Die Grundbegriffe "Erziehung" und "Bildung" nach Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt

Eine kritische Reflexion ihrer Aktualität unter Berücksichtung des historischen Kontextes.


Hausarbeit, 2016
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Begriffe der „Erziehung“ und „Bildung“ nach Kant und Humboldt
2.1 Immanuel Kant als Philosoph der Aufklärung über „Erziehung“
2.2 Kritische Reflexion zu Immanuel Kants Erziehungsbegriff
2.3 Der Begriff der „Bildung“ nach Wilhelm von Humboldt
2.4 Kritische Reflexion zu Wilhelm von Humboldts Bildungsbegriff

3 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Begriffen „Erziehung“ und „Bildung“, die für die Erziehungswissenschaft - neben den beiden anderen Grundbegriffen „Sozialisation“ und „Lernen“ - grundlegend sind. Die Allgemeine Pädagogik beschäftigt sich vorwiegend mit den beiden Begriffen „Erziehung“ und „Bildung“ und versucht als eine Art „Orientierungsdisziplin“ innerhalb der Erziehungswissenschaft1 zu fungieren. Durch die Bearbeitung und Reflexion der beiden Begriffe profitieren letztlich alle pädagogischen Praxisfelder, da eine Ordnung, Strukturierung und Systematisierung der Begriffe stattfindet (vgl. Bernhard 2011: 10).

In der Erziehungswissenschaft haben sich zahlreiche Autoren mit dem Begriff „Erziehung“ beschäftigt, sodass es eine Vielzahl von Definition und Interpretationen gibt, was unter ihm zu verstehen sei (vgl. Brezinka 1990: 35, 51) - der Begriff ist in der Wissenschaft umstritten (vgl. Winkler 2007: 57).

Wolfgang Brezinka definiert den Begriff der Erziehung dahingehend, dass mit ihm „Handlungen gemeint [sind], durch die Erwachsene (‚Erzieher‘, ‚Lehrer‘) versuchen, in den Prozeß des Werdens heranwachsender Persönlichkeiten einzugreifen“, damit Lernvorgänge unterstützt oder in Gang gebracht werden (vgl. Brezinka 1972: 26).

Hans-Christoph Koller sieht Brezinka als „wichtigsten Verfechter einer empirisch verfahrenden und wertneutralen Erziehungswissenschaft“ und den Begriff der „Erziehung“ als den wichtigsten innerhalb der Erziehungswissenschaft an - Erziehung ist nach Brezinka absichtsvolles soziales Handeln, mit dem Ziel, die psychischen Dispositionen des Educanden zu beeinflussen (vgl. Koller 2004: 49f.).

Der Bildungsbegriff wird innerhalb der Erziehungswissenschaft ebenfalls unterschiedlich interpretiert und ist mindestens so umstritten, wie der Begriff der Erziehung (vgl. Koller 2004: 93). Die Kritik am Bildungsbegriff stammt überwiegend aus den 1960er Jahren und wurde im Rahmen der Kritik an der „geisteswissenschaftlichen Pädagogik“ in Frage gestellt und in der modernen Gesellschaft als zunehmend unangemessen - ideengeschichtlich stammt der Bildungsbegriff aus dem 18. Jahrhundert - interpretiert (vgl. Koller 2004: 93f.).

Bildung kann als „Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung“ (Klafki 1996: 19) bezeichnet werden, die Freiheit und Autonomie voraussetzt, und zum freien Denken und zur moralischen Urteilsfähigkeit befähigen soll. Insofern ist die „Selbsttätigkeit“ die entscheidende Komponente im Bildungsprozess (vgl. Klafki 1996: 19).

Der Begriff der Erziehung kann ohne sein intentionales Element nicht verstanden werden. Erziehung kann nicht richtig erfasst werden, ohne die Absichten des Erziehers zu berücksichtigen. Erziehung ist also etwas, was von außen auf den Zögling oder Zu- Erziehenden einwirkt, mit der Absicht, ein bestimmtes Verhalten zu erzielen. Bildung setzt dagegen beim Zu-Erziehenden (also von innen) an, nämlich sich selbst - in Auseinandersetzung mit der Umwelt - zu bilden. Der Bildungsbegriff kann als Reaktion auf die Auseinandersetzung mit dem Erziehungsbegriffs der Aufklärung (um 1800) verstanden werden (vgl. Koller 2004: 70f.).

In dieser Arbeit wird auf den Erziehungsbegriff eingegangen, wie er von dem Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant verstanden worden ist. Der Begriff der Bildung wird an den Ausführungen des Neuhumanisten Wilhelm von Humboldts, dessen „Bildungstheorie“ bis heute nachwirkt. Ziel der Arbeit ist nicht nur, die beiden Begriffe - wie sie beide Autoren begreifen - zu verdeutlichen, sondern sie auch kritisch zu reflektieren, d. h. konkret zu beurteilen, wo Schwächen und Stärken liegen. Dabei wird selbstverständlich auch der historische Kontext berücksichtigt, in dem die Begriffe bzw. Theorien entstanden sind. Schließlich wird auch auf die Aktualität der Begriffe „Erziehung“ und „Bildung“, wie sie von Kant und Humboldt verwendet wurden, eingegangen.

Zuerst wird Immanuel Kants Erziehungsbegriff anhand der Originalquellen und mit Hilfe von Sekundärliteratur verdeutlicht. Im Anschluss erfolgt eine kritische Reflexion des Begriffes und inwiefern er in der Gegenwart praxistauglich ist.

Nach diesen Ausführungen erfolgt die Vorstellung des Begriffs der Bildung, wie ihn Wilhelm von Humboldt verstanden hat. Dabei wird mit Hilfe der Original-Texte - meist sogenannte „Fragmente“ - Humboldts und Sekundärliteratur gearbeitet. Es erfolgt anschließend auch eine kritische Reflexion des Humboldtschen Bildungsbegriffs und inwiefern er heute noch Gültigkeit besitzt.

In der Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Aussagen beider Begriffe noch einmal zusammengefasst und kurz die Bedeutung für die heutige Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft aufgezeigt.

2 Die Begriffe der „Erziehung“ und „Bildung“ nach Kant und Humboldt

2. 1 Immanuel Kant als Philosoph der Aufklärung über „Erziehung“

Der Erziehungsbegriff ist im deutschsprachigen Raum um 1800 relevant geworden.

Zwischen 1770 und 1830 kam es in West- und Mitteleuropa zu entscheidenden Einschnitten und Veränderungen im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bereich, die bis heute nachwirken. Die feudale Gesellschaft transformierte sich langsam zu einer bürgerlichen Gesellschaft, die vor allem durch die europäische Bewegung der Aufklärung, die ihren Anfang im 17. Jahrhundert hatte und im deutschsprachigen Raum ab ca. 1750 eine wichtige Rolle spielt, bedingt war und zu einer Vielzahl von modernen Sichtweisen über den Menschen führte (vgl. Koller 2004: 25f.).

Immanuel Kant, der 1724 in Königsberg/Ostpreußen geboren worden ist und dort zeitlebens bis 1804 wirkte, ist einer der führenden Denker der Aufklärung gewesen.

Immanuel Kant beantwortet die Frage „Was ist Aufklärung?“ 1784 in einem berühmten Aufsatz, den er wie folgt beginnt:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich einer ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahrspruch der Aufklärung.“ (Kant 1974: 9, kursiv jeweils im Original)

Jedoch führen Faulheit und Feigheit oftmals dazu, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen trotzdem unmündig bleibt, da es sehr bequem ist, unmündig zu sein. Mündigkeit ist für viele Menschen beschwerlich und auch gefährlich (vgl. Kant 1974: 10). Eine grundlegende Voraussetzung, mündig zu werden (also seinen eigenen Verstand zu gebrauchen), ist für Immanuel Kant die Existenz von Freiheit. Freiheit bedeutet wiederum, dass man „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch“ (Kant 1974: 11, kursiv im Original) macht. Dieser öffentliche Gebrauch der Vernunft muss jedem zur Verfügung stehen, was wiederum nur durch eine gesellschaftliche Aufklärung zu erreichen ist (vgl. Kant 1974: 11).

Die Aufklärung vermittelt demnach auch eine wichtige politische Forderung, die nach Freiheitsrechten für jeden Bürger, allen voran das Recht, seine eigene Meinung öffentlich kundzutun (vgl. Koller 2004: 27). Der Erziehungsbegriff bei Kant ist also im großen Rahmen der Aufklärung zu verstehen, die die Mündigkeit der Bürger(innen) fordert.

Immanuel Kant - der ab Wintersemester 1776/77 pflichtgemäß pädagogische Vorlesungen abhielt2 - unterscheidet grundlegend zwischen Mensch und Tier. Der Mensch, der keinen Instinkt besitzt, sei das einzige Lebewesen, welches (von Menschen) erzogen werden muss. Er versteht unter Erziehung „die Wartung (Verpflegung, Unterhaltung), Disziplin (Zucht) und Unterweisung nebst der Bildung“ (Kant 1984: 27). Bildung ist also nach Kant etwas, was zur Erziehung gehört und weil der Mensch diese benötigt, unterscheidet er sich grundlegend vom Tier. Der Mensch, der erzogen werden muss, ist demnach „Säugling“, „Zögling“ und „Lehrling“ (vgl. Kant 1984: 27).

Im Gegensatz dazu brauchen Tiere „keine Wartung, höchstens Futter, Erwärmung und Anführung oder einen gewissen Schutz“ (Kant 1984: 27), jedoch nicht die „Wartung“, worunter Kant die Vorsorge der Eltern versteht, dass die „Kinder keinen schädlichen Gebrauch von ihren Kräften machen“ (Kant 1984: 27).

Der Mensch ist von Natur aus roh und unvollkommen, hat aber die Anlage zur eigenen Vernunft und um diese auszubilden, muss die eine Generation die andere bewusst erziehen (vgl. Kant 1984: 27f.).

Erziehung wird von Immanuel Kant als „Kunst“ bezeichnet, die nicht von Anfang an perfekt sein kann, sondern „deren Ausübung durch viele Generationen vervollkommnet werden muß“ (Kant 1984: 32). Jede Generation geht von den Kenntnissen der vorherigen aus und ist dadurch in der Lage, die Erziehung „proportionierlich und zweckmäßig“ weiterzuentwickeln, sodass letztlich die „ganze Menschengattung zu[r] ihrer Bestimmung“ geführt wird (vgl. Kant 1984: 32).

[...]


1 Armin Bernhard kritisiert den Begriff der „Erziehungswissenschaft“, der in Abgrenzung zur klassischen Pädagogik steht und auch den sozialwissenschaftlichen (interdisziplinären) Charakter betont, als unzureichend, da sich diese Wissenschaft weit mehr als mit „Erziehung“ beschäftigt. Genauer wäre die Bezeichnung „Erziehungs- und Bildungswissenschaft“, so Bernhard (vgl. Bernhard 2011: 14), wobei diese Bezeichnung auch nicht vollständig wäre, da man die Begriffe „Sozialisation“ und „Lernen“ nicht direkt berücksichtigt.

2 Die Schrift „Über Pädagogik“ erschien erst 1803, also ein Jahr vor Kants Tod, die auf Initiative von Friedrich Theodor Rink veröffentlicht wurde. Rink hat Kants Ausführungen in Form von Vorlesungsblätter erhalten und hat möglicherweise an der einen oder anderen Stelle Ergänzungen vorgenommen. Ob, inwiefern und an welchen Stellen dies geschah, ist heute nicht mehr nachvollziehbar, wie Hermann Holstein in der Einführung zu Kants Ausgabe (1984) „Über Pädagogik“ schreibt (vgl. Kant 1984: 6).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Grundbegriffe "Erziehung" und "Bildung" nach Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt
Untertitel
Eine kritische Reflexion ihrer Aktualität unter Berücksichtung des historischen Kontextes.
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Einführung in die Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V343067
ISBN (eBook)
9783668327849
ISBN (Buch)
9783668327856
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grundbegriffe, erziehung, bildung, immanuel, kant, wilhelm, humboldt, eine, reflexion, aktualität, berücksichtung, kontextes
Arbeit zitieren
Alexander Fichtner (Autor), 2016, Die Grundbegriffe "Erziehung" und "Bildung" nach Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343067

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