Wie der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MPFS) im Vergleich der veröffentlichten JIM-Studien zwischen 1998 und 2013 feststellt, „ist das Handy seit etwa zehn Jahren ein fester Bestandteil der Jugendkultur“. Jedoch zeige sich seit der Verbreitung von Smartphones eine maßgebliche Veränderung. Die Ausstattung dieser Geräte bewirke eine stärkere Vernetzung über die mobile Nutzung von sozialen Netzwerken und Messengern und bestimme das moderne Kommunikationsverhalten von Jugendlichen. Durch die technischen Entwicklungen der Handyindustrie und die sinkenden Preise der Anbieter scheint die Mediennutzung nun orts- und zeitunabhängig möglich. Der MPFS nennt das Smartphone zudem ein „praktisches Werkzeug“, der das alltägliche Leben mit all seinen Funktionen bereichere und vielfältige Möglichkeiten zum Zeitvertreib biete. Somit organisiere das Smartphone den Alltag von Jugendlichen und sei aus deren Leben nicht mehr wegzudenken (vgl. MPFS 2013, 28-31).
Dieser Vergleich der medialen Entwicklungen der letzten Jahre verdeutlicht die gewonnene Präsenz und die Besonderheiten des Mediums Smartphone im Alltag von Jugendlichen. Die Nutzung unterschiedlichster medialer Angebote scheint sich durch die rasante Verbreitung dieser Geräte grundlegend geändert zu haben. Smartphones treten auf als allgegenwärtige Begleiter von Jugendlichen (und Erwachsenen) und deren vermeintlich ununterbrochener Online-Status trägt zu Besorgnis von Eltern und Pädagogen bei. Entwickelte App-Angebote, wie beispielsweise Menthal (vgl. Söldner 2014), die die Nutzungsdauer des Smartphonebesitzers messen und rückmelden und der öffentliche Diskurs um "Digitale Demenz", der beispielhaft von Manfred Spitzer angeführt wird, verdeutlichen eine allgemein vorherrschende kritische Haltung der kontemporären Gesellschaft zu einer als übermäßig empfundenen Nutzungsfrequenz dieser Geräte (Spitzer 2012, zit. n. Krotz & Schulz 2014, 32).
Die vorliegende Masterarbeit mit dem Titel „Jugendliche Perspektiven medialer Nutzung“ will sich daher näher mit diesem Thema beschäftigen und empirisch untersuchen, was Jugendliche tatsächlich, und aus subjektiver Perspektive dieser Kohorte betrachtet, mit ihren Smartphones machen und inwiefern diese Nutzung ihre Sozialisation unter Berücksichtigung anderer Sozialisationsinstanzen mitbestimmt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Persönliche Vorannahmen und Intention der Autorin
1.3 Überblick
A Theorie
2 Terminologien
2.1 Jugend – interdisziplinäre Definitionsansätze und historische Entwicklungen
2.2 Generation Social Media?
2.3 Mediennutzung im Jugendalter
3 Zentrale theoretische Konzepte
3.1 Sozialisationstheorie - theoretischer Abriss zur produktiven Verarbeitung der Realität
3.2 Sozialisationsräume Jugendlicher
3.3 Konzept der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
3.4 Theoretische Strömungen zum Paradigmenwechsel der Forschungsansätze
3.5 Konzept der Mediensozialisation
3.6 Jugend und Medien aus sozialisationstheoretischer Perspektive
3.7 Medienpädagogischer Bezug
4 Forschungsstand
4.1 Mobilkommunikation und Internet - Entwicklungen
4.2 Empirischer Forschungsstand zu Smartphone-Nutzung
5 Zusammenfassung Theorie und Forschungsstand
B Empirie
6 Methodik
6.1 Untersuchungsdesign
6.2 Erhebungsmethodik - problemzentrierte Interviews
6.2.1 Instrumentarium
6.2.2 Kommunikationsstrategien
6.2.3 Anmerkungen zur Durchführung
6.3 Auswertungsmethodik - Umsetzung nach Witzel und Eingrenzung
7 Fallanalysen
7.1 Mustafa
7.1.1 Falldarstellung
7.1.2 Dossier
7.1.3 Auswertung
7.1.4 vorläufige Deutungshypothesen
7.2 Ali
7.2.1 Falldarstellung
7.2.2 Dossier
7.2.3 Auswertung
7.2.4 vorläufige Deutungshypothesen
7.3 Lena
7.3.1 Falldarstellung
7.3.2 Dossier
7.3.3 Auswertung
7.3.4 vorläufige Deutungshypothesen
8 Kontrastierender Fallvergleich
8.1 Variationsbreite fallübergreifender zentraler Themen
8.2 Diskrepanzen fallspezifischer Themen
C (9) Ergebnisse
9.1 Diskussion empirischer Ergebnisse und theoretischer Vorannahmen
9.2 Medienpädagogische Perspektiven
9.3 Schlussfolgerungen und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die subjektive Perspektive von Jugendlichen auf ihre alltägliche Smartphone-Nutzung zu rekonstruieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, in welchen Kontexten das Gerät genutzt wird, welche emotionale Bedeutung es für die Jugendlichen hat und inwiefern diese Nutzung ihre Sozialisation im Zusammenspiel mit anderen Instanzen beeinflusst.
- Untersuchung der Smartphone-Nutzung im Alltag Jugendlicher
- Analyse der Bedeutung von Medien als Sozialisationsinstanzen
- Identifikation subjektiver Nutzungsweisen und Motive
- Bezugnahme auf theoretische Konzepte der Mediensozialisation
- Rekonstruktion der jugendlichen Sichtweise mittels problemzentrierter Interviews
Auszug aus dem Buch
3.1 Sozialisationstheorie - theoretischer Abriss zur produktiven Verarbeitung der Realität
Das Konzept der Mediensozialisation gründet auf der Tradition der Sozialisationstheorie. Dieser theoretische Ursprung soll im folgenden Kapitel nach Hurrelmann (2006) skizziert werden.
Als Begründer der Sozialisationstheorie nennt Hurrelmann Emile Durkheim, welcher den Übergang von der einfachen zur Industriegesellschaft untersuchte und sich die Frage stellte, wie „in komplexen Strukturen soziale Integration hergestellt werden kann“. Bei seinen Untersuchungen stellte sich als Ergebnis heraus, dass Individuen sich grundsätzlich „triebhaft, egoistisch und asozial“ verhalten und nur „durch den Prozess der Sozialisation gesellschaftsfähig“ würden. Diesen Prozess nannte er Sozialisation und beschrieb ihn weiterhin als die Verinnerlichung von Normen und Zwangsmechanismen der Gesellschaftsmitglieder: „[…] wenn die Gesellschaft gewissermaßen in sie eindringt und ihre Persönlichkeit von innen her organisiert“ (vgl. Durkheim 1972; zit. n. Hurrelmann 2006, 12).
Jene Vorstellung von Durkheim scheint jedoch abseits dieser Industriegesellschaft, die zwanghaft sicherstellen wollte, dass „soziale Regeln und Normen von den Gesellschaftsmitgliedern verinnerlicht werden, um die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft aufrechtzuerhalten“, heute keine vollendete Gültigkeit mehr zu besitzen. Hurrelmann spricht hingegen von einer gegenwärtigen „Vielfalt von sozialen und kulturellen Lebensformen und ein Zusammenspiel von eigenständigen Organisationen und Systemen“, die sich durch unterschiedliche Sozialisation der Gesellschaftsmitglieder auszeichnen. Dementsprechend gehe es aktuell nicht mehr um die Implementierung fester Normen und Rollenzuweisungen, sondern um eine „selbsttätige und selbst organisierte Aneignung von kulturell und sozial vermittelten Umweltangeboten“ (vgl. Hurrelmann 2006, 13f).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas, der Forschungsfrage und der methodischen Herangehensweise an die Untersuchung der Smartphone-Nutzung im Jugendalter.
2 Terminologien: Klärung grundlegender Begriffe wie Jugend, Generation Social Media und Mediennutzung im Kontext des Jugendalters.
3 Zentrale theoretische Konzepte: Darstellung der Sozialisationstheorie, Mediensozialisation und pädagogischer Bezüge als theoretisches Fundament der Arbeit.
4 Forschungsstand: Überblick über existierende Studien und technische Entwicklungen zur Mobilkommunikation und Smartphone-Nutzung.
5 Zusammenfassung Theorie und Forschungsstand: Synthese der theoretischen Erkenntnisse zur Vorbereitung des empirischen Teils.
6 Methodik: Erläuterung des Untersuchungsdesigns, der problemzentrierten Interviews und der Auswertungsstrategie nach Witzel.
7 Fallanalysen: Detaillierte Darstellung und Auswertung der Interviews mit Mustafa, Ali und Lena.
8 Kontrastierender Fallvergleich: Systematischer Vergleich der drei Fälle zur Identifikation von Gemeinsamkeiten und Diskrepanzen.
C (9) Ergebnisse: Diskussion der empirischen Befunde im Kontext der Theorie und Entwicklung medienpädagogischer Perspektiven.
Schlüsselwörter
Smartphone, Jugend, Mediensozialisation, Medienkompetenz, problemzentriertes Interview, Sozialisation, Mediennutzung, Peergroup, Internet, Digitale Kommunikation, Identitätsentwicklung, Alltag, qualitative Forschung, Mobilkommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die subjektive Sichtweise von Jugendlichen auf ihre Smartphone-Nutzung und wie diese Nutzung in ihren Alltag und ihre Sozialisationsprozesse eingebettet ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rolle des Smartphones für Identitätsbildung, Kommunikation in der Peergroup, Freizeitgestaltung sowie die generationale Diskrepanz in der Bewertung medialer Nutzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die Rekonstruktion individueller Nutzungsmuster und die Ableitung medienpädagogischer Perspektiven, die über eine rein defizitorientierte Sichtweise hinausgehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt qualitative, problemzentrierte Interviews nach Andreas Witzel, ergänzt durch eine kontrastierende Fallanalyse von drei ausgewählten Jugendlichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Theoriebildung zur Mediensozialisation, die Darstellung des Forschungsstands sowie eine detaillierte empirische Analyse der drei Fallbeispiele.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Besonders prägend sind die Konzepte "Mediensozialisation", "produktive Realitätsverarbeitung", "Peergroup" und "Medienkompetenz".
Wie unterscheidet sich der Nutzungsansatz von Mustafa, Ali und Lena?
Während Mustafa das Smartphone primär als vielseitiges Werkzeug und zur organisierten Freizeitgestaltung nutzt, betont Ali die ständige Kommunikation und Spiele, während Lena besonders die soziale Einbindung und Fotofunktion als zentral empfindet.
Welche Rolle spielt die Generationendiskrepanz für die Jugendlichen?
Die Jugendlichen fühlen sich oft von der älteren Generation unverstanden und wehren sich gegen eine rein kritische Betrachtung ("Digitale Demenz"), da sie das Smartphone als integrierten, unverzichtbaren Bestandteil ihres Alltags und ihrer Identität erleben.
Wie gehen die Jugendlichen mit dem Thema Datenschutz um?
Die befragten Jugendlichen zeigen ein teils implizites, teils unreflektiertes Bewusstsein. Sie schützen ihre Identität vor Fremden, betrachten aber die öffentliche Kommunikation innerhalb ihres sozialen Kreises als unproblematisch.
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- Jennifer Reusswig (Author), 2015, Jugendliche Perspektiven medialer Nutzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342969