum (Art. 67GG). Da aber die Möglichkeit besteht, dass innerhalb des Kabinetts entweder Minister eines starken Koalitionspartners oder gar Vertreter innerparteilicher Gegner, die Richtlinienkompetenz untergraben, ist auf diese allein als Machtinstrument kein Verlass[11]. Die Kompensation eines solchen Machtdefizits kann jedoch u.a. durch eine funktionierende Organisationszentrale, wie es das Bundeskanzleramt oftmals ist[12], zumindest teilweise erfolgen. So bestimmt der Leiter des Bundeskanzleramtes, je nach Bestimmung des Regierungschefs entweder Staatssekretär oder Minister, die Tagesordnungen für die Kabinettssitzungen, wodurch es möglich ist, unangenehme bzw. „nicht entscheidungsreife Themen“ zumindest vorerst zu meiden[13]. Die Bundesregierung ist jedoch nur ein Teilaspekt von den bestehenden Entscheidungszentren. Auch Regierungsparteien und Regierungsfraktionen haben einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf das Regierungshandeln. Denn auch innerhalb der Regierung beanspruchen die verschiedenen Flügel und Lager eine Vertretung als Abbild ihrer innerparteilichen Relevanz[14]. Und das zu Recht. Die Parteien nehmen nicht nur durch Wahlkampf und Funktion des Rekrutierungspools der politischen Eliten eine wichtige Rolle ein, sondern dienen auch als Frühwarnsystem des Kanzlers hinsichtlich gesellschaftlicher Veränderungen[15]. Im Sinne der Kanzlerdemokratie ist es daher unerlässlich, eine direkte Verbindung, am besten mit Steuerungsfunktion dieser Partei, zu gewährleisten[16].

2.2 Die Parteiendemokratie als Spielball der Regierungschefs?

Ohne Frage genießen die Parteien in der Bundesrepublik Deutschland einen verfassungsrechtlich hohen Stellenwert (Art. 21 GG), da sie bei nicht weniger als der demokratischen und politischen Partizipation der Bundesbürger mitwirken sollen[17]. Daneben übernehmen sie laut Frank Decker, der sich unter anderem auf Steffanistützt, vorrangig vier Funktionen: (1) Repräsentationsfunktion, (2) Legitimationsfunktion, (3) Rekrutierungsfunktion und die (4) Steuerungsfunktion[18]. Ersichtlich scheint lediglich ein Erfolg in der Rekrutierungs- und Steuerungsfunktion, denn nicht nur das Fördern und Hervorbringen der politischen Eliten ist maßgeblich, sondern auch deren Agieren in Anbetracht der Willensbildung und Entscheidungsfindung nach dem Erlangen der Regierungsmacht ist maßgeblich Angelegenheit der Parteien[19]. Lediglich in den vermeintlich wichtigeren Funktionen zeigen die Parteien ein Defizit. Gerade die großen Volksparteien, SPD und die Unions-Parteien, zogen ihre Legitimation vorrangig aus Konfliktlinien (engl. cleavages), an denen sich die Wähler so sehr aufrieben, dass die Spannung eine Massenbewegung und damit verbunden eine Volks- bzw. Massenpartei schuf[20]. Doch diese Basis zerfiel in den letzten Jahrzehnten, in denen im Fall der SPD erstens die Spannung zwischen Arbeit und Kapital abgenommen hat und zweitens das bis dato angepeilte Wählerpotenzial der (Industrie-)Arbeiter aufgrund einer Arbeitsmarktverlagerung hauptsächlich in den Bereich des Dienstleistungssektors zunächst immer mehr verschwand und aufgrund des letzten politischen Regierungskurses, der sich eher pragmatisch als programmatisch darstellte, gar nicht mehr angesprochen wurde[21]. So verlieren die Regierungsparteien letztlich auch ihre Legitimation, da ihnen im System des Parteienstaates mehr Macht zukommt, als ihnen anhand ihrer jeweiligen Entwicklung noch zusteht[22]. Die verlorengegangene Wählerklientel versucht man indes mithilfe von personalisierten Wahlkämpfen, in denen man sich eine höhere „inhaltliche Flexibilität“ und Abkehr von der eigentlichen Parteiprogrammatik zu erlauben glaubt, durch die Eroberung neuer sozialer Milieus ausgeglichen[23].

Dabei ist noch einmal hervorzuheben, dass die Parteiendemokratie im Anschluss an Maurizio Cotta ein Zusammenspiel aus der Regierungspartei (Party in government), der Bundestagsfraktion (Parliamentaryparty) und der Mitgliedspartei (Membership party) ist, das je nachdem, wie sich die Beziehung zwischen diesen drei Beteiligten gestaltet, den Rahmen für die Regierung entwirft[24].Dieses Machtdreieck bildet zudem die Grundlage für die informellen Entscheidungszentren, die außerhalb der Regierungsbank tätig werden. So beziehen Koalitionsausschüsse zur Vermittlung zwischen den zusammenarbeitenden Parteien nicht nur Kanzler und Vizekanzler, sondern auch die Fraktions- und Parteivorsitzenden mit ein[25].

Es ist klar ersichtlich, dass vor allem in der Phase der Regierungsbildung Parteien und deren Fraktionen im Bundestag einen kontrollierenden Einfluss haben[26]. Auch zuvor ist es bereits die Mitgliedspartei (und im Besonderen ihr Vorstand als Filter ungeeigneter Kandidaten) , die den am geeignetsten scheinenden Kanzlerkandidaten in ihren eigenen Reihen rekrutiert und damit einen erheblichen Einfluss auch auf die im Bundestag zusammenkommende wählende Fraktion ausübt (speziell in den Unionsparteien ist die Fraktion die wichtigste Entscheidungsarena[27] ). Dies ist auch im Zusammenspiel mit der Führung der Mitgliedspartei der Fall, wenn beispielsweise ein konstruktives Misstrauensvotum stattfindet und keine Zeit für eine basisdemokratische Bestätigung des Kanzlerkandidaten verbleibt[28]. Dennoch wird versucht, den basisdemokratischen Ansatz in Anlehnung an die Aufrechterhaltung einer innerparteilichen Demokratie umzusetzen, da davon auszugehen ist, dass bei Vernachlässigung der Parteibasis auch ein Verlust der Wähler nicht weit entfernt ist – diese Korrektivfunktion bleibt unerlässlich trotz des Organisationwandels, der die Massenintegrationspartei in eine „professionelle Wählerpartei“ entwickelt hat. Damit verbunden ist neben einem gesteigerten Machterhaltungsinteresses durch die Vorrangstellung der Wahlen auch ein Autonomiegewinn der Parteispitze samt der gewachsenen Bedeutung von Funktions- und Mandatsträgern festzustellen, woraus folgt, dass die einzelnen (Basis-)Mitglieder entmündigt werden und der Parteikörper durch einen personell begrenzten Führungskopf steuerbar wurde[29]. Jedoch bedeutet dies nicht automatisch, dass dieses Amt frei von Konflikten ist. Vielmehr ist es Aufgabe des Parteivorsitzenden, innerhalb der verschiedenen Interessen und Ansichten, die zur Herausbildung von diversen Parteiflügeln und -lagern führen, eine Vermittlerrolle einzunehmen und den innerparteilichen Dialog anzuleiten. Zugleich solldieser aber auch die Partei geschlossen nach außen vertreten[30].

2.3 Zwischenfazit

Beide Interpretationsansätze des Regierungssystems der Bundesrepublik heben in ihrer Ausführung besondere Charakteristika, speziell hinsichtlich der jeweiligen Arenen und Handlungskorridore, hervor. Sie zeigen zum einen, dass sowohl ein dominanter Regierungschef ohne den Rückhalt seiner Partei je nach Ausbau anderer Machtressourcen über kurz oder lang eine Regierungsfähigkeit verliert, und zum anderen,dass die Regierungspartei ohne eine Personalisierung auch unter der Inanspruchnahme von Kandidaten, die nicht absolut parteikonform sind, um auch andere Wählergruppen anzusprechen, gar nicht erst an die Macht kommt. Zugleich wird deutlich, dass es schwer ist, beide Arenen trotz dieser gegenseitigen Abhängigkeit unter einem Dach zu vereinen. „Die Parteien dulden in der Regierungsverantwortung nur für begrenzte Zeit, dass sich die Regierungspolitik von den Parteibeschlüssen entfernt“[31]. So formulieren Korte und Fröhlich den steigenden Druck, der wenn er ausbricht, die jeweilige Regierung zum Fall bringen wird. Obgleich dem Kanzler mit dem Bundeskanzleramt und der Einbeziehung der Medien zwei wichtige Machtressourcen zur Verfügung stehen, können diese auf Dauer nicht die stabile Machtressource Partei ersetzen, sondern lediglich ein Schwächeln dieser zeitweise überbrücken. Nun ist jedoch auch zu hinterfragen, ob es diesbezüglich von Vorteil ist, wenn man als Kanzler zugleich Vorsitzender der größten Regierungspartei ist. Bereits im Wahlkampf, übernimmt der Kanzlerkandidat, angenommen er ist noch kein Parteivorsitzender, aufgrund der zunehmenden Personalisierung in der Öffentlichkeit, die Leadership über seine Partei, um möglichst viele Wähler zu mobilisieren[32].

Diese Leadership über die Partei endet normalerweise mit der Wahl zum Regierungschef, wo er im Sinne der Richtlinienkompetenz die Führung und Stabilisierung der Regierung gewährleisten soll[33]. In der öffentlichen Wahrnehmung übernimmt wieder der Parteivorsitzende die Führung und Stabilisierung der Partei. Da nun aber beide Personen in verschiedenen Arenen und daher in „unterschiedlich strukturierten Handlungssystemen“[34] agieren, kommt es innerhalb dieser dualen Führung zu Konflikten und wird höchst wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass der Bundekanzler nach der Führung seiner Partei greift und somit eine Personalunion anstrebt[35], was dann in den von Henrik Gast in seinem Aufsatz diskutierten „Führungsdilemmata“[36] mündet, da dieser Konflikt nun nicht mehr auf zwei Personen mit jeweils einem Rollenbewusstsein verteilt ist, sondern nunmehr auf eine einzige. Die Erscheinungen dieses Konfliktes sind ein Intra-Rollen-Konflikt, wenn es bereits innerhalb einer der beiden Rollen zum Konflikt kommt, und ein Inter-Rollen-Konflikt, wenn es zu einer Auseinandersetzung zwischen beiden Rollen kommt[37]. Die Quelle dieses Konfliktpotenzials lässt sich hierbei auf die Schwierigkeit zurückführen, sowohl in der Regierungs- als auch der Partei-Arena, allen Bezugsgruppen, samt ihrer inhaltlichen Forderungen, gerecht zu werden[38]. Hinzu kommen Rahmenfaktoren, die diese Ursachen weiter verstärken. Eine erfolgreiche Umsetzung von Regierung unter Vermeidung einer geteilten Führung ließe sich trotz der genannten Widersprüchlichkeit beider Ämter also nur umsetzen, wenn der Regierungschef eine innerhalb der Partei beliebte und anerkannte Person ist, die zugleich außerhalb der Partei einen hohe Anerkennung genießt (die im Wahlkampf eine positive Auswirkung haben könnte. Zudem sollte die Partei ziemlich homogen sein und im wahrscheinlichen Fall einer Koalition große inhaltliche Überschneidungen mit dem Koalitionspartner aufweisen[39].

3. Parteivorsitz als „Chefsache“?

3.1 Der Regierungsstil von Gerhard Schröder

Im Hinblick auf die Regierungsbildung lässt sich sagen, dass gerade in Schröders erstem Kabinett überdurchschnittlich viele Minister ohne Parteihintergrund und Sitz im Bundestag waren. Werner Müller ist hierbei das prominenteste Beispiel. Dies bringt zusätzliche Expertise und stellt zudem in der Öffentlichkeit einen gewissen Grad an Überparteilichkeit der Regierung dar[40]. Aber auch prominente Mitglieder seiner Regierungspartei nahmen am Kabinettstisch Platz. So konnte der Bundeskanzler mit der Berufung von Reinhard Klimmt und Rudolf Scharping in die Ministerien zwei Akteure, denen er in der Partei-Arena durch den Rückhalt ihrer Lager ausgeliefert gewesen wäre, in die Arena verschieben, in der er wohlwissend seiner Richtlinienkompetenz die Oberhand behielt[41]. Indes ließ Schröder seinen Ministern eine relativ großzügige Auslegung des Ressortprinzips, wohlwissend der Tatsache, dass dies gegenüber der Öffentlichkeit die Möglichkeit eröffnet, sich von unliebsamen Themen, wie Finanzen und Arbeitsmarkt, zu distanzieren und das Amt des Regierungschefs dadurch als unbelastet zu belassen[42]. Zudem versuchte er mit dem Aufbau einer starken Regierungszentrale die Entscheidungen relevanter Themen nicht erst im Zusammentreffen des Kabinetts zu klären. Hierbei erwies sich die Personalie Frank-Walter Steinmeiers als Nachfolger Bodo Hombachs in der Position des Leiters des Bundeskanzleramts als besonderer Glücksgriff. Steinmeier half bei dem Aufbau einer leisen und präzise arbeitenden Organisationszentrale, in deren Mitte auch das „Küchenkabinett“ Schröders etabliert wurde.Denn während er Gegenspieler in seinen erweiterten Machtzirkel integrierte, setzte er in dem für ihn tatsächlich relevanten inneren Machtkreis auf ihm gegenüber verlässliche Personen[43].

[...]


[1] Niclauß, Karlheinz, Kanzlerdemokratie, Wiesbaden 2015

[2] Korte, Karl-Rudolf, Königsmörder? Die SPD und ihre Kanzler, in: Internationale Politik, Nr.5, 2003, S.65-67

[3] Vgl. Schmidt, Manfred G., Das politische System Deutschlands. Institutionen, Willensbildung und Politikfelder, München 2007, S. 172

[4] Vgl. ebd., S.170f.

[5] Vgl. ebd., S. 170f.

[6] Vgl. Rudzio, Wolfgang, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2006, S.242

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd., S. 252

[9] Schmidt, Manfred G., Das politische System Deutschlands,S.175

[10] Vgl. ebd., S. 175

[11] Schmidt, Manfred G., Das politische System Deutschlands, S.177

[12] Die Verwendung des Bundeskanzleramts war von den jeweiligen Kanzlern abhängig und reichte von bloßer Organisationszentrale bis hin zur starken Regierungszentrale.

[13] Vgl. Gast, Henrik, Politische Führung in der Kanzlerdemokratie: die Bundesrepublik Deutschland, in: Sebald, M./Gast, H. (Hrsg.),Politische Führung in westlichen Regierungssystemen, Wiesbaden 2010, S.97

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. Klecha, Stephan, Bundeskanzler in Deutschland: Grundlagen, Funktionen, Typen, Opladen 2012, S.177

[16] Vgl. Niclauß, Karlheinz, Kanzlerdemokratie, S. 13

[17] Vgl. Korte, Karl-Rudolf/ Fröhlich, Manuel, Politik und Regieren in Deutschland, Paderborn 2004, S. 93

[18] Vgl. Decker, Frank, Regieren im „Parteienbundestaat“. Zur Architektur der deutschen Politik, Wiesbaden 2011, S. 77

[19] Vgl. Decker, Frank, Regieren im „Parteienbundestaat“. Zur Architektur der deutschen Politik, S. 77f.

[20] Vgl. ebd., S.81f.

[21] Vgl. Rudzio, Wolfgang, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, S.130 f.

[22] Vgl. Decker, Frank, Regieren im „Parteienbundestaat“. Zur Architektur der deutschen Politik , S. 88f

[23] Vgl. Korte, Karl-Rudolf/ Fröhlich, Manuel, Politik und Regieren in Deutschland, S. 94

[24] Vgl. Cotta, Maurizio, Defining Party and Government, in: Blondel, Jean/ Cotta, Maurizio (Hrsg.), The nature of party government: a comparative European perspective, Palgrave 2000, S.56-95, S.63 ff.

[25] Vgl.Rudzio, Wolfgang, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, S.253/257

[26] Vgl.Korte, Karl-Rudolf/ Fröhlich, Manuel, Politik und Regieren in Deutschland, S.95

[27] Vgl. Ding, Hui, Die Demokratisierung der Parteiführerauswahl: Parteien in Deutschland und Großbritannien im Vergleich, Wiesbaden 2015, S. 166

[28] Vgl. ebd., S. 162

[29] Vgl. Decker, Frank, Regieren im „Parteienbundestaat“. Zur Architektur der deutschen Politik, S. 93-96

[30] Vgl. Rudzio, Wolfgang, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, S. 138f.

[31] Korte, Karl-Rudolf/ Fröhlich, Manuel, Politik und Regieren in Deutschland, S.95

[32] Vgl. Ding, Hui, Die Demokratisierung der Parteiführerauswahl, S.161

[33] Vgl. ebd.

[34] Gast, Henrik, Bundeskanzler und Parteiführer – zwei Rollen in Konflikt? Parteiendemokratie, Parteivorsitz und politische Führung, in: ZParl , Jg.39, H1, S.42-60, S.45

[35] Vgl. Ding, Hui, Die Demokratisierung der Parteiführerauswahl, S.161

[36] Gast, Henrik, Bundeskanzler und Parteiführer – zwei Rollen in Konflikt?, S.45

[37] Vgl.Gast, Henrik, Politische Führung in der Kanzlerdemokratie: die Bundesrepublik Deutschland, S. 216f.

[38] Vgl. Gast, Henrik, Bundeskanzler und Parteiführer – zwei Rollen in Konflikt?, S. 45

[39] Vgl. ebd, S. 47f.

[40] Vgl. Rudzio, Wolfgang, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, S. 252/253

[41] Vgl. Vorrink, Cathrin, Die Führungsstile der Bundeskanzler Willy Brandt und Gerhard Schröder im Vergleich, S. 56

[42] Vgl. Helms, Ludger, Regierungsorganisation und politische Führung in Deutschland, Wiesbaden 2005, S. 126

[43] Vgl. Kaspari, Nicole, Gerhard Schröder – Political Leadership im Spannungsfeld zwischen Machtstreben und politischer Verantwortung, Frankfurt am Main . 250ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Bundeskanzler als Leader seiner Partei. Die Chancen einer vom Regierungschef ausgeübten Parteiführung am Fallbeispiel Gerhard Schröder
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Politikwissenschaft und Japanologie)
Veranstaltung
Aktuelle Herausforderungen des modernen Regierens
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V342546
ISBN (eBook)
9783668323698
ISBN (Buch)
9783668323704
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerhard Schröder, Schröder, Korte, Leadership, Regierungsstil, rot-grün, Lafontaine, SPD, Kanzlerschaft, Macht, Partei, Koalition, Kanzler, Bundesrepublik, Berliner Republik, Vetospieler, Chefsache, Regierungschef, Kanzlerpartei, Troika, Kanzlerdemokratie
Arbeit zitieren
Fabian Senger (Autor), 2015, Der Bundeskanzler als Leader seiner Partei. Die Chancen einer vom Regierungschef ausgeübten Parteiführung am Fallbeispiel Gerhard Schröder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342546

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