Umfangreiche Arbeit über die Bindungstheorie und den Themenkomplex Beziehungen im Kontext von Schule, explizit für die Förderschule.
Anhand von verschiedenen Entwicklungslinien wird aufgezeigt, wie Beziehung wirken kann, welche Felder beachtet werden müssen und welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, damit in der Schule gewinnbringende Beziehungserfahrungen möglich sind.
Es existiert kein Lernen ohne Beziehung. Diese Aussage gilt für das Neugeborene, für das Kleinkind, dies gilt ebenso im Kindergartenalter, zur Schulzeit sowie darüber hinaus. Zu keinem Zeitpunkt kann Lernen ohne Interaktion gedacht werden. Der Mensch ist ein soziales Wesen und das zu jedem Zeitpunkt seines Lebens. Die Bedeutung von Beziehung für das menschliche Sein kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Kann kein Lernen ohne Beziehung, ohne Interaktion gedacht werden, muss die Beziehungsarbeit im Kontext der Schule und des Unterrichts, als eines der wichtigsten Arbeitsinstrumente der Pädagogen1 angesehen werden. Hier lässt sich bereits eine erste Bruchstelle erkennen, denn es besteht ein Missverhältnis zwischen der Wertschätzung von Beziehung im pädagogischen Kontext und den konzeptionellen Vorstellungen und Inhalten. Gab und gibt es zwar immer wieder Menschen, die in ihrer
konkreten Arbeit mit Kindern eindrucksvoll den Wert und die Chancen, die in gelingenden Beziehungen liegen, aufzeigen konnten – exemplarisch seien hier nur GORSKI (1978), KORCZAK (1992, 2007), und JEGGE (1994) unter vielen anderen genannt –, fehlt es einer theoretischen Grundlage in Bezug auf Schule und Unterricht, welche die vielfältigen Aspekte, Verknüpfungen und gegenseitigen Beeinflussungen beschreibt, an deren Ende eine gelingende und damit förderliche Beziehung steht und die als
Grundlage der eigenen pädagogischen Arbeit, nicht als Handlungsanweisung verstanden, sondern als Reflexionsgrundlage gedacht, dienen kann. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 THEORETISCHER RAHMEN
2.1 DIE BINDUNGSTHEORIE
2.1.1 Die Bindungstheorie und ihre Konzepte
2.1.1.1 Die Entwicklung der Bindungstheorie
2.1.1.2 Grundannahmen der Bindungstheorie
2.1.1.3 Das Konzept der Bindung
2.1.1.4 Phasen der Entwicklung einer Bindung
2.1.1.5 Das Konzept der Feinfühligkeit
2.1.1.6 Das Konzept der Bindungsmuster
2.1.1.7 Bindungsdesorganisation und Bindungsstörungen
2.1.1.8 Konzept der Bindungsrepräsentation
2.1.1.9 Bindung und ihre Kontinuität im Verlauf des Lebens
2.1.1.10 Psychische Sicherheit als Ergebnis von Bindungserfahrungen
2.1.1.11 Bindungen in anderen psychologischen Schulen
2.1.2 Bindung im Kontext von Bildung
2.1.2.1 Bindung, Verhalten und Lernen
2.1.2.2 Bindung im schulischen Kontext
2.2 BEZIEHUNG ZWISCHEN KINDERN UND ERWACHSENEN
2.2.1 Prozessmodell der Erwachsenen-Kind-Beziehungen
2.2.1.1 Merkmale von Individuen in Beziehungen
2.2.1.2 Feedbackprozesse
2.2.1.3 Externale Einflüsse
2.2.2 Beziehungsprozesse und Schule
2.2.2.1 Eltern-Kind Beziehungen
2.2.2.2 Lehrer-Kind-Beziehung
2.2.3 Beziehungsprozesse und Mechanismen
2.2.3.1 Beziehungen und emotionale Regulation
2.2.3.2 Erwachsenen-Kind-Beziehung und die Entwicklung akademischer Fertigkeiten
2.2.4 Empathie und innere Haltung in der Beziehungsgestaltung
2.2.5 Wechselseitig bedeutsame Beziehung
2.2.6 Lehrer als Funktionsträger
2.2.7 Zusammenfassung
2.3 GRUNDLAGEN DER RESILIENZFORSCHUNG
2.3.1 Begriffsbestimmung
2.3.2 Theoretische Verortung des Resilienzkonstruktes
2.3.2.1 Resilienz als psychosoziales Konstrukt
2.3.2.2 Resilienz als Bewältigung
2.3.2.3 Resilienz als Kompetenz
2.3.3 Zentrale Konzepte des Resilienzkonstruktes
2.3.3.1 Das Risikofaktorenkonzept
2.3.3.2 Das Schutzfaktorenkonzept
2.3.4 Schule – ein Schutz- oder Risikofaktor?
2.3.5 Desorganisierte Bindung als Risikofaktor
2.3.6 Resilienz als Risikobegriff in der Arbeit mit Schülern aus benachteiligtem Milieu
2.4 EXKURS ZUR VERWENDUNG DES KOMPETENZBEGRIFFS
2.4.1 Kompetenz als Teil der Handlungsregulation
2.4.2 Kompetenz und Erleben
3 FÖRDERSCHWERPUNKT LERNEN
3.1 DEFINITION
3.2 SOZIOKULTURELLE BENACHTEILIGUNG
3.3 PSYCHOANALYSE, TIEFENPSYCHOLOGIE UND LERNBEHINDERUNG
4 GRUNDSÄTZE DER BINDUNGS- UND BEZIEHUNGSFÖRDERUNG
5 FAZIT
6 LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegende Bedeutung von Bindung und Beziehungsgestaltung für den schulischen Bildungsprozess, insbesondere im Förderschwerpunkt Lernen. Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, welche Leitprinzipien einer Beziehungsförderung in diesem pädagogischen Kontext zugrunde liegen, um Lernprozesse trotz erschwerter Ausgangsbedingungen zu ermöglichen.
- Theoretische Fundierung der Bindungstheorie und ihrer Relevanz für den schulischen Kontext.
- Analyse von Interaktionsprozessen zwischen Lehrkräften und Schülern.
- Verknüpfung von Resilienzforschung und pädagogischer Beziehungsarbeit.
- Kritische Reflexion der Bedeutung von Bindung für die Bewältigung von Lernschwierigkeiten.
- Ableitung von Grundsätzen für eine förderliche Beziehungsgestaltung im Schulalltag.
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Es existiert kein Lernen ohne Beziehung. Diese Aussage gilt für das Neugeborene, für das Kleinkind, dies gilt ebenso im Kindergartenalter, zur Schulzeit sowie darüber hinaus. Zu keinem Zeitpunkt kann Lernen ohne Interaktion gedacht werden. Der Mensch ist ein soziales Wesen und das zu jedem Zeitpunkt seines Lebens. Die Bedeutung von Beziehung für das menschliche Sein kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Kann Lernen ohne Beziehung, ohne Interaktion gedacht werden, muss die Beziehungsarbeit im Kontext der Schule und des Unterrichts, als eines der wichtigsten Arbeitsinstrumente der Pädagogen angesehen werden. Hier lässt sich bereits eine erste Bruchstelle erkennen, denn es besteht ein Missverhältnis zwischen der Wertschätzung von Beziehung im pädagogischen Kontext und den konzeptionellen Vorstellungen und Inhalten. Gab und gibt es zwar immer wieder Menschen, die in ihrer konkreten Arbeit mit Kindern eindrucksvoll den Wert und die Chancen, die in gelingenden Beziehungen liegen, aufzeigen konnten – exemplarisch seien hier nur Gorski (1978), Korczak (1992, 2007), und Jegge (1994) unter vielen anderen genannt –, fehlt es einer theoretischen Grundlage in Bezug auf Schule und Unterricht, welche die vielfältigen Aspekte, Verknüpfungen und gegenseitigen Beeinflussungen beschreibt, an deren Ende eine gelingende und damit förderliche Beziehung steht und die als Grundlage der eigenen pädagogischen Arbeit, nicht als Handlungsanweisung verstanden, sondern als Reflexionsgrundlage gedacht, dienen kann.
Es bedarf keiner Erläuterung, dass sich Beziehungsfähigkeit nicht mechanistisch lernen lässt, sondern das Ergebnis der persönlichen Entwicklungen vor dem Hintergrund der individuellen lebensgeschichtlichen Erfahrung ist. Die Fähigkeit mit Menschen in Beziehung zu kommen, kann nicht statisch gedacht werden, sondern ist zu jeder Zeit ein System, welches in allen Richtungen offen und permanenter Veränderung unterworfen ist. Der Mensch hat keine feststehende Identität, sondern die endlose Fähigkeit sich selber zu formen und neu zu formen. Treten zwei Menschen in wirklichen Kontakt miteinander, ist dieses Aufeinandertreffen einzigartig und entsteht ein Band, dessen Charakter einmalig ist – so wie ein jedes Individuum einmalig ist – wobei dieses Band mehr als die Summe der beiden Interaktionspartner ist und über die menschliche Sprache und Vernunft hinausgeht. Die Darstellung dieses Phänomens ist der Sphäre der Kunst und der Religion vorbehalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung etabliert die zentrale These, dass Lernen untrennbar mit zwischenmenschlichen Beziehungen verbunden ist, und formuliert die Forschungsfrage zur Beziehungsförderung im Förderschwerpunkt Lernen.
2 THEORETISCHER RAHMEN: Dieses Kapitel liefert eine fundierte wissenschaftliche Basis durch die Darstellung der Bindungstheorie, der Beziehungsmechanismen und der Resilienzforschung im Kontext von Lernschwierigkeiten.
3 FÖRDERSCHWERPUNKT LERNEN: Hier erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Lernbehinderung unter Einbeziehung soziokultureller Benachteiligungsfaktoren sowie psychoanalytischer Erklärungsansätze.
4 GRUNDSÄTZE DER BINDUNGS- UND BEZIEHUNGSFÖRDERUNG: Auf Basis der vorangegangenen Analysen werden konkrete pädagogische Grundsätze abgeleitet, die als Handlungsleitfaden für die Beziehungsgestaltung in der Schule dienen.
5 FAZIT: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen, plädiert für eine humanistische Pädagogik und reflektiert die Notwendigkeit, Beziehungsarbeit als zentrales Element schulischer Bildung zu etablieren.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, Beziehungsgestaltung, Förderschwerpunkt Lernen, Resilienz, Lernbehinderung, pädagogische Interaktion, Lernprozesse, emotionale Regulation, Bildungskontext, Lehrer-Schüler-Beziehung, Psychoanalyse, Entwicklungspsychologie, soziale Kompetenz, Bindungsrepräsentation, Beziehungsarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die essenzielle Rolle von Bindung und zwischenmenschlichen Beziehungen für den schulischen Lernerfolg, insbesondere bei Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Bindungstheorie, die Dynamik von Erwachsenen-Kind-Beziehungen im schulischen Kontext, das Konstrukt der Resilienz sowie die psychoanalytische Sicht auf Lernstörungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Welches sind die Leitprinzipien einer Beziehungsförderung im Förderschwerpunkt Lernen?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten theoretischen Literaturanalyse, die verschiedene psychologische und pädagogische Konzepte integriert, um die Beziehungsgestaltung als pädagogisches Arbeitsinstrument zu begründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erarbeitet ein tieferes Verständnis für Bindungsmuster, die Rolle der Lehrkraft als Funktionsträger und die Resilienzförderung, um daraus Prinzipien für eine professionelle Beziehungsgestaltung abzuleiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Bindungstheorie, Beziehungsgestaltung, Resilienz, Lernbehinderung und pädagogische Interaktion.
Wie beeinflusst eine unsichere Bindung das schulische Lernen?
Unsicher gebundene Schüler zeigen häufiger Verhaltensprobleme, Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und eine geringere Lernmotivation, da sie ihre psychische Energie eher für die Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit anstatt für Lernaufgaben aufwenden.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Lehrkraft als Person und Funktionsträger wichtig?
Diese Unterscheidung hilft zu verstehen, dass Lehrkräfte innerhalb des institutionellen Rahmens Schule mit einer bestimmten Autorität ausgestattet sind, was die Beziehungsgestaltung komplexer macht, da sie sowohl persönliche als auch funktionale Aspekte beinhaltet.
- Arbeit zitieren
- Till Kratschmer (Autor:in), 2015, Förderung der Bindungs- und Beziehungskompetenz im Förderschwerpunkt Lernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342812