Natursymbolik in Friedrich Spielhagens 'Sturmflut'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 . Einleitung: Natursymbolik in Friedrich Spielhagens Roman „Sturmflut“
1.1 Zum Autor

2. Kollektivsymbolik in der „Sturmflut“: Übersicht über Einsatz und Funktion der Naturbilder
2.1 Ebene 1: Die Mechanismen der Sturmflut als Bedeutungsfolie für alle anderen Sinnebenen
2.2 Ebene 2: Goldflut – Übertragung auf den ökonomischen Themenkomplex
2.3 Ebene 3: Großstadt
2.4 Ebene 4: Fluten der Leidenschaft

3 . Stellungnahme zu dem Artikel „Empirische Beobachtung und Realismus“ von Drews und Gerhard

4. Kritik: Position der Figur Kapitän Reinhold Schmidt Moderner, realistischer und wissenschaftlicher Steuermann oder legendenhaft überhöhter Held und tumber Naturbursche ohne Konfliktpotential
4.1 Einbettung der Figur in den Themenkomplex „Natur“
4.1.1 Das Fischerdorf als Topos des einfachen Lebens
4.1.2 Aura der Geborgenheit
4.1.3 Keine Angriffsfläche für Aufstauung
4.2. legendenhaft überhöhte Retterposition Reinholds

5. Elses Beziehung zur Natur
5.1 Ottomar

6. Fazit
6.1 „Sturmflut“ und Bürgerlicher Realismus

7. Literatur

1. Einleitung: Natursymbolik in Friedrich Spielhagens Roman „Sturmflut“

In seinem Roman „Sturmflut“ verknüpft Friedrich Spielhagen die Sturmflut an der Ostsee im Herbst 1872 mit der großen Krise der Finanzwirtschaft, dem „Gründerkrach“ der 70er Jahre.[1]

Spielhagen gelang es mit dieser Konstruktion, denn einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Finanzaktionen und dem Wettergeschehen gab es nicht, an gewisse „kollektive Phantasien“[2] der Leserschaft anzuknüpfen:

Die Metapher der „Flut“ war selbst in Kreisen der Ökonomie durchaus existent. So heißt es in den „Preussischen Jahrbüchern“ schon angesichts einer ökonomischen Krise im Jahr 1959, es sei „eine solche Masse von Wechsel und Wechselbeziehungen“ entstanden, „daß die Kontrolle unmöglich wäre und die Börse mit schlechten Papieren überschwemmt würde“.[3]

Die gesellschaftspolitische Situation um 1970 gestaltete sich ebenso dramatisch: Frankreich hatte nach dem verlorenen Krieg bis 1973 insgesamt 5 Milliarden Goldfranc Kriegskontributionen an Deutschland zu entrichten. Da in so kurzer Zeit für derart viel freies Kapital nicht ausreichend Anlagemöglichkeiten geschaffen werden konnten, kam es zu wilden Finanzspekulationen, Gründungen von Kapitalgesellschaften und letztlich zu Inflation und Zusammenbrüchen: zur Gründerkrise. Das Symbol der „Überflutung ([...] mit barem Gelde)“ war in diesem Zusammenhang im Bewußtsein der Bevölkerung fest etabliert.

„Indem Spielhagen diese Symbolik aufgreift und mit zwei realen Ereignissen verknüpft, verleiht er ihr eine besondere Evidenz “[4].

Gleichzeitig nutzt er die Flutsymbolik mit ihren Anschlüssen an andere Kollektivsymbole wie z.B. „Fluten der Leidenschaft“ oder „Menschenflut in der Großstadt“ zur Integration der verschiedenen Handlungsebenen und schuf damit einen Roman, der die Empfindungen der zeitgenössischen Leserschaft gut genug traf, um zu einem echten „Bestseller“ zu avancieren.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, welche Rolle der Natursymbolik in dieser Konstruktion zukommt. Es wird zu klären sein, ob die Darstellung der Sturmflut neben ihrer symbolischen Bedeutung und ihrem funktionalen, die einzelnen Ebenen des Romans integrierendem Charakter auch einen eigenen Reiz hat, der in der Symbolik nicht aufgeht.[5]

Diese Fragestellung gewinnt umsomehr an Berechtigung, bezieht man in die Überlegungen wesentliche Stationen der Biographie Spielhagens und die Verwendung der Ostseelandschaft in seinen anderen Romanen mit ein.

Bevor auf die Verwendung der Natursymbolik in der “Sturmflut” genauer eingegangen werden soll, ist daher ein kurzer Blick auf den Autor notwendig.

1.1 Zum Autor

Friedrich Spielhagen gehörte zu den meistgelesensten Autoren des 19. Jahrhunderts.

Seine fast 30 Romane brachten ihm in der ersten Gesamtdarstellung zum deutschen Roman des vorigen Jahrunderts (1890) die Anerkennung als “Meister deutscher Romandichtung” ein.

Hervorzuheben ist vor allem seine Liebe zur Ostseelandschaft, die als bedeutender Schauplatz für alle seine wichtigen Romane (wie “Problematische Naturen”(1861/62), “Hammer und Amboß”(1869), ”Sturmflut”(1876) u.v.a) fungiert. Spielhagen gilt daher als “poetischer Entdecker” der Ostsee.

Spielhagen verwendet das Motiv der Ostsee demnach in der Sturmflut nicht zum ersten Mal: Vielmehr scheint die dominante Verwendung des Motivs einer grundsätzlichen Faszination des Autors von der Ostsee zu entspringen. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, das Verhältnis des Autors zu seiner Heimat eingehend zu beschreiben. Es sei an dieser Stelle nur soviel angemerkt, daß der extrem selbstreflexive Spielhagen die Ostsee als Sinnbild seiner Seelenlanschaft begriff:[6]

Er empfand die Ostsee keineswegs nur als schön, außerdem wurde er als Hinzugezogener von Einheimischen stets als Fremder betrachtet.

So konnte er durch die Ostsee seinen Lebenskonflikt darstellen, in der Widersprüche wie Geborgenheitssehnsucht und Distanzierungswusch, Selbstliebe und Selbstzweifel, Freiheitsdrang und Autoritätsabhängigkeit eine Rolle gespielt hatten.[7] Spielhagen gelang es schließlich, sein Leben, das teilweise von Selbstmordtendenzen bedroht war, durch enorme Selbstdiziplin in beinahe krampfhaft geordnete Bahnen zu lenken.

2. Kollektivsymbolik in der „Sturmflut“: Übersicht über Einsatz und Funktion der Naturbilder

Im folgenden soll die Verwendung der Kollektivsymbolik „Überflutung“ mit ihren assoziativen Anschlüssen wie „Aufstauung“, “Rückstau“, „Bedrohung“ oder „Untergang“ in ihrer Funktion als Bindeglied und Bedeutungsfolie zwischen den einzelnen Sinnebenen des Romans aufgezeigt werden.

Ich stütze mich dabei teilweise auf einen Aufsatz zur kollektivsymbolistischen Struktur der „Sturmflut“ von Axel Drews und Ute Gerhard.

2.1 Ebene 1: Die Mechanismen der Sturmflut als Bedeutungsfolie für alle anderen Sinnebenen

Die bereits durch den Titel des Buches vorgegebene und wichtigste Sinnebene ist die der drohenden Sturmflut selbst. Sie wird schon auf den ersten Seiten des Romans durch die Hauptfigur Kapitän Reinhold Schmidt etabliert und bleibt auch bis zum eigentlichen Eintritt der Flut am Ende während der gesamten Handlung stets als drohende Gewißheit präsent.

Diese Gewißheit ist nicht allein in der Tatsache begründet, daß die Sturmflut an der Ostsee um 1872 für die Leserschaft ein empirisches, reales Ereignis war oder daß sie durch den Titel des Buches vorgegeben ist.

Vielmehr scheint allein die Argumentation des Kapitäns, dessen prognostischen Fähigkeiten gleich zu Beginn beim Auflaufen eines Schiffes unter Beweis gestellt wurden, zwingend genug zu sein: In seinem Vortrag führt Reinhold Schmidt aus, eine ungewöhnlich lang anhaltende Wetterlage habe in den letzten Jahren bei konstantem Westwind zu einer Aufstauung von Fluten im Osten geführt. Dies müsse in naher Zukunft bei Änderung der Wetterlage zu einem Zurückfluten der aufgestauten Wassermassen in Form einer gewaltigen Flut führen.

Er führt dies populärwissenschaftlich eloquent aus und untermauert seine Darstellung mit empirisch belegbaren Wasserständen und mit der Tatsache, daß das Schiff eben aufgrund dieser Veränderung der Wasserstände aufgelaufen sei.

Das ist insofern bemerkenswert, als daß Spielhagen mit der Havarie des Schiffes als Möglichkeit des Belegs für die These Reinholds auch innerhalb seines Romans wiederum ein empirisches Ereignis erschafft, das die Befürchtung vor einer kommenden Sturmflut von vornherein als unzweifelhaft erscheinen läßt.

Mit dem Wirkungsschema des Aufstauung und daraus resultierender Katastrophe wird ein Mechanismus als absolut evident vorgestellt, den der Präsident aufgreifen und als Symbol eines Wirkungsgefüges auf eine andere Sinnebene übertragen kann. „Der bisherige Gegenstand wird zum Bild, zum Symbolisanten eines komplexen Symbols, dem dann eine neue Sinnebene als Symbolisat zugeordnet wird“[8]:

2.2 Ebene 2: Goldflut – Übertragung auf den ökonomischen Themenkomplex

Der Präsident stellt fest, er habe „bei jedem Wort einer anderen Sturmflut denken müssen“, und zwar der „Aufstauung von Fluten [...], die sich in einem ungeheuren Strom – einem Goldstrom, meine Damen – von Westen nach Osten ergossen haben.“ Dies habe zur Folge „ daß ein Rückstau eintreten müsse, [...] eine Sturmflut, die – um in dem Bilde zu bleiben, das der Sache so sonderbar entspricht – sich [...]vernichtend über uns stürzen [...] wird“.[9]

Auf den gesellschaftspolitischen Hintergrund der „Goldflut“ und der Plausibilität des vom Präsidenten zugeordneten Symbols wurde bereits oben eingegangen. So ist auch klar, daß die Goldflut nicht für sich steht, sondern mit einer hoch riskanten Spekulations- und Gründungspraxis einhergeht, zu der auch der Bau der Eisenbahnlinie und des Hafens gehört, der den Anlaß für Reinholds warnende Worte gebildet hatte.

Mehr noch: In einem späteren Dialog zwischen Reinhold und dem Präsidenten weitet letzterer seine Deutung aus. Er spricht von einem „frevelhaften Taumel“ und einem „Schaum und Traumleben“ , aus dem man aufwachen müsse. Ein Volk könne „nicht auf die Dauer um das goldene Kalb tanzen und dem Moloch opfern“. Es gehe „entweder unter in der Flut seiner Sünden, oder es klammert sich an den rettenden Ararat echter Mannes- und Bürgertugend“.

An dieser Stelle hat der Leser bereits Kenntnis von den zahlreichen Verschwörungen und Intrigen erlangt, die als Merkmal des ökonomischen Themenkomplexes dargestellt wurden und erhält nun eine beinahe unnötig explizite Bestätigung der Wirkungskraft des vorgestellten Mechanismus.

2.3 Ebene 3: Großstadt

Auch der Themenkomplex Großstadt wird als wichtiges Strukturelement des Romans mit der Kollektivsymbolik „Flut“ verknüpft. Führt man sich vor Augen, mit welcher Dynamik allein die Hauptstadt Berlin als zweiter wichtiger Schauplatz in der „Sturmflut“ insbesondere in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts gewachsen ist, wird deutlich, daß Spielhagen auch hier auf bereits etablierte kollektive Phantasien der Leserschaft zurückgreifen kann: Seit 1814 hatte sich die Bevölkerung in Berlin bis 1976 auf ca. 1 Million verfünffacht, enorme Wachstumsimpulse gingen von der Aufhebung der Erbuntertänigkeit 1806, der Industrialisierung seit 1840, und der Reichsgründung 1870 aus. Der Hobrechtplan von 1862 sah bereits eine Bebauung für 4 Millionen Menschen vor. Es kam insbesondere während der Gründerzeit trotz intensiver Bautätigkeit zu großen Wohnraummangel.

[...]


[1] Vgl Drews u. Gerhard, S.713

[2] Gabler: „Nachwort zur Sturmflut“, S. 346

[3] siehe Drews u. Gerhard, S.713

[4] vgl. Drews u. Gerhard, S. 713

[5] vgl Gabler: „Nachwort zur Sturmflut“, S.321

[6] Gabler, S. 319

[7] Gabler, S. 321

[8] Drews, Gerhard, S.714

[9] „Sturmflut“, S. 26,27

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Natursymbolik in Friedrich Spielhagens 'Sturmflut'
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
HS Roman und Naturwissenschaft im 19.Jhd
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V34354
ISBN (eBook)
9783638346023
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natursymbolik, Friedrich, Spielhagens, Sturmflut, Roman, Naturwissenschaft
Arbeit zitieren
Andreas Steiner (Autor:in), 2000, Natursymbolik in Friedrich Spielhagens 'Sturmflut', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34354

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