Unterschiedliche Funktionen von Kinderkrippen. Entwurf eines Forschungsdesigns für eine Telefonbefragung


Projektarbeit, 2007

28 Seiten, Note: 1,7

Selina Thal (Autor)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung, Problemstellung, Aufbau

2. Forschungsstand
2.1 Parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf
2.2 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund
2.3 Wohlergehen des Kleinkindes

3. Theoretischer Hintergrund
3.1 Parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf
3.2 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund
3.3 Wohlergehen des Kleinkindes

4. Hypothesen und Begründung
4.1 Parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf
4.2 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund
4.3 Wohlergehen des Kleinkindes

5. Operationalisierung: Konstrukte und Indikatoren
5.1 Parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf
5.2 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund
5.3 Wohlergehen des Kleinkindes

6. Forschungsdesign

7. Grundgesamtheit und Auswahlverfahren

8. Zusammenfassung und nächste Schritte

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung, Problemstellung, Aufbau

Der Wohlfahrtsstaat und seine Institutionen sollen dem Wohlstand aller BürgerInnen dienen, indem sie individuelle Lebensrisiken sozial absichern und die gesellschaftliche Teilhabe aller ermöglichen (Lippl 2001: 7). Auch heute noch stellt der Arbeitsplatz dabei die zentrale Instanz dar, die gesellschaftliche Teilhabe gewährleistet. Frauen, die immer noch primär für die private Sphäre zuständig sind und auf dem Arbeitsmarkt keiner Gleichstellung mit den Männern gegenüberstehen, sind in dieser Hinsicht eindeutig benachteiligt. Um die parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf und somit die soziale Sicherheit zu fördern, wurden unterschiedliche sozialstaatliche Rahmenbedingungen geschaffen. Dazu gehören u.a.: Mutterschutz, Elternzeit, Erziehungsgeld, Kindergartenanspruch und die frühkindliche staatliche Betreuung in Form von Kinderkrippen (Schulz et al. 2006: 80).

De facto ist die Versorgung mit Kinderkrippenplätzen jedoch in der Bundesrepublik Deutschland unzureichend. Dies gilt im besonderen Maße für die alten Bundesländer. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, einschließlich den USA, belegt die BRD mit einer Inanspruchnahme der frühkindlichen Betreuungseinrichtungen von ca. 10% eher die hinteren Ränge (BMfSFJ 2003: 8). Hingegen führt Dänemark mit einer Beteiligung von ca. 65% die Rangliste an (BMfSFJ 2003: 8). Die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen will in diesem Zusammenhang, über den Bund, für das nächste Jahr 4 Milliarden Euro für den Ausbau von Krippenplätzen bereitstellen lassen (Wonka 2007). In der öffentlich geführten Debatte stellt von der Leyen vor allem die Funktion der parallelen Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Vordergrund (Wonka 2007). So gab sie in einem Interview vom 04.07.2007 in der Leipziger Volkszeitung bekannt: „Länder, in denen Beruf und Kindererziehung für Väter wie Mütter Hand in Hand gehen, haben eine höhere Frauenerwerbsquote, mehr Kinder und weniger Kinderarmut.“ (Wonka 2007). Trotzdem spielen im Zusammenhang mit Kinderkrippen neben der parallelen Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch die Funktionen der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und der allgemeinen Förderung frühkindlicher Entwicklung eine Rolle (BMfSFJ 2005: 7). Neben dem rein quantitativen Ausbau gibt es also auch differente qualitative Aspekte zu beachten. Die Arbeit hat es sich folglich zur Aufgabe gemacht, die Bewertung der Bundesbürger zu den unterschiedlichen Funktionen der staatlich geförderten frühkindlichen Betreuung in Form von Kinderkrippen zu erfragen. Dabei ist das Anliegen herauszufinden, wie die einzelnen Funktionen bewertet werden bzw. welche Wichtigkeit ihnen in der Gesamtbevölkerung zukommt. Des Weiteren ist zu untersuchen, welche Variablen den jeweiligen Bewertungen zugrunde liegen. Ziel ist es, dem proklamierten Ausbau eine etwaige Richtung zu ebnen. Zwar ist der Bedarf an frühkindlichen Kinderbetreuungseinrichtungen vorhanden, jedoch ist es bis heute unklar, wie genau ein Ausbau gestaltet werden soll. Die Gründe für die divergierenden Bewertungen der Bundesbürger sollen schließlich Auskunft darüber geben, inwieweit gewisse Erwartungshaltungen mit der frühkindlichen Betreuung verbunden sind. Das bedeutet: Soll die politische Ausgestaltung von frühkindlichen Betreuungsangeboten primär dazu dienen, die parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten? Soll sie eher auf die qualitative Verbesserung in Form von fundierten pädagogischen Konzepten, die der umfassenden Erziehung und Bildung und somit schließlich der Förderung der Kinder im Kinderkrippenalter dienen, abzielen? Oder soll sie doch vornehmlich Kindern mit Migrationshintergrund die Chance einräumen, sich zu integrieren und die Lebenschancen v.a. durch Spracherwerb zu erhöhen? Schließlich könnten auch alle drei Funktionen gleichwertig von Belang sein. Außerdem können unter Bezugnahme auf die unterschiedlichen Variablen bzw. Faktoren, die die Bewertungen bedingen, eventuell bestimmte Bevölkerungsgruppen herauskristallisiert werden, für die ein gewisser qualitativer Ausbau konstatiert werden kann.

2. Forschungsstand

Der Forschungsstand wird konsequenterweise auch in die drei hier festgelegten Funktionen unterteilt. So wird zunächst die parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf, danach die Integration von Kleinkindern mit Migrationshintergrund und abschließend das Wohlergehen des Kleinkindes untersucht.

2.1 Parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Allgemein ist zu konstatieren, dass es keine gesamtgesellschaftlichen empirischen Studien zur Funktionsbewertung von Kinderkrippen gibt. Warum und wie die einzelnen Funktionen der Kinderkrippe von der deutschen Gesamtbevölkerung bewertet werden, ist daher unklar.

In den bisherigen Studien wurden hauptsächlich die wesentlichen Determinanten für Erwerbstätigkeit von Müttern mit mindestens einem Kind im Kinderkrippenalter herausgearbeitet bzw. auf ihre Signifikanz hin untersucht. Die Quintessenz aller dieser empirischen Arbeiten lässt sich wie folgt ausdrücken: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist bis dato eine „Frauensache“ geblieben. Die Erwerbstätigenquote von Vätern mit mindestens einem Kind unter drei Jahren ist hingegen relativ unabhängig von dem Vorhandensein des Kindes (Mikrozensus/ Weinmann 2005: 9f.). Von den 1,9 Mio. Müttern der BRD mit Kindern unter drei Jahren gehen gerade einmal ein Drittel „einer aktiven Erwerbstätigkeit nach.“ (Schulz et al. 2006: 98). Faktoren, die die aktive Erwerbstätigkeit jener Mütter bedingen sind: Wohnort in den neuen Bundesländern, Vorhandensein einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft, die Existenz von nur einem Kind im Haushalt, das Mindestalter von zwei Jahren des Kleinkindes, der Hochschulabschluss und die Zugehörigkeit zur „älteren“ Generation von Müttern (Schulz et al. 2006: 98). Der Fakt, dass gerade in den ersten drei Lebensjahren des Kindes „die Absenz der Mutter am wenigsten akzeptiert wird“, ist Ausdruck für die Signifikanz von Familienleitbildern und den damit verbundenen Rollenvorstellungen, die die entscheidende Rolle für die Einstellungen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielen (Schulz et al. 55). Auf die Einstellungsfrage, wie die Berufstätigkeit gestaltet werden sollte, „wenn Kinder unter drei Jahren in der Familie sind“, antworteten mehr als die Hälfte der Befragten, dass die Frau nicht arbeiten gehen sollte (Schulz et al. 2006: 56). Ebenso plädieren ca. ein Fünftel beider Geschlechter für die Vollzeiterwerbstätigkeit des Mannes und der Teilzeiterwerbstätigkeit der Frau (Schulz et al. 2006: 56). Hinsichtlich der „Einstellung zu Mutterschaft und Berufstätigkeit“ stimmten knapp die Hälfte der Männer und Frauen der Aussage zu, dass ein Vorschulkind unter der Berufstätigkeit der Mutter leiden würde (Schulz et al. 2006: 53). Ob jemand ein eher modernes oder traditionelles Familienleitbild bzw. Geschlechterrollenverständnis besitzt, ist dabei u.a. vom Bildungsabschluss abhängig, dies gilt für Männer ebenso wie für Frauen (Steinbach 2004, zitiert nach Schulz et al. 2006: 36). Des Weiteren treten diesbezüglich große Ost-West-Divergenzen auf, so wird die „Nur-Hausfrauen-Rolle“ in den neuen Bundesländern deutlich weniger akzeptiert als in den alten Bundesländern (Ruckdeschel/Lengerer/ Dorbitz 2005: 49). Auch herrschen im Westen traditionellere „Vorstellungen von der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern“ als im Osten (Ruckdeschel/ Lengerer/ Dorbitz 2005: 50). „Die ISSP-Daten zeigen also, dass Männer in den ersten Lebensjahren eines Kindes eher den traditionellen Ernährermodell zustimmen als die befragten Frauen, die häufiger die Kombination der Familienarbeit mit einer Teilzeittätigkeit der Mütter favorisieren.“ (Schulz et al. 2006: 84).

Resümierend ist festzustellen: Zwar existieren einschlägige Studien zu den Einstellungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zu den damit verbundenen Leitbildern von Familie und Geschlechterrollen, jedoch nicht im direkten Zusammenhang mit Kinderkrippen.

2.2 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund

Leider sind keine Forschungsarbeiten oder Studien auffindbar, die sich direkt mit den Einstellungen der Bundesbürger zur Kinderkrippe und einem möglichen Beitrag ihrer zur Integration von Migrantenkindern beschäftigen. Dennoch belegen Studien, dass dieser Beitrag mit Hilfe von Kinderkrippen geleistet werden kann.

2.3 Wohlergehen des Kleinkindes

Die bisherige Forschung gibt zwar Aufschluss darüber, wie die Kinderkrippenfunktion des Wohlergehens des Kindes bewertet wird bzw. welche Auswirkungen außerfamiliale Betreuung auf die kindliche Entwicklung haben kann. Die Frage allerdings durch welche Faktoren die jeweilige Bewertung bestimmt wird, ist bis heute nicht Gegenstand empirischer Studien gewesen. In den neunziger Jahren haben sich vor allem Kinderärzte zu Wort gemeldet und einen Ausbau der Betreuungsplätze für Kleinkinder unter Berufung auf Forschungsergebnisse aus der GUS und der CSFR abgelehnt (vgl. hierzu Pechstein 1990). Allerdings konnte die Annahme, die außerhäusliche Betreuung erhöhe das gesundheitliche Risiko des Kindes, widerlegt werden (vgl. Jarmann und Kohlenberg 1988): Das National Research Council hat zweihundert pädiatrische Studien kritische gesichtet, die sich mit der gesundheitlichen Entwicklung von Kleinkindern beschäftigen. Dabei hat sich herauskristallisiert, dass keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern, welche zu Hause betreut werden, und jenen, die eine Betreuungseinrichtung besuchen, festgestellt werden, was die Häufigkeit und Art der Krankheiten und Verletzungen anbelangt (vgl. Fthenakis 1993: 26).

Auch die Effekte der außerfamiliären Kinderbetreuung auf die sprachlich-kognitive und sozial-moralische Entwicklung waren Gegenstand zahlreicher Untersuchungen (vgl. Laewen/Andres 2002; Sodian 1998; Clarke-Stewart&Fein 1983; Speck 1965). Kinder, die außerhäuslich betreut werden, weisen höhere Werte von sozialer Kompetenz auf als Kinder, die in familiärer Umgebung versorgt werden (vgl. Clarke-Stewart und Fein 1983). Nach denselben Untersuchungen weisen aber Kinder, die nicht zu Hause betreut werden, seltener Erwachsenenstandards hinsichtlich Verhalten und Gehorsam auf. Sie sind unhöflicher, weniger verträglich, ungehorsamer, ungestümer, gereizter und aggressiver. Dies lässt sich damit erklären, dass fremdbetreute Kinder selbständiger und fest entschlossen sind, ihren eigenen Weg zu gehen - ohne jedoch schon über die sozialen Fertigkeiten zu verfügen, mit denen sie dies problemlos erreichen könnten. Deswegen sind sie weniger gehorsam gegenüber ihren Eltern und ihren Erzieherinnen. Lange Zeit herrschte in der Deprivationsforschung die Annahme vor, die Mutter-Kind-Trennung und damit die Ersatzbetreuung könnten Schäden bei der Entwicklung des Kindes hervorrufen (vgl. Spitz 1945, 1946, Speck 1956, Pechstein 1972). Anfang der 70er Jahre ergaben aber bereits Untersuchungen über Auswirkungen der Mutterdeprivation, dass keinerlei Benachteiligung festzustellen ist, solange die Ersatzbetreuung durch eine hohe Qualität gekennzeichnet ist (vgl. Koliadis 1975: 141f). Unisono konstatieren Autoren, welche sich mit den Auswirkungen außerfamilialer Betreuung beschäftigen, dass außerhäusliche Kinderbetreuung bei guter Qualität positive Effekte bei den Kindern hervorruft. Clarke-Stewart und Fein (1983) erkennen, dass Betreuungsprogramme, welche strukturierte erzieherische Programme und Aktivitäten aufweisen, einen stärkeren positiven Effekt auf die kognitive und sprachliche Entwicklung haben als reine Betreuungsmaßnahmen. Die qualitativen Bedingungen der Betreuung sind von wesentlicher Bedeutung. Die kindergerechte Ausgestaltung der Betreuungsräumlichkeit, die Gruppengröße sowie die Professionalität des Personals spielen also eine wesentliche Rolle.

3. Theoretischer Hintergrund

Im Folgenden soll der theoretische Hintergrund von den drei Kinderkrippenfunktionen parallel Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Integration von Kleinkindern mit Migrationshintergrund und Wohlergehen des Kleinkindes näher beleuchtet werden.

3.1 Parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die in der Literatur befindlichen theoretischen Ansätze, lassen sich alle auf die Polarisierung der Geschlechter in der Zeit der Industrialisierung zurückführen. Dabei spielen folgende Ansätze eine Rolle: die Theorie der Geschlechtercharaktere bzw. die soziokulturelle Konstruktion des Geschlechtes, die doppelte bzw. dreifache Vergesellschaftung, das bürgerliche Familienmodell als ein familiales Leitbild, der Sekundärpatriachalismus und die „kontrollierte“ Individualisierung. Von Belang sind hauptsächlich die ersten drei Theorien, da nur diese beiden Geschlechter thematisieren und der Anforderung die Gesamtbevölkerung der BRD befragen zu wollen, entsprechen.

Mit dem aufkommenden Kapitalismus im 18./19. Jahrhundert vollzog sich eine entscheidende Trennung: die Trennung von der Produktions- und Reproduktionssphäre mit klaren Zuweisungen an die Geschlechter (Hausen 2001: 162). In diesem Zuge kam es zur Domestizierung der Frau und der gleichzeitigen Entfamiliarisierung des Mannes (Hausen 2001: 176). Als Legitimation dienten dabei die sozial konstruierten Geschlechtercharaktere, die die physischen Differenzen von Mann und Frau in psychologische Eigenschaften übersetzten (Hausen 2001: 167). Das biologische Geschlecht ist daher vom sozialen Geschlecht zu unterscheiden. Gender bezeichnet nämlich „sozial konstruierte und kulturell definierte Aspekte der Geschlechterrolle, über die Männern und Frauen entgegengesetzte, einander ergänzende und hierarchisch angeordnete Positionen zugewiesen werden.“ (Heilmann 2007: 7). Die Wirtschaftsform des Kapitalismus ist zwar auf eine geschlechtsspezifische Hierarchisierung angewiesen, hebt sie aber durch das Ideal der „Ein-Ernährer-Familie“ wieder auf (Nickel 1998: 6). De facto war es jedoch nie möglich Frauen gänzlich aus der Produktionssphäre zu exkludieren (Hausen 2001: 176). Spätestens in den 50er Jahren begann der soziale Wandel der Rolle der Frau, v.a. durch ihre steigenden Erwerbs-, Bildungs- und Karrierechancen (Schulz et al. 2006: 16f.). Mit Anbeginn jener Zeit stieg die Frauenerwerbsquote stetig an, jedoch primär auf der Ebene der Teilzeitbeschäftigung (Schulz et al. 2006: 30). Eben darum unterliegt die Frau, die primär für die private Sphäre zuständig sein soll, wenn sie gleichzeitig arbeiten geht, einer doppelten Belastung (Kreckel 1993: 58). Ebenfalls wird in der Wissenschaft von einer „dreifachen Vergesellschaftung“ gesprochen, wenn man die Frau im Spannungsverhältnis von Erwerbstätigkeit, Haushalt und Kindererziehung betrachtet (Schulz et al. 2006: 37). Die unterschiedlichen Funktionslogiken der Produktions- und Reproduktionssphäre, die in rational und emotional eingeteilt werden können, betrefffen nach Kreckel ebenso den Mann als auch die Frau (Kreckel 1993: 58f.). In Bezugnahme auf die im 18./19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung ist des Weiteren die Etablierung des „bürgerlichen Familienmodells“ zu nennen. Dabei wandelte sich die Familie vom „ganzen Haus“, als eine rechtliche, politische und ökonomische Einheit, in eine „Gemeinschaft für Erziehung, Konsum, Freizeit und Entspannung. (…) Das neue Familienideal verschärfte die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Dem Mann wurde die Rolle des Ernährers zugeschrieben, er war zuständig für die ,Außenweltʻ. Der Frau fiel die dienende Rolle in der ,Innenweltʻ der Familie zu, ihre Rolle ist es Ehefrau und Mutter zu sein: sie war für die häusliche Gemütlichkeit verantwortlich, hatte die Kinder zu erziehen und – möglichst liebevoll – für den Ehemann zu sorgen.“ (Geißler 2006: 38). Auf die BRD bezogen, lässt sich feststellen, dass sich nach dem 2. Weltkrieg zwei unterschiedliche Leitbilder der Geschlechterordnung in Ost- und Westdeutschland entwickelten und dementsprechend politisch gefördert wurden. „Bei Familienleitbildern handelt es sich in der Regel um Konstrukte, die anzeigen, wie das Familienleben idealerweise gestaltet wird, z.B. wie Familienmitglieder interagieren und wie die emotionalen Beziehungen in einer Familie gestalten werden sollten.“ (Schulz et al. 2006: 42). Familienleitbilder werden dabei als „Gebilde aus Wertvorstellungen und Rollenkonzepten“ definiert (Schulz et al. 2006: 42). Paradigmen für die Leitbilder bestehen aus dem Konzept von Mutterschaft bzw. Mutterbildern als auch der Vorstellung von der geschlechtlichen Arbeitsteilung in Beruf und Familie (Schulz et al. 2006: 44). In diesem Zuge verfolgten die alten Bundesländer eher das Ziel der „bürgerlichen Familie“, in der das Ideal des „Ein-Ernährer-Modells“, welches durch das männliche Geschlecht ausgeführt wird, beinhaltet ist (Nickel 1998: 18ff.). Eben darum war die parallele Vereinbarkeit von Familie und Beruf für das Gros der Mütter nicht möglich. In der DDR galt hingegen das „proletarische Familienmodell“, welches sich durch die Berufstätigkeit beider Geschlechter auszeichnete und dementsprechend die parallele Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Mütter zu gewährleisten vermochte (Kreckel 1993: 55). Trotz des konstatierten Wandels der Familienleitbilder und der zunehmenden Flexibilisierung der Geschlechterrollen, kann man auch heutzutage noch nicht von einer vollständigen Modernisierung der Geschlechterstruktur ausgehen (Schulz et al. 2006: 31ff.). Denn die Modernisierung kann fast ausschließlich auf die Wandlung des weiblichen Rollenkonzepts angewandt werden (Schulz et al. 2006: 44). Zwar steht die Integration des weiblichen Geschlechts in den Erwerbsprozess längst nicht mehr zur Disposition, dennoch ist die Legitimation für eine Arbeit in der Kleinkindphase immer noch von Nöten (Schulz et al. 2006: 31). Die hohe Teilzeitbeschäftigungsquote von Müttern, welche auch als das „Ein-Einhalb-Ernährer-Modell“ bezeichnet werden kann, steht in diesem Sinne für die Verharrungskräfte traditioneller Familienleitbilder und Geschlechterrollenvorstellungen (Blossfeld/ Rohwer 2001, zitiert nach Schulz et al. 2006: 47).

Es lässt sich abschließend feststellen, dass eben erst durch die Ontologisierung der Geschlechterrollen und der Trennung von Erwerbs- und Familienleben, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auftauchen konnte (Kreckel 1993: 55). Aufgrund dessen, dass die Frau auch heutzutage noch primär für die Privatssphäre zuständig ist, ist v.a. sie das Geschlecht, welches mit dem Problem von Vereinbarkeit von Familie und Beruf konfrontiert wird.

3.2 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund

Innerhalb von nunmehr vier Jahrzehnten hat sich unsere Gesellschaft durch andauernde Migration und dem damit verbundenen Globalisierungsprozess zu einer multiethnischen Gesellschaft entwickelt. Das liegt, auf Deutschland bezogen, vor allem daran, dass in den 60er Jahren viele Arbeitsmigranten vorrangig türkischer Herkunft angeworben wurden. Nicht alle sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, was dazu führte, dass unsere Gesellschaft multiethnisch geworden ist. Neben circa einer Million eingebürgerter Einwanderer waren im Jahr 2002 8,9% der Bevölkerung Ausländer. Der Großteil von ihnen lebt in den alten Bundesländern und in Großstädten.

Was die Integration von Personen mit Migrationshintergrund angeht, gibt es keine Theorie, die diese mit all ihren Aspekten umfassend erklären kann. Es gibt, je nach Teilaspekt, verschiedene theoretische Ansätze. Esser teilt die Integration in vier Formen, die Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation. Erstere bezeichnet den Erwerb kognitiver Fähigkeiten, die ein Individuum zur Teilhabe an einer Gesellschaft benötigt. Die Platzierung meint die Einnahme sozialer Positionen, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Als Interaktion wird die Teilhabe an sozialen Netzwerken bezeichnet und die Identifikation spiegelt die Selbstplatzierung eines Individuums in der Gesellschaft wider (Janßen/ Polat 2005: 9ff.). In der Forschung wird natürlich auch diskutiert, wann Integration als „erfolgreich abgeschlossen“ zu betrachten ist. Park und die Chicagoer Schule waren der Meinung, dass dies der Fall ist, wenn jegliche Fremdheit aufgehoben ist. Dem amerikanischen Ideal gemäß, stellten sie sich die Gesellschaft als melting pot, einem Schmelztiegel, vor. Esser jedoch hält eine gelungene Integration für fast utopisch, denn er beschreibt den Prozess der Assimilation nicht als zweiseitig von Migrant und Gesellschaft ausgehend, sondern als einseitigen Prozess, in dem sich die Migranten an die Gesellschaft angleichen. Da letztere aber immer heterogener wird, sei eine Angleichung schwierig (Janßen/ Polat 2005: 11). Janßen und Polat definieren die Integration dann als erfolgreich, wenn die „...Ethnizität für die Chancen in der Gesellschaft keine Rolle mehr spielt.“ (vgl. Janßen/ Polat 2005: 11) Die gemeinte Chancengleichheit beinhaltet den Arbeitsmarkt, das Wohnen, die Bildung etc.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Unterschiedliche Funktionen von Kinderkrippen. Entwurf eines Forschungsdesigns für eine Telefonbefragung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Empirische Sozialforschung
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V343891
ISBN (eBook)
9783668339200
ISBN (Buch)
9783668339217
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Forschungsdesign, Telefonumfrage, Kinderkrippe, Vereinbarkeit Familie und Beruf, Familienmodell, Wohlergehen Kleinkinder, Hypothese, Operationalisierung, Konstrukte, Indikatoren, Random Digit Dialing, CATI, RDD, Computer-Assisted Telephone Interviewing, Erhebungsinstrument, telefonische Befragung, RLD, Random Last Digit, Auswahlverfahren, Grundgesamtheit, Empirische Sozialforschung, Dieter Wonka, Rainer Schnell, Hildegard Maria Nickel, Mikrozensus, Bodo Lippl, Reinhard Kreckel, Andreas Heilmann, Karin Hausen, Bowlby, Jürgen Dorbitz, Rainer Geißler, Tanja Mühling, Heike Paterak, Rene Spitz, Projektarbeit, Seminararbeit, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Selina Thal (Autor), 2007, Unterschiedliche Funktionen von Kinderkrippen. Entwurf eines Forschungsdesigns für eine Telefonbefragung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343891

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