Die Rolle. Zur Geschichte und Kritik eines zentralen sozialwissenschaftlichen Begriffes


Klausur, 1992

6 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Gliederung

1. Die Rolle als soziologische Kategorie

2. Das konventionelle Rollenkonzept

3. Die Aneignung der Rollen

4. Die Rolle und die Sanktionen

5. Der Rollenkonflikt

6. Die Funktion der Rolle in der konventionellen Rollentheorie

7. Das interaktionistische Rollenkonzept

8. Die Rolle und die Ich-Identität

9. Erfolgreiches Rollenhandeln

10. Die Struktur der Ich-Identität

11. Kritik der rollentheoretischen Ansätze

1. Die Rolle als soziologische Kategorie

In der ersten Phase ihrer Geschichte war Soziologie so gut wie ausschließlich Lehre von der Gesellschaft. Um die Jahrhundertwende verschob sich der Akzent auf die soziale Gruppe. Im weiteren Verlauf hat dann die Kategorie der »sozialen Rolle« fast die Stellung der Gruppe in der soziologischen Diskussion übernommen und zwar quer durch alle sonst so differenten wissenschaftstheoretischen Richtungen hindurch, obwohl diese Kategorie ursprünglich aus systemtheoretischem Zusammenhang stammt und auch heute noch ihren ersten Platz dort einnimmt. Vielleicht deshalb, weil die Rolle verspricht, das zu einem so­zialen Wesen sozialisierte Individuum ebenso wie die soziologischen Probleme der Klein­gruppe und die »makrosoziologischen Systeme« (Organisationen, Gesamtgesellschaft) un­ter einem gemeinsamen Erklärungsansatz erfassen zu können.

Wegen der Möglichkeit des Begriffes der Rolle als Erfassung der Vermittlung von Einzelnen und der Gesellschaft zu dienen, sieht Ralf Dahrendorf in diesem Begriff eine analyti­sche Elementarkategorie der Soziologie.

Neben Ralph Linton war es vor allem George Herbert Mead, der den Begriff der Rolle für die Diskussion von Problemen der Vergesellschaftung des Menschen aufgriff. Mit beiden Namen verbinden sich zwei unterschiedliche Rollenkonzepte.

Einmal das konventionelle Rollenkonzept, das von Linton ausgehend durch Talcott Parsons und Robert K. Merton aus der strukturell-funkionalistischen Perspektive entwickelt wurde. Zum anderen die Rollenkonzeption des Interaktionismus. Die Meadsche Tradition des symbolischen Interaktionismus aufgreifend entwickelten Ralph H. Turner, Lothar Krappmann und Hans Peter Dreitzel ein wesentlich anderes Rollenkonzept.

2. Das konventionelle Rollenkonzept

Der amerikanische Anthropologe Linton führte 1936 den Begriff der Rolle in der Unter­scheidung zum Begriff »Status« ein. Unter Status verstand Linton im abstrakten Sinne ei­ne Position in einem besonderen Muster. Bezogen auf soziale Systeme meinte dieses einen bestimmten Platz innerhalb dieses sozialen Systems, den ein Individuum zu einer be­stimmten Zeit einnimmt. Man kann daher unter Status (bei Linton) »Positionen« als objek­tivierte Funktionen innerhalb eines Gesamtsystems für dessen Zielerfüllung sehen. Der Ausdruck Position hat sich hierfür später durchgesetzt. Der Begriff Status wurde dann für die Bewertung dieser Position vorbehalten und zwar hinsichtlich ihrer damit verbundenen Rechte und Pflichten und des damit verbundenen Prestige. So wurde es besonders von Heinz Kluth und Ralf Dahrendorf herausgestellt. Zu jeder Position (Status bei Linton) gehört nach Linton ein Komplex von kulturellen Mustern. Dieser umfaßt die Einstellun­gen, Wertvor-stellungen und Verhaltensweisen, die einem Inhaber dieser Position von der Gesellschaft zugemutet werden. Diese Zuschreibung durch die Gesellschaft erfaßt Linton mit dem Begriff der Rolle. Dahrendorf spricht in diesem Zusammenhang davon, daß die soziale Rolle kein tatsächliches Verhalten bezeichne, sondern einen Komplex von Verhaltenserwartungen. Linton schließt in diesen Erwartungskomplex die Verhaltenserwartungen der Positionsinhaber an andere innerhalb des gleichen sozialen Systems ein. Die Positio­nen geben die Orte in den sozialen Bezugsfeldern an und die Rollen weisen auf die Art der Beziehungen zwischen den Positionsinhabern in dem jeweiligen sozialen Bezugsfeld. Die Positionen sind also von bestimmten Einzelnen unabhängig und präsentieren so die Struk­tur des sozialen Systems.

3. Die Aneignung der Rollen

In diese Struktur gelangt der konkrete Einzelne entweder dadurch, daß ihm eine bestimmte Position zugeschrieben wird, etwa die geschlechtspezifische Position oder in der Zuschrei­bung durch das Alter (Kind, Erwachsener, Greis, Rentner) oder dadurch, daß er durch die Erlangung von positions-spezifischen Qualifikationen eine Position erwirbt. Die Aneignung der jeweiligen Verhaltens-erwartungen, der zugeschriebenen oder erworbe­nen Positionen, geschieht durch den Prozeß der Sozialisation. In diesem lernt der Einzelne die Rollenerwartungen und »internalisiert« sie, indem er lernt, diesen Erwartungen gemäß sich ganz selbstverständlich zu verhalten. Für Dahrendorf drückt sich in diesem Prozeß der »Vergesellschaftung« eine Entfremdung des »reinen ganzen Menschen« zum »homo soziologicus« aus. Auch Adorno sieht in der Vorstellung des rollenhaften Verhaltens des ver­gesellschafteten Menschen eine »Entpersönlichung«, die er aber anders als Dahrendorf nur einer bestimmten historischen Gesellschaftsstruktur zuspricht. Adorno verweist auf die Herkunft des Begriffes Rolle aus der Theaterwelt, wo ja auch nicht der Schauspieler das real ist, was er spielt. Wie der Begriff Verhaltenserwartung schon andeutet, beinhaltet das Normative der Rollen eine Art Zwang für den Einzelnen.

4. Die Rolle und die Sanktionen

Mit der Verbindlichkeit der Erwartungen verbinden sich Maßnahmen (Sanktionen), die ei­ne weitgehende Einhaltung der Normen mehr oder minder erzwingen sollen. Die Art der Sanktionen (positive oder negative) richten sich, so Dahrendorf, nach den For­men der Rollenerwartungen, die er in Muß-, Soll- und Kann-Erwartungen unterscheidet. Alle Muß-Erwartungen (so etwa die fixierten Gesetze) sind ausdrücklich formuliert und nahezu absolut verbindlich und werden daher grundsätzlich negativ sanktioniert (gericht­lich bestraft). Auch Soll-Erwartungen haben eine zwingende Verbind-lichkeit und werden bei Nichtbeachtung ebenfalls überwiegend negativ sanktioniert. Allerdings nicht durch ei­ne gerichtliche Bestrafung, sondern durch sozialen Ausschluß (z.B. Verlust der Mitglied­schaft). Bei Erfüllung der Erwartungen kann der Handelnde mit Sympathie als positive Sanktio-nierung rechnen. Die Erfüllung der Kann-Erwartungen wiederum sichert dem Er­füllenden besondere Wertschätzung. Nichterfüllung kann Antipathie hervorrufen. Mit dem Entsprechen der Erwartungen durch das einzelne Rollenhandeln bindet sich der Handelnde also zugleich an das Recht, die Sitte und die Gewohnheit der jeweiligen Ge­sellschaft. Dahrendorf betont, daß zwischen Muß-, Soll- und Kann-Erwartungen und dem Gesetz, der Sitte und der Gewohnheit nicht nur eine Analogie bestünde, sondern beide Be­griffsgruppen sich auf identische Gegenstände bezögen. Während Linton jeder Position nur eine Rolle zugeordnet sah, hob Merton hervor, daß zu jeder Position ein »Rollen-Set« gehöre. Darunter versteht er eine Kombination von Rollenbeziehungen, die auf den Positi­onsinhaber einwirken. So umfaßt z.B. der Rollen-Set eines Lehrers die Beziehungen zu den Schülern, den Kolle-gen, dem Schuldirektor, den Eltern der Schüler usw. und die ent­sprechend unterschiedlichen Erwartungen. Mit dem Rollen-Set sind also Bezugspersonen oder -gruppen angesprochen, die daß Verhalten des Positionsinhabers positiv oder negativ sanktionieren können.

5. Der Rollenkonflikt

Da jedes Individuum nicht nur eine Position, sondern zugleich mehrere innehat mit entsprechenden Bezugsgruppen, spricht Linton von aktivem und latentem Status (Position). Nur eine Position ist zu einem bestimmten Zeitpunkt aktualisiert und die anderen mit dem entsprechenden Rollenverhalten bleiben in der Handlungssituation latent. So mag jemand Lehrer, Vater und Parteimitglied sein, wobei die Lehrerrolle zu einem anderen Zeitpunkt aktualisiert wird als etwa die Vaterrolle.

Die Vielschichtigkeit der Erwartungen, die von den Bezugsgruppen einer Position an den Inhaber dieser Handlungsposition gerichtet sind, enthält die Möglichkeit von divergierenden Verhaltens-erwartungen, die dann einen "Intra-Rollenkonflikt" auslösen können. Der Industrie- oder Werkmeister gehört einerseits zum betrieblichen Führungssystem andererseits ist er ein Abkömmling der gleichen sozialen Schicht, der die ihm formal unterstellten Arbeiter angehören. Entsprechend unterschiedlich beziehungsweise konträr sind die Vorstellungen von seiner Rolle.

Merton weist auf einige Mechanismen, die dieses Konfliktpotential vermindern können. So dadurch, daß die verschiedenen Bezugspersonen nicht in gleicher Weise an der Rolle interessiert sind, oder auch weil nicht alle die gleiche Macht der Sanktionsausübung haben oder auch nur unterschiedliche Möglichkeiten der Überprüfung haben. Schließlich kann der Rollenhandelnde auch die Widersprüche deutlich machen und damit den Konflikt von sich weg auf die Bezugspersonen verschieben.

Eine andere Art von Konflikt ergibt sich aus der Widersprüchlichkeit oder Unvereinbarkeit der verschiedenen Positionsrollen, die das Individuum zugleich einnimmt. Inter-Rollenkonflikte können sich aus den unterschiedlichen Erwartungen, die sich z.B. aus der familiären und der beruflichen Position, der Position im Berufsverband oder auch der im Freundeskreis ergeben. Auch hier wirken einige Mechanismen stabilisierend auf das Verhalten. Einerseits gibt es Positionen, die sich gegenseitig von vornherein ausschließen, wie z.B. die des katholischen Priesters und die des Ehemannes. Auch wirkt das Wissen der anderen um die Vielzahl der Positionen, die jemand innehat, ausgleichend, weil man die Position nach ihrer Bedeutung unterschiedlich bewertet. Ferner können Inter-Rollenkonflikte durch eine räumliche und zeitliche Trennung der widersprechenden Handlungsbereiche gemildert werden. Typische Positionsreihen und damit verbunden sogenannte Rollensequenzen sorgen für eine zeitliche Abfolge schwer vereinbarer Positionen.

6. Die Funktion der Rolle in der konventionellen Rollentheorie

Wenn also soziale Rollen, gemäß der bisherigen Darstellung, als ein Versuch angesehen werden können, dauerhafte soziale Beziehungen herzustellen und diese erreicht werden sollen, indem das Verhalten eines Positionsinhabers mit Hilfe der Erwartungen der sozia­len Umwelt auf die Regeln und Nonnen verpflichtet wird, dann bedeuten Konflikte durch unterschiedliche Erwartungen eine Gefähr-dung dieser dauerhaften Beziehungen. Diese Auffassung führte dann im strukturell-funktio-nalistischen Systemansatz von Parsons zu ei­ner Einschätzung solchen »abweichenden Verhaltens« aufgrund der Rollenkonflikte als dysfunktional für das zum Überleben notwendige Gleichgewicht eines gesellschaftlichen Systems. Das Ideal erfolgreichen Rollenhandelns war daher dasjenige, welches auf Norm­konformität bedacht war. In der Orientierung an den vorgegebenen Normen, die gleich in­terpretiert werden und den Bedürfnissen der Rollenpartner im optimalen Falle Befriedi­gung gewähren, wäre die Stabilität der Institutionen gegeben, wenn die Individuen die Rollennormen aufgrund vorangegangener Internalisierungsprozesse (d.h. quasi »automatisch«) erfüllten. Das bedeutet, wie Parsons hervorhebt, die Personen spielen nicht die Rol­len, sondern sind diese Rollen. Hiergegen allerdings wendet sich Dahrendorf, wie bereits erwähnt. Dahrendorf weist demgegenüber im »homo soziologicus« auf einen Grundkonflikt. Die Vergesellschaftung zum Rollenspieler begreift er als Entfremdung, die dem sozial Handelnden niemals volle Erfül­lung der Bedürfnisse ermögliche. Ferner zeigen sich die Inter- und Intra-Rollenkonflikte bei Dahrendorf nicht in grundsätzlich nega-tiver Bedeutung, sondern haben für den Wandel von Rollenerwartungen eine durchaus positive Funktion. Heinz Kluth, der diesen Grund­konflikt als Scheinkonflikt zurückweist, weil die Menschheit niemals beim Stande »Null« anzufangen vermag und der rollenfreie Mensch nur eine Fiktion sei, sieht in den Konflik­ten, die sich in einer pluralistischen Gesellschaft wegen der vielschichtigen Positionen und daher auch divergierenden Erwartungen ergeben, sogar einen Spielraum für die freie Ent­faltung des Individuums. Gerade wegen der Mehrfachmitgliedschaft des Menschen in der modernen Gesellschaft könne keine Rolle mehr Anspruch auf Dominanz erheben, d.h. je­de Rolle habe eine relative Unabhängigkeit gegenüber den anderen Teilsystemen. Diese Partikularisierung der sozialen Rollen sei der Ausdruck dafür, daß das Individuum in einer hochdifferenzierten Gesellschaft keiner sozialen Rolle vollständig angehört. Ein Stück »Fremdheit« bleibe immer bewahrt. Diese Distanz gegenüber der aktuellen Rolle sei sogar notwendig, wenn die Zugehörigkeit zu den anderen sozialen Positionen nicht gefährdet werden soll. Mit diesem »inneren« Abstand zum eigenen Verhalten, der durch diese Fremdheit ermöglicht wird, ist das angesprochen, was in der Rollentheorie Rollendistanz genannt wird. Diese ist die notwendige Bedingung für eine Mehrfachmitgliedschaft des Menschen in einer modernen, gewissermaßen immer etwas »desintegrierten« Gesellschaft und ermöglicht dem Individuum die nebeneinandergelagerten, teils sich überschneidenden und dem Prinzip nach nicht gleichsinnig strukturierten Rollen trotz ihrer Konflikthaftigkeit mitgestaltend erfüllen zu können. Damit wird allerdings auch ein bestimmendes Maß an Entscheidungsfähigkeit und -bereitschaft gefordert. Hier zeigt sich gegenüber einer »auto­matischen« Rollenerfüllung, die so aber auch entlastend wirkt, eine Forderung an das Indi­viduum, sich bewußt zu engagieren.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Rolle. Zur Geschichte und Kritik eines zentralen sozialwissenschaftlichen Begriffes
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1992
Seiten
6
Katalognummer
V342768
ISBN (eBook)
9783668335424
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, geschichte, kritik, begriffes
Arbeit zitieren
Peter Busse (Autor), 1992, Die Rolle. Zur Geschichte und Kritik eines zentralen sozialwissenschaftlichen Begriffes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342768

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