Michel Houellebecqs "Soumission". Antizipation und Nachgegenwartsutopie


Examensarbeit, 2016

76 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungskontext des Romans

3. Soumission: Zwischen Antizipation und Nachgegenwartsutopie
3.1 Das Romangeschehen
3.2 Modellierung der Realität und Referenzialität
3.2.1 Bezüge zum Realismus und Naturalismus
3.2.3 Authentifizierungsstrategien: Dokumentation und Recherche
3.2.3 Verweise auf die Gegenwart
3.2.4 Mise en abyme: Huysmans
3.2.5 Bezüge zur Situation des kontemporären Frankreichs/Europas
3.3 Antizipation und der Aspekt des Prophétisme littéraire
3.3.1 Im Frühwerk
3.3.2 Soumission als visionärer Vorgriff
3.4 Soumission - eine Nachgegenwartsutopie?
3.4.1 Fiktive Elemente und Fiktionalisierung der Realität
3.4.2 Hybridstellung zwischen Eutopie und Dystopie
3.5 Houellebecqs literarisches ‚Spiel‘
3.5.1 Das ‚Spiel' mit den Ängsten der Bevölkerung
3.5.2 Skandalpotenzial: Provokation und Satire

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Toute société a ses points de moindre résistance, ses plaies. Mettez le doigt sur la plaie, et appuyez bien fort. Creusez les sujets dont personne ne veut entendre parler. L’envers du décor. Insistez sur la maladie, l’agonie, la laideur. Parlez de la mort, et de l’oubli. De la jalousie, de l'indifférence, de la frustration, de l’absence d'amour. Soyez abjects, vous se- rez vrais ( Houellebecq 1997, 26).

Michel Houellebecq ist einer der bekanntesten und zugleich der kontrovers diskutierteste zeitgenössische französische Schriftsteller. Bereits seit Erscheinen seines Debütromans Extension du domaine de la lutte (1994) polarisiert er die internationale Literatur- und Medienlandschaft. Durch die darauffolgenden Romane Les particules élémentaires (1998), Plateforme (2001), La possibilité d’une île (2005) sowie La carte et le territoire (2010) etabliert Houellebecq sich endgültig als Skandalautor. Sie zählen mittlerweile zu den meist übersetzten französischen Werken weltweit. Auch mit seinem sechsten Roman landet Michel Houellebecq einen für Aufruhr sorgenden Bestseller[1], der beinahe die Nation spaltet.

Nachdem Houellebecq sich in seinen vorherigen Werken bereits brisanten Themen wie der Eugenetik oder dem Sextourismus widmet und dabei makabere Lösungsvorschläge unterbreitet, steht diesmal eine der größten Ängste eines stetig wachsenden Teils der konservativen französischen Bevölkerung im Mittelpunkt des Romans: die Islamisierung des (Abend-)Landes. Das Buch zeichnet das Bild einer sukzessive erwachsenden islamischen Republik Frankreich und hinterfragt die französisch-okzidentale Identität grundlegend.

Soumission (dt. Unterwerfung [2] ) erscheint am 7. Januar 2015 in der französischen Verlagsgruppe Flammarion. Überschattet von dem tragischen Anschlag auf die in Paris ansässige Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo, auf deren Titelseite an diesem Tag eine Houellebecq-Karikatur figuriert, rückt der Roman noch stärker in das Zentrum des medialen und gesellschaftlichen Interesses. Die Rede ist von einem „historical event“ (Zaretsky 2015, o.S.) sowie von einem „événement autant politique que littéraire“ (Chemin 2015, o.S.).

Gemeinsam mit den in der Vergangenheit von Houellebecq getätigten islamfeindlichen Aussagen[3] und durch das Zusammenfallen mit dem islamistisch motivierten Attentat verstärkt, entsteht eine explosive Mischung (vgl. Allan 2015, o.S.). Experten sprechen von einer „avalanche de commentaires dans la presse ou les réseaux sociaux, du jamais vu à propos d'un roman en France“ (Vertaldi 2015, o.S.). Einerseits ist die Rede von einem erhabenen Meisterwerk, andererseits von Verantwortungslosigkeit (vgl. ebd.). Wie ein Damoklesschwert schwebt der Vorwurf der Islamophobie über dem Werk. Die Meinungen der Kritiker schwanken zwischen einem ernstzunehmendem Islampamphlet und einer rein satirischen Provokation.

Eng damit verbunden ist die Frage, wo Soumission im Spannungsfeld zwischen einer auf der Realität fußenden Antizipation und einer fiktiven Nachgegenwarts- utopie zu situieren ist. Um dieser zentralen Frage nachgehen zu können, muss zuerst dem Entstehungskontext des Romans Rechnung getragen werden. Dazu erfolgt ein summarischer Einblick in die Lage Frankreichs und Europas zum Erscheinungszeitpunkt des Romans, wobei aus Platzgründen eine Beschränkung auf die (verständnis-)relevanten Aspekte vorgenommen wurde. Im Fokus stehen nicht nur historische Gesichtspunkte und die aktuelle politische Landschaft, sondern auch die soziokulturelle Situation Frankreichs. Besondere Beachtung erfahren aufgrund der Romanthematik dabei der Islam sowie die muslimische Bevölkerung. Im Anschluss an die theoretische Fundierung wird Soumission vor dem erlangten Hintergrundwissen analysiert.

Nach einem knappen Überblick über das Romangeschehen soll untersucht werden, wodurch es Houellebecq gelingt, im Rahmen seines Zukunftsszenarios die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschmelzen zu lassen. Dazu wird einerseits das houellebecqsche Literaturverständnis (in realistisch-naturalistischer Tradition) herausgearbeitet, aber auch auf diejenigen Realitätsbezüge verwiesen, welche nahelegen, Soumission als realistische Erzählung zu rezipieren. Dabei wird auch auf die Rolle Huysmans und die emblematische Funktion des Romans für das kontemporäre Frankreich verwiesen. Im Anschluss daran wird die Frage aufgeworfen, inwiefern es sich bei dem Roman um eine realitätsnahe literarische Antizipation oder gar um eine Prophezeiung handelt. Andererseits werden jedoch auch diejenigen Elemente in den Blick genommen, welche Soumission vielmehr als eine fiktive Nachgegenwartsutopie mit sowohl eutopischen als auch dystopischen Elementen erscheinen lassen. Abschließend soll aufgezeigt werden, inwiefern der Roman eine Synthese aus faktualen, antizipatorischen und fiktionalen Elementen darstellt und wie dies über den Terminus der politischen Fiktion greifbar wird. Hierbei wird insbesondere dargelegt, auf welche Weise Houellebecq mit seinem Roman die Befürchtungen einer Vielzahl der französischen Bürger aufgreift oder diese provoziert und woraus letztlich der Vorwurf der Islamophobie sowie das immense Skandalpotenzial resultieren. Nachdem auf dem Fundament der erzielten Erkenntnisse eine abschließende Einordnung des Romans vorgenommen werden kann, schließt sich ein knapper Überblick über die aktuelle Forschungslage an. Zudem werden offengebliebene Fragen aufgezeigt und Anregungen für weitere Untersuchungsvorhaben gegeben.

2. Entstehungskontext des Romans

Im Frankreich der Nachkriegszeit dominiert lange Zeit ein „Vichy- und Vergangenheitskomplex“ (Altwegg 2015b, o.S.). Das vorzeitige Ende dieser Verdrängung tritt mit der 68er-Bewegung ein. Viele Studierende gehen im Zuge der Mai-Revolte gegen die faschistische und totalitäre Ideologie auf die Straße: „Die Rückkehr der verdrängten Vergangenheit und der Zusammenbruch seiner Lebenslügen haben Frankreich in eine tiefe Depression gestürzt“ (Altwegg 2016a, o.S.).

Dieser Antitotalitarismus-Gedanke wird etwa zehn Jahre später durch die Vertreter der Nouvelle Philosophie [4] , die dem Faschismus einen „Kult der Minderheiten“ (ebd.) und eine weltbürgerliche Weltanschauung entgegen halten, weiter verstärkt (vgl. ebd.). Ausgelöst durch Lévys Essay L'Idéologie française (1981) lebt die öffentlich-politische Debatte um den Antitotalitarismus und die Vichy-Kollaboration erneut auf. Lévy prangert darin die antisemitische französische Ideologie als Fundament des Vichy-Regimes an und legt die tragende Bedeutung Frankreichs für den aufkeimenden Faschismus dar (vgl. Altwegg 2008, o.S.).

Bereits in die 68er-Mai-Proteste sind die N ouveaux Philosophes involviert, machen jedoch die Vertreter des Marxismus für das Misslingen der revolutionären Bestrebungen verantwortlich (vgl. Altwegg 2008, o.S.). Die N ouveaux Philosophes sind linkspolitisch, aber antimarxistisch. Die selbst ernannten antitotalitären Aufklärer kritisieren die marxistischen Strömungen der Nach-68er-Linken (vor allem die PS und die PCF) grundlegend und schüren die Angst vor sowjetischen Zwangsarbeitssystemen (vgl. ebd).[5] Nicht nur Karl Marx, die oberste Leitfigur der marxistisch orientierten Linken, wird grundlegend kritisiert, sondern die N ouveaux Philosophes wenden sich auch anderen Vordenkern zu: Mao, Trotzki und Fidel Castro (vgl. Spiegel 30/1977, 125).

Die N ouveaux Philosophes begünstigen letztendlich entscheidend, dass François Mitterand sich im ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen 1981 an der linken Front gegen den Kommunisten Georges Marchais durchsetzen kann und diese im zweiten Wahlgang schließlich gewinnt. In der Folgezeit sorgen sie entscheidend für ein antitotalitäres Klima und pochen auf die Rechte jedes einzelnen Bürgers. Sie versuchen direkt und indirekt auf Mitterand einzuwirken und läuten einen Wechsel in der „intellektuellen Meinungsführerschaft“ (Altwegg 2016a, o.S.) ein.

In der Folgezeit üben die Nouveaux Philosophes auch auf die internationale Politik Einfluss aus. Eine präventive Politik zur Vermeidung von Völkermorden fordernd, rufen sie zu einer konsequenten Intervention im Kampf gegen Diktatoren auf. So drängen sie Mitterand dazu, Luftangriffe gegen den serbischen Diktator Slobodan Milošević und sein Land zu fliegen: „Der antitotalitäre Imperativ gebot den Schutz der Muslime in Bosnien vor den ,ethnischen Säuberungen‘ “ (ebd.). Ferner unterstützen einige Nouveaux Philosophes den von Bush geführten Kampf gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein. Schließlich sorgt „das seltsame Tandem Lévy/Sarkozy“ (ebd.) für den Niedergang des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi: Der erste Luftangriff erfolgt von französischer Seite. Zudem hält der Einfluss der N ouveaux Philosophes bis heute an.

Kritische Stimmen, unter denen sich auch diejenige von Michel Houellebecq befindet, erklären diese Einmischungspolitik als „unverantwortlich und mitschuldig für die Rache des Islams“ (Altwegg 2016a, o.S.). Der islamistische Terror weitet sich in den neunziger Jahren auf Frankreich aus und ist dort noch immer präsent. Frankreich wird in den vergangenen zwanzig Jahren wiederholt zum Opfer islamistisch motivierter Anschläge. Sie beginnen mit der großen Anschlagsserie zwischen Juli und Oktober 1995 (durch die Groupe Islamique Armé), in deren Folge das Terrorschutzprogramm Plan Vigipirate ins Leben gerufen wird. Im Dezember 1996 sterben bei einer Bombenexplosion in einem Pariser Zug mehrere Menschen und auch im März 2012 kommen in Toulouse sieben Personen durch ein bewaffnetes Al-Qaida -Mitglied um (vgl. Zeit Online 2015, o.S.).

Die Attentate wiederum nähren faschistische Tendenzen innerhalb der französischen Republik. Auch die Mitterand-Ära, an deren Spitze ein Mann steht, der selbst eine (bis dahin noch unbekannte) Vichy-Vergangenheit hinter sich hat, trägt maßgeblich dazu bei, dass der Front National gestärkt wird (vgl. Altwegg 2016a, o.S.). François Mitterand setzt 1986 im Rahmen der Parlamentswahlen eine Wahlrechtsreform durch. In den Umfragen liegt die Koalition um die gaullistische Rechtspartei Rassemblement pour la République (RPR) knapp vor Mitterands Parti socialiste sowie deren linken Bündnispartnern (vgl. Knight 1997, 214). Schließlich wird das Mehrheitswahlrecht in eine Verhältniswahl überführt, um dem RPR einige Mandate zu entziehen (vgl. Spiegel 13/1986, 146).[6] Das neue Wahlsystem schafft jedoch zugleich die Voraussetzungen dafür, dass die rechtsextreme Partei unter der Führung von Jean-Marie Le Pen mit 35 Vertretern in das französische Parlament einzieht: „Das faschistische Schreckgespenst Le Pen ermöglichte [Mitterand] den Verbleib an der Macht“ (Altwegg 2016a, o.S.).

Das Wiederaufkommen der Vichy-Vergangenheit sowie die Vormachtstellung der Antifaschisten scheinen das Vordringen der Rechtsextremen nicht aufzuhalten, sondern dieses vielmehr voranzutreiben. 1983 gelingt dem Front National in der nordfranzösischen Gemeinde Dreux mit 16,7% der Stimmen ein durchschlagender Erfolg. In der Folgezeit erzielt der FN auch auf der Nationalebene beachtliche Ergebnisse. Bei der Präsidentschaftswahl 1988 entfallen 14,4% der Wählerstimmen auf den FN -Kandidaten Jean-Marie Le Pen. Dieser kann sieben Jahre später gar einen noch höheren Stimmenanteil verbuchen (15%). Im Jahr 2002 schafft Jean-Marie Le Pen es schließlich mit 16,9% der Stimmen gar in den zweiten Wahlgang, wo er jedoch deutlich gegen den konservativen Jacques Chirac unterliegt. Er wird „bekämpft, als ginge es nochmals darum, Widerstand gegen Pétain und Vichy zu leisten“ (Altwegg 2015b, o.S). Der Front National kann sich dennoch dauerhaft als Partei etablieren und stellt nach dem Wechsel der Regierung die einzige rechte oppositionelle Partei (vgl. Loch 1994, 229). Heute zählt er nach eigenen Angaben rund 83.000 Mitglieder (vgl. Pausch 2015, o.S.).

Der Aufstieg der Faschisten bedingt wiederum den linksradikalen Widerstand. Die muslimischen Immigranten werden von den Linken zu herabgewürdigten und ausgenutzten Opfern verklärt. Es entsteht eine Art ,Linksislamismus‘ (Altwegg 2016a, o.S.): „Der gemeinsame Feind der revolutionären Linken und der Muslime sind die Neofaschisten“ (ebd.). Das Solidarisieren mit Charlie Hebdo hingegen wird als „Kulturkampf der Katholiken in der Provinz“ (ebd.) angesehen.

Am 11. Januar 2015, vier Tage nach dem islamistisch motivierten Attentat auf Charlie Hebdo, ziehen mehrere Millionen Franzosen auf die Straßen um ein Zeichen für die Meinungsfreiheit zu setzen. Frankreich steht hinter Charlie Hebdo. Aber es gibt auch andere Stimmen. Nicht alle französischen Bürger solidarisieren derart mit Charlie. Obwohl sie die Anschläge aufs Schärfste verurteilen, fühlen sie sich durch die Karikaturen in ihrem Glauben verletzt. Es sind genaue diese kritischen Stimmen, die die Aufmerksamkeit auf den Platz des Islams in der französischen Gesellschaft lenken (vgl. Almeida N. 2015, 69).

Schätzungen zufolge[7] leben derzeit etwa fünf Millionen Muslime, die knapp 8% der Bevölkerung ausmachen, in Frankreich (vgl. Laurence/Vaïsse 2007, 36ff.). In keinem anderen europäischen Land gibt es mehr Muslime (vgl. Soudan 2015). Das Land steht vor einem Paradox: Der muslimische Glauben ist spätestens seit den 70er Jahren, als viele maghrebinische Immigranten nach Frankreich übersiedeln, ein fester Bestandteil der französischen Gesellschaft. Innerhalb der letzten dreißig Jahre steigt die Anzahl der Kultstätten von 900 auf über 2300 an. Dennoch wird der Islam häufig als inkompatible Import-Religion angesehen (vgl. Chartier 2015, o.S.). Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung begegnet den Muslimen, die mittlerweile in der zweiten und dritten Generation in Frankreich leben, noch immer mit Misstrauen. Oft wird nur rudimentär zwischen den gläubigen Muslimen, fundamentalistischen Bestrebungen und gar den gewaltbereiten Islamisten unterschieden. Unter dem Eindruck der Dschihadisten, die vorgeben, im Namen des Islams zu handeln und ihre Gräueltaten auf diesem Wege legitimieren, werden die friedfertigen Muslime weiter in ein negatives Licht gerückt (vgl. ebd.). Dabei ist die deutliche Mehrheit der in Frankreich lebenden Muslime erschüttert über die sich in aller Welt und auch innerhalb ihrer Gemeinschaft ereignenden Vorkommnisse. Viele sind von der Unumgänglichkeit einer Reform des Islams überzeugt (vgl. Almeida N. 2015, 70f.).

Hinzu kommt das historisch bedingt schwierige Verhältnis Frankreichs zur Religiosität. Im Jahr 1905 wird der Laizismus als staatlicher Grundsatz offiziell verabschiedet. Seither herrscht eine strikte Trennung zwischen Religion und Staat. Kein anderes europäisches Land weist eine derartige Unterscheidung auf. In Frankreich besitzt der Laizismus seit der Revolution (und nochmals verstärkt durch die Dritte Französische Republik) jedoch eine lange Tradition. Die Überzeugung, dass der Glaube das Gegenteil der Vernunft darstellt, ist weit verbreitet. Obwohl der Aspekt des Laizismus in Bezug auf das Judentum oder den Katholizismus kaum noch infrage gestellt wird, ist er in der französischen Islamdebatte sehr präsent.

Wurde die laizistische Trennung für den Katholizismus nach langem Kampf schließlich gesetzlich geregelt, muss der Islam als neuere Importerscheinung hingegen erst noch seine Kompatibilität mit der säkularen französischen Gesellschaft unter Beweis stellen (vgl. Chartier 2015, o.S.). Akzentuiert wird diese Kompatibilitätsproblematik durch die Tatsache, dass viele gläubige Muslime das Recht auf Sichtbarkeit fordern. Ihre Bestrebungen bezüglich des Rechtes auf Verschleierung und für eine Halal-Esskultur stehen den laizistischen Grundsätzen der Republik allerdings konträr gegenüber (vgl. ebd.). Akzentuiert werden die Bemühungen durch den Kopftuchstreit[8] von 1989, der ganz Frankreich trifft (vgl. Altwegg 2016a, o.S.).

In der Vergangenheit werden mehrere Versuche unternommen, um den Islam in Frankreich zu institutionalisieren. Im Jahr 2003 weiht der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy den CFCM (Conseil français du culte musulman) unter kritischem Blick der Befürworter eines strengen Laizismus ein (vgl. Chartier 2015, o.S.). Hinzu kommen mehrere Vorschläge zur Schaffung einer einheitlich geregelten Ausbildung von Imamen (z.B. 1997 durch den damaligen Innenminister Jean-Pierre Chevènement) und gar zur Einführung eines universitären Diploms (Société et civilisation de la France contemporaine an der Paris-IV Sorbonne 2005), die aufgrund der Laizismusverfechter jedoch scheitern (vgl. ebd.). Erst 2010 kommt es an mehreren französischen Universitäten zur Umsetzung. Dabei werden erstmals Studiengänge zur Zivilisationskunde angeboten, in denen eine universitäre Annäherung an religiöse Aspekte erfolgt. Es gibt sogar Bestrebungen, das Unterrichten der muslimischen Theologie zu akademisieren und somit langfristig dazu beizutragen, dass so etwas wie eine „norme islamique ,républicano-compatible‘ pour les fidèles français“ (ebd.), also eine mit der französischen Republik kompatible islamische Norm, entstehen kann.

Frankreich fordert die Imame explizit dazu auf, öffentlich gegen den Radikalismus zu predigen, um auch dauerhaft zu einer größeren Kompatibilitäts-wahrnehmung des Islams mit den französischen Werten beizutragen (vgl. ebd.). Dabei werden bereits die Grenzen des Laizismus verschoben. Allerdings scheinen die auf sich allein gestellten Imame im Kampf gegen die Radikalisierung überfordert zu sein. Es gibt kein pädagogisches Modell, nach dem die Lehrer der Koranschulen sowie die Leiter von muslimischen Vereinigungen ausgebildet werden. Insofern muss eine dauerhafte Kooperation mit den staatlichen Behörden Frankreichs (sowie eine finanzielle Subvention) angestrebt werden, um die Radikalisierung zu unterbinden (vgl. Almeida N. 2015, 70).

Problematisch wird die Kompatibilitätsdebatte, wenn voreilig geschlussfolgert wird, dass der Islam grundsätzlich nicht mit der französischen Republik vereinbar ist, und dass es so etwas wie einen „französisierten“ und assimilierten Islam in der Praxis schlichtweg nicht geben kann. Genau dies ist die Argumentation von Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National, die die Laizismusdebatte für ihren Wahlkampf instrumentalisiert (vgl. Chartier 2015, o.S.). Aktuell besitzt die Partei in Frankreich eine sich ausbreitende Vormachtstellung. Als Präsident Hollande der Terrorgruppe Islamischer Staat als Antwort auf die Pariser Anschläge im November 2015 den Kampf ansagt und eine Verfassungsänderung zur Entnationalisierung französischstämmiger Terroristen durchzusetzen beabsichtigt, stichelt Marine Le Pen, dass sich gar der französische Präsident vom Wahlprogramm des FN inspirieren lässt (vgl. Rühle 2016, o.S.). Die steigende Hegemonie der Partei scheint die Sehnsüchte einiger Franzosen zu spiegeln. Eine Umfrage der renommierten Tageszeitung Le Monde ergibt, dass mehr als drei Viertel (83%) der Franzosen ein standfestes Staatsoberhaupt befürworten würden, das wieder konsequent Ruhe herstellt (vgl. ebd.). Zusätzlich stellen die steigende Anzahl der arbeitssuchenden Franzosen sowie die ökonomische Stagnation einen Nährboden für den FN dar. Aus der Europawahl 2014 geht der Front National als stärkste Partei hervor. Mit 24,86% der Stimmen kann die Partei ihre 2009 erzielten Ergebnisse (6,34%) beinahe vervierfachen (vgl. Ministère de l'intérieur 2014). Auch in den Departementswahlen im März 2015 und den Regionalwahlen im Dezember 2015 erzielt der FN überraschend hohe Resultate (vgl. ebd.). Die Tendenz ist steigend.

Frankreichs Präsident Hollande äußert in einem öffentlichen Interview Beschämung darüber, dass „ausgerechnet im Land der Menschenrechte der FN solche Erfolge einfahre“ (ebd.). Angesichts der aktuellen Spannungen in Frankreich brechen schwere Zeiten für das demokratisch-sozialistische Regime an. Im Jahr 2017 findet die nächste Präsidentschaftswahl in Frankreich statt. Hollande kündigte bereits an, erneut zu kandidieren. Aber Marine Le Pen könnte sich als ernstzunehmende Konkurrentin bewahrheiten (vgl. ebd.). Es ist genau dieses Szenario, das Houellebecq aufnimmt und episch weiterverarbeitet. In Soumission gelingt Hollande 2017 zwar die Wiederwahl, aber nur deshalb, weil ihm im zweiten Wahlgang Marine Le Pen und damit eine rechtsextreme Politikerin gegenübersteht (vgl. Altwegg 2015b, o.S.). Houellebecq spinnt das Szenario abermals weiter, indem er für 2022 den „französischen Vichy- und Vergangenheitskomplex mit all seinen Zwängen in einen politischen Urknall münden“ (vgl. Altwegg 2015b, o.S.) lässt.[9]

3. Soumission: Zwischen Antizipation und Nachgegenwartsutopie

3.1 Das Romangeschehen

Bereits der Romantitel, der zugleich die wörtliche Übersetzung des Lexems Islam ist, spielt sowohl auf die islamische Religion als auch auf die Kapitulation Frankreichs angesichts des Islams an (vgl. Altwegg 2014, o.S.). Michel Houellebecq inszeniert in Soumission die Islamisierung der französischen Gesellschaft im Jahr 2022. Obwohl der Roman offiziell erst im Januar erscheint, ist er schon ab Dezember 2014 in aller Munde. Am 5. Dezember 2014 wird der Titel im Wochenmagazin Livres Hebdo enthüllt und ruft bereits zu diesem Zeitpunkt Besorgnis hervor. Schließlich gibt der Online-Blog Aldus am 29. Dezember bekannt, dass der Roman bereits als illegaler PDF-Download[10] im Internet kursiert (vgl. Smeets 2015, 100).

Wie eingangs angedeutet, kollidiert die offizielle Romanveröffentlichung zeitlich mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Es gibt zahlreiche Koinzidenzen zwischen den beiden Ereignissen.[11] Durch die damit verbundene öffentlich-mediale Aufmerksamkeit wird Soumission „das Buch der Stunde“ (Hammelehle 2015, o.S.) und zieht einen ungeahnten kommerziellen Erfolg nach sich (vgl. Almeida J. 2015, 44). Auch nach dem vorzeitigen Rückzug Houellebecqs aus der Öffentlichkeit ist der Roman in den Medien omnipräsent (vgl. Leyris 2015, o.S.).

Die Romanhandlung wird aus der Sicht des deprimierten Ich-Erzählers François, Literaturprofessor an der Universität Paris III und Spezialist für Joris-Karl Huysmans[12] erzählt. Der einsame und melancholische Mittvierziger steckt tief in einer existenziellen Krise, die auch sein Gefühls- und Liebesleben umfasst. „Wie es sich für eine männliche Houellebecq-Figur gehört“ (Hammelehle 2015, o.S.) besteht sein außerberufliches Leben aus spärlichen Kontakten, häufig wechselnden schematischen Beziehungen, gelegentlichen sexuellen Abenteuern mit Prostituierten, pornographischen Internetplattformen sowie aus aufgewärmten Mikrowellengerichten, Alkohol und Zigaretten. Durch seine Augen wird der Leser Zeuge der sozialen Veränderungen, die mit dem Zerfall des Okzidents, dem Scheitern des Laizismus und schließlich der Islamisierung Frankreichs einhergehen (vgl. Grass 2015, o.S.).

Das Romangeschehen setzt in einem zerrissenen Land ein. In den Pariser Banlieues kommt es seit Monaten zu Unruhen und Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Volksgruppen. Die mediale Berichterstattung lässt zunehmend nach. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen weiten sich die Gefechte zwischen Identitären und arabischstämmigen Bürgern von den Vorstädten auch auf Paris aus. Der Place de Clichy steht in Flammen. Frankreich scheint am Rande eines Bürgerkriegs zu stehen, zumal sich für die anstehenden Wahlen die Rechtsextreme und eine islamische Partei ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Im ersten Wahlgang liegt Marine Le Pen, die Kandidatin des Front National mit rund 34% der Wählerstimmen noch vor Mohammed Ben Abbes, dem Vorsitzenden der (fiktiven) islamischen Partei Fraternité Musulmane, der etwa 22% erreicht. Die beiden etablierten großen Parteien scheiden aus. Um die Machtübernahme des FN zu verhindern, schließen sich sowohl die konservativen Parteien (UDI/UMP) als auch die Sozialisten in der entscheidenden zweiten Runde der FM an. Der charismatische und als gemäßigt beschriebene Ben Abbes gewinnt die Stichwahl und wird schließlich Frankreichs neuer Präsident. Zu seinem Premierminister ernennt er François Bayrou.

Nach der Wahl des muslimischen Präsidenten, transformiert sich Frankreich „en toute légalité républicaine“ (Carrère 2015, o.S.) in einen islamischen geprägten Staat. Die französische Gesellschaft durchlebt eine schleichende Veränderung. Schritt für Schritt wandelt sich Frankreich in eine islamische Republik. Das säkulare Frankreich wird abgesetzt, jüdische Bürger flüchten und die Scharia, unter die sich sowohl die Französische Republik als auch der Erzähler unterwerfen, wird eingeführt. Aber die Islamisierung bietet sowohl Frankreich als auch dem Erzähler eine unerwartete neue Chance (vgl. Almeida J. 2015, 45).[13] Die inländischen Veränderungen betreffen auch die Sorbonne, die nunmehr durch Saudi-Arabien subventioniert wird. Das ehemalige Lehrpersonal erhält eine hohe vorzeitige Pension. Sofern die Professoren bereit sind, zum Islam zu konvertieren, wird ihnen jedoch ein hohes Gehalt sowie mehrere Ehefrauen angeboten. Zahlreiche Mitglieder der intellektuellen Elite zeigen sich opportunistisch und als Rediger, der neue Präsident der Université islamique de Paris-Sorbonne, mit François seine mögliche Reintegration bespricht, zeigt auch dieser sich nicht abgeneigt. François' Konversion steht am Romanende im Konjunktiv. Die Möglichkeitsform legt nahe, dass François die Unterwerfung akzeptieren wird: „[Il] n'aurai[t] rien à regretter“ (SM 2015, 300).

3.2 Modellierung der Realität und Referenzialität

3.2.1 Bezüge zum Realismus und Naturalismus

Das bereits eingangs angeführte Zitat „Soyez abjects, vous serez vrais“( Houellebecq 1997, 26) trifft auch auf Soumission zu. Denn es ist genau dieses schonungslose Être vrai, das sich auch hier als Houellebecqs literarische Devise entpuppt (vgl. Smeets 2015, 100). Houellebecq nimmt die postmoderne Gesellschaft unter die Lupe und versucht, diese in möglichst breitgefächerten Aspekten abzubilden (vgl. ebd., 99). Der Schriftsteller, so der Genfer Autor Jürg Altwegg, sei „als Porträtist der französischen Gesellschaft genial“ (Altwegg 2014, o.S.) und auch andere Kritiker erkennen an, dass er „auf der Höhe seiner Kunst [ist], was die Sezierung der Gesellschaft anbetrifft" (Fuhrig 2015b, o.S.). Houellebecq reiht sich damit in die literarischen Traditionen des Realismus (u.a. Balzac und Flaubert) und des Naturalismus (v.a. Zola) ein, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht (vgl. Smeets 2015, 99).

Viele sehen in Houellebecq vor allem einen „Balzac de la bourgeoisie décadente du 21e siècle“ (Saint Robert 2014, o.S.). Die Verbindung zu Honoré de Balzac wurde von Houellebecq selbst nahegelegt. Bereits 2005 erwähnt Houellebecq ihn als Vorbild und als Maßstab für literarische Qualität (vgl. Smeets 2015, 102). Er beschreibt ihn als sehr ambitionierten und ehrgeizigen Gesellschaftsanalytiker, der sich darauf versteht, in besonderem Maße Emotionen hervorzurufen (vgl. Bourmeau, zit. nach ebd., 102). In der Folgezeit hält er weitere Lobreden auf den Romancier; bezeichnet ihn gar als ‚le deuxième père de tout romancier‘ (Houellebecq 2009, 278). Nach Balzacscher Manier wird auch Houellebecqs neuster Roman Soumission von lexikonartigen Passagen (vgl. SM 2015, 55; 134f.) und ethnologischen Bemerkungen (vgl. ebd., 91; 175f.) durchwirkt (vgl. Van Loo 2011). Zudem finden sich bei Houellebecq ähnlich wie in Flauberts Madame Bovary an mehreren Stellen kursiv gesetzte floskelartige hohle Phrasen; das „écho de la voix bourgeoise“ (Smeets 2015, 102), das sowohl in Printmedien als auch im Fernsehen präsent ist („ l’homme qui a dit non “ - SM 2015, 127).

Ebenfalls im 19. Jahrhundert wurzelt die Vorliebe für Kontroversen, die sich auch in Soumission zeigt. Andere Kritiker sehen Houellebecq daher stärker in der Ecke der Naturalisten wie Émile Zola. Beide Autoren bedienen sich eines „néo-naturalisme provocateur“ (Smeets 2015, 103) oder auch eines „[r]éalisme de provocation“ (ebd.), der für öffentliche Aufregung und Polemik sorgt. Sie schildern die Qualen der zeitgenössischen französischen Gesellschaft (z.B. die Episode über Bruno und Anneliese, vgl. SM 2015, 92ff.) und kritisieren die okzidentale Welt stark (vgl. ebd., 56; Gasquet 2016, o.S.). Zudem lehnen sie einen politisch korrekten Realismus ab und beschwören stattdessen die gesellschaftliche Misere herauf (vgl. Smeets 2015, 103). Beide praktizieren eine systematische Desillusionierung des Lesers (vgl. Rabosseau 2007, 45). Somit ergeben sich eine Vielzahl an Parallelen zwischen Houellebecqs „réalisme non-consensuel voire réactionnaire“ (Smeets 2015, 103) und dem „naturalisme zolien“ (ebd.). Auch der anfänglich naturalistisch orientierte Schriftsteller Huysmans, der zugleich als wesentlicher Gegenstand in Soumission erscheint, steht Houellebecq literarisch nahe. Ein Schriftsteller, so Huysmans, soll nicht nur bloßer Gesellschaftsporträtist sein, sondern auch die Schattenseiten, die „Pustules vertes ou chairs roses“ (Huysmans 1991, 16), in den Blick nehmen. Es sind genau die „plaies“ (Houellebecq 1997, 26), von denen in Rester vivant die Rede ist, die seinen Rückbezug zum Naturalismus andeuten.

Gemeinsam ist Houellebecq mit den realistisch-naturalistischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts entsprechend nicht nur die Fähigkeit zur Beschreibung und Analyse, sondern auch ihr non-konformistisches Anliegen: Sie wollen bisher unerforschte Terrains begehen und die Gesellschaft „avec panache et sourire sardonique“ (Smeets 2015, 103) in all ihren Fassaden greifen, auch wenn sie dafür Verachtung ernten.

Von der Forschung wurde eine Strömung der kontemporären französischen Literatur in dem Paradigma des Retour au réel verortet. Die darunter gefassten Autoren wurden für ihre Skizzierung der gesellschaftlich-kulturellen Realität, welche unmittelbar auf die literarische Ästhetik des Nouveau Roman Bezug nimmt, gewürdigt. Dabei erfolgt eine Annäherung an die Realität unter Bewusstwerdung der Grenzen der literarischen Darstellungsmöglichkeiten (vgl. Komorowska 2016, 147f.). Houellebecq hingegen verfolgt eine gesonderte Form des Realismus: „[I]l ne s’intéresse pas au réel […], mais à la réalité visible, qu’il interprète, en fonction de sa mélancolie et en faisant appel à nos pulsions morbides“ (Angot 2015, o.S.). Er gestaltet keine möglichst originalgetreue Abbildung der Welt, sondern vielmehr eine spezifische Bezugnahme auf die Realität in realistisch-naturalistischer Tradition.

3.3.2 Authentifizierungsstrategien: Dokumentation und Recherche

Houellebecq bedient sich im Rahmen des Schreibprozesses seiner Romane mehrerer Authentifizierungstechniken, um seinen Roman realistisch wirken zu lassen. Er versucht damit die Authentizität und die Vraisemblance [14] seiner Schilderungen zu erhöhen. Infolgedessen gewinnt der Leser den Eindruck, dass das dargestellte Szenario der Realität entspricht bzw. sich zumindest künftig realisieren könnte.

Im Zuge seiner Romanvorbereitung begibt Houellebecq sich häufig auf Exkursionen, um möglichst authentische Informationen zu sammeln. Die genaue Dokumentation wiederum suggeriert dem Leser einen Wahrheitsgehalt und eine gewisse Zuverlässigkeit der Informationen (vgl. Smeets 2015, 102f.). Plateform e entsteht im Rahmen einer Thailandreise im Jahr 2000 (vgl. Sénécal 2001, o.S.), für La carte et le territoire macht Houellebecq Abstecher in die Büros der Pariser Kriminalpolizei (vgl. Van Loo 2011, o.S.) und für Soumission begibt Houellebecq sich -genau wie damals Joris-Karl Huysmans[15] - persönlich in das Kloster von Ligugé. Der Klosterbruder Joël Letellier, der ihn am 9. Dezember 2013 dort empfängt (vgl. La Nouvelle République 2015, o.S.), taucht sogar namentlich im Roman auf (vgl. SM 2015, 212). Entsprechend handelt es sich bei François' breit geschildertem Ligugé-Aufenthalt nicht um eine vollkommen fingierte Episode.[16] In Houellebecqs Vorgehensweise ergibt sich eine weitere Parallele zu den Naturalisten. Bereits Zola unternimmt für seinen Roman Germinal [17] (1885) Exkursionen in die Bergminen und besucht für La Débâcle [18] (1892) das Schlachtfeld von Sedan (vgl. Smeets 2015, 104).

Houellebecqs Anliegen der genauen Dokumentation ruft jedoch in der Vergangenheit Kontroversen hervor. 2010 sorgt Houellebecqs Roman La carte et le territoire für Aufruhr, weil darin mehrere nicht gekennzeichnete Auszüge aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia (z.B. über Beauvais oder die Stubenfliege) gefunden werden (vgl.ebd.). Während einige dies als rechtswidrig verurteilen, sprechen andere von einem altbekannten Verfahren. Bereits an Zola richten Kritiker den Vorwurf, dass er mit seinem Roman L’Œuvre Teile von Balzacs Novelle Le Chef-d’œuvre inconnu plagiiert habe (vgl. ebd.). Auch seine Veröffentlichung L’Assommoir (1877) wird des Plagiats beschuldigt, woraufhin Zola reagiert, indem er angibt, dass es sein Anliegen sei, sich auf die seriösesten Dokumente zu stützen und dass er daher vor dem Schreiben eine Vielzahl an Informationen ansammele (vgl. ebd., 105). Auf eine ähnliche Vorgehensweise lassen die literarischen und wissenschaftlichen Fragmente schließen, die man bei Flaubert oder Huysmans vorfindet (vgl. Smeets 2015, 105). Vincent Glad, der bereits die plagiierten Stellen in La carte et le territoire entdeckt, macht auch in Bezug auf Soumission auf solche aufmerksam (z.B. die Stelle über die griechische Hellseherin Kassandra vgl. SM 2015, 55) (Glad, zit. nach Smeets 2015, 105).

An dieser Stelle unterscheiden sich das juristische und das literarische Verständnis von einem Plagiat grundlegend. Im literarischen Zusammenhang ist ein Plagiat vielmehr als kreative Anleihe zu sehen, mit der man einen Vorgänger würdigt. Houellebecq oder Zola das (z.T. wörtliche) Kopieren einiger „technischer“ Passagen vorzuwerfen, bedeutet zugleich, eine gängigen Verfahrensweise der realistischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, an die Houellebecq eine Hommage richtet, geringzuschätzen (vgl. Smeets 2015, 105). Denn diese tradierte literarische Stratégie der Realisten, bei der die authentische Dokumentation sowie das Einbauen authentischer Fragmente in die Fiktion von großer Bedeutung ist, will nicht nur den Leser von der Qualität und der guten Fundierung des Geschriebenen überzeugen, sondern bedingt auch einen „effet de réel“ (ebd.). Möglicherweise ist dieses Strategie des „copié-collé“[19] das einzige, wirklich realistische Schreibverfahren (vgl. ebd., 106).

Ferner ist der neutrale Beobachter für Houellebecq von zentraler Funktion, denn dieser erweist sich für den Leser als besonders authentisch und überzeugend. François, der sich als unpolitisch beschreibt (vgl. SM 2015, 50), verfolgt und kommentiert die Präsidentschaftswahl sowie die gesellschaftlichen Veränderungen nach Ben Abbes' Wahlsieg (vgl. ebd., 201). Seine Haltung hinsichtlich der immer stärker hervortretenden Veränderungen lässt sich jedoch als weitestgehend neutral bezeichnen.[20] Diese mangelnde politische Positionierung und die antipathische Aura des Protagonisten sind typisch für zeitgenössische französische Romane: „[L]e personnage contemporain ne cherche plus à rétablir le lien avec la société: il s’invente un point de vue extérieur d’où regarder librement les ruines du monde“ (Biron 2005, 41).

[...]


[1] Allein in der ersten Woche nach der Veröffentlichung werden in Frankreich über 100.000 Exem-plare verkauft (vgl. Flood 2015, o.S.). Zudem schafft Soumission es sowohl in Frankreich als auch in Deutschland an die Spitze der Amazon-Bestseller-Liste (vgl. Hammelehle 2015, o.S.).

[2] Am 16. Januar folgt die deutsche Übersetzung des Kölner DuMont -Verlags.

[3] Exemplarisch ist hier Houellebecqs Äußerung im Rahmen eines 2001 von Sénécal Didier geführten Interviews zu nennen: ‚Et la religion la plus con, c'est quand même l'islam. Quand on lit le Coran, on est effondré... effondré!‘ (Houellebecq, zit. nach Sénécal 2001, o.S.).

[4] Dazu zählen u.a. André Glucksmann, Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy.

[5] Als Bernard-Henri Lévy 1977 sein Buch La Barbarie à visage humain veröffentlicht, prophezeit er darin eine umfassende Marxifizierung Frankreichs und stellt es dementsprechend als Aufgabe der neuen Linksintellektuellen dar, den „totalitären, also ‚barbarischen‘ Marxismus“ (Spiegel Nr. 30/1977, 126) zu verhindern.

[6] Dahinter steckt der Gedanke, dass die rechtsextrem orientierten Wähler ihre Stimmen aufgrund der Aussichtslosigkeit von Le Pen ansonsten der gaullistischen Rechten gegeben hätten.

[7] Der französische Staat untersagt die statistische Erhebung über die ethnische oder konfessionelle Zugehörigkeit der Bevölkerung, sodass alle diesbezüglichen Angaben auf Schätzungen beruhen.

[8] Ausgelöst durch einen Vorfall mit drei maghrebinischen Schülerinnen des Collège Gabriel- Havez in Creil, die sich geweigert hatten, ihre Kopftücher während des Unterrichts abzulegen und daraufhin durch den Schuldirektor vom Unterrichtsgeschehen ausgeschlossen wurden, entflammte eine landesweite Debatte über die Integration muslimischer Immigranten sowie die französische Identität (vgl. Lahouri 2003 o.S.).

[9] Das Szenario entspricht der von der französische Historikerin der Psychoanalyse Élisabeth Roudinesco kritisierten 'intellektuelle[n] Lähmung' (Altwegg 2016a, o.S.) der Franzosen. Sie diagnostiziert für Frankreich historisch verwurzelte faschistische Tendenzen. Während die Vichy-Reaktionäre, die den FN unterstützen, derzeit eine Vormachtstellung besitzen, legen andererseits die französischen Politiker angesichts des Islams eine kollaborative Haltung wie einst Pétain an den Tag (vgl. ebd.). Indes verlassen viele Juden Frankreich, um - trotz der problematischen Lage - nach Israel zu immigrieren. 2014 waren es laut einem Bericht der Jewish Agency for Israel rund 7000 Juden und damit doppelt so viele wie noch im Vorjahr (vgl. Almeida N. 2015, 70).

[10] Dies geschah vermutlich durch ein für die Presse bestimmtes fotokopiertes Druckexemplar.

[11] Diesbezüglich wird auf Kapitel 3.3.2 verwiesen.

[12] Joris- Karl Huysmans (1848-1907), Schriftsteller der dekadenten Literatur des Fin de siécle. Huysmans ist nicht nur Thema der Doktorarbeit sondern auch Leitbild des Romanprotagonisten François, was zu über den gesamten Roman verteilten enzyklopädieartigen Einschüben über Huysmans Leben und seine literarischen Schaffensperioden führt (vgl. Almeida J. 2015, 45f.).

[13] Diesbezüglich wird auf Kapitel 3.4.2 verwiesen.

[14] Der Terminus Vraisemblance stammt aus der Doctrine classique des 17. Jahrhunderts und be-zieht sich auf die Wahrscheinlichkeit („Probabilité proche de la certitude“ - Larousse en ligne, „Vraisemblance“) und die Realitätskonformität eines Geschehens (vgl. ebd.).

[15] Huysmans hielt sich ab 1892 mehrmals und schließlich auch für längere Zeit in Ligugé auf.

[16] Fragwürdig ist angesichts der Kürze des Aufenthalts jedoch, ob von einem ernsten Dokumen-tationsversuchs die Rede sein kann (vgl. Smeets 2015, 104). Houellebecq bleibt nach eigenen Angaben nur zwei Tage anstatt der ursprünglich vorgesehenen Woche, weil dort Rauchverbot herrscht (vgl. Henric/Millet 2015, o.S.).

[17] Germinal thematisiert vor allem die schlechten Bedingungen in den Bergminen Frankreichs.

[18] Darin wird unter anderem die Schlacht bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg geschildert.

[19] „Le copié-collé est aussi une manière efficace pour faire entrer ‚les choses du réel‘ dans la fic-tion et ainsi activer l’imagination de l’écrivain. Il est en ce sens le tremplin de la création littéraire“ (Smeets 2015, 106).

[20] Vgl. auch Houellebecqs Äußerung in einem Interview: ,Je capte une situation, c’est tout. Je par-viens à capter parce que je n’ai pas d’a priori, je suis neutre‘ (Houellebecq, zit. nach Lancelin 2015, o.S.).

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Michel Houellebecqs "Soumission". Antizipation und Nachgegenwartsutopie
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Romanistik)
Veranstaltung
Interkulturelle Studien – Romanistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
76
Katalognummer
V342688
ISBN (eBook)
9783668328143
ISBN (Buch)
9783668328150
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Houellebecq, Unterwerfung, Soumission, Islam, Provokation, Politische Fiktion, Dystopie, Eutopie, Utopie, Zeitgenössische französische Literatur, Contemporary French literature
Arbeit zitieren
Gina Hölzel (Autor), 2016, Michel Houellebecqs "Soumission". Antizipation und Nachgegenwartsutopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342688

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