Kafkas "Prozess". Der Mensch zwischen den Institutionen


Hausarbeit, 2016

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung ...1

2.0 Die Institution und der Mensch ...3

2.1 Rechtliche Institution ...3

2.2 Soziale Institution ...8

2.3 Theologische Institution ...12

3.0 Fazit ...16

4.0 Literaturverzeichnis ...19

1. Einleitung

„K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Frieden, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte, ihn in seiner Wohnung zu überfallen?” [1]

Eines Morgens wird K. ohne jeden Grund in seiner Wohnung verhaftet. So unmöglich und unwahrscheinlich es auch klingen mag: Drei Gestalten dringen in seine Privatsphäre ein. Legitimiert werden sie durch nichts außer der vermeintlichen Schuld, die K. zuerkannt wird. Das Gericht wird tätig, sobald es Schuld feststellt. Dabei wendet es sich gegen jegliche Rechtsstaatlichkeit und missachtet die Grundrechte des Protagonisten Josef K. [2] Er wird in dem Roman durch enge Dachböden und Rumpelkammern gehetzt, in denen die Gerichte und Kanzleien tagen und über jeden Einzelnen richten. Die Hierarchie und Repräsentation des Gerichts gestaltet sich ebenso undurchsichtig wie das unbekannte Gesetz. Die willkürliche Bürokratie der Justiz ist Teil einer gigantischen Maschine, gegen die sich K. versucht zur Wehr zu setzen. (KP, 200) Im Kontext des willkürlichen Widerstands stellt sich die Frage, wer oder was sich hinter dieser Institution verbirgt.

Diese Frage lässt sich schon von vornherein schnell und dennoch nicht zur vollen Zufriedenheit beantworten: Es ist das Gesetz, das über dem Gericht steht, das alles und jeden dominiert und das alltägliche Leben beeinflusst.[3] [4] Dennoch entsteht aus dieser Antwort ein weiteres Rätsel über die Beschaffenheit des Gesetzes, das ebenfalls in dieser Arbeit beantwortet werden soll. Zwischen den Erläuterungen verschiedener institutionalisierter Vorgänge steht nach wie vor der Mensch inmitten der Institutionen, der legitimen oder illegitimen Vertreten des Gesetzes, und der Gedanke, der mich in der Auseinandersetzung mit Kafkas Prozess beschäftigt, im Vordergrund. Denn die eigentliche Fragestellung richtet sich auf die Beschaffenheit des Menschen: Was macht den Menschen in dieser bürokratischen Einrichtung überhaupt zum Menschen? Ist der Mensch noch Herr über sein Leben? Oder ist er nicht mehr als ein Zahnrad in den determinierenden Mühlen der Institutionen?

Um den Menschen überhaupt definieren zu können, muss herausgearbeitet werden, welche Art Verhältnis der Mensch zu dieser Institution pflegt. Denn bei dieser Institution handelt sich um einen gigantischen Organismus, der nicht nur rechtlich betrachtet werden kann, sondern sowohl soziale als auch theologische Facetten repräsentiert. Um in Kafkas Prozess die Bestimmung des Menschen darstellen zu können, muss der Begriff der Institution definiert und in erster Linie von seinen Ausprägungen getrennt betrachtet werden.

So wird im Verlauf dieser Arbeit auf verschiedene Definitionen der Institution zurückgegriffen und mithilfe von philosophisch-wissenschaftlicher Literatur ein zusammenfassendes, klares Bild des Menschen innerhalb der Institutionen präsentiert. Dennoch sollte hier erwähnt werden, dass die Forschung selten direkt auf die genannten Verhältnisse zwischen dem Subjekt und den Institutionen eingeht. Meist werden Institutionen im Prozess in rechtlichen Sphären bedacht und gedeutet. Theologie und soziale Verhältnisse innerhalb des Romans werden zumeist nicht primär, obwohl dennoch laut Definition von Institutionen die Rede ist, als gesellschaftlich-theologische Phänomene betrachtet. Das Buch über Kafkas Institutionen, das eine Sammlung von Texten zu der Institutionalisierung in Kafkas Romanen und eine Definition diverser Formen dieser enthält, war durchaus hilfreich, erläuterte dennoch nicht gänzlich das gesamte Verhältnis zwischen Mensch und Institution innerhalb des zu behandelnden Romans. Rüdiger Campe bezeichnet Kafkas Prozess eindeutig als Institutionsroman, versäumt aber sämtliche Institutionen zu definieren. [5] Aus diesem Grund wäre eine Zusammenführung unter dem Begriff der vollkommenen Institutionalisierung des Prozesses durchaus sinnvoll und adäquat gewesen. Der Roman beginnt schließlich mit dem Eintritt in die Institution und endet mit dem Austritt aus ihr.[6]

2.0 Die Institution und der Mensch

2.1 Rechtliche Institution

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel definiert Institutionen als Elemente der Wechselwirkung, die durch sich hindurchleiten und dadurch als selbständige Träger gesellschaftlicher Unität fungieren.[7] Sie gehen nicht mehr auf Verhältnisse zwischen Personen ein. Denn „zu diesem Zweck erwachsen Ämter und Vertreter, Gesetze und Symbole des Gruppenlebens, Organisationen und soziale Allgemeinbegriffe.“ [8] Das Gericht in Kafkas Prozess ist eine Institution, die im Auftrag des Staates über Recht und Unrecht urteilen und dem Gesetz Geltung verschaffen soll. (Vgl. KP, 206) Dabei verfolgt die Justiz– hier wird zumeist Rechtsstaatlichkeit vorausgesetzt– im Rahmen ihrer festgelegten Verfahrensweise gegenüber dem Angeklagten elf Schritte.[9] Diese elf Schritte werden in Kafkas Prozess deutlich reduziert. An der Stelle, an der sich das Vergehen befinden sollte, wird die Tat, die zum zweiten Schritt der Schuld führen sollte, nicht genannt. Das Vergehen und auch die Schuld bleiben im gesamten Prozess „undurchsichtig”.[10] Die Schuld wird scheinbar erst durch das Gericht wirklich zur Schuld gemacht, indem es mit dem dritten Schritt des Prozesses beginnt, nämlich mit der Verhaftung von K. Die Verhaftung von K. findet genauso unerwartet wie der Beginn des Romans statt. (KP, 7) Die Handlung des Romans beginnt in medias res , mitten im Geschehen. So kommt auch die Verhaftung urplötzlich und ohne Erläuterung einer Vorgeschichte zustande. Mit der abstrusen, vermeintlich schuldlosen Verhaftung stellt sich die Frage, ob es sich bei dem Prozess um einen Traum des Protagonisten handelt.

In diesem Fall macht Hans Dieter Zimmermann in seiner Analyse Kafka für Fortgeschrittene darauf aufmerksam, dass diese absurde Verhaftung durch zwei Wächter des Gerichts, die wohlgemerkt keine Polizisten sind, keine Einbildung K.s sein kann. Die Imagination innerhalb des Romans wird durch den Umstand vereitelt, dass drei Beamte durch die Wächter herbeigerufen werden. Dementsprechend wissen die Beamten von der Verhaftung K.s. [11] K. selbst, der als Prokurist einer Bank arbeitet, pflegt einen Bekanntenkreis aus Juristen, Advokaten und Staatsanwälten. Die Person zu der K. ein enges freundschaftliches Verhältnis pflegt, übt den Beruf des Staatsanwalts aus. Trotz eigener Kontakte zu Vertretern der Institution belässt K. es bei einer Drohung gegenüber den Wächtern, da sie K. überzeugen konnten, dass ein Hinzuziehen des Staatsanwaltes keinen Sinn hätte. (KP, 15) Bei der Aussichtslosigkeit, die sich im Roman abzeichnet, wird erst das wahre Paradoxon der Institution klar erkennbar:

Denn obwohl K. „verhaftet” wurde, ist er aber „doch frei”. (Vgl. KP, 27) Auch ein Verhör findet nicht statt. Anstatt verhört zu werden, trifft K. auf eine Versammlung von Männern, die ihn an eine „politische Bezirksversammlung” erinnert. (Vgl. KP, 48) Während in einem Prozess die Richter üblicherweise die Anklage dem Angeklagten verlesen, hält in Kafkas Prozess K. seine Anklage gegen die Institution.[12]

Dadurch dass die Anklage unbekannt ist, wird folglich auch die Verteidigung von K. erschwert, da die Eingaben der Verteidigung für die Gerichtsverhandlung irrelevant sind. Eine wirkliche Gerichtsverhandlung wird im Prozess ebenfalls vergeblich gesucht. Diese wird nämlich durch einen Disput mit einem Gefängniskaplan ersetzt, der sowohl theologische als auch rechtlich-öffentliche Aspekte einer Institution in sich vereint. (Vgl. KP, 203)

In erster Linie enthält der Inhalt des Gesetzes eine juristische Bedeutungsebene. Sobald man den Text genauer analysiert, wird dort auch eine weitere Ebene, nämlich die theologische Betrachtungsweise, deutlich.[13] Gesetz ist nicht gleich Gesetz und Gericht nicht Gericht. (Vgl. KP, 134) Dennoch erhält K. im Laufe des gesamten Prozesses kein wirkliches Urteil, sondern die Vollstreckung des Urteils in Form einer abseits der Stadt lokalisierten Hinrichtung. (Vgl. KP, 203) So wie die Prozedur der Verhandlung undurchsichtig und verworren erscheint, so wirkt auch das Gesetz gleichermaßen.

Um diesen Sachverhalt wirklich verstehen zu können, ist ein Blick auf die Erzählung „Vor dem Gesetz“ innerhalb des Romans nötig. In diesem Fall lässt sich die Erklärung für diese These bei dem französischen Poststrukturalisten und Philosophen Derrida finden, der die Erzählung in dem Prozess als scheinbar analog zum genannten Roman betrachtet. „Sie gilt ebenso für den von Kafka unterzeichneten Text, der den Titel Vor dem Gesetz trägt, wie für jenen Moment des Prozeß, der fast dieselbe Geschichte zu erzählen scheint, ein Stück das das Ganze des Prozesses in der Szene von Vor dem Gesetz umfaßt.“[14]

Zur Interpretation der rechtlichen Institution verhilft ein Blick auf den Titel Vor dem Gesetz der Parabel. Derrida erwähnt, dass man, falls man vor das Gesetz tritt, im eigentlichen Sinne nie wirklich vor das Gesetz „in persona“ treten kann.[15] Der Protagonist, in diesem Fall K. oder der Mann vom Lande, treten immer nur vor Vertreter des Gesetzes bzw. der Institution. Die Vertreter des Gesetzes sind Richter, Advokaten, Beamte, exekutive Kräfte, Kanzleien und das komplexe verwinkelte Gerichtsgebäude. Währenddessen der Mann vom Lande nur einen Wächter vor dem Tor zum Gesetz antrifft, und von den anderen Wächtern nur durch die Erzählung des ersten Wächters hört. Diese Form von Repräsentation und Teilhabe an der Institution lässt sich anhand der Legende weiterführend belegen. Denn nach dem Titel beginnt der erste Satz der Erzählung mit den Worten: „ Vor dem Gesetz steht ein Türhüter.“ (KP, 196) Es macht erneut den symbolischen Charakter der Erzählung und des gesamten Romans deutlich, denn sowohl K. als auch der Mann vom Lande treten den vor-dem-Gesetz-stehenden Vertretern entgegen. Der Unterschied zwischen beiden liegt darin, dass K. in das Gesetz eindringen wollte, indem er es hinterfragte und die Schuld von sich wies. Im Gegensatz dazu entschied sich der Mann vom Lande vor dem Gesetz zu leben, obwohl er scheinbar Zugang zum Gesetz besaß. Demnach wird zwischen dem Vor dem Gesetz leben und eben vor dem Gesetz sterben oder dem Gesetz herausfordern und an ihm sterben unterschieden. Eine weitere Deutung des vorliegenden Falles könnte durch eine „zeichentheoretische Interpretation”[16] vereinfacht werden, da die ursprüngliche Bedeutung vom Gesetz als das „Gesetzte“ gilt. [17]

Bezeichnend ist hierbei, dass K. in der Konfrontation mit dem Gesetz keine Möglichkeit fand, um sich zu setzen. „K wollte sich setzen, aber nun sah er, dass im ganzen Zimmer keine Sitzgelegenheit war, außer dem Sessel beim Fenster“ (KP, 13) - jedoch wurde ihm von einem Vertreter des Gesetzes verwehrt, sich zu setzen. (Vgl. KP, 14) So vermittelt die gesamte Handlung im Grunde einen einzigen Prozess, nämlich einen im Raum stehenden Prozess der Ruhelosigkeit: Für den Verdächtigen ist Bewegung besser als Ruhe, denn der, welcher ruht, kann immer, ohne es zu wissen, auf einer Waagschale zu sein und mit seinen Sünden gewogen werden.“(KP, 176) Es existieren im ganzen Buch nur wenige Szenen, in denen sich K. wirklich setzt. Mal setzt er sich vor seinen Anwalt. Mal wird er dazu gezwungen, sich im Gerichtsgebäude zu setzen, da ihm das Umfeld und die Luft zu schaffen machen. (Vgl. KP, 104; 65) Ein anderes Mal wird er vom Künstler dazu genötigt, sich auf sein Bett zu setzen und seine Möglichkeiten vor dem Gesetz einzusehen. Der Künstler, der ebenfalls als Maler der Richter ein Teil der Institution ist, erläutert dem sitzenden K., wie es möglich wäre, den Prozess zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. (Vgl. KP, 136)

[...]


[1] Kafka, Franz: Der Prozess. Köln 2006, S. 7. Im Folgenden nach der Sigle KP zitiert.

[2] Vgl. Zimmermann, Hans Dieter: Kafka für Fortgeschrittene. München 2004. S. 110

[3] Vgl. ebd., S.138.

[4] Vgl. ebd., S.158.

[5] Campe, Rüdiger: Kafkas Institutionenroman. Der Process, Das Schloß. In: ders.: Gesetz. Ironie. Festschrift für Manfred Schneider. Hg. v. Niehaus, Michael. Heidelberg 2004, S. 197-208.

[6] Höcker, Arne, Oliver Simone: Institutionsbegriff. In: ders.: Kafkas Institutionen. Hg. v. Höcker, Arne, Oliver Simone. Bielefeld 2007, S. 12.

[7] Vgl. Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Villingen-Schwenningen 2015, S. 56.

[8] Ebd.,S. 56.

[9] Vgl. Zimmermann, Hans Dieter: Kafka für Fortgeschrittene. München 2004, S. 112.

[10] Vgl. ebd., S. 113-114.

[11] Vgl. Zimmermann, Hans Dieter: Kafka für Fortgeschrittene. München 2004, S. 111

[12] Vgl. Zimmermann, Hans Dieter: Kafka für Fortgeschrittene. München 2004, S. 113.

[13] Vgl. ebd., S. 148.

[14] Derrida, Jacques: Préjugés. Vor dem Gesetz. 4.Auflage. Wien 2010, S. 71.

[15] Vgl. Derrida, Jacques: Préjugés. Vor dem Gesetz. 4. Auflage. Wien 2010, S. 59.

[16] Die Semiotik beziehungsweise die Zeichentheorie ist eine ontologisch ausgerichtete Denktradition. In diesem Zusammenhang wird die Interpretation als etwas Inhalt Gebendes verstanden. Dieser Inhalt wird durch Zeichen ausgedrückt. Vgl. Schlack, Helge: Umberto Eco und das Problem der Interpretation. Ästhetik.Semiotik.Textpragmatik. Würzburg 2000, S.67 u. vgl. Reblin, Eva: Die Straße, die Dinge und die Zeichen: Zur Semiotik des materiellen Stadtraums. Bielefeld 2012, S.74.

[17] Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, New York 1995, S. 319.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kafkas "Prozess". Der Mensch zwischen den Institutionen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Was ist der Mensch? Literarische und philosophische Entwürfe über 'den Menschen' von 1800 bis zur Gegenwart
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V342970
ISBN (eBook)
9783668327153
ISBN (Buch)
9783668327160
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Institutionen, Gehlen, Adorno, Luckmann, Derrida, Prozess
Arbeit zitieren
Artur Weigandt (Autor), 2016, Kafkas "Prozess". Der Mensch zwischen den Institutionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342970

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