In den vergangenen Jahren gewannen Themen wie Internationalisierung und Globalisierung, zunehmende Wettbewerbsdynamik und -intensität, steigender Innovationsdruck, gesellschaftlicher Wertewandel, verkürzte Produktlebenszyklen, neue politische Rahmenbedingungen, verändertes Konsumentenverhalten etc. gewichtige Prominenz bei all denjenigen, die sich in Theorie und Praxis mit Organisationen und Unternehmen beschäftigten. Es scheint so, als wandle sich das Beständige und als sei das einzig Beständige der Wandel.
In diesem Zusammenhang fallen vielfach auch die Schlagwörter des Strukturwandels und der (Umwelt-)Komplexität, denen Unternehmen und Organisationen vermehrt ausgesetzt seien. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe des Strukturwandels und der Komplexität darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese weder auf einer klaren Definition, noch auf einem einheitlichen Begriffsverständnis beruhen. Vielmehr besteht Uneinigkeit hierüber, so dass unter diesem Deckmantel häufig obige heterogene Vielfalt von Themen subsummiert wird, denen Organisationen und die Gesellschaft - mehr oder weniger - hilflos gegenüberstehen.Glaubt man der einschlägigen Literatur, dann ist dies einer der Gründe dafür, weshalb die Beratungsbranche in den letzten Jahren wie kaum ein anderer Wirtschaftssektor boomt und aus diesem nebulösen Begriffs- und Themendschungel beachtliches Kapital schlägt.
Nähert man sich Organisationen und Unternehmen hingegen aus der Perspektive der neueren Systemtheorie und interessiert sich dafür, wie Veränderungen durch Berater vonstatten gehen (können), erlangen die Begriffe der Komplexität und des Strukturwandels grundlegende Bedeutung. Darüber hinaus werden sie auch vom Nominalismusverdacht befreit, indem ihnen die Systemtheorie einen umfassenden theoretischen Nährboden liefert.
Setzt man die allgemeine systemtheoretische Brille auf und interessiert sich für Unternehmen und Organisationen aus diesem Blickwinkel, ergeben sich interessante, für manche möglicherweise überraschende und ungewöhnliche Implikationen für die Theorie und Praxis der Beratung von Organisationen. Der Blick mag am Anfang unscharf und undeutlich sein, gewöhnt man sich allerdings an das Gestell und die Gläser, dann sieht man die Welt vielleicht mit anderen Augen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINFÜHRUNG: ENTWICKLUNG DER BERATUNGSBRANCHE UND ZIELSETZUNG
2 SYSTEMTHEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1 KONSTRUKTIVISMUS UND KYBERNETIK 2. ORDNUNG
2.1.1 Konstruktivismus
2.1.1.1 Das Maschinenmodell
2.1.1.2 Beobachtungen
2.1.2 Kybernetik 2. Ordnung
2.2 AUTOPOIESE, OPERATIONALE GESCHLOSSENHEIT UND SELBSTREFERENZ
2.2.1 Autopoiese
2.2.2 Operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz
2.3 (SOZIALE) SYSTEME
2.3.1 System/ Umwelt Differenz und Komplexität
2.3.2 Funktionale Differenzierung
2.3.3 Systemebenen
2.4 KOMMUNIKATION, ENTSCHEIDUNG UND ENTSCHEIDUNGSPRÄMISSEN
2.4.1 Kommunikation
2.4.2 Entscheidung
2.4.3 Entscheidungsprämissen
2.4.4 Unsicherheitsabsorption
2.5 ZUSAMMENFASSUNG
3 ABGRENZUNG DER SYSTEMISCHEN BERATUNG
3.1 KLASSIFIKATIONSANSÄTZE VON BERATUNGSFORMEN
3.2 INTERNE VS. EXTERNE BERATUNG
3.3 EXPERTENBERATUNG
3.4 PROZESSBERATUNG
3.5 MECHANISTISCHES UND SYSTEMISCHES BERATUNGSVERSTÄNDNIS
3.6 ZUSAMMENFASSUNG
4 SYSTEMISCHE THERAPIE
4.1 DIE SYSTEMISCHE (FAMILIEN-) THERAPIE
4.2 VORGEHENSWEISE
4.2.1 Hypothesenbildung
4.2.2 Intervention
4.3 AUSGEWÄHLTE METHODEN
4.3.1 Paradoxe Intervention
4.3.2 Exkurs: double-bind
4.3.3 Zirkuläres Fragen
4.4 ZUSAMMENFASSUNG
5 SYSTEMISCHE BERATUNG
5.1 DAS KLIENTENSYSTEM
5.2 DAS BERATERSYSTEM
5.3 DAS BERATUNGSSYSTEM
5.3.1 Eingrenzung
5.3.2 Die Paradoxie der Intervention
5.3.3 Interventionschancen
5.4 ZUSAMMENFASSUNG
5.5 EIN- BLICK IN DIE PRAXIS
5.5.1 Institutionen
5.5.2 Systemische Intervention in der Praxis
5.5.2.1 Interventionsarchitektur
5.5.2.2 Interventionsdesign
5.5.2.3 Interventionstechnik
5.5.3 Zusammenfassung
5.6 EXKURS: DIE VERSTEHENSPROBLEMATIK DER SYSTEMTHEORIE
6 ABSCHLIEßENDE BEURTEILUNG UND PERSPEKTIVEN
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die Praxisrelevanz der systemtheoretischen Organisationsberatung. Ziel ist es, den systemischen Beratungsansatz darzustellen, kritisch zu beurteilen und aufzuzeigen, wie systemtheoretische Erkenntnisse – insbesondere aus der Familientherapie – auf Beratungsprozesse übertragen werden können, um organisationale Veränderungen in komplexen Systemen zu ermöglichen.
- Systemtheoretische Fundierung (Konstruktivismus, Kybernetik 2. Ordnung, Autopoiese)
- Abgrenzung der systemischen Beratung zu klassischen, mechanistischen Beratungsansätzen
- Analyse der Übertragbarkeit von Methoden aus der systemischen (Familien-)Therapie auf Organisationsberatung
- Untersuchung der Rolle des Beratungssystems und der Interventionsproblematik
- Empirische Reflexion und Expertenbefragung zur systemischen Beratungspraxis
Auszug aus dem Buch
Die Paradoxie der Intervention
Sieht man statt Menschen Kommunikationen (bzw. Entscheidungen als besonderen Typ von Kommunikationen) als die Elemente von Organisationen an,
„dann muss jede Veränderung des Systems zunächst und vorrangig aus einer Veränderung der das System konstituierenden Kommunikationsmuster, Kommunikationsregeln und Semantiken folgen. Es wird dann unumgänglich für ein Begreifen und Beeinflussen des Systems, durch die Personen hindurch zu sehen auf die hinter ihnen sich verbergenden Kommunikationsstrukturen und –regeln.“ (Willke 1999: 36, ders. 1994: 99)
Berater sind somit Beobachter zweiter Ordnung. Da auch die Klienten die Berater bei deren Beobachtungen beobachten, kann man den Beratungsprozess als wechselseitigen Beobachtungsprozess der beteiligten Systeme interpretieren (vgl. Groth 1996: 72).
Mit Hilfe von Interventionen, verstanden als „zielgerichtete Kommunikation“ (Willke 1987: 333) zum „Bewirken eines bedeutsamen Unterschieds in der Operationsweise eines Systems“ (Willke 1999: 125), wird es im Anschluss daran möglich, durch die hinter den Personen liegenden Kommunikationsmuster und –regeln, „mittelbar den Sinn einer Organisation zu verändern“ (Groth 1996: 97) und damit eine Modifikation des Systems zu erreichen. Nicht die Veränderung von Menschen, Personen oder psychischen Systemen steht damit im Vordergrund der systemischen Beratung von Organisationen, sondern die „Umwandlung der Strukturen, die als Erwartungen das Verhalten und Operieren des Systems steuern.“ (Mingers 1996: 83)
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINFÜHRUNG: ENTWICKLUNG DER BERATUNGSBRANCHE UND ZIELSETZUNG: Einleitung in das Thema, Darstellung der Relevanz der Beratungsbranche und Definition der zweifachen Zielsetzung der Arbeit.
2 SYSTEMTHEORETISCHE GRUNDLAGEN: Herleitung der systemtheoretischen Konzepte wie Konstruktivismus, Autopoiese und soziale Systeme als Fundament der Arbeit.
3 ABGRENZUNG DER SYSTEMISCHEN BERATUNG: Systematisierung verschiedener Beratungsformen und Differenzierung zwischen mechanistischen und systemischen Ansätzen.
4 SYSTEMISCHE THERAPIE: Untersuchung der Familientherapie als ursprünglichem Anwendungsfeld systemischer Konzepte und deren Vorbildfunktion.
5 SYSTEMISCHE BERATUNG: Detaillierte Analyse der systemischen Beratungspraxis, der Rollen von Klienten- und Beratersystem sowie der spezifischen Interventionstechniken.
6 ABSCHLIEßENDE BEURTEILUNG UND PERSPEKTIVEN: Fazit der Arbeit, kritische Würdigung der Systemtheorie als Beratungsgrundlage und Ausblick auf die Praxisrelevanz.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, systemische Organisationsberatung, Konstruktivismus, Autopoiese, Kybernetik zweiter Ordnung, Kommunikation, Intervention, Komplexität, Organisationsentwicklung, Beratungssystem, soziale Systeme, Strukturdeterminismus, Paradoxe Intervention, Beobachtung zweiter Ordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Anwendung systemtheoretischer Konzepte in der Organisationsberatung. Sie untersucht, wie systemische Prinzipien theoretisch fundiert sind und praktisch für die Beratung von Organisationen genutzt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die neuere Systemtheorie nach Niklas Luhmann, der Konstruktivismus, die Abgrenzung zu klassischen Beratungsansätzen sowie die methodische Übertragung familientherapeutischer Ansätze in den organisationalen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die systemische Organisationsberatung theoretisch darzustellen, sie kritisch zu beurteilen und zu untersuchen, inwiefern eine systemtheoretisch fundierte Theorie der Beratung fruchtbar für die Praxis der Unternehmensberatung ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich primär um eine theoretische Arbeit, die auf einer fundierten Literaturanalyse basiert. Ergänzend findet eine empirische Komponente durch ein Experteninterview mit Alexander Exner von der Beratergruppe Neuwaldegg statt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der theoretischen Grundlagen (Kapitel 2), die Abgrenzung von verschiedenen Beratungsformen (Kapitel 3), die Betrachtung der Familientherapie als Impulsgeber (Kapitel 4) und die detaillierte Darstellung der systemischen Beratungspraxis (Kapitel 5).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen zählen Systemtheorie, systemische Organisationsberatung, Autopoiese, Intervention, soziale Systeme, Komplexität und Beobachtung zweiter Ordnung.
Inwiefern unterscheiden sich klassische und systemische Berater?
Klassische Berater betrachten Organisationen oft als "triviale Maschinen", bei denen ein definierter Input zu einem vorhersehbaren Output führt. Systemische Berater sehen Organisationen hingegen als autopoietische, strukturdeterminierte Systeme mit eigener Logik, die nicht direkt gesteuert, sondern nur durch Irritationen angeregt werden können.
Warum ist das Verständnis von "Latenz" in der Beratung wichtig?
Latenz bezieht sich auf implizite Regeln, Tabus oder unbewusste Muster in einer Organisation. Das Aufspüren dieser Latenz ist für den systemischen Berater entscheidend, da hier oft die Gründe für die Stabilität problematischer Verhaltensweisen liegen, die nicht auf der manifesten, expliziten Ebene gelöst werden können.
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- Alexander Jung (Author), 2002, Theorie und Praxis der systemtheoretischen Organisationsberatung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34388