Theater in der DDR. Heiner Müllers Theaterstücke im Wechselspiel von Akzeptanz und Repression


Hausarbeit, 2010
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Politisches Theater

2. Theater in der DDR

3. Heiner Müller

4. Zeit im Wandel. Mauser – Zement – Schlacht/Traktor
4.1. Mauser
4.2. Zement
4.3. Schlacht/Traktor

5. Der Stillstand der Geschichte. Germania Tod in Berlin - Hamletmaschine – Der Auftrag
5.1. Germania Tod in Berlin
5.2. Hamletmaschine
5.3. Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution.

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Theater war schon immer Schauplatz von Darstellungen geschichtlicher und politischer Geschehen und politischer Stellungnahmen und kann somit gewissermaßen als Austragungsort gesellschaftlich relevanter Themen bezeichnet werden. Auch in der DDR hatte das Theater eine besondere Stellung und wurde einerseits zu Propagandazwecken, aber auch als Ort versteckter Kritik am sozialistischen Regime genutzt. Doch die Künstler unterlagen der strengen Beobachtung der Parteifunktionäre und mussten im Falle einer Darstellung, die nicht im Sinne des sozialistischen Staates war, mit staatlichen Repressionen rechnen. Auch der Dramatiker Heiner Müller war der staatlichen Zensur unterworfen. An keinem anderen Beispiel lässt sich so gut darstellen, was es bedeutete , in der DDR als Dramatiker zu leben und zu arbeiten. Gerade hinsichtlich politischer Äußerungen und dem Verfassen von Stücken, deren Inhalte als antisozialistische Stellungnahmen gewertet werden konnten, bietet Heiner Müller viel Material. In dieser Arbeit möchte ich darstellen , auf welche Weise politisches Theater in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR möglich war, welchen Einflüssen Autoren und Regisseure damals ausgesetzt waren und wie diese mit der staatlichen Kontrolle umgegangen sind. Ich werde im Folgenden zunächst kurz auf den Begriff des politischen Theaters eingehen, dann einen kurzen Abriss zur Situation des Theaters in der DDR allgemein geben und danach auf Heiner Müllers Verhältnis zur DDR eingehen. Anschließend werde ich anhand einiger ausgewählter Stücke aufzeigen, wie die politischen Verhältnisse sich in der Dramatik Heiner Müllers niederschlugen und welchen Einfluss der Staat auf die Veröffentlichung der Stücke, wie auch auf ihre Inszenierung hatte.

1. Politisches Theater

Im weitesten Sinne ist Theater immer auch politisch, da die Inszenierungen die vorhandenen sozialen Diskurse ihrer Entstehungszeit widerspiegeln. Wünsche, Ängste und Konflikte einer Gesellschaft in einer bestimmten Epoche lassen sich auch anhand der theatralen Darstellungskonventionen ablesen und interpretieren. In einem engeren Sinne bezeichnet der Begriff „politisches Theater“ Theaterstücke und/oder Inszenierungen, die sich inhaltlich mit aktuellen politischen Situationen befassen. Diese Art von politischem Theater kann zwei Absichten verfolgen: Erstens kann auf diese Weise versucht werden , den Rezipienten dazu zu bringen etwas Bestimmtes zu denken und zweitens kann bezweckt werden, den Zuschauer zum eigenständigen Denken anzuregen. Letzteres ist die Absicht, welche Bertolt Brecht und auch Heiner Müller verfolgten. Politisches Theater hat in Deutschland eine besondere Stellung, da sich gerade in Deutschland Politik selten auf der Straße, „sondern vielmehr häufig in Darstellungen auf dem Theater sowie im leidenschaftlichen Dialog der Philosophen ereignete“[1]. Gerade in der Zeit des geteilten Deutschlands und hierbei insbesondere in der DDR wurde das Theater als Austragungsort politischer Belange und Stellungnahmen genutzt.

2. Theater in der DDR

„Das Theater hat vom Moment der Einrichtung der sowjetischen Besatzungszone nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Fall der Berliner Mauer und der sogenannten Wiedervereinigung einen besonderen Stellenwert gehabt, für den Staat DDR und viel mehr noch für seine Bewohner.“[2] Die Theater der DDR wurden nach dem 2. Weltkrieg im Verhältnis zu denen der Bundesrepublik sehr schnell wieder geöffnet und bespielt. Einerseits wurden sie als Propaganda- und Agitationsmittel der sozialistischen Regierung genutzt, andererseits bildeten sie sehr bald auch die Möglichkeit zur Äußerung versteckter Kritik am Regime, die sich nach der ersten Welle der Euphorie breit machte. Gerade Bertolt Brecht hat mit seiner avantgardistischen Theatertheorie den Boden für diese Möglichkeit des politischen Widerstands gelegt. Brecht wollte vor allem durch sein Mittel der Verfremdung, den Zuschauer aus seiner gewohnten Sichtweise und Wahrnehmung herausreißen um ihm so die „Geschichtlichkeit von Zuständen“ vor Augen zu führen und ihn zum selbstständigen Denken aufzufordern. Doch mit seiner neuen Darstellungsweise kommt der bekennende Marxist in Konflikt mit dem DDR-Regime, was vor allem in der Lukullus-Debatte 1951 und auf der Stanislawski-Konferenz 1953 zum Ausdruck kam. Gerade Bertolt Brecht war eine wichtige Orientierung und Inspirationsquelle für den Dramatiker Heiner Müller, der ebenfalls in einem gespaltenen Verhältnis zu seinem Aufenthaltsland stand.

Die Theaterlandschaft in der DDR hatte eine stark ambivalente Struktur, da durch die intensive (finanzielle) Förderung durch das Regime einerseits viele Möglichkeiten und Freiräume entstanden, die auf der anderen Seite durch die staatliche Reglementierung und Zensur allerdings wieder beschnitten wurden, was durch Ausbürgerung und Flucht nach der anfänglichen Blüte zu einer starken Ausdünnung der Theaterlandschaft führte. Regisseure, Schauspieler, Autoren und andere Künstler verließen die DDR entweder aus freien Stücken, oder wurden zwangsweise ausgewiesen, wie etwa der Liedermacher Wolf Biermann im Jahre 1976.

Die in der DDR lebenden und arbeitenden Künstler waren der ständigen Beobachtung und Kontrolle des Staates ausgesetzt und mussten bei Äußerungen oder Darstellungen , die das sozialistische Regime kritisierten – wenn diese so ausgelegt werden konnten – mit einem Druckverbot, Aufführungsverbot und sogar mit einem Berufsverbot rechnen.

Der Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker Anfang der 70er Jahre, brachte einige Veränderungen gerade im kulturellen Bereich der DDR mit sich. So erlaubte die „Formel von der „Weite und Vielfalt“ der Kunst […] von nun an trotz weiterbestehender Kontrolle eine weniger selektive Wahrnehmung der Vergangenheit und etwas gelockerte Prinzipien der „festen Position“ für die Gegenwart“[3]. Das Theater wurde wieder mutiger, offener und kritischer und erlangte im Laufe der Zeit eine „Deutungs- und Bedeutungsgröße, die im Vergleich mit anderen Künsten in der DDR nur noch der Malerei eigen[war] “.[4] Ende der 70er Jahre erlebte das Theater wiederum eine Wende , die eng mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 verknüpft war. Der Schock über eine derartige Willkür der Partei hatte zur Folge, dass viele Künstler sich dafür entschieden in die BRD auszuwandern, weshalb sich die Theater-Elite immer weiter dezimierte. Die 80er Jahre schließlich waren geprägt von dem Gefühl der Stagnation, was sich sowohl auf politische wie auch gesellschaftliche und kulturelle Belange bezieht. Im Theater machten neue Regisseure wie Frank Castorf, Jo Fabian und die Gruppe Zinnober auf sich aufmerksam.

„Sie stellten radikal in Frage, was bisher fest zu stehen schien, dass nämlich das Zentrum des Theaters aus geschriebenem und gesprochenem Text, aus handelnden Figuren, ihren Entwicklungen und Konflikten, der Trennung von Bühne und Zuschauerraum, von Theater und Realität bestehe.“[5]

Mit Gorbatschows Amtsantritt und seiner Politik wurde das Scheitern der DDR im Grunde eingeleitet und 1989 war die staatliche Kontrolle des Theaters bereits nur noch pro forma erhalten, die DDR war schon Geschichte.

3. Heiner Müller

Heiner Müller verstand sich selbst immer als DDR-Dichter, so lebte und arbeitete er in der Deutschen Demokratischen Republik und bezeichnete sie zugleich als große Inspirationsquelle bzw. Motivation seines Schaffens. Sein Verhältnis zum sozialistischen Staat war ambivalent, da er in seinem Denken durchaus als Marxist und Befürworter einer sozialistischen Gesellschaftsordnung zu bezeichnen war. Allerdings kritisierte er die Art der Umsetzung dieser Ideologie in der DDR, was ihn in Konflikt mit der Staatsführung brachte. Die Inszenierungen vieler seiner Stücke wurden verboten oder nach der Uraufführung wieder abgesetzt und kamen somit häufig nur im westlichen Teil Deutschlands oder im Ausland zur Aufführung. 1961 wurde er aufgrund seines Stückes „Die Umsiedlerin“ sogar aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Auch in der Bundesrepublik waren sein künstlerisches Werk sowie seine Person umstritten. Seine politischen Äußerungen, sein Interesse an der RAF, an Terrorismus, Ulrike Meinhof, Charles Manson und an „rechten“ Autoren wie Carl Schmitt und Ernst Jünger[6] brachte ihn in beiden Staaten des geteilten Deutschlands in Verruf. Er stand immer zwischen Ablehnung und Bewunderung.

In seinem Schaffen orientierte er sich stark an Brechts Vorstellungen eines politischen Theaters, welches den Zuschauer zum Nachdenken aktivieren soll und stellte die politische und gesellschaftliche Position der DDR inhaltlich – oft in Form von Metaphern und Allegorien – in seinen Stücken dar.

Auch wenn der direkte Bezug zur DDR nicht immer offensichtlich zu erkennen war, spiegeln die Stücke Heiner Müllers die Gefühle, Ängste und Probleme ihrer jeweiligen Entstehungszeit wieder, sowohl in der inhaltlichen Umsetzung als auch in der sprachlichen Ausgestaltung. Natürlicher Weise geschieht dies vom Beobachterstandpunkt des Autors aus, doch bewahrte Müller zu seinen Texten immer eine gewisse ironische Distanz. Seine frühen Stücke erinnern an Brechts Lehrstückdramatik, wobei Müller den Schwerpunkt auf die „Ambivalenz des moralischen Urteils“ legt und in seinen Stücken weniger eine Lösung für die dargestellten Probleme anbietet sondern gerade auf die Offenheit und die verschiedenen Möglichkeiten des Handelns hinweist. In den 70er Jahren entfernte sich Müller immer weiter von Brecht, schien sich mehr an Shakespeare zu orientieren und ab den 80er Jahren wurden seine Texte zur Strömung des Postmodernismus gezählt.

4. Zeit im Wandel. Mauser – Zement – Schlacht/Traktor

4.1. Mauser

1970 wurde Heiner Müller von Ruth Berghaus am Berliner Ensemble als Dramaturg und Hausautor angestellt und erhielt damit das erste Mal in seinem Leben ein festes Gehalt. Allerdings stießen die geplanten Inszenierungen seiner Stücke weiterhin auf Widerstand in der Parteiführung.

Hans-Diether Meves beabsichtigte 1972 , Müllers 1970 entstandenes Stück „Mauser“ im Rahmen einer „Woche des sowjetischen Gegenwartstheaters“ zu inszenieren, doch zwei Wochen nach Probenbeginn wurde von einem Boten des Ministeriums für Kultur das Verbot der Aufführung überbracht. Meves Weigerung, die Proben abzubrechen, hatte weitreichende Folgen, so wurde er als Generalintendant fristlos entlassen, erhielt ein Parteiverfahren und wurde aus der SED-Bezirksleitung ausgeschlossen. Das Stück handelt von dem Genossen A, der sich seiner Aufgabe als Leiter des Revolutionstribunals nicht mehr gewachsen fühlt und um seine Abberufung bittet. Als diese abgelehnt wird, wandeln sich seine moralischen Skrupel in eine Lust am Töten, weshalb er schließlich selbst vor das Tribunal gestellt wird. Das Stück endet mit seiner Liquidierung , welche er selbst als legitim befindet. Das Stück wurde von den Kulturfunktionären als „konterrevolutionär“ befunden und verboten. Ein Problem , das Stück zur Aufführung zu bringen, liegt darin, dass Müller keine eindeutige Aussage machte, sondern – in der Tradition des Lehrstücks – beide Positionen, die des Kollektivs und die des Individuums darstellt, ohne sie zu bewerten. „Der in Müllers Werk vielfach diskutierte Widerspruch, eine bessere Zukunft mit den grausamen Methoden der Vergangenheit aufbauen zu müssen, wird in „ Mauser “ nüchtern und unerbittlich auf ein extremes Modell reduziert und dem Publikum zur Diskussion überantwortet.“[7] Laut Müller ist „Mauser“ das einzige seiner Stücke, zu welchem in der DDR ein schriftliches Verbot vorlag: „Die Publikation und Verbreitung dieses Textes auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik ist verboten“[8]. Die Uraufführung fand 1975 in den USA statt, die deutsche Erstaufführung erfolgte erst 10 Jahre nach der Entstehung des Stückes, also 1980, in Köln.

[...]


[1] Silbermann, Marc. Die Tradition des politischen Theaters in Deutschland. In: http://www.bpb.de/publikationen/PXNF1E,0,0,Die_Tradition_des_politischen_Theaters_in_Deutschland.html . Bundeszentrale für politische Bildung. 27.11.2009.

[2] Bergmann, Wolf. In: Irmer, Thomas. Schmidt, Matthias. Die Bühnenrepublik. – Theater in der DDR. Alexander Verlag, Berlin, 2003. S.7.

[3] Irmer, Thomas. Schmidt, Matthias. Die Bühnenrepublik. – Theater in der DDR. Alexander Verlag, Berlin, 2003. S. 134.

[4] Ibid. S. 137.

[5] Hrsg.: Rischbieter, Henning. Durch den Eisernen Vorhang – Theater im geteilten Deutschland 1945 bis 1990. Ullstein Buchverlage GmbH&Co.KG, Propyläen Verlag, Berlin, 1999 Akademie der Künste. S. 254.

[6] Karschnia, Alexander. Lehmann, Hans-Thies. Zwischen den Welten. In: Heiner Müller – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Hans-Thies Lehmann/ Patrick Primavesi. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart, 2003. S. 11.

[7] Hauschild, Jan-Christoph. Heiner Müller oder das Prinzip Zweifel – Eine Biographie. Aufbau-Verlag GmbH, Berlin, 2001. S. 294.

[8] Müller, Heiner. Krieg ohne Schlacht – Leben in zwei Diktaturen. Verlag Kiepenheuer &Witsch, Köln, 1994. S.257.

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Details

Titel
Theater in der DDR. Heiner Müllers Theaterstücke im Wechselspiel von Akzeptanz und Repression
Hochschule
Universität Bayreuth  (Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Theater im institutionellen Kontext
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V343485
ISBN (eBook)
9783668332300
ISBN (Buch)
9783668332317
Dateigröße
874 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theater, heiner, müllers, theaterstücke, wechselspiel, akzeptanz, repression
Arbeit zitieren
Hannah Krause (Autor), 2010, Theater in der DDR. Heiner Müllers Theaterstücke im Wechselspiel von Akzeptanz und Repression, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343485

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