Zwischen Pegida und Charlie Hebdo. Der Islam in den Nachrichten


Masterarbeit, 2015
392 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

1. Relevanz
1.1 Muslime in Deutschland
1.2 „Ich bin kein Rassist, aber...“ – Islambild in Deutschland als Feindbild?
1.3 Primär- und Sekundärerfahrung Islam – die Rolle der Medien
1.4 Pegida und der Anschlag auf Charlie Hebdo

2. Forschungsstand
2.1 Forschungsentwicklung und -überblick
2.2 Zentrale Studien und Ergebnisse
2.3 Konkretisierung des Forschungsinteresses

3. Theoretische Grundlagen
3.1 Die Nachricht zwischen Sender und Empfänger
3.2 Produktionsfaktoren
3.3 Operativer Konstruktivismus und Selektion von Themen
3.4 Selektion von Perspektiven
3.5 Multiperspektivität des medialen Islambildes
3.6 Rezeption und Rezeptionsfaktoren
3.7 TV-Nachrichten
3.7.1 Bedeutung und Potenzial der TV-Nachrichten
3.7.2 Fernsehen als Mehrkanalmedium und Rolle des Bildes
3.7.3 Tagesthemen und heute journal als Untersuchungseinheiten
3.8 Forschungsleitende Fragen

4. Methodisches Vorgehen
4.1 Fernsehanalyse
4.2 Sample, Analyseeinheiten, Aufgreifkriterien
4.3 Protokoll, Transkription, Codebuch
4.4 Auswertung und Analyse der Daten, Inferenzschlüsse, Begrifflichkeiten
4.5 Reliabilität

5. Auswertung und Ergebnisse
5.1 Deskription der Daten
5.2 Themen der Berichterstattung
5.3 Antizyklische Berichterstattung, Counter Narratives
5.4 Islam-Bezug in der Pegida-Berichterstattung
5.4.1 Pegida-Berichterstattung in den Tagesthemen
5.4.1 Pegida-Berichterstattung im heute journal
5.5 Perspektiven der Islam-Berichterstattung
5.5.1 Kommunikatoren
5.5.2 Aussageobjekte
5.5.3 Entwicklung der Themenkarriere „Islam“
5.5.4 Muslime als Opfer, Täter, Helden und Helfer
5.6 Visuelle Darstellung des Islams
5.6.1 Visuelle Darstellung der Aussageobjekte Islam/Muslime
5.6.2 Visuelle Darstellung des islamistischen Terrorismus
5.6.3 Muslime als wütende Masse
5.6.4 Text-Bild-Scheren
5.6.5 Vergleich mit bisherigem Forschungsstand
5.7 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse

Fazit
Theorie
Untersuchungsgegenstand und -zeitraum
Methodische Umsetzung
Auswertung, Analyse, Darstellung
Ausblick

Literaturverzeichnis

Sendungsliste

Anhang

Abstract

Muslime haben in westlichen Gesellschaften, speziell in Deutschland, einen schweren Stand. Ihre Religion, der Islam, wird von immer größeren Teilen der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt. Diese Erkenntnis ist kein Randphänomen bildungsferner Schichten, sondern zunehmend auch in akademischen Kreisen festzustellen. Dabei fällt auf, dass vor allem diejenigen Deutschen besonders kritisch sind, die nicht auf Primärerfahrungen zurückgreifen können. Ihr Wissen über den Islam stammt hauptsächlich aus den Massenmedien, welche somit enormen Einfluss bezüglich in der Gesellschaft existenter Einstellungen gegenüber Islam und Muslimen haben. Unter diesen Vorzeichen entstanden in den vergangenen 40 Jahren zahlreiche Arbeiten, welche das Islambild westlicher Medien analysierten. Die meisten dieser Arbeiten stießen auf eine äußerst negative, islamkritische Haltung westlicher Massenmedien gegenüber dem Islam sowie Vorbehalte, Stereotype bis hin zu sogenannter „Islamophobie“. Hierbei bildete sich vor allem eine inhaltsanalytische Tradition heraus, welcher sich die vorliegende Arbeit anschließt.

Massenmediale Kommunikation generell und somit auch die Islam-Berichterstattung findet in einem komplexen und dynamischen Feld zwischen Sender und Empfänger statt. Vorgänge auf Seiten der Produktion werden durch verschiedenste interne und externe Faktoren determiniert, besonders bedeutsam ist hierbei die Selektion von Themen und Perspektiven, wobei die Nachrichtenwertforschung eine zentrale theoretische Basis darstellt. Die vorliegende Arbeit folgt dabei dem Verständnis Niklas Luhmanns, der den Journalismus als operativ konstruktivistisch beschreibt. Unter dieser Prämisse wird der Frage nachgegangen, inwiefern der deutsche Journalismus eine multiperspektive Berichterstattung über den Islam bietet. Die Begrifflichkeit der Multiperspektivität, einer journalistischen Schlüsselfunktion in Zeiten heterogener gesellschaftlicher Strukturen, wird dabei eingeführt und erstmals in diesem Forschungszusammenhang verwendet. Um mögliche Auswirkungen der Medieninhalte auf das Publikum diskutieren zu können, wird der theoretische Rahmen um den Rezipienten ergänzt, auf den ebenfalls zahlreiche – mediale und nicht-mediale – Einflussfaktoren wirken und für welchen vor allem der Ansatz des Agenda Settings eine zentrale Rolle spielt.

Der gegenwärtige Forschungsstand lässt zwar eine fast unüberschaubare Fülle an Studien erkennen, allerdings wurden drei Aspekte der Berichterstattung bislang nur ungenügend untersucht:

das Medium Fernsehen, der Einfluss von Schlüsselereignissen und die visuelle Darstellung von Islam und Muslimen. An diesen drei Punkten setzt die vorliegende Arbeit an. Zum einen wurden zwei TV-Formate untersucht: die beiden öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmagazine Tagesthemen und heute journal. Zweitens wurde der Untersuchungszeitraum zwischen Dezember 2014 und Januar 2015 gewählt. In dieser Zeit entwickelte sich die sogenannte Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) zu einer deutschen Massenbewegung, die allwöchentlich mit zehntausenden Anhängern auf die Straße ging und ausführlich in den Medien thematisiert wurde. In den ersten Januartagen erhielt ein zweites Schlüsselereignis enorme mediale Aufmerksamkeit: der islamistische Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Beide Ereignisse weisen einen direkten Islambezug auf. Drittens befasst sich eine Teilfrage der vorliegenden Arbeit explizit mit der visuellen Darstellung des Islams.

Die vorliegende Inhaltsanalyse umfasste eine Vollerhebung von 91 Sendungen. Aus diesen wurden auf Basis im Vorfeld festgelegter Aufgreifkriterien 358 Beiträge extrahiert, vollständig transkribiert und codiert. Die sprachliche Auswertung erfolgte sowohl quantitativ als auch qualitativ. Für die Analyse der visuellen Darstellung wurden Sequenzprotokolle erstellt, für besonders aussagekräftige Fälle zusätzliche Einstellungsprotokolle.

Die Ergebnisse bestätigen den bisherigen Forschungsstand insofern, dass das Thema islamistischer Terrorismus enorme mediale Aufmerksamkeit erhält. Betrachtet man den gesamten Untersuchungszeitraum unabhängig von der zeitlichen Entwicklung, ist Islamismus das bedeutsamste Thema bezüglich Häufigkeit, Umfang und Platzierung. Dabei dominieren einige wenige Regionen, hauptsächlich des Nahen und Mittleren Ostens, für welche eine fast vollständig negativ-thematische Berichterstattung festzustellen ist. Der Blick auf die zeitliche Entwicklung der Islam-Berichterstattung im Untersuchungszeitraum zwingt allerdings zu mehr Differenzierung. Dabei fällt zum einen auf, dass der Zusammenhang zwischen Pegida und Islam nur relativ selten hergestellt wird – vom heute journal noch häufiger als von den Tagesthemen. Die Berichterstattung über die Bewegung führt insgesamt nicht zu einem grundsätzlich veränderten Islambild. Pegida ist folglich nicht als Schlüsselereignis für die Islam-Berichterstattung der beiden Magazine zu betrachten. Deutlich einschneidender wirken die Ereignisse von Paris: Im Zuge der Berichterstattung darüber solidarisieren sich beide Redaktionen bewusst mit europäischen Muslimen und stellen insbesondere die Differenz zwischen Islam und islamistischem

Terror heraus. Muslime werden als schützenswert beschrieben und spielen für kurze Zeit sogar eine zentrale Rolle als Kommunikatoren im medialen Islam-Diskurs. Bisweilen unterscheiden sich die Perspektiven der beiden Redaktionen nach den Ereignissen von Paris immens, was die Einschätzung von Paris als Schlüsselereignis stützt. Im Zuge der Analyse der visuellen Darstellung des Islams konnten verschiedene wiederkehrende Motive herausgearbeitet werden. Besonders dominant sind hierbei betende muslimische Männer, Frauen mit Kopftuch, alltägliche Straßensituationen sowie wütende muslimische Männer.

Diese Ergebnisse zeigen sehr anschaulich, dass herausragende Ereignisse mit Islam-Bezug (Attentat von Paris) das Islam-Bild der Nachrichten kurzfristig stark verändern können, indem die Redaktionen sich schützend vor Muslime stellen. Dies ist vor allem insofern erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um ein Ereignis mit radikalislamistischem Hintergrund handelt. Abgesehen von solchen einschneidenden Ereignissen wird die „Langzeiterzählung Islam“ allerdings vom Thema Islamismus dominiert. Daran ändert auch das Aufkommen einer deutschen, islamfeindlichen Bewegung wie Pegida nichts Grundlegendes. Wichtig ist allerdings, dass beide Magazine, vor allem das heute journal, dennoch ab und zu antizyklische Perspektiven einnehmen, weshalb nicht pauschal von einem islamophoben Islambild der Medien gesprochen werden kann. Hier zeigt sich gelegentlich der sehr bewusste Einsatz von Gegenerzählungen, neutralen und positiven Geschichten. Bezüglich der Auswertung der visuellen Darstellung ist es als erfreulich zu betrachten, dass eine relativ große Anzahl wiederkehrender Motive ausgemacht werden konnte. Dieses Ergebnis widerspricht der Vorstellung, die Bebilderung des Islams sei beschränkt auf Motive islamistischer Terroristen und verschleierter Frauen.

Einleitung

Mohammed ist ein freundlicher, gutmütiger Mann. Der Berber aus der marokkanischen Kleinstadt Tinerhir wuchs in einer sogenannten Kasbah auf, einem traditionellen Lehmhaus. Als junger Mann bereiste er als Tagelöhner weite Teile des afrikanischen Kontinents. Nach seiner Rückkehr in die marokkanische Provinz eröffnete er ein kleines Hotel – nicht aus Lehm, sondern aus Stein und Beton. Keine 200 Meter von seiner Geburtsstätte entfernt, die mittlerweile zerfallen ist.

In dieser kleinen Oase, dem Hotel Azul, durfte ich wenige Wochen vor Abgabe dieser Arbeit auf der Durchreise eine Nacht verbringen. Es war Hochsaison, jedoch nur ein einziges Zimmer belegt, nämlich meines. Wie das zu erklären sei, fragte ich Mohammed. Er verschwand, um wenig später mit einem Notizblock zurückzukehren, in dem er handschriftlich alle Buchungen in seiner Unterkunft festhielt. Alle Eintragungen außer meiner eigenen waren durchgestrichen. Alle anderen Gäste, so Mohammed, hatten nach dem 26. Juni storniert. Dem Tag, an dem ein islamistischer Attentäter in der tunesischen Küstenstadt Sousse 39 Urlauber tötete. Er wolle das nicht bewerten, versicherte Mohammed, aber der Zusammenhang sei nicht von der Hand zu weisen: Die potenziellen Touristen aus dem Westen hörten Tag für Tag durch die Medien von der weltweiten Gefahr des Islamismus, von immer neuen, immer grausameren islamistischen Terrorattentaten – und schließlich bekämen sie Angst vor dem Besuch muslimischer Staaten allgemein. Mohammed beobachtet also, dass aufgrund eines islamistischen Attentats in einem anderen Staat, mehr als 2000 Kilometer Luftlinie entfernt, schlagartig alle Buchungen in seinem Hotel zurückgezogen werden. Als Ursache beschreibt er die intensive Islamismus-Berichterstattung der westlichen Medien, und obwohl er diesen keinen Vorwurf machen möchte, bescheinigt er ihnen zumindest abschreckendes Potenzial. Für Mohammed könnte dieser Zusammenhang den wirtschaftlichen Ruin bedeuten.

Seine Einschätzung allerdings ist subjektiver Natur und entspricht keiner wissenschaftlichen Grundlage, sondern basiert ausschließlich auf Gesprächen mit seinen Gästen. Seine Feststellung ist folglich besser als Frage zu verstehen, etwa in dieser Form: Wie berichten westliche Medien über den Islam? Die Islam-Berichterstattung der westlichen Massenmedien spielt in der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Forschung seit mehreren Jahrzehnten eine bedeutsame Rolle. Es existieren zahlreiche Studien, zu welchen die vorliegende Arbeit einen weiteren Beitrag liefern soll. Mit Hilfe eines Mehrmethodendesigns aus quantitativer und qualitativer Inhaltsanalyse wird der Frage nachgegangen, wie die beiden öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmagazine Tagesthemen und heute journal zum Jahreswechsel 2014/15 über den Islam berichteten. Dabei stehen zwei Schlüsselereignisse im Fokus: die Pegida-Bewegung in Deutschland sowie das Attentat von Paris im Januar 2015.

Die Arbeit ist in fünf Kapitel gegliedert. In Kapitel 1 wird die gesellschaftliche Relevanz des Themas beleuchtet und die Bedeutsamkeit der Medien für den gesellschaftlichen Islam-Diskurs erörtert. Anschließend werden die beiden Ereignisse Pegida und Anschlag von Paris in Kürze skizziert. Kapitel 2 beschreibt den gegenwärtigen Forschungsstand und stellt bedeutsame Studien und deren Ergebnisse vor. Dieses Vorgehen ermöglicht zu einem späteren Zeitpunkt die Vergleichbarkeit mit den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit. In Kapitel 3 werden kommunikationswissenschaftliche theoretische Grundlagen erläutert, Einflussfaktoren auf Produktion und Rezeption diskutiert und die besondere gesellschaftliche Bedeutung von TV-Nachrichten beschrieben. Die beiden analysierten Nachrichtenmagazine werden portraitiert und der Ausschluss anderer TV-Formate für die vorliegende Untersuchung begründet. Zum Abschluss des Kapitels werden die forschungsleitenden Fragen dieser Arbeit formuliert. Kapitel 4 beschreibt das zu Grunde liegende Sample, die Analyseeinheiten und das konkrete methodische Vorgehen bei der Analyse. Im Zuge dessen werden außerdem Begrifflichkeiten definiert, die für Analyse und Auswertung von zentraler Bedeutung sind. In Kapitel 5 werden die auf Basis des zuvor beschriebenen Untersuchungsinstruments erhaltenen Forschungsergebnisse dargestellt. Abschließend werden die Ergebnisse in Bezug zum bisherigen Forschungsstand gesetzt, die eigene methodische Vorgehensweise kritisch reflektiert und auf mögliche Anknüpfungspunkte für folgende Forschungsprojekte hingewiesen.

1. Relevanz

1.1 Muslime in Deutschland

Im Januar 2015 erschien eine in der medialen Öffentlichkeit breit diskutierte Studie der Bertelsmann Stiftung: der Religionsmonitor, Sonderauswertung Islam. Die repräsentative Bevölkerungsumfrage beschreibt muslimische Bürger Deutschlands –„unabhängig von der Intensität religiösen Glaubens“ – als liberal und reflektiert, als eng mit Deutschland und dem Grundprinzip der Demokratie verbunden (Bertelsmann Stiftung 2015: 4). 90% der in Deutschland lebenden Muslime geben an, Freizeitkontakte zu Nicht-Muslimen zu pflegen – ein Ergebnis, welches der These existierender muslimischer Parallelgesellschaften grundlegend widerspricht (ebd.). Ganz anders fallen die Befunde zur nicht-muslimischen deutschen Mehrheitsbevölkerung aus: Sie „lehnt (...) Muslime und den Islam zunehmend ab.“ (ebd.: 7) Mehr als die Hälfte der nicht-muslimischen Deutschen betrachtet den Islam als Bedrohung und ist der Meinung, er passe „nicht in die westliche Welt“ (ebd.). Die Ablehnung des Islams hat in den vergangenen drei Jahren stark zugenommen (ebd.: 8), was bei einem Viertel der Bevölkerung in der Einstellung resultiert, „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ (24% stimmten zu; ebd.). Bereits 2010 erhielt dieses Item bei einer Umfrage des Projekts zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit 26,1% Zustimmung (Karis 2013: 12). Wurden Muslime vor 40 Jahren noch nicht religiös, sondern ökonomisch verortet („Gastarbeiter“) (Tiesler 2007: 25) und galten religionsbezogene Fragestellungen sowohl medial als auch gesellschaftlich als unmodern, stellt der Islam heute „eine der brennendsten Fragen in der westeuropäischen Öffentlichkeit“ dar (ebd.).

Die Antipathie gegenüber Muslimen jedoch ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts: Bereits in den 1990er-Jahren prangerten Vertreter verschiedener Religionen die fehlende Integration des muslimischen Glaubens sowie enorme Vorurteile gegenüber Muslimen in der deutschen Gesellschaft an (Hafez 1999: 122). Seither zeigt die Entwicklung, dass gerade in Deutschland Islamkritik en vogue geworden zu sein scheint, wie internationale Vergleiche zeigen. Zwar ist das Islambild in den meisten westlichen Ländern negativ, in Deutschland jedoch sind positive Zuschreibungen besonders selten. So beschrieben 2010 in der Studie Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt (WArV) weniger als 5% der Deutschen den Islam als tolerant und friedfertig (Yendell 2014: 470). Die deutschen Bürger präsentieren sich als Gesellschaft, die – verglichen mit anderen europäischen Ländern – alle Religionen „mit Abstand am negativsten bewerte(t)“, wobei der Islam wiederum die negativsten Beurteilungen erhält (ebd.: 472). Lediglich ein Drittel betrachtet den Islam als kulturelle Bereicherung, stellte 2010 eine repräsentative Emnid-Umfrage fest (Pollack 2013: 97). Die Ablehnungsquote gegenüber Muslimen liegt in Deutschland etwa doppelt so hoch wie in Dänemark oder Spanien (Yendell 2014: 478ff). Benachteiligung der Frau, Fanatismus und Gewaltbereitschaft – das sind die vorherrschenden Vorstellungen (Pollack 2013: 95). Mit dem Christentum hingegen assoziiert man in Deutschland Friedfertigkeit, Achtung der Menschenrechte, Solidarität und Toleranz (ebd.: 96). „Es entsteht der Eindruck, als wäre die Ambiguitätstoleranz bei den Deutschen weniger stark entwickelt als bei ihren westeuropäischen Nachbarn.“ (ebd.: 104) Diese „ständig wachsende Angst und Aversion der Deutschen gegen den Islam“ (Hafez 2009: 100) ist im Hinblick auf die historische Schuld Deutschlands im Umgang mit Minderheiten als äußerst alarmierend einzustufen.

1.2 „Ich bin kein Rassist, aber...“ – Islambild in Deutschland als Feindbild?

„Malicious generalizations about Islam have become the last acceptable form of denigration of foreign culture in the West; what is said about the Muslim mind, or character, or religion, or culture as a whole cannot now be said in mainstream discussion about Africans, Jews, other Orientals, or Asians.“ (Edward Said, zit. nach Hafez 1999: 131)

Islamfeindlichkeit als salonfähiger Trend: Was Said, welcher der Genese der Islambildforschung durch sein Werk Orientalism 1978 den entscheidenden Impuls gab, im Jahre 1997 formulierte, wird vom Religionsmonitor im Bezug auf die BRD belegt: „Islamfeindlichkeit ist keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern findet sich in der Mitte der Gesellschaft.“ (Bertelsmann Stiftung 2015: 3) Dabei ist erstaunlich, dass weder Bildungsniveau noch politische Orientierung entscheidenden Einfluss auf das Islambild haben (ebd.: 9), sind dies doch üblicherweise „Fremdenfeindlichkeit dämpfende Faktoren“ (ebd.). Selbst jeder zweite Hochschulabsolvent empfindet den Islam als bedrohlich (ebd.). Die Tatsache einer flächendeckenden Islamkritik oder -feindlichkeit verstärkte sich seit 2010 nochmals zunehmend. Der Anstieg fällt keineswegs zufällig in das Jahr der Veröffentlichung des islamkritischen Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin (Uslucan 2014: 10) – immerhin erhielten dessen Thesen bei einer im September 2010 durchgeführten Forsa-Umfrage mehr als 70% positive Resonanz (Pollack 2013: 89). Sarrazin zählt zu einer wachsenden Bildungselite, die islamkritische Perspektiven öffentlichkeitswirksam platziert – eine Elite, zu der auch Alice Schwarzer, Henryk M. Broder und Hans Magnus Enzensberger gezählt werden können (Hafez 2009: 109). Dem gegenüber steht ein großes Desinteresse weiter Teile der deutschen Bevölkerung an außenpolitischen Themen (Hafez 2002a: 113) sowie der islamischen Kultur und Religion (Schiffer 2005: 13), was die Frage zulässt, wie aufgeklärt man hierzulande wirklich ist.

Dennoch ist der Tatsache Rechenschaft zu tragen, dass eine Abgrenzung vom Orient nicht erst seit kurzem existiert. Hafez (2009: 100) erläutert, der Islam habe „im Westen seit 1400 Jahren eine schlechte Presse“ und setzt damit den Zeitpunkt beginnender Ablehnung gleich mit der Religionsstiftung durch den Propheten Mohammed im 7. Jh.. Baran beschreibt einen akuten Anti-Islamismus europäischer Gesellschaften seit der frühen Neuzeit (Baran 1997), Halm verortet diesen vor der Islamischen Revolution und bezeichnet ihn als „historisch tief verwurzelt“ (Halm 2008: 98). Andere Autoren erkennen eine zunehmende Problematisierung im Zuge des „return of religion“ (Thomas 2007: 140) Ende der 1970er Jahre, einsetzend mit der Iranischen Revolution 1979. Die meisten Autoren jedoch setzen die „Otherization“ der Muslime (White 2007: 175) zeitlich gleich mit dem Ende des Kalten Krieges, als die NATO Anfang der 1990er Jahre „zwecks Selbstlegitimation einen neuen Feind finden“ musste, wie Ates (2006: 157) argumentiert (vgl. hierzu auch Bakr et al. 2003: 6; Ibrahim 2010: 112). Eine ernsthafte politische und gesellschaftliche Diskussion des Islams wurde speziell in Deutschland, das sich lange Zeit nicht als Einwanderungsland begriff (Halm 2008: 7), bis ins 21. Jh. verschoben – doch der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 änderte die Relevanz des Themas in der Bundesrepublik wie auf der ganzen Welt. Seither ist der Islam eines der bedeutsamsten Themen deutscher, europäischer oder allgemein „westlicher“ Integrations- und Sicherheitspolitik (ebd.: 10). Aktuell befindet sich die postmoderne Gesellschaft inmitten eines Prozesses, in der die Rolle der Religionen, speziell des Islams, neu ausgehandelt werden muss (Thomas 2007: 140).

Der aktuelle Stand dieses Prozesses wird von Islam- und Politikwissenschaftlern in der Regel entsprechend der einleitend vorgestellten Studien beschrieben: ein negatives Bild von Seiten westlicher Bürger gegenüber Muslimen, eine „islamophobic hysteria“ (White 2007: 176), ein Feindbild Islam. Manche Autoren vergleichen den Zustand gar mit den Ressentiments und sozialdarwinistischen Vorurteilen gegenüber Juden im 19. Jh. und der ersten Hälfte des 20. Jh. (ebd.; vgl. auch Hafez 1999: 129). Der Feindbildbegriff stammt aus der sozialpsychologisch orientierten Vorurteilsforschung, fasst also stark ausgeprägte Vorurteile und Stereotype zusammen (Karis 2013: 28). Das Feindbild Islam, das Schiffer (2005: 11; 17) als „Neorassismus“ bezeichnet, entsteht durch eine dualistische Interpretation muslimische Welt/westliche Welt als „zwei sich gegenüberstehende und widersprechende Pole“ (Bakr et al. 2003: 6) auf Basis selektiver, emotional gesteuerter Wahrnehmung (Schiffer 2005: 13; 48) und beinhaltet bestimmte wiederkehrende Elemente: Homogenisierung, Worst-Case-Denken, Schwarz-Weiß-Denken sowie doppelte Maßstäbe von In- und Outgroup (ebd.: 15). Der Islam im westlichen Diskurs weist somit viele entscheidende Elemente eines klassischen Feindbildes auf (ebd.). Konkret bedeutet dies: Im Westen herrscht ein Kollektivbild des Islams vor, welches Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen ausklammert und Unterschiede hervorhebt (Spielhaus 2013: 171). So ist die Vorstellung westlicher Gesellschaften geprägt von den Stereotypen a) Gewaltaffinität (welches eine lange Tradition in der westlichen Vorstellung besitzt (Schiffer 2007a: 161)), b) Rückständigkeit sowie c) Unterdrückung der Frau (Karis 2013: 29). Hinzu kommt das Stereotyp d) Terrorismusgefahr. Der Islam wird zudem als unaufgeklärt dargestellt, was Argumente islamischer Interessenvertreter von vornherein abwertet und ihnen die nötige Rationalität abspricht (Halm 2008: 22).

Das Feindbild Islam als Kollektivbild des Westens vernachlässigt zum einen viele Facetten der islamischen Religion und Kultur (Bakr et al. 2003: 6) und zum anderen das Faktum, dass mehr als 1,5 Milliarden muslimische Menschen wohl schwerlich eine muslimische Gesellschaft bilden (Spielhaus 2013: 171). „Das Bild von einer kohärenten, homogenen, unveränderlichen, islamischen politisch-sozialen Einheit ist falsch.“ (Flores 2014: 37) Die Unterscheidung zwischen Vertretern des sunnitischen und schiitischen Glaubens ist das wohl simpelste Beispiel für die innere Heterogenität des Islams. Ebenso anschaulich sind geographische Differenzierungen: So machen arabische Muslime (auf welche sich der Islam-Diskurs des Westens aus Migrationsgründen und aufgrund terroristischer Anschläge gegenwärtig hauptsächlich fokussiert) nur einen Teil der muslimischen Gesellschaften aus (Freitag 2003: 25ff). Die größten islamischen Gesellschaften leben heute in Indonesien, Pakistan, Bangladesch und Indien, diese Staaten liegen alle außerhalb der arabischen Siedlungsgebiete (ebd.: 25). Ebenso seien Muslime auf dem gesamten afrikanischen Kontinent erwähnt, welche sich äußerst heterogen präsentieren (Loimeier 2003: 41ff).

Islamistisches Gedankengut ist nur bei einem Bruchteil muslimischer Gläubiger vorhanden (Schneiders 2010: 337), und selbst diese müssen nicht grundsätzlich mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden (Flores 2014: 34). Der überwiegende Teil der weltweiten Islamisten lehnt Gewalt ab (Seidensticker 2015: 27), ebenso wie den offensiven Dschihad (ebd.: 107f). Nichtsdestotrotz haben etwa zwei Drittel der Deutschen Angst, dass „unter den Muslimen in Deutschland (...) viele Terroristen sind“ (Pollack 2013: 103). Weite Teile der deutschen Gesellschaft scheinen offenbar die innere Heterogenität des Islams zu verkennen (Bakr et al. 2003: 6). Eine kleine Gruppe radikaler Fanatiker bestimmt somit die Publikumsagenda, schürt Ängste und manifestiert Vorurteile – ein Bruchteil dessen, was als Islam zu betrachten ist, prägt somit das „stereotype Bild einer ganzen Kultur“ (Schiffer 2005: 37). Die Existenz dieser Ängste und des tiefen Misstrauens wirkt alles andere als integrationsfördernd (Baran 1997), ganz im Gegenteil: Sie befördert Diskriminierung und Ausgrenzung (Schneiders 2010: 337; Sielschott 2011: 159). Außerdem führt sie dazu, dass Muslime in der westlichen Welt spätestens seit 9/11 einem starken Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sind (Halm 2008: 96).

1.3 Primär- und Sekundärerfahrung Islam – die Rolle der Medien

Wie kann es sein, dass in einer global miteinander verbundenen Welt solche Ressentiments gegenüber einer einzelnen Gruppe Bestand haben und reproduziert werden können? Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass nicht alle Mitglieder westlicher Gesellschaften islamfeindlich sind (Hafez 1999: 127). Es muss also unterschieden werden zwischen misstrauisch-ängstlichen Bürgern auf der einen sowie toleranten Bürgern auf der anderen Seite. Ein Blick auf die eingangs erwähnten Bevölkerungsumfragen zeigt, welche Bürger als tolerant und welche als kritisch oder gar feindlich bezeichnet werden können (vgl. auch Halm 2008: 58). Diesen Erhebungen zufolge ist vor allem ein Merkmal entscheidend: der persönliche Kontakt zu Mitgliedern der Out-Group, also zu Muslimen. In Deutschland hat gegenwärtig nur jeder dritte Nicht-Muslim Kontakt zu Muslimen, in den neuen Bundesländern ist es sogar nur jeder zehnte (Bertelsmann Stiftung 2015: 11). „66% der Personen ohne Kontakt zu Muslimen empfinden den Islam als bedrohlich; bei Personen mit solchen Kontakten beträgt dieser Anteil 43%.“ (ebd.) Die Zahlen bezüglich des Items, der Islam passe nicht in die westliche Welt, sind sogar noch gravierender (71% zu 42%; ebd.). Laut Yendell (2014: 464ff) ist diese Kontakthypothese in mehreren Studien als hoch signifikant bestätigt worden. Im Zuge der Studie WArV ließ sie sich für alle untersuchten europäischen Staaten nachweisen (ebd.: 474). Zum identischen Ergebnis kommt Pollack (2013: 114), der die Kontakthäufigkeit als stärksten Einflussfaktor ausmacht: Bei Kontakten zu Muslimen berichten drei Viertel der West- und zwei Drittel der Ostdeutschen von einer angenehmen oder sehr angenehmen Erfahrung, stellt er fest. „Wo man den Muslimen begegnet, ist übrigens nicht so entscheidend. Wichtig ist, ob man Erfahrungen mit ihnen macht.“ (ebd.) Daraus folgt das grundlegende Problem in der Ursachenbeschreibung des gesellschaftlichen Feindbildes Islam: die Kontakthäufigkeit, die verglichen mit anderen europäischen Staaten, z.B. Frankreich, hierzulande als äußerst gering einzuschätzen ist (ebd.; vgl. auch Ates 2006: 153; Bertelsmann Stiftung 2015: 11; Halm 2008: 58).

Wenn in Deutschland also Primärerfahrungen mit Muslimen die Ausnahme sind, muss die Haupt-Informationsquelle eine andere sein: Informationen, welche die Gesellschaft heutzutage über politische und komplexe ressortübergreifende Themen erhält, stammen zum größten Teil aus den Medien (Kamps 1999: 32). „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, ist der häufig zitierte Leitsatz aus Luhmanns Realität der Massenmedien (Luhmann 2009: 9). Im Bezug auf den Islam trifft dies in gesteigertem Maße zu: „Ohne Medien hätten wir wohl gar kein Bild vom Islam“, schreibt Schiffer (2005: 40; vgl. auch Hafez & Richter 2008: 10; Trautmann 2006: 141). Durch den Wegfall des kritischen Korrektivs primärer Eigenerfahrungen wird der Islam für die meisten von uns zum „Medien-Erleben“ (Kamps 1999: 24; vgl. auch Kamps 2004: 57), zu einer „indirekten ‚Begegnung’“ (Ates 2006: 153) mit einseitiger Wahrnehmung. Der Mensch, so Schulz (1976: 29), benötige die journalistische Hypothese von Realität, da sie das einzige Zeugnis sei, welches er vom Großteil der Ereignisvielfalt erhalten könne. Dies ist wiederum der Tatsache geschuldet, dass im Alltag ein direkter Zugang nur zu den allerwenigsten Ereignissen möglich ist (Cohen 1983: 12). Was im Nahbereich noch selbst überprüft werden kann, ist im Fernbereich so nicht mehr möglich – das Einflusspotenzial der Massenmedien ist in diesem Fall besonders hoch (Hafez 2002a: 12). Da das Islambild westlicher Gesellschaften wesentlich durch Auslandsberichterstattung geprägt wird, basiert es in erster Linie auf Sekundärerfahrungen (Schiffer 2005: 14), und zwar durch westliche Massenmedien, denn nur ein Bruchteil der deutschen Bevölkerung nutzt Ethnomedien (Hafez 2002a: 155; Uslucan 2014: 1).

In einer pluralistischen Informationsgesellschaft wie der unseren ist es somit unerlässlich, die mediale Darstellung kritisierter Minderheiten zu betrachten. Dies schlussfolgert auch Karis (2013: 17), da religiös-gesellschaftliche Konflikte nicht mehr ohne Analyse ihrer medialen Vermittlung verstanden werden könnten. Dabei ist die wissenschaftliche Kritik an den westlichen Medien im Umgang mit dem Islam mannigfaltig: Sie reicht von Vorwürfen der Dekontextualisierung und fehlender Differenziertheit (Baran 1997; Hafez 2002a: 65ff; Ibrahim 2010: 112; Riedel 2003: 16), über Ereigniszentrierung (Hafez 2002a: 65), Homogenisierung (Bakr et al. 2003: 7), Skandalisierung und Panikmache (Ates 2006: 154; Trautmann 2006: 151), bis hin zu unvorsichtigem Umgang mit Religionsnennungen in Täter-/Opfer-Beschreibungen (Desgranges 2007: 10; Schiffer 2007a: 161; Schneiders 2010: 331), bewusster Schaffung des Gegensatzpaars „deutsch/muslimisch“ (Paulus 2007: 16ff), Reproduktion von Stereotypen auf sprachlicher und visueller Ebene (Ibrahim 2010: 121; Toker 1996: 34ff) und einer Diskursherrschaft nicht-muslimischer Akteure (Halm 2008: 96; Tiesler 2007: 27). Um an dieser Stelle nicht die in Kapitel 2 vorgestellten Forschungsergebnisse vorwegzunehmen, soll es hier bei dieser knappen Aufzählung kritischer Standpunkte bleiben. Festzuhalten ist, dass kaum ein Thema bezüglich „des Fremden“ so sehr massenmedial präsent ist wie der Islam (Hafez 1999: 124; Hafez & Richter 2008: 14). Diese rein quantitative Tatsache kann eine notwendige Bedingung darstellen sowohl für eine besonders differenzierte Berichterstattung, aber auch für eine übertriebene Islam-Fokussierung mit negativem Grundton – eine hinreichende Erklärung bietet sie für keine dieser beiden Interpretationen.

Wie also berichten die Massenmedien? Wirken sie bezüglich ihrer Islam-Berichterstattung entsprechend ihrer idealtypischen Funktion „integrierend, unterstützen politische Partizipation und tragen zur politischen Meinungsbildung der Bürger bei“ (Kamps 1999: 58) oder sind sie entsprechend der Annahme Schiffers (2005: 54) „die wichtigste Quelle für die Stereotypenbildung und -bestätigung“? Es stellt sich folglich die Frage nach der Art und Weise der Berichterstattung über den Islam.

1.4 Pegida und der Anschlag auf Charlie Hebdo

Zum Jahreswechsel 2014/15 dominierten zwei Themen die mediale Berichterstattung, die einen direkten Islam-Bezug aufwiesen und die im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen. Seit dem 20. Oktober versammelten sich allwöchentlich die Anhänger der Bewegung „Pegida“ („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) zuerst in Dresden, schnell auch in anderen deutschen Großstädten (unter abgewandelten Namen, z.B. „Legida“ in Leipzig oder „Dügida“ in Düsseldorf usw.). Mit ihren Demonstrationen bezogen sie Stellung gegen die Einwanderung vor allem muslimischer Migranten nach Deutschland. Mit ausländer- und islamfeindlichen Parolen zogen sie jeden Montagabend durch die Großstädte. Obwohl die Bewegung sich durch eine unscharfe Programmatik auszeichnete, erhielt Pegida ab Dezember alleine in Dresden einen Zulauf von mehr als 10.000 Demonstranten wöchentlich, kurz vor Weihnachten waren es 17.500 – eine neuartige Fremdenfeindlichkeit präsentierte sich plötzlich inmitten der Öffentlichkeit, namentlich bezog sie sich direkt auf den Islam. Das Phänomen, das sich vor allem in den neuen Bundesländern zeigte, mobilisierte bundesweit tausende Gegner der Bewegung, ebenfalls auf die Straße zu gehen (alle Informationen dieses Abschnitts: Geiges et al. 2015: 11ff). Schenkten Fernsehnachrichten dem Thema im Oktober und November noch kaum Aufmerksamkeit (ifem 2014a: 1; ifem 2014b: 1), entwickelte es sich im Dezember zum zweit populärsten Thema, nur geschlagen vom Thema „Weihnachten“ (ifem 2014c: 1).

Im Januar erhielten die Pegida-Demonstrationen sogar noch mehr Sendezeit in den Fernsehnachrichten. Allerdings lag das Thema erneut nur an zweiter Stelle, denn ein anderes Thema dominierte die Nachrichtenlage: der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo (ifem 2015: 1). Am 7. Januar töteten die beiden Brüder Chérif und Saïd Kouachi bei einem Attentat auf die Redaktion des Pariser Magazins insgesamt zwölf Menschen. An den beiden Folgetagen, dem 8. und 9. Januar, tötete ein weiterer Terrorist, Amedy Coulibaly, unter Bezugnahme auf das Attentat in der Redaktion von Charlie Hebdo insgesamt fünf Menschen (sueddeutsche.de vom 10.01.2015). Alle drei Attentäter, die im Zuge von Polizeieinsätzen am 9. Januar getötet wurden, bekannten sich zu islamistischen Terrororganisationen: die Kouachi-Brüder zu Al-Quaida im Jemen, Coulibaly zum Islamischen Staat (lesoir.be vom 10.01.2015). Wenn im Folgenden vom „Attentat von Paris“ oder vom „Anschlag auf Charlie Hebdo“ die Rede ist, sind diese terroristischen Ereignisse als Gesamtheit gemeint.

Beide Ereignisse fallen, wie oben erörtert, in eine Zeit, in der Islamkritik immer mehr zum guten Ton zu gehören scheint. Sie fallen in eine Zeit des Wirkens radikalislamistischer Gruppen wie Al-Quaida, dem Islamischen Staat oder Boko Haram. Sie geschehen nur drei Jahre nach Ausbruch des Arabischen Frühlings, jener staatenübergreifenden friedlichen muslimischen Revolution, die weltweite Aufmerksamkeit erhielt. Sie fallen in eine Zeit, in der Muslime und der Islam zu einem bedeutsamen Teil der medialen Berichterstattung geworden sind. Gleichzeitig handelt es sich um zwei außergewöhnliche Ereignisse, die als gesellschaftliche „Schlüsselereignisse“ eingeordnet werden können (Fahr 2001: 5; Matthes 2014: 57), was sie als Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit prädestiniert. Wenn eine rechtspopulistisch gesinnte Bewegung wie Pegida zehntausende Menschen in Deutschland auf die Straßen lockt, ist dies ein Ereignis von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo muss in seiner Tragweite als herausragendes Ereignis für ganz Europa betrachtet werden.

Diese beiden Schlüsselereignisse besitzen das Potenzial, Routinen der Massenmedien aufzubrechen. Es sind Ereignisse, die zu redaktionellen Unsicherheiten führen können, indem sie die Medienschaffenden zur Orientierung zwingen (Matthes 2014: 16). In solchen Orientierungsphasen konkurrieren verschiedenste Perspektiven miteinander (ebd.), was die Frage aufwirft: Welche Perspektiven wurden von den Medien gewählt? Wie wurde konkret über den Islam berichtet? Um dies zu beantworten und Indizien für einen möglichen Wandel in der Berichterstattung zu finden, bedarf es eines genaueren Blicks auf vorliegende Forschungsergebnisse zum Umgang der Medien mit dem Islam.

2. Forschungsstand

2.1 Forschungsentwicklung und -überblick

„Das Islambild in westlichen Medien ist seit Jahrzehnten ein Gegenstand der internationalen wissenschaftlichen Forschung.“ (Hafez 2009: 99) Als Begründer der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung zum Islambild der Medien gilt Edward Said mit seinen Werken Orientalism und Covering Islam aus den Jahren 1978 und 1981 (Karis 2013: 26). Damit fällt die Entstehung dieses Forschungszweigs in die Zeit der Iranischen Revolution unter Ajatollah Khomeini und folglich in eine Phase, in der auch die weltweite Öffentlichkeit verstärktes Interesse am Islam zeigte (Tiesler 2007: 26f). Die Arbeiten Saids stellen noch heute einen zentralen Bezugspunkt für die Forschungsansätze zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten dar (Karis 2013: 26). Saids Thesen rücken die Medien in ein schlechtes Licht: Die Berichterstattung sei nicht objektiv, unsorgfältig und voreingenommen, sie basiere auf wenigen einfachen Klischees und Generalisierungen und sei folglich rassistisch und feindselig (ebd.). Viele Arbeiten schließen noch heute hypothesenbildend an dieser Vorstellung an, was Karis (2013: 38) als problematisch beurteilt. Ein solches Vorgehen komme häufig einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleich, da anders geartete Medienaussagen, „die nicht ins Analyseraster passen“, unbeachtet blieben (ebd.: 38). Dieser Argumentation folgend, sieht sich der Autor der vorliegenden Arbeit nicht als Vertreter der Feindbild- sondern vielmehr der Islambild-Forschung und geht daher nicht per se von der Existenz eines medialen Feindbildes Islam aus. Zwar weisen weltweite Studien – sogar solche aus der islamischen Welt – auf islamophobe Tendenzen in der Berichterstattung hin (Hafez 2009: 100), nichtdestotrotz sind gelegentlich antizyklische Berichte und alternative Perspektiven und Trends zu identifizieren (ebd.; Röben 2013: 117; Schiffer 2007b: 12; ausführliche Diskussion in Kapitel 2.2), weshalb hier nicht pauschal von einer medialen Islamophobie ausgegangen wird.

Trotz dieses offenen Zugangs zum Thema sprechen bisherige Studien eine deutliche Sprache. Zu Beginn seiner inhaltsanalytischen Längsschnittstudie zum medialen Islambild gibt Karis (2013) einen ausführlichen Überblick über die aktuelle Studienlage. Der allergrößte Teil der Arbeiten, so sein Fazit, betone „die Forschungsannahme im gesamten Westen verbreiteter Vorbehalte gegenüber dem Islam.“ (ebd.: 22; vgl. auch Hafez 2009; Hafez & Richter 2008; Schönhagen & Jecker 2010) Hafez identifiziert dominante Muster bisheriger Forschungsergebnisse: Konfliktperspektive, Politikzentrierung, Metropolenorientierung, Dekontextualisierung, Nichtdarstellung von Strukturproblemen der internationalen Beziehungen (Hafez 2002a: 58). Hierbei herrscht Einigkeit zwischen den unterschiedlichsten Wissenschaftszweigen. Spätestens seit 9/11 entstanden beinahe unzählige Studien zu medialen Islambildern aus den verschiedensten Forschungsrichtungen: Darunter finden sich neben kommunikations-, medien-, politik-, religions- und literaturwissenschaftlichen, soziologischen und psychologischen Forschungsarbeiten zahlreiche interdisziplinäre Ansätze (Karis 2013: 20f). Einige zentrale Forschungsarbeiten werden im folgenden Kapitel vorgestellt, um ihre Ergebnisse zur Konkretisierung des Forschungsinteresses heranzuziehen.

2.2 Zentrale Studien und Ergebnisse

Es fällt auf, dass sich die meisten Studien auf Printmedien beschränken (Karis 2013: 24). Vor allem bezogen auf das deutschsprachige TV-Islambild gibt es nur eine Handvoll Studien. Diejenigen von Hafez und Richter (2008), Paulus (2007), Schönhagen und Jecker (2010) und Karis (2013) sollen im Folgenden bezüglich ihrer zentralen Ergebnisse vorgestellt werden. Aufgrund ihrer thematischen Nähe werden zudem die Untersuchungen deutscher Printberichterstattung von Schiffer (2005) und Sielschott (2011) herangezogen sowie durch eine Experteninterview-Studie von Halm (2008) ergänzt. Langzeituntersuchungen liegen nur in sehr geringem Maße vor – neben der bereits erwähnten Arbeit von Karis (2013) wird hier die Studie von Hafez (2002a; 2002b) vorgestellt. Darüber hinaus sollen Studien diskutiert werden, die sich mit islam-bezogenen Schlüsselereignissen befassen: die Arbeit von Hafez und Kollegen (2013) zum deutschen Islambild während der Arabischen Revolution sowie die Studie Ibrahims (2010) zum Islambild US-amerikanischer Medien nach 9/11.

Hafez & Richter (2008). Kai Hafez und Carola Richter untersuchten die Themensetzung der öffentlich-rechtlichen Sender ARD (Das Erste) und ZDF in Magazinsendungen, Talk-Shows, Dokumentationen und Reportagen in einem Zeitraum von anderthalb Jahren zwischen 2005 und 2006. Das Ergebnis bestätigte die Annahme einer negativ gefärbten Islam-Berichterstattung: 81% der Sendungen konnten negativ konnotierten Themen zugeordnet werden. Terrorismus/Extremismus wurde in 23% der Sendungen als Hauptthema behandelt, gefolgt von internationalen Konflikten, Integrationsproblemen, religiöser Intoleranz, Fundamentalismus/Islamisierung, Unterdrückung der Frau und Menschenrechtsverletzungen. Muslimas traten ausschließlich im Zusammenhang mit ihrer Religion auf, entweder im Bezug auf Unterdrückung oder als Islamistinnen. Neutrale und positive Themen in den Kategorien Alltag/Soziales und Kultur/Religion wurden nur in acht bzw. elf Prozent der Sendungen behandelt. Der Islam wurde als konfliktreich und gewaltaffin dargestellt und trat vielmehr als Politik denn als Religion in Erscheinung. Polit- und Kulturmagazine der beiden Sender stellten sich dabei als ebenso islamkritisch heraus wie Talk-Shows. Einziger Lichtblick waren Dokumentationen und Reportagen mit 44% positiven/neutralen Themen. Auffällig sind die Parallelen dieser Ergebnisse mit den in der deutschen Gesellschaft vorherrschenden Vorstellungen vom Islam (Kapitel 1.1 und 1.2).

Schönhagen & Jecker (2010). Philomen Schönhagen und Constanze Jecker untersuchten die Darstellung und Repräsentation verschiedener Religionen im Schweizer Fernsehen mit Hilfe einer explorativen, qualitativen Inhaltsanalyse. Dabei erhielten sie ein ähnliches Ergebnis wie Hafez und Richter (2008). Muslime wurden am häufigsten mit Extremismus, Fundamentalismus und Terrorismus in Verbindung gebracht und als Bedrohung dargestellt. Interessant an ihrer Arbeit ist der Vergleich mit anderen Religionen. So wurden Juden überproportional oft in Wirtschaftsbeiträgen sowie adjektivisch als tüchtig und hilfsbereit dargestellt; Buddhisten hingegen erhielten Beschreibungen wie friedfertig, tierlieb, duldsam, weise und besonnen. Dies zeigt zum einen, wie sich bestimmte Vorstellungen verfestigt haben – aber auch, dass sie nicht zwingend negativer Natur sein müssen. Zudem gelangten die Autoren zu dem Ergebnis, dass Medien heutzutage vollständig auf explizite Stereotype verzichten und eher Muster latenter Vorurteile auszumachen sind.

Paulus (2007). Die Arbeit von Stanislawa Paulus befasste sich mit dem Bild weiblicher Muslime in TV-Dokumentationen zwischen 2000 und 2006. Sie stellte hierbei zwar eine erstaunliche Heterogenität der Rollen fest (von Geschäftsfrauen und Akademikerinnen bis hin zu Hauptschülerinnen und Hausfrauen), jedoch erkannte sie letztlich in jeder dieser Rollen einen Rückbezug zum Motiv der Kopftuch tragenden Muslima als Sinnbild eines Modernitätsdefizits. Selbst „gemäßigte“ Muslimas wurden bezüglich dieses Themas behandelt, indem sie als bemerkenswerte Ausnahme eigentlich vorherrschender kultureller Differenzen dargestellt wurden. Somit werden Klischees nicht hinterfragt, sondern bestärkt, denn die westliche Kultur gilt von Vornherein als fortschrittlicher als die muslimische. Muslimas waren in der Berichterstattung außerhalb dieses thematischen Bezugs nicht präsent. Zudem untersuchte Paulus die visuelle Repräsentation von Muslimas im Fernsehen mit dem Ergebnis, dass die Kopftuch tragende Frau zwar omnipräsent sei, jedoch ausschließlich als visuelles Hintergrundmotiv und nicht als handelnde Akteurin in Erscheinung trete, folglich unpersönlich und passiv bleibe.

Schiffer (2005). Im Zuge einer sprachwissenschaftlich-hermeneutischen Analyse untersuchte Sabine Schiffer auf semantischer Ebene die Text- und Bildkomposition in deutschen Printerzeugnissen. Ihre Analyse von Text-Text-, Text-Bild- und Bild-Bild-Relationen legt nahe, dass das Zusammenspiel von Text und Bildern zu dominanten Konzepten der Berichterstattung führt: namentlich Fanatismus, Frauenunterdrückung, Jagd/Verfolgung, Krieg, Lynchjustiz, Masse, Mittelalter/Rückschritt, welche sich jeweils gegenseitig bedingen. Die Berichterstattung verfestige insgesamt die Vorstellung des Islams als Bedrohung. Wertvoll an ihrer sehr detaillierten Analyse ist zum einen die Feststellung, dass Text- und Bildebene idealerweise nicht isoliert betrachtet werden sollten, zum anderen liefert sie wichtige hermeneutische Interpretationen visueller Darstellungen des Islams. So steht das Bild der verschleierten Frau monothematisch für den Islam und gleichsam für die Andersartigkeit der islamischen Kultur sowie für Fremdheit allgemein. Durch die häufige Reproduktion dieses Bildes in den verschiedensten Kontexten mit meist negativer Tonalität, steht die verschleierte Frau mittlerweile ebenso für Unterdrückung und Unfreiheit (zur Ikone der Kopftuchträgerin vgl. auch Schiffer 2007b: 13; Spielhaus 2013: 173).

Sielschott (2011). Stephan Sielschott identifizierte in seiner Analyse zum Islambild ostdeutscher Regionalzeitungen zwei dominante Medien-Frames: den Kälte- und Schädigungs-Frame, der 66% der Berichterstattung ausmachte sowie den Kompetenz- und Kooperations-Frame (34%). Im erstgenannten werden dem Handeln muslimischer Akteure negative Effekte auf andere Akteure zugeschrieben. In gesteigertem Maße tauchte diese Perspektive in politischen Beiträgen auf. Auffällig war zudem das fast konsequente Ausklammern von Kontext und Beweggründen für das Handeln (radikaler) Muslime. Der als positiv zu betrachtende Kompetenz- und Kooperations-Frame thematisiert meist prominente Muslime aus Politik, Feuilleton und Sport. In einem weiteren Analyseschritt erkannte Sielschott zwei bemerkenswerte Auffälligkeiten: Zum einen wurden muslimische Akteure des Kälte- und Schädigungs-Frames deutlich häufiger mit einer expliziten Religionszuschreibung versehen als Akteure des Kompetenz- und Kooperations-Frames. Zum anderen traten die bewerteten Muslime in den seltensten Fällen als Kommunikatoren in Erscheinung. Bei negativem Framing dominierten hauptsächlich politische Akteure, Vertreter der Justiz, des Militärs und anderer Medien, bei positivem Framing wurde auf redaktionsexterne Kommunikatoren fast vollständig verzichtet. Muslime blieben folglich in beiden Fällen passive, zu bewertende Objekte der Berichterstattung.

Halm (2008). Der Frage nach dominanten Kommunikatoren ging auch Dirk Halm nach. Unter Rückbezug auf Pierre Bourdieu ging er von der Annahme aus, dass die Teilnahme an Diskursen mit Macht gleichzusetzen ist: Es sei daher als äußerst relevant zu betrachten, wer den Islam in den Medien deute. Auf Basis von Experteninterviews kam er zu dem Ergebnis, dass westliche, nicht-muslimische Akteure den Islam-Diskurs in Deutschland beherrschen. Dabei beteiligen sich zahlreiche Kommunikatoren am Diskurs, die als islamkritisch zu bezeichnen sind und sich gegen die gleichberechtigte Teilhabe von Muslimen in Deutschland aussprechen. Die Diskursmacht also liegt hauptsächlich bei Akteuren der Aufnahmegesellschaft, westliche „Islamexperten“ prägen das Bild vom Islam deutlich stärker als Muslime selbst – diese bleiben passive Aussageobjekte. Ruhrmann et al. (2006: 48) sprechen in diesem Zusammenhang von einer „negativen publizistischen Aktiv-Passiv-Bilanz“.

Hafez (2002a; 2002b). In der umfangreichsten Arbeit zum Islambild deutscher Printmedien (FAZ, SZ, Stern, Spiegel) untersuchte Kai Hafez die Themensetzung der Berichterstattung zwischen 1955 und 1994 auf quantitativer Basis und ergänzte dies durch eine hermeneutische Analyse. Dabei erkannte er eine starke Zentrierung auf Großereignisse wie Kriege, Krisen und Revolutionen. Die islamische Religion machte weniger als 1% der Berichterstattung über den Islam aus, berichtet wurde fast ausschließlich über den „politischen Islam“ (73% aller Artikel). Soziale Themen, Umwelt, Kultur, Kunst und Wissenschaft hingegen wurden fast gänzlich ausgeblendet, was die thematische Vielfalt stark einschränkte und Kontextwissen nur in marginalem Umfang vermittelte. Seine Untersuchung der Ereignisvalenzen zeigt, dass nicht grundsätzlich von einem medialen Feindbild Islam ausgegangen werden darf: Die Hälfte der codierten Artikel befasste sich mit neutralen Ereignissen, ein Drittel mit gewaltsamen Konflikten (negative Valenz) und 15% mit gewaltfreien Konflikten (negativ-neutrale Valenz). Allerdings betrachtet es der Autor als hoch problematisch, dass positive Ereignisse mit 3,1% fast gänzlich vernachlässigt wurden. Diese Tatsache sowie die starke Politikkonzentration sprechen insgesamt für eine perspektivische Verengung der deutschen Printberichterstattung über den Islam.

Karis (2013). Die qualitative Untersuchung zur Islam-Berichterstattung der Tagesthemen zwischen 1979 und 2010 von Tim Karis stellt die bislang einzige Langzeituntersuchung zum Islambild des deutschen Fernsehens dar. Dabei arbeitete er sechs verschiedene Narrative heraus: 1) Aufstieg des Fundamentalismus, 2) Niederlage des alten Orients, 3) Clash of Civilizations, 4) Islamischer Terrorismus, 5) Problem der Integration, 6) Diskriminierung der Muslime. Zwar erkennt er ein Ungleichgewicht der Ereignisvalenzen zugunsten negativer Beiträge, er betrachtet die Berichterstattung dennoch als prinzipiell wandelbar. Folglich spricht er sich nicht für die Verwendung des Feindbildbegriffs in der wissenschaftlichen Forschung aus, da dieser die nötige Objektivität behindere und den Blick auf antizyklische Elemente der Berichterstattung verstelle. Auf visueller Ebene stellte er – ähnlich wie Schiffer (2005) zum Bild der Kopftuch tragenden Muslima – eine häufig kontextunabhängige Verwendung dominanter Motive fest. So wurde das Bild betender Muslime in den verschiedensten Zusammenhängen bis hin zu fundamentalistischen Aktivitäten verwendet, was eine grundsätzlich negative Konnotation des Motivs „betender Muslim“ beim Rezipienten nahelegt.

Hafez et al. (2013). Die Arbeit eines Forscherteams um Kai Hafez befasste sich mit der Printberichterstattung (FAZ, SZ, Bild, Spiegel, Die Zeit und taz) während der Arabischen Revolution. In dieser Zeit, so das Ergebnis, wandelte sich das mediale Islambild: Die vermeintliche Regel „only bad news are good news“ wurde zeitweise außer Kraft gesetzt, eine positive Berichterstattung über Muslime und den Islam dominierte. Plötzlich erschien zudem eine Perspektive, die bis dato gänzlich vermieden worden war: die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. Kritisch stellen die Autoren heraus, dass der Islam auch im Zuge dieses Umbruchs weiterhin hauptsächlich politisch diskutiert wurde und der Kontext der Ereignisse nur unzureichende Berücksichtigung fand. Zudem war gegen Ende des Erhebungszeitraums mit Abklingen der Revolution ein Rückfall in eine negativ-valente Berichterstattung zu erkennen. Dennoch zeigt ihre Arbeit: Bestimmte Ereignisse haben das Potenzial, journalistische Muster zu durchkreuzen und alternative Perspektiven zu begünstigen.

Ibrahim (2010). Zu dieser Erkenntnis gelangt auch Dina Ibrahim. Ihre Studie befasste sich mit der Darstellung von Muslimen nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 und dem dadurch ausgelösten Anstieg rassistischer Gewaltakte gegenüber Muslimen in den USA. Ihr Sample umfasste die Nachrichtenberichterstattung der TV-Sender ABC, CBS und NBC vom 11. bis zum 25. September 2001. Mit dem Anstieg der Gewaltakte gegen US-amerikanische Muslime wandelte sich zwischenzeitlich das mediale Islambild: In den USA lebende Muslime wurden als loyal bezeichnet, auf visueller Ebene schwenkten sie auffällig häufig die amerikanische Flagge – sie wurden also als integrativer Bestandteil der USA dargestellt, womit die Sender eine bis dato stark vernachlässigte Perspektive einnahmen: die der Solidarisierung. Einschränkend muss jedoch erwähnt werden, dass diese Perspektive zeitgleich konkurrierte mit einer äußerst stereotypen Berichterstattung über ausländische Muslime, welche als feindlich und gewalttätig dargestellt wurden. Die bildliche Darstellung von Gefahr wurde zumeist aufgelöst über ein Motiv: der wütende muslimische Mann. Häufig trägt er Waffen, ist verschleiert und hat muslimische Symbole bei sich. Eine wiederkehrende Stilistik dieses Motivs sind chaotische Massenaufnahmen.

2.3 Konkretisierung des Forschungsinteresses

Zusammenfassend deutet der gegenwärtige Forschungsstand medienübergreifend auf eine Berichterstattung über vorrangig negative Themen hin, wobei gelegentlich antizyklische Trends festzustellen sind. Thematisch liegen die Schwerpunkte im Bereich Außenpolitik: Terrorismus, Fundamentalismus, Konflikte, Unterdrückung, Menschenrechtsverletzungen; hinzu kommt das innenpolitische Thema Integration. Dies beeinflusst die Perspektiven der Berichterstattung, welche als wenig ausgewogen zu bezeichnen sind. Gemessen an der enormen Präsenz des Themas Islam in den Medien, ist dieses Ungleichgewicht problematisch. Kontextwissen wird nur marginal vermittelt. Muslime tauchen darüber hinaus meist als passive Aussageobjekte ohne eigene Diskursmacht auf. Mediale Diskurse werden dominiert von westlichen Akteuren, vornehmlich Politikern. Ausnahmen bilden außergewöhnliche Großereignisse (wie der Arabische Frühling) und die direkte Bedrohung von Muslimen im eigenen Land (wie in den USA nach 9/11). Auf visueller Ebene sind einige Motive zur Pars pro toto-Bebilderung einer gesamten Kultur geworden: die Kopftuch tragende Frau, betende Muslime sowie Massenaufnahmen wütender muslimischer Männer.

Um eine Vergleichbarkeit der vorliegenden Arbeit mit den vorgestellten Studien zu ermöglichen, kann auf Basis dieser Erkenntnisse das in Kapitel 1.3 umrissene Forschungsinteresse konkretisiert werden. Folgende Fragen sind dabei von Interesse:

- In welchem thematischen Kontext tauchen Muslime/taucht der Islam während der Pegida-Demonstrationen und dem Anschlag auf Charlie Hebdo auf?
- Welche Perspektiven werden eingenommen?
- Welche Kommunikatoren sprechen über den Islam/über Muslime?
- Welche Bilder dominieren die Islam-Berichterstattung und in welchen Zusammenhängen werden sie verwendet?
- Ist durch die Pegida-Demonstrationen und das Attentat von Paris ein Wandel der Berichterstattung feststellbar?

Dabei muss beachtet werden, dass die beiden Ereignisse nicht isoliert betrachtet werden können und das mediale Islambild im Untersuchungszeitraum als Ganzes analysiert werden muss. Somit spielen alle Analyseeinheiten, die sich mit dem Islam, muslimischen Akteuren und muslimischen Staaten befassen, für die Erhebung eine Rolle – auch wenn sie sich nicht auf Pegida oder Charlie Hebdo beziehen.

3. Theoretische Grundlagen

Da die vorliegende Arbeit sich speziell mit der Nachrichtenberichterstattung des Massenmediums Fernsehen befasst, ist es sinnvoll, Wesen und Funktion der Nachrichten in einem breiteren Kommunikationskontext zu verorten, um ein Verständnis für die Bedeutung von Nachrichten zu schaffen. Im Zuge dessen soll auf die Selektion von Nachrichtenthemen und Perspektiven eingegangen werden. Im Anschluss daran wird konkret die Fernsehnachricht in Bezug auf ihre gesellschaftliche Funktion erörtert.

3.1 Die Nachricht zwischen Sender und Empfänger

„Who, Says What, In Which Channel, To Whom, With What Effect?“

(Harold D. Lasswell, zit. nach Muth et al. 1990: 118)

Das 1948 durch den Politik- und Kommunikationswissenschaftler Harold D. Lasswell aufgestellte Kommunikationsmodell gilt heute als überholt (Früh 2007: 114). Es postuliert die direkte Wirkung einer Botschaft auf deren Empfänger und bescheinigt dem Kommunikator auf diese Weise eine enorme Macht über einen passiven Rezipienten. Diese simple Ursache-Wirkungs-Logik wird in der Wissenschaft bereits seit den 1970er Jahren als zu mechanisch und undifferenziert eingestuft (Hickethier 2007: 9f; Schmidt & Zurstiege 2002: 93). Für eine Arbeit der Kommunikationswissenschaft, in deren Tradition sich die vorliegende Studie verortet, bietet sie dennoch durch ihre Einfachheit einen großen Vorteil: Sie gliedert den Kommunikationsprozess in fünf klar voneinander trennbare (Forschungs-)Bereiche und ermöglicht so eine simple Einordnung – in diesem Fall im Bereich des Abschnitts Says What, also in der Medieninhaltsforschung. Zudem gibt die Formel ein Gefühl dafür, welche Faktoren als Wirkgrößen im Kommunikationsprozess agieren: Kommunikatoren, Botschaften und Rezipienten. Auf Basis des simplen Kommunikationsmodells Lasswells entstanden in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Modelle und Theorien. Dennoch existiert bis heute keine allumfassende Theorie der Kommunikation, ein „die Wissenschaft anleitende(s) ‚Theoriegebäude’“, wie Hickethier (2010: 373) es nennt (vgl. auch Schmidt 2002: 55).

Dies bedeutet keineswegs, dass seit dem Wirken Lasswells keine Entwicklung zu verzeichnen sei. Ganz im Gegenteil kann von einem grundlegend gewandelten Kommunikationsverständnis gesprochen werden: Heute existiert in der Kommunikationswissenschaft die Vorstellung eines dynamischen Prozesses ohne Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen ausgehend von aktiven, selbstbestimmt handelnden Rezipienten, welche die Medien ihren Bedürfnissen entsprechend nutzen und erst dadurch den „Medienangeboten Bedeutungen zuweisen“ (Hickethier 2010: 53). Die Beziehung zwischen Kommunikator und Rezipient wird als Prozess ohne dominanten Part verstanden, in welchem „Kommunikation und Medien, Kultur und Kognition lediglich analytisch zu trennende Dimensionen (...) bilden“ (Kopplungsmodell, Schmidt 2002: 67; vgl. Hickethier 2010: 53ff). Besonderen Einfluss hatte diesbezüglich im deutschsprachigen Raum vor allem das 1982 von Klaus Schönbach und Werner Früh vorgestellte dynamisch-transaktionale Modell (vgl. Früh 1991), welches den Kommunikationsprozess als hoch individualisiert (dynamisch), bestehend aus zahlreichen tatsächlichen und antizipierten (Para-) Feedback-Prozessen zwischen Kommunikator und Rezipient („Transaktionen“) beschreibt und diesen Prozess im Kontext zahlreicher medialer und nicht-medialer Kommunikationen verortet (ebd.: 31ff). Die Frage ist entsprechend solcher komplexerer Ansätze nicht mehr ausschließlich: Was machen die Medien mit den Rezipienten? Sondern auch: Was machen die Rezipienten mit den Medien? (Hickethier 2010: 49ff) Dies bedeutet – und hier lohnt sich erneut das Hinzuziehen der Lasswellschen Formel – dass jede Forschung einen Rückbezug zum gesamten Kommunikationsprozess herzustellen hat: „Auch wenn sich diese Forschungskomplexe differenzieren lassen, so sind sie selten voneinander unabhängig zu betrachten, sie bilden ein vielschichtiges Feld von reflexiven Beziehungen und Einflussfaktoren.“ (Meckel & Kamps 1998: 21). Um die Bedeutung des Produkts, im Falle der vorliegenden Arbeit: der Nachricht, zu verstehen, müssen diese Beziehungen beachtet werden. Es handelt sich dabei um Rahmenbedingungen der Produktion, Distribution und Rezeption (Hickethier & Paech 1979: 15).

3.2 Produktionsfaktoren

Der Frage nach dem wie, also wie Medien über den Islam berichten, muss die Diskussion nach dem möglichen weshalb vorangestellt werden: Welche Faktoren bedingen das zu analysierende Produkt? Der erste Ansatzpunkt ist dabei der Kommunikator. Betrachtet man den einzelnen Journalisten als Produzenten von Nachrichten, unterliegt dieser vielzähligen Einflüssen. Unterteilt werden können diese in Mikroebene (Einflüsse des handelnden Individuums, also des Journalisten), Mesoebene (Einflüsse der Medienorganisation) und Makroebene (gesellschaftliche Einflüsse) (Hafez 2009: 107ff). Auf Mikroebene wirken z.B. persönliche Einstellungen, politische Orientierungen und das berufliche Selbstverständnis des jeweiligen Journalisten (Hafez 2002a: 73; Matthes 2014: 58ff). Hierzu zählen auch ethische Grundsätze und moralische Urteile (Leifert 2007: 150). Der Kommunikator kann diesbezüglich aktiv wirken und bewusst Akzente setzen (Früh 1991: 31). Die folgenden beiden Ebenen kann der einzelne Journalist im Gegensatz zur Mikroebene nicht selbst beeinflussen, er bleibt passiv (ebd.). Auf Mesoebene spielen Hierarchien, Strukturen und Prozesse innerhalb der Redaktion und der Medienorganisation eine Rolle. Organisationskultur und Blattlinien (Matthes 2014: 58; Meyn & Tonnemacher 2012: 183) sind hier ebenso zu nennen wie ökonomische Zwänge und Routinen (Hafez 2009: 100f), etwa der Quotendruck (Wittwen 1995: 13). Determinierend wirken darüber hinaus auch die verwendeten Technologien (Luhmann 2009: 11) und Angebote von Nachrichtenzulieferern. Besondere Bedeutung haben heutzutage Nachrichtenagenturen, von deren Arbeit die meisten Redaktionen vor allem im Bereich Auslandsberichterstattung abhängig sind (Hagen 1995: 18ff). Auf Makroebene spielen die verschiedensten gesellschaftlichen Akteure eine Rolle, etwa Parteien, Kirchen, Wirtschaftsunternehmen, NGOs und Einzelpersonen aller Couleur. Sie versuchen, gezielt eigene Perspektiven in den Medien zu platzieren und zu etablieren (Matthes 2014: 14). Der Einfluss der Politik spielt hierbei eine zentrale Rolle, sowohl ideologisch (Ibrahim 2010: 116ff) als auch strukturell: So bestehen z.B. weite Teile der Aufsichtsgremien öffentlich-rechtlicher Sender aus Politikern und Organisatoren der Wirtschaft (Meyn & Tonnemacher 2012: 130). Auch die Orientierung an innerjournalistischen Meinungsführern (Hafez 2002b: 297; Hafez 2009: 109f) sowie die antizipierte Publikumserwartung (Matthes 2014: 58ff; siehe Kapitel 3.6) sind auf Makroebene zu bedenken.

Im Bezug auf die Nachrichtenberichterstattung über den Islam bestehen auf diesen Ebenen einige Probleme. Auf Mikroebene, so argumentiert Hafez (2009: 108), fehle den meisten Journalisten das nötige Hintergrundwissen, um „alternative Standpunkte zum Islam zu entwickeln“ (ebd.). Zum Beispiel fehlen allen deutschen Journalistenschulen regelmäßige Schulungen zum Thema (ebd.). Van Rossum (2007: 38) mahnt zusätzlich den häufig fehlenden Kontakt heimischer Redakteure zur Außenwelt an: „Journalisten beobachten nicht die Welt, sondern fast ausschließlich andere Medien.“ (ebd.) Zwar bleibt er damit sehr unkonkret, doch sein Argument zielt letztlich auf die Abhängigkeit der Redaktionen von Nachrichtenagenturen ab (vgl. Hagen 1995: 18ff; Uhlemann 2012: 214), in der Hafez (2009: 109) eine entscheidende Ursache für die einseitig negative Berichterstattung sieht. Auf Mesoebene empfindet er die zunehmende Kosteneinsparung bei Korrespondenten als problematisch (ebd.), was schlussendlich zur jahrzehntealten Debatte des Abwägens zwischen Kapitalertrag und Informationsvermittlung führt (Kamps 2004: 57). Auf Mesoebene sind darüberhinaus ethnische Verteilungen innerhalb der Redaktionen anzumahnen: Gegenüber 20% Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland weisen lediglich rund 1,2 bis 3% aller deutschen Journalisten einen Migrationshintergrund auf (Röben 2011; Röben 2013: 125; Uslucan 2014: 1). Hinzu kommt, dass diese wenigen Migranten meist niedrige Hierarchiestufen besetzen und somit kaum Einflussmöglichkeiten auf Themenwahl und -präsentation erhalten (Röben 2013: 129). Redaktionsintern sind „migrationsspezifische Kenntnisse“ wie Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenzen noch nicht sonderlich gefragt – ein Defizit, das auch bei ARD und ZDF festzustellen ist (ebd.). All diese Faktoren haben direkten oder indirekten Einfluss auf die Islam-Berichterstattung und müssen folglich bei der Analyse des Produkts mitgedacht werden; eine reine Inhaltsanalyse kann allerdings nie die entscheidenden Einflussfaktoren auf konkrete Elemente der Berichterstattung herausfinden, sondern diese lediglich diskutieren (Hafez 2002a: 73).

3.3 Operativer Konstruktivismus und Selektion von Themen

Bei der ersten bundesweiten repräsentativen Journalisten-Umfrage, Journalismus in Deutschland, waren vor gut 20 Jahren, im Jahr 1993, mehr als 50% der Befragten davon überzeugt, prinzipiell die Realität so abbilden zu können, wie sie sei; mehr als 80% von ihnen zeigten sich zuversichtlich, dieses Ziel auch zu erreichen (Weischenberg & Scholl 1998: 142). 2005 erhielt dieses Item in der Nachfolgestudie gar 73,8%, von denen zwei Drittel davon ausgingen, es zu erreichen (Weischenberg et al. 2006: 356). So ehrenwert diese Zielsetzung auch sein mag, muss sie aus theoretischer Sicht doch als unmöglich betrachtet werden.

Die vorliegende Arbeit baut auf einem konstruktivistischen Verständnis auf, welches z.B. in der Geschichtswissenschaft schon seit Jahrhunderten vorherrscht (Koselleck 1977: 28ff). Historische Aussagen, so die unter Historikern vorherrschende Annahme, entstehen nie unabhängig vom Standort des Autors: Dessen Ort, Zeit und Person gehen in sein Werk ein (ebd.: 17). Unter Journalisten hingegen scheint der sogenannte „naive Realismus“ (ebd.: 20; vgl. auch Maurer 2005: 109) durchaus noch vertreten zu sein, wie Journalismus in Deutschland zeigt. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass der deutsche Nachrichtenjournalismus (stark geprägt von einer britisch-nordamerikanischen Tradition) Objektivität und Neutralität noch immer als oberste Ziele verfolgt (Leidenberger 2015: 23). Objektivität benötigt die Existenz einer feststellbaren Realität, was die Frage aufwirft: Was ist eigentlich Realität?

Journalisten sollen im Folgenden als moderne Geschichtsschreiber verstanden werden – denn nichts anderes sind sie: Sie berichten über bereits Geschehenes, die Zeitspanne zwischen Geschehenem und Bericht ist dabei vergleichsweise gering. Ebenso wie ein Geschichtswissenschaftler muss der Nachrichten-Journalist auswählen und kürzen. Sowohl er als auch die von ihm befragten Quellen und Zeugen sind standortgebunden und keineswegs allwissend. Die Realität der Journalisten ist also „ our reality, not the reality“ (Fiske 1987: 21) und damit menschgemachte Realität. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der tatsächlichen Realität, welche Niklas Luhmann als für den Menschen unerreichbaren „Horizont“ beschreibt (Luhmann 2009: 15). Luhmann prägte hierfür den Begriff des „operativen Konstruktivismus“ (ebd.): Zwar ist es unmöglich, die Realität zu erkennen und darzustellen. Nichtdestotrotz ist die journalistische Darstellung eine Art von Realität: Medienrealität, eine Interpretation der Umwelt (ebd.; vgl. auch Schulz 1976: 28). Die Medieninhaltsforschung fragt diesem Verständnis zufolge nach der medialen Konstruktion der Realität. Sie fragt nicht nach medialer Verzerrung der Realität, denn dies würde die Kenntnis über eine feststellbare Realität voraussetzen (Luhmann 2009: 16). Das jedoch ist unmöglich: Der Wissenschaftler selbst unterliegt dem Faktum, mediale Quellen letztlich nur mit anderen Quellen (Berichten, Jahrbüchern, Augenzeugen usw.) zu vergleichen, nie jedoch mit der tatsächlichen Realität selbst (Schulz 1976: 25ff).

Die Wahrheit, so Luhmann (2009: 41), interessiere die Massenmedien nur in begrenztem Umfang – vielmehr könne man die massenmediale Wahrheit mit einer Landkarte vergleichen: eine „Punkt-für-Punkt Korrespondenz zwischen Information und Sachverhalt, zwischen der operativen und der repräsentierten Realität“ sei unmöglich (ebd.). Er spricht damit die Selektivität der Medien an, welche für Nachrichten eine zentrale Rolle spielt und den Gedanken des Konstruktivismus konsequent weiterverfolgt: Nachrichten entstehen höchst selektiv, was – überspringt man die personelle Selektion innerhalb der Medienanstalten (Fiske 1987: 294) – bei der Themenselektion beginnt. In ihr liegt die Daseinsberechtigung massenmedialer Nachrichten: Durch die Unterscheidung von Information und Nicht-Information grenzen sie sich von ihrer Umwelt ab und ermöglichen eine Reduktion von Komplexität (Luhmann 2009: 28). Der Selektionsdruck auf Medienorganisationen ist in der heutigen Informationsgesellschaft enorm: Der Mensch kann Schätzungen zufolge nur ein Milliardstel aller Informationen aufnehmen (Geise 2011: 53). Ähnlich verhält es sich mit Journalisten: Nur einige Informationen gelangen in der Form von Ereignissen zu ihnen, diese sind bereits Ergebnisse von Selektionsprozessen (Schulz 2009: 396) und werden wiederum entsprechend journalistischer Konventionen und Routinen, „journalistischer Hypothesen von Realität“ selektiert (Schulz 1976: 29; hierzu auch Staab 2002). Knut Hickethier fasst es so zusammen: „Mediendiskurse haben potenziell die ganze Welt zum Thema. Wirksam werden sie jedoch dadurch, dass sie einige Themenbereiche hervorheben und andere ausgrenzen.“ (Hickethier 2010: 9)

In der Selektion von Themen spielt neben den in Kapitel 3.2 diskutierten Produktionsfaktoren der Nachrichtenwert eines Ereignisses eine zentrale Rolle. Die Nachrichtenwert-Forschung blickt auf eine mittlerweile 50-jährige Tradition zurück. Sie befasst sich mit der Frage, wie Ereignisse beschaffen sein müssen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, zur Nachricht zu werden (Uhlemann 2012: 76). Erstmals vom Forscherduo Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge (1965) eingeführt, spielt die Nachrichtenwert-Theorie bis heute eine zentrale Rolle in der Erforschung von Nachrichten und gilt als „wesentliches Konzept zur Erklärung der Nachrichtenauswahl von Massenmedien“ (Staab 2002: 608). Im deutschsprachigen Raum können die Arbeiten von Winfried Schulz als am bedeutsamsten bezeichnet werden (Hafez 2002a: 15; Staab 2002: 610ff). Ereignisse, so die Annahme der Nachrichtenwert-Theoretiker müssen bestimmte Eigenschaften aufweisen, um publiziert zu werden. Diese Eigenschaften werden Nachrichtenfaktoren genannt (ebd.: 609ff). Journalisten, so Schulz, unterliegen, wie andere Menschen auch, der Tatsache, selektieren zu müssen, wobei sie bestimmten Informationen Vorrang geben: „Welche Ereignisse zu Nachrichten werden und welche nicht, (...) darüber besteht unter Journalisten ein ausgeprägter Konsensus.“ (Schulz 1976: 117) „Je größer ihr Nachrichtenwert, desto größer die Chance, daß die Meldung (...) berücksichtigt und veröffentlicht wird.“ (ebd.: 30) Und je mehr Nachrichtenfaktoren ein Ereignis vereint, desto größer ist dessen Nachrichtenwert; dieser Zusammenhang wurde in zahlreichen empirischen Studien als hoch signifikant belegt (Uhlemann 2012: 214f). Anzahl und Bezeichnung der Nachrichtenfaktoren variieren dabei je nach Verfasser: Waren es bei Galtung und Ruge noch zwölf Faktoren (Galtung & Ruge 1965: 70ff), geht Schulz von sechs Hauptkategorien mit insgesamt 18 Unterkategorien aus (Schulz 1976: 32ff). Seiner breit angelegten Studie zufolge sind die Faktoren persönlicher Einfluss, Elite-Status, Ethnozentrismus, Negativismus und Erfolg am entscheidendsten (ebd.: 116). In der vorliegenden Arbeit soll jedoch nicht genauer auf einzelne Nachrichtenfaktoren eingegangen werden. Da es sich nicht um eine Untersuchung der Entscheidungsprozesse im Selektionsvorgang handelt, ist lediglich von Bedeutung, dass solche Faktoren existieren und Einfluss auf die thematische Vielfalt von Nachrichtenproduktionen nehmen. Weiterhin bedeutend ist die Erkenntnis der Nachrichtenwert-Forschung, dass der Nachrichtenwert eines Ereignisses mit Umfang und Platzierung der Berichterstattung korreliert: Die umfangreiche Behandlung eines Themas und dessen prominente Platzierung erlauben die Interpretation, dass der Kommunikator diesem Ereignis besondere Bedeutung beimisst (Meckel & Kamps 1998: 25; Schulz 1976: 30; Staab 2002: 611; Uhlemann 2012: 38). In der vorliegenden Arbeit bietet diese Herleitung praktischen Nutzen: Sie weist die Häufigkeit von Themen sowie deren Umfang und Platzierung als wichtige Messgrößen für die Untersuchung des medialen Islambildes aus, welche Rückschlüsse auf die Produzenten erlauben.

3.4 Selektion von Perspektiven

„Journalists are professional story-tellers of our age. (...) A good journalist ‚gets good stories’ or ‚knows a good story’. A critical news editor asks: ‚Is this really a story?’“ (Bell 1991: 147)

Borstnar, Pabst und Wulff (2002: 150) beschreiben das Erzählen als conditio humana: „Zu allen Zeiten haben Menschen erzählt“, womit sie sich der Auffassung Allan Bells anschließen: Erzählungen strukturieren unsere Welt. In den vergangenen drei Jahrzehnten entstanden aufbauend auf dem im vorangegangenen Kapitel erörterten operativ konstruktivistischen Verständnis sowohl in der englisch- als auch in der deutschsprachigen Medien- und Kommunikationswissenschaft Narrationstheorien der Nachrichten (vgl. Fiske 1987; Hickethier 2002; Hickethier 2007; Huth 1977; Keutzer et al. 2014; Mikos 2008). Diese postulieren, dass die Realität der Nachrichten auf Erzählungen beruht, genau wie im fiktionalen Bereich. Nachrichten werden bewusst gestaltet, enthalten eine Dramaturgie und bewegen sich in einem Inszenierungsrahmen, z.B. einem Fernsehstudio (Hickethier 2002: 660ff). Zwar kennt der Erzähler (Sprecher, Korrespondent etc.) häufig das Ende seiner Geschichte nicht, worin der größte Unterschied zur fiktionalen Erzählung liegt (Huth 1977: 105) – gemeinsam ist beiden Formen jedoch eine ganz entscheidende Funktion des Erzählens: die Selektion von Perspektiven.

[...]

Ende der Leseprobe aus 392 Seiten

Details

Titel
Zwischen Pegida und Charlie Hebdo. Der Islam in den Nachrichten
Hochschule
Hochschule Hannover  (Fakultät III, Medien, Information und Design)
Note
1,1
Autor
Jahr
2015
Seiten
392
Katalognummer
V343490
ISBN (eBook)
9783668364714
ISBN (Buch)
9783946458944
Dateigröße
7608 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zur intersubjektiven Nachvollziehbarkeit enthält der Anhang der Arbeit alle Transkripte, das Codebuch, die Codierbögen sowie alle Sequenz- und Einstellungsprotokolle (Anhang ab S. 149).
Schlagworte
Islam, Medien, Muslime, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Kommunikationsforschung, Nachrichten, Fernsehen, TV, Tagesthemen, heute Journal, ARD, ZDF, Charlie Hebdo, Pegida
Arbeit zitieren
Fabian Sickenberger (Autor), 2015, Zwischen Pegida und Charlie Hebdo. Der Islam in den Nachrichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343490

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