Der Garten im Akteur-Netzwerk. Wie werden Gärten zum festen Bestandteil der Alltagskultur?


Masterarbeit, 2011

74 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Aufbereitung der Akteur-Netzwerk-Theorie für die Erforschung der Gärten im Akteur-Netzwerk
1.1 Die Akteur-Netzwerk-Theorie nach Latour und ihre Kritik an der Soziologie des Sozialen
1.2 Die Quellen der Unbestimmtheit als Ausgangspunkte für die Soziologie der Assoziationen
1.3 Die Nachzeichnung der Assoziationen des Akteur-Netzwerkes
1.4 Die demokratische Zusammensetzung des Kollektivs

2. Die Gärten im Akteur-Netzwerk
2.1 Das Schreiben eines ANT-Berichts
2.2 Eine erste Beschreibung des Gartens
2.3 Wie wurden und werden Gärten zum festen Bestandteil der Alltagskultur?
2.4 Neue Verknüpfungen zu Gärten

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit untersucht die praktischen Konsequenzen der Akteur-Netzwerk-Theorie nach Latour am Beispiel des Gartens als ein Bestandteil der Alltagskultur. Auf diesem Weg werden die wesentlichen Hinweise für die soziologische Forschung im Sinne der ANT entlang illustrativer Bezüge zum Garten aufbereitet. Anschließend werden die Assoziationen des Gartens in den Vordergrund gerückt und in Anlehnung an Latours Versuchsanordnungen Beschreibungen des Gartens als Akteur-Netzwerk vorgenommen. Insgesamt zeigt sich, dass Latours Überlegungen einerseits neue Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand eröffnen und andererseits auch interessante Ansichten eines Themas ermöglichen, da die Nachzeichnung der praktischen Zusammenhänge und Entstehungsgeschichten eine anschaulichere „Erklärung“ liefern als abstrakt und verborgen erklärende Gedankenkonstruktionen.

0. Einleitung

Gärten sind alltäglich. Es besitzt, pachtet und/oder pflegt zwar nicht jedeR einen Garten, doch sind sie Teil des alltäglichen Gesprächs und der alltäglichen Landschaftsansicht. Bei der Fahrt mit dem Zug fährt man des Öfteren an zahlreichen, unter anderem direkt neben den Gleisen befindlichen, Gärten vorbei. Auch entlang der Straßen und Wege sind immer wieder Gärten sichtbar. Mal einzelne und mal unzählige am selben Ort nebeneinander. Sie sind offensichtlicher Bestandteil des Alltagswissens der Menschen, auch wenn die Assoziationen zum Thema Garten bis auf einige „Grundlagen“ etwas unterschiedlicher sein können.

Über Jahrtausende sind sie zu einem festen Bestandteil der Alltagskultur geworden, haben sich immer wieder gewandelt und erneuert. In der folgenden Arbeit wird die Frage verfolgt, wie sich die Gärten im menschlichen Alltag eingenistet haben und mit welchen Entitäten sie in Verbindung gebracht wurden und werden.

Gärten werden in der Soziologie momentan durchaus thematisiert. Dabei werden sie als Bestandteil eines Lebensstils, eines Lebensgefühls oder einer Gemeinschaft verstanden. Oder sie stellen für Menschen Orte der Selbsthilfe und politischen Organisation dar. Aktuell beschäftigen sich SoziologInnen besonders mit den urbanen Gärten, ihrer Geschichte und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft. Dabei sprechen die AutorInnen jedoch vor allem über die Menschen und wie sie sich mit anderen Gärtnernden, ihrer sozialen Position in der Gesellschaft und den staatlichen Institutionen auseinandersetzen. Die Gärten dienen zwar offensichtlich zum Überleben, zur sozialen Integration und zum Halt in wirtschaftlich schlechten Zeiten (vgl. Meyer-Renschhausen 2002: 1), trotzdem befassen sich die meisten SoziologInnen eher mit den sozialen Gebilden, die sie hervorbringen, als mit dem Garten selbst. Diese nennt Latour die sozialen Aspekte eines Untersuchungsbereichs und kritisiert, dass die Beschränkung auf die Analyse der sozialen Aspekte jenen Bereich beschneide und damit den Forschungsgegenstand nicht angemessen darstelle.

Er fordert stattdessen: „Siehst du dich einem Objekt gegenüber, dann achte zuerst auf die Assoziationen, aus denen es zusammengesetzt ist, und sieh erst später nach, wie es das Repertoire sozialer Bindungen erneuert hat“ (Latour 2010b: 401). Es geht also zunächst darum, die sogenannten „nicht-menschlichen Wesen“ wie etwa Gärten nicht nur als Ausgangspunkt neuer sozialer Bindungen zu betrachten, sondern sie selbst zum Teil einer soziologischen Untersuchung werden zu lassen, da sie offensichtlich sehr relevant für die sozialen Aspekte sind. Hierfür wird die Bedeutung des Wortes „sozial“ wie auch die Aufgaben der Soziologie neu definiert, worauf in Kapitel 1.1 eingegangen wird. Da Latour die Methodik soziologischer Arbeiten sehr grundsätzlich in Frage stellt, werden seine kritischen Orientierungspunkte der „Quellen der Unbestimmtheit“ in Kapitel 1.2 erläutert. Aber auch die Definitionen und Kategorisierungen des Untersuchungsgegenstandes, wie sie in soziologischen Abhandlungen üblich sind, sollen nicht von den Forschenden selbst vorgenommen werden. Vielmehr soll geschildert werden, wie diese von den Beteiligten hergestellt werden. Dazu bedarf es einer Perspektive, die alle Herstellungsprozesse nachzeichnen lässt. Das bedeutet für Latour, das Soziale flach zu halten (vgl. Latour 2010b: 286). In Kapitel 1.3 wird darauf eingegangen, wie dies umgesetzt werden kann.

Ein wesentlicher Kritikpunkt Latours an vielen soziologischen Untersuchungen ist die Reihenfolge der Vorgehensweise. Deshalb muss der Vollständigkeit halber auch noch darauf hingewiesen werden, dass Latour die Definitionen und Kategorisierungen durch die Soziologie nicht grundsätzlich falsch findet, sie wende sie nur zu verfrüht an. Diese Problematik wird in Kapitel 1.4 angesprochen.

Wie bereits oben ausgeführt, geht es in dieser Arbeit nicht nur um die Rekonstruktion der Überlegungen Latours, vielmehr werden seine Gedanken anhand praktischer Beispiele zum Garten aufbereitet. Daran knüpfen die Berichte als „künstliche Experimente“ (Latour 2010b: 318) im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit an. Sie rücken den Garten in der Vordergrund und benutzen die Gedanken Latours „nur“ als Werkzeug, um die Zusammenhänge des Gartens als festen Bestandteil der Alltagskultur nachzuzeichnen.

1. Aufbereitung der Akteur-Netzwerk-Theorie für die Erforschung der Gärten im Akteur-Netzwerk

1.1 Die Akteur-Netzwerk-Theorie nach Latour und ihre Kritik an der Soziologie des Sozialen

Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) ist keine Theorie im herkömmlichen Sinne, sie möchte nicht als substituierende Erklärung für die Realität herhalten, sondern Hinweise geben, wie in der soziologischen Forschung vorzugehen sei, vor allem aber, wie nicht vorzugehen sei. Die Überlegungen von Bruno Latour, einer der wesentlichen Initiatoren der ANT, neben Michel Callon und John Law (Belliger/Krieger 2006), stellen den theoretischen Bezugspunkt für die vorliegende Arbeit dar[1].

Zunächst kritisiert Latour die Bedeutung des „Sozialen“ in der traditionellen Soziologie, die er als „Soziologie des Sozialen“ bezeichnet. Diese Soziologie verwende die soziale Einbettung von Personen als Erklärung für deren Handeln. Beispielsweise ordnet sie eine Person der sozialen Gruppe „Arbeiterklasse“ zu und erklärt ihr Verhalten anschließend durch genau diese Zugehörigkeit. Dieser Weg der Soziologie hat und vor allem hatte nach Latour durchaus sinnvolle Anwendungs-bereiche. Doch für das Verständnis der Stabilität von sozialen Gruppierungen biete sie keine Erklärung. Es habe sich gezeigt, dass die Soziologie vom Zusammenbruch sozialer Gruppierungen meist sehr überrascht wurde.

Weil nach Latour der Zusammenbruch sozialer Gruppen eher die Regel als die Ausnahme darstellt, ergibt sich für ihn die Frage, wie die Verbindung zwischen Menschen hergestellt und aufrecht erhalten wird. Dieses Interesse führt ihn zu einem von ihm selbst ernannten alternativen Weg der Sozialtheorie, welchen er bei der Kritik von Gabriel Tarde an der Soziologie von Emile Durkheim ansetzt, nach der „das Soziale kein spezieller Bereich der Realität sei, sondern ein Verbindungsprinzip [ist]“ (Latour 2010b: 30). Es mache in vielen soziologischen Untersuchungen keinen Sinn mehr von den sozialen Faktoren, also etwa der Zugehörigkeit zu einer von SoziologInnen definierten sozialen Gruppe, neben den wirtschaftlichen, psychischen oder biologischen Faktoren auszugehen und jene als Erklärung für das Handeln von Individuen zu verwenden. Vielmehr sind die „in der Vergangenheit unter dem Etikett eines „sozialen Bereichs“ zusammengetragenen Faktoren […] einfach einige der Elemente, die in der Zukunft in dem zu versammeln sind, was […] [Latour] nicht eine Gesellschaft, sondern ein Kollektiv [nennt]“ (Latour 2010b: 32). Mit dieser alternativen Sozialtheorie knüpft Latour an Tardes Begriff des Sozialen an und betrachtet es als „einen Verknüpfungstyp zwischen Dingen, die selbst nicht sozial sind“ (Latour 2010b: 17). Sein Begriff des Sozialen entspricht also dem der Verbindung oder der Assoziation. Dementsprechend nennt er seine alternative Sozialtheorie auch „Soziologie der Assoziationen“. Latour nennt seinen Begriff des Sozialen auch das Soziale Nr. 2, in Abgrenzung vom „Sozialen“ der „SoziologInnen des Sozialen“.

Es geht Latour darum, das Soziale neu zu versammeln, wobei der Begriff des Kollektivs „das Projekt des Versammelns neuer Entitäten bezeichn[et] [...], die noch nicht zusammengebracht worden sind und von denen es daher offenkundig ist, dass sie nicht aus sozialem Stoff bestehen“ (Latour 2010b: 129). Der Begriff der Gesellschaft bestehe nach den SoziologInnen des Sozialen aus jenem sozialen Stoff und stehe für bereits versammelte Entitäten. Dabei werden per definitionem manche Entitäten einbezogen, andere wie etwa nicht-menschliche Wesen unüberlegt übergangen. Mit der Soziologie der Assoziationen möchte Latour nun der Rede von der Gesellschaft ein Ende setzen. Denn „es gibt keine Gesellschaft, keinen sozialen Bereich und keine sozialen Bindungen, sondern es existieren Übersetzungen zwischen Mittlern [2] , die aufzeichenbare Assoziationen generieren können “ (Latour 2010b: 188). Diese Kritik der Gesellschaft erscheint durchaus angebracht, man könnte jedoch einwenden, dass wenn man nach Latour den Akteuren und ihren Eigentheorien folgen soll und mit dieser Arbeit möglicherweise noch für jene relevant sein und ihr Interesse wecken möchte, es nicht sinnvoll ist, den Begriff der Gesellschaft abzuschaffen. Die Idee einer Gesellschaft existiert schließlich genauso wie religiöse Ideen, die nach Latour als Realität der Akteure anerkannt werden sollen, und wenn sich die Akteure an einem solchen Gedanken orientieren, kann man dies nicht ignorieren. Es könnte zumindest fraglich erscheinen, von einer „angeblichen Existenz einer Gesellschaft“ (Latour 2010b: 280) zu schreiben, an anderer Stelle aber zu fordern, dass man den religiösen Glauben von Akteuren ernst nehmen solle. Letzten Endes geht es Latour bei der Kritik des Gesellschaftsbegriffes aber vermutlich nur um die soziologischen Theorien, die jenen Begriff für die Behauptung verwenden, dass die Akteure sich in einem gemeinsamen Zusammenhang befinden, der durch seine Existenz an sich diesen Zusammenhang auch über die Zeit erhält. Denn die Idee, „dass wir „Mitglieder einer Gesellschaft sind“, [zirkuliere] […] durch Kanäle, die Ideengeschichtler fast genauso präzise rekonstruieren können, wie ihre Kollegen es mit […] dem Ohm [und] […] dem Meter“ (Latour 2010b: 396f.) tun.

Im Allgemeinen fordert Latour mit seiner Soziologie der Assoziationen, ein Netzwerk an sozialen Verbindungen zu beschreiben anstatt die Entitäten sozial zu erklären. Er stellt sich dabei nicht grundsätzlich gegen den Begriff der Erklärung, doch gegen die traditionelle soziale Erklärung in den Sozialwissenschaften. Zunächst entstehe bei dieser Art der soziologischen Erklärung eine Hierarchie der Qualitäten der Zuschreibung, wobei die Erklärung durch das Soziale eine primäre Qualität erhalte und die erklärte Sicht der gewöhnlichen Akteure zu einer Illusion oder Irrationalität degradiert werde (vgl. Latour 2000: 109). Doch erst bei der Untersuchung der Wissenschaften haben die ANT-ForscherInnen bemerkt, dass die soziale Erklärung des Verhaltens von Menschen etwas demütigendes besitzen kann. Es vermittele den Anschein, das zu Erklärende sei nicht die richtige Wahrheit und die Erklärung bringe eine korrektere Realität ans Tageslicht, die hinter dem Erklärten verborgen war. Die untersuchten WissenschaftlerInnen wehrten sich gegen diese Praktik. Sie erlangten Gehör, da dies ja auch bedeutete, dass eine soziale Erklärung der Arbeit der SoziologInnen sich selbst auflöst.

Für Latour bestand die Konsequenz aus dieser Erfahrung, dass bei einer sozialen Erklärung nicht länger ein paar wenige Faktoren eine Vielzahl an Entitäten ersetzen dürfen. Vor allem das Ersetzen kritisiert er. Als Konsequenz müsse akzeptiert werden, dass das Erzählen von Geschichten nicht durch die Frage des „Wozu“ ersetzt werden kann, beziehungsweise letzteres mehr Wert erhält als die Geschichte selbst. Die soziale Erklärung fokussiere sich auch zu häufig auf die Suche nach Verdächtigen, wobei die Gefahr besteht, dass nur die Verbindungen zu den, der Beschuldigung „würdigen“, Entitäten gesucht werden. Es sollen erst die kompletten Beteiligten aufgeblättert werden, bevor eine soziologischen Studie politisch instrumentalisiert wird (vgl. Latour 1988: 155-162). Die Idee der Akteur-Netzwerke stellt damit eine Kritik der traditionellen sozialen Erklärung dar und bietet eine alternative Vorgehensweise, die das „bloße“ Beschreiben wieder positiv konnotieren möchte.

Das Akteur-Netzwerk ist ein Werkzeug, das bei der Bewältigung der Aufgaben des Entfaltens und Nachzeichnens von Assoziationen behilflich sein soll. Dagegen betont das Kollektiv ein „Verfahren, um Assoziationen von Menschen und nicht-menschliche Wesen zu (ver)sammeln “ (Latour 2010a: 291). Im Gegensatz zur Versammlung der Gesellschaft soll beim Kollektiv jede Entität ein gerechtes Verfahren erhalten. Nach Latour ist der Unterschied zwischen Kollektiv und Akteur-Netzwerk eine Frage der Reihenfolge. Bevor ein Kollektiv versammelt werden kann, müsse erst ermittelt werden, woraus die Welt bestehe.

Denn im Detail unterscheidet Latour drei Aufgaben der Soziologie, die unbedingt der Reihenfolge nach erledigt werden sollten. An erster Stelle steht die Entfaltung des „volle[n] Spektrums der Kontroversen darüber […], welche Assoziationen möglich [sind]“ (Latour 2010b: 277). Ein Leitfaden für die Entfaltung der Kontroversen bieten die in Kapitel 1.2 ausgeführten Quellen der Unbestimmtheit. Ist diese Aufgabe zu Ende gebracht, soll als zweite Aufgabe nachgezeichnet werden, „durch welche Mittel die Kontroversen beigelegt und wie die Übereinkünfte dann beibehalten werden“ (Latour 2010b: 277). Was dies bedeutet und was Latour genau unter Mittel versteht, wird bei der Erläuterung der Quellen der Unbestimmtheit ausgeführt. Wie diese praktisch nachgezeichnet werden können, ist dann vor allem Gegenstand des Kapitel 1.3. Als dritte und letzte Aufgabe könne die Soziologie behilflich sein, „die richtigen Verfahrensweisen für die Zusammensetzung des Kollektivs zu bestimmen“ (Latour 2010b: 277). Dabei geht es ihm um die Hervorhebung des Begriffs Kollektiv als schrittweise Zusammensetzung der sozialen Welt im Gegensatz zu einer voreiligen Versammlung mit dem Begriff der Gesellschaft. Wie sich Latour eine demokratische Zusammensetzung der Welt vorstellt, wird in Kapitel 1.4 insoweit angedeutet, als es in Beziehung zum Thema der vorliegenden Arbeit steht.

Zu Beginn sei jedoch gleich angemerkt, dass die klare Trennung dieser Aufgaben, wie sie Latour fordert, sich seiner Forderung, den Akteuren zu folgen, in den Weg stellt. Denn es lässt sich vermuten, dass die Akteure selbst nicht so fair zu den Unbestimmtheiten und Kontroversen sind, wie es die SoziologInnen der Assoziationen sein sollen. Auch sie beseitigen Unbestimmtheiten häufig sehr schnell und legen Kontroversen in kürzester Zeit bei. Diese Problematik wird verstärkt, indem Latour in der Schilderung seiner Quellen der Unbestimmtheit selbst schon den zweiten Schritt vorweg nimmt, da sie scheinbar praktisch nicht zu trennen sind. Für einzelne Aspekte lässt sich die Reihenfolge durchaus einhalten, doch macht es meines Erachtens keinen Sinn, zwei getrennte Texte dazu zu verfassen. Ich werde an entsprechender Stelle entfaltete Unbestimmtheiten zu Wort kommen lassen, bevor ich anschließend darauf eingehe, wie sie beseitigt wurden oder wie die Diskussionen abgebrochen wurden.

Auch die Theorie Latours enthält eine Vielzahl von Unbestimmtheiten und Kontroversen, die vor allem bezüglich ihrer praktischen Umsetzung uneindeutig sind. Er liefert jedoch auch keine Theorie, in die der Untersuchungsgegenstand nur noch einzufügen ist, wie ein Bild in einen Rahmen (vgl. Latour 2010b: 248f.).

1.2 Die Quellen der Unbestimmtheit als Ausgangspunkte für die Soziologie der Assoziationen

Latours Soziologie der Assoziationen erarbeitet ihre Nachzeichnungen der Assoziationen zunächst entlang der Entfaltung der Vielzahl der Unbestimmtheiten und Kontroversen darüber, woraus die Welt besteht (vgl. Latour 2010b: 41-243). Die ANT stellt also keine Theorie über die Eigenschaften der sozialen Welt zur Verfügung, sondern fordert von den Forschenden die Unklarheiten unter den an jener Welt Beteiligten über die Zusammensetzung der Welt in Fokus zu rücken. Eine solche Unklarheit oder Kontroverse sei etwa die Zusammensetzung des Bodens. Erst bestand er aus verschiedenfarbigen Schichten, anschließend bevölkerten ihn unzählige Mikroorganismen (vgl. Latour 2010b: 202). Latour gibt eine Vielzahl an Hinweisen, wie sich solche Kontroversen aufspüren lassen. Diese gruppiert er letztlich in fünf Quellen der Unbestimmtheit, die im Folgenden der Reihe nach veranschaulicht werden.

Latour kritisiert nicht nur die Verwendung vorgefertigter sozialer Gruppen, denen der Untersuchungsgegenstand zugeordnet wird. Er kritisiert auch den Begriff der Gruppe selbst und entscheidet sich stattdessen für den Begriff der Gruppierung, mit dem er den Prozess einer permanenten Gruppenbildung hervorheben möchte. Damit möchte Latour auch verdeutlichen, dass die Gruppenbildung eine Handlung darstellt. Und diejenigen, die diese Handlung der Bildung von Gruppen durchführen, bezeichnet er als „Mittler“, da sie die Mittel sind, mit denen die Assoziationen, und damit das Soziale Nr. 2 gebildet werden. Die Mittler ermöglichen die Existenz einer Gruppe, sie bringen sie dazu, zu existieren. Die betreffenden Entitäten „übersetzen, entstellen, modifizieren und transformieren die Bedeutung oder die Elemente, die sie übermitteln sollen“ (Latour 2010b: 70). Es handle sich dabei aber nicht um eine feste Eigenschaft der Entitäten, vielmehr müsse man die Frage nach den Mittlern immer wieder neu stellen, da auch die Mittler immer wieder neue sind. Das Gegenstück zum Mittler bezeichnet er als Zwischenglied, welches an den Unterschieden in der Welt nicht mitarbeitet, sondern sie nur reflektiert oder repräsentiert.

Nach diesen Überlegungen ist etwa ein später als eingeplant eintretender Frost im Garten ein Mittler, während der Frost zu gewöhnlichen Zeiten kein Mittler darstellt. Dies bedeutet, dass der ungeplant eintretende Frost die Frage, ab wann können frostempfindliche Pflanzen im Freien gehalten werden, neu beantwortet und eventuell auch das diesbezügliche Handeln beeinflusst. Und indem die Gefahr des Frostes permanent besteht, modifiziert sie weiterhin das Handeln im Garten. Es erscheint hier aber so, als ob der Frost nur Mittler ist, wenn er die bisherigen Gewohnheiten verändert. Es wird also die Verbindung von Frost mit dem Absterben von Pflanzen verändert. Man könnte jedoch mutmaßen, dass diese Verbindung ohne die Erfahrung der erfrorenen Pflanzen schwächer würde und sich letztlich auflöst. In dieser Situation gibt es jedoch noch gärtnerische Regeln, nicht vor Maianfang empfindliche Pflanzen ins Freie zu setzen, an die sich viele halten. Diese Regeln werden natürlich durch die mitgeteilten Erfahrungen anderer möglicherweise regelmäßig von neuem bestätigt. Es lässt sich also nicht zeigen, dass sich diese Regel ohne ihren praktischen Bezug erhält.

Um eine Gruppe aufrechtzuerhalten sei sowohl Arbeit, als auch andere Instrumente oder Träger vonnöten, die stabile Eigenschaften besitzen, die die Zeit überdauern können und damit eine Erklärung für die Trägheit einer Gruppierung sein können. Eine solche stabile Verbindung besteht etwa bei dem eben erwähnten Zusammenhang von Frost und erfrierenden Pflanzen, sowie Frostempfindlichkeit von Pflanzen und das klimabedingte Auftreten von Graden unter dem Gefrierpunkt relativ stabile Eigenschaften sind. Das Andauern einer Gruppierung kann aber auch aus der Arbeit von Forschenden hervorgebracht werden (vgl. Latour 2010b: 63f.). Beispielweise tragen die Forschenden und PolitikerInnen wesentliche Teile dazu bei, dass das Kleingärtnertum mit der Arbeiterklasse in Verbindung gebracht wird. Latour kritisiert die durch WissenschaftlerInnen hergestellte Ordnung, da sie das Potential der Untersuchten, die eigene Welt aufzuräumen, ignoriere. Deshalb sollen die SoziologInnen der Assoziationen ihren Untersuchungsgegenstand nicht von Beginn an einer der sozialen Gruppen zuteilen, sondern als „ erste Quelle der Unbestimmtheit “ die Spuren der permanenten, performativen und arbeits-aufwändigen Aktion des Gruppenbildens durch die am Untersuchungsgegenstand Beteiligten beobachten und beschreiben (vgl. Latour 2010b: 50ff.). Für die praktische Untersuchung im Sinne der ANT bedeutet dies: „[W]ir folgen den Wegen der Akteure und beginnen unsere Reise mit den Spuren, die ihre Aktivität der Gruppenbildung und -auflösung hinterlässt“ (Latour 2010b: 53).

Der Begriff des Akteurs steht bei Latour für einen Handlungsträger. Doch eigentlich ist ihm der Begriff zu figurativ, das bedeutet er steht ihm zu sehr für ein einzelnes, handelndes Etwas, ein Individuum oder eine Gruppe. Da die ANT dieser voreiligen Definition entgehen möchte, bevorzugt sie den Ausdruck Aktant, den sie der Literaturwissenschaft entlehnt hat. Er eignet sich für die Anerkennung nicht-menschlicher genauso wie menschlicher Wesen als Handlungsträger. In den Texten der ANT werden die Begriffe des Akteurs und des Aktanten meistens im selben Wortsinn verwandt, wie etwa in dem Begriff Akteur-Netzwerk selbst, weshalb im Folgenden beide Ausdrücke Anwendung finden. Handelt jedoch ein nicht-menschliches Wesen, wird dies mit dem Begriff des Aktanten besser umschrieben.

Die Verwendung des Begriffs „Mittler“ verweise auch darauf, dass hier, im Gegensatz zu den „Zwischengliedern“ in der Soziologie des Sozialen, eine Transformation von „Bedeutung oder Kraft […] transportiert [wird]“ (Latour 2010b: 70). Faktoren werden durch einen handlungstragenden Aktanten verändert und auf die übersetzte Art und Weise weitergegeben. Der „Faktor [ist] ein Akteur in einer Verkettung von Akteuren […] und keine Ursache, auf die eine Reihe von Zwischengliedern folgt“ (Latour 2010b: 187). Tritt also keine Modifizierung der Beteiligten ein, dann handelt es sich um ein Zwischenglied, welches nach Latour eher eine Seltenheit sei, die nur durch einen umfangreichen Arbeitsaufwand durch weitere Mittler verständlich wäre. Wenn die Aktanten als Mittler bezeichnet werden, schreibt man ihnen also nicht nur Handlungspotentiale zu, sondern auch Transformationspotentiale.

Latour vertritt die These, dass Handlungen, ihre Initiatoren und ihre Konsequenzen nie überschaubar oder komplett kontrollierbar sind. Wir handeln meist nicht genauso wie wir es beabsichtigen, da wir nicht einen einsamen Punkt darstellen, von dem aus wir unsere beabsichtigten Handlungen ausführen. Unser Handeln wird von vielen Faktoren mitbestimmt, gehemmt und verändert, so dass wir am Ende schlecht behaupten können, alleiniger Handlungsträger zu sein. „Handeln ist ein Knoten, eine Schlinge, ein Konglomerat aus vielen überraschenden Handlungsquellen, die man eine nach der anderen zu entwirren lernen muss“ (Latour 2010b: 77).

Und weil es „Unbestimmtheiten und Kontroversen darüber gibt, wer oder was handelt, wenn „wir“ handeln“ (Latour 2010b: 80) kann man nach Latour nicht von einem intentionalen Handlungsbegriff ausgehen, wie dies etwa Max Weber tut. Bei Weber bezieht sich die Untersuchung auf ein „Subjekt“, das sozial handelt, wenn sich der selbstbestimmte Sinn seines Handelns auf das Verhalten anderer bezieht (vgl. Weber 1988: 542). Dieser Sinn hat, Latour zufolge, aber nicht mehr viel mit der eigentlichen sozialen Handlung gemein, die eher im Interesse der Untersuchung liegen müsse als die ohnehin schwer bestimmbaren Intentionen der Menschen. Die ausschlaggebenden Aspekte einer Handlung seien nicht auf den Menschen, den Akteur, zurückzuführen. Stattdessen werde der Akteur zum Handeln gebracht und bringe gleichzeitig viele andere Akteure zum agieren. Des Weiteren ist die Sammlung von Entitäten, die bestimmte Akteure zum handeln bringen, laufend neu assoziierbar. Bei einer stabilen Handlung muss sie durch eine permanente Erneuerung handlungstragender Versammlungen verbunden werden. Als Arbeits-anweisung für die SoziologInnen der Assoziationen ergibt sich daraus, dass die Suche nach dem Ursprung eines Handelns zur „ zweiten Quelle der Unbestimmtheit“ (Latour 2010b: 76ff.) wird, auf die niemals eine voreilige Antwort gegeben werden darf. Denn nur dann bleibe man offen für neue Entitäten, die Aktanten zum Handeln bringen, und schränke damit die Forschungsergebnisse nicht unnötig ein. Gerade die Stellen, an denen sich die Akteure über das was sie zum Handeln bringt unsicher sind, sollen die SoziologInnen der Assoziationen als Ausgangspunkt ihrer Arbeit nehmen.

Diese Vernetzung von Entitäten, die jemanden zum Handeln bringen, welcher wiederum andere zum Handeln bringt, erlaubt keine einfache Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung mehr. Verwendet etwa jemand Pestizid in seinem Garten um sogenannte Schädlinge zu töten, wird diese Person unter anderem durch das Pestizid dazu gebracht, zu töten. Um diesen Zusammenhang herzustellen, muss man sich nicht mit der ANT befassen. Für viele Menschen liegt es auf der Hand, dass die Produktion von Pestiziden unter anderem manche Menschen dazu bringt sie anzuwenden, dass also die Handlung nicht allein vom Willen jener Menschen ausgeht. Jetzt könnte man sich auf den Willen der EntwicklerInnen berufen, doch genau hier kommt die Anerkennung von Objekten in der Handlungstheorie der ANT zur Geltung. Denn diese Personen machen Objekte zu eigenständigen Akteuren, die unabhängig von ihren Entwicklungsabsichten ein Eigenleben führen können. Es ist kaum umsetzbar, dass Dinge nur an jenen Handlungen beteiligt sind, für die sie entwickelt wurden. Die Pestizide können sich auch an Handlungen wie der Erkrankung von Haustieren und Menschen beteiligen. Solche Effekte lassen sich durchaus auch auf Nachlässigkeiten der EntwicklerInnen zurückführen. Doch manchmal treten Verbindungen zu Aktanten wie etwa Krankheiten erst nach der Entwicklung der Objekte auf. Diese Überlegungen betreffen auch die technische Bearbeitung der Pflanzen. Die Pflanzenzüchtung, besonders aber die Agrar-gentechnik, bringt ebenfalls nicht nur die geplanten Ergebnisse hervor. Die technische Bearbeitung der „Natur“ schafft einen neuen Akteur, der eigenständig wirken kann und nicht nur die Befehle seiner EntwicklerInnen befolgt.

Doch die Dinge haben nicht nur ihre unvorhersehbaren Auswirkungen auf das Leben der Menschen, sie tragen nach Latour auch zur Stabilisierung zwischenmenschlicher Beziehungen bei. Dies scheint ziemlich offensichtlich zu sein, denn ohne Besitz und finanzielle Ressourcen lassen sich gesellschaftliche Machtungleichgewichte schwer erhalten. Schon allein die Kleidung ist ein Objekt, mittels welchem Macht-beziehungen allzu offensichtlich stabilisiert werden. Im Unterschied zum allgemeinen Verständnis davon, wird bei Latour das Kleidungsstück nicht zum Gegenstand, dem diese Bedeutung eingeschrieben wurde, sondern ein eigenständiger Akteur, der unabhängig von jenen „kulturellen Zuschreibungen“ eigenes Handlungs-potential besitzt, welches nicht schon im vorn hinein von kulturellen Codes bestimmt werden konnte.

Ein weiterer Unterschied zur Soziologie des Sozialen besteht darin, dass Latour die Machtverhältnisse nicht als Erklärung für soziale Zusammenhänge nimmt, sondern fordert, jene Asymmetrien als Resultat eines Prozesses zu betrachten und zu analysieren, wer hier die Macht zum Wirken gebracht hat, auf was sie gebaut wird und wer sie über die Zeit stabil hält. Als „dritte Quelle der Unbestimmtheit“ (Latour 2010b: 109ff.) sollen sich die SoziologInnen der Assoziationen immer wieder vor Augen führen, dass es unsicher ist, woher die Asymmetrien kommen. Denn nach der ANT sind Machtungleichgewichte nicht schon immer vorhanden, sondern wurden und werden konstruiert. Die Konstruktion basiere jedoch nicht allein auf Interaktionen von Angesicht zu Angesicht (bei Latour auch das Soziale Nr. 3). Dazu bedürfe es nach Ansicht der SoziologInnen des Sozialen einer „besonderen Art von Kraft, die angeblich erklären soll, warum dieselben temporären face-to-face-Interaktionen weitreichend und dauerhaft werden konnten“ (Latour 2010: 112), welche jene im Bereich ihres Verständnisses des Sozialen verorten. Die Kraft, auf die sich die SoziologInnen des Sozialen beziehen, seien die sozialen Normen, Werte und Gesetze. Mit ihnen würden sie das soziale Verhalten der Menschen erklären. Jene von Latour als „soziale Kraft“ bezeichnete Substanz gehe davon aus, dass die Gesellschaft bereits existiert und als solches Einfluss auf die Individuen ausübt. Da in der Vergangenheit immer wieder offensichtlich wurde, dass die Gesellschaft an sich zerfallen kann und dass weder soziale Normen und Gesetze diesen Prozess aufhalten können, sieht es Latour angebracht, das Spektrum der Akteure in der Soziologie zu erweitern und die Rolle der nicht-menschlichen Wesen in sozialen Gefügen zu analysieren. Nach Latour haben die Akteure den sozialen Fertigkeiten Dinge hinzugefügt, „um die ständig sich verschiebenden Interaktionen dauerhafter zu machen“ (Latour 2010b: 118). Demnach haben sie den Garten konstruiert, um nicht immer wieder von neuem aushandeln zu müssen, dass an einem Ort für private Nutzung in gewisser Weise mit Pflanzen, Boden und Tieren umgegangen wird. Mit einer Umzäunung des Garten machen sie die Forderung nach Respekt gegenüber ihrem Garten stabiler. Betrachtet man den Garten nur als verselbstständigtes kulturelles Wissen, wäre es fraglich, wie es über Jahre erhalten werden kann. Schließlich ging für einzelne das Wissen über Gartenbau verloren, doch der Garten selbst bringt sie dazu, es neu zu erforschen oder neu zu recherchieren. Und mittels der Verschriftlichung des Wissens wird es höchstwahrscheinlich auch dann noch verfügbar sein, wenn lange kein Mensch mehr Interesse am Gartenbau hat.

Die „vierte Quelle der Unbestimmtheit“ (Latour 2010b: 109ff.) betrachtet Problematiken, auf die es keine abschließende Antwort gibt, weil die ExpertInnen verschiedene Meinungen haben und sich nicht einigen können, als normale Situation der Wissenschaften. Latour bezeichnet sie als „umstrittene Tatsachen“ und fordert alle Tatsachen auf diese Weise zu betrachten. Damit will er nicht etwa die Existenz einer Schwerkraft in Frage stellen, sondern hervorheben, dass auch jenes Phänomen als Tatsache in wissenschaftlichen Institutionen von vielen Aktanten gemeinsam konstruiert wurde. Anders gesagt, besteht die Welt nicht aus unumstrittenen Tatsachen, die nur darauf warten, von WissenschaftlerInnen entdeckt zu werden. Statt den unumstrittenen Tatsachen sollte es nach Latour ein Parlament geben, indem die Einsprüche als Feinde des Kollektivs anerkannt werden und nicht als irrational und fiktiv ausgeblendet werden.

Diese Forderung kann an einem methodischen Streit in der Landwirtschaft veranschaulicht werden. Rudolph Steiner forderte in seinem Modell der biologisch-dynamischen Landwirtschaft den Anbau an den Rhythmen der kosmischen Vorgänge zu orientieren. Da er seine Überlegungen jedoch zeitgleich mit dem Aufkommen des Mineraldüngers verbreitete, wurde ihm von Vertretern der Mineraldünger-Industrie Quacksalberei unterstellt und gefordert seinem Modell Einhalt zu gebieten (vgl. Christ 2010: 32f.). Ob sich eine Methode der Landwirtschaft durchsetzt, liegt demnach nicht an einem wie auch immer zu bestimmenden Wahrheitsgehalt der Methode, sondern vorwiegend daran, wie die Methode in der Gesellschaft aufgefasst und weitergegeben wird (vgl. Latour 2002: 114). Ohne die guten Verbindungen der Mineraldünger-Industrie zur DLG, der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, und die schlechten Verbindungen Rudolph Steiners zur selbigen, wäre die Kontroverse nicht so schnell beigelegt worden.

Die Kritik an dem Begriff der „unumstrittenen Tatsachen“ zieht Latour aus dem Ergebnis seiner soziologischen Untersuchungen der Wissenschaften. Dort habe er feststellen müssen, dass sich wissenschaftliche Tatsachen nicht soziologisch erklären lassen. Zum einen wehren sich die WissenschaftlerInnen vehement dagegen, dass für ihre „Fakten“ eine soziale Erklärung geliefert wird, zum anderen handelt es sich zwar um Konstruktionen, die jedoch nicht als unwahr bezeichnet werden können und die vor allem nicht auf das Soziale der SoziologInnen des Sozialen reduzierbar sind. Es sind Konstruktionen, in denen nicht-menschliche Wesen die Hauptrolle spielen.

Dementsprechend verwendet Latour den Begriff Konstruktion nicht im Sinne der Dekonstruktion bei beispielsweise Jaques Derrida[3] oder dem Sozialkonstruk-tivismus[4], sondern eher wie die Ingenieurwissenschaften, wenn sie Bauwerke konstruieren. Seit einiger Zeit hat sich Latour dazu entschlossen, auf den überstrapazierten Begriff der Konstruktion im Wesentlichen zu verzichten und stattdessen von „Komposition“ zu sprechen (vgl. Latour 2008: 64). Ich werde in dieser Arbeit trotzdem den Begriff der Konstruktion beibehalten, da er die Thematik an sich sinnvoll wiedergibt und auch bisherige theoretische Schwierigkeiten in der Soziologie vor Augen führt, die ein Bestandteil der Kritik der ANT darstellt.

Spricht Latour davon, dass „eine Tatsache konstruiert ist […], [meint er], dass wir die solide objektive Realität erklären, indem wir verschiedene Entitäten mobilisieren, deren Zusammensetzung auch scheitern könnte“ (Latour 2010b: 158). Dieser Punkt des Scheiterns soll mit dem Begriff der „umstrittenen Tatsachen“ hervorgehoben werden. Denn wenn die wissenschaftlichen Ergebnisse unumstritten sind, werde der Forschungsprozess abgebrochen als ob der Gegenstand sich nicht wandeln könne. Es habe sich in den letzten Jahrzehnten aber gezeigt, dass auch die vermeintlich unbewegliche „Natur“ Wandlungen unterworfen sein kann. Des Weiteren geht es Latour darum, dass Forschungsstandpunkte nicht aus dem Nichts gewonnen werden, vielmehr müssten „nicht-menschliche Entitäten die Hauptrolle spielen, [damit irgendeine Konstruktion stattfindet]“ (Latour 2010b: 158).

Aus der Erfahrung, dass die soziale Erklärung der Naturwissenschaften scheiterte, offenbart sich für Latour, dass das Projekt der sozialen Erklärung im Allgemeinen fehlerhaft ist und deshalb auch Fetische nicht durch eine soziale Erklärung ersetzt werden können. Jene seien im Gegensatz zu den WissenschaftlerInnen nur nicht in der Lage, sich gegen die Praktiken der Soziologie zu wehren. Statt dessen solle man nicht zwischen Fakten und Fetischen unterscheiden, und die Konstruktion beider beschreiben und nicht etwa die Fetische durch ein dahinter stehendes Faktum erklären, das sich anmaßt, den Fetisch selbst zu einer Illusion zu degradieren und damit auch die daran orientierten Akteure (vgl. Latour 2000: 113). Fetische sind genauso Bestandteil der Konstruktionen des Alltags wie die wissenschaftlichen Fakten der Wissenschaften. Und gerade die Einwände der Menschen an ihrer Erfassung durch die Wissenschaft seien im Gegensatz zu denen der nicht-menschlichen Wesen viel leichter zu überhören. Die Menschen würden viel mehr dazu neigen, sich wie unumstrittene Tatsachen zu verhalten, sich also der Theorie über ihr Verhalten anzupassen.

Aus diesem Grund fordert Latour, die Definition und Ordnung des Sozialen den Akteuren selbst zu überlassen, beziehungsweise die Analyse auf die Versionen der Akteure zu richten und nicht durch ein theoretisches Gebilde zu ersetzen oder an vorgefertigte Kategorien anzugleichen. Dies bedeutet auch die Eigentheorien der Akteure zu beschreiben und ihre Auffassung von der Welt nicht als irrational zu bezeichnen. Wenn man den Entitäten im Akteur-Netzwerk des Gartens folgt, gelangt man unter anderem zu populärwissenschaftlicher Literatur, welche von Wissen-schaftlerInnen und erfahrenen GärtnerInnen vor allem für die praktische AnwenderInnen geschrieben wurden. Gerade bei erfahrungsorientierten Ratgebern könnte man meinen, hier werde eine Eigentheorie aus der Praxis im Garten zusammengefasst. Teilweise wird dies auch der Fall sein. Ein Beispiel wäre Gertrud Francks Beschreibungen, wie man einen „gesunden“ Garten mittels Mischkultur erhalte. Mit dem Wort „gesund“ definiert sie zuerst die Welt, in der sie leben möchte, welches sich auf ein Fernbleiben von Krankheiten und übermäßigem Schädlings-befall im Garten bezieht aber auch die Familie soll von Krankheiten geschützt werden. Nach ihrer Ansicht lässt sich etwa der Anbau von Gartenkräuter in gesundes Wachstum bei den anderen Gemüsepflanzen wie auch bei der Nahrung der Menschen transformieren (vgl. Franck 1980: 9). Neben solchen Publikationen gibt es jedoch noch populärwissenschaftliche, welche weniger sorgfältig und gewissenhaft geschrieben wurden. Latour unterscheidet bei Literatur schlicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Texten, wobei wissenschaftliche Texte genauso „schlecht“, wie literarische „gut“ geschrieben sein können (vgl. Latour 2010b: 217). Es ist aber nicht nur der Text, der nach gut und schlecht eingeteilt werden kann. Auch die beurteilende Person betrachtet manche Texte als „gute“ Texte, welche von anderen wiederum als „schlechte“ Texte eingestuft werden. Die Unterscheidung ist also durchaus schwierig zu handhaben. Auch wenn Latour argumentiert, dass es ohnehin keine „tatsächlich“ und „unumstritten“ gute oder schlechte Texte gibt.

Denn für ihn ist alles mit einem Blick auf die jeweilige Relation zu einem Netz von Verbindungen zu betrachten, wie auch eine Masterarbeit nicht aus ihrem Entstehungszusammenhang gerissen werden kann.

Entsprechend ist die fünfte und letzte Quelle der Unbestimmtheit nach Latour die Verschriftlichung der eigenen Untersuchung (vgl. Latour 2010b: 211ff.). Nur wenn man riskante Berichte schreibe, könnten sie auch scheitern. Und dies wiederum sollte Voraussetzung jeder Untersuchung sein. Latour stellt die Berichte in den Vordergrund, weil man beim Nachzeichnen der sozialen Verbindungen vor allem mit Verfassen von Texten beschäftigt ist. Die Produktion der Texte unterliegt oft einem Zeitdruck und/oder sonstigen Begrenzungen. Überdies kommt es beim Schreiben zu weiteren Einflüssen, weil man das Beobachtete oder Gedachte in Sprache übersetzen muss, wobei die Beteiligten am Untersuchungsgegenstand durch das Vokabular der Sprache der Forschenden transformiert werden. Ein guter „textlicher Bericht“, wie es Latour nennt, zeichne sich durch „Genauigkeit“ und „Wahrhaftigkeit“ aus (vgl. Latour 2010b: 219). Hier stellt sich wieder, wie bei den „guten“ und „schlechten“ Texten, die Frage, was „genau“ und „wahrhaftig“ bedeuten kann. Denkbar ist, dass Latour gezielt diese „subjektiven“ Worte ausgewählt hat, um auch die Relationalität der Beurteilenden zu verdeutlichen. Latour erläutert dies so, dass bei einem guten Bericht der Nachzeichnung einer Vielzahl von Mittlern neue Mittler hinzugefügt werden. Ob dann schlicht der ausführlichere Bericht der bessere Text ist, wird nicht ganz klar.

[...]


[1] Wenn im Folgenden von der ANT die Rede ist, bezieht sich dies auf die Werke von Bruno Latour, wenn nicht ausdrücklich anderes gesagt wird.

[2] Die Bedeutung des Begriffes „Mittler“ wird im folgenden Kapitel erläutert.

[3] Latour kritisiert an Derridas dekonstruierender Vorgehensweise vor allem, dass er meint, bei der Konstruktion von Untersuchungsgegenständen seien verborgene Entitäten beteiligt, die ihre Existenz verschleiern, doch auch für Derrida keine nachzeichenbaren Spuren hinterlassen haben. Und seine Vermutungen über die Deutungen der Akteure zu stellen, sei anmaßend.

[4] Ein Beispiel für den Sozialkonstruktivismus wäre „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ von Berger & Luckmann (2009), wonach die nicht-menschlichen Dinge keinen Beitrag zur Konstruktion leisten.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Der Garten im Akteur-Netzwerk. Wie werden Gärten zum festen Bestandteil der Alltagskultur?
Hochschule
Universität Konstanz  (Fachbereich Geschichte und Soziologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
74
Katalognummer
V343819
ISBN (eBook)
9783668340343
ISBN (Buch)
9783668340350
Dateigröße
764 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Garten, Bruno Latour, Akteur-Netzwerk-Theorie, ANT
Arbeit zitieren
Carmen Weber (Autor:in), 2011, Der Garten im Akteur-Netzwerk. Wie werden Gärten zum festen Bestandteil der Alltagskultur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343819

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