Der Einfluss der industriellen Revolution auf soziale Strukturen im atlantischen Raum

Die Industrialisierung als Zäsur innerhalb der Atlantischen Geschichte?


Seminararbeit, 2012
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Index

1. Einführung

2. Hauptteil
2.1 Ausgangsbedingungen
2.2 Der Niedergang des Sklavenhandels
2.3 Der Anstieg des transatlantischen Handels und seine soziokulturellen Folgen
2.4 Die Auswirkung des technischen Fortschritts auf den Alltag der Menschen im Atlantischen Raum

3. Fazit

4. Quellen- & Literaturverzeichnis

5. Anhang

1. Einführung

Die Industrialisierung, welche trotz der Tatsache, dass es sich um einen mehr als 100 Jahre andauernden Vorgang handelt, auch als „Industrielle Revolution“ Bekanntheit erlangte, gilt zweifelsohne als eines der bedeutendsten und einschneidendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Kaum ein anderer historischer Vorgang führte zu derartigen sozialen Veränderungen und Umbrüchen in den Lebensbedingungen aller sozialen Klassen weltweit, wie der, um 1770 in England einsetzende, Prozess der Industrialisierung.

Ausgehend von England, dem „Mutterland“ der industriellen Revolution, verbreiteten sich technische Weiterentwicklungen, ebenso wie neue ökonomische Tendenzen oder daraus resultierend notwendige Ansätze sozialer Reformen zunächst über Europa, später über den gesamten Globus und beeinflussten somit zwangsläufig auch den atlantischen Raum. Über Jahrhunderte entwickelte und gefestigte Strukturen wurden aufgebrochen und das Leben der Menschen auf den drei beteiligten Kontinenten Europa, Amerika und Afrika veränderte sich tiefgreifend. Doch welche genauen Folgen hatte der einsetzende Prozess für die Menschen und deren Beziehungen über den Atlantik hinweg?

Um diese und weitere, damit verknüpfte, Fragen zu beantworten, sollen in der vorliegenden Arbeit anhand von drei zentralen Merkmalen bzw. Gegebenheiten des transatlantischen Raumes, die einzelnen, von der Industrialisierung hervorgerufenen, Veränderungen untersucht werden. Zunächst wird hierfür im Folgenden, um eine Basis für die detaillierten Untersuchungen zu schaffen, ein kurzer Abriss der vorhandenen sozialen Verhältnisse vor dem Einsetzen der industriell bedingten Umwälzungen, erfolgen. Hierbei soll anhand von Angehörigen verschiedener sozialer Klassen ein allgemeiner Überblick über die Ausgangssituation gewonnen werden. Darauf aufbauend widme ich mich einem zentralen Element der transatlantischen Wirtschaft, dem Sklavenhandel und, damit verbunden, einer Gesellschaftsschicht (den Sklaven), welche eine zentrale Rolle im Zusammenspiel zwischen der industriellen Revolution und der atlantischen Geschichtsforschung einnimmt. So existiert insbesondere seit der Veröffentlichung des Buches „Capitalism And Slavery“ des Historikers Eric Williams im Jahr 1944 ein historischer Diskurs über den Zusammenhang zwischen der einsetzenden industriellen Revolution und dem seit Jahrhunderten üblichen atlantischen Sklavenhandel. Eine besondere Relevanz in dieser Debatte hat hierbei das 1807 von den Briten erlassene Verbot des Sklavenhandels. Während Wim Klooster zu Folge„die Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels [gemeinhin eine Art] Wendepunkt“(476) und somit Begrenzung des atlantischen Zeitalters darstellt, sind Befürworter der Theorie Williams’ der Meinung, dass das Nutzen von Sklaven über 1807 hinaus, speziell auf dem Amerikanischen Kontinent zum„Motor der Industrialisierung“(Fonfe, 7) im atlantischen Raum wurde und eine Zäsur somit zu früh gesetzt wäre. Die vorliegende Arbeit dient, diesen Punkt betreffend, somit weniger einer partikularen Urteilsfindung, sondern vielmehr einer Analyse der Bedeutung des industriellen Wandels für die Lebensverhältnisse der Bevölkerungsgruppe der Unfreien und Sklaven, sowohl in Amerika, als auch in Europa. Als zweiten zentralen Untersuchungsschwerpunkt soll im Folgenden verstärkt auf eine generelle Ursachen-Wirkung-Beziehung im atlantischen Raum Bezug genommen werden. Hierzu wird der Fokus auf den transatlantischen Handel gelegt, welcher durch seine ökonomische Dynamik als Ausgangspunkt für Veränderungen auf sozialer und kultureller Ebene im gesamten atlantischen Raum angesehen werden kann. Durch neue Tendenzen in Bezug auf die Gestaltung des Warenverkehrs oder die Art der gehandelten Produkte als solche wandelten sich zwangsläufig Arbeitsabläufe und traditionelle Strukturen des Arbeiteralltags. Gleichsam eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten des Konsums. Allgemein lässt sich die Situation wie folgt beschreiben:

Nachdem die autarken Volkswirtschaften Europas von der industriellen Revolutionmitgerissen wurden, erhöhte sich das Volumen des Welthandels um das Fünffache. Die Industrienationen wurden zu den Hauptkunden. Rohstoffreiche Gebiete auf der Erde wurden unter den europäischen Großmächten aufgeteilt und somit abhängig vonwenigen Auslandsmärkten.1

Vor diesem Hintergrund soll somit untersucht werden wie sich die Lebensverhältnisse im Einzelnen durch die Entwicklung des atlantischen Handels veränderten. Als dritten und letzten Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit wird eines der wesentlichen Merkmale der industriellen Revolution, der technische Fortschritt und die damit verbundenen Veränderungen der Arbeitsmethoden in einen Zusammenhang mit einem möglichen Wandel der privaten Lebensbedingungen gebracht. Hierbei soll anhand ausgewählter Beispiele herausgearbeitet werden, inwiefern einzelne Erfindungen die Alltagswelt der Menschen insbesondere im Atlantischen Wirtschaftsraum prägten und umformten.

Basierend auf diesen drei relevanten Untersuchungsschwerpunkten wird abschließend ein Fazit möglich sein, dass die gewonnenen Einzelerkenntnisse in einen Gesamtkontext stellt und die Ausgangsfrage nach ersichtlichen Zusammenhängen zwischen industrieller Revolution und Veränderungen innerhalb des vorherrschenden Sozialgefüges im atlantischen Raum beantwortet.

Simultan wird mittels der Ergebnisse ein Beitrag zum historischen Diskurs über die Setzung

eines möglichen Endpunktes der atlantischen Epoche geleistet, da Experten oftmals die

Unabhängigkeitserklärung der USA 1776 sowie das bereits erwähnte britische Verbot des Sklavenhandels 1807 als historische Ereignisse definieren, welche derartige Veränderungen traditioneller Strukturen hervorriefen, dass sie geschichtswissenschaftlich als Epochenbegrenzung dienen.2Andere Historiker, wie zum Beispiel Eric Williams wiederum verstehen diese Vorgänge, inklusive der beginnenden industriellen Revolution, zwar als Einschnitte und Wendepunkte in der atlantischen Ära, allerdings weniger als Ende. Davon ausgehend, dass ein wirtschaftlicher, politischer und kultureller Austausch über den Atlantik hinweg auch nach Beendigung des Sklavenhandels stattfand, wenn auch in anderer Form als bisher, so scheint selbst heutzutage eine gemeinsame atlantische Geschichte stattzufinden. So schrieb der Historiker Charles Verlinden noch im Jahr 1953

[...] it is certain that an Atlantic civilization exists today and that the nations ofwestern Europe as well as of the two Americas and South Africa are daily becomingmore completely integrated within it.“3

Bei sämtlichen Überlegungen und Untersuchungen diesbezüglich darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei der Atlantischen Geschichte um ein analytisches Konstrukt handelt, welches vornehmlich einer geschichtswissenschaftlichen Strukturierung und Ordnung verschiedener, ab dem 15. Jahrhundert einsetzender Entwicklungen dient.4Wo und mit welcher Bedeutsamkeit sich die industrielle Revolution in diesem Konstrukt eingliedert, soll letztlich Ergebnis der vorliegenden Arbeit sein.

2. Hauptteil

2.1 Ausgangsbedingungen

Um einen bestmöglichsten Eindruck über die durch die Industrialisierung hervorgerufenen Veränderungen des sozialen Gefüges im atlantischen Raum zu erlangen, ist es zunächst zwingend notwendig das nötige Hintergrundwissen als Grundlage für die folgenden Untersuchungen zu gewährleisten. Zu diesem Zweck muss in groben Zügen die Frage nach den vorherrschenden Lebensumständen der im atlantischen Raum ansässigen Bevölkerungsgruppen beantwortet werden.

Betrachtet man die allgemeine Entwicklung des atlantischen Netzwerkes, dessen Entstehungszeitpunkt in der Geschichtswissenschaft oft im Jahr 1492, dem Jahr der Wiederentdeckung Amerikas durch Christoph Columbus, angesiedelt wird,5so wird deutlich, dass die knapp 300 Jahre bis zum Einsetzen der Industrialisierung in erster Linie durch eine nie erlebte Dynamik geprägt ist. Ein in dem Ausmaß bisher unbekannter Transfer von Menschen, Waren und Gedankengut, sowie ein permanenter Austausch, beziehungsweise Vermischung von Kulturen, Traditionen und Verhaltensweisen, lässt eine strikte und universelle Charakterisierung einer atlantischen Sozialstruktur in keinster Weise zu. Insbesondere durch eine vollkommen neuartige Form der Migration in Bezug auf Stärke, Größe, Distanz und Folgewirkungen6ist die atlantische Welt als ein dynamischer und in ständigem Wandel befindlicher Lebensraum anzusehen. Gemäß William O’Reilly traten zwischen 1450 und 1850 über 25 Millionen Menschen freiwillig oder als Sklaven die Reise auf den amerikanischen Kontinent an. Was bedeutete dies nun für die Beschaffenheit der einzelnen Länder/Regionen, beziehungsweise deren Bewohner sowohl in der alten als auch in der neuen Welt? O’Reilly spricht diesbezüglich von einer„Transformation der demographischen Zusammensetzung“(S. 305) insbesondere auf dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent. Im Einzelnen bedeutete dies die Entstehung von„politischen, sozialen und ethnischen Misch-Gemeinschaften“(S. 305). Somit kann davon ausgegangen werden, dass in Amerika ein gänzlich heterogenes Sozialgefüge entstand, welches nicht nur durch Einflüsse aus allen Ländern Europas, sondern auch durch das Einbringen kultureller Wesenzüge aus Afrika und von den amerikanischen Ureinwohnern gekennzeichnet war.

Eine besondere Rolle nimmt hierbei die unfreiwillige Migration in Form des atlantischen Sklavenhandels ein. Bereits im Jahr 1502 begann Spanien„als erste europäische Kolonialmacht mit der Einfuhr von Negersklaven nach Amerika“(Pietschmann, S. 123), da insbesondere Schwarzafrikaner als besonders„robust und gut zur Arbeit unter den karibischen Bedingungen galten“(S. 123). Mit dem Aufstieg Englands zur führenden Sklavenhandelsnation zu Beginn des 18. Jahrhunderts, entstand eine atlantische Handelsbeziehung, bekannt unter dem Begriff „atlantischer Dreieckshandel“, welche die Geschichtsforschung dieses Raumes in hohem Maß prägte. Gekennzeichnet war dieser, so genannte Dreieckshandel durch einen wiederkehrenden Warenaustausch zwischen Amerika, Europa und Afrika. Dieser Austausch, von Herbert S. Klein als„einer der komplexesten ökonomischen Geschäfte der vorindustriellen Welt“(S. 74) bezeichnet, folgte einem simplen, aber erfolgreich erprobtem Ablauf. Fertigwaren wurden mittels Schiffen nach Afrika gebracht

[...]


1Aselmeyer, S. 5.

2Vgl. Klooster, S. 476

3zit. nach Baylin, S. 19

4Vgl. Greene / Morgan, S. 3

5Vgl. Klooster, S. 474.

6Vgl. O’Reilly, S. 306.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der industriellen Revolution auf soziale Strukturen im atlantischen Raum
Untertitel
Die Industrialisierung als Zäsur innerhalb der Atlantischen Geschichte?
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar Atlantische Geschichte 1750-1850
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V342683
ISBN (eBook)
9783668322028
ISBN (Buch)
9783668322035
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
transatlantik, sklaverei, dreieckshandel, wirtschaft, amerika, afrika, europa, industrialisierung, industrielle revolution, transatlantischer Raum, atlantische Geschichte
Arbeit zitieren
Robert Witte (Autor), 2012, Der Einfluss der industriellen Revolution auf soziale Strukturen im atlantischen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342683

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