Kosequenzen der Migration in Deutschland. Eine ökonomische Analyse


Bachelorarbeit, 2016

42 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ökonomische Folgen der Migration in Deutschland
2.1 Fiskalische Belastung durch Einwanderung in den Sozialstaat
2.2 Qualifikation und Ausbildungspotential der Zuwanderer
2.3 Arbeitsmarkteffekte durch Migration
2.4 Demografischer Wandel und Zuwanderung

3 Wirtschaftspolitische Implikationen

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Appendix

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Annahmen und Ergebnisse der fiskalischen Berechnungen

Tabelle 2: Wanderungswünsche im Vergleich

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

In den vergangenen 12 Monaten wurde Deutschland zu einem der wichtigsten Zielländer für Migranten und nahm dabei über eine Million Menschen auf, die vor Krieg und Ver- folgung aus ihren Heimatländern geflohen waren. Das bringt neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich. Es gibt viele Gründe zu der Annahme, dass der Migrationsdruck aufgrund der demographischen Entwicklung als langfristiges Phä- nomen bestehen bleiben wird (vgl. Klingholz und Sievert 2014, S. 4), weshalb sich Staat und Gesellschaft jetzt in allen Bereichen darauf einstellen müssen, ein Leitbild dafür zu entwickeln, wie mit der Situation umgegangen werden soll. Aus ökonomischer Perspek- tive besteht die Aufgabe eines demokratischen Staates darin, die zukünftigen wirtschaft- lichen Entwicklungen und Auswirkungen abschätzen zu können, um die Staatsbürger ent- scheiden zu lassen, wie viel sie bereit sind, von ihrem öffentlichen Vermögen und sozi- alstaatlichen Versicherungsschutz aufzugeben. Es ist ein Gebot der Humanität, diesen Menschen Schutz zu gewähren, wodurch sich eine moralische Notwendigkeit zur Unter- stützung für die Bundesrepublik ergibt.

Diese Prämisse bildet die normative Grundlage dieser Arbeit, auf der aufbauend die resultierenden ökonomischen Konsequenzen einer positiven Analyse unterzogen werden. Nach einem Überblick über die wissenschaftlichen Studien zu Berechnungen der fiskalischen Belastung der öffentlichen Haushalte durch die Zuwanderung in Deutschland, werden ausgehend von einer Darstellung des Qualifikationsniveaus der Migranten, die Folgen für Arbeitsmarkt und demographische Entwicklung analysiert und anschließend die wirtschaftspolitischen Implikationen kritisch diskutiert.

Bonin (2014) sowie Raffelhüschen und Moog (2016) benutzen für die Abschätzung fis- kalischer Effekte der Zuwanderer eine Generationenbilanzrechnung und führen somit eine intergenerationelle Analyse der Kosten unter Berücksichtigung intertemporaler Rest- riktionen wie dem Renten- und Gesundheitssystem durch. Raffelhüschen kommt auf 450 Milliarden Euro pro eine Millionen Einwanderer und Bonin auf 87 Milliarden Euro. Der Unterschied lässt sich vor allem dadurch erklären, dass Bonin mit den Einwanderungs- zahlen und der Struktur von 2012 bis 2014 rechnet, wohingegen Raffelhüschen die aktu- ellere Studie durchführt und somit eine höhere Einwanderung für die nächsten Jahre an- nimmt. Fratzscher und Junker (2015), Boysen-Hogrefe et al. (2015), Hentze und Schäfer (2016) sowie van Suntum und Schultewolter (2016) führen dagegen eine Analyse der kurzfristigen Kosten der nächsten Jahre durch. Fratzscher und Junker (2016) berücksich- tigen dabei als einzige Rückkopplungseffekte in Form von Nachfrage- und Produkti- onsimpulsen und kommen aus diesem Grund als einzige zu einer positiven Bilanz ab dem Jahr 2025. Van Suntum und Schultewolter (2016) führen in ihrer Kritik an dieser Studie eine alternative Rechnung durch, basierend auf den Annahmen von Fratzscher und Junker (2015) - allerdings mit einem anderen produktionstheoretischen Ansatz: Sie errechnen ein Defizit von 16,3 Milliarden Euro. Boysen-Hogrefe et al. (2015) kommen in ihrer Stu- die auf Kosten von 208 Milliarden Euro für 4,5 Millionen Flüchtlinge bis zum Jahr 2022, wobei sie von einer relativ schnellen Arbeitsmarktintegration und einer Schutzquote der Asylbewerbenden von nur 50 Prozent ausgehen. Hentze und Schäfer (2016) rechnen hin- gegen mit 2,4 Millionen Flüchtlingen, einer Schutzquote von 80 Prozent und einer relativ langsamen Arbeitsmarktintegration und ermitteln somit Kosten von 56 Milliarden Euro bis zum Jahr 2017. Über den aktuellen Wissensstand des Bildungs- und Qualifikations- niveaus der Migranten existiert aufgrund der mangelnden Datenlage bis jetzt keine voll- ständig gesicherte Erkenntnis, aber eine Vielzahl von Studien und Indikatoren, woraus sich ein einheitliches Bild abzeichnen lässt. Wößmann und Hanushek (2015a) haben die PISA- und TIMSS-Ergebnisse einiger Herkunftsländer vergleichen und herausgefunden, dass ungefähr zwei Drittel der Flüchtlinge aus Syrien und Albanien funktionale Analpha- beten sind und die Kompetenzen der 15-Jährigen vier bis fünf Jahre hinter denen der deutschen Jugendlichen liegen. Umfragen des Bundesamtes für Migration und Flücht- linge und der türkischen Behörde für Katastrophen- und Notfallmanagement deuten auf ähnliche Ergebnisse. Erschwert wird das Ganze dadurch, dass die Bildungsabschlüsse laut Rindermann (2015) wenig über die Qualifikationen aussagen, wodurch Signalisie- rungsprobleme entstehen können (vgl. Spence 1973). Des Weiteren funktioniert die In- tegration in das Bildungssystem laut Rindermann und Thompson (2016) in den Nieder- landen besser als in Deutschland, was erkennen lässt, dass das Bildungssystems verbes- serbar ist, wenn auch nur sehr langsam (vgl. Hanushek und Wößmann (2015b). Dabei geht es vor allem um die Effizienz und nicht um einen Mangel an Ausgaben (vgl. OECD 2013).

Die empirische Literatur über die Auswirkungen von Einwanderung auf den Arbeitsmarkt liefert ambivalente Ergebnisse. So ergeben sich nach einem Großteil der Studien keine eindeutigen negativen Effekte auf Beschäftigung und Lohnniveau der deutschen Bevöl- kerung (vgl. Pischke und Velling 1997, Bonin 2005 sowie Brücker und Jahn 2011). Unter der Berücksichtigung der Effekte zweiter (vgl. Ordnung Aydemir und Kirdar 2013) und einer Studie über die Auswirkung syrischer Flüchtlinge auf den türkischen Arbeitsmarkt ergaben sich negative Auswirkungen auf die Beschäftigungsquote (vgl. Ceritoglu et al. 2015). Aufgrund der vorläufigen Erhebung der Qualifikationsstruktur und einer vom ifo Institut durchgeführten Umfrage unter Arbeitgebern (vgl. Battisti et al. 2015) besteht die Gefahr, dass der Anteil der geringqualifizierten Flüchtlinge deutlich die Nachfrage übersteigt, zumal schon der Großteil der in Deutschland lebenden Arbeitslosen geringqualifiziert ist. Der Mindestlohn und das Arbeitsverbot für Asylbewerbende verschärfen dieses Problem und behindern die Arbeitsmarktintegration (vgl. Kooths und Groll 2016). Die digitale Revolution bringt zudem neue Herausforderungen für den Arbeitsmarkt, da in Zukunft ein wesentlicher Teil mittel und geringqualifizierter Arbeit durch Maschinen ersetzt werden kann (vgl. Frey und Osborne 2013).

Vorausgesetzt, die Arbeitsmarktintegration funktioniert, würde dies zwar zur Linderung aber keineswegs zur Lösung des demographischen Wandels beitragen. Auch das umlage- finanzierte Rentensystem wird wenig entlastet. Selbst wenn die fehlenden 8,5 Millionen Arbeitskräfte bis 2050 durch Zuwanderung ersetzt würden, gäbe es trotzdem deutlich mehr Rentner zu versorgen (vgl. Sinn 2013). Mithilfe der Umfrageergebnisse des Mei- nungsforschungsinstituts Gallup und der aktuellen demographischen Daten der Vereinten Nationen wird das Migrationspotential aufgrund von Wanderungswünschen illustriert. Da keine abnehmende Tendenz zu erkennen ist, sollte ab sofort in die Integration inves- tiert werden, vor allem in die frühkindliche Bildung, da dort die größte Wirkung erzielt werden kann. Ferner sollte vor allem die Effektivität der Integrationsmaßnahmen über- prüft werden; Forschung und Entwicklung möglichst effizienter Programme erfordern Investitionen.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 werden die ökonomischen Folgen der Zuwanderung diskutiert. Dafür gibt Kapitel 2.1 einen Überblick über die fiskalischen Kosten der Migration. Um die Wichtigkeit der Annahmen nachvollziehbar zu machen, gibt Kapital 2.2 einen Überblick über die Qualifikation der Zuwanderer, welche die wich- tigste Voraussetzung für die Arbeitsmarkteffekte in Kapital 2.3 sind. Anschließend wird in Kapital 2.3 die Auswirkung der Zuwanderung auf den demographischen Wandel und das Rentensystem analysiert um in Kapitel 3 die wirtschaftspolitischen Implikationen der Zuwanderung kritisch zu diskutieren. Das letzte Kapitel fasst die Arbeit zusammen.

2 Ökonomische Folgen der Migration in Deutschland

2.1 Fiskalische Belastung durch Einwanderung in den Sozialstaat

Zunächst sei die Frage zu beantworten, warum a priori von einer Belastung durch Ein- wanderung in den Sozialstaat gesprochen wird, um dann einen Überblick über dessen Ausmaß zu verschaffen. Im Grundgesetz ist festgelegt, dass die Bundesrepublik Deutsch- land „ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist (Artikel 20 Grundgesetz), wodurch sich die Notwendigkeit einer staatlichen Allokation in dem Sinne ergibt, dass per Saldo von den überdurchschnittlich Verdienenden (Nettozahler) zu den unterdurch- schnittlich Verdienenden (Nettoempfänger) Ressourcen umverteilt werden. Per definiti- onem profitieren im Durchschnitt also unterdurchschnittlich Verdiende von dem Sozial- staat, wobei überdurchschnittlich Verdienende mehr an Steuern zahlen, als sie an öffent- lichen Gütern und Ressourcen zurückbekommen. Da Migranten unterdurchschnittlich verdienen und daher auch unterdurchschnittlich an der Finanzierung aller öffentlichen Güter und staatlichen Leistungen beteiligt sind, die sie allerdings überproportional in Anspruch nehmen, ergibt sich somit eine Belastung für den Sozialstaat (vgl. Sinn 2016, S. 3).

Es handelt sich hierbei nicht um ein moralisches Urteil, sondern um eine logische Schlussfolgerung, die sich aus der systemischen Zusammensetzung eines Sozialstaats ergibt. Zu diesen Leistungen gehören Geld- und Sachtransfers, Wohnungen, gesundheit- liche Versorgung, sowie öffentliche Einrichtungen und staatliche Infrastruktur. Belegt wird diese Aussage durch eine Studie von Battisti und Felbermayr (2015), die durch ihre Auswertung des sozioökonomischen Panels (SOEP Version 30) herausfanden, dass der Median des Bruttostundenlohns im Jahr 2013 unter Einheimischen bei ungefähr 15,12 Euro und somit ungefähr 40 Prozent höher als die 9,04 Euro bei Migranten aus nicht westlichen Staaten (alle außer: EU-Staaten, die EFTA-Staaten, Israel, USA, Kanada, Neuseeland, Australien, Japan, Taiwan, Korea und Singapur), (vgl. Battisti und Felber- mayr 2015, S. 39ff). Die Betrachtung der Daten von nicht westlichen Migranten soll aus- folgendem Grund gerechtfertigt sein: Im Jahr 2015 kamen knapp 1,1 Millionen re- gistrierte Asylsuchende laut der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge betriebe- nen System ESAY nach Deutschland (vgl. Bundesministerium des Inneren 2016) und im ersten Quartal des Jahres 2016 knapp 200.000 (vgl. Bundesamt für Migration und Flücht- linge 2016). Von den Asylsuchenden wiederum kommen keine aus westlichen Staaten. Bezieht man außerdem noch den Anteil derer, die überhaupt arbeiten mit ein, liefert die selbe Studie das Ergebnis, dass die Arbeitslosenquote bei Einheimischen bei 5,49 Prozent und bei nicht westlichen Migranten bei 13,02 Prozent liegt (vgl. Battisti und Felbermayr 2015, S. 44). Daraus ergibt sich wiederum, dass mehr Sozialleistungen gezahlt und we- niger Steuern eingezahlt werden, was zu einem Verlust für die einheimische Bevölkerung führt.

Die weitaus schwierigere Aufgabe ist nun, das fiskalische Defizit zu quantifizieren bezie- hungsweise seriös zu beschreiben. Holger Bonin versucht in seiner 2014 veröffentlichten Studie versucht unter anderem diese Frage zu beantworten. Dabei verwendet er die Daten des sozioökonomischen Panels aus dem Jahr 2012 und benutzt diese, um eine Generatio- nenbilanzrechnung durchzuführen. Hierbei betrachtet er die im Jahr 2012 rund 6,6 Milli- onen lebenden Ausländer in Deutschland, wobei er diejenigen als Ausländer definiert, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Somit schließt er Personen mit Migrations- hintergrund aus methodologischen Schwierigkeiten aus seiner Studie aus. Des Weiteren unterstellt er, dass die zukünftigen Zuwanderer dem Profil der schon vorhandenen Zu- wanderer entsprechen. Seine Berechnungen führt er mit den Annahmen durch, dass sich die Kinder der Migranten „…zu 70 Prozent fiskalisch so verhalten wie im gleichen Jahr geborene Deutsche, und zu 30 Prozent wie die Eltern“ (Bonin 2014, S. 14). Bonin stellt in seiner Studie die insgesamt gezahlten Steuern und Beiträge den gezahlten Transferleis- tungen gemäß ihrem Anteil an den allgemeinen Staatsausgaben gegenüber und kommt zu dem Ergebnis, dass jeder Ausländer pro Kopf ein impliziertes Finanzierungsdefizit von 79.100 Euro aufweist (vgl. Bonin 2014, S. 56). Für die 1,1 Millionen Einwanderer im Jahr 2015 wären dies einmalige Kosten von knapp 87 Milliarden Euro. Dies ist jedoch ein optimistisches Szenario, da Flüchtlinge im Schnitt deutliche geringere Löhne haben Arbeitsmigranten. Zudem wird nicht berücksichtigt, dass der Teil der Asylsuchenden nicht direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen darf. Frühestens und nur mit Erlaubnis der Bundesagentur für Arbeit darf ein anerkannter Asylbewerber nach drei Monaten eine Be- schäftigung ausüben (§ 61 Absatz 2 Asylgesetz). Jedoch dauert das Gesamtverfahren zur Anerkennung des Asylstatus mit durchschnittlich 12,1 Monaten im Jahr 2012 deutlich länger (BAMF 2015, S. 42).

Bernd Raffelhüschen und Stefan Moog, die ebenso die Methode der Generationenbilanz- rechnung anwenden, kommen hingegen auf ein Minimum von 450 Milliarden Euro pro eine Millionen Zuwanderer (vgl. Raffelhüschen und Moog 2016, S. 24).1 Die unterschied- lichen Ergebnisse sind unter anderem auf die unterschiedlichen Annahmen der Berech- nungen zurückzuführen. So betrachtet Bonin wie auch Raffelhüschen die mittel- und langfristigen Kosten der Migration und nicht die einmaligen und kurzfristigen Kosten der Unterbringung oder Sprachkurse. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamt- wirtschaftlichen Entwicklung schätzt diese auf 10 Milliarden Euro (vgl. SVR 2015, S. 17). Dabei verwenden weder Raffelhüschen und Moog (2016) noch Bonin (2014) bei ihren Berechnungen Rückkopplungseffekte auf zukünftige Wachstumsraten im Gegen- satz zu Fratzscher und Junker (2015), auf die später noch einzugehen sein wird. Raffel- hüschen definiert seine Generationenbilanzrechnung folgendermaßen: „…alle zukünfti- gen Zahlungen der heute lebenden Generationen an den Staat mit allen zukünftigen Leis- tungen, die sie vom Staat erhalten, saldiert, um so die Nettosteuerlasten dieser Generati- onen bestimmen zu können.“ (Raffelhüschen und Moog 2016, S. 24).

Damit alle relevanten zukünftigen Zahlungen adäquat berücksichtigt werden, werden alle Nettozahlungen der Zuwanderer über den gesamten Lebenszyklus mit dem Barwert be- rechnet. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, dass auch die impliziten Kosten, jene Kosten also, welche keine direkten Ausgaben verursachen, aber zukünftig durch Systeme wie eine umlagefinanzierte Sozialversicherung oder Transfersysteme entstehen können, mitberücksichtigt werden. Als nachhaltig kann eine Fiskalpolitik dann bezeichnet wer- den, wenn „…the government’s intertemporal budget constraint…must be sufficient to pay for the present value of government’s current and future consumption.“ (Auerbach et al. 1991, S. 3). Raffelhüschen geht bei seiner Berechnung von der konservativen An- nahme aus, dass die Anzahl der Einwanderer bis zum Jahr 2019 stark linear abnimmt und kumuliert zwei Millionen beträgt, um dann bei 150.000 Nettoeinwanderern pro Jahr kon- stant zu verbleiben. Dabei werden die Fertilitäts- und Mortalitätsannahmen der 13. koor- dinierten Bevölkerungsvorausrechnung entnommen (vgl. Statistisches Bundesamt 2015). Ebenso wie Bonin nehmen Raffelhüschen und Moog als Grundlage für die „Qualifikati- onsdivergenz“ (Raffelhüschen und Moog 2016, S. 27) die Daten des Sozioökonomischen Panels, um die nationalspezifischen Nettozahlungsprofile explizit zu berücksichtigen. Des Weiteren geht er davon aus, dass die Zuwanderer ungefähr sechs Jahre brauchen, um etwa zwei Drittel des Qualifikationsniveaus der bereits in Deutschland lebenden Auslän- der zu erreichen. Dabei bezieht er sich auf die Studie von Brücker (2015), aus welcher außerdem hervorgeht, dass Flüchtlinge für dafür knapp 15 Jahre brauchen (Brücker 2015, S. 10). Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine optimistische Einschätzung. Liebig kommt in seiner Studie für die OECD zu dem Ergebnis, dass es ungefähr 13 Jahre dauert, bis Einwanderer die gleiche Erwerbsquote wie Einheimische erreichen. (Liebig 2007, S. 36). Hier ist zu bemerken, dass Raffelhüschen die Effekte von zwei Millionen Menschen berechnet, die sich so schnell integrieren wie der durchschnittliche Einwanderer, obwohl der Großteil der 2015 nach Deutschland gekommenen Einwanderer Flüchtlinge sind, wo- bei diese, wie bereits angemerkt, deutlich länger benötigen. Im Gegensatz zu Bonin gehen Raffelhüschen und Moog von der Annahme aus, dass sich die zweite Generation der Einwanderer direkt vollständig integriert. Auch hier sprechen diverse Gründe für eine optimistische Annahme (siehe Abschnitt 2.2). Raffelhüschen und Moog kommen insgesamt zu dem Ergebnis, dass die zwei Millionen Zuwanderer bis 2019 ungefähr 900 Milliarden Euro oder 31,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes kosten, wodurch sich notwendige Abgabenerhöhungen von 15,4 Prozent ergeben.

Marcel Fratzscher und Simon Junker kritisieren den Ansatz bei der ökonomischen Ana- lyse, nur die fiskalische Dividende zu berücksichtigen, und merken an, dass es nicht die Aufgabe des Staates sei, die Steuereinnahmen zu maximieren, sondern den Wohlstand und die Lebensqualität der Bürger (vgl. Fratzscher und Junker 2016, S. 7). Darüber hinaus sollten nach Fratzscher und Junker Rückkopplungseffekte berücksichtigt werden, da eine Person einen positiven gesamtwirtschaftlichen Beitrag leisten könne, obwohl sie Netto- empfänger sei. Diese trage mit ihrer Produktionsleistung und ihren Nachfrageimpulsen ebenfalls zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Ebenso kritisieren Fratzscher und Junker, dass die Ausgaben für Flüchtlinge möglichst geringgehalten werden sollen, obwohl der gesamtgesellschaftliche Nutzen am größten wäre, wenn man gerade viel in die Integration und somit auch in die Bildung investieren würde: „Vielmehr sind die Aus- gaben für Flüchtlinge nicht als Kosten, sondern als Investitionen zu begreifen.“ (Fratz- scher und Junker 2016, S. 8). Auch wenn dies eine a priori intuitiv logische Schlussfol- gerung ist, lässt sich aus Investitionen und Bildungserfolgen nicht immer ein einwand- freier kausaler Effekt erkennen (siehe Abschnitt 2.2). Die Berechnungen von Fratzscher und Junker gehen dabei von deutlich höheren Zuwanderungszahlen aus. Für das Jahr 2015 und 2016 gehen sie von 1,5 Millionen aus, für das Jahr 2017 von 750.000 und für die Jahre 2018 bis 2020 von 500.000 Flüchtlingen. Danach wird angenommen, dass keine weiteren Flüchtlinge kommen (vgl. Fratzscher und Junker 2015, S. 1083).2 Außerdem gehen sie von einer Schutzquote von 40 Prozent aus, wobei die nicht geduldeten Flücht- linge Deutschland sukzessive verlassen. Nach fünf Jahren leben noch ein Viertel und nach zehn Jahren nur noch ein Achtel der Flüchtlinge ohne Aufenthaltstitel in Deutschland. Des Weiteren gehen sie davon aus, dass 70 Prozent der Flüchtlinge im Erwerbstätigenal- ter sind und die Partizipationsrate 75 Prozent beträgt. Im Gegensatz zu Bonin und Raffel- hüschen und Moog gehen Fratzscher und Junker nicht von einem allgemeinen Qualifika- tionsniveau, sondern von der Arbeitsproduktivität der Flüchtlinge aus, welche nach elf Jahren ungefähr zwei Drittel von jener einheimischen Bevölkerung entspricht (vgl. Fratz- scher und Junker 2015, S. 1084). Ferner berechnen sie die kurzfristigen Kosten der Un- terbringung und Versorgung, die von Raffelhüschen und Moog außen vorgelassen wur- den, mit 12.000 Euro pro Kopf pro Jahr. Dazu werden noch die 7200 Euro pro Jahr an Sozialtransfers für Arbeitslose addiert. Für geduldete Asylbewerber, deren Antrag jedoch abgelehnt wurde, werden Kosten von 5400 Euro pro Kopf pro Jahr berechnet. Allerdings ziehen sie wieder im Gegensatz zu Raffelhüschen und Moog die positiven Rückkopp- lungseffekte in Form von Nachfrageimpulsen und erhöhter Produktion von ihrer Rech- nung ab und nehmen dabei einen Multiplikator von 0,4 an. Somit kommen Fratzscher und Junker zu dem Ergebnis, dass für Flüchtlinge zwar kurzfristig einige Kosten anfallen, aber diese nach wenigen Jahren einen positiven Ertrag für Deutschland darstellen. Der Break-Even-Punkt würde im Jahr 2025 erreicht werden (vgl. Fratzscher und Junker 2015, S. 1086).

Nach der Veröffentlichung dieser Studie verfassten van Suntum und Schultewolter (2016) eine Kritik und stellten eine Alternativberechnung mit ähnlichen Annahmen auf. Der größte Kritikpunkt und wesentliche Unterschied zwischen den beiden Berechnungen liegt darin, dass Fratzscher und Junker die positiven Nachfrage- und Angebotseffekte addieren, was vor allem bei hoher Kapazitätsauslastung wenig Sinn ergibt, da „… zumindest ein Teil des Nachfragezuwachseses der Flüchtlinge nur das widerspiegelt, was auf der An- gebotsseite bereits erfasst wurde.“ (van Suntum und Schultewolter 2016, S. 33). Van Suntum und Schultewolter gehen von 3,344 Millionen Flüchtlingen bis zum Jahr 2025 aus, von denen bis dahin nur 31 Prozent in den Arbeitsmarkt integriert sein werden und deren Produktivität aus zwei Drittel der Produktivität der Einheimischen besteht. Neben methodologisch anderen Vorgehensweisen bei der Berechnung der Produktionseffekte durch eine Cobb-Douglas Produktionsfunktion und nicht nach dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung (vgl. van Suntum und Schultewolter 2016, S. 32) addieren sie noch die Gesundheitskosten dazu. Obwohl bei der Schutzquote, Partizipati- onsrate und Bevölkerung im Erwerbsalter noch positivere Annahmen getroffen werden als in der oben angeführten Rechnung von Fratzscher und Junker, kommen van Suntum und Schultewolter nicht zu einem langfristigen Gewinn durch die Flüchtlingsmigration, sondern zu einem Verlust von 16,4 Milliarden für die öffentlichen Haushalte (vgl. van Suntum und Schultewolter 2016, S. 37).

Eine weitere Studie zur Belastung der öffentlichen Haushalte durch die Flüchtlingsmig- ration wurde vom Kieler Institut für Weltwirtschaft herausgegeben. So kommen die Au- toren zu dem Ergebnis, dass die Belastung bis zum Jahr 2022 ungefähr 26 Milliarden Euro pro Jahr beträgt. (vgl. Boysen-Hogrefe et al. 2015, S. 11). Dabei wurde angenom- men3, dass in den Jahren 2016 bis 2022 zu der einen Millionen im Jahr 2015 noch 3,5 Million Flüchtlinge hinzukommen. Gerechnet wird mit einer Schutzquote von 50 Prozent und von einer Rückkehr von 30 Prozent der nicht geduldeten innerhalb von drei Jahren. Hinzu kommt die vergleichsweise optimistische Annahme, dass nach zwei Jahren noch 68 Prozent und nach zehn Jahren bereits 82,5 Prozent der Flüchtlinge mit Schutzstatus nicht mehr von staatlicher Unterstützung abhängig sind. Die übrig gebliebenen 20 Prozent erhalten einen geduldeten Status und können sich nur langsam in den Arbeitsmarkt integ- rieren. Von ihnen sind auch nach 10 Jahren noch 50 Prozent von staatlichen Leistungen abhängig. Weiterhin wird mit jährlichen Ausgaben von 13.000 Euro pro Flüchtling ge- rechnet, die auch kurzfristige Kosten, beispielweise der Unterbringung beinhalten. Boy- sen-Hogrefe et al. gehen im Gegensatz zu Fratzscher und Junker davon aus, dass die fis- kalischen Auswirkungen aufgrund der staatlichen Mehrausgaben kaum Wirkung zeigen werden, da die Kapazitäten in den meisten Wirtschaftsbereichen bereits ausgelastet sind. Längerfristig wird von der Annahme ausgegangen, dass zusätzliche Ausgaben durch die Einschränkung der Schuldenbremse durch Steuern finanziert werden und es folglich kei- nen fiskalischen Impuls geben wird (vgl. Boysen-Hogrefe et al. 2015, S. 12).

Das Institut der Deutschen Wirtschaft kommt in seinen Analysen zu dem Ergebnis, dass die Flüchtlingsmigration bis einschließlich 2017 insgesamt 56 Milliarden Euro kosten wird (vgl. Hentze und Schäfer 2016, S. 2). Dabei gehen die Autoren ähnlich wie Boysen- Hogrefe et al. (2015) vor und berechnen hauptsächlich die kurzfristigen Kosten für die Unterbringung, Integration und Transferzahlungen. Sie abstrahieren ebenso von Rück- kopplungseffekten und schätzen die Anzahl der Flüchtlinge inklusive Familiennachzug auf 2,4 Millionen bis zum Jahr 2017. Im Gegensatz zu den anderen Instituten gehen sie von einer pessimistischen Arbeitsmarktintegration aus und treffen die Annahme, dass im Jahr 2017 maximal 40 Prozent der Erwerbspersonen einen Arbeitsplatz finden werden, und zwar unter der Berücksichtigung, dass es 12 Monate dauert, bis eine Arbeitserlaubnis für anerkannte Geflüchtete erteilt wird. Die staatlichen Transferleistungen werden eben- falls mit 12.000 Euro pro Person angesetzt. Im Gegensatz zu Raffelhüschen und Bonin handelt es sich ebenso wie bei Fratzscher, Boysen-Hogrefe und van Suntum nicht um eine Generationenbilanzrechnung, sondern lediglich um eine Kalkulation der unmittelbaren kurzfristigen Kosten.

Für einen systematischen Vergleich und zum Verständnis der unterschiedlichen Ergeb- nisse werden die Annahmen in Tabelle 1 zusammengefasst und gegenüberstellt. Insge- samt gibt es zwei wesentliche Einflussfaktoren auf die fiskalische Bilanz von Zuwande- rern: Zum einen die Gestaltung des Sozialstaates, da ein Land mit einem stark entwickel- ten Sozialstaat überdurchschnittlich von gut qualifizierten Einwanderern profitiert und ein Land mit schwachem Sozialstaat weniger von schlecht qualifizierten Einwanderern belastet wird (vgl. Fuest 2016, S. 13). Zum anderen sind die Qualifikation und das Alter der Zuwanderer ein ausschlaggebender Faktor für die fiskalische Bilanz, weshalb die bil- dungsökonomischen und demographischen Faktoren für die Migration in Deutschland in den nächsten Kapiteln analysiert werden.

[...]


1 Um eine bestmögliche Vergleichbarkeit herzustellen wird das Szenario „Flüchtlingswelle“ erläutert.

2 Auch Fratzscher und Junker gehen von unterschiedlichen Szenarien aus, wobei in dieser Arbeit ein Vergleich mit den pessimistischen Annahmen gezogen wird.

3 Hier werden die Annahmen des Basisszenarios betrachtet.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Kosequenzen der Migration in Deutschland. Eine ökonomische Analyse
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Empirische Wirtschaftsforschung und Internationale Wirtschaftspolitik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
42
Katalognummer
V344327
ISBN (eBook)
9783668340701
ISBN (Buch)
9783668340718
Dateigröße
933 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Integration, Konsequenzen, demografische Entwicklung, wirtschaftliche Entwicklung
Arbeit zitieren
Tobias Kohlstruck (Autor), 2016, Kosequenzen der Migration in Deutschland. Eine ökonomische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344327

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