Warum gelang es dem Hobbesschen Ansatz sogar bis in die zeitgenössische politische Philosophie des Liberalismus vorzudringen?
Thomas Hobbes konstruierte seinen absolutistischen Staat im Leviathan unter Verwendung eines zutiefst liberalen Hilfsmittels: der Vertragstheorie. Dieser dem Werk immanente Gegensatz ist auch der Grund für die ambivalente Rezeptionsgeschichte. Wolfgang Kersting unterscheidet in diesem Kontext zwischen der „weißen“ und „schwarzen“ Hobbes-Rezeption. Die „weiße“ Hobbes-Rezeption verkörpert dabei das kontraktualistische Argument, die „schwarze“ Rezeption hingegen, das Souveränitäts- bzw. Letztinstanzlichkeitsargument.
Inhaltsverzeichnis
1. Seminarvorbereitung: Rezeption des Thomas Hobbes
1.1 Die „weiße“ Hobbes-Rezeption
1.2 Die „schwarze“ Hobbes-Rezeption
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ambivalente Rezeptionsgeschichte von Thomas Hobbes’ politischer Theorie, indem sie den Gegensatz zwischen der liberalen Interpretation („weiße“ Rezeption) und der antiliberalen, staatskritischen Lesart („schwarze“ Rezeption) gegenüberstellt und analysiert.
- Die Vertragstheorie als liberales Hilfsmittel bei Hobbes
- Verbindung von Hobbes’ Ansatz zur zeitgenössischen politischen Philosophie
- Analyse der Gerechtigkeitstheorie und des Sozialstaats-Legitimationsdiskurses
- Carl Schmitts Kritik an der Hobbesschen Staatskonstruktion
- Die Bedeutung von Glaubensfreiheit und individuellem Vorbehalt im Leviathan
Auszug aus dem Buch
Die „schwarze“ Hobbes-Rezeption
Die „schwarze“ Hobbes-Rezeption ist hingegen antiliberal und kritisch gegen die Herrschaftslegitimierungsbemühungen der Kontraktualisten gerichtet. „Die herausragende Gestalt der «schwarzen» Hobbes-Rezeption ist Carl Schmitt“ (Kersting 2005: 206). Als Hobbes-Interpret bezog Schmitt unmittelbar Stellung zu den staatstheoretischen Vorstellungen des Leviathan. So wurde 1938 das Buch „Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes“ veröffentlicht, welches die vermeintlichen Konstruktionsfehler des Hobbesschen Staates zum Thema hat. Carl Schmitt meint, die Achillesferse der Hobbesschen Staatskonstruktion in dem Umgang mit Glaube und Wunder gefunden zu haben (Schmitt 1938/2003: 79). Durch die Unterscheidung von fides und confessio – innerem Glauben und äußerer Bekenntnis – entwickelte sich der liberale Rechts- und Verfassungsstaat und somit die moderne individualistische Gedanken- und Gewissensfreiheit. In diesem Zusammenhang macht Baruch de Spinoza die Gedankenfreiheit zur notwendigen Bedingung des öffentlichen Friedens (Schmitt 1938/2003: 86ff.). Der Glaubensvorbehalt des Einzelnen ist letztlich Teil jener individualistischen Freiheitsrechte, durch welche der eigentlich absolutistische Leviathan am Ende dem Liberalismus zufällt. Durch die Unterscheidung von Innen und Außen gewinnt das Innerliche die Oberhand und der Leviathan wird von „innen her zerstört“ (Schmitt 1938/2003: 86). An dieser Stelle wird auch deutlich, dass bei Schmitt – genauso wie bei Hobbes – der Ausnahmezustand als Ausgangspunkt seines Denkens fungiert.
Zusammenfassung der Kapitel
Seminarvorbereitung: Rezeption des Thomas Hobbes: Einführung in die gegensätzliche Wirkung von Hobbes’ Theorien, die sowohl liberale als auch antiliberale Strömungen in der Philosophiegeschichte begründeten.
Die „weiße“ Hobbes-Rezeption: Untersuchung des kontraktualistischen Arguments, das Hobbes’ Werk mit dem philosophischen Liberalismus verknüpft und Grundlagen für moderne Gerechtigkeitstheorien wie die von John Rawls liefert.
Die „schwarze“ Hobbes-Rezeption: Analyse der staatskritischen Perspektive, insbesondere durch Carl Schmitt, der die Trennung von privatem Glauben und öffentlicher Autorität als Schwachstelle und Ausgangspunkt für den liberalen Verfall identifiziert.
Schlüsselwörter
Thomas Hobbes, Leviathan, Vertragstheorie, Politische Theorie, Liberalismus, Kontraktualismus, Carl Schmitt, John Rawls, Souveränität, Herrschaftslegitimation, Ausnahmezustand, Gedankenfreiheit, Rechtsstaat, Glaubensvorbehalt, Staatslehre
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die widersprüchliche Rezeptionsgeschichte der politischen Theorie von Thomas Hobbes, insbesondere die Spannung zwischen liberalen und antiliberalen Interpretationen seines Werks.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Vertragstheorie, das Spannungsfeld zwischen absolutistischer Herrschaftslegitimation und individuellen Freiheitsrechten sowie die kritische Auseinandersetzung mit Hobbes durch Denker wie Carl Schmitt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum Hobbes’ Ansatz sowohl als Grundlage für moderne liberale Gerechtigkeitstheorien dienen kann als auch als Zielscheibe für antiliberale Staatskritik fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine ideengeschichtliche und politiktheoretische Analyse, die auf einer Literaturstudie zur Rezeptionsgeschichte von Hobbes basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die „weiße“ Rezeption (Kontraktualismus/Liberalismus) und die „schwarze“ Rezeption (Carl Schmitts Kritik am Leviathan), ergänzt durch die Analyse des religiösen Glaubensvorbehalts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Thomas Hobbes, Leviathan, Vertragstheorie, Kontraktualismus, Liberalismus, Carl Schmitt, John Rawls und Souveränität.
Wie unterscheidet sich die „weiße“ von der „schwarzen“ Hobbes-Rezeption nach Kersting?
Die „weiße“ Rezeption betont das kontraktualistische Argument und die Nähe zum Liberalismus, während die „schwarze“ Rezeption das Souveränitäts- und Letztinstanzlichkeitsargument fokussiert und den Leviathan staatskritisch betrachtet.
Warum sieht Carl Schmitt im Glaubensvorbehalt eine Schwachstelle des Leviathans?
Schmitt argumentiert, dass die Unterscheidung von innerem Glauben (fides) und äußerem Bekenntnis (confessio) den Leviathan von innen aushöhlt, da sie den Grundstein für den individualistischen Rechtsstaat und die Gedankenfreiheit legt.
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- Selina Thal (Author), 2008, Rezeption des Thomas Hobbes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343914