Das Reale, das Imaginäre und das Symbolische nach Jacques Lacan

Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion


Ausarbeitung, 2016

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretisches Hintergrund

3. Die Drei Dimensionen des Psychischen: das Symbolische, das Imaginäre und das Reale

4. Das Spiegelstadium

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Seminar „Sozialisation und Identitätskonflikte“ wurden primär die folgenden Fragestellungen untersucht: welches Verhältnis haben Individuum und Gesellschaft, wie formt diese Beziehung die Entstehung der Identität, und welche internen bzw. externen Konflikte können aus diesem Prozess resultieren. Die Studierenden haben sich dementsprechend mit unterschiedlichen Ansätzen der Soziologie, der Psychologie und der Psychoanalyse auseinandergesetzt, deren theoretischer Werdegang über die soziologischen Klassiker führte, gefolgt von dem Grundvater der Psychoanalyse Sigmund Freud und schließlich in die Theorie des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan mündete.

Jacques-Marie Émile Lacan wurde im Jahre 1901 in Paris geboren und verstarb 1981 in der Selbigen. Nach der Medizin Studium, widmete sich Lacan der Psychoanalyse, welche er sein ganzes weiteres Leben praktizierte. Anhand seiner bekannten Vorlesungen und Schriften ließ er den theoretischen Boden der Psychoanalyse in einer Zeit erheben in der die tatsächliche Wirksamkeit, wissenschaftliche Reputation und die Rolle in der Gesellschaft in Frage gestellt wurde. Lacan gelang es, unter dem Motto „Rückkehr zu Freud“, die Theorien Freuds zu revidieren und unter dem Licht philosophischer Einflüsse eine erweiterte und neue Struktur des Psychischen in der psychoanalytischen Kur hervorzubringen.

Ausgehend von phänomenologischen Reflexionen der Art Heideggers und linguistisch strukturalistischer Ansätzen, entwickelte Jacques Lacan die Psychoanalyse Freuds über die Grenzen einer in dem Individuum verorteten Psyche hinweg weiter, zu einer intersubjektiv umfassenden Theorie. Die Kategorien des Symbolischen, des Imaginären und des Realen bilden, nach Lacans Theorie der Drei Ordnungen, die Psyche des Individuums, derer Matrix weit über das Individuum hinausreicht. Weiterhin, ist das was das Individuum unter seiner (bildlichen) Identität versteht, lediglich die Person im Blick der Anderen, also ein äußerliches Bild welches ausschließlich und unentbehrlich als ein Produkt der gesellschaftlichen Interaktion zu erlangen ist.

Die Entstehung der Identität ist demnach ein wesentlicher Baustein der Lacanschen Theorie und wurde in seinem Text „Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion“ in ihren Hauptmerkmalen dargelegt. Im Folgenden wird das referierte Thema in angemessen Umfang dargelegt. Einerseits ausgehend von dem theoretischen Hintergrundswissen bei Saussure und Freud, welche Lacan in seinem Denken beeinflusst haben. Andererseits werden die Drei Register des Psychischen behandelt; deren Theorie erst mehrere Jahre nach der Publikation des Spiegelstadiums erschien, doch einen engen Bezug zum Spiegelstadium behielten. Um der Ganzheit der Idee des Spiegelstadiums Gerecht zu werden, werden diese drei Register kurz erläutert. Abschließend wird die Entstehung der Ich-Funktion im Spiegelstadium erörtert.

2. Theoretisches Hintergrund

Jacques Lacan lässt sich dem französischen Strukturalismus zuordnen, derjenige Ansatz, welcher sich im langsam Abgedroschenen der existenziellen Phänomenologie als Tätigkeit in das intellektuelle Leben Frankreichs integrierte. Weniger als Schule oder Bewegung zu identifizieren, waren die Strukturalisten eher durch ihre Methode (bzw. Tätigkeit) vereint, welche aus der Zerlegung eines Untersuchungsobjektes bestand, mit dem Zweck etwas zum Vorschein zu bringen was im natürlichen Zustand des Objektes unsichtbar wäre bzw. unverständlich bliebe. „ Das Ziel jeder strukturalistischen Tätigkeit, sei sie nun reflexiv oder poetisch, besteht darin, ein „Objekt“ derart zu rekonstituieren, daß in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine „Funktionen“ sind). “ (Barthes 1966:191) Die aus der Reflexion oder Rekonstitution geschöpfte Struktur würde dann eine andere theoretische Annäherung zum Verstehen des Objektes ermöglichen.

Weiterhin war die Sprache als soziales Phänomen, ein gemeinsamer Bezugspunkt für die Strukturalisten. Unter Ferdinand de Saussure werden die ersten theoretischen Züge erörtert, die den Strukturalismus in ihren Sprachverständnis ausmachen werden. Erstens wird Sprache als System vom alltäglichen Sprachgebrauch unterschieden, was unter langue und parole bekannt ist. Obwohl beide in der Realität unverzichtbare Teile der Sprache sind, wird eine methodische Unterscheidung vollzogen um eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen. Saussure räumt dem Sprachsystem einen Vorrang, denn das Sprachsystem strukturiert den Sprachgebrauch. (Peterson 2008:39) Das System der Sprache beschreibt Saussure weiterhin als ein Zeichensystem; Zeichen sind zweiseitige Gebilde, die aus Lautbild (innere psychische Bild des Lautes) und Vorstellung (psychische Bild des Gegenstands oder Bedeutung) bestehen, aus einem Bezeichnenden (‚signifiant‘) und einem Bezeichneten (‚signifié‘). (Rolf 2008:11) Beide Einheiten seien psychischer Natur und deren Verbindung sei beliebig. Das Zeichensystem besteht demnach nicht aus den wörtlichen Substanzen, sondern aus derer Form, welche lediglich durch die Differenz und den Vergleich mit den umgebenden Zeichen einen Sinn verliehen bekommen.

Demzufolge haben Wörter nur im Kontext und Zusammenhang untereinander eine Bedeutung, was in die Schlussfolgerung mündet, dass Sprache von den Dingen die es benennt entkoppelt ist. Die Idee der Sprache als autonomes System von Zeichen entnimmt Lacan für seine Überlegungen über die Psyche, welche sich an denjenigen Freuds orientierten. Freud unternahm eine ähnliche Unterscheidung wie Saussure bezüglich der Sprache und unterschied zwischen Sach- und Wortvorstellung. Die Devise seiner Kur, „wo Es war soll Ich werden“, bezieht sich auf den Vorgang der Bewusstmachung anhand der im Vorbewussten fähigen Wortvorstellungen (Sekundärprozess) der im Unbewussten schwebenden Sachvorstellungen (Primärprozess), der eine Wiedergewinnung der Herrschaft des Bewussten mittels Sprache über das Unbewusste äquivalent sei. (Widmer 2009: 38) Folglich situieren sowohl Saussure und Freud die Bedeutung, die Sachvorstellung oder das Signifikat vor dem Lautbild, der Wortvorstellung oder dem Signifikant.

Aber für Lacan ist der Primat des Signifikanten unentrinnbar und die Grenzen zwischen Affekte und Sprache inexistent. Bei Freuds Vorgang der Bewusstmachung des Unbewussten, argumentiert Lacan, könnte sich keine Sachvorstellung mit ihrer zugehörigen Wortvorstellung führen lassen, wenn dieser nicht schon im Voraus im Sprachlichen platziert wäre. Der unbewusste Primärprozess ist demnach von Sprache strukturiert; der Sekundärprozess, also das rationale, zielgerichtete Denken, ist freilich für Lacan auch unbewusst und antizipierend. Die im Denken formulierten Sätze sind für Lacan eher eine Sequenz oder Signifikantenkette, deren Sinn erst beim Beenden des Satzes zum Vorschein kommt. Das Subjekt scheint der Sprache unterworfen zu sein, eine allmächtige Struktur die jeder individuellen Existenz vorausgeht und mit deren strukturierenden Signifikanten das Bewusste und Unbewusste gliedert. (Widmer 2009:38-42) Die Sprache besteht nicht aus einer vorgeordneten Wirklichkeit, sondern wird durch das Prinzip der Differenz bestimmt, dass jede Möglichkeit der Präsenz und Identität erst nachträglich entstehen lässt. So ist jedes Subjekt, dem Bewusstsein und Unbewusstsein der Sprachstruktur unterlegen. (Pagel 2002:41)

3. Die Drei Dimensionen des Psychischen: das Symbolische, das Imaginäre und das Reale

Wie bereits erwähnt bildet die Sprache eine Ordnung mit strukturierender Wirkung auf dem Subjekt. Sprache in der strukturellen Auffassung ist nicht nur in unserem alltäglichen Sinn begrenzt, sondern auf jegliche abstrakte Struktur, die für sich selbst bestand hat. Sprache ist die Form, die allem vorausgeht. Das Symbolische ist der Ort der Symbole, der Gesetze und der Kultur, also der Ort der Strukturen. Im Symbolischen befinden sich die Signifikanten, welche in Differenz miteinander und in Bezug zur Gesamtheit der Signifikante, der Sinn (Signifikat) erst als nachträgliches Produkt entstehen lässt. Erst durch das Symbol kann sich der Mensch als solches verstehen, weil „ das Werden und Sein des Menschen fundamental in einem symbolischen Universum verankert ist.“ (Pagel 2002: 41) Somit verleiht das Symbolische die nötigen Strukturen für die psychische Konsistenz der Signifikanten, welche durch die passive Artikulation des Subjekts mit Bedeutung beladen werden und letztendlich das Subjekt repräsentieren. Die Symbolische Ordnung bildet hiermit die uns zugängliche „Realität“.

Das Imaginäre ist die Welt als Summe der verschiedenen Imaginationen, die sich jemand von ihr macht. Weiter ist es der Bereich des Bildes und der Vorstellung, der Täuschung und der Enttäuschung. Hier wären die Signifikate verortet. Diese Dimension taucht wesentlich im Spiegelstadium auf, in welchem der Säugling das Bild im Spiegel als sein Ich annimmt. Hier erweist sich Lacans Satz mit Bedeutung: „Die Entfremdung ist konstitutiv für die imaginäre Ordnung “. (Lacan 1956: 166)

Das Reale hingegen ist weder das Imaginäre noch das Symbolische; sie entspräche dem differentiellen Gefüge der Signifikanten. (Widmer 2009:58) Das Reale lässt sich nicht definieren, da es nicht aus Sprache besteht und sich jenseits der Logik sich befindet; Lacan nennt diesen Ort außerhalb der Logik: Ek-sistenz. Jedoch besteht diese Überlegung selbst aus denjenigen Regeln der Logik, welche unabdingbar in unserem sprachlichen Denken verankert sind; somit erweist sich die eigene Grenze des (symbolischen) Denkens, dort wo das Reale oder Ek-sistierende anfängt, was Lacan erfahrbar machen will. Lacan beschreibt es mit Begriffen wie das „ Urverdrängte “, das „ Unmögliche“ oder der Ort der Abwesenheit, was hier unmittelbar mit dem Körper verbunden ist. Der Körper gehört hier demnach in das Reale. Er lässt sich anhand Logik und Sprache in viele Funktionen aufgliedern, er besteht jedoch nicht aus Sprache und Logik. Ein Ausbruch von Gewalt oder ein plötzlicher Orgasmus sind Spuren des Ek-sistierenden, dessen Bestandteile nicht aus Sprache sind; situativ werden sie nachträglich in den entsprechenden Ordnungen registriert und symbolisiert, jedoch in Ihrem Geschehen sind sie omnipotent und außerhalb der Sprachlogik. (Widmer 2009:59) Das Subjekt muss sich vor einer Vereinnahmung durch das Reale schützen und flieht zum Schutz der Sprache und der Identität.

Letztlich bedingen sich die Drei Register gegenseitig und sind folglich nicht zu trennen. Zusammen bilden sie die Grundvoraussetzungen für menschliches Sein, welche dem Menschen vorausgehen, aber erst im menschlichen Leben evident werden.

4. Das Spiegelstadium

Das Spiegelstadium erhält eine vorrangige Bedeutung bei der späteren Erarbeitung der Drei Register, denn es ist, nach Lacan, der Moment in dem der menschliche Säugling mit einer Identität behaftet wird und somit als Subjekt die Dimensionen einverleibt. Doch im Moment der Erarbeitung der Spiegeltheorie war Lacans Fokus dem Bereich des Imaginären gewidmet, in welchem sich die Kerngedanken seine Theorie des Subjektes verorten lassen. Die Aufnahme eines imaginären Bildes, das Spiegelbild als ihr Eigenes, löst eine Transformation des Subjektes aus, welche in einer entfremdenden Identität mündet. Das Grundmuster aller späteren Identifizierungen wird hiermit gelegt.

Das Spiegelstadium geschieht im Alter von sechs bis 18 Monaten, in welchem der Säugling sich in der freudianischen oralen Phase befindet. Bis dahin hat es noch keine Erkenntnis über seinem menschlichen Dasein erlangt. Es empfindet sich noch als das Eins-Sein mit der Mutter. Dieser primäre Narzissmus wird von einer Instinktarmut bedingt, welche des Säuglings einerseits durch seine körperliche Inkoordination zu einem von der Mutter abhängiges Wesen macht und andererseits seine Empfindung zu allen elementaren Sinneseindrücken sensibilisiert, welche sich als erste mentale Spuren zum Aufbau der Strukturen sedimentieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Reale, das Imaginäre und das Symbolische nach Jacques Lacan
Untertitel
Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V342633
ISBN (eBook)
9783668322639
ISBN (Buch)
9783668322646
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lacan, Spiegelstadium, Identität, Paranoia
Arbeit zitieren
Felipe Arguello (Autor), 2016, Das Reale, das Imaginäre und das Symbolische nach Jacques Lacan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342633

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Reale, das Imaginäre und das Symbolische nach Jacques Lacan



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden