Zur Bedeutung des "Nationalen" in der Romantik

Oder: Die Verklärung des "Volksgeists"


Bachelorarbeit, 2011
37 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Benutzte Abkürzungen im Text

0. Vorwort: Die Romantik: eine deutsche Affäre?

1.0 Der Wendepunkt: die Französische Revolution und die ästhetische Erziehung; Kritik am Rationalismus und Glaube an die Kontingenz
1.1 Das Subjektive und die Herausbildung einer Universalpoesie; der deutsche Einfallsreichtum und Tiefsinn
1.2 Ein Mangel an nationalem Bewusstsein; der deutsche Idealismus als Suche nach neuen Formen der Transzendenz
1.3 Die organische Gesellschaft, die nach Freiheit strebt
1.4 Patriotismus und romantische Verklärung; Gleichförmigkeit statt Eigensinn
1.5 Radikalisierung der `politischen‘ Romantik
1.6 Neue Formen des romantischen Ausdrucks: Wagners Gesamtkunstwerk und Nietzsche als Verteidiger des Mythischen
1.7 Die Wilhelminische Ära: Nominalismus und Militarismus
1.8 Eine Zwischenbilanz; der deutsche Provinzialismus und die damit einhergehende Weltabgewandtheit

2.0 Herder in der Darstellung Safranskis: die lebendige Vernunft, geschichtlich gedacht
2.1 Zur sprachlichen Transzendenz bei Herder
2.2 Sprache als `Schauplatz der Geschichte‘ (JGH, S. 16); die diachrone Entwicklung der Sprachen; das sinnliche Erfassen der Welt
2.3 Herders anthropologische Ansätze; der Volksgeist als identitätsstiftender Faktor
2.4 Herder im Spiegel des 20. Jahrhunderts; Wertepluralismus
2.5 Die Utopie der historischen Progression und des Endpunkts der Geschichte; `das Deutsche‘ als Minderwertigkeitskomplex; Antagonismus der Neuzeit
2.6 Ein Zeitenbruch: Das Tragische als Pendant zum geistigen Universalismus; die Geburt des `Anti-Helden‘ und einer deutschen Gegenkultur
2.7 Die Apotheose des Ichs: eine `Fußnote‘ zu Kant
2.8 Zwischenbilanz: moderne Kulturkritik an einer verhinderten Transzendenz im intermenschlichen Bereich

3.0 Ausblick: das `Deutsche‘ als Destillat der Geschichte und der Geistesgeschichte

Literaturnachweis

Benutzte Abkürzungen im Text:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

0. Vorwort – Die Romantik: Eine deutsche Affäre?

Die allgemeine Fragestellung dieser Arbeit ist es, ob es möglich ist, das `Deutsche‘ mit einer festen Identität zu verknüpfen, die es erlaubt, propositionelle Aussagen darüber zu machen. Gibt es so etwas wie ein `deutsches Gemüt‘, das im Lichte der Einbindung in nationale Strukturen Rückschlüsse über einen Volkscharakter zulässt? Oder läuft jede Aussage über das spezifisch `Deutsche‘ unwiderruflich auf verfängliche Generalisierungen hinaus? Als Ausgangspunkt habe ich die Untersuchung von Rüdiger Safranski zur Romantik genommen, in der er prinzipiell das `Deutsche‘ mit einem nationalen Bewusstsein verbindet.

Der Titel von Safranskis Buch, Romantik EinedeutscheAffäre, scheint schon etwas über den Inhalt zu verraten. Der Untertitel ist nicht mit einem Fragezeichen versehen worden, was die Frage aufwirft, ob die Romantik als geistesgeschichtliche Strömung als eine typisch deutsche Bewegung in der Literatur und Geistesgeschichte auf diese Weise abzugrenzen ist. Hier könnte die einigermaßen polemische Klassifizierung von Nietzsche vielsagend gewesen sein: er nannte die Deutschen `von vorgestern‘ und `von übermorgen‘(JvGuB, S.172f). Es ist die Frage, ob es Safranski gelungen ist, die angedeutete Verbindung zwischen Nationalität und romantischer Schule aufzudecken.

In erster Instanz soll hier der Rahmen abgesteckt sein, innerhalb dessen diese Studie stattzufinden hat. Als philosophische Arbeit sollte meines Erachtens das Blickfeld für das Verständnis der Entstehungsweise der literarischen Entwicklung von romantischen Formen im Vordergrund stehen, da eine jeweilige Literatur nie für sich existiert, sondern in ihrem Entstehen immer einer geistigen `Verfassung‘ oder Grundstimmung verhaftet ist. Der Ausdruck Zeitgeist wäre in diesem Fall zu grobschlächtig, um dem unterliegenden Strom einer literarischen Form gerecht zu werden.

Können die vielfältigen Formen innerhalb der Romantik so einfach unter einen Hut gebracht werden, dass man diese als eine eigentümlich deutsche Strömung dahinstellen kann, ohne in grobe Simplifizierungen zu verfallen? Einerseits scheint es aberwitzig, die Romantik mit einer deutschen Identität in Verbindung zu setzen, da es während ihrer Entstehungsgeschichte keine staatliche Einheit im deutschen Sprachgebiet gab. Andererseits bieten die romantischen Ausdrucksformen vielleicht gerade deshalb Anhaltspunkte für die um 1800 erwünschte nationale Identitätsbildung, insofern man nicht die territorialen Grenzen, sondern die deutsche Sprache als kulturtragendes Element zum Ausgangspunkt nimmt. Es ist in diesem Rahmen die Frage, wie der universalistische Anspruch der Romantiker – sie verlangen nach einer `progressiven Universalpoesie‘ – mit einer typisch deutschen Geisteshaltung in Einklang gebracht werden kann.

In Anbetracht der immensen Menge von Namen, Theorien und differenten Ansichten in Bezug auf dieses Thema werde ich zuerst die Methodik meines Vorhabens hier darstellen. Im ersten Kapitel beschränke ich mich auf den Werdegang der Romantik, so wie er in der Schilderung Safranskis zum Vorschein kommt. Es ist dabei unerlässlich, viele Daten, Nebensächlichkeiten, aber auch interessante Nebenwege der vorliegenden Arbeit Safranskis wegzulassen, weil diese den Rahmen meiner Untersuchung sprengen würden. Es liegt also in der Natur der Sache, dass ich eine Auswahl habe treffen müssen, die meines Erachtens diesem Thema – die Grundtöne der romantischen Strömung und deren Wirkungsgeschichte in der Kulturdebatte als deutsche Strömung – am besten gerecht werden.

In dem zweiten Kapitel gründet die Analyse von dem Herderschen Gedankengut auf drei Pfeilern: erstens beschreibe ich die Art und Weise, wie Safranski sich mit Herders Erforschung des nationalen und anthropologischen Ursprungs der Kultur befasst. Danach habe ich die Einführung zu Herder von Jens Heise (1998) zum Ausgangspunkt meiner weiteren Erörterung genommen, wobei sowohl die Frage nach der Bedeutung des sprachlichen Bereichs, als der anthropologische Horizont von Herders Kulturforschung besondere Aufmerksamkeit verdienen. Den Hauptanteil des zweiten Kapitels bilden jedoch die Essays von Isaiah Berlin, die unter dem Titel Das krumme Holz der Humanität im Jahre 1990 erschienen sind. Sie erlauben einen Rückblick – und vielleicht ebenso einen Vorausblick – auf das romantische Erbgut Deutschlands, das wesentlich von der Leistung Herders beeinflusst wurde.

Im letzten Kapitel werde ich abschließend das bisher Dargestellte zusammenfassen und mit meinem Kommentar versehen. Sowohl das erste als das zweite Kapitel enthalten jeweils eine Zwischenbilanz, um im letzten Kapitel auf adäquate Weise zu einer endgültigen Analyse meiner Untersuchung zu kommen.

Das Verhältnis der verschiedenen Kapitel untereinander ist wie folgt: Das Buch Safranskis dient als Grundlage für die These, dass man historisch gewachsene Eigentümlichkeiten (das Nationale) auf geistesgeschichtliche Strömungen wie die Romantik beziehen kann. Im zweiten Kapitel soll der Wahrscheinlichkeitswert einer solchen Betrachtungsweise in das Licht der Herderschen Kulturanalyse gestellt werden, wobei die Frage im Vordergrund steht, inwiefern diese von Safranskis Studie abweicht. Auch die Beschäftigung mit Isaiah Berlin und dessen Erörterung der Romantik in der Wirkungsgeschichte knüpfen an diese Frage an. Das zweite Kapitel ist also eine Kontrolle der von Safranski formulierten und in die Praxis umgesetzte These.

Interessanterweise ist die romantische Grundhaltung – das alltägliche Leben zu poetisieren und gleichzeitig zu übersteigen – sowohl von rechtsorientierten als linksorientierten Ideologien vereinnahmt worden. Die faschistische Kulturideologie war fasziniert von dem volkstümlichen Aspekt, während die kommunistische Literaturkritik sich in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts für das Revolutionäre begeisterte. Während die einen ihren Konservatismus auf die romantische Literatur projizierten, sahen die anderen eher ihren Erneuerungsdrang in ihr bestätigt.[1] Auch hier stellt sich die Frage, inwiefern man eine Strömung mit einer solchen Bandbreite von Projektionsmöglichkeiten zu einer nationalen Literatur erklären kann, ohne das Transzendentale derselben aus dem Blickpunkt zu verlieren.

In der äußersten Konsequenz ist das Verhältnis zwischen Sprache und Denken Thema der vorliegenden Arbeit, denn dieses ist die eigentliche Grundlage von Safranskis Beschäftigung mit der deutschen Romantik. Nicht das Nationale – Deutschland gab es noch nicht – sondern das Sprachliche bietet den Hintergrund für ein immanent deutsches Kulturverständnis. Die Romantik als deutsche Geistesströmung ist in der Essenz genauso deutsch wie die deutsche Klassik: sie ist in der deutschen Sprache geschrieben. Trotzdem unterscheidet sie sich offenbar (wenn man Safranski Glauben schenken will) von der anderssprachigen Romantik.

Was besagt dies genau?

Referierend an den Titel dieser Arbeit will ich nochmals deren Hauptfragestellung herausstellen: Was ist `deutsch‘ an der Romantik und wie ist dieses geistesgeschichtlich – im Sinne Herders als Volksgeist – einzustufen? Und was ist in der Wirkungsgeschichte im modernen Kulturverständnis noch von den romantischen Idealen übrig geblieben?

1.0 Der Wendepunkt: die Französische Revolution und die ästhetische Erziehung; Kritik am Rationalismus und Glaube an die Kontingenz

In seinem Versuch, die Romantik als eine deutsche Affäre zu deuten, stellt Safranski Geistesgeschichte gerne als Produkt historischer Ereignisse dar. So befasst er sich im dritten Kapitel mit dem Entstehen des deutschen `Bildungsbürgertums‘, dem ein enormer Anstieg von Publikationen und eine Zunahme von Rezipienten zugrundeliegt. An die politischen Wirren der Französischen Revolution anknüpfend, zentriert sich in diesem Kapitel alles um die Frage, welche Auswirkung dieses Ereignis auf das `deutsche Gemüt‘ gehabt hat. Anders als in den meisten umringenden Ländern gen Westen des deutschen Sprachgebiets, die durch ihre Kolonien einen direkten Zugang zu fremden Kulturen hatten, konnte man in Deutschland nur ersatzweise, über die Literatur, fremde Welten betreten.

Was Friedrich von Schiller in seiner Geisteserziehung vor Augen schwebte, war durch den großen Einfluss der Literatur schon ein bisschen zur Wirklichkeit geworden: der Anreiz dichterischer Werke sollte sich in Verhaltensweisen im alltäglichen Leben übersetzen, die Literatur war in großem Maße ein Spiegel des eigenen Lebens. In Deutschland kommt eine Revolution der Innerlichkeit zum Tragen, eine Geisteshaltung des Widerstands gegen bestehende Ausdrucksformen und gesellschaftliche Zustände. Sehr wichtig ist dabei die Beobachtung, dass die Faszination für das Außerordentliche im Grunde auf die rahmensprengende Kraft der Phantasie gegründet ist, wobei aber gerade das Alltägliche als Ausgangspunkt für diese Grenzüberschreitung des Normalen dient. Es war Sache, `das Leben zu literarisieren‘ (RedA, S. 52). Als Motto galt, das Gewöhnliche außergewöhnlich erscheinen zu lassen, oder in den Worten Tiecks: `Das wunderbare Utopien liegt oft dicht vor unsern Füßen, aber wir sehen mit unsern Teleskopen darüber hinweg‘ (ebd.). Das erträumte Utopia ist in dieser Sichtweise immer schon da, aber kann von uns, weil wir einer (natur)wissenschaftlichen Weltanschauung unterliegen, nicht gesehen werden.

Safranski beschreibt diese Hinwendung zur Innerlichkeit als eine direkte Folge der Französischen Revolution, deren aufklärerischen Ideale in den Folgeerscheinungen im Keime erstickt schienen. Die Überbewertung des Vernunftdenkens habe die Schattenseite der menschlichen Natur außer Betracht gelassen[2], und überdies werde auch der blinde Fortschrittsglaube der Aufklärer bemängelt. Anders als in der rationalistischen Weltauffassung, die idealtypische Züge aufwies, sollte ein Freiraum für `die Wundermacht des Schicksals‘ (ebd., 54) entstehen. Das Schicksal des Menschen war aus der Sicht der Romantiker nicht ein erklärbares, abzuleitendes Geschick von Folge und Wirkung, sondern ein Mysterium; das Menschenleben sei von unfassbaren, unbewussten Trieben bestimmt und in geheimnisvollen Begegnungen mit anderen Menschen trete eine ungeahnte Welt hinter der wirklichen zutage. Johann Gottfried Herder formuliert die Frage nach dieser ‚Hinterwelt‘ so:

„Gibt’s einen Faden der Entwicklung menschlicher Kräfte durch alle Jahrhunderte und Umwandlungen in der Hand des Schicksals, und kann ihn ein menschliches Auge bemerken – welches ist er?“ (ebd., 57)

In dieser Frage ist noch der herkömmliche Rationalismus der Aufklärung enthalten, aber um die Jahrhundertwende findet ein Wandel statt: es gilt nicht mehr, das Geheimnisvolle zu enträtseln, sondern es wird selbst zum Motiv der Darstellung.

1.1 Das Subjektive und die Herausbildung einer Universalpoesie; der deutsche Einfallsreichtum und Tiefsinn

In diesem geistesgeschichtlichen Rahmen findet eine andere Revolution als in Frankreich statt: mit der Postulierung eines absoluten Ichs bei Friedrich von Schelling bekommt das Subjektive einen radikalen Charakter. Das ganze Leben soll mit Poesie durchsetzt werden, wie das folgende Fragment von Friedrich Schlegel ersehen lässt:

„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen…“ (ebd., 59)

Der hier geforderte Universalismus ist in Safranskis Schilderung ein Versuch, das Gefühl der Ganzheit, das in der modernen Arbeitswelt verschwunden ist, wiederherzustellen. So gibt er diesem Fragment vor allem eine politische Deutung, in der der schöpferische Geist das Gegenstück zu der geisttötenden Disposition der modernen Gesellschaft bilde. Anders als in Groß-Britannien und Frankreich, sei die deutsche Innerlichkeit im wesentlichen durch politische Ohnmacht zum Tragen gekommen, eine Sichtweise, die man auch in gängigen literaturgeschichtlichen Darstellungen findet. Dass aller Reformwillen jedoch letztendlich folgenlos blieb, lag laut Safranski in der Natur der Sache:

„Überhaupt ist es erstaunlich, dass in einem Land, das territorial zersplittert und gesellschaftlich zurückgeblieben war, in dem es keine große Politik und nur eine eingeschränkte Öffentlichkeit gab, ein solcher himmelsstürmender, selbstbewusster Individualismus aufkommen konnte.“ (ebd., S.82)

Was hier als scheinbarer Gegensatz dargestellt wird, kann gerade aus dem Widerspruch heraus erklärt werden: dort wo es fehlt an reellen Möglichkeiten, politisch zu wirken, muss der Widerstand erst `im kleinen‘ erprobt werden, sei es bloß in literarischer Form. Mit einem zweiten Argument erlaubt sich Safranski einen Vergleich mit den anderen europäischen Ländern, denn, so meint er, die Deutschen seien mit mehr `spekulativem und imaginativem Talent‘ (ebd,. S. 82) ausgestattet gewesen als die konformistischen Franzosen und die bieder-pragmatischen Engländer.

Desweiteren argumentiert Safranski, dass das deutsche intellektuelle Gemüt von einem Mut zum Tiefsinn geprägt sei (ebd., S. 83), einer Meinung, der ich mich als Deutscher gerne anschließe. Leider vergisst Safranski, für diese mutige These den Beweis zu erbringen. Der Hang zum Intellektualismus mag zwar deutsch sein, aber das besagt keineswegs etwas über Tiefsinn oder eine `deutsche Natur‘. Es lässt, so meine ich, eher Rückschlüsse auf den gesellschaftlichen Kontext zu, in dem bestimmte Verhaltensweisen erfordert sind oder nicht. Derselbe ‚Tiefsinn‘ kann ohne weiteres auch wieder als Folge der Resignation ausgelegt werden, die entsteht, wenn politisches Handeln unmöglich erscheint. Dann ist `Tiefsinn‘ dasselbe wie Innerlichkeit. Was letztlich bleibt, ist der Rückzug ins Innere.

Friedrich Nietzsche hat in dem 8. Kapitel von Jenseits von Gut und Böse (1886) den vermeintlichen deutschen Tiefsinn wie folgt bemängelt:

„Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, die Deutschen mit Auszeichnung ‚tief‘ zu nennen: jetzt, wo der erfolgreichste Typus des neuen Deutschtums nach ganz anderen Ehren geizt und an Allem, was Tiefe hat, vielleicht die Schneidigkeit vermisst, ist der Zweifel beinahe zeitgemäß und patriotisch, ob man sich ehemals mit jenem Lobe nicht betrogen hat: genug, ob die deutsche Tiefe nicht im Grunde etwas Anderes und Schlimmeres ist – und Etwas, das man, Gott sei Dank, mit Erfolg loszuwerden im Begriff steht.“ (JvGuB, S.176ff)

Nietzsches Kritik wird hauptsächlich von dem Gedanken getragen, dass der deutsche Tiefsinn im Grunde auf Entschlusslosigkeit basiert, einer Grundhaltung, die er an derselben Stelle als `Widerspruchs-Natur‘ definiert. Eine Widerspruchs-Natur, die Hegel in System gebracht und Wagner in Musik gesetzt habe.

1.2 Ein Mangel an nationalem Bewusstsein; der deutsche Idealismus als Suche nach neuen Formen der Transzendenz

Was bei einem fehlenden deutsch-nationalen Bewusstsein im 19. Jahrhundert übrig bleibt, ist die phantasievolle (sprich: idealisierte) Wiederbelebung alter bürgerlicher Tugenden, eine `deutsche Renaissance‘ (ebd., S.98). Vor allem Ludwig Tieck, Wilhelm Wackenroder und Novalis benutzen die deutschen Lande und die Vergangenheit als Projektionsfläche für ihren Versuch, das Leben zu romantisieren.[3]

Die der Romantik zugrundeliegende Weltanschauung ist der deutsche Idealismus, der in vielerlei Formen in der romantischen Literatur zum Ausdruck kommt. Im siebten Kapitel seiner Studie erklärt Safranski die deutsche Romantik – sowohl ihre Literatur als ihren religiösen Pietismus - zu einer ästhetischen Projektion einer besseren Welt. Es ist das Aufbegehren gegen einen Dualismus, der auf Immanuel Kant zurückzuführen ist:

„Kants Methode, der äußeren Naturerkenntnis die Erfahrung der moralischen Freiheit als inneres Metaphysicum gegenüberzustellen, genügt ihm (Novalis, der Verf.) nicht. In diesem Konzept bleibt es bei einem Dualismus zwischen bloß subjektivem Geist und objektivem Materialismus. Der deutsche Idealismus ist überhaupt der Versuch, diesen Dualismus zu überwinden, und die Romantiker geben diesen Versuchen noch einen besonderen Akzent. Die einen betonen das Sittliche (Schiller, Fichte, Hegel), die anderen, Romantiker wie Novalis und Schlegel, das Ästhetische.“ (RedA, S.130)

Beide Ansätze verfolgen jedoch dasselbe Ziel: es geht nebst anderen Sachen[4] um die Emanzipation des deutschen Bildungsbürgertums. Diese Emanzipation wird als eine innere Befreiung empfunden und gipfelt in dem religiös-ästhetischen Verlangen, die schöpferische Freiheit `bis zur Selbstvergöttlichung‘ zu entfalten (ebd., S.135). So liest sich die Geschichte der deutschen Romantik hauptsächlich als eine bisweilen tragische Kehrseite von der realen Handlungsunfähigkeit im politischen Bereich. Die angestrebte Freiheit des Bürgertums wird idealisiert, ästhetisiert und ins Irreale verlegt.

Die Schranken, die Kant einst gesetzt hatte, hatten zu einer Entmythologisierung des Sublimen geführt: es war in Kants Konzept zum Ungreifbaren, Unvorstellbaren, zur Grenzerfahrung herabgestuft, da wo der Mensch nicht imstande ist, das Unendliche mit den Sinnen zu erfassen. Diese Spannung beinhaltet für die Romantiker gerade ein positives Erlebnis, weil die nicht auflösbare Spannung die Sehnsucht nach Aufhebung derselben verursacht. Das Tragische des Vernunftmenschen wird in dem fatalistischen Verlangen nach dem Unendlichen letztendlich aufgehoben.[5]

Nun ist nicht so sehr die Sprengung der von Kant beschriebenen Antinomie ein Verdienst der deutschen Dichter, aber die Ausarbeitung der von ihm aufgeführten Schranken der menschlichen Vorstellungskraft im deutschen Idealismus sind gleichwohl ein deutsches Phänomen. Es gab keine andere Nation (im außerstaatlichen Sinne), die die Romantik als grenzüberschreitende Strömung so konsequent gleichermaßen auf philosophischer Ebene begründete. Der Wille, das Leben zu ästhetisieren, sorgt nicht nur dafür, dass die Erfahrung der Vernunft enthoben ist, sondern misst ebenso der Sprache eine besondere Bedeutung zu. Sie wird zum Mittel der Transzendenz, und dies nicht im Kantschen Sinne. Obwohl Safranski diese beiden Punkte nirgends explizit nennt, sind diese seiner Darstellung zu entnehmen. Im nächsten Kapitel werde ich mich insbesondere noch mit dem letzten Punkt beschäftigen.

1.3 Die organische Gesellschaft, die nach Freiheit strebt

Der deutsche Idealismus wurde im wesentlichen von Hegel bestimmt; Safranski referiert an ein Textfragment, das jenem zugeschrieben wird, und `das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus‘ enthält (ebd., S.153). Programmatisch ist im Jahre 1797 die Forderung nach einer `Mythologie der Vernunft‘:

(…) – das Vernünftige an dieser Mythologie sollte im identitätsphilosophischen Ansatz liegen, also in der Annahme, dass in Gesellschaft und Natur dieselbe Vernunft waltet wie im menschlichen Geist. Da aber die subjektive Vernunft ein Merkmal der Freiheit ist, so wird der Gesamtprozess, in den der Mensch verwickelt ist, freiheitsanalog verstanden. (…). Das Dokument, von dem man heute in der Regel großes Aufhebens macht, ist nicht viel mehr als ein volkspädagogisches Projekt. (…). Eine selbstbewusste, starke Öffentlichkeit muss erst geschaffen werden, (…). (ebd., S.153ff)

Neben der Feststellung, dass hier eine organische Weltanschauung anstelle des gängigen mechanistischen Weltbilds zutage tritt, ist ebenso eine Identitätsbildung im deutschen Sprachraum anvisiert. Wenn die Freiheit beim Individuum anfängt, kann – oder muss sie – später genauso in der Gesellschaft zu verwirklichen sein. So wie bei Fichte, der das Ich und dessen Tatkraft zum `großen Ich des Volkes‘ stilisiert (ebd., S. 178). In diesem Sinne ist die Romantik in der Tat eine deutsche Affäre.

1.4 Patriotismus und romantische Verklärung; Gleichförmigkeit statt Eigensinn

Eine Figur innerhalb der sogenannten Heidelberger Romantik oder Hochromantik ist Joseph Görres, ein Autor, der die Mythen aus asiatischen Ländern sammelt und herausgibt. Anders als die Programmphilosophen des deutschen Idealismus siedelt er ein besseres Verständnis der eigenen Kultur nicht in der Zukunft an, sondern in der Vergangenheit; ähnlich wie Herder versucht er dasjenige herauszukristallisieren, was die nationale Identität ausmacht. Im Übergang vom Mythos zur Kultur entständen kulturelle Vielfalt und Eigensinn (ebd., S.159). So ergibt sich in den Jahren des Widerstands gegen Napoleon in Deutschland (zwischen 1806 und 1815) ein Bewusstsein für Vergangenes und Zukünftiges, viel – in den Augen der radikalen Systemkritiker unpolitische – Dichter und Denker wie Goethe und Hegel werden nicht mehr als zeitgemäß eingestuft und sind als Systemapologeten verschrien.

Der Hass auf die französische Besatzungsmacht führte unter einigen Romantikern zu Patriotismus und Deutschtümelei (wie bei Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation, 1808). Andere dahingegen, wie Schiller und Novalis, glauben heilig an eine deutsche Kulturnation, die anderen Ländern zum Leitbild werden könne. Langsam wird der anfängliche ästhetische Anspruch auf Freiheit in eine politische Haltung umgesetzt, der Krieg gegen Napoleon führte zu einer Politisierung der Gesellschaft. In den Worten Safranskis:

„Der Horizont verengt sich. Der verspielte freie Geist, der mit der Leidenschaft für das Unendliche über jede Grenze hinausging, beginnt die Transzendenz in die politische Sphäre zu ziehen; zuerst vorsichtig bei Novalis, der überirdisch-irdischen Schutz bei der Kirche sucht, dann robuster (…) bei anderen, die, wie Fichte, sich auf Volk, Vaterland und Staat fixieren.“ (ebd., S.178)

Safranski beschreibt die Hinwendung zum Nationalen, zum Identitätsstiftenden als eine romantische Verklärung in Zeiten größter politischer Instabilität. Die Geschichte Deutschlands ist für ihn der Auslöser für nationalistische Tendenzen. Die Idee der von Schiller angestrebten Kulturnation verfehlte ihre Breitenwirkung und volkstümliche Elemente bekamen in der Romantik allmählich Überhand. Die einstmals geforderte geistige Revolution wurde von der realen Geschichte und deren Anforderungen um die Jahrhundertwende eingeholt. Die deutsche Hochromantik ist ein Sammelbecken für die sogenannte Volkspoesie, die eine mythologische Untermauerung für `das Deutsche‘ liefern:

„Das ist die Stunde der politischen Romantik. Die Arbeit am deutschen Identitätsbewusstsein mit der Beschwörung der Volksgeister und der germanischen Mythologie, die Sammlung der Volkspoesie, die nationalen Erziehungsvisionen Fichtes – das alles kann jetzt zusammenströmen und eine öffentliche Stimmung schaffen, die auf aktive Teilnahme der nationalen und patriotischen Kräfte drängt. Auf deutschen Boden ereignet sich (…) die Geburt der politischen Propaganda.“ (ebd., S.185)

Während die einen nach einem nationalen Bewusstsein drängen, setzen die anderen noch immer auf Transzendenz im Außerpolitischen (u.a. E.T.A. Hoffmann). Diese kritischen Romantiker widersetzen sich dem allgemeinen Nützlichkeitsdenken, das auf Breitenwirkung statt individuelle Entfaltung setzt. Im zehnten Kapitel beschreibt Safranski die Folgen des wachsenden Philistertums. Die erstrebte Transzendenz der bürgerlichen Realität konnte nicht eingelöst werden, das Völkische bietet einen Nährboden für eine gesicherte deutsche Identität, die der Berechenbarkeit verschrieben ist. Infolgedessen wurde die `historisch gewachsene Eigentümlichkeit‘ zu einer stetig anwachsenden ` Gleichförmigkeit ‘ (ebd., S. 201). Die transzendentale Mystik der `traditionellen‘ Romantiker ist eine letzte Anstrengung, dem Geist des modernen Nihilismus zu entkommen. Die in der Aufklärung herausgeforderte weltbestimmende Vernunft fand in der Monotonie und der Langeweile des gesellschaftlichen Alltags ihre Schattenseite.

[...]


[1] Hierbei muss festgehalten werden, dass die Beschäftigung mit der Romantik in der ehemaligen DDR im Ansatz eher systemkritisch war. Bei den Nazis war dies keineswegs der Fall.

[2] Diese ‘Schattenseite’ konnte jedoch bislang größtenteils im ungreifbaren, religiösen Erleben kompensiert werden.

[3] Novalis will mit seinem Werk Heinrich von Ofterdingen den Deutschen ihren eigenen “romantischen Mythos” dichten (RedA, S.111). Dies kann wiederum als mangelndes Selbstbewusstsein einer zerspaltenen Nation gedeutet werden.

[4] Safranski sieht den deutschen Idealismus auch als Reaktion auf die Entzauberung der Welt in der modernen Gesellschaft.

[5] Vgl. hierzu Jos de Muls Essay Het sublieme verlangen (zu finden im Internet ohne Vermerk des Entstehungsdatums). Bei Kant hat das Sublime Bezug auf die Natur, währenddessen die Romantiker diesen Ausdruck in voller Breite anwenden, damit insbesondere auf die Kunst (also das gesamte Leben!) abzielend.

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Details

Titel
Zur Bedeutung des "Nationalen" in der Romantik
Untertitel
Oder: Die Verklärung des "Volksgeists"
Hochschule
Erasmus Universiteit Rotterdam
Autor
Jahr
2011
Seiten
37
Katalognummer
V343822
ISBN (eBook)
9783668332027
ISBN (Buch)
9783668332034
Dateigröße
816 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, romantik, oder, verklärung
Arbeit zitieren
Ralph Wallenborn (Autor), 2011, Zur Bedeutung des "Nationalen" in der Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343822

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