Die Spiegel-Affäre im Kontext der Deutschen Frage

Zusammenstoß zwischen Staatsmacht und Pressefreiheit als Ergebnis der Kontroverse um die Deutschlandfrage?


Seminararbeit, 2014

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Inhaltliche und methodische Vorüberlegungen
1. Zur Fragestellung
2. Forschungsstand
3. Quellen- und Literaturlage
4. Methodisches Vorgehen

II. Augstein und Strauß - Symbolfiguren des öffentlichen Diskurses zur Deutschlandfrage
1. Rudolf Augstein - Fürsprecher einer Annäherung an die DDR
2. Franz Josef Strauß und das Feindbild Sowjetunion
3. Eine Privatfehde als Ausdruck möglicher Standpunkte in der Deutschen Frage

III. „Der Spiegel“ als Gefahr für Adenauers Deutschlandpolitik
1. „Systemfremdes Kampfblatt“ - Ein Risiko für die öffentliche politische Stimmung?
2. Die Rolle Adenauers

Schlussbemerkungen

Quellen- & Literaturverzeichnis

1. Quellen

2. Darstellungen

Einführung

Viel wurde bereits zur sogenannten „SPIEGEL-Affäre“ aus dem Jahr 1962 gesagt und nicht zuletzt auch geschrieben. Die entsprechenden Beurteilungen reichen von einem „Überfall der Staatsgewalt“1, einem „Angriff auf die Pressefreiheit“2, der „Geburtsstunde der kritischen Öffentlichkeit“3bis hin zu einem „Abgrund von Landesverrat“4. Sicherlich ist der Vorfall insbesondere vor dem Hintergrund der Frage nach einer real existierenden Pressefreiheit in Deutschland ein entscheidendes historisches Ereignis, allerdings gibt es in Anbetracht der besonderen politischen Situation zum Zeitpunkt der Affäre weitere Dimensionen der Untersuchung, welche von historischer Relevanz sind und daher einer wissenschaftlichen Bearbeitung bedürfen.

Im Zuge der deutschen Teilung zwischen 1949 und 1990 ergibt sich aus jeder politischen Konfliktsituation, ungeachtet ihrer innen- oder außenpolitischen Wirkungsrichtung, ein möglicher Interpretationsansatz hinsichtlich eines Einflusses durch, beziehungsweise auf jene politische Debatte über die Möglichkeiten einer Wiedervereinigung der deutschen Teilstaaten, besser bekannt als „Deutschlandfrage“. Somit kann ein Ereignis von solch politischer Brisanz und öffentlichem Interesse zwangsläufig auch im Kontext jenes Diskurses über die Ausrichtung der Deutschlandpolitik betrachtet werden, da dieser die politische Öffentlichkeit zu jener Zeit beherrschte. Die SPIEGEL-Affäre bietet demnach die Möglichkeit, zwischen selbiger und der politischen Ausrichtung der BRD in Bezug auf den vorherrschenden Ost- West-Konflikt eine theoretische Verbindung herzustellen und auf Wechselwirkungen zu untersuchen. Im Fokus steht hierbei nicht der chronologische Verlauf der Ereignisse oder die, wie bereits erwähnt, vielfach betonte Bedeutung für die Festigung einer Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland, noch soll der Schwerpunkt auf die innenpolitische Tragweite des Vorfalls gelegt werden. Vielmehr geht es in erster Linie darum, deutlich zu machen, welchen Einfluss die Frage nach einer möglichen Wiedervereinigung sowohl auf die Geschehnisse der Jahre 1962/63 als auch umgekehrt besaß.

Durch diesen Grundgedanken ergibt sich ein Vielzahl von analytischen Blickwinkeln, welche in ihrer Summe eine neue Beurteilungsgrundlage der SPIEGEL-Affäre zum Vorschein bringen könnten und gleichzeitig einer Illustration der westdeutschen Deutschlandpolitik unter Konrad Adenauer dienen.

I. Inhaltliche und methodische Vorüberlegungen

1. Zur Fragestellung

Im Zuge der Einleitung wurde bereits auf den groben Untersuchungsrahmen eingegangen und verdeutlicht, dass der Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung auf einer möglichen wechselseitigen Beziehung zwischen SPIEGEL-Affäre und westdeutschen Behandlung der Deutschlandfrage liegen soll. Hierzu wird zunächst die These aufgestellt, dass die eigentliche Affäre, verursacht durch die Veröffentlichung des SPIEGEL-Artikels „Bedingt abwehrbereit“ vom 08. Oktober 1962 letztlich die Folge einer grundlegenden Meinungsverschiedenheit in Bezug auf die Ausrichtung der Deutschlandpolitik hinsichtlich der Ost-West-Beziehungen war. Die beteiligten Personen, allen voran SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein sowie der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß dienen demnach als Vertreter unterschiedlicher Standpunkte, die in einem Widerspruch standen, welcher sich letztlich in einer medialen Konfrontation manifestierte. Damit einhergehend stellt sich automatisch die Frage, ob und in welchem Ausmaß somit die Deutschlandfrage und die politische Ausrichtung Strauß’ gen Westen als Teil der Regierung Adenauer das kritische und verurteilende Meinungsbild des Spiegels in jenen Jahren, welches letztlich zum Zusammenstoß mit der Staatsmacht führte, hervorrief und zunehmend bestärkte. Zusammengefasst soll also im ersten Teil der Arbeit analysiert werden, welchen Einfluss die Politik der Westintegration auf jenen berühmten innenpolitischen Konflikt der Jahre 1962/63 besaß.

Darüber hinaus muss im Umkehrschluss davon ausgegangen werden, dass die Reaktion der Bundesregierung auf den Artikel abseits des deutlich gemachten Vorwurfs des „Landesverrats“ eine außenpolitische Intention besaß. Das aggressive Vorgehen der politischen Führung der BRD gegen ein einzelnes Nachrichtenmagazin kann möglicherweise als Symbol für ein Null-Toleranz-Politik gegenüber jeglichen Aktivitäten, die eine Gefährdung für die außenpolitische Linie der Anbindung an den Westen auf Kosten einer zeitnahen Wiedervereinigung darstellen, verstanden werden. Es bleibt zu hinterfragen inwieweit Bundeskanzler Adenauer seine außenpolitischen Ziele durch die Aktivitäten des SPIEGELS als gefährdet ansah und welche Rolle die forcierte politische Nähe zu den Westmächten beim Umgang mit dem Vorfall spielte. Damit einhergehend würde der journalistischen Tätigkeit des Spiegels jener Zeit eine öffentliche Strahlkraft hinsichtlich eines politischen Bewusstseins zugestanden, welche nicht zuletzt einen Einfluss auf die öffentliche Meinung zur Deutschlandfrage besessen haben würde. Dies muss ebenfalls überprüft und in die Überlegungen mit einbezogen werden.

Die Untersuchung zielt somit auf die Herausarbeitung inwieweit die Frage der Wiedervereinigung als treibende Kraft jener Ereignisse im Zusammenhang mit der SPIEGELAffäre angesehen werden kann.

2. Forschungsstand

Die SPIEGEL-Affäre und ihre Folgen wurden bereits vielfach wissenschaftlich untersucht und aufgearbeitet. Als „Meilenstein der Pressefreiheit“5wurde der Vorfall jedoch zumeist hinsichtlich seiner Bedeutung für die Freiheit des Journalismus und Pressewesens in Deutschland beurteilt. Im Fokus des wissenschaftlichen Interesses standen weniger die politischen Hintergründe der Affäre als vielmehr der Zusammenstoß zwischen staatlicher Obrigkeit und der, zu einem Symbol demokratischer Grundprinzipen erhobenen, Presse. Ein Großteil der relevanten Fachliteratur dreht sich dementsprechend um Fragen der verfassungsrechtlichen Folgen und den durch den Vorfall initiierten Wandel im Verhältnis zwischen Bürgertum und Staatsmacht. So kommt Rudolf Augstein, eine zentrale Figur der Affäre zu dem Schluss, dass die „Staatsgewalt [...] für immer den Schimmer der Unfehlbarkeit (verloren hatte)“.6

Ebenso sind die beteiligten Personen, wie Augstein oder Strauß bereits Inhalt zahlreicher Untersuchungen und Abhandlungen. Insbesondere diese beiden Männer stehen symbolisch für die Geschehnisse rund um die Affäre und wurden demnach intensiv in die Forschung zum Thema einbezogen. Die Ereignisse im Jahr 1962 sind untrennbar mit beider Biographien verbunden, weshalb auch jede wissenschaftliche Darstellung ihrer Lebenswege unweigerlich die SPIEGEL-Affäre thematisiert und in einen personenbezogenen Kontext einordnet. Für die vorliegende Untersuchung könnte dieser Teil der Forschung von Nutzen sein, da womöglich politische Haltungen zur Deutschlandfrage zu Tage treten, welche für Kapitel II von Bedeutung sind.

Zum eigentlichen Interesse dieser Arbeit, der Rolle der deutschen Frage innerhalb des Konflikts, gibt es bisher so gut wie keine grundlegenden Arbeiten und wissenschaftlichen Forschungen, da im öffentlichen Diskurs über den Vorfall ein klarer Schwerpunkt auf das Für und Wider des Landesverratsvorwurfs und der damit verbundenen Frage nach Grenzen und Befugnissen journalistischer Tätigkeit gelegt wurde. In den einsetzenden Debatten und der wissenschaftlichen Aufarbeitung der letzten 50 Jahre fand die unterschwellige politische Disparität zwischen SPIEGEL-Redaktion und Regierung in Bezug auf die Deutschlandpolitik der BRD lediglich eine beiläufige Beachtung. Fakt ist jedoch, dass die SPIEGEL-Affäre bisher noch nicht wissenschaftlich in einem Gesamtkontext der Deutschlandfrage untersucht wurde und dieser analytische Schwerpunkt eine bisher ungenutzte Perspektive auf die Ereignisse der Jahre 1962/63 darstellt.

3. Quellen- und Literaturlage

Wie bereits angedeutet, existiert eine Vielzahl an Fachliteratur zum Thema der SPIEGELAffäre. Zur allgemeinen Aufarbeitung der Ereignisse sind insbesondere das Werk „Die SPIEGEL-Affäre. Ein Skandal und seine Folgen“, herausgegeben von Martin Doerry und Hauke Janssen, sowie David Schoenbaums Monographie „Ein Abgrund von Landesverrat. Die Affäre um den ‚Spiegel’“ von großem Wert. Ebenso wurden mehrere Biographien der beteiligten Personen geschrieben, welche von Nutzen sein können. So haben SPIEGELMitbegründer Leo Brawand ebenso wie Peter Merseburger ausführliche Abhandlungen über Rudolf Augstein veröffentlicht. Auch über Franz Josef Strauß gibt es zahlreiche Werke, unter anderem Wolfram Bickerichs „Franz Josef Strauß: Die Biographie“.

Der eigentliche Erkenntnisgewinn im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt hiesiger Untersuchung muss jedoch auf Basis einiger relevanter Quellen erfolgen. Nur über Zeugnisse der beteiligten Personen lassen sich Aussagen über die politischen Hintergründe und Intentionen machen, die im Kontext der Deutschlandfrage und der Beurteilung der Adenauerschen Westintegrationspolitik eine Relevanz besitzen. Daher stützt sich die vorliegende Arbeit in erster Linie auf persönliche Erinnerungen und Aufzeichnungen der involvierten Charaktere, allen voran Rudolf Augstein, Franz Josef Strauß und Konrad Adenauer als Symbolfigur der westdeutschen Außenpolitik. Die Quellenlage diesbezüglich erscheint vielfältig, so existieren neben Memoiren der Männer, auch Dokumente in Form von Gesprächsnotizen, Reden oder Briefwechsel.

Um zu ergründen, wie die SPIEGEL-Affäre die politische Stimmung hinsichtlich des Ost- West-Konfliktes veränderte und inwieweit sie einen Einfluss auf die Entspannungstendenzen Mitte der 60er Jahre besessen haben könnte, muss zwingend auch Material zu Rate gezogen werden, welche die öffentlich wahrnehmbaren Folgen der Ereignisse aus erster Hand widergibt. Als Vorteil erweist sich hierbei, dass der Konflikt eine große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog und so viele authentische Schriftstücke vorliegen. Nicht zuletzt existiert auf Grund der Tatsache, dass die Affäre verfassungsrechtlich aufgearbeitet wurde, diverses Aktenmaterial. Es lassen sich sowohl Dokumente, wie das Gutachten des Bundesverteidigungsministeriums über den Tatbestand des „Landesverrates“ als auch Materialien, wie der „Bericht der Sozialdemokratischen Bundestagsfraktion über die Behandlung der Spiegel-Affäre durch die Bundesregierung“ zu Rate ziehen. Inwieweit die genannten Möglichkeiten des Informationsbezuges für die Untersuchung dienlich sind, bleibt abzuwarten, da bisher kein Versuch unternommen wurde, die SPIEGELAffäre in einem gesamtdeutschen Kontext zu untersuchen.

4. Methodisches Vorgehen

Da ich mich ausschließlich auf schriftliche Quellen beziehen werde, steht das Arbeiten auf Basis der historisch-kritischen Methode im Vordergrund. So soll anhand der genutzten Texte herausgearbeitet werden, ob und wenn ja, in welchem Ausmaß zwischen der SPIEGEL-Affäre in der BRD und den politischen Entwicklungen in Bezug auf die deutsche Frage eine Korrelation nachgewiesen werden kann.

Hierzu ist die Arbeit in zwei Abschnitte gegliedert, die auf verschiedenen Grundthesen beruhen und die Perspektive zum einen auf den Ursprung und zum anderen auf die Folgen der Affäre lenken. Zunächst soll untersucht werden, inwiefern sich der Konflikt zwischen den Verantwortlichen des Spiegel-Magazins und den betroffenen Führungspersönlichkeiten der BRD möglicherweise auch als Ergebnis unterschiedlicher Vorstellungen über das westdeutsche Vorgehen in der Deutschlandfrage darstellte. Anhand der relevanten Literatur und des Quellenmaterials soll eine fundierte Aussage diesbezüglich ermöglicht werden.

In einem zweiten Schritt wird der Fokus auf die Auswirkungen der Affäre innerhalb der deutsch-deutschen Entwicklungen gelegt und mittels einer intensiven Auseinandersetzung mit der Person Konrad Adenauers und dessen politischer Ausrichtung geklärt werden, inwieweit „Der SPIEGEL“ als Störfaktor für die Legitimierung der westdeutschen Außenpolitik betrachtet werden kann.

Die, auf diesem Weg, gesammelten Erkenntnisse dienen im Ganzen einem neuen Interpretationsansatz der SPIEGEL-Affäre, eines bedeutenden historischen Ereignisses der Zeitgeschichte.7Die These, auf die dieser Deutungsversuch fußt, ist jedoch gleichsam zu beweisen, sodass das Ergebnis der Untersuchung zunächst offen erscheint.

[...]


1Wild, http://www.spiegel-affaere.de/pressefreiheit/ein-uberfall-der-staatsgewalt/.

2Desch, in: Der Spiegel, Heft 45/62, S. 82.

3Birkenmeier, http://m.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.essay-ueber-die-spiegel-affaere-der-untote- obrigkeitsstaat.793d6f6a-a9ac-48dd-82ee-0b9e8a217a03.html.

4Adenauer vor dem deutschen Bundestag, 07. November 1962.

5Pöttker, S. 1.

6Wild, S. 2.

7Die Epochenbezeichnung „Zeitgeschichte“ wird hier, neueren Definitionen folgend, als Abschnitt seit Ende des 2. Weltkrieges verstanden und genutzt.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Spiegel-Affäre im Kontext der Deutschen Frage
Untertitel
Zusammenstoß zwischen Staatsmacht und Pressefreiheit als Ergebnis der Kontroverse um die Deutschlandfrage?
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar Willy Brandt und die neue Ostpolitik
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V342690
ISBN (eBook)
9783668321922
ISBN (Buch)
9783668321939
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschlandfrage, Spiegel-Affäre, Der Spiegel, Rudolf Augstein, Franz Josef Strauß, Konrad Adenauer, Pressefreiheit
Arbeit zitieren
Robert Witte (Autor), 2014, Die Spiegel-Affäre im Kontext der Deutschen Frage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342690

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