Gegenüberstellung von Metaphysik und verschwörungstheoretischem Denken anhand von Dan Browns "DaVinci Code"

Die Demaskierung der Religion?


Essay, 2016
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Rückgang von religiöser Metaphysik

2. Narration & Dramaturgie
2.1. Narration – Wie wird erzählt
2.2. Dramaturgie

3. Der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion

4. Selektive Wahrnehmung

5. Konklusion

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

Internetquellen:

1. Rückgang von religiöser Metaphysik

Gerade in der westlichen Welt ist ein deutlicher Säkularisierungsprozess wahrzunehmen. Für immer weniger Menschen spielt Religion und Religiösität eine immer kleinere Rolle im Leben. Humanistische Kritik an den vermeintlichen Wahrheiten und Praktiken der Religionen und Kirchen erodiert immer weiter ihre metaphysischen Erklärungsversuche der Welt und die objektiv fassbare, empirische wissenschaftliche Methode scheint diese zu ersetzen. Doch stimmt diese Wahrnehmung oder befinden sich transzendentalistische Weltanschauungen erneut auf dem Vormarsch, nur in anderer Form?

Es scheint zur menschlichen Natur zu gehören, nach einer größeren Wahrheit zu streben. Das menschliche Gehirn hat sich zur besten "pattern-recognising machine"[1] entwickelt, die wir kennen. Während die Mustererkennung unseren prähistorischen Vorfahren als großen evolutionären Wettbewerbsvorteil diente, so führt diese Neigung heute zu dem uns bekannten metaphyischem Denken.

Bei der Untersuchung der Faszination des Menschen für die Metaphysik als eine Suche nach der Aufdeckung hinter einer größeren Wahrheit "hinter" der wahrgenommenen Welt fällt auf, dass selbstverständlich nicht nur Religion allein diesem Muster entspricht und säkulare Weltsichten nicht automatisch immun sind gegen metaphysische Betrachtungsweisen. Verschwörungstheorien, oder spezieller sogar: Verschwörungsideologien versuchen Ereignisse, Zusammenhänge oder Entwicklungen als Ergebnisse konspirativen Handelns einiger im Geheimen agierenden Personen oder Personengruppen zu erklären und so manchmal sogar unzusammenhängende Dinge als in Wahrheit verknüpft zu präsentieren. Die Parallelen zu metaphysischen Weltmodellen liegen auf der Hand: Hinter der wahrgenommenen Welt gibt es Zusammenhänge und Ursachen, die einem auf dem ersten Blick nicht ersichtlich sind und welche es aufzudecken gilt. Anders als in der Religion handelt es sich dabei aber nicht um transzendete Wesen oder Sphären, welche unsere Geschicke beeinflussen, sondern um besonders einflussreiche Menschen oder Gruppen.

Die Frage, welche man sich an diesem Punkt stellen kann ist folgende: In welchem Zusammenhang stehen diese Diskurse? Löst die empirische Wissenschaft die religiöse Metaphysik ab, oder entwickeln wir uns stattdessen hin zu einer neuen, nun säkularen Metaphysik zum Beispiel in Form der Verschwörungstheorien? Welche Erklärung der Welt wirkt gegenwärtig auf die Menschen glaubhafter?

Da diese Erklärungsversuche im Nukleus stets eine Geschichte erzählen, bietet es sich an, nach den Antworten auf diese Fragen in einem anderen Medium zu suchen, in denen metaphysische und andere Weltbilder förmlich simuliert werden können: Dem Film. Diesem liegt in Form des plots eine Geschichte zu Grunde, die einem Zuschauer durch akustische und optische Informationen vermittelt wird. Besonders dann, wenn ein Film sich zu den "Populärfilmen" zählen darf, kann man durchaus sagen, dass es sich hierbei offensichtlich um eine Narration handelt, die viele Menschen anspricht und deren Botschaft viel positiven Anklang findet. Daraus lässt sich extrapolieren, ob die transportierte Wahrheit ebenfalls populär ist.

Deshalb bietet es sich an, einen Populärfilm zu untersuchen, welcher sich mit der Thematik von Religion und Verschwörungstheorien beschäftigt, um den gegenwärtigen Diskursen dazu auf die Schliche zu kommen. Wie prädestiniert zeigt sich hierbei die Verfilmung von Dan Browns Roman "The DaVinci Code."

Der kommerziell zweiterfolgreichste Film des Jahres 2006[2] wurde von vielen Kritikern als "Angriff auf die Religion" wahrgenommen,[3] und erntete vor allem wegen seiner Religionskritik vorwiegend schlechte Kritiken. In Verbindung mit der im Titel hinter dem "DaVinci Code" versteckten Verschwörung eignet sich der Film zum idealen Untersuchungsobjekt für diese Arbeit.

2. Narration & Dramaturgie

2.1. Narration – Wie wird erzählt

Besonders relevant für die Analyse ist selbstverständlich die Betrachtung der Narration im Film. Die Frage "Was wird erzählt" ist im Kontext der metaphysischen Weltanschauungen genau die relevante Frage, die untersucht werden muss. Die Verteilung von Informationen, die die Protagonisten Robert Langdon und Sophie Neveu gleichzeitig mit dem Rezipienten erhalten, bildet das Grundgerüst der Verschwörungstheorie. Dabei ist relevant, in welcher Reihenfolge diese Informationen präsentiert werden, da die Glaubhaftigkeit durch ein sukzessives Aneinanderreihen von Indizien erreicht wird. Eine geschickte Vermischung von Tatsachen und Spekulationen erzeugt somit das Gefühl von Korrelation und wird als Kausalität dargestellt.

Der Aufhänger für die Narration ist deshalb von grundlegender Wichtigkeit. Der "Hook"[4] soll den Zuschauer direkt in die Welt der Erzählung ziehen – eben wie ein Haken – und seine Aufmerksamkeit erregen. Unter anderem dafür eignet sich "am besten eine spektakuläre und ausdrucksstarke Bilderfolge,"[5] das Eröffnungsbild. Dieses soll die Grundstimmung mit einem "expressiven und einprägsamen Bild"[6] setzen und den zentralen Konflikt des Films andeuten.

In "The DaVinci Code" handelt es sich bei der Eröffnungssequenz um eine Actionszene. Ein Mann, von welchem wir später erfahren, dass es sich um Jaques Saunière handelt, flieht vor einem anderen Mann in einer Mönchsrobe im Louvre. Inmitten von berühmten Kunstwerken sprechen sie über Geheimnisse, für welche sich zu sterben lohnt, woraufhin Silas, der Mönch, Saunière erschießt. Die Musik und die Bildgebung ist sehr düster gehalten und damit auch der Grundton, thematisch wie optisch, gesetzt. Die Eröffnungsszene legt Mord und Gewalt, Geheimnisse, berühmte Kunstwerke und Religion als Grundmotive fest.

Die Verteilung der Informationen lässt sich nach Syd Fields Grundmuster der dramatischen Struktur im Film einordnen. Der erste Akt, der sich circa über die ersten 21 Minuten des Films erstreckt, stellt Robert Langdon als Professor für Symbologie vor, sowie eine Grundthematik seiner Arbeit sowie des Films gleichermaßen: Dass Symbole tiefe, interprationsfähige Bedeutungen tragen und dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Bedeutungen wandeln sich historisch und sind kontextabhängig. Anschließend wird Robert Langdon zum Louvre gerufen, angeblich um bei der Entzifferung der Rätsel zu helfen, die der Kurator des Louvre kurz vor seinem Tod anbrachte.

Der erste Plot Point, der erste Wendepunkt des Films beendet den ersten Akt nach Field. Unvorhergesehene Wendungen sind für eine spannende Geschichte unabdinglich, um den Rezipienten nicht zu langweilen.[7] Dieser Plot Point 1 befindet sich bei "The DaVinci Code" in der 21. Minute. Das "überraschende Ereignis", das den Verlauf der Geschichte in eine neue Richtung lenkt und eine "Umorientierung für den Protagonisten" bedeutet[8], ist die Offenbarung, dass Robert Langdon des Mordes an Saunière bezichtigt wird. In direkter Folge dazu wird die Entscheidung gefällt, vor der Polizei zu fliehen und Sophie Neveu gibt zu, dass Saunière ihr Großvater ist.

In die Welt der Verschwörungen, Rätsel und der Flucht vor der Polizei geworfen, befinden wir uns nun im zweiten Akt nach Field, in der Protagonist gemeinsam mit dem Zuschauer die neuen, nicht-alltäglichen Regeln lernen muss.

Der zweite Akt, in welchem sich die zentrale Konfronation entfaltet, beinhaltet ein Kennenlernen der Protagonisten, ihrer Persönlichkeiten und ihrer Gefühle, sowie eventueller "backstorywounds."[9] Bei Langdon handelt es sich hierbei beispielsweise um seine traumatischen Kindheitserfahrungen, welchen er seine Platzangst zu verdanken hat. Bei Neveu war es ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem Großvater, den sie bei einem heidnischen Ritual beobachtete und der Unfalltod ihrer Eltern und ihres Bruders. Während die Protagonisten versuchen, ihre Aufgaben zu lösen, also Saunières Rätsel zu entziffern und das Kryptex zu entschlüsseln, wobei sie eine regelrechte Schnitzeljagd absolvieren, müssen sie immer wieder verschiedenste Hindernisse überwinden: Sie müssen der Polizei entkommen, sowie sich den Angriffen Silas' und Vernes erwehren. Das Tempo der Auseinandersetzungen und der Hinweise, die die Verschwörung beweisen sollen, nimmt zu. Die dargestellten Kontroversen hinter der vermeintlichen Existenz von Nachfahren Jesus Christus verdichten sich immer weiter zu einem immer plausibleren Bild.

Der zweite Akt kulminiert sodann im Plot Point 2, welcher die zweite essentielle Richtungsänderung der Geschichte darstellt. Hierbei handelt es sich um die Enthüllung bei Minute 1:22, dass der ominöse "Lehrer", welcher hinter den Machenschaften Silas und Opus Deis steht, in Wahrheit Leigh Teabing ist.

Im dritten Akt, der Auflösung des Konfliktes kommt es zur finalen Konfrontation zwischen Teabing und Neveu und Langdon. Wenn er der "antagonistischen Kraft face-to-face"[10] gegenübersteht, löst Langdon das Rätsel des Kryptex und erhält ein letztes Gedicht, welches den derzeitigen Standort des heiligen Grals verrät. Alle losen Enden werden aufgelöst, die Polizei erschießt Silas, Bischof Aringarosa wird verhaftet und Sophie Neveu erfährt die Wahrheit über ihre Familie und Langdon die Wahrheit über die Nachkommenschaft Christi und der Versuch der Kirche, dieses geheim zu halten. Neveu findet ihre Familie zurück und Langdon kehrt nach Paris zurück, wo er im (hier weniger passend bezeichnetem) "kiss-off" vor dem Grab Maria Magadalenas kniet, welches sich genau unter der Pyramide des Louvre befindet und den Zuschauern ein "Happyend" liefert.[11]

Dem dramatischen Aufbau des Drehbuchs folgend entfaltet sich die Aufdeckung der Verschwörung Teabings und der katholischen Kirche, speziell Opus Deis gleichermaßen. Da dieser Aufbau dramatisch und Spannung aufbauend konzipiert wurde, entwickelt die Verschwörung die gleiche Anziehungskraft wie der Plot selbst. Speziell durch die Verflechtungen, die durch den Zeitdruck und die lauernden Bedrohungen entstehen, gewinnen die Enthüllungen und Indizien weitere Faszination. Mit dieser Faszination steigt auch ihre wahrgenommene Wahrscheinlichkeit und damit ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Rezipienten.

Die historischen Theorien, die symbologischen Ausführungen Langdons würden für sich genommen keinen so großen Reiz ausüben. Jedoch als notwendige Hinweise, die während dramatischer Spannung enthüllt werden und somit den Plot vorantreiben, gewinnen sie mehr Bedeutung als sie haben. Außerdem wird so dem Rezipienten die Zeit weggenommen, die erhaltene Information kritischer zu hinterfragen.
Gleichwertig relevant wie die Frage "Was erzählt wird" ist demnach die Frage "Wie erzählt wird". Dies wird im Folgenden in der Analyse der Dramaturgie genauer erläutert.

[...]


[1] Vgl. Kurzweil, Ray: How to create a mind. New York, 2012.

[2] "The Da Vinci Code (2006)". Box Office Mojo. Stand 16.12.2006. "http://www.boxofficemojo.com/movies/?page=main&id=davincicode.htm"

[3] "The situation with Tucker May" NBC News. Stand 09.09.2016. "http://www.nbcnews.com/id/12857034/ns/msnbc-the_ed_show/t/situation-tucker-carlson-may/#.U1K7V9xdUX"

[4] Hant, Peter: Das Drehbuch. Praktische Filmdramaturgie. Frankfurt a. Main, 2000. S. 73.

[5] Bohrmann, Thomas: Handbuch Theologie und Populärer Film - Band 1. Paderborn, 2007. S. 16.

[6] Ebd. S. 16.

[7] Vgl. Field, Syd: Das Drehbuch. In: Meyer. Andreas/Witte, Gunther/Henke, Gebhard u.a.: Drehbuchschreiben für Fernsehen und Film. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis, München 2001, 11-120. S. 12/13

[8] Bohrmann S. 16.

[9] Bohrmann S. 16.

[10] Ebd. S. 17.

[11] Vgl. Ebd. S. 17.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Gegenüberstellung von Metaphysik und verschwörungstheoretischem Denken anhand von Dan Browns "DaVinci Code"
Untertitel
Die Demaskierung der Religion?
Hochschule
Universität Augsburg  (Philologisch-Historische Fakultät)
Veranstaltung
"... and no religion, too"?
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V343433
ISBN (eBook)
9783668333703
ISBN (Buch)
9783668333710
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dan Brown, Metaphysik, Religion, Postmetaphysik
Arbeit zitieren
Thomas Laschyk (Autor), 2016, Gegenüberstellung von Metaphysik und verschwörungstheoretischem Denken anhand von Dan Browns "DaVinci Code", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343433

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