Der Gerechte Krieg. Neuere philosophische Positionen zur Lehre vom Gerechten Krieg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entwicklung des gerechten Krieges
2.1. Biblische Ansicht
2.2. Entwicklung der Lehre vom gerechten Krieg

3. Kriterien des gerechten Krieges in der Gegenwart
3.1. Der gerechte Grund
3.2. Die legitime Autorität
3.3. Die aufrechte Absicht
3.4. Ultima ratio
3.5. Aussicht auf Erfolg
3.6. Verhältnismäßigkeit
3.7. Kombattanten und Nicht-Kombattanten

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gewaltsame Konflikte und Kriege begleiten die menschliche Zivilisation seit ihrem Bestehen. Ob politische Auseinandersetzungen zwischen Staaten, der Kampf um Macht zwischen zwei Organisationen innerhalb eines Staates oder auch Kriege zwischen einer kriminellen Organisation und der Regierung, die nicht aus ideologischen oder politischen Motiven geführt werden, sind in unserer heutigen Zeit weit verbreitet. Die Anzahl der Kriege ist in diesem Jahr leicht von 20 auf 21 gestiegen. Allerdings betreffen diese Kriege immer mehr Länder wie beispielsweise der vom IS geführte Krieg, der sich von Irak über Syrien bis in den Libanon erstreckt. Zu den 21 Kriegen kommen weltweit noch 424 politische Konflikte dazu.1

Doch was sind die Motive um einen Krieg zu führen? Die meisten dieser Konflikte werden aus machtpolitischen oder ideologischen Gründen geführt. Können diese Motive einen Krieg rechtfertigen? Gibt es einen gerechten Krieg? Die christliche Friedensethik stellt sich diese Frage seit Jahrhunderten und beschäftigt sich intensiv mit der Lehre vom gerechten Krieg. Gerade in Zeiten von humanitären Interventionen durch die UN oder die NATO wird die Debatte über die Lehre vom gerechten Krieg wieder angeheizt.

Ich möchte mich im Rahmen dieser Hausarbeit mit der Entwicklung der Theorie vom gerechten Krieg innerhalb der christlichen Friedensethik beschäftigen. Dazu werde ich zunächst die Entwicklung dieser Lehre aufzeigen. Anschließend betrachte ich die heutigen Kriterien für einen gerechten Krieg und verdeutliche unterschiedliche Positionen und Interpretationsmöglichkeiten in Bezug auf militärische und humanitäre Interventionen. Zum Abschluss fasse ich meine Ergebnisse zusammen und erkläre, inwieweit die humanitären Interventionen gerechtfertigt werden können.

2. Entwicklung des gerechten Krieges

2.1. Biblische Ansicht

Der Friede ist einer der Hauptbegriffe in der Bibel. Im Alten Testament wird dieser Terminus 135-mal und im Neuen Testament 48-mal genannt.2 Dabei wird der Frieden als ein „Werk der Gerechtigkeit“3 verstanden. Das Interessante ist allerdings, dass die Darstellung des Friedens im dauerhaften Konflikt mit der Neigung der Menschen zur Gewalt steht.

Vor allem im Alten Testament taucht der Begriff Frieden oft im Zusammenhang mit Krieg auf. Allerdings können diese zahlreichen Aussagen zum Krieg nur schwer in unsere heutige Zeit übernommen werden, weil diese in zeitlich unterschiedlichen, religiösen sowie auch politischen Zusammenhängen formuliert wurden und sich die Absichten der Verfasser je nach Adressat änderten. Die Texte erzählen dabei von vielen menschlichen Konflikten mit Krieg und Gewalt. Viele dieser Texte im Alten Testament lassen dabei keinen grundsätzlichen Pazifismus erkennen, wobei dies in der Relation zur damaligen Zeit kaum verwunderlich ist, da Kriege und Konflikte zum menschlichen Leben dazu gehörten und in allen Zivilisationen auftauchten. Dass einige Texte zum Teil sogar kriegsverherrlichend interpretiert beziehungsweise missverstanden werden können, zeigt sich durch deren Benutzung in manchen Kriegspredigen während des Ersten Weltkrieges.4 Diese nüchterne Wahrnehmung und Darstellung der Gewalt im menschlichen Leben hat den Sinn, die „Verschleierung der Gewalt“5 zu zerreißen und die Neigung des Menschen zur Gewalt als Bedrohung für die gesamte Schöpfung Gottes und deren Zusammenleben offen zu legen. Denn die offene Akzeptanz und Auseinandersetzung mit dieser Neigung ist die erste Hürde, um diese hinter sich zu lassen auf eine humane Art.6 Die Utopie der Abschaffung des Organs des Krieges ist dabei charakteristisch für die biblische Perspektive auf Krieg und Frieden. In diesem Zusammenhang wird oft der Satz „Schwerter zu Pflugscharren“7 verwendet, der für die Christen die Hoffnung auf neue Handlungsmöglichkeiten darstellt, um eine alternative Sicht auf alltägliche Dinge, die im Zusammenhang mit Krieg und Gewalt stehen, zu entwickeln. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass der biblische Friedensbegriff als Endzeitzustand zu verstehen ist, der zwar erwartet wird, allerdings nicht politisch bewältigt werden kann. Frieden ist somit als Geschenk zu verstehen, dass durch die Abschaffung von Kriegen und Gewalt entstehen kann, aber auch teilweise nicht verfügbar sein kann.8 Selbst durch direkte Gesetze lässt es sich nicht herstellen. So beinhaltet das Gebot „ Du sollst nicht töten“9 im ursprünglichen Verständnis nicht ein generelles „Tötungsverbot“ sondern ein „Mordverbot“, denn die genaue Übersetzung bedeutet „Du sollst nicht morden“. Damit wird entsprechend differenziert zwischen Mord und Tötung und sich nicht der Utopie hingegeben jede Gewalt durch ein Gesetz verschwinden zu lassen.10

Das Prinzip der Botschaft den Krieg zu überwinden um Frieden zu erlangen gipfelt in der christlichen Feindesliebe. Der Feind soll durch gezielte Maßnahmen als Freund gewonnen werden. Wenn man aus dieser Perspektive die Weisung von Jesus „dich auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin“11 betrachtet, kann davon ausgegangen werden, dass der Mensch sich nicht auf die gleiche Stufe der Gewaltbereitschaft herablassen und durch die Verachtung des Schlagens diese Aktion gering schätzen soll. Diese Feindesliebe zielt nicht auf einen gewaltsamen Machtkampf zwischen zwei Parteien ab sondern auf einen Sieg durch die Bereitschaft zur Versöhnung mit und Verschonung des Feindes, um ihn für sich zu vereinnahmen. Dieser Gewaltverzicht sollte allerdings nicht zu einer totalen Unterwerfung und Wehrlosigkeit führen, denn die Feindesliebe begründet sich in einer eigenen, inneren Art der Stärke des Einzelnen und hat die Entfeindung zum Ziel. Dieser Ethos der Gewaltlosigkeit stellt eine aktive Kraft des christlichen Glaubens dar, die das Böse im menschlichen Unterbewusstsein attackiert und es zum Guten verändert.12 Durch diese Veränderung soll der Krieg und die Gewalt überwunden werden.

2.2. Entwicklung der Lehre vom gerechten Krieg

In der frühen Kirche kam es zu Spannungen im christlichen Verständnis, ob gläubige Christen den Soldatenberuf ausüben sollten. Dies galt allgemein als unmöglich. Doch die meisten Menschen, die in dieser Zeit zum Christentum bekehrt wurden, stammten aus dem Berufsstand der Soldaten. So wurden im dritten Jahrhundert Regelungen getroffen um eine Stimmigkeit zwischen dem Soldatenberuf und dem aktiven christlichen Glauben zu schaffen. So durften getaufte Christen sich nicht freiwillig zum Dienst an der Waffe melden, damit sie sich diesen heidnischen Handlungen beispielsweise der Tötung von Menschen nicht schuldig machen.13

Seitdem herrscht eine Kontroverse zwischen absoluten Anspruch und einer liberalen Suche nach Regeln zur Differenzierung von legitimer und verächtlicher Gewalt in der Diskussion zur Thematik der Friedensethik im Christentum. Die erste grundlegende Reflexion von Kriterien für einem gerechten Krieg hat Augustinus mit „bellum iustum“ geschaffen. Augustinus stellte fünf Bedingungen auf unter denen ihm ein Krieg gerecht erschien. Demnach muss ein gerechter Krieg immer nur dem Frieden dienen. Der Krieg darf nur geführt werden wenn er sich gegen entstandenes Unrecht richtet und von einer legetimen Institution oder Autorität befohlen wurde. Diese müssen allerdings eine reine, gute Gesinnung besitzen, um abschätzen zu können, wie viel Gewalt zum Sieg anzuwenden sei. Das Ausmaß der angewandten Gewalt muss sich nach Augustinus ebenfalls auf die minimal erforderliche Dosis beschränken.14 Deshalb lehnt Augustinus die damals übliche Vernichtung oder Versklavung des besiegten Gegners ab. Allerdings definiert er Frieden nicht als die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, sondern fügt hinzu, dass eine klar geordnete Grundruhe in einer politischen Gesellschaft von Nöten ist. Um den Frieden und die Gerechtigkeit in der Gemeinschaft zu bewahren, hält er eine Aufrechterhaltung einer Rechtsordnung durch wehrhafte Maßnahmen für legitim und erforderlich.15

Weiterentwickelt wurde diese Reflexion von Thomas von Aquin. Seine Überarbeitung der Lehre vom gerechten Krieg diente mehrere Jahrhunderte als Leitbild für die Stellungsnahmen der Kirche zu gewaltsamen, militärischen Auseinandersetzungen. Er bemerkte dabei nachdrücklich, dass die Kollateralschäden der Kriegshandlungen der Konfliktparteien unbedingt den Grundreglungen der Verhältnismäßigkeit von Mitteln und ihren beabsichtigten Zweck gegenüberstehen muss.16 Dadurch begründet entwickelte er das Prinzip des Doppeleffekts. Nach diesem Prinzip muss jede Kriegshandlung einer ethischen Abwägung gegenüberstehen und deren Anforderungen entsprechen. Dementsprechend dürfen die verursachten Schäden und Opfer des Krieges nicht größer sein als das benötigte Minimalmaß an Kosten, das zur Beendigung des Konfliktes reicht. Des Weiteren dürfen Opfer, Leid und Zerstörung nicht größer sein als das durch das Gute, das durch die militärischen Handlungen erreicht werden sollte.17

Durch die fatalen Kriegshandlungen im 20. Jahrhundert und der anhaltenden, drohenden Gefahr durch den Kalten Krieg formulierte das Zweite Vatikanum mit der Sozialenzyklika „Pacem in terris“ eine umfassende Reflexion der Friedensethik in der katholischen Soziallehre. Diese sieht das Hauptaugenmerk für einen Frieden bei der Akzeptanz der Menschenrechte, die universell gültig und unteilbar sind. Diese Anerkennung wird die Basis für einen anhaltenden Frieden bilden. Dieser Theorieansatz wird im „Gaudium et spes“ noch einmal vertieft und bildet die Grundlage zur heutigen vermittelten christlichen Friedenethik. Der Einsatz von militärischen Maßnahmen wird im „Gaudium et spes“ als gerechtfertigt angesehen, wenn diese Handlungen zum Ziel haben, einen Frieden für alle beteiligten Gemeinschaften zu ermöglichen.

[...]


1 Vgl. N-Tv.de: Politik. Zahl der Kriege weltweit nimmt zu, online verfügbar unter: http://www.n-tv.de/politik/Viele-Konflikte-beachtet-keiner-article14727271.html, Stand: 03.Juli 2015.

2 Vgl. Vogt, Markus: Grundzüge christlicher Friedensethik, In: Bohrmann, Thomas/Lather, KarlHeinz/Lohmann, Friedrich (Hg.): Handbuch Militärische Berufsethik. Band 1: Grundlagen, Wiesbaden 2013, 57.

3 Vgl. Jes 32,17

4 Vgl. Baumann, Dieter: Militärethik. Theologische, menschenrechtliche und militärwissenschaftliche Perspektiven, Stuttgart 2007, 183.

5 Vgl. Die deutschen Bischöfe: Gerechter Frieden, Bonn 2000, Nr. 27.

6 Vgl. Vogt, Markus: Grundzüge christlicher Friedensethik, 57.

7 Vgl. Micha 4.

8 Vgl. Vogt, Markus: Grundzüge christlicher Friedensethik, 57.

9 Vgl. Ex 20.

10 Vgl. Vogt, Markus: Grundzüge christlicher Friedensethik, 58.

11 Vgl. Lk 6,29.

12 Vgl. Korff, Wilhelm: Wie kann der Mensch glücken, Freiburg 1985, 186.

13 Vgl. Fonk, Peter: Frieden schaffen- auch mit Waffen? Theologisch- ethische Überlegungen zum Einsatz militärischer Gewalt angesichts des internationalen Terrorismus und der IrakPolitik, Stuttgart 2003, 26.

14 Vgl. Fonk, Peter: Frieden schaffen- auch mit Waffen?, 27.

15 Vgl. Vogt, Markus: Grundzüge christlicher Friedensethik, 60.

16 Vgl. Hinsch, Wilfred/Jansen, Dieter: Menschenrechte militärisch schützen. Ein Plädoyer für humanitäre Intervention, München 2006, 55.

17 Vgl. Vogt, Markus: Grundzüge christlicher Friedensethik, 60.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Gerechte Krieg. Neuere philosophische Positionen zur Lehre vom Gerechten Krieg
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Institut für Theologie und Ethik)
Veranstaltung
Grundlagen der Friedensethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V343866
ISBN (eBook)
9783668341043
ISBN (Buch)
9783668341050
Dateigröße
721 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerechter Krieg, Humanitäre Interventionen, Ethik, Theologie, Humanitäre intervention
Arbeit zitieren
Georg Kahl (Autor), 2015, Der Gerechte Krieg. Neuere philosophische Positionen zur Lehre vom Gerechten Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343866

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