Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit

Eine Untersuchung zum Gleichgewicht von Nähe und Distanz


Bachelorarbeit, 2016
161 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der Schlüsselbegriffe
2.1. Definition ‚professionelles Handeln‘
2.2. Definition ‚Nähe‘ und ‚Distanz‘ als Begriffspaar

3. Verschiedene Formen von Nähe und Distanz
3.1. Nähe und Distanz im Alltag
3.2. Nähe und Distanz in professioneller Sozialer Arbeit

4. Indikatoren für die Bewältigung der Nähe-Distanz-Problematik
4.1. Handlungsmaximen
4.2. Organisationsbezogene Unterstützung
4.3. Berufsbezogene Unterstützung
4.4. Konzept der Strukturierten Offenheit

5. Besonderheiten in der Arbeit mit an der Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankten Menschen
5.1. Krankheitsdefinition
5.2. Indikatoren zur Bewältigung der Nähe-Distanz-Problematik mit Borderline-Persönlichkeiten

6. Empirische Forschung
6.1. Forschungsrahmen
6.1.1. Ziel der Untersuchung
6.1.2. Methodenwahl
6.1.3. Vorbereitung und Durchführung der Interviews
6.1.4. Kurzporträts der Befragten
6.2. Ergebnisdarstellung der Interviews
6.2.1. Bisherige Erfahrungen mit Nähe und Distanz
6.2.2. Indikatoren für die eigene Person
6.2.3. Unterstützung durch die Einrichtung
6.2.4. Unterstützung durch die Profession „Soziale Arbeit“
6.2.5. Besonderheiten im Umgang mit Borderline-Persönlichkeiten
6.3. Bezug zur theoretischen Diskussion
6.3.1. Indikatoren die eigene Person betreffend
6.3.2. Unterstützung durch die Einrichtung
6.3.3. Berufsbezogene Unterstützung
6.3.4. Besonderheiten im Umgang mit Borderline-Persönlichkeiten
6.4. Weitere Forschungserkenntnisse

7. Reflexion

8. Handlungsempfehlungen

9. Fazit & Ausblick

Quellenverzeichnis

Literaturquellen

Internetquellen

Anhang

Soziobiografische Datenerhebung I1

Soziobiografische Datenerhebung I2

Interview-Vereinbarung

Interview-Leitfaden

Transkriptionsregeln nach Hoffmann-Riem (1984)

Kategorisierung nach Mayring (2010)

Transkript I1

Transkript I2

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Aufgaben für sozialpädagogisches Können: Eigene Darstellung in Anlehnung an Müller, Burkhard (2012), S. 966.

Abbildung 2: Grundhaltung in der Sozialen Arbeit: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Becker-Lenz, Roland; Müller, Silke (2009), S.368 f.

Abbildung 3: Selbstkompetenz: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Wunsch, Albert (2013), S. 15

Abbildung 4: Balance von Nähe und Distanz - Handlungsmaximen an die eigene Person

Abbildung 5: Maßnahmen bei Schwierigkeiten mit Borderline-Erkrankten im Kontext Nähe-Distanz

Abbildung 6: Handlungsempfehlungen für Sozialarbeitende im Umgang mit Nähe und Distanz

Abbildung 7: Handlungsempfehlungen für die Einrichtungen im Umgang mit Nähe und Distanz

Abbildung 8: Handlungsempfehlungen für die Soziale Arbeit im Umgang mit Nähe und Distanz

Abbildung 9: Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit Borderline-Erkrankten im Umgang mit Nähe und Distanz

1. Einleitung

„Die Professionellen der Sozialen Arbeit achten bei aller beruflichen Routine darauf, durch reflektierte und zugleich kontrollierte empathische Zuwendung die Persönlichkeit und Not des oder der Anderen eingehend wahrzunehmen und sich gleichwohl gebührend abzugrenzen“[1]

Was bedeutet reflektierte und zugleich kontrollierte empathische Zuwendung und was ist mit einer gebührenden Abgrenzung gemeint?

Das Zitat von Susanne Beck et al. beinhaltet die Kompetenzen, die Sozialarbeitenden helfen sollen, ein Gleichgewicht von Nähe und Distanz herzustellen. Dennoch ist es schwieriger, diese Hinweise zu befolgen, als möglicherweise zunächst vermutet. Die Persönlichkeit und Not des, der Anderen eingehend wahrzunehmen, ist die Grundlage für eine Vertrauensbeziehung. Ohne diese gestaltet sich die Soziale Arbeit schier unmöglich. Diese Vertrauensbeziehung bauen Sozialarbeitende zu Menschen auf, auf deren Mitarbeit sie für die erfolgreiche Durchführung ihrer Aufgaben angewiesen sind. Andererseits wirkt die gebührende Abgrenzung auf den ersten Blick konträr zur Pflege einer Vertrauensbasis. Doch das Werkzeug des Sozialarbeiters, der Sozialarbeiterin ist die eigene Person. Wird diese nicht geschützt, bleiben Probleme in der Arbeit mit der Klientel letztendlich nicht aus. Nicht nur für die Professionellen wird die Abgrenzung bedeutend. Die Klientel bekommt dadurch ebenfalls Grenzen gesetzt, die sie möglicherweise in der Vergangenheit nicht erfahren hat.

Schon zu Beginn meiner Arbeit mit hilfebedürftigen Menschen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie die Fehler der Professionellen ausnutzen können, wenn das eigene Handeln nicht mit Bedacht ausgeführt wird. Die Erfahrung, dass Nähe nicht immer gut für Professionelle und Hilfebedürftige ist, wurde gemacht und sollte auch gemacht werden, um langfristig ein Gefühl für eine gelingende Balance zu entwickeln. Unprofessionelle Handlungen wurden nicht nur bei mir selbst entdeckt, sondern auch bei Professionellen mit vielen Jahren Berufserfahrung. Fehler können für Professionelle negative, auch schmerzhafte Folgen haben. Wie lassen sich diese Fehler vermeiden? Warum ist es so schwer, diese Balance herzustellen? Weshalb gelingt es Menschen, die eine Vielzahl an Erfahrungen gemacht haben, nicht, ein professionelles Gleichgewicht von Nähe und Distanz zu entwickeln?

Diese lehrreichen Erfahrungen und Fragen haben mich dazu bewegt, meine Bachelorarbeit dem Thema

„Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit – Eine Untersuchung zum Gleichgewicht von Nähe und Distanz“

zu widmen, um Antworten darauf zu finden und um Sozialarbeitenden eine Unterstützungsmöglichkeit zu bieten.

Hierbei wird ausschließlich die Nähe und Distanz zum Klienten und zur Klientin untersucht, um den vorgesehenen Umfang für eine Bachelorarbeit einzuhalten. Psychologische Begründungen für Bindungsstörungen bleiben weitgehend unberücksichtigt, da weniger die Ursachen als Handlungsoptionen für Professionelle herausgestellt werden sollen. Ich habe mich im Themenbezug dieser Arbeit fast ausschließlich auf die Perspektive der Sozialen Arbeit beschränkt, was meiner Intention entspricht.

Die Leitfrage lautet:

„Wie gelingt das Gleichgewicht von Nähe und Distanz zum Klienten, zur Klientin als Indikator professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit?“

Jeder, jede Sozialarbeitende wird im beruflichen Alltag früher oder später mit diesem Konflikt konfrontiert und sollte sich Handlungsmöglichkeiten erarbeiten, um seine, ihre Handlungsfähigkeit sicherzustellen. Trotz der großen Bedeutung der Thematik Nähe und Distanz für die Soziale Arbeit sind theoretische Erkenntnisse bisweilen schwer zu finden. Die Literatur beschäftigt sich mitunter recht oberflächlich mit dieser Thematik. Als wichtige Autoren zur Nähe-Distanz-Problematik stellten sich Margret Dörr und Burkhard Müller als Herausgeber des Werks „Nähe und Distanz“[2] heraus. Roland Becker-Lenz hat Professionalität in unterschiedlichen Werken beleuchtet und konnte für diese Arbeit sehr hilfreich sein.

Durch die geringe wissenschaftliche Dichte, die das Begriffspaar Nähe und Distanz vorweist, entstand für mich ein weiterer Anreiz, die wissenschaftlichen Erkenntnisse durch weitere zu ergänzen. Daher wurde die Form der qualitativen Forschung gewählt. Diese Form eignet sich hervorragend, um Informationen nicht nur zu erfassen, sondern auch zu hinterfragen. Das Sampling, zwei Professionelle mit vergleichbarer Berufserfahrung und ähnlichem Arbeitsfeld, sollte bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen oder widerlegen und insbesondere neue Erkenntnisse hinzufügen.

Die empirische Leitfrage für diese Forschung lautet daher:

„Welche Indikatoren sind zu beachten, um ein gelingendes Gleichgewicht von Nähe und Distanz herzustellen?“

Zusätzlich sollen Besonderheiten in der Arbeit mit Borderline-Erkrankten im Umgang mit Nähe und Distanz herausgearbeitet werden, da insbesondere dieses Krankheitsbild Probleme mit dieser Thematik vorweist und Professionelle vor besondere Herausforderungen stellt. Grenzüberschreitungen gehören für Menschen mit dieser Form der Persönlichkeitsstörung zur vorwiegenden Symptomatik. Daher gilt es für Professionelle, die Grenze zwischen professioneller und laienhafter Nähe, zwischen professioneller und laienhafter Distanz, zwischen Arbeitsbeziehung und privater Beziehung, zwischen Authentizität und Verletzlichkeit sowie zwischen Empathie und Belastung zu überwachen – die Borderline. Die Arbeit mit Menschen mit dieser Krankheit erfordert besondere Arbeitsweisen, welche herausgearbeitet werden sollen. Aus diesem Grund wurden Sozialarbeitende, die Erfahrung in der Arbeit mit Borderline-Erkrankten vorweisen können, als Interviewpartner ausgewählt.

Mir ist bewusst, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann, da die Betrachtung der Begriffspaare Nähe und Distanz von subjektiven Erfahrungen und individuellen Haltungen abhängt und die Größe des Samplings dafür zu klein ist. Dennoch sollen durch diese Arbeit Handlungsempfehlungen insbesondere für Sozialarbeitende, aber auch für Einrichtungen und die Soziale Arbeit als Profession[3] herausgearbeitet werden. Die herausgearbeiteten Indikatoren sollen weitestgehend auf alle Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit übertragen werden können, auch wenn es in jedem Arbeitsfeld sicherlich besondere Handlungsempfehlungen gibt.

Diese Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil (Kapitel 2-5) werden die Ergebnisse der Theorierecherche dargestellt. Zunächst werden die Schlüsselbegriffe des Titels dieser Arbeit ‚professionelles Handeln‘ sowie ‚Nähe‘ und ‚Distanz‘ definiert. Anschließend werden verschiedene Formen von Nähe und Distanz beschrieben. Anschließend werden Indikatoren für die Bewältigung der Nähe-Distanz-Problematik genannt und erläutert. Dabei wird als Exkurs das Konzept der Strukturierten Offenheit nach Hans Thiersch kurz beschrieben. Danach werden Besonderheiten in der Arbeit mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen dargestellt. Darauf aufbauend folgt im zweiten Teil dieser Arbeit die empirische Forschung (Kapitel 6-7). Hierbei wird zuerst der Forschungsrahmen beschrieben. Nachdem die Ergebnisse der Interviews dargestellt werden, wird sich auf die theoretische Diskussion im ersten Teil bezogen und weitere Forschungserkenntnisse benannt. Im siebten Kapitel wird die empirische Forschung reflektiert. Kapitel acht enthält zusammenfassend Handlungsempfehlungen, die sich aus den theoretischen und empirischen Erkenntnissen ergeben. Abgeschlossen wird diese Bachelorarbeit von einem Fazit mit einem Ausblick.

2. Definition der Schlüsselbegriffe

In diesem Kapitel werden die Schlüsselbegriffe der vorliegenden Arbeit definiert und erläutert, um dadurch die Grundlage für das Verständnis der darauffolgenden Ausführungen zu schaffen. Zunächst wird ‚professionelles Handeln‘ als Begrifflichkeit definiert. Anschließend wird auf die Begriffe ‚Nähe‘ und ‚Distanz‘ eingegangen.

2.1. Definition ‚professionelles Handeln‘

‚Handlung‘ ist jede menschliche Betätigung, die sich durch Motivation, Überlegung und Willensentschluss von tierischem Verhalten abhebt. Daneben bewirkt die Handlung im Gegensatz zu Denken und Wahrnehmung Reaktionen der Außenwelt und steht in einem Handlungszusammenhang.[4] Demnach ist eine Handlung eine absichtsvolle Tätigkeit mit Außenwirkung, die im Zusammenhang mit anderen Handlungen steht.

‚Professionalität‘ meint eine „besondere Klasse von Berufen“ [5]. Kriterien hierfür sind allerdings nicht einheitlich gegeben. Im Zusammenhang mit Professionalität wird häufig der Begriff Expertentum genannt. Expertentum kennzeichnet sich durch „ein klares, fundiertes Wissen“[6]. Folglich hebt sich das Expertentum durch seine Fachkompetenz ab. Ein Mensch könne auch Experte, Expertin sein, ohne sein spezifisches Wissen im beruflichen Kontext anzuwenden. Insbesondere für die Soziale Arbeit eigne sich dieses Expertenmodell nur bedingt. Im klassischen Professionsverständnis ist eine Profession nur dann gegeben, wenn „die Berufstätigkeit

- besondere zentrale Bereiche menschlichen Lebens betrifft,
- den persönlichen Privat- oder gar Intimbereich von anderen Menschen berührt und deshalb
- für diejenigen Personen, denen diese Berufe nützen sollen, besondere Risiken und Verletzungsgefahren einschließen.“[7]

Diese Anforderungen zielen insbesondere auf die drei klassischen Professionen ab. Diese sind der ärztliche Beruf, juristische Berufe sowie geistliche Berufe. Doch während sich die klassischen Professionen auf die Bearbeitung bestimmter Lebensbereiche beschränken, sollte die Soziale Arbeit alle genannten Lebensbereiche berücksichtigen.

Um Professionalität in der sozialpädagogischen Arbeit umzusetzen, gilt es vor allem drei Aufgaben zu erfüllen, die im Anschluss an die Abbildung erläutert werden: Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Aufgaben für sozialpädagogisches Können: Eigene Darstellung in Anlehnung an Müller, Burkhard (2012), S. 966.

Folglich soll die professionelle Sozialpädagogik damit umgehen können, dass sie häufig das zugrundeliegende Problem der Aufgabe erst ergründen muss. Dies stellt die Grundlage für die weitere Arbeit dar. Daher wird eigener Sachverstand wie auch die Kompetenz, dass der Sachverstand anderer nutzbar gemacht wird, benötigt. Dieser Sachverstand kann auch als Fachkompetenz bezeichnet werden. Das professionelle Wissen wird durch die Individualität der Klientel häufig an die Grenzen seiner Funktionalität gedrängt. Professionell Tätige können häufig keine vorgefertigten Musterverfahren anwenden, sondern sollten bestenfalls jede Handlung auf den Klienten, die Klientin individuell ausrichten. Es ist ein hohes Maß an Beziehungsarbeit erforderlich, um unterschiedliche, sich womöglich zuwiderlaufende, Interessen durch die Suche nach Kompromissen in Einklang zu bringen. Außerdem müssen häufig Ziele verfolgt werden, die in Kooperation mit anderen Institutionen erreicht werden sollen. Dadurch stellen Sozialarbeitende nur ein Teil der Hilfekette dar. Um mit dem übrigen Teil dieser Hilfekette umgehen zu können, ist die Netzwerkarbeit mit der Fähigkeit, Macht und Abhängigkeiten richtig einzuordnen, zentral.[8]

Pfadenhauer (2005) bezeichnet professionelles Handeln in ihrer alltagssprachlichen Definition als einen „‘gekonnten‘ Umgang mit speziellen Problemen“ [9] und bezieht dies auf eine außergewöhnliche Qualität des Handelns. Im engeren Sinne definiert sie Professionelles Handeln wie folgt:

„Professionelles Handeln […] ist […] bestimmt als ein Handeln, das formal oder informell geltenden […] Verhaltensanforderungen entspricht bzw. genauer: das von einer […] relevanten Kollegenschaft als ‚den formalen und informellen Standards entsprechend‘ wahrgenommen wird.“[10]

Folglich wird professionelles Handeln an einer Vorschrift gemessen, die von Anderen, die denselben Beruf ausüben, als gültig realisiert wird. Zudem können Professionelle die Probleme, die ihnen begegnen, definieren und sie möglichst weitgehend mit ihren (professionellen) Kompetenzen lösen.[11] Professionelles Handeln kommt daher durchaus auch in Berufen vor, die sich nicht zu den Professionen zählen. Professionen beschreiben den Status des Berufsstandes, während Professionelles Handeln mehr die individuellen Handlungsgrundsätze eines Menschen bezeichnet, der sich dadurch zu Professionellen zählen kann. Diese Handlungsgrundsätze müssen allerdings von anderen, die diesen Beruf ausüben, anerkannt werden. Somit müssen diese Begrifflichkeiten strikt voneinander getrennt betrachtet werden. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden Indikatoren für ebendieses Handeln aufgezeigt.

2.2. Definition ‚Nähe‘ und ‚Distanz‘ als Begriffspaar

Nähe und Distanz sind wesentliche Bestandteile einer jeden Beziehung. Daher hat jeder Mensch Berührungspunkte zu diesem Begriffspaar. In Beziehungen ist das als richtig empfundene Maß von Nähe und Distanz entscheidend. Die beiden Begrifflichkeiten verweisen auf den Leib, da dieser die räumliche Abgrenzung von der intimen inneren Welt zur äußeren Umwelt darstellt. Doch wem sich der Mensch nahe fühlt, muss ihm nicht auch physisch nahe sein. Diese paradoxe Struktur zeigt sich darin, dass dem Menschen abwesende Personen durch eigene Vorstellungen nahe sein können. So können Nähe oder soziale Beziehungen in Zeiten von Social Media (Facebook, Twitter, etc.) global erzeugt und daher auch lokal relevant werden.[12]

Nähe und Distanz kann auf zwei Ebenen betrachtet werden. Einerseits bestehen Nähe und Distanz auf quantitativer Ebene. Die quantitative Ebene beschreibt, wie Menschen zueinander stehen, also in welchem Zusammenhang sie stehen (zum Beispiel im Arbeitsverhältnis oder durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe) und wie häufig die Menschen Kontakt zueinander haben. Andererseits kann Nähe und Distanz qualitativ betrachtet werden. Diese Ebene meint das Erleben der Beziehung. Menschen können sich fremd sein, obwohl sie sich häufig sehen. Andererseits können sich Menschen sehr verbunden sein, wenn ihr Kontakt auch nur selten stattfindet.

Im Kontext der Professionalität würde Nähe und Distanz von Professionellen und Laien gemeinsam in Interaktionen hergestellt.

„Die Metapher von Nähe und Distanz verweist […] auf einen mehrdimensionalen Spannungsbereich […], der sich im laienhaften Suchen von, Angewiesensein auf, sich verstanden oder bedrängt Fühlen durch, professionelles Handeln ebenso zeigt, wie im professionellen Handeln selbst.“[13]

Beide pädagogischen Begriffe beziehen sich demnach auf Prozesse der Annäherung beziehungsweise der Distanzierung. Die zunächst widersprüchlich erscheinenden Komponenten in der Sozialen Arbeit bedingen sich gegenseitig, da professionelle Beziehungen sowohl von empathischen Bestandteilen, als auch von einer gewissen Distanziertheit abhängen.

3. Verschiedene Formen von Nähe und Distanz

Es gibt verschiedene Formen von Nähe und Distanz. In diesem Kapitel wird zwischen Nähe und Distanz in der Lebenswelt und der pädagogischen Nähe und Distanz unterschieden.

3.1. Nähe und Distanz im Alltag

Der Alltag ist die Summe subjektiver Erfahrungen von Raum, Zeit und sozialen Beziehungen. Alltag ist die Wirklichkeit des Vertrauten und der Nähe sowie das gegenseitige Sich-aufeinander-verlassen. Er ist die gegenseitige Verbundenheit in positiven wie negativen Gefühlen.[14]

Nähe und Distanz sind Charakteristika der unterschiedlichen Beziehungsmuster im Alltag. Unterschiedliche Konstellationen von Nähe und Distanz stellen das Profil der Rollen neben- und gegeneinander heraus und bilden das Gefüge einer Rolle in sich. Demnach äußern sich auch Hierarchien durch bestimmte Formen von Nähe und Distanz. Die Konstellation von Nähe und Distanz erweist sich nicht als statisch, sondern muss in ihrer Entwicklung immer wieder neu definiert werden. Unterschiedlichste Faktoren können zu einer Veränderung der Nähe-Distanz-Konstellation führen. Da das Verständnis von Nähe und Distanz in Beziehungen von der subjektiven Wahrnehmung abhängt, gibt es in diesem Verständnis Differenzen, die zu Konflikten führen können. Verschiedene Personen können mit Nähe und Distanz unterschiedliche Vorstellungen verbinden, die diese Konflikte hervorrufen. Nähe impliziert Gefühle der Geborgenheit und Verlässlichkeit. Distanz meint eher den Abstand zum Nahen sowie den Freiraum mit der Möglichkeit zur Erweiterung der Nähe.[15]

Thiersch (2007) beschreibt die wechselseitige Abhängigkeit der beiden Begrifflichkeiten wie folgt:

„Nähe gelingt, wo auch Distanz gegeben ist, und Distanz, wo sie sich auf Nähe beziehen kann.“[16]

Eine gelingende Balance dieses Begriffspaares gilt als schwer umzusetzen, da Nähe zu Enge und klammernden Beziehungen hinreißt, während Distanz zu Gleichgültigkeit im Nebeneinander verleitet.[17] Diese Gefahren gilt es in der Reflexion des eigenen Umgangs mit Nähe und Distanz zu bedenken.

Folglich sind Nähe und Distanz im Alltag abhängig von subjektiver Wahrnehmung.

3.2. Nähe und Distanz in professioneller Sozialer Arbeit

Thiersch (2007) beschreibt die pädagogische Nähe so, dass ein Pädagoge, eine Pädagogin das Gegebene, Nahe überschreitet, um im Adressat, in der Adressatin seine, ihre Ressourcen freizusetzen und zu befördern.[18] Demnach wird die Nähe gezielt eingesetzt, um die Ziele der sozialpädagogischen Arbeit zu erreichen.

Sozialarbeitende sind in der Regel nicht Teil der Lebenswelt der Klientel. Daher sind sie im Idealfall unabhängig von Lob oder Kränkung und bewerten ihre Leistung durch professionelle Standards. Professionelle Distanz stellt eine objektive Sicht auf lebensweltliche Konstellationen von Nähe und Distanz dar. Durch diese gelingt es, Nähe zu fördern, wenn diese in den Lebensverhältnissen vorhanden ist und Nähe aufzusprengen, wo sie den Menschen erdrückt.[19] Dieser Sachverhalt stellt die wechselseitige Abhängigkeit des Begriffspaares gut heraus.

Die distanzierte Position birgt auch Gefahren. Alte Formen „autoritär-disziplinierender Unterdrückung“[20] der Rechte und des Eigensinns der Adressaten und Adressatinnen sind nach Thiersch noch immer im pädagogischen Umgang existent. Schließlich kann die Distanzierung zu einem Missbrauch der eigenen Machtposition führen. Die Produktivität „professionell-institutioneller Distanz“ [21] gilt als „Voraussetzung der Gestaltung lebensweltlicher Bewältigungsmuster in den Konstellationen von Nähe und Distanz“ [22] und kann in professionellen und institutionellen Programmen freigesetzt werden. Infolgedessen sollen die Einrichtungen als Plattform für die Entwicklung einer professionellen und institutionellen Distanz dienen.

Heiner (2004) nennt die folgenden vier Aspekte, die im Umgang mit Nähe und Distanz in der Sozialen Arbeit beachtet werden sollten:

- Die Beziehungsgestaltung stellt die zentrale Aufgabe und die unabdingbare Voraussetzung für das Erreichen anderer Ziele dar.
- Um die Beziehung zum Klienten und zur Klientin produktiv zu gestalten, muss diese nicht zwangsläufig konfliktfrei sein.
- Die gelingende Gestaltung der Beziehung und eine angemessene Dosierung der Anforderungen an die Klientel benötigen „flexibles, reflektiert experimentierendes Vorgehen“[23], um Lösungen herauszustellen.
- Eine institutionelle Reflexionskultur gilt als unabdingbar für den offenen Umgang auch mit negativ behafteten Eigenschaften der Mitarbeitenden.[24]

Dementsprechend ist die professionelle Nähe und Distanz geprägt durch Objektivität von Seiten der Professionellen und nicht, wie die Nähe und Distanz im Alltag, durch Subjektivität der Beteiligten.

4. Indikatoren für die Bewältigung der Nähe-Distanz-Problematik

Im Folgenden werden Indikatoren für die Bewältigung der Schwierigkeiten von Nähe und Distanz auf Grundlage des momentanen Forschungsstandes herausgearbeitet. Die Bewältigung der Nähe-Distanz-Problematik soll definiert und durch Handlungsmaximen ergänzt werden. Dieses Kapitel abschließen soll die Vorstellung des Konzeptes der ‚strukturierten Offenheit‘ nach Hans Thiersch.

Um die Problematik professionell zu bewältigen, muss zunächst eine angemessene Grundhaltung eingenommen werden. Becker-Lenz und Müller (2009) nennen folgende Anhaltspunkte für eine angemessene Grundhaltung in der Sozialen Arbeit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Grundhaltung in der Sozialen Arbeit: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Becker-Lenz, Roland; Müller, Silke (2009), S.368 f.

Die Autoren nennen die Unterstützung und Weitergabe von Bildungsinhalten als Inhalt der Sozialen Arbeit. Diese Aspekte sollen die Entwicklung oder Wiederherstellung von Autonomie und/oder Integrität fördern. Zudem ist die eigeninteressierte Mitwirkung der Klientel die Handlungsgrundlage der Sozialen Arbeit, da die Interaktion mit der Klientel auf ihr basiert. Des Weiteren ist die Soziale Arbeit gegenüber den Interessen der Gesellschaft verpflichtet, da sie in deren Auftrag handelt. Daher dürfen keine Handlungen den Interessen der Gesellschaft aber auch nicht den Interessen der Klientel zuwiderlaufen. Darüber hinaus sollen wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt und die bestehende Rechtsordnung beachtet werden.[25]

Insbesondere Praxiserfahrungen sind notwendig, um eine professionelle Identität zu konstruieren. Diese Erfahrungen beinhalten verschiedene Handlungskonzepte und Methoden, deren wiederholte Anwendung die professionelle Identität erschafft.[26]

Damit die eigene Persönlichkeit von Professionellen in belastenden Situationen vor Überforderung geschützt werden kann, ist – insbesondere in der Sozialen Arbeit – ein hohes Maß an Resilienz bedeutend. Resilienz ist die Widerstandsfähigkeit eines Menschen, die von unterschiedlichen Schutzfaktoren abhängt[27]. Resilienz steht in Zusammenhang mit den Begriffen Salutogenese (Gesunderhaltung), Hardiness (Widerstandsfähigkeit), Coping (Bewältigungsstrategien), Selbstwirksamkeit (Handlungsstrategien in jeweiliger Situation entwickeln und nutzen), Selbstregulation (Steuerung der Aufmerksamkeit, Emotionen und Handlungen) sowie Autopoiesis (Selbst-Schaffung und Selbst-Erhaltung).[28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Selbstkompetenz: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Wunsch, Albert (2013), S. 15

Diese Fähigkeiten, die eigene Person betreffend, sind Grundvoraussetzungen, um in der Arbeit mit hilfsbedürftigen Menschen langfristig zu bestehen. Insbesondere der Umgang mit Nähe und Distanz zum Klienten, zur Klientin bedarf dieser Kompetenzen, um angemessen zu behandelt zu werden. In der Summe beschreiben sie, was in Kompetenzmodellen der Sozialen Arbeit als ‚Selbstkompetenz‘ bezeichnet wird. In diesem Kontext werden noch ‚Methodenkompetenz‘, ‚Sozialkompetenz‘ und ‚Sachkompetenz‘ als Grundkompetenzen in der Sozialen Arbeit genannt. Elementar für das Nähe-Distanz-Verhalten des, der Sozialarbeitenden ist neben der Selbstkompetenz die ‚Sozialkompetenz‘. Vereinfacht beschreibt die Selbstkompetenz den Umgang mit der eigenen Person, während die Sozialkompetenz den Umgang mit anderen Personen behandelt.[29]

Die sozialarbeitende Person kann das Gleichgewicht von Nähe und Distanz erst dann erfolgreich herstellen, wenn sie sich selbst kennt beziehungsweise sich mit sich selbst auseinandersetzt und über verschiedene Handlungsoptionen für den Umgang mit anderen Personen verfügt.

4.1 Handlungsmaximen

Die Besonderheit von professionellen Arbeitsbeziehungen zeigt sich nach Burkhard Müller (2007) darin, dass sie nahe und distanziert zugleich sind.[30] Dabei soll eine professionelle Distanz zum Klienten, zur Klientin hergestellt werden, um sich selbst und die Klientel zu schützen.

Die Distanzbildung soll durch einen formalen Umgang erfolgen, wobei die gängige Praxis anders aussehe. Während sich Strategien zur Distanznahme beispielsweise im ärztlichen Beruf unter anderem durch weiße Kittel entwickelt haben, präferieren viele Sozialarbeiter, Sozialarbeiterinnen den formlosen Umgang (zum Beispiel durch ähnliche Kleidung oder durch an die Klientel angepasste Sprache) und nutzen diesen auch gezielt, um Nähe und Vertrauen aufzubauen. Dennoch gebe professionelles Auftreten, das sich unter anderem in formalem Umgang widerspiegelt, den Menschen, die sich in Not befinden, die Sicherheit, gut aufgehoben zu sein.[31]

Ein formaler Umgang beinhalte zum Beispiel eine angemessene Sprache, eine formale Anrede (‚Sie‘ satt ‚Du‘) sowie die Gestaltung der Beziehung auf rein beruflicher Ebene. Des Weiteren soll die Grenze zwischen der Intimbeziehung im therapeutischen Kontext und der Intimität im Alltag unbedingt eingehalten werden. Dies impliziert, dass der, die Sozialarbeitende aushält, dass die Hilfe nicht immer und überall möglich ist.[32] Hier offenbart sich die Schwierigkeit, warum das Gleichgewicht von Nähe und Distanz im Heimbereich mit großen Anforderungen verknüpft ist. Der therapeutische Kontext tangiert das Alltagsleben der Klientel hier in weiten Teilen. Besonders in diesem Arbeitsfeld sollte darauf geachtet werden, dass die Intimsphäre des Klienten, der Klientin geschützt wird. Der, die Professionelle sollte diese Grenze nicht überschreiten, indem beispielsweise das Zimmer des Klienten, der Klientin nur nach Absprache mit ihm, ihr betreten wird oder indem ausschließlich Einzelzimmer bezogen werden.

Arbeitsbündnisse beinhalten sowohl Übertragungsphänomene, wie auch Gegenübertra-gungsphänomene. Übertragungsphänomene sind Gefühle, die vom Klienten, der Klientin an den Professionellen, die Professionelle gesendet werden. Gegenübertragungsphänomene sind die Reaktionen auf diese Phänomene (in Form von Gefühlen, Erwartungen oder Ähnlichem). Übertragungsphänomene können zum Beispiel die Suche nach Körperkontakt seitens der Klientel sein. Wenn diese nicht korrekt gedeutet werden, können inadäquate Hoffnungen hervorgerufen werden.

Die Übertragungsphänomene gilt es zu verstehen und die Gegenübertragungsphänomene gilt es zu kontrollieren, um Fehlinterpretationen zu vermeiden.[33]

Eine weitere Möglichkeit zur Distanznahme ist die Abgrenzung über Gruppenzugehörigkeit. Indem der, die Sozialarbeitende sich selbst zur Gruppe der Mitarbeitenden zählt (zum Beispiel: ‚Bei uns gibt es Regeln‘, ‚Wir haben beschlossen, dass …‘), findet eine Distanzierung zur Klientel statt.[34] Die Zuweisung hierarchischer Rollen trägt ergänzend dazu bei, eine professionelle Distanz herzustellen. Diese hierarchischen Rollen lassen sich unter anderem dadurch verdeutlichen, dass der, die Sozialarbeitende Situationen gestaltet und diese nicht vom Gegenüber steuern lässt. Hilfreich können hierbei feste Gesprächszeiten sein, die vermitteln, dass der, die Professionelle nicht omnipräsent ist. Außerdem helfen klare Regeln, um sich vom Klienten, von der Klientin zu distanzieren. Allerdings müssen Regelverstöße auch Konsequenzen nach sich ziehen.[35] Diese Regeln sollten im Vorfeld deutlich kommuniziert werden.

Neben der Distanznahme soll eine tragfähige Vertrauensbeziehung als Grundlage für das sozialarbeiterische Handeln hergestellt werden.[36] Die Soziale Arbeit basiert auf Beziehungen. Der Aufbau professioneller Beziehungen zu den Klienten, Klientinnen ist ohne eine tragfähige Vertrauensbeziehung nicht möglich.

Um diese aufzubauen, ist es konstitutiv, dass die Freiwilligkeit an das Arbeitsbündnis gewährleistet ist. Diese Freiwilligkeit sei auch möglich, wenn die Klientel durch äußeren Zwang an der Maßnahme teilnimmt, indem sie sich auf das Arbeitsbündnis einlässt. Der Klient, die Klientin soll davon überzeugt sein, dass diese Maßnahme einen Nutzen für ihn, sie hat. Wenn diese innere Überzeugung (Freiwilligkeit) nicht gegeben ist, wird diese Maßnahme nur einen geringen Nutzen für diese Person haben. Zusätzlich sollte im Klienten, in der Klientin nicht nur das Problem oder die Krise gesehen werden, sondern die Person als Ganzes: Folglich soll die Problematik so angegangen werden, dass die ganze Person betrachtet wird.[37] Hierfür sollte der, die Sozialarbeitende versuchen, die neben dem offensichtlichen Problem nicht offensichtlichen Hintergründe zu erkennen und in der Arbeit zu beachten.

Gespräche sollten offen geführt werden, um dem Klienten, der Klientin nicht das Gefühl zu geben, dass er, sie etwas nicht ansprechen darf. (Siehe 4.4.: ‚Konzept der strukturierten Offenheit).[38] Sozialarbeitende sollen sich darüber hinaus für die Krise/das Problem interessieren und sie/es in ihrer Komplexität versuchen zu verstehen. Das Interesse sendet dem Klienten, der Klientin das Signal, ernst genommen zu werden. Hilfebedürftige Menschen erfahren dieses Gefühl in ihrem Alltag selten. Daher benötigen sie dieses Gefühl vom Professionellen, von der Professionellen im Rahmen der therapeutischen Beziehung. Eine weitere Handlungsmaxime besteht darin, dass die Loyalität gegenüber dem Klienten, der Klientin gewahrt bleiben soll.[39] Insbesondere das Gefühl, dass sich auf die Mitarbeitenden verlassen werden kann, stellt sich als wichtig heraus. Dadurch kann die Vertrauensbeziehung aufgebaut und aufrechterhalten beziehungsweise gefestigt werden.

Demnach sollen zum einen eine professionelle Distanz und zum anderen eine tragfähige Beziehung hergestellt werden. Die genannten Aspekte haben alle den Erhalt der Handlungsfähigkeit der Professionellen zum Ziel. Diese Handlungsfähigkeit gilt als Maxime im Umgang mit Nähe-Distanz-Konflikten.

Abbildung vier fasst die Ergebnisse dieses Kapitels zusammen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Balance von Nähe und Distanz - Handlungsmaximen an die eigene Person

4.2 Organisationsbezogene Unterstützung

Die gelingende Balance von Nähe und Distanz in der Arbeit kann von den Sozialarbeitern, Sozialarbeiterinnen nur schwer selbst hergestellt werden.

„Es ist auch Aufgabe der Organisation, und nicht nur der einzelnen Pädagogen, die fachlich gewollte Alltagsnähe bewältigbar zu gestalten.“[40]

Zunächst ist eine inhaltliche Präsenz des, der Vorgesetzten hilfreich. Dies führt zu fachlichem Austausch und zur Rückmeldung an die Mitarbeitenden und umgekehrt an die Führungsperson. Zudem dient eine inhaltliche Präsenz der internen Selbstkontrolle. Die Leitungsperson kann durch ihre Präsenz als Ansprechpartner, Ansprechpartnerin in Krisensituationen fungieren. Durch die erhöhte Objektivität in ihrer Position kann sie eine weitgehend neutrale Perspektive auf einen möglichen Konflikt einnehmen. Die Kontrolle durch Außenstehende, zum Beispiel in Form von Fachberatung des Trägers, kann die interne Selbstkontrolle ergänzen.[41] Diese Kontrolle, ob interne Selbstkontrolle oder externe Kontrolle, kann mögliches Fehlverhalten reflektieren und daher Nähe-Distanz-Probleme zum Ausdruck bringen.

Eine weitere wichtige Komponente, die von der Einrichtung erstellt werden kann, ist eine institutionelle Reflexionskultur. Demnach sollen persönliche Schwierigkeiten, die die Arbeit mit den Hilfebedürftigen behindern können, kein Tabu sein und Kritik nicht als kränkende Einmischung instrumentalisiert beziehungsweise aufgefasst werden. Diese Reflexionskultur kann in Richtlinien für Mitarbeitende beschrieben werden oder auch durch Supervision oder ähnliches. Im Übrigen können generell Konzeptionen, Richtlinien oder Ähnliches hilfreich sein, sofern sie sich mit dem Umgang mit der Klientel befassen.[42] Diese können den Sozialarbeitenden als Leitfaden dienen, an diesem sie sich stets orientieren können.

Außerdem sollte die Einrichtung klare Regeln setzen, die die Leistungsempfänger einzuhalten haben, zum Beispiel Termine, die wahrgenommen werden müssen. Diese Regeln sind allerdings nur zielführend, wenn den Mitarbeitenden die Befugnis ausgesprochen wird, Konsequenzen durchzusetzen.[43] Die Regeln stellen für Mitarbeitende eine Metaebene dar. Durch die Berufung auf diese können sie ihre eigene Person vor Angriffen schützen.

Wichtig im Kontext der Nähe-Distanz-Problematik ist daneben die Möglichkeit der Supervision. Supervision führt in diesem Kontext zur Erweiterung sozialer und professioneller Kompetenzen und zur Verbesserung kommunikativer Kompetenzen und fördert die in diesem Zusammenhang wichtigen Reflexionsprozesse.[44] Kollegiale Beratung (auch kollegiale Supervision) lässt sich auch ohne externe Fachperson durchführen.[45]

Demzufolge kommt dem, der Vorgesetzten die Verantwortung zu, dass er, sie eine inhaltliche Präsenz zeigt. Ferner können sich Außenstehende durch Kontrollen, eine interne Reflexionskultur, Konzeptionen oder Ähnliches, klare Regeln durch die Einrichtung sowie die Installation von Supervision als hilfreich für die Bewältigung des Nähe-Distanz-Konfliktes erweisen.

4.3 Berufsbezogene Unterstützung

Im Folgenden soll deutlich werden, warum auch die Soziale Arbeit als Profession unterstützend wirken kann.

Heiner (2011) nennt Aus- und Weiterbildungen als Voraussetzungen für eine professionelle Identität und Leistungsfähigkeit. Somit wird der professionelle Habitus durch Aus- und Weiterbildungen entwickelt. Gleichzeitig wird die Leistungsfähigkeit durch das Erlernen des methodischen Handelns gesteigert. Außerdem sollen Verständigungsbarrieren zwischen der Sozialpädagogik und der Psychologie abgebaut werden, um psychologische Forschungsergebnisse besser nutzbar zu machen.[46]

Im Hochschulstudium werden nach Becker-Lenz (2012) Kompetenzen angeeignet und erprobt. Zudem werden

„Haltungen habituell ausgebildet oder vorbereitet, die später in krisen- und konflikthaften Situationen wirksam Orientierung und Halt geben und schließlich wird Identität erzeugt bzw. ermöglicht, im Modus […] der krisenhaften Erarbeitung, ohne jedoch schon in die realen beruflichen Anerkennungs-, Abgrenzungs- und Behauptungsarenen involviert zu sein.“[47]

Demnach können bereits während des Studiums aber auch im weiteren Verlauf des Berufslebens Kompetenzen angeeignet werden, die es Sozialarbeitenden später erleichtern, ein Gleichgewicht von Nähe und Distanz herzustellen. Die Voraussetzungen hierfür müssen allerdings durch den Berufsstand geschaffen werden.

4.4 Konzept der Strukturierten Offenheit

Das Konzept der Strukturierten Offenheit wurde von Hans Thiersch begründet und soll in dieser Arbeit als Exkurs behandelt werden. Strukturierte Offenheit meint die Art, wie Sozialarbeitende im Gespräch mit ihrer Klientel agieren sollen. Daher erscheint dem Autor eine kurze Vorstellung des Konzepts als passend.

Durch die Offenheit ihres Arbeitens kann die Soziale Arbeit den gesellschaftlichen Veränderungen, die Thiersch als Entgrenzung beschreibt, folgen. Im Konzept der Strukturierten Offenheit wird Offenheit im Arbeitszugang auf der einen Seite praktiziert, diese auf der anderen Seite durch die Arbeitsverhältnisse jedoch strukturiert. Im Gespräch wird demnach eine Struktur von Seiten der Professionellen vorgegeben, innerhalb dieser die Sozialarbeitenden offen dafür sind und sich darauf einlassen, was der Adressat, die Adressatin einbringt. Insbesondere der Authentizität und Glaubwürdigkeit des, der Professionellen kommt eine hohe Bedeutung zu, die Voraussetzung für ein vertrauensvolles Gespräch sind. Nähe darf nicht zur Flucht in klammernde Intimität werden, während Distanz nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit werden darf.[48]

Zum einen gilt es, die Position der Adressaten, der Adressatinnen zu reflektieren, indem die Eigenheit und Fremdheit des, der Anderen respektiert wird. Zum anderen soll die Position des, der Sozialarbeitenden reflektiert werden.[49] Interpretationen und Erwartungen sollen unterlassen werden, um dem Klienten, der Klientin möglichst viele Freiräume zu gewähren.

Abschließend ist Strukturierte Offenheit eine Haltung, die in der Arbeit eingenommen werden kann. Die absolute Offenheit für die Einwände und Vorschläge der Klientel wird durch die Professionellen mithilfe einer vorgegebenen Struktur geleitet. Diese Haltung dient als Beispiel, wie das Nähe-Distanz-Gleichgewicht zumindest im Gespräch mit dem Klienten, der Klientin umgesetzt werden kann.

5 Besonderheiten in der Arbeit mit an der Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankten Menschen

In diesem Kapitel soll deutlich werden, dass in unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit und der damit verbundenen unterschiedlichen Klientel Professionalität verschieden verstanden werden kann. Exemplarisch hierfür sollen Besonderheiten in der Sozialpädagogischen Arbeit mit an der Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.31) erkrankten Personen in Bezug auf professionelle Distanz und Nähe in diesem Kontext beschrieben werden. Zunächst soll die Krankheit Borderline-Persönlichkeitsstörung vorgestellt werden. Anschließend folgt die Durchleuchtung der Beziehungsfähigkeit von Borderline-Persönlichkeiten als Kernproblem im Umgang mit Nähe und Distanz.

5.1 Krankheitsdefinition

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die häufigste Persönlichkeitsstörung im klinischen Umfeld.[50]

Diese Form der Persönlichkeitsstörung kann zu großem persönlichen Leiden und zu Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Kontext sowie zu Beeinträchtigungen, die soziale Rolle zu erfüllen, führen. Die Beeinträchtigungen ziehen häufig selbstschadende Handlungen nach sich und können zum vollendeten Suizid führen. Symptomatisch für die Borderline-Persönlichkeitsstörung steht ein durchgängiges Muster von Instabilität in interpersonellen Beziehungen, im Selbstbild, der Affekte sowie ein durchgängiges Muster mangelhafter Impulskontrolle.[51] Dadurch sind beispielsweise ständige Wechsel von Liebespartnern begründet.

Mindestens fünf der folgenden neun Kriterien müssen laut dem DSM-IV, dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (deutsch: Amerikanische psychiatrische Gesellschaft), erfüllt sein, damit die Borderline-Persönlichkeitsstörung als psychische Erkrankung diagnostiziert werden kann:

1. „verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden
2. ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist
3. Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung
4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essattacken)
5. wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungen
6. affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (zum Beispiel hochgradige Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst […])
7. chronische Gefühle von Leere
8. unangemessene heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren […]
9. vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome“[52]

Die Bindungsfähigkeit der betroffenen Menschen ist intensiv beeinträchtigt. Betroffene reagieren häufig mit vorhersehbar inadäquatem Verhalten auf eine Trennung. Dies sind verzweifelte Versuche, das Verlassenwerden zu verhindern, auch wenn dieses Verlassen nur in der subjektiven Wahrnehmung als solches existiert. Diese Ängste äußern sich meist durch eine unangemessene Wutreaktion, durch ungerechtfertigtes Anklagen des Gegenübers oder durch Impulshandlungen, wie Selbstverletzungen.[53] Für Außenstehende gestaltet sich der Umgang mit diesem Verhalten als sehr anspruchsvoll.

Beziehungen verlaufen meist instabil, intensiv und stürmisch, während sich die Meinung über andere Menschen plötzlich dramatisch ändern kann. Die Borderline-Persönlichkeit kann im einen Moment von der Idealisierung des Gegenübers in dessen Entwertung im nächsten Moment geraten.[54]

Das instabile Selbstbild zeigt sich darin, dass die Person sich selbst als böse oder schlecht wahrnimmt und äußert sich in Impulsivhandlungen, wie leichtsinnige Geldverschwendung oder ungeschützte Sexualität.[55] Diese Handlungen dienen lediglich der Verletzung des Selbst.

Häufig ist die Tendenz erkennbar, dass sich erkrankte Menschen kurz vor dem Erreichen des Ziels selbst blockieren, um mit einem Erfolg nicht konfrontiert zu werden.[56] So stagnieren sie in ihrer Rolle und müssen diese nicht neu definieren, was für sie dem leichtesten Weg entspricht.

In der kindlichen Vorgeschichte sind bei Menschen mit der Diagnose Borderline überproportional häufig körperlicher und sexueller Missbrauch, Vernachlässigung sowie früher Verlust oder Trennung der Eltern zu finden.[57] Diese negativen Beziehungserfahrungen spiegeln sich im späteren Leben häufig in Bindungsstörungen wider. Negative Verhaltensmuster, die sich die Betroffenen in frühester Kindheit zu ihrem Selbstschutz angeeignet haben, bleiben häufig mehrere Jahrzehnte beibehalten, da sie sich einmal als hilfreich herausgestellt haben.

Etwa acht bis zehn Prozent der Erkrankten begehen vollendeten Suizid. Dies erfolgt häufig im Zusammenhang mit affektiven Störungen oder Störungen durch psychotrope Substanzen. Eine weitere Konsequenz dieser Erkrankung können körperliche Behinderungen infolge von selbstverletzenden Handlungen oder Suizidversuchen sein.[58]

Etwa ein Drittel der Patienten wird im Laufe ihres Lebens wieder gesund und ihnen gelingt es, ihre Identität zu stärken sowie selbstschädigende Handlungen, Wut und stürmische Beziehungen durch neu erlernte Verhaltensweisen zu ersetzen.

5.2 Indikatoren zur Bewältigung der Nähe-Distanz-Problematik mit Borderline-Persönlichkeiten

Da Borderline-Persönlichkeiten besonders im Bereich der sozialen Beziehungen beeinträchtigt sind, ist es für Professionelle wichtig, einige spezielle Aspekte im Umgang mit diesen Menschen zu beachten, um ein Gleichgewicht von Nähe und Distanz herzustellen.

Ein ‚ Therapievertrag‘, wie er häufig im klinischen Setting genannt wird, kann durch die Festlegung der Rollen (von Professionellem, Professioneller und Klient, Klientin), der Verantwortlichkeiten wie auch der Ziele dem, der Betroffenen die nötige Struktur geben, die ihm, ihr in der Vergangenheit fehlte.[59] Umgekehrt erhalten Sozialarbeitende die Möglichkeit, ihre Arbeit auf diese Inhalte auszurichten und die Betroffenen bei Fehlverhalten mit diesem formalen Vertrag zu konfrontieren.

Ein weiterer Aspekt ist die regelmäßige Kommunikation über den Klienten, die Klientin im Team, um ein Spalten des Teams zu vermeiden.[60] Unter der Spaltproblematik wird verstanden, dass ein Klient, eine Klientin bei unterschiedlichen Mitarbeitenden oder Klienten, Klientinnen andere Teile der Mitarbeiterschaft oder der Klientel abwertet und so das Mitarbeiterteam oder die Klientel versucht zu spalten. Das intrigante, manipulative Verhalten gehört grundlegenden Symptomatik von ‚ Borderline ‘.

Von großer Bedeutung stellt sich auch das Setzen von Grenzen und das Aufstellen von Regeln heraus, auf deren Einhaltung bestanden werden sollte, da Borderline-Persönlichkeiten häufig versuchen werden, die Grenzen zu überschreiten auch wenn sie ihnen zunächst zustimmen. Des Weiteren gilt es, das eigene Verhalten zu reflektieren. Professionelle sollten sich bei Grenzüberschreitungen die Frage stellen: ‚Ist die Grenzüberschreitung auf das Verhalten des Patienten, der Patientin oder auf mein Verhalten zurückzuführen?‘ [61] Außerdem sollten in der Arbeit mit an Borderline erkrankten Menschen besonders die Übertragungsphänomene richtig gedeutet und die Gegenübertragungsphänomene (siehe 4.1.) kontrolliert werden. Hierbei sollten sich Sozialarbeitende regelmäßig hinterfragen, ob es im Umgang mit der entsprechenden Person Abweichungen zum üblichen Umgang mit der Klientel gibt.[62]

Die Diagnose ‚ Borderline ‘ ist auch bei Professionellen häufig negativ besetzt. Daher gilt es, eine Stigmatisierung zu vermeiden, um nicht bereits vor Beginn des Arbeitsbündnisses Vorbehalte zu hegen.[63] Zudem sollten professionell Tätige einen realistischen Umgang mit Idealisierung und Entwertung beachten. Sie sollten sich verdeutlichen, dass diese Symptome lediglich Reinszenierungen früherer Beziehungserfahrungen darstellen.[64] Dieses Verhalten sollte demnach nicht auf die eigene Person zurückgeführt werden. Begleitend zu diesen wichtigen Merkmalen im Umgang mit Borderline-Persönlichkeiten gelten Supervision sowie Fort- und Weiterbildungen als sinnvolle Ergänzungen.[65]

Zusammenfassend sollten Professionelle insbesondere in der Arbeit mit Borderline-Klienten und Borderline-Klientinnen folgende Handlungsempfehlungen berücksichtigen:

- ‚Therapievertrag‘
- Kommunikation im Team
- Grenzen setzen
- eigenes Verhalten reflektieren
- Übertragungs- / Gegenübertragungsphänomene beachten
- Stigma vermeiden
- Idealisierung und Entwertung realistisch betrachten
- Supervision, Fort- und Weiterbildungen in Anspruch nehmen

Somit ergeben sich aus der Theorie eine Vielzahl an Indikatoren, die Sozialarbeitende im Umgang mit der Nähe-Distanz-Problematik unterstützen. Professionelle sollen sich in der täglichen Arbeit selbst abgrenzen und dadurch schützen. Gleichzeitig gewinnen empathische Fähigkeiten im Aufbau einer Vertrauensbeziehung enorm an Bedeutung. Daneben wird den Einrichtungen und der Profession Soziale Arbeit ebenfalls Verantwortung zuteil, Sozialarbeitende zu unterstützen.

Im Anschluss wird die empirische Forschung beschrieben, die im Vergleich der Ergebnisse aus diesem Teil der Arbeit mit den Ergebnissen der durchgeführten Interviews münden soll.

6 Empirische Forschung

Nachfolgend werden die Beschreibung sowie die Auswertung der durchgeführten empirischen Forschung aufgeführt. Zunächst wird der Forschungsrahmen beschrieben. Anschließend werden die Ergebnisse der Interviews dargestellt und ein Bezug zur theoretischen Diskussion der vorigen Kapitel hergestellt. Schließlich werden weitere – nicht der Leitfrage zuzuordnenden – Forschungserkenntnisse erläutert.

6.1 Forschungsrahmen

6.1.1 Ziel der Untersuchung

Das Ziel der Untersuchung war es, folgende empirische Leitfrage zu beantworten:

Welche Indikatoren sind zu beachten, um ein gelingendes Gleichgewicht von Nähe und Distanz herzustellen?

Dadurch sollten Erkenntnisse für die Arbeit mit hilfebedürftigen Menschen gewonnen werden. Die Bedeutung dieser Erkenntnisse für professionell Tätige, die mit diesen Menschen arbeiten, ist groß. Die Fachkräfte sollten dieses Gleichgewicht herstellen, um eine Abhängigkeit des Klienten, der Klientin auf der einen Seite und um ein emotional kühles Arbeitsbündnis auf der anderen Seite zu vermeiden. Da die Wissenschaft, wie die Recherche des Autors ergab, dieses Thema bislang nicht ausreichend behandelt hat, sollten die Erkenntnisse aus dieser Forschung die wissenschaftlichen Erhebungen um weitere ergänzen.

Viele wissenschaftliche Texte scheinen auf den ersten Blick recht praxisfern Indikatoren für den Umgang mit dem Nähe-Distanz-Konflikt aufzustellen. Daher war ein weiteres Ziel dieser Forschung, die Perspektive der Professionellen selbst zu betrachten, um herauszustellen, wie die Praxis der Sozialen Arbeit diesen zentralen Konflikt behandelt. Aus diesem Grund wurden ein Experte und eine Expertin im Sinne eines Experteninterviews befragt und nicht Klienten, Klientinnen. Professionell Tätige sollten durch diese Arbeit Indikatoren beschrieben bekommen, die Orientierung schaffen und eine Grundlage zur Überprüfung der geleisteten Arbeit bereitstellen.

Ferner soll das Thema Nähe und Distanz benannt werden, damit häufig auftretende Probleme auch infolge mangelnder Professionalität seitens der Fachkräfte frühzeitig angegangen und bestenfalls präventiv verhindert werden können. Probleme in Bezug auf Nähe und Distanz können langfristige negative Auswirkungen auf die Sozialarbeiter-, Sozialarbeiterin-Klient, -Klientin-Beziehung haben. Mit diesen negativen Auswirkungen ist der Umgang für alle beteiligten Personen nur schwer zufriedenstellend zu bewältigen. Da diese Folgen mangelnder Professionalität im Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit direkte Auswirkungen auf Menschen haben, gilt es Fehler so gut wie möglich zu vermeiden.

6.1.2 Methodenwahl

In dieser Untersuchung wurde sich mit den Indikatoren für ein gelingendes Nähe-Distanz-Gleichgewicht auseinandergesetzt. Dazu wurden die Oberthemen ‚Organisationsbezogene Unterstützung‘ (zum Beispiel Supervision), ‚Erfahrung‘ und ‚berufsbezogene Unterstützung‘ (zum Beispiel Studium) festgelegt. Diese wurden bereits wissenschaftlich belegt. Mit Hilfe von qualitativen Interviews sollten diese Thesen entweder bestätigt oder widerlegt und vor allem durch weitere ergänzt werden.

Zur Bearbeitung der Forschungsfrage hat sich der Autor für die qualitative Forschung entschieden, um möglichst authentische und subjektive Interviews führen zu können. Die Möglichkeit einer tiefergehenden Nachfrage sollte ebenso gegeben sein wie eine Nachfrage zur Klärung von Verständigungsschwierigkeiten.

Bei den Interviews handelt es sich um Leitfaden-Interviews. Hierfür wurde ein Leitfaden erstellt (siehe Anhang), um die zuvor herausgearbeiteten theoretischen Erkenntnisse mit den Erfahrungen des, der Interviewten abzugleichen, ohne diese durch geschlossene Fragestellungen zu beeinflussen. Eine mögliche, fehlinterpretierende Haltung sehen Lucius-Hoene/Deppermann (2004) darin, dass zu schnell nach Engführungen und Verallgemeinerungen gesucht und darauf gedrängt wird, an einer schnellen und einzigen Deutung festzuhalten.[66] Die Befragung mit offenen Fragen konnte gewährleisten, dass der Interviewpartner, die Interviewpartnerin frei erzählen kann, sodass die zuvor angesprochenen Engführungen und Verallgemeinerungen vermieden werden können. Durch den gezielten Einsatz von halbstrukturierten Fragen sollten die Ergebnisse aus der Theorierecherche mit den Erfahrungen der Befragten abgeglichen werden und mögliche fehlleitenden Deutungen vermieden werden.

Es „kommt auf die Kombination von offenen Fragen […] und gezielten Fragen an, die […] Themen ansprechen sollen, zu denen er spontan nichts gesagt hätte“ [67].

Der Leitfaden diente dazu, einerseits den Probanden, die Probandin nicht abschweifen zu lassen, andererseits als eine Art Kontrollliste für den Forschenden.[68]

Bei den vorliegenden Befragungen handelt es sich um ein Experteninterview und ein Expertinneninterview. Demnach wurden Professionelle und nicht Klienten, Klientinnen befragt, um gezielt die Perspektive der professionell Tätigen einzunehmen und herauszufinden, wie die Gruppe der Professionellen auf die Nähe-Distanz-Problematik wirkt, welche Erfahrungen sie bislang gemacht haben und welche Anforderungen sie an ihre Einrichtungen und an ihre Profession stellen.

Zur Erstellung des Leitfadens hat sich der Autor das SPSS-Prinzip zu Hilfe genommen. Dieses Prinzip berücksichtigt für die Forschung relevanten Grundprinzipien.

„Dieses Vorgehen hat einen wichtigen Nebeneffekt: Es dient gleichzeitig der Vergegenwärtigung und dem Explizieren des eigenen theoretischen Vorwissens und der implizierten Erwartungen an die von den Interviewten zu produzierenden Erzählungen“[69]

Die Abkürzung SPSS steht für die folgende chronologische Vorgehensweise.

S steht für das ‚Sammeln‘ von Fragen, welche mit der empirischen Leitfrage in Verbindung stehen könnten.

„Alle Bedenken bezogen auf die Eignung der konkreten Formulierung der Frage bezogen auf ihre inhaltliche Relevanz werden zunächst zurück gestellt“[70]

Demnach werden alle Fragen gemäß dem Brain-Storming gesammelt ohne sie bereits auszusortieren.

P kürzt ‚Prüfen‘ in Form von Durcharbeiten der gesammelten Fragen in Abgleichung mit dem Vorwissen und der Offenheit ab. Die Liste an gesammelten Fragen (in Schritt S) sollte noch nicht als Leitfaden genutzt werden, dies stelle sich als Fehler heraus. Erst die Reduktion der Frageliste durch Prüfen offenbart, welche Fragen in den Leitfaden aufgenommen werden. Alle Faktenfragen werden aussortiert. Fragen, die beispielsweise Themen wie Herkunft, Alter, Beziehungsstatus oder Ähnliches behandeln, sollten getrennt abgefragt werden, zum Beispiel mithilfe eines soziobiographischen Datenerhebungsbogens (siehe Anhang). Fragen, die möglichst offene Erzählungen und Antworten hervorbringen sollten, müssen geprüft werden. Es ist wichtig, dass der Erzähler, die Erzählerin aus seinem, ihrem subjektiven Erleben berichtet. Stellt sich eine offene Frage als geschlossene Fragestellung heraus, so wird der, die Interviewte in seiner, ihrer Erzählung beschränkt.[71]

Der dritte Buchstabe, erneut ein S, stellt die Abkürzung für den dritten Schritt, das ‚Sortieren‘, dar. Die restlichen Fragen, welche die Prüfung von Schritt zwei bestanden haben, werden sortiert. Die Fragen oder Stichworte, in dieser Untersuchung waren es Oberthemen, werden chronologisch so sortiert, dass sie in ihrer Sinnhaftigkeit zur Bearbeitung der empirischen Leitfrage beitragen. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass sowohl eine Einstiegsfrage mit hohem Erzählpotential sowie eine Abschlussfrage mit einem möglichen Ausblick oder der Frage nach Sonstigem, was der, die Erzählende noch ergänzen möchte, gestellt werden.

In Schritt vier, welcher wieder mit dem Buchstaben S abgekürzt wird, soll das ‚Subsumieren‘ vorgenommen werden. Der Leitfaden wird formatiert. In der vorliegenden Bachelorarbeit wurde der Leitfaden in Form von einer Tabelle angefertigt, damit eine möglichst übersichtliche Darstellung möglich ist.[72]

Um die Daten authentisch erheben zu können, wurden zwei Personen in einem narrativen Interview befragt. Das narrative Interview kennzeichnet sich durch die größtmögliche Zurückhaltung des Interviewers, der Interviewerin. Der, die Interviewte erzählt, während der Interviewer, die Interviewerin nur dann eingreift, wenn der, die Befragte entweder von der zu erforschenden Thematik abweicht oder wenn der Erzähler, die Erzählerin nicht weiterweiß. Dies erfolgt in Form von Nachfrage- und Bilanzierungsteilen mithilfe des Leitfadens. Grundsätzlich gilt: der, die Befragte hat im Hauptteil das ‚monologische Rederecht‘, der Interviewer, die Interviewerin hält sich zurück.[73]

Im nächsten Schritt, dem Dokumentieren, wurden die Interviews vom Interviewer mithilfe seines Mobiltelefons mit der Diktiergerätfunktion geführt, um eine möglichst umfassende Aufzeichnung zu gewährleisten. Anschließend wurden alle Interviews transkribiert. Dazu wurden die Transkriptionsregeln nach Hoffmann-Riem[74] zur Hand genommen (siehe Anhang). Eine sorgfältige Dokumentation ist die Voraussetzung für eine detaillierte Interpretation.[75]

Die Transkripte wurden mit der rekonstruktiven Interviewauswertung ausgewertet. Daten, die durch die Rekonstruktion gewonnen werden, können anschließend einem Vergleich zugeführt werden.[76] Zusätzlich wurde die qualitative Technik der Inhaltlichen Strukturierung angewandt. Ziel dieser Technik ist es, „bestimmte Themen, Inhalte, Aspekte aus dem Material herauszufiltern und zusammenzufassen“ [77]. Die herauszufilternden Inhalte werden ausgewählt, indem sie bestimmten Kategorien, die auf der recherchierten Theorie basieren, zugeordnet werden. Hierbei gibt es Hauptkategorien und Unterkategorien.[78]

Dabei wurde darauf geachtet, dass Passagen, die Indikatoren für die gelingende Nähe-Distanz-Balance und die Textstellen, in denen sich die Besonderheiten in der Arbeit mit Borderline-Klienten und Borderline-Klientinnen wiederfinden ließen, gedeutet wurden. Durch die Methode der Rekonstruktion lässt sich nicht nur eine Interpretationsmöglichkeit herausarbeiten. Vielmehr soll eine Vielzahl an Möglichkeiten zueinander ins Verhältnis gesetzt werden.[79]

6.1.3 Vorbereitung und Durchführung der Interviews

Zunächst wurde in Abstimmung mit der betreuenden Dozentin das Thema der Bachelor Thesis bestimmt. Im weiteren Verlauf musste eine empirische Leitfrage gefunden werden, um die Interviews zielführender zu gestalten. Auf Grundlage der zuvor durchgeführten Literaturrecherche wurden Oberthemen für den Interviewleitfaden herausgestellt und der Zugang zu möglichen Interviewpartnern, dem Sampling, geschaffen.

Im weiteren Verlauf des Entstehungsprozesses wurde, wie in 5.1.2. beschrieben, ein Interview-Leitfaden erstellt, der aus offenen Fragen besteht. Hier wurden die Oberthemen eingebracht. Mögliche Fragen wurden gesammelt und im Anschluss daran reflektiert. Da der erste Leitfaden zu umfangreich für die Interviews gewesen wäre, wurde er gekürzt und einige Fragen zusammengefasst. Sowohl die ursprüngliche sowie die aktualisierte Version des Leitfadens befinden sich im Anhang.

Anschließend wurden die zu interviewenden Personen ausgewählt. Eine Frau, die dem Interviewer aus einem Seminar während des Studiums bekannt war sowie ein Mann, der mit dem Interviewer aus dem beruflichen Kontext während des dualen Studiums Berührungspunkte hatte, wurden kontaktiert und erklärten sich zu einem Interview bereit. Die Interviewten sollten beide das Studium der Sozialen Arbeit (oder vergleichbar) abgeschlossen haben. Zudem sollten beide bereits mehrere Jahre im Beruf sowie mehrere Jahre mit Borderline-Persönlichkeiten gearbeitet haben, um aus einer ausreichenden Erfahrung zu berichten. Ein weiterer Wunsch des Autors war es, dass unter den Interviewten beide biologischen Geschlechter vertreten sind, um möglicherweise einen Vergleich zu ziehen und Unterschiede zu beobachten.

Mit diesen Personen wurde bereits mehrere Monate vor den Interviews Kontakt aufgenommen, um die Treffen zu organisieren. Während der Interviewte S.[80] (Interview 2) im Büro der Institution, in der er arbeitet, in einem Vier-Augen-Gespräch interviewt wurde, wurde C.[81] (Interview 1) in einem öffentlichen Café befragt. Beide befragten Personen standen in keinem privaten Verhältnis zum Interviewer. Vor Beginn der Interviews wurde der Soziobiografische Datenerhebungsbogen ausgefüllt sowie eine Interview-Vereinbarung (siehe Anhang) besprochen und unterschrieben, um die Rechte der Interviewinhalte an den Interviewer zu übertragen und um eine Anonymisierung der herausgearbeiteten Daten zu versichern.

Während der Interviews wurde das Mobiltelefon, als Aufnahmegerät, möglichst nahe an den Interviewpartner, die Interviewpartnerin platziert, um deren Aussagen bestmöglich aufzuzeichnen. Es wurde darauf geachtet, dass die Befragten in ihren Aussagen nicht unterbrochen werden. Zudem wurden bequeme Sitzpositionen mit angemessenem Abstand zueinander und möglichst ruhige Plätze aufgesucht, um gute äußere Bedingungen zu schaffen.

Nach dem Durchführen der Interviews wurden diese mithilfe der Transkriptionsregeln transkribiert. Diese Transkriptionen wurden anschließend paraphrasiert. Hierbei wurden dialektische Färbungen korrigiert, Planungspausen entfernt und grammatikalische Fehlanwendungen verbessert.

Anhand von Haupt- und Unterkategorien (siehe Anhang), die sich aus der theoretischen Recherche ergeben, wurden die Ergebnisse (siehe 6.2.) herausgearbeitet und dargestellt.

6.1.4 Kurzporträts der Befragten

In diesem Abschnitt werden die Befragten kurz vorgestellt. Hierfür werden die soziobiografischen Datenerhebungsbögen (siehe Anhang) sowie einige Passagen aus den Transkriptionen, die für die Porträtierung relevante Informationen enthalten, verwendet.

Die Interviewte des I1 ist zum Zeitpunkt des Interviews 55 Jahre alt.[82] Sie arbeitet seit 24 Jahren als Sozialarbeiterin, ebenso lange mit Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung und verfügt über Zusatzausbildungen zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, zur Psychodramaleiterin sowie zur Supervisorin.[83] I1 arbeitet seit 1992 in einer Rehabilitationsklinik für Drogenabhängige, welche Kapazitäten für 36 Patienten und Patientinnen hat.[84] Vor ihrem Studium war sie bereits im Beruf der Erzieherin tätig.[85] Sie sieht die Begründung für die Wahl, einen sozialen Beruf auszuüben, in ihrem Elternhaus. Sie sei mit sechs Geschwistern auf einem landwirtschaftlichen Hof aufgewachsen. Ihr Vater war Handwerker. Sie sei immer schon diejenige gewesen, die daheim die Probleme angesprochen hätte.[86] I1 spricht davon, dass sie in ihrer Anfangszeit „mehrere Borderline-Patienten verloren“ [87] hätte – auf der Beziehungsebene. Die Befragte meint damit, dass die Vertrauensbasis aufgrund von mangelnder Professionalität verloren gegangen sei. Sie geht davon aus, dass es ihr heute nicht mehr passieren würde, da sie heute professioneller sei.

I2 arbeitet seit 16 Jahren an seinem heutigen Arbeitsplatz, einer stationären Einrichtung der Eingliederungshilfe für psychisch kranke Menschen.[88] Seit 16 Jahren arbeitet er daher ebenfalls im Beruf des Sozialarbeiters und mit Borderline-Klienten und Borderline-Klientinnen.[89] Er hatte „kein Burnout, aber […] eine Phase von einer starken Überlastung“ [90], weshalb er deren Prävention an mehreren Stellen des Interviews besondere Bedeutung zuspricht. I2 hat sein neun Semester dauerndes Studium an einer Fachhochschule absolviert.[91] Er arbeitet in der Position der Bereichsleitung der Außenwohngruppen dieser Einrichtung.

Die Gemeinsamkeiten der Interviewten stellen sich wie folgt dar:

Beide…

- …verfügen über eine langjährige Berufserfahrung in der Sozialen Arbeit.
- …arbeiten seit Beginn ihrer Berufsausübung als Sozialarbeiter (oder vergleichbar) mit Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
- …haben bereits Erfahrungen mit für sie negativen Folgen mit Nähe und Distanz gemacht.

Bedeutende Unterschiede sind Folgende:

- I1 arbeitet in einer Rehabilitationsklinik für Drogenabhängige, während I2 in einer stationären Einrichtung der Eingliederungshilfe für psychisch kranke Menschen tätig ist.
- I1 ist weiblich, I2 männlich.
- I1 hat diverse Zusatzausbildungen absolviert, I2 keine.
- I1 hat Sozialpädagogik studiert, I2 Sozialarbeit.

6.2 Ergebnisdarstellung der Interviews

Im Anschluss werden die Ergebnisse der Interviews dargestellt. Diese folgen der chronologischen Reihenfolge der Kategorisierung (siehe Anhang). Die einzelnen Hauptkategorien werden nacheinander bearbeitet. Zunächst wird jeweils die Position von I1, danach die von I2 dargestellt. Abschließend werden jeweils beide Meinungen miteinander verglichen.

6.2.1 Bisherige Erfahrungen mit Nähe und Distanz

Die Interviewte I1 hat in den ersten Jahren ihrer Berufsausübung bemerkt, dass sie zu nahe an den Patienten war.[92] Diesen Aspekt nennt sie als ersten im gesamten Interview als Antwort auf die Frage, welche Erfahrungen sie mit Nähe und Distanz gemacht hat, was bedeuten kann, dass dieses Begriffspaar zunächst negative Assoziationen erweckt. Erst im Rahmen ihrer Zusatzausbildung und der Arbeit konnte sie reflektieren, dass dieser Umstand für die beteiligten Personen gleichermaßen unvorteilhaft ist.[93] Demnach führt die Kombination aus Erfahrung und Weiterbildungen zu einer Form der Reflexion. Zudem ist I1 der Überzeugung, dass viele Sozialarbeiter, Sozialarbeiterinnen und Therapeuten, Therapeutinnen nicht ausreichend professionell im Umgang mit Nähe und Distanz sind.[94] Diese Aussage impliziert die Forderung nach einer grundlegenderen Thematisierung des Begriffspaares in Ausbildung und Studium, da sie die mangelnde Professionalität auf eine Vielzahl der Berufsausübenden überträgt.

I2 hat die Erfahrung gemacht, dass zu Beginn der Arbeit ein hohes Maß an Unsicherheit besteht: ‚Was muss gemacht werden? Wie viel muss gemacht werden? Was wird von einem erwartet? Was werden selbst für Ansprüche gestellt?‘[95] Demnach klagt er an, dass Sozialarbeitende unvorbereitet von der Ausbildungsstätte in den Beruf entlassen werden. Der Befragte hatte am Anfang im Arbeitsfeld mit psychisch kranken Menschen Probleme im Umgang mit Suizidalität. Die Ungewissheit darüber, ob es suizidale Handlungen im Laufe der Nacht gibt, begleitete ihn in den Feierabend.[96] Damit drückt er die mangelnde Abgrenzung vom Arbeitsplatz und der Klientel aus.

In seinem Arbeitsbereich, den Außenwohngruppen, wird das Bezugspersonensystem praktiziert. Dies habe die Eigenschaft, dass der jeweilige Mitarbeiter, die jeweilige Mitarbeiterin mit seinem, ihren Bezugsklienten, mit seiner, ihrer Bezugsklientin besonders verbunden ist. Daher müssten die Kompetenzbereiche klar abgesteckt werden.[97] Dieser Aspekt wird von I2 weder als negativ noch als positiv dargestellt. Wenn die Kompetenzbereiche klar abgesteckt würden, sei die Arbeit im Bezugspersonensystem zu bewältigen. Im Unterschied zu anderen Arbeitsfeldern habe es der, die Sozialarbeitende in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen häufig mit sehr großen Problemen zu tun, was ihm, ihr nahe gehen kann. Dies lässt sich erst mithilfe von Erfahrung umgehen.[98]

Schließlich haben beide Interviewte anfangs Schwierigkeiten gehabt, die Balance von Nähe und Distanz zufriedenstellend herzustellend. Beide konnten diese Schwierigkeiten mithilfe ihrer Erfahrung besser bewältigen. Während diese Reflexion für I1 im Zuge ihrer Zusatzausbildung sowie in der Ausübung ihres Berufs erfolgte, war I2 seine praktische Erfahrung als Sozialarbeiter eine wichtige Hilfe.

[...]


[1] Beck, Susanne; Diethilm, Anita; Kerssies, Marjike; et al. (2010), S. 12

[2] Vgl.: Dörr, Margret; Müller, Burkhard (Hg.) (2007)

[3] In dieser Bachelorarbeit wird davon ausgegangen, dass die Soziale Arbeit den Status einer Profession innehat.

[4] Vgl.: http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/handlung/6279, 2000

[5] Müller, Burkhard (2012), S. 955

[6] Ebd.: S. 956

[7] Ebd.: S. 957

[8] Vgl. ebd.: S. 966

[9] Pfadenhauer, Michaela (2005), S.11

[10] Ebd.: S.12

[11] Ebd.: S.14

[12] Vgl.: Dörr, Margret; Müller, Burkhard (2007), S. 7f.

[13] Ebd.: S. 8

[14] Vgl.: Thiersch, Hans (2007), S. 30

[15] Vgl.: ebd., S. 31 f.

[16] Ebd., S. 32

[17] Vgl.: ebd., S. 32

[18] Vgl.: ebd., S. 34

[19] Vgl.: ebd., S. 37 f.

[20] Ebd., S. 38

[21] Ebd., S. 39

[22] Ebd., S. 39

[23] Heiner, Maja (2004), S. 146

[24] Vgl.: ebd., S. 146

[25] Vgl.: Becker-Lenz, Roland; Müller, Silke (2009), S. 368 f.

[26] Vgl.: Harmsen, Thomas (2014), S. 15

[27] Vgl.: http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/resilienz/56351, 1999

[28] Vgl.: Wunsch, Albert (2013), S. 15

[29] Vgl.: Heiner, Maja (2010), S. 52 f.

[30] Vgl.: Müller, Burkhard (2007), S. 141

[31] Vgl.: ebd., S. 142

[32] Vgl.: ebd., S. 145 f.

[33] Vgl.: Becker-Lenz, Roland; Müller, Silke (2009), S. 25

[34] Vgl.: Gräber, Doris (2015), S. 331 f.

[35] Vgl.: ebd., S. 332

[36] Vgl.: Müller, Burkhard (2007), S. 148

[37] Vgl.: Becker-Lenz, Roland; Müller, Silke (2009), S. 24

[38] Vgl.: Gräber, Doris (2015), S. 330

[39] Vgl.: Becker-Lenz, Roland; Müller, Silke (2009), S. 25

[40] Müller, Burkhard (2007), S. 149

[41] Vgl.: Heiner, Maja (2004), S. 114 f.

[42] Vgl.: ebd., S. 117

[43] Vgl.: Gräber, Doris (2015), S. 332

[44] Vgl.: Hermann-Stietz, Ina (2009), S. 71 ff.

[45] Vgl.: ebd., S. 96

[46] Vgl.: Heiner, Maja (2011), S. 47.

[47] Becker-Lenz, Roland (Hg.) (2012), S. 10

[48] Vgl.: Thiersch, Hans (2007), S. 41 f.

[49] Vgl.: ebd. S. 42

[50] Vgl.: Dilling, Horst; Dilling, Karin (Hg.) (2005), S. 13

[51] Vgl.: ebd., S. 13

[52] Dilling, Horst; Dilling, Karin (Hg.) (2005), S. 14

[53] Vgl.: ebd., S. 77

[54] Vgl.: ebd., S. 77

[55] Vgl.: ebd., S. 78

[56] Vgl.: ebd., S. 79

[57] Vgl.: ebd., S. 79

[58] Vgl.: ebd., S. 79

[59] Vgl.: ebd., S. 31

[60] Vgl.: ebd., S. 35

[61] Vgl.: ebd., S. 36

[62] Vgl.: ebd., S. 37,74

[63] Vgl.: Bosshard, Marianne; Ebert, Ursula; Lazarus, Horst (2010), S. 357

[64] Vgl.: ebd., S. 365

[65] Vgl.: Löhr, Miriam; Schnabel, Rico (2016), S. 157

[66] Vgl.: Lucius-Hoehne, Gabriele; Deppermann, Arnulf (2004), S. 98

[67] Flick, Uwe (2014), S. 115

[68] Vgl.: Helfferich, Cornelia (2011), S. 179

[69] Ebd., S. 182

[70] Ebd., S. 182

[71] Vgl.: ebd., S. 182 f.

[72] Vgl.: ebd., S. 185

[73] Vgl.: ebd., S. 36

[74] Vgl.: Hoffmann-Riem, Christa (1984), S. 331

[75] Vgl.: Flick, Uwe (2014), S. 138 f.

[76] Vgl.: ebd., S. 139

[77] Mayring, Philipp (2010), S. 98

[78] Vgl.: ebd., S. 98

[79] Vgl.: Lucius-Hoehne, Gabriele; Deppermann, Arnulf (2004), S. 98

[80] S. ist die anonymisierte Form des männlichen Interviewpartners

[81] C. ist die anonymisierte Form der weiblichen Interviewpartnerin

[82] Vgl.: I1, Z. 630

[83] Vgl.: Soziobiografische Datenerhebung I1

[84] Vgl.: I1, Z. 345 f., Z. 418 f.

[85] Vgl.: I1, Z. 631 f.

[86] Vgl.: I1, Z. 759-784

[87] I1, Z. 69-71

[88] Vgl.: I2, Z. 14 f., Z. 670

[89] Vgl.: Soziobiografische Datenerhebung I2

[90] I2, Z. 529 ff.

[91] Vgl.: I2, Z. 561, Z. 613

[92] Vgl.: I1, Z. 6 f.

[93] Vgl.: I1, Z.10 ff.

[94] Vgl.: I1, Z. 127-131

[95] Vgl.: I2, Z. 8-11

[96] Vgl.: I2, Z. 16 f.

[97] Vgl.: I2, Z. 629-635

[98] Vgl.: I2, Z. 683-687

Ende der Leseprobe aus 161 Seiten

Details

Titel
Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit
Untertitel
Eine Untersuchung zum Gleichgewicht von Nähe und Distanz
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen, früher: Berufsakademie Villingen-Schwenningen  (Sozialwesen)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
161
Katalognummer
V343459
ISBN (eBook)
9783668336223
ISBN (Buch)
9783668336230
Dateigröße
2764 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nähe-Distanz, Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Umgang mit Borderline, Abgrenzung, Distanzierung, Empathie, Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit, Konzept der Strukturierten Offenheit, Nähe, Distanz, Professionelles Handeln, Umgang mit Klienten
Arbeit zitieren
Lukas Löschner (Autor), 2016, Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343459

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