Betrachtungen über Hans Blumenbergs Metaphorologie im Hinblick auf sein Werk „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher"

„Der menschliche Wirklichkeitsbezug ist indirekt, umständlich, verzögert, selektiv und vor allem metaphorisch“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Metaphern, Metapherntheorien und ihre Entwicklung

2. Blumenbergs Metaphorologie

3. „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigmen einer Daseinsmetapher“
3.1 „Seefahrt als Grenzverletzung“
3.2 „Was dem Schiffbrüchigen bleibt“
3.3 „Ästhetik und Moral des Zuschauers“
3.4 „Überlebenskunst“

Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Wer sich mit den Werken von Hans Blumenberg beschäftigt, findet sich schnell in der sprichwörtlichen und metaphorischen Situation wieder, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen zu können. Darauf verweist Franz Josef Wetz kurz und treffend in der Einleitung seines Buches „Hans Blumenberg zur Einführung“[1]. Selbst die vermeintlich einfache Aufgabe, sich nur mit einem kleinen Teil von Blumenbergs Werk zu befassen, wie es z. B. diese Arbeit mit der Behandlung von Metaphern im Kontext mit Blumenbergs Metaphorologie hinsichtlich seines Werkes „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher“[2] zur Aufgabe hat, zieht das Eintauchen in den Werkkontext nach sich, der dem Rezipienten immer mehr Bäume zur Ansicht bietet und immer weniger das Ganze, den Wald erkennen lässt. Das liegt vor allem an den komplexen, internen Ideenzusammenhängen in Blumenbergs Werk, die von der Wissenschaft bisher noch nicht so weitreichend untersucht worden ist, dass man zahlreiche bestehende Recherchen zu Rate ziehen könnte. Deshalb ist man „gezwungen“, auf Blumenberg selbst als Sekundärliteratur zu Blumenberg zurückzugreifen und dadurch tiefer in den besagten Wald hinein gelockt wird. Zusätzlich sind laut Wetz Blumenbergs „Grundabsicht und Grundthese seiner Darstellung häufig nur schwer auszumachen“[3], was den Leser dazu anhält, sich Baum um Baum so genau anzusehen, dass der besagte sichtbare Wald immer umfangreicher wird. Bedingt durch den steigenden Umfang untersucht man vermeintlich gewonnene Klarheiten in anderen Teilen von Blumenbergs Werk auf allgemeine, werkumfassende Gültigkeit, um zu begreifen, wie der „Werkwald“ zu kartographieren wäre, aber vor allem wo man sich selbst in ihm gerade befindet. Denn trotz der Eingangsschwierigkeiten, wird dem Leser klar nach langer Lektüre klar, dass Blumenberg ausführlich und konsequent eine Frage in seinem Gesamtwerk stellt, die jeden etwas angeht: „Wie gelingt es eigentlich dem Menschen, mit sich und seiner Welt zurechtzukommen?“[4]

So schwierig die Herausarbeitung von Blumenbergs einzelnen Grundgedanken und Methoden durch sein Werk ist, so deutlich zeigt sich jedem jedoch schnell, was Wetz in seiner Einleitung zu Blumenberg beschreibt: „Bei alledem ist eines immer klar und nur schwerlich wegzudiskutieren: Blumenberg ist einer der herausragenden und bedeutsamsten Philosophen der Nachkriegszeit in Deutschland“.[5] 1920 in Lübeck geboren, studiert Blumenberg mit Unterbrechungen, bedingt durch den 2. Weltkrieg, Philosophie, Germanistik und klassische Philologie, promoviert 1947 in Kiel und habilitiert 1950, mit gerade 30 Jahren ebenfalls in Kiel. Beide Arbeiten, Dissertations- und Habilitationsschrift sind bis heute unveröffentlicht. Anschließend übernimmt Blumenberg verschiedene Professuren in Hamburg, Gießen, Bochum und Münster und veröffentlicht derweil und bis nach seiner Emeritierung im Jahr 1985 Werke, in denen er sich mit verschiedenen Themenbereichen beschäftigt.[6] Die Veröffentlichung von Blumenbergs hat selbst seit seinem Tod im Jahre 1996 nicht abgerissen und es ist unklar, wie viele Werke noch in seinem Nachlass zu finden sein werden. Diese sind meisterhaft angereichert und unterfüttert mit Blumenbergs interdisziplinärer Wissensfülle aus Bereichen wie Geschichte, Literatur, Astronomie und Theologie, was beim Leser zwar Faszination und Ehrfurcht erregen mag, doch zusätzlich zu Blumenbergs nicht leicht zu folgenden logischen Strukturen, dem Leser den Zugang häufig erschwert[7]. Der schweifende Blick durch die Disziplinen, wie man ihn in Blumenbergs Werk findet, zwingt den Rezipienten, sich innerhalb seiner Recherche fest an den gewählten Gegenstand zu klammern, um nicht in andere Diskurse des Werkes abzuschweifen.

Es ist also kein Wunder, dass man bei der Beschäftigung mit der Metaphorologie Blumenbergs, sich zwar fest an den Gegenstand der Metapher klammernd, sich doch selbst in Metaphern verstrickt, wie hier zu Beginn die des unüberblickbaren Waldes zur Hilfe genommen wurde, dem Leser einen Einblick in die Problematik zu geben. Doch warum sollte es dem Leser helfen, den unabhängigen Bildbereich eines Waldes vorgeführt zu bekommen, der erklärend zur Seite stehen soll, um die Komplexität eines von einem Autor verfassten Gesamtwerkes zu verstehen? Worin besteht die Funktion einer solchen Metapher und was sagt es uns über den Menschen an sich, der täglich mit Metaphern konfrontiert wird und sie verwendet? Darum geht es Blumenberg in seinen Arbeiten zu Metaphern und seiner Metaphorologie, mit deren Betrachtung sich diese Arbeit beschäftigt. Zunächst geht es um grundlegende Metapherntheorien und ihre Entwicklung, quasi als kurze Einführung in die Metapher und ihre Geschichte. Anschließend folgt ein kurzer Überblick über Blumenbergs Metaphorologie, der übergeht in eine Betrachtung von ausgewählten Teilen von Blumenbergs Schrift „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher“ auf der Grundlage der bisher beschriebenen Informationen. Abschließend erfolgt die Auswertung der gewonnenen Erkenntnisse.

1. Metaphern, Metapherntheorien und ihre Entwicklung

Das Wort „Metapher“ kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „Übertragung, übertragen, anderswohin tragen“[8]. Die erste Metapherntheorie, die der „Poetik“ des Aristoteles, erklärt die Metapher als „Übertragung eines fremden Nomens und zwar entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung oder von einer Art auf eine andere oder nach den Regeln der Analogie.“[9] Die letztgenannte Art der Metapher war für Aristoteles die wichtigste und entspricht am ehesten der heute gängigen Metapherndefintion. Die Analogie funktioniert bei der Metapher wie eine Art Proportionalität. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das Verhältnis von Alter zum Leben und Abend zum Tag. Das Alter verhält sich zum Leben, wie der Abend zum Tag.[10]

Aus der aristotelischen Metapherndefintion geht die Substitutionstheorie hervor, in der „“die Metapher das eigentliche Wort durch ein fremdes ersetzt(substituiert). Zwischen dem eigentlichen und dem fremden Wort besteht eine Ähnlichkeit oder Analogie.“[11] Hierbei nimmt die Metapher den Platz des eigentlichen Begriffs. Die ursprüngliche Bedeutung des präzisen Begriffs kann hierbei eine Abweichung erfahren.[12] Eine Form der Substitutionstheorie ist die Vergleichstheorie, in der die Metapher als „verkürzter, impliziter oder elliptischer Vergleich verstanden wird“.[13] Das bekannteste Beispiel „Achilleus ist ein Löwe“ stammt von Aristoteles. Was gemeint ist, ist dass Achilleus stark oder stolz oder mutig wie ein Löwe ist, wobei die Einfügung des „wie“ und des Vergleichspunktes (tertium comparationis) den Vergleich vervollständigen würde.[14] Die Leistung, die die Metapher bei der Vergleichstheorie erbringen muss, ist begrenzt durch den Kontext des Vergleichs. Ohne ihn wäre der verkürzte Vergleich nicht verständlich, die Metapher weist also nicht auf über den komplettierten Vergleich hinausgehende Bedeutungen hin. Die Metapher funktioniert hierbei als bildliche Veranschaulichung und hat damit ihren Sitz vor allem in der poetischen Redeweise, als sprachliches Ornament.[15] In diese Tradition stellen sich auch Rhetoriker wie Cicero und Quintilian, wobei Cicero vor übertriebender Bildlichkeit in der Rede warnt und Quintilian hingegen die Allgegenwart von metaphorischer Sprache anerkennt. Diese sieht er aber weiterhin als analogisches Reden.[16]

In der Theologie findet ebenfalls eine Auseinandersetzung mit Metaphern statt. Diese erfolgt auf eine eher metaphernkritische Art und Weise, vor allem in Hinblick auf den Wahrheitsgehalt von Metaphern, auch was biblische Metaphern und ihre Verwandten, wie Bilder, Tropen und Allegorien angeht. Die Genauigkeit von Metaphern und ihre Bedeutungen, bzw. ihre Interpretationsmöglichkeiten werden vorwiegend mit Vorsicht betrachtet.[17]

Die kritische Sicht auf die Metapher findet ihre Verfechter quer durch die Epochen. Descartes z.B. fordert gemäß seines wissenschaftlichen Herangehensweise, die Klarheit und Bestimmtheit der Sprache, die folgerichtig die Kunst der Rhetorik, der unpräzisen und schmuckreichen Sprache ablehnt.

Bis zum 18.Jahrhundert herrscht die Kritik an der Metapher weitgehend vor. Erst mit der Rhetorik freundlich gesinnten Denkern, wie z.B. Giovanni Battista Vico, der sich gegen die Annahme stellt, die rationalistische Sprache sei die „eigentliche“ Sprache und die der Poesie die „uneigentliche“ Sprache, findet die Metapher Akzeptanz. Vico, wie u. a. auch Rousseau sehen die metaphorische Sprache als die ursprüngliche Sprache der Menschen an, aus der sich erst so etwas wie wissenschaftliche oder „genaue“ Sprache entwickeln konnte. Dieser Entwicklung schlossen sich später weitere Denker, wie z.B. Herder, Goethe und Jean Paul an.[18]

Auf Grund dieser Entwicklungen konnte sich der Fokus in der Betrachtung von Metaphern von den Vorgaben der klassischen Rhetorik lösen. Eine Metapherntheorie, die dadurch entstehen konnte und heute als etabliert betrachtet wird, stellt nicht mehr die sprachliche Repräsentation in den Fokus der Aufmerksamkeit, sondern die Funktion von Sprache und die metaphorische Steuerung des Denkens.[19] Diese neuere Theorie ist die Interaktionstheorie. Sie „wendet sich gegen das einseitige Übertragungsmodell von Substitutions- und Vergleichstheorie und damit auch gegen die zentrale Unterscheidung der klassischen Rhetorik vom ‚eigentlichen‘ und ‚uneigentlichen‘ Sinn.“[20] Richards, der die Interaktionstheorie 1936 formulierte, betont, dass die Metapher keineswegs ein Störfaktor der Sprache sei, der Ungenauigkeit erzeugt, sondern sie „stelle selbst das konstitutive Prinzip dar, das bei jeder sprachlichen Entwicklung gegenwärtig sei.“[21] Bei der Interaktionstheorie wird der Fokus darauf gelegt, dass bei einer Metapher sowohl zwei Ausdrücke, zwischen denen eine Sinnübertragung stattfindet, als auch deren jeweilige Kontexte präsent sind. Die Interaktion findet zwischen den Ausdrücken, deren Kontexten und dem daraus entstehenden Beziehungsgefüge statt. Dies geschieht mental und nicht auf der rhetorischen Ebene. Richards fokussiert hierbei die „produktive Funktion des Kontextes“.[22] Dabei geht es im Gegensatz zur klassischen Metapherntheorie nicht um Bildlichkeit der Metaphern, sondern um die Verknüpfung von Elementen. Die Steigerung der Interaktionstheorie ist die Hinzufügung der Kreativitätsthese von Black, in der dieser feststellt, dass durch das kreative Moment der Metapher die Konnotation von Ausdrücken durch Metaphern potentiell verändert werden können. Im Fall der Metapher „Der Mensch ist ein Wolf“ werden die wölfischen Eigenschaften auf den Menschen projiziert. Der Kontext des Menschen wird hierbei durch die Metapher assoziativ um Eigenschaften des Wolfes erweitert.[23]

[...]


[1] Wetz, Franz Joseph: Hans Blumenberg zur Einführung. Hamburg, 1993.

[2] Blumenberg, Hans: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt am Main, 1979. (im Folgenden zitiert als SZ)

[3] Wetz, a.a.O., S. 8.

[4] Timm/Wetz (Hrsg.): Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumenberg. Frankfurt am Main, 1999. S. 12.

[5] Ebd., S.11.

[6] Vgl. Ebd., S.11

[7] Vgl. Ebd., S.8.

[8] Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Das große Fremdwörterlexikon. 3. überarbeitete Auflage. Mannheim/ Leipzig/ Zürich/ Wien, 2003. S.870; Stichwort: Metapher.

[9] Weinrich, H.: Metapher. In: Ritter, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 5. Band (L-Mn). Basel, ,1980. S. 1179-1186.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl. Kurz, Gerhard: Metapher, Allegorie, Symbol. Göttingen, 1997. S.10.

[12] Vgl. Haeflinger, Jürg: Imaginationssysteme. Erkenntnistheoretische, anthropologische und mentalitäts-historische Aspekte der Metaphorologie Hans Blumenbergs. Bern, 1996. S. 51.

[13] Ebd., S. 48.

[14] Vgl. Ebd., S. 48.

[15] Vgl. Ebd., S. 49.

[16] Vgl. Weinrich, a.a.O.

[17] Vgl. Ebd.

[18] Vgl. Ebd.

[19] Vgl. Haeflinger, a.a.O., S. 52.

[20] Ebd., S. 52.

[21] Ebd., S. 52.

[22] Ebd., S. 54.

[23] Vgl. Ebd., S. 57f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Betrachtungen über Hans Blumenbergs Metaphorologie im Hinblick auf sein Werk „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher"
Untertitel
„Der menschliche Wirklichkeitsbezug ist indirekt, umständlich, verzögert, selektiv und vor allem metaphorisch“
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Philosophie)
Veranstaltung
"Schiffbruch mit Zuschauer": Hans Blumenberg über eine Daseinsmetapher
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V343716
ISBN (eBook)
9783668338548
ISBN (Buch)
9783668338555
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
betrachtungen, hans, blumenbergs, metaphorologie, hinblick, werk, schiffbruch, zuschauer, paradigma, daseinsmetapher, wirklichkeitsbezug
Arbeit zitieren
Rena Gottfried (Autor), 2010, Betrachtungen über Hans Blumenbergs Metaphorologie im Hinblick auf sein Werk „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343716

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Betrachtungen über Hans Blumenbergs Metaphorologie im Hinblick auf sein Werk „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden