Casemanagement in der Palliativversorgung als Chance für die Optimierung der Versorgung schwer kranker und sterbender Menschen


Bachelorarbeit, 2015

48 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung, Ziele und Fragestellungen

1. Palliative Care in der heutigen Gesellschaft
1.1 Aufgabenbereiche und Ziele
1.2 Möglichkeiten und Grenzen von Palliative Care
1.3 Schnittstellenproblematik in der palliativen Versorgung

2. Casemanagement als zukünftiges Versorgungskonzept
2.1 Begriffsklärung Casemanagement
2.2 Aufgabenbereiche und Funktionen des Case Managers
2.3 Möglichkeiten und Grenzen des Casemanagements

3. Fallbeispiel aus der Praxis
3.1 Schwierigkeiten aus der Sicht einer Palliativfachkraft
3.2 Auswirkungen auf den Patienten und sein soziales Umfeld
3.3 Casemanagement in der Palliativversorgung - eine Vision?

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung, Ziele und Fragestellungen

Der demographische Wandel führt nicht nur zu einer alternden Gesellschaft, sondern auch zu sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Veränderungen und Problemen. Mit dem Wandel in der Gesellschaftsstruktur und der sinkenden Geburtenrate nimmt die Zahl pflegebedürftiger und schwerkranker Menschen, die eine umfassende Betreuung und Begleitung bedürfen zu und gleichzeitig sinkt die Zahl Jener, die diese versorgen sollen. Alterserkrankungen, Multimorbidität1 und der steigende Pflegebedarf stellen das Gesundheitssystem und die Gesellschaft mit ihren veränderten Strukturen vor neue Herausforderungen und lassen die Versorgung immer schwieriger und komplexer werden, vor allem dann, wenn es darum geht, dem schwer kranken, sterbenden Menschen seinen letzten Wunsch zu erfüllen und ihn würdevoll zuhause sterben zu lassen.

Diese Ausgangssituation ist die Grundlage für diese Bachelorarbeit, die sich mit der Thematik „Casemanagement in der Palliativarbeit als Chance für die Optimierung der Versorgung schwer kranker und sterbender Menschen“ beschäftigen soll und richtet sich sowohl an Beschäftigte der Gesundheit- und (Kinder-)Krankenpflege sowie an Altenpflegepersonal, Studenten des Gesundheit- und Sozialsektors und an alle anderen medizinischen, sozialen und gesundheitsfördernden Berufe und deren Interessenten. Durch die Arbeit in der ambulanten Pflege und meiner Fachweiterbildung Palliative Care, bin ich täglich in der Versorgung schwer kranker und palliativer Menschen in ihrer häuslichen Umgebung und habe mich deswegen für dieses Thema entschieden. Die Arbeit an der Thematik bietet mir die Möglichkeit mich intensiver mit den Konzepten Palliative Care und Casemanagement zu befassen, um einen Lösungsansatz zu finden, beide Konzepte für eine Verbesserung in der häuslichen Palliativversorgung zu kombinieren. Fachspezifische Inhalte und evidenzbasiertes Wissen aus Fachliteraturen und -zeitschriften, Expertenmeinungen, Studien und Informationsbroschüren aus der öffentlichen Arbeit sind gleichermaßen Bestandteil der Arbeit, wie Fortbildungsinhalte und Kursbücher. Einleitend soll die Bedeutung von Palliative Care in der heutigen Gesellschaft vorgestellt werden und das Konzept mit seinen Aufgaben und Zielen, sowie seinen Möglichkeiten und Grenzen thematisiert werden. Als nächster inhaltlicher Schwerpunkt folgt anschließend daran die Schnittstellenproblematik in der palliativen Versorgung.

Im dritten Kapitel wird das Casemanagement als zukünftiges Versorgungskonzept behandelt, sowie die Begriffsklärung und in diesem Zusammenhang die Aufgabenbereiche und Funktionen eines Case Managers, aber auch seine Grenzen thematisiert.

Anhand eines Fallbeispiels soll deutlich werden, welche Schwierigkeiten eine häusliche Palliativversorgung aus der Sicht einer Palliativfachkraft mit sich bringt und welche Auswirkungen dies auf den schwer kranken Patienten und sein soziales Umfeld haben kann.

Ausgehend davon folgt im vorletzten Kapitel die Auseinandersetzung damit, ob das Casemanagement zukünftig in der Palliativversorgung wirksam werden könnte, oder ob es eine Vision bleibt und abschließend die Zusammenfassung, die rückblickend auf die Thematik eingeht und einen Ausblick für die Zukunft gibt.

Das Hauptziel der Arbeit besteht darin, zu prüfen, in wieweit es sinnvoll wäre die Konzepte Palliative Care und Casemanagement zu kombinieren, um die Arbeit mit schwer kranken, sterbenden Menschen zu optimieren und im Verlauf der Arbeit folgende Fragen zu klären, die grundlegend für das Verständnis und die Sensibilisierung mit der Thematik Palliativ Care sind:

- Welche Voraussetzungen sollten Pflegekräfte erfüllen, um den Patienten das Sterben zuhause zu ermöglichen?
- Könnte durch die Kombination von Palliative Care und Casemanagement eine Verbesserung in der häuslichen Palliativversorgung erzielt werden?

1. Bedeutung von Palliative Care in der heutigen Gesellschaft

Der demographische Wandel, als Veränderung der Alterszusammensetzung in einer Gesellschaft bedingt durch Naturkatastrophen, Kriege, Veränderungen der Geburtenrate und ständiger Verbesserung der Gesundheitsversorgung, ist der Definition nach eine normale Erscheinung. Dauerhaft anhaltende Parameter, wie die sinkende Geburtenrate und die kontinuierliche Steigerung der Lebensdauer führen langfristig zu erheblichen Veränderungen in der Altersstruktur und damit zu einem Versorgung- und Finanzierungsproblem des Gesundheitswesens (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2000).

Ausgehend von diesem Auszug aus dem Zukunftsreport, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahre 2000 publizierte, wird deutlich, dass die veränderte Altersstruktur und die längere Lebensdauer zukünftig nicht nur zunehmend an Bedeutung gewinnen, sondern auch das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen stellt. Eine bedürfnisorientierte Pflege und Versorgung, der Erhalt der individuellen Lebensqualität und die palliative Versorgung sterbender Menschen in ihrem gewohnten Umfeld sind nachhaltige Themen und Aufgabenfelder, die den Pflegeberuf ausmachen, aber auch aktuell in der Politik diskutiert werden und künftig durch die vielen weitreichenden Entwicklungen eine immer größere Rolle spielen werden.

1.1 Aufgabenbereiche und Ziele

Angeknüpft an die Definition ist Palliative Care die „Behandlung von Menschen mit einer nicht heilbaren, progredienten, weit fortgeschrittenen Erkrankung und begrenzter Lebenserwartung, für die das Hauptziel die Lebensqualität ist.“ (Kayser et al. 2013: 36) Um dieses Ziel zu erreichen, werden in der Palliativversorgung quälende Begleitsymptome der fortgeschrittenen Krankheit behandelt, um ein beschwerdefreies Leben zu ermöglichen, weil eine Lebensverlängerung durch kurative2 Maßnahmen nicht mehr möglich ist. Lebensverlängernde Maßnahmen werden nicht gänzlich ausgeschlossen, sondern nur eingesetzt, wenn die Vorteile für den schwerkranken Patienten überwiegen.

Dies wird auch an der Definition zur palliativen Therapie nach Zech (1994) deutlich. Demnach ist die palliative Therapie, die Zech beispielhaft auf onkologisch3 erkrankte Patienten bezieht, die „Behandlung von Patienten mit einer nicht kurativ behandelbaren Erkrankung, wobei die therapeutischen Strategien durch Einfluss auf das Tumorgeschehen mittels Operation, Chemotherapie, Hormon- oder Strahlentherapie auf eine Symptomlinderung, Verbesserung der Lebensqualität und -wenn möglich- auf Lebensverlängerung abzielt.“ (Kayser et al. 2013: 70) Aus beiden Definitionen geht hervor, dass das Hauptziel der Palliativversorgung der Erhalt und die Förderung der bestmöglichen Lebensqualität von Patient und seinen An- und Zugehörigen ist, die durch schonende Therapieformen und Wohlfühlangebote dazu führen sollen, dass Leid und Beschwerden gelindert werden, um trotz schwerer Krankheit eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit und Zufriedenheit zu erreichen.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Umfragen, die belegen, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen in Deutschland in mehr als 75% aller Fälle angeben im familiären und sozialen Umfeld versorgt und sterben zu wollen (vgl. Knipping 2007: 59). Nicht selten lassen es die neuen familiären Strukturen, die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen und ein verändertes Rollenverständnis nicht zu, den Sterbenden diesen letzten Wunsch ohne professionelle Unterstützung, zu erfüllen. Neben der psychosozialen Betreuung des Patienten mit seinen Ängsten und Sorgen, befasst sich die Palliativpflege auch mit der spirituellen Begleitung, den körperlichen Bedürfnissen und Symptomen des Patienten, sodass ein Gesamtbild der Situation entsteht und der Mensch mit seiner Ganzheitlichkeit individuell und fallorientiert versorgt werden kann. Dazu gehört auch die Einbindung des Patientennetzwerkes, sowie die Beratung und Begleitung seiner An- und Zugehörigen. Der Wille und die Wünsche des Patienten sind aus palliativmedizinischer Sicht die Kriterien, die einzuhalten und zu erfüllen sind, unabhängig davon, ob man in dieser Situation pflegerisch gesehen evidenzbasiert agiert. Der Sterbeprozess als intimer und individueller Lebensabschnitt sollte so gestaltet werden, wie es vom Betroffenen gewünscht wird, auch wenn man seine Wünsche und Werte nicht vertritt. Das Hauptziel besteht darin, die Lebensqualität zu erhalten und dafür mit dem Patienten zusammen Prioritäten zu setzen. Ein Patient, der z.B. keine Nahrung und Flüssigkeit mehr zu sich nehmen kann aufgrund von Nebenwirkungen, Schmerzen o.Ä., wird häufig keine übliche Mundpflege tolerieren. Dennoch kann es sein, dass er sich an einer speziellen Mundpflege erfreut, weil sie nicht schmerzhaft ist und dem Patienten ein vielfältiges Angebot an angenehmen Sinneswahrnehmungen anbietet.

Daher zählt zu einer der bedeutendsten Aufgabe in der Palliativarbeit, den Patienten mit seiner Erkrankung und seiner Lebenswelt kennen zu lernen, um daran fest machen zu können, was ihm gut tut und welche Maßnahmen sinnvoll sind. Da jeder Mensch genauso unterschiedlich ist, wie sein Sterbeprozess, variieren auch die belastenden Symptome und die Aufgabenbereiche der Palliativfachkraft. In der Sterbebegleitung begegnen wir nicht nur verschiedenen Altersgruppen und Persönlichkeiten, auch unterschiedlichen Wertvorstellungen und Leidenswegen. Neben den onkologisch erkrankten Patienten, die die größte Patientengruppe ausmachen, begegnen wir Patienten mit Multiorganversagen, Atemwegserkrankungen und fortgeschrittenen chronischen Erkrankungen, die mit verschiedenen Beschwerden einhergehen. Gerade deswegen setzt die Palliativarbeit nicht nur eine gute Krankheitslehre voraus, sondern auch eine genaue Krankenbeobachtung und das Wissen über aktuelle und schonende Therapieformen, genauso wie die Sensibilität und das Einfühlungsvermögen für diese Form der Fallarbeit.

Deswegen gilt es sich zunächst mit dem Patienten als Individuum auseinanderzusetzen und zu beschäftigen, um bedürfnisorientierte Maßnahmen und Ziele individuell planen zu können und ganzheitlich für ihn da zu sein, um ihm ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen. Wie wichtig diese erste Phase ist, lässt sich exemplarisch an dem folgenden Gedanken verdeutlichen: Alte Menschen werden oft mit den Schlagwörtern Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit assoziiert und mit körperlichen, seelischen und sozialen Veränderungen verknüpft.

Die Lebensphase ,,Alter“ ist genauso individuell und im Verlauf unterschiedlich wie jedes Individuum und abhängig von seiner Biografie und den Bedingungen, unter denen der ältere Mensch lebt.

Auch im Alter bleiben viele Menschen selbstbestimmt, nehmen am gesellschaftlichen Leben teil, haben Interessen und verfügen über ausreichend finanzielle Mittel. Sie reisen, engagieren sich ehrenamtlich und genießen die Zeit als Rentner. Andere leiden „im Alter“ zunehmend unter gesundheitlichen Problemen, was nicht selten dazu führt, dass soziale Kontakte abnehmen und psychische Veränderungen (z.B. Demenz) eintreten. Eine selbstbestimmte Lebensführung ist folglich nicht mehr möglich, wodurch sie in die Pflegebedürftigkeit geraten.

Das veranschaulicht, dass es für das Alter keine einheitliche Beschreibung gibt und verdeutlicht gleichzeitig, wie wichtig es ist auch alte Menschen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu sehen und individuell zu fördern. Im Alltagsgeschehen vergisst man oft, dass auch alte Menschen nicht immer vollständig auf Hilfe angewiesen sind, sondern es manchmal auch ausreicht ihnen kleine Hilfestellungen anzubieten, um sich weiterhin selbstständig versorgen zu können. Im Alter können unterschiedliche Veränderungen und Leistungseinbußen auftreten, wie z.B. biologische, psychische und soziale Veränderungen, die aber nicht zwangsläufig zu einer verminderten Lebensqualität führen.

Menschen die ihre anatomischen und physiologischen Veränderungen im Alter akzeptieren und Techniken entwickeln, damit umzugehen, denen bleibt die Alltagskompetenz und Lebensqualität erhalten. Die Aufgabe der Palliativfachkräfte liegt darin, ein Feingefühl dafür zu entwickeln, welche Einbußen der schwerkranke Patient durch seine Erkrankung erfährt und nicht nur herauszufinden, welche Vorlieben und Abneigungen er hat, sondern Tag für Tag den Umständen entsprechend herauszufinden, was man ihm Gutes tun kann. „Sterbebegleitung fordert von den Sterbebegleitern mehr als nur die von ihnen erlernten sozialen und kommunikativen Verhaltensweisen. Sterbebegleitung fordert die ganze Person“ (Kostrzewa, Kutzner 2009: 55f.), wenn es darum geht, die Würde des sterbenden Menschen zu achten, seine Persönlichkeit und Verletzlichkeit zu respektieren und zu erkennen, in welchen Bereichen er Unterstützung braucht. In der Sterbebegleitung geht es darum, Verantwortung dafür zu tragen, den letzten Weg des Patienten nach seinen Vorstellungen und Wünschen gemeinsam zu gehen, sich seiner Situation anzunehmen und sich abgrenzen zu können, ohne daran zu zerbrechen.

1.2 Möglichkeiten und Grenzen von Palliative Care

Der Definition nach bieten wir dem Patienten mit unserer Arbeit eine ummantelnde Fürsorge, in der es nicht mehr um Heilung geht, sondern um Linderung seiner Beschwerden und Förderung der Lebensqualität. lm übertragenen Sinne geschieht dies in der Palliativversorgung nicht nur durch die körperliche und psychosoziale Betreuung, sondern auch durch die spirituelle und somit ganzheitliche Begleitung durch die Palliativfachkraft. Durch das Wissen über die Möglichkeiten symptomlindernder Maßnahmen und wohltuender Angebote wie z.B. basale Stimulation, palliative Wundversorgung, spezielle Mundpflege, Lagerungsmöglichkeiten u.v.m. und die Reduzierung belastender Symptome wie z.B. Luftnot, Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Angst hat die Palliativfachkraft durch ihre spezielle Ausbildung viel mehr Möglichkeiten den ihr anvertrauen Patienten nach seinen Wünschen und Vorstellungen zu begleiten, ihm ein Sterben zuhause, in seiner vertrauten und gewohnten Umgebung, zu ermöglichen und ihm in seinen letzten Lebensstunden mit seinen Sorgen und Nöten zu helfen.

Durch die Diagnose einer schweren, kurativ nicht behandelbaren Erkrankung und die Ausstellung der Palliativverordnung für die ambulante Palliativversorgung, wird den Pflegekräften in ihrer ambulanten Arbeit mehr Zeit für den Patienten und seine Beschweren gewährt, um eine individuelle und patientenorientierte Pflege und Symptomkontrolle sowie auch entlastende Gespräche anbieten und durchführen zu können.

Durch die zusätzlichen Zeitkapazitäten bietet sich die Möglichkeit den schwer kranken Patienten und seine Angehörigen mehr in die Pflege einzubeziehen und orientiert an den Gewohnheiten und persönlichen Vorlieben des Patienten zu arbeiten.

Palliative Care erlaubt es den Pflegekräften die Pflege individuell zu gestalteten und diese durch die zusätzlichen Zeitressourcen jedes Mal neu an den Allgemeinzustand des Patienten anzupassen. Dafür benötigen Sie das Feingefühl, den Verlauf der Krankheit nachvollziehen und einschätzen zu können. Elisabeth Kübler-Ross spricht als Sterbeforscherin und Autorin in ihrem Werk „Interviews mit Sterbenden“ (2011) von Sterbephasen als Ergebnis ihrer Befragung in der Arbeit mit sterbenden Menschen, die sterbende und schwerstkranke Menschen durchleben und gekennzeichnet sind durch charakteristisch auftretende Verhaltensweisen. Gleichzeitig betont sie aber auch, dass diese fünf Phasen nicht immer dem Ablauf ihres Phasenmodells folgen, sondern, wie aus ihrer Befragung von über 200 Patienten hervor geht, individuell durchlaufen werden.

Die erste Phase ist nach Kübler-Ross, die des „Nicht-wahrhaben-Wollens und der Isolierung“, die nach der Diagnose auftritt und damit einher geht, dass die Betroffenen ihre Diagnose verdrängen und die Wirklichkeit nicht verstehen wollen. Folglich entwickelt sich bei den Patienten Gefühle von Zorn und Wut verbunden mit der Frage nach dem warum, die die zweite Phase prägen. Die Patienten fangen an zu verhandeln und Kompromisse einzugehen, sie haben ihre Krankheit bereits angenommen und äußern letzte wichtige Wünsche und Bedürfnisse, die sie noch haben. Diese dritte Phase ist so kurz sie ist, eine wichtige und bedeutsame Phase für den Patienten. Er beginnt damit sein Leben zu reflektieren und wichtige Erlebnisse zu überdenken, bevor er dann in eine Depression (4. Phase) verfällt als Resultat von Trauer, Verlustängsten und der Erkenntnis, dass sein Körper langsam und er in die Pflegebedürftigkeit gerät.

In der letzten Phase, der Zustimmung, hat der Sterbende eingesehen, dass sein Leben zu Ende geht. Er ist müde, sehr geschwächt und schläft viel. Er hat verstanden, dass er nicht mehr kämpfen kann und wartet darauf sich von seinem Körper lösen zu können (vgl. Kübler-Ross 2011: 66ff.). Um ein besseres Verständnis für die individuelle Situation, im Umgang und bei der Begleitung eines Patienten zu haben, ist es daher in der Palliativarbeit von unvorstellbarer Bedeutung dieses Modell zu kennen und ein Gespür dafür zu entwickelt, es in der praktischen Arbeit auf den aktuellen Fall zu übertragen.

Im Sinne des Patienten ist es das Ziel, soviel wie möglich zu tun, um sein Wohlbefinden zu fördern und seine Lebensqualität zu erhalten, jedoch nur solange, wie die Maßnahmen nicht zu belastend sind. Mit der Zeit, die man für die Sterbebegleitung hat, lernt man den Patienten kennen und lernt einzuschätzen, was ihm gut tut.

Die Angebote richten sich immer an die individuelle Gesamtsituation, den Allgemeinzustand und den dominierenden Symptomen des Patienten und sind abhängig davon gezielt auszuwählen. „Es ist besonders wichtig, im körpernahen Dialog möglichst viel darüber heraus zu finden, was sie mögen und was nicht und sich damit ihrem natürlichen Willen anzunähern.“ (Gerhard 2011: 324)

Palliative Care verfolgt mit seiner Arbeit das Ziel bei allen Maßnahmen palliativpflegerisch, psychosozial und spirituell individuell und an den Bedürfnissen der Patientin orientiert zu handeln und durch schonende Interventionen Leid und Beschwerden zu lindern, um eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit und Zufriedenheit zu erzielen.

Bis zuletzt ist ein würdevoller Umgang mit dem Patienten zu wahren und seine Rechte als Individuum zu berücksichtigen, ganz gleich, wie wir persönlich zu seinen Entscheidungen stehen, um in seinem Sinne handeln und entscheiden zu können. Um dies zu gewährleisten, reicht es nicht aus, den Patienten nur zu den Versorgungszeiten so zu versorgen, sondern wichtige Informationen, Erfahrungen und die Bedeutung und Ziele von Palliative Care an diejenigen Personen weiterzugeben (z.B. An- und Zugehörige), die die meiste Zeit beim Patienten sind. Die Palliativarbeit richtet seinen Blick auf den Patienten und seine Lebensqualität, der zusammen mit seinen Angehörigen das Zentrum unseren Handelns bildet. Denn sie sind ein wichtiger Bestandteil des Patienten und befinden sich durch den Sterbeprozess ihres Nahestehenden in einer Ausnahmesituation als Zeit extremer körperlicher und seelischer Belastung. Die Bewältigung dieser Situation voller Fragen und Zweifel erfordert, dadurch, dass es kein ausschließlich medizinisches Problem ist, die Arbeit in einem interdisziplinärem Team, bestehend aus verschiedenen Berufsgruppen und Ehrenamtlichen, und damit die Herstellung eines Netzwerkes um den Patienten herum, als unabdingbare Voraussetzung für eine zufrieden- stellende, optimale und ganzheitliche Palliativversorgung unter Berücksichtigung aller Dimensionen des Menschen.

Das ist deswegen so wichtig, weil der Patient aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann und die Möglichkeiten zu agieren um einiges größer sind, als die einer einzelnen Person, so die Theorie. Schwierig gestaltet sich eine Palliativversorgung dann, wenn es in dem bestehenden Netzwerk aller agierenden Akteure fehlende Vernetzungen gibt die z.B. durch mangelhafte Kommunikation und Kooperation miteinander entstehen, gerade dann, wenn viele Dienstleister in einer Beziehung zum Patienten stehen. Dadurch, dass es keine zentrale Anlaufstelle gibt, entstehen aufgrund mangelnder Informationsweitergabe Versorgungsprobleme, weil es untereinander keine Absprachen gibt und jeder Akteur selbstbestimmt im Sinne des Patienten handelt. Gerade deswegen ist die Zusammenarbeit mit den An-und Zugehörigen von großer und besonderer Bedeutung, die nicht unterschätzt werden sollte. Das soziale Umfeld des Patienten ist eine hilfreiche Unterstützung, die zu Gunsten aller Akteure genutzt werden sollte, den sie kennen den Patienten mit seinen Vorlieben und Abneigungen und sind wichtiger Bestandteil in diesem Komplex.

Um den Patienten kennenlernen zu können und ihn an seinen Bedürfnissen und Symptomen orientiert versorgen zu können, bietet sich ein früher Einstieg in die Arbeit mit dem Patienten an, um die Betreuung und Begleitung des Patienten in seiner letzten Lebensphase für alle beteiligten Akteure zu erleichtern.

In der Palliativarbeit steht der Patient in einem „besonderen“ Mittelpunkt. Die Palliativfachkräfte haben das Vertrauen des Patienten und seiner An- und Zugehörigen, um ihm ein schönes und möglichst angenehmes Lebens- ende zu organisieren und dieses so zu gestalten, wie es von ihm gewünscht wird. Schwierigkeiten können auftreten, wenn der Patient z.B. keine sozialen Kontakte mehr hat, oder räumlich von seinen An- und Zugehörigen getrennt ist.

[...]


1 Gleichzeitiges Auftreten mehrerer Erkrankungen bei einer Person.

2 Kurative Maßnahmen zielen auf die Heilung einer Erkrankung ab.

3 Der Fachbereich der Onkologie beschäftigt sich mit der Diagnose und Therapie krebskranker Menschen.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Casemanagement in der Palliativversorgung als Chance für die Optimierung der Versorgung schwer kranker und sterbender Menschen
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
48
Katalognummer
V343717
ISBN (eBook)
9783668340947
ISBN (Buch)
9783668340954
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sterbebegleitung, Fallarbeit, Lebensende, Casemanagement, Palliative Care
Arbeit zitieren
Sonja Pawliczek (Autor), 2015, Casemanagement in der Palliativversorgung als Chance für die Optimierung der Versorgung schwer kranker und sterbender Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343717

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